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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rapunzelchen mit dem dick verschwollenen Gesicht und dem dicken Zahnbund um die dicken Backen weinte dem Zug, der das Kasino mitsamt den musikalischen Vereinen nach dem 186 Trifels entführte, bitterlich nach. So lange es das Rollen der Räder hörte, stürzten die Tränen unaufhörlich herab, einem Gießbach gleich. Auch als das leiseste Geräusch verstummt war, wollten sie nicht versiegen, immer wieder quollen dicke, große Tropfen heraus, liefen über die Wange oder an der Nase zusammen, wo sie das Rapunzelchen mit der Hand abwischte, ganz nach Kinderart. Ungerührt saß die Mama am Tisch und schrieb; wenn sie inspiriert war, störte sie gar nichts; die Feder flog. Es brachte sie auch gar nicht aus der Fassung, dazwischen mit andern zu reden, die Feder ging von selbst weiter, ja, sie rühmte sich dessen, daß sie stets noch allerlei nebenbei und zugleich erledigen konnte, ganz nach großen »historischen« Beispielen. Gerade hatte sie dem Rapunzelchen auseinandergesetzt, wie töricht es sei, wegen der geschwollenen Backe zu weinen, da es ja auch ohne geschwollene Backe »nit mit uff de Trifels« gedurft hätte. Wie wenn das ein Grund wäre, sofort die Tränenschleusen zu schließen! Auch nicht der Schmerzen halber, denn die waren vorbei, nachdem man ihr Feigen in Milch gekocht innen aufgelegt hatte, die sie sämtlich unter Jammern nach und nach zerbissen und verschluckt hatte. Da sollte man nicht weinen, wenn alles an diesem schönen Sonntag ausflog, während man zu Hause in der muffigen Stube bleiben mußte! Der Papa hatte sich längst ins Kerne Gärtche hinübergeschlichen, die Großmutter ihr altmodisches Sonneschirmche genommen, um auf eigene Faust hinauszuspazieren und auf dem Wörth draußen den Stand des von Armhartschen Grundbesitzes zu begutachten. Der Major blieb niemals zu Hause am Sonntag, er war vorhin mit seinem Gewehr weggegangen, also wohl mit dem Auditor auf die Jagd . . . es war totenstill im Haus, und Rapunzel kam immer tiefer ins Weinen hinein. Sie liebte ja, und liebte unglücklich, hätte sie da nicht weinen sollen? Zwar trug sie noch keine ganz langen Kleider, aber sie war schon eine 187 Dame, denn sie hatte zwei Verehrer, und sie liebte Holischka, und Holischka war für immer für sie verloren!

»Holischka ist ein ausgemachter Esel,« hatte Röder sich vor kurzem geäußert, doch die Mama hatte ihn sogleich niedergeduckt: »Mag sein, aber er hat sich nobel benommen!«

Wenn sie ihm das nur sagen könnte! Schreiben vielleicht? Da konnte man noch allerlei sonst mit einfließen lassen . . . Das war ein Gedanke! Nur schwer war so etwas, man mußte sich besinnen, mußte überlegen . . . Schreiben, nein, schreiben war nie ihre stärkste Seite gewesen, noch heute trugen alle Schriftstücke von der Hand der jungen Dame Tintenflecken und orthographische Fehler. Dann ging es bei ihr auch nicht so schnell wie bei Mama mit Unkebunk. Da rasselte die Feder nur so, und wenn sie nicht mehr rasseln wollte, wahrscheinlich, weil ihr zu viel zugemutet worden war, strich sie die Mama ärgerlich an den Haaren ab – man konnte deutlich die schwarzen Streifen im Haare sehen – um mit ungeschwächtem Eifer wieder fortzufahren.

Das schadete auch nicht, wenn man im Schreiben unbeholfen war. Es war ein Erbteil von Papa, der von jeher Furcht vor allem Schriftlichen gehabt hatte. Dies sei die Eigenschaft aller guten und verwegenen Haudegen vom Altertum bis heute, behauptete er, und es sei jammerschade, daß er in den Feldzügen Sechsundsechzig und Siebzig nicht gehörig ins Vordertreffen gekommen wäre. Er hätte die Welt in Erstaunen gesetzt, man habe aber nie Gelegenheit gehabt, seine heroischen Eigenschaften zu beweisen und habe elend verkrüppeln müssen.

»Sonst! Oh!« . . . Dabei hatte er die Gewohnheit, mit einem imaginären Säbel herumzufuchteln und die Augen zu rollen. Das geschah gewöhnlich an Abenden, wo er vom »Kern driwwe« heimkam. Die Kinder hatten ihm zuerst immer mit leidenschaftlicher Hingabe gelauscht, und Jutta und Rapunzelchen, die 188 Phantasievolleren, hatten den Vater mit hocherhobenem Säbel wie Blücher seinen Scharen vorausstürzen sehen, sprühenden Auges und in Begeisterungsflammen . . . ein Held für »Unkebunk«. Später mischte sich Verlegenheit hinein, weil es immer dasselbe blieb, und als der Vater gar einmal kläglich zu weinen anfing über sein verkrüppeltes Heldentum . . . »Huhu – huhu« . . . wie er vor kurzem an Hertwigs Schulter am Verlobungsabend geschluchzt hatte, erkannten sie allmählich die Quelle seines Heldentums und gingen ihm lieber aus dem Weg, wenn er zu fuchteln und heroisch zu reden begann; die Mutter, Binchen Möller, die Starke, besorgte dann schon das weitere.

Zu dem Schriftlichen kam es vorderhand nicht, Rapunzelchen verschob es auf bessere Zeiten, oder nahm sich vor, Eva schön zu bitten. Sie war zwar nicht immer eine liebe Schwester, da sie aber zu Hause hatte bleiben müssen, und Eva vielleicht alles mögliche Schöne erlebte, war sie gewiß geneigt. Bei dem Gedanken an Evas Erlebnisse mußte Rapunzel wieder laut schniepsen, worauf die Mama fast ganz im Rhythmus ihres gegenwärtigen Schwunges ärgerlich rief:

»Schaffe dich doch aus der Stube, wer mag das Geschniepse denn hören!«

»Aber Mama, dich stört doch sonst nichts,« widersetzte sich Rapunzelchen.

»Herrgott, ich bin aber gerade an Eppes« . . .

Was dies »Eppes« war, ging im Rascheln der Feder unter. Der Ton hatte so ähnlich geklungen wie an den Abenden, da man den Majoratsherrn von Unkebunk vom Kern holen mußte, und Rapunzelchen überlegte nicht lange, sondern verzog sich. Es war überall unterhaltender als da drinnen, wo Unkebunk fabriziert wurde! Lieber sah es nach, ob der Major seinen Schlüssel dagelassen hatte; es gab immer etwas in des Majors Zimmer, was einer jungen Dame unbekannt war, und wonach sie streben 189 mußte, es zu erfahren. Rapunzelchen war noch nicht oft im Zimmer des Majors allein gewesen, gewöhnlich zog er auch den Schlüssel ab, wenn er länger ausblieb; aber heute, o Wunder, steckte er, nicht einmal umgedreht hatte er ihn! Rapunzelchen streckte das Zünglein schadenfroh heraus und trat ziemlich vergnügt in das große, von der Sonne durchwärmte Zimmer. Das war schon netter als das Hocken in der stickigen Stube, deren Fenster nach dem Hof mit der Melonenzucht gingen!

Rapunzelchen fand sich auf einmal angeregt, nun in der Einsamkeit ein bißchen zu schauspielern, um sich die Zeit zu vertreiben. Es trat ein, machte eine zierliche Verbeugung, halb Damenkompliment, halb Kinderknix, und begrüßte sich laut mit Major Vierling:

»Platz nehmen? Oh danke, Herr Major! Hier auf dem großen Sessel? Da reichen meine Beine ja nicht auf den Boden! Aber es sitzt sich köstlich hier! Nicht in die Waden kneifen, ich erlaube es nicht mehr, ich bin jetzt erwachsen, wissen Sie! Höchstens, wenn sie mir in aller Form einen Heiratsantrag machen, da ist dann alles erlaubt, alles, wie mir scheint, nicht wahr? . . . Ja? . . . Ganz klar bin ich mir über verschiedenes zwar noch nicht, aber das würde sich wohl finden, glauben Sie nicht auch, Herr Major, wenn wir verheiratet sind? Meine Mama hat mich nur sehr mangelhaft aufgeklärt, sie hat zu viel mit ›Unkebunk‹ zu tun; ob mein Papa selbst alles weiß, bezweifle ich, und meine Schwestern wissen alles wohl ganz genau, behandeln mich aber noch viel zu viel als Kind. Ich ahne ja manches, aber sie brechen immer da ab, wo es am interessantesten für mich wäre. Man hat ja auch Bücher, und ich meine, gerade Sie haben welche.« Sie war sehr stolz auf das »welche«. Immer eifriger kam sie in ihr halb kindisches, halb ernsthaftes Spiel hinein, drehte kokett den Kopf nach rechts und links, gestikulierte mit beiden Händen, die Handflächen nach außen, die Finger 190 zierlich gebogen. Ganz laut sprach die kleine Eifrige, und wäre jemand unten vorbeigegangen, er hätte glauben müssen, Major Vierling habe Damenbesuch. Sie lächelte und lachte und war in ihrer Liebenswürdigkeit gar possierlich anzusehen mit dem verschwollenen und verweinten Kindergesicht, um das sich das dicke, gelbkarrierte Tuch schlang.

»Also, Herr Major erlauben? Ein wenig orientiert muß die Braut doch sein, darin stimmen wir überein, es scheint mir auch entgegenkommender gegen den zukünftigen Gatten, und auf Mama will ich mich nun einmal nicht verlassen. Also bitte, Ihre Hand!« Und mit einem kühnen Sprung, die linke Hand erhoben, an der sie der imaginäre Major Vierling hielt, stand Rapunzelchen auf dem Boden und tänzelte auch gleich zu dem großen Bücherschrank hin, nicht ohne einige schalkhafte Blicke aus ihrem Zahnbund heraus nach dem Schreibtisch zurückzuwerfen, wo Major Vierling nun sitzen und ihr nachsehen mußte.

Das rechte Buch geriet Rapunzelchen allerdings nicht gleich in die Hände. Es zog einen großen, illustrierten Prachtband heraus, der es schon einmal gelockt hatte; damals aber war der Major in Person erschienen, und Rapunzelchen hatte das verfängliche Buch sehr schnell wieder an seine Stelle zurückgleiten lassen und hatte eifrig mit dem Staubtuch weiterhantiert, wie man ihm geheißen. Heute war nun alles für Rapunzelchen offen.

»Sie erlauben doch, daß ich hier Einsicht nehme, Herr Major? Da wir uns doch heiraten werden, ist es ganz gleich, was ich zuerst in die Hand bekomme, und schaden kann es ja nichts.«

Dabei lächelte Rapunzelchen ein merkwürdiges, altes Lächeln, das wie ein Greinen herauskam, hockte sich auf den Teppich und schlug, noch immer unter greinendem Lächeln, den schweren Band auf, ihn auf den Knien haltend. Kaum hatte es ein paar der Bilder angesehen, als es sachte das große Buch zu Boden legte und sich auf den Zehenspitzen zur Tür schlich, dort leise 191 den Riegel vorschiebend. Und das kindische Spiel, der Major, die Heirat, die »Aufklärung«, ja selbst der Ausflug und Holischka waren vergessen, und nur das Rapunzelchen blieb, das am Boden hockte, vor Erregung den Mund offen hielt und Bild um Bild verschlang. Was es da auch alles sah! Es war unglaublich! Wenn es nur auch alles verstanden hätte! Da halfen keine weit herausgedrehten Augen, kein lüsternes Zünglein, das schnell wie eine verscheuchte Spinne die Lippen ab und auf lief; das Herz klopfte dem kleinen Geschöpf bis an den Hals vor Begierde. Daß da manchmal etwas Unverständliches vor sich ging in diesen Buche, in dem die Menschen mit so wenig Toilette auskamen, war dem Rapunzelchen klar, aber was half alles Gucken, wenn man nicht dahinter kam! Man saß da mit brausenden Pulsen und pochenden Schläfen, schlug Blatt um Blatt um, aber dahinter kam man nicht, wenn man die Hauptsache nicht wußte! Aber da! . . . Rapunzelchen schlug sich an die Stirn und lachte ganz laut. Wie konnte es nur so dumm sein! Das Buch, das es früher einmal herausgezogen hatte, mußte doch ganz in der Nähe sein! Das war ja das, was es ursprünglich gewollt hatte! Und mit einem Sprung war es in der Höhe, riß den Band heraus und nahm sich nicht einmal mehr die Mühe, in die kauernde Stellung zurückzukehren, sondern las an den Schrank gelehnt hastig und außer Atem. Die Blätter flogen, Rapunzelchens Wangen röteten sich, ein Zug von Unmut, dann von Abscheu kam in sein Gesicht, ein paarmal schüttelte es wie im Unglauben den Kopf, zog Falten auf der Stirn, blätterte im Buche vor- und rückwärts . . . Schrecken übermannte es, Hilflosigkeit und Angst, es dachte nicht einmal mehr daran, das schreckensvolle Buch an seine Stelle zurückzulegen, nur der Wunsch war in ihm, diesen Ort zu fliehen, wo es so Unfaßliches erfahren, es rannte durch das Zimmer, es glich wirklich einer Flucht. Es dachte gar nicht daran, seinen Besuch 192 zu verheimlichen, denn es schlug die Türe schallend zu, vergaß, den Schlüssel nicht umzudrehen, was der pedantische Major bei seiner Heimkehr gewiß merkte; es wollte nur den schwarzen Gespenstern entkommen, die es da drüben überfallen . . .

Es floh den langen Gang hinunter, stürzte in das gemeinsame Zimmer und verkroch sich vor Angst in sein Bett, das Kissen tief über die Ohren stopfend, wie wenn es sich dadurch vor allem schützen wollte, was es in der Zukunft noch bedrohen konnte. Da lag es und atmete stoßweise und traute sich nicht aus den Kissen heraus, und in ihm schrie es: »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr, es ist ein lügenhaftes Buch, es kann nicht sein!« So lag das kleine Weibchen und verzweifelte an dem Weibesschicksal, das sich ihm nun entschleiert hatte, und der Verzweiflung folgte der Trotz und der Widerstand. Und nein! Und nein! Es war nicht so! bah! Es ließ sich nicht ins Bockshorn jagen von solch abscheulichen Sachen! Vorderhand glaubte es einmal nicht daran, zaghaft hob es den Kopf aus den Kissen. Nichts rührte sich im Haus. Mama hatte die krachend zugeschlagene Tür nicht gehört, sie saß über »Unkebunk«. Von fern, von den Wällen her hörte man das sanfte Rauschen der Bäume, ein Dampfer tutete, die Sonne schien noch immer warm und frühjahrlich, wenn auch mit dem Rauschen ein süßlicher Geruch von moderigem Laub hereinkam. Es war alles schön, und Rapunzelchen liebte alles, liebte die Fröhlichkeit, ein heiteres Leben, und nun? Es konnte nicht wahr sein, dies abscheuliche Buch hatte gelogen, und die kleine Optimistin schwur sich, es nie mehr in die Hand zu nehmen, den Inhalt zu vergessen, soweit er ihr mißfiel, und in den Tag hinein weiter glücklich und fröhlich zu sein wie bisher. Aber die Unruhe steckte der neugierigen, kleinen Kreatur doch noch im Blute. Jetzt zu Mutter und »Unkebunk« hinabzusteigen, schien ihr unmöglich . . . Jetzt die Mutter anzusehen . . . es schämte sich seiner Untaten. Aus dem Hause konnte 193 und durfte es nicht, das Lesen war ihm gründlich vergangen, denn die alten Gedankengänge drängten sich immer wieder vor . . . so begann es, halb spielend, Evas Schublade aufzuräumen, schielte ein bißchen in ihre Briefe, fand heute aber gar nichts Neues – es war eine Lieblingsbeschäftigung Rapunzelchens, Briefe aufzuspüren und Geheimnisse – kramte dann in Juttas Fach, das sehr schön in Ordnung war, ganz das Gegenteil von Evas Lade, und wollte eben die Kommode schließen, als sich etwas widersetzte, gerade als habe sich ein dickes Papier dazwischen geschoben. Rapunzelchen wurde ärgerlich, und da es zornigen Gemütes war, riß es die Schublade heraus, wobei ihm ein Stück beschriebenen, dicken Papieres in die Hand fiel; ganz dicht war es mit Juttas feiner Schrift bedeckt. Rapunzelchen wollte das Papier schon wieder zurückwerfen, – was Jutta jetzt schrieb, war ja gleichgültig, wo sie doch ihren Röder hatte! – als es stutzte. Und zwar hatte die Aufschrift Rapunzelchen stutzig gemacht. »Hochgeehrte, gnädige Frau!« das war wieder durchstrichen und darunter geschrieben: »Sehr verehrte Frau Präsident!« Aha, das war ein Konzept und ging an Röders Mutter! Rapunzelchen hatte davon läuten hören, daß Mama Röder sich nicht nur der Verlobung widersetzt, sondern auch gedroht hatte, niemals die Einwilligung zur Heirat zu geben. Das mochte interessant sein, was Jutta an diese böse Frau schrieb, die, wie Rapunzelchen sich ausgemalt hatte, ein steinernes Herz haben mußte und etwas von der bösen Königin im Aschenbrödel. Denn wenn man Geld hat und kann ein Paar glücklich machen und tut es aus Bosheit nicht . . .

So begann der Brief: »Sie haben, hochgeehrte Frau, sich der Verlobung Ihres Sohnes Emil mit mir von Anfang an widersetzt, aus Gründen, die ich nicht kenne und die sich meiner Beurteilung entziehen. Es war mir sehr schmerzhaft, daß Sie, ohne mich zu kennen, sich so schroff ablehnend verhielten und« . . . 194 ach, das war Rapunzelchen zu langweilig; da gestrichen, dort etwas eingefügt, Jutta war entschieden nicht stolz genug. Wenn eine Baronesse von Armhart einen Röder heiratet, war es doch wahrlich nicht an ihr, sich zu demütigen, das war Rapunzels Meinung, und es streckte hochmütig sein Näslein in die Luft. Da fiel sein Blick auf die letzte Seite . . . was? was war das? »Wenn ich Sie nun trotz alledem nicht nur bitte, sondern anflehe – anflehe! – nicht nur in unsere Verlobung zu willigen, sondern es uns auch zu ermöglichen, in einigen Monaten zu heiraten« . . . davon war doch noch nie die Rede! »so habe ich zwingende Gründe dafür. Es wird mir unsäglich schwer, das auszusprechen, was ich Ihnen doch sagen muß: ich fühle mich Mutter, und ich wage es, zu Ihnen, als der Mutter desjenigen, den ich am meisten auf der Welt liebe, meine Zuflucht zu nehmen, weil ich sonst niemanden habe, dem ich dieses große und für uns Arme fürchterliche Geheimnis anzuvertrauen wagte. Ein Wort von Ihnen, und Sie machen aus zwei Unglücklichen, die das kleine Wesen, das sich als schweres Schicksal in ihr Leben drängte, fast hassen müssen, zu zwei Glücklichen, die sich auf den Tag, wo dies Wesen die Augen« . . .

Rapunzelchen schrie auf. Das Buch, das entsetzliche Buch! Und dieser Brief! Es war wie eine Fortsetzung dieses grauenhaften Buches, wie wenn es Leben geworden wäre. Wut und Zorn, Mitleid, Verachtung, Schrecken, Hilflosigkeit, Angst, alles wirbelte bunt in dem jungen Kopfe durcheinander. Es war zu viel. Rapunzelchen begann wieder zu schluchzen, dann zu weinen, laut und immer lauter, zuletzt heulte es auf wie ein geprügeltes Hündchen, ja es kam in einen so endlosen und hilflosen Weinparoxismus hinein, daß die tief in »Unkebunk« versunkene Mutter die Jammertöne hörte und erschrocken die Stiege hinaufpolterte, ein leises und sachtes Wesen war ja nie Binchen von Armharts Art.

195 Als sie das schreiende Rapunzelchen gewahrte, wollte sie tröstend den Zahnbund fester binden, da sie wähnte, ihre Jüngste sei aufs neue von heftigen Schmerzen befallen worden, doch Rapunzelchen warf sich ihr schluchzend um den Hals und schrie: »Mama, der Brief, der schreckliche Brief!«

Nun war Zärtlichkeit und Hilfesuchen durchaus nicht nach Rapunzels Art, und die Mutter sah ihre Jüngste, die sich gar nicht helfen konnte, erstaunt an und redete nur immer zu: »Was ist denn, Rapunzel? Wer wird denn so außer Rand und Band sein? Ich kenn dich ja nicht mehr! Was ist denn mit dem Brief? Welchen Brief meinst du?«

Endlich reichte Rapunzel die rechte Hand hin, in der sie ein stark zerknülltes Papier hielt. Noch im letzten Moment wollte sie zögern, doch die Mutter entwand ihr schnell den zu einem unförmlichen Klumpen zusammengeballten Brief und begann zu lesen.

Rapunzel wagte nicht, die Mutter anzuschauen, sie hätte auch nichts gesehen, so stürzten die Tränen aus ihren Augen, aber sie hörte plötzlich und mit einem Schrecken, der sie fast erstarren ließ, auf, denn die Mutter schrie laut und schrill auf, wie eine Wahnsinnige. Den Kopf nach rückwärts geworfen, lief sie händeringend im Zimmer hin und her und riß von Zeit zu Zeit an ihren Haaren, die bald in wilden Strähnen um den Kopf standen. Ihre blasse, gelbgraue Farbe verwandelte sich in ein bleiernes Rotblau, die Adern an den Schläfen schwollen an, halblaute Worte, Worte der Angst und der Wut, Flüche ausstoßend, gab sie nur ihrer inneren Angst nach, indem sie in einem sich immer beschleunigenden Tempo im Zimmer umherlief und ein Bild bot, das Rapunzelchen nicht bloß bis ins Innerste erschütterte, sondern auch fürchten machte. So hatte Rapunzel die Mutter noch nie gesehen. Die Gegenwart ihres Kindes hatte die Baronin vollständig vergessen. Es war, als hätte sie 196 ein Wahn erfaßt, der sie ruhelos umhertrieb, als fände sie sich nicht mehr zurecht auf der Welt und wisse keinen Ausweg aus dem Wirrsal, das sie so unerwartet umsponnen hatte.

»Unkebunk! Unkebunk!« schrie sie auf, »was soll das werden, wie kann ich Unkebunk vollenden, wenn dieser Schandfleck über uns kommen soll! Oh, oh!« stöhnte sie auf, »es kann nicht sein . . . Jutta! Ich bringe sie um, erwürgen will ich sie, mit meinen eignen Händen! Ich stoße sie aus dem Hause; dieses Wesen kenne ich nicht mehr, habe ich nie gekannt! Schmach und Schande! Alles, was ich so mühsam aufgebaut habe, reißt sie erbarmungslos zusammen!« und ihren verwirrten Kopf an die Mauer lehnend und im Übermaß des Schmerzes hin und her wiegend, heulte sie in langgezogenen, wüsten Klagen, daß sich Rapunzelchen in seiner Ecke immer kleiner und dünner machte, und viel mehr an diese schreckliche Mutter dachte, und was sie wohl mit Jutta beginnen würde, als an das, was sie vorhin selbst erschüttert hatte, Juttas Beichte an die fremde Frau.

Doch als spät in der Nacht, es mußte schon gegen zwölf gehen, Jutta und Eva ins Zimmer kamen, schlief Rapunzel tief und fest. Sie hatte den Major noch kommen hören und mit Schrecken daran gedacht, daß sie weder das Buch an seinen Ort gestellt noch das Zimmer verschlossen hatte, sie hörte noch, wie der Vater die Haustür nicht aufschließen konnte und die Mutter zusprang und ihn unter einem unheimlich schnellen Gemurmel ins Zimmer zog, hörte noch im Flur unterdrücktes, heftiges Reden . . . dann verstummte alles, eine Tür klappte, und Rapunzelchen lauschte noch eine Zeitlang mit Herzklopfen. . . . Die saßen nun alle drunten . . . nun wußte es der Vater, nun Eva . . . am Ende hatten sie auch noch Großmutter geholt.

Rapunzelchen kauerte sich ganz klein zusammen und weinte. Es hatte kein Abendessen bekommen, hatte kein Licht und fürchtete sich da heroben in der Dunkelheit, getraute sich aber nicht 197 über die Stiege hinunter. Sollte es nicht bei Major Vierling anklopfen und bitten, daß es ein bißchen bleiben dürfe? Dort gab es Licht und ein freundliches Wort. . . . Aber nein, das schickte sich nicht, »man« war ja eine Dame und dann: der Zahnbund und das schlechte Gewissen. Auch hatte Mama es verboten, und heute war ihr zuzutrauen, daß sie Rapunzelchen erwürgte, wie sie Jutta erwürgen wollte. Man wußte auch gar nicht, was mit dem Major passierte, am Ende ging es ihr auch wie Jutta, ganz waren die Zusammenhänge doch nicht klar . . . nein! es war unmöglich, dort einzutreten, es mußte allein und vergessen und verlassen heroben bleiben! So weinte es sich endlich in einen tiefen und traumlosen Schlaf, aus dem es am frühen Morgen mit einem Schrecken aufwachte.

Nun war ihm wieder alles klar, und es getraute sich kaum den Kopf zu heben, um nicht lauter schreckliche Dinge zu sehen. Eva schlummerte friedlich, das kußliche Mäulchen geöffnet, die Arme, die den weißlichen Perlmutterglanz der Roten hatten, über dem Kopf gefaltet, wie ein paar glänzende Monde an die wirren, roten Haare gelegt. Jutta war nicht mehr da. Nichts rührte sich sonst, obwohl es drunten in der Straße schon längst lebendig und eine Kompanie Soldaten in Schritt und Tritt vorbeimarschiert war. Jutta war sonst keine Frühaufsteherin, besonders in der letzten Zeit lag sie gern recht lange und ließ sich weder durch Necken noch durch Schelten bewegen, das Bett zu verlassen. Heute mußte sie ein Machtwort der Mutter hinuntergerufen haben. Rapunzel blieb stumm und starr liegen und lauschte, soweit es ihr lautschlagendes Herz zuließ, denn es war ihr klar, daß in dem Raume, in dem »Unkebunk« seiner Vollendung entgegengehen sollte, ein unerbittliches Gericht über die Schwester losbrechen würde. Rapunzel zitterte über und über. Wie würde es Jutta ergehen? Mitleid war es eigentlich nicht, eher Furcht vor all den unbegreiflichen Dingen, die so 198 schnell über ihre Unschuld hereingebrochen waren, und je länger sie dalag, bangend und zagend, und je mehr sie über alles nachdachte, desto entrüsteter wurde sie. Sie fühlte mit der Mutter: Solche Schande über die Familie zu bringen! Das ging nicht Vater und Mutter, das ging erst recht die Schwestern an. Was würde Major Vierling sagen, wenn man ihm vorschlüge, sie, das Rapunzelchen wirklich zu heiraten? »Danke, nein!« würde er sagen, »sie hat eine Schwester, die . . . vielleicht ist sie auch so eine! Nein, sogar wahrscheinlich ist sie so eine, denn sie hat neulich meine intimsten Bücher herausgenommen!« Und Holischka erst! Rapunzel mochte gar nicht daran denken. Sie trug sowieso den schweren Kummer, daß sich Holischka nie mehr in der Umgebung des Hauses sehen ließ. Nie mehr hatte sie ihn gesehen, seit jenem unglücklichen Verlobungsabend! Was würde er nun sagen! Und sie hatte gehofft, doch noch einmal seine Liebe zu erringen! War nur erst dieses geschwollene Gesicht und war der Zahnbund weg! Eine neue Frisur wollte sie sich auch ausdenken, die sie hübscher und damenhafter machte . . . Wenn er nicht ihre Wege ging, mußte sie eben die seinen gehen! Mochte die Mutter auch zetern, wenn sie in der Früh weglief und ihre Pflichten nicht erfüllte! Es war sowieso unnötig, in diesem Hause mit Staubtuch und Wedel gegen den Schmutz anzukämpfen, es war unnötig, die Champignons zu betreuen, die doch nicht kamen, und die regenwurmartigen Melonen zu begießen. Rapunzel wollte Revolution machen, streiken, sie fühlte sich zu anderem geboren.

Da ging die Tür . . . die kleine Revolutionärin schloß die Augen und stellte sich schlafend. Durch die Lider aber blinzelte sie nach Jutta hin, die eingetreten war. Wie eine Tote fiel sie auf ihr Bett und blieb regungslos liegen, ohne auch nur einen Seufzer auszustoßen. Wie hingeworfen lag sie dort, wie wenn sie nicht imstande wäre, sich je wieder zu erheben.

199 Und die dumpfe Stille lag wieder über dem Haus, fraß sich in die Mauern und lauerte in den Gängen. Es kam Rapunzel vor, als versinke alles langsam in Gram und Trübseligkeit, bis sie ein Ton aufschreckte: das Zuschlagen einer Tür, eine Männerstimme, die in höchster Aufregung ein paar Worte in den Gang hinausschrie – Röders Stimme! – dann das Haustor, das krachend zuflog, empörte Schritte auf dem Pflaster . . . Jutta mußte es auch gehört haben, sie hob den Kopf, um ihn gleich darauf wieder hoffnungslos sinken zu lassen und in die alte Lethargie zurückzufallen.

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