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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ein komischer Kauz, was hatte er nur?« wiederholte Resa-Rosa. Diesmal sprach sie's mehr mechanisch aus, denn eine seltsame Benommenheit war über sie gekommen, wo sie mit dem Assessor allein war. Es kam ihr vor, als schritte er mit einem herablassenden und zugleich überlegenen Siegerlächeln neben ihr, als betrachte er es nun als selbstverständlich, daß sie überglücklich sei nach Hertwigs Fortgehen. Das brachte ihren störrischen Trotz in die Höhe, jenen Trotz, den sie neulich der 161 zärtlichen Mama durch Treten an die Bettstelle deutlich gemacht hatte; ein harter Zug, der sie älter machte, kam in ihr Gesicht, etwas Abweisendes, Hochmütiges. Aber der Assessor sah das nicht, er freute sich an der Erscheinung Resa-Rosas, wie sie in ihrem einfachen, weißen Kleid im Herbstwald ging, so sicher und voll junger, beherrschter Kraft in jeder Bewegung, er freute sich, neben diesem jungen Weibe hergehen zu können, das so viel Frische, Rasse und Leidenschaftlichkeit ausströmte, er freute sich, mit ihr nun allein zu sein, er freute sich, der nüchternen Stadt, dem nüchternen Volk und den Regentagen entronnen zu sein, und was Hertwig heute verwirrte und bedrückte, das mutwillige Spiel der vielen Hügel und Berge und Abhänge und Täler, entzückte ihn; er war so hingenommen, daß er nur oberflächlich auf Resa-Rosas Bemerkung wegen Hertwig antwortete: »Ja, er ist ein komischer Kauz, aber ein lieber Kauz, man muß ihn nur genau kennen.«

»Aber ich glaube, ihn genau zu kennen,« blieb Resa-Rosa hartnäckig bei dem Thema Hertwig, trotzdem sie fühlte, daß der Assessor nur schwach darauf reagierte, »und ich verstehe nicht, warum er so schnell und unmotiviert wegging.«

»Ach, lassen Sie das doch,« meinte er ungeduldig, da ihm anderes jetzt viel wichtiger war, »er sprach von einem Brief.«

»Ich finde das nicht in der Ordnung.«

»Es war vielleicht ein bißchen ungeschickt, aber es war keine Absicht dabei.«

»Absicht oder nicht, so viel Erziehung soll man haben, und soll besonders einer haben, der Offizier ist.« Sie fühlte, daß sie die Stimmung zerriß, die sich zwischen dem Assessor und ihr festsetzen wollte, sie fühlte es mit einer ungeduldigen Trauer, dennoch trieb es sie an, sich von einer ganz häßlichen und kleinlichen Seite zu zeigen. Sie mußte es. War es die Reaktion auf die vorhergegangene Beherrschung, die jetzt in Unmut ausartete?

162 »Erziehung! Recht, ja! Aber geben Sie doch nicht so viel auf Äußerlichkeiten! Sie wissen genau, wenn Sie Hertwig kennen, wie Sie sagen, daß er nie etwas tun wird, was verletzend wirkt, was unwahr, unschön, ohne Herzenstakt ist. Erziehung! Jeder kleine Kadett beweist Ihnen seine gute Erziehung im Handumdrehen und kann im Grund ein herzensroher Bengel sein. Was ist Hertwig gegen all die jungen Leute hier! Sie müssen doch wissen, was in ihm ist.«

»Ich weiß, daß er ein zuverlässiger, nobler Charakter ist, was alles noch in ihm ist, weiß ich nicht.«

»Aber, gnädiges Fräulein! Wenn Sie oft mit ihm beisammen waren, und ich weiß, Sie waren oft mit ihm beisammen, müssen Sie wissen, welcher Lebensernst in ihm ist.«

»Wir haben nicht zusammen philosophiert«, gab Resa-Rosa abweisend zur Antwort.

Das war der Ton, den der Assessor haßte. Dieser verruchte, oberflächliche und schillernde Ton der Kleinstadt! Wenn sie nur nicht so empörend geringschätzig von allem spräche, das in die Tiefe geht! Dieses Hinwegtanzen über alles Ernsthafte . . . so tief stak sie also noch in der Kleinstadt, und so wenig lag ihr daran, aus der Oberflächlichkeit herauszukommen.

»Sie müssen doch wissen,« das sprach der Assessor kühl und sachlich, »daß keiner in der ganzen Garnison diesen leidenschaftlichen Hang nach Kunst und Wissenschaft, nach allem ›Höheren‹ hat, wie man so schön sagt, die große Sehnsucht, wie sie nur innerliche Menschen haben« . . .

»Über solche Dinge haben wir nicht gesprochen,« sagte Resa-Rosa kurz. Es reizte sie, daß der Assessor so kühl und sachlich zu ihr sprach; sie hätte ja ebensogut einer seiner jungen Rechtspraktikanten sein können! Sie war erfüllt von Trotz und Widerstand. So hatte noch keiner mit ihr gesprochen. Zäh und schulmeisterlich. Sie gestand sich nicht ein, daß ihr Trotz und 163 Widerstand nur daher kamen, daß sie sehnlichst wünschte, er möchte anderes mit ihr reden. Was ging sie jetzt Hertwig an?

»Sie täuschen sich auch in mir, ich hätte mit Hertwig gar nicht über derlei Dinge reden können, denn ich bin leider künstlerisch und literarisch ganz ungebildet.«

»Und das sagen Sie nicht bloß selbstverständlich, sondern fast triumphierend?« Der Assessor sprach auf einmal in einem ganz anderen Ton, es hörte sich an, als wenn er atemlos wäre . . . atemlos auf etwas warte.

»Ja, warum denn nicht? Ist das eine Schande?«

»Ich spreche nicht von einer Schande, aber würden Sie mit demselben sorglosen oder naiven Freimut sagen: ich bin leider in fremden Sprachen ganz ungebildet?«

»Wie wenn das dasselbe wäre! Selbstverständlich würde ich mich schämen, zum Beispiel kein Französisch zu verstehen. Das muß doch sein. Wie? Sie lächeln?«

»Ja, sehen Sie« . . .

Wirklich, er lächelte! Jetzt gab sie erst recht nicht nach: »Natürlich gehört das zur Bildung. Können Sie sich eine junge Dame, ›Dame‹ sage ich, vorstellen, die kein Wort Französisch spricht? Ich nicht. Aber ich kann mir wohl eine Dame vorstellen, die zum Beispiel in literarischen Dingen nicht versiert ist, eine veritable Dame, eine Dame comme il faut

»Haben Sie zur Bekräftigung Ihrer Argumente nicht noch einige französische Worte auf Lager?« Jetzt lachte er wirklich! Herzhaft und lange.

Resa-Rosa blieb stehen, kniff die Augen zusammen und sah den Assessor an. Diese Spezies Mann war ihr noch nicht vorgekommen. Er kanzelte sie ab, er lachte sie aus! Sie, die Gefeierte und Verwöhnte, deren Worte alle geistreich gefunden wurden, die einen Kranz von Verehrern um sich sah, die nicht nur ihre Schönheit und Eleganz bewunderten, sondern auch 164 ihren Geist! Nun lief sie schon eine halbe Stunde neben diesem Assessor her, und er schien gar nicht zu bemerken, daß etwas Besonderes an ihr sei! Und wie er sie examinierte! »Sie werden doch nicht leugnen, daß es zur Bildung eines jungen Mädchens gehört, Sprachen zu sprechen. Sie nähmen gewiß keine Frau, die nicht französisch oder englisch spricht. Gott, wir wissen auch etwas von Literatur, hörten von Kunst in der Pension« . . .

»Und als Sie aus der Pension kamen?«

»Trieb ich noch meine Sprachen, und Musikkenntnisse« . . .

»Und weiter« . . .

»Wie? . . . weiter?« Resa-Rosa biß sich ungeduldig auf die Unterlippe.

»Wie lebten Sie da weiter? Mit was füllten Sie Ihre Zeit aus? Um nicht für sentimental und überschwenglich gehalten zu werden, will ich nicht sagen, Ihre Seele aus?«

Resa-Rosas kastanienbrauner Kopf fuhr herum. »Was möchten Sie denn noch wissen? Soll ich Ihnen meine Schulzeugnisse vorlegen? Meinen ›Befähigungsnachweis‹? Was hätte ich denn tun sollen? Etwa einen Beruf wählen? Diakonissin werden, oder Kindergärtnerin? Ich wurde zur Dame erzogen, ist das etwa kein Beruf?«

»Das könnte einer sein, nur in einem andern Sinn, als Sie es meinen. Sie umschreiben nämlich nur etwas – Verzeihung! Sie sind zum Heiraten erzogen worden, auf die Partie vorbereitet.«

Resa-Rosa war empört: »Sie wollen mich beleidigen, das geht zu weit!«

»Beleidigen? Das liegt mir fern. Ich wollte nur objektiv über Zustände sprechen, die mir hier auffallen, an die ich nicht gewöhnt bin, und dachte, bei Ihnen Verständnis oder ein gewisses Eingehen erwarten zu können. Ich will Sie gewiß nicht weiter mit Dingen langweilen, die nur mein Interesse zu erregen 165 scheinen: Ich bitte Sie um Verzeihung, ich dachte, Sie litten unter den Verhältnissen.«

Resa-Rosa schnitt eine Fratze. »Leiden? Das sind so große Worte! Wir in der Kleinstadt sind an das nicht gewöhnt. Wir drücken uns einfacher aus, vielleicht empfinden wir auch einfacher. Ich langweile mich, das ist alles.«

»Dann füllt Sie Ihr Beruf als Dame eben doch nicht aus.«

»Ach, Sie nageln einen auf das Wort fest! Es gibt nicht genug Gelegenheit hier, sich als ›Dame‹ zu beweisen!«

»Nun sind wir ja auf demselben Punkt wie vorhin. Sie sind erzogen, zu heiraten, eine Partie zu machen, eine möglichst glänzende Partie. Sie müssen schön, elegant, amüsant, taktvoll sein, begehrenswert . . . Eigenschaften für den Schein, für andere« . . .

Resa-Rosas gerade gezogenen Augenbrauen, die wie zwei Striche über der feinen, leidenschaftlichen Nase mit den beweglichen Nüstern standen, zuckten.

»Für andere,« wiederholte sie, »nicht für mich selbst, das meinen Sie?«

»Ja, gerade das meine ich. Sie finden es zum Beispiel verächtlich, daß es Wesen gibt, die Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen werden. Warum sollen sie das nicht tun, wenn es sie befriedigt? Dies vorausgesetzt natürlich.«

»Mich befriedigt nichts.« Resa-Rosa sah finster und böse aus.

»Alles, was Sie mir sagten, wirft ein merkwürdiges Bild nicht nur auf Ihr Pensionat, sondern auch auf Ihre Erziehung. Man hat Sie auf Wege geschoben, die nicht die Ihren waren. Sprachen! Haben Sie nicht auch Latein gelernt?«

»Doch,« sagte Resa-Rosa trotzig wie ein ungezogenes Kind.

Der Assessor brach wieder in Lachen aus. »Man darf Sie doch nur ansehen, Ihre ganze harmonische Erscheinung, Sie sind zu anderem prädestiniert! Musik . . . haben Sie keine Stimme? 166 Nein? . . . Kein schauspielerisches Talent? . . . Wenig? . . . Wer weiß! Kein Talent zur Tänzerin?«

»Nun werden Sie aber grotesk!« Resa-Rosas Gesicht flammte, sie dachte an einen Abend vor dem großen Ankleidespiegel. »Das ist doch kein standesgemäßer Beruf, nichts, was das Leben, oder um mit Ihnen zu reden, was die Seele ausfüllen kann!«

»Wenn Sie die Schauspielerin zugeben, müßten Sie doch auch die Tänzerin zugeben. Warum soll das kein Beruf sein? Weil es bis jetzt nicht dazu erhoben wurde? . . . Ich kann mir wohl denken, daß einmal eine andere Art von Tanz kommt, und daß es nur einer schöpferischen Persönlichkeit bedarf . . . übrigens, Sie gelten ja nicht nur als die beste Tänzerin, sondern auch als das gebildetste Mädchen« . . . Kofler lenkte ab, als er das steigende Mißbehagen Resa-Rosas fühlte. Daß er das nicht lassen konnte! Er war ärgerlich über sich. War er denn nicht der reinste Schulmeister? Und alles nur aus dem heißen Wunsche heraus, sie möchte anders sein, ihn verstehen, das gebildetste Mädchen, wie er vorhin sagte.

»Wie mögen denn die andern sein, denken Sie jetzt. Das ist der Nachsatz,« neckte ihn Resa-Rosa. So konnte sie ihm folgen, das war ihre Art, bei solch kleinen Plänkeleien konnte sie »geistreich« sein.

»Ja, das war eigentlich der Nachsatz, verzeihen Sie! Es ist ja merkwürdig, daß wir in solche Gespräche kommen, wo wir uns zum zweiten oder dritten Male sehen. Ich werde natürlich nicht weiter reden, wenn es Ihnen nicht gefällt.«

»Doch, reden Sie weiter, ich will sogar, daß Sie weiter reden, wenn mir auch manches allzu fremd und zu ungeheuerlich vorkommt. Freilich fühle ich dabei, wie albern ich Ihnen erscheinen muß« . . .

»Es ist ja eigentlich nichts Persönliches« . . .

»Und wenn?« Resa-Rosa hatte das beseligende Gefühl, daß 167 es persönlich sei. Daß sich ein Mann so intensiv um ihre Seele kümmerte, war ihr neu. Es schien, als bekümmere er sich viel mehr darum als sie. . . . Früher einmal, kurz nachdem sie von der Pension zu Hause war, hatte sie auch solche Anwandlungen gehabt, hatte sie sich auf sich besinnen wollen, Ekel vor dem Einerlei der Tage gehabt. Augenblicke des Überdrusses und der Trauer waren ihr noch manchmal gekommen.

Hatte sie nicht Röder in einem Moment mutloser Trauer an sich gerissen? Und hatte sie nicht wieder unter diesem heimlichen Verhältnis gelitten, von dem sie sich nicht befreien konnte? Sie hatte manchmal Sehnsucht nach einem andern Leben, nach einem Herausgerissenwerden aus dem süßen Schlamm der Alltäglichkeit. Und doch war es wieder so schön, sich so verziehen, verhätscheln zu lassen, verehrt und geliebt und begehrt zu werden. Was wäre ihr Loos, wenn sie die erwartete, glänzende Partie machte? Wahrscheinlich Fortsetzung des trägen, inhaltlosen Lebens. Toiletten, Bälle, Eis . . . Partien, Jours, Einladungen, Flirt und Klatsch, wenn sie auch alles mehr auf ihre eigene, individuelle Art betrieben hatte. . . . Warum reizte sie nun diese ganze Unterhaltung mit Kofler so sehr? War es das Neue, Ungewohnte? Wie ein Abenteuer erschien es ihr, wie wenn sie mit Kofler allein in dem Herbstwalde auf den sandigen Wegen schritte, abgetrennt, ja schon losgelöst von der Gesellschaft, von Familie und Tradition, eine vertauschte, etwas verwunderte Resa-Rosa, die sich ihrer nur noch so weit bewußt war, daß mit diesen Stunden dies merkwürdige Abenteuer beschlossen und die wieder umgewechselte Resa-Rosa heraustreten würde aus dem Zauberkreis, den er für diesen Tag um sie geschlossen.

Sie wurde auf einmal demütig, weiblich, sie konnte es nicht lassen, auch einmal auf diese Art ihre Macht über den Mann zu versuchen.

»Üben Sie Barmherzigkeit,« bat sie, »und bedenken Sie, in 168 welchem Nachteil ich Ihnen gegenüber bin! Ihre Sprache ist mir fremd, ich muß sie erst lernen« . . .

Sie sprach in Erregung, und der Assessor, der diese Erregung viel tiefer, für ein Hingenommen- und Aufgerütteltsein deutete, fand sie in dieser weiblichen und sich unterordnenden Art so schön, daß er plötzlich halb spaßhaft sagte: »Oh, Sie haben einen Beruf: Schönheit.«

»Schönheit?« Resa-Rosa faßte es ernsthaft auf. »Das kann ich mir eher denken als Lebenslauf. Schönheit pflegen, auf Erhöhung der Schönheit sinnen, andere durch Schönheit erfreuen« . . .

»Ja, so ähnlich, obwohl ich es nicht ganz so gemeint habe. Doch gibt es wirklich nichts, was Sie ganz besonders reizen könnte? Glauben Sie, daß eine Heirat mit einem geliebten Mann Sie befriedigen würde, auch wenn er Ihnen nicht das glänzende Los bieten könnte, das Sie, und das, wie Sie sagen, besonders Ihre Mutter erwartet? Glauben Sie, daß Sie eine gute Mutter sein würden, oder daß Sie es befriedigen würde, Mutter zu sein?«

Atemlos war ihm Resa-Rosa gefolgt, die alte Resa-Rosa, Stella, der Stern der Garnison. Steuerte er so schnell vorwärts? Ihr schwindelte ordentlich, mit halbgeöffneten, durstigen Lippen hörte sie zu, es dünkte ihr, ein großes Glück nahe sich rascher, als sie gedacht. Da gab's ihr einen Schlag. Niemals hatte sie den Gedanken daran in ihren Lebenskreis mit einbezogen. Sie wehrte sich. Dafür war sie nicht geboren. Sie empfand nicht wie ihre Schwester Amélie, die jedes kleine Rotznäschen begeistert auf den Arm nahm.

»Kinder? Ich weiß nicht. Wahrscheinlich würde ich als Mutter Stümperin bleiben, wie meine Mutter, die doch Ihren Theorien nach eine schlechte Mutter sein muß. Übrigens, wer gibt Ihnen ein Recht, in mein Fühlen, mein Leben einzugreifen? 169 Wählen junge Männer in Ihrer Großstadt, so ohne weiteren Zweck, gerne dieses Thema zur Unterhaltung mit jungen Damen?«

Kofler fand sie entzückend in ihrem sprühenden Hohn. Er fühlte, daß seine Sicherheit und Ruhe schwand, eben, weil er anfing, das Weib neben sich zu begreifen, dessen Groll er wachsen fühlte, weil er, von ihrem Liebreiz scheinbar unberührt, neben ihr herging. Er theoretisierte . . . weil er anfing, diesem Liebreiz ganz zu unterliegen, und weil er sich noch dagegen wehrte.

»Was ist denn Ungeheuerliches dabei, wenn ich mit Ihnen über Mutterschaft spreche? Soll das nur ein Problem für Mütter sein? An welchen Grenzen tänzelt hier die sogenannte Unterhaltung hin? Ich habe vorhin gehört, was Leutnant Schneider, le joli tailleur nach Eva von Armhart, mit Ihrer Freundin Irma Korn sprach.«

»Ich habe keine Freundin, nur Bekannte,« wies Resa-Rosa ihn schroff zurück, »und ich fand auch nichts weiter in den Gesprächen der beiden. Vielleicht eine Nüance von Frivolität . . . Da würde man ganz anders urteilen, hörte man uns reden.«

»Ist es den unanständig und unmoralisch, schadet es Ihrem guten Ruf, bekommen Sie keine glänzende Partie mehr, wenn ich über ein, sagen wir, soziales Problem mit Ihnen rede? Es ist ja unerhört!«

»Man spricht in unsern Kreisen« – das ›in unsern Kreisen‹ betonte sie – »nicht über dergleichen mit einem jungen Mann.«

»Was macht man in ›unsern Kreisen‹ denn sonst mit einem jungen Mann? Man redet Banalitäten, man flirtet, man ist frivol, man kommt mit versteckten Aufforderungen, vielleicht sogar mit Erfüllungen, was weiß ich. Es muß nur alles hübsch geheim bleiben, nach außen tadellos aussehen, nicht?«

170 Resa-Rosa erschrak bis ins Innerste. Kofler wußte um ihr Verhältnis mit Röder . . . und darum diese Aufregung! . . . Er hatte einmal mit sehr ablehnenden Worten von Röder gesprochen, wie wenn er es nicht der Mühe wert hielte, Zeit an ihn zu verschwenden. In diesem Augenblick hätte sie all die Erinnerungen von sich schieben, sie auslöschen mögen; es kam ihr alles ungeheuerlich vor, wo sie neben Kofler ging, ungeheuerlich und unglaublich in dieser gleichsam nackten, durchsichtigen, geistigen Atmosphäre, die so weit ab von ihrem Leben führte, das anfing ihr schal und fremd zu erscheinen. Und daran war nur er schuld. Sie fühlte sich abgetrennt von diesem schönen, früheren Leben und ohne Mut und Freude, in ein anderes, neues, ernsthaftes einzutreten.

»Ich traue mir gar nichts mehr zu,« stieß sie unvermittelt heraus.

»Was trauen Sie sich nicht zu?«

»Gar nichts, aber auch gar nichts! Nicht einmal mehr, daß ich eine vollendete Dame werden könnte. Mir scheint, auch das haben Sie mir bewiesen, ich weiß nur nicht mehr durch was! Alles haben Sie mir verdorben, alles haben Sie mir genommen!« Resa-Rosa sprach immer leidenschaftlicher: »Warum nehmen Sie mir fortwährend und geben mir nichts anderes dafür? Schon als wir das erstemal zusammen waren, hatte ich ein Gefühl der Mutlosigkeit, ich war enttäuscht. Sie sprachen nicht gerade verächtlich, aber doch en bagatelle – ach schmunzeln Sie doch nicht wieder über das französische Wort! – von allem, was uns hier interessiert, was wir für richtig halten, nun ja, über unsern Lebensinhalt, und als Sie gingen, kam ich mir wie beraubt vor. Sie hatten mir unbewußt etwas genommen, hatten mich bestohlen. Seit dieser Zeit sehe ich alles ringsum in einem andern Licht, ich schaue fast mit Ihren Augen. Wie soll denn das weiter gehen? Werden Sie mir immer noch 171 mehr zu nehmen suchen? Sehen Sie nicht, daß ich bald nichts mehr habe?«

Sie breitete ihre beiden Arme aus und wies die weißen, von blauem Geäder durchzogenen Handflächen: »Und was haben Sie mir dafür gegeben?«

Beschwichtigend wollte Kofler nach der einen ausgestreckten Hand Resa-Rosas greifen; einen Augenblick nur fühlte er ihre zarte, kühle Haut, denn sie zog die Hand brüsk zurück.

»Halten Sie das für nichts, daß Sie die Leere empfinden? Unterschätzen Sie doch die Sehnsucht nicht! Glauben Sie, die kann keine Triebfeder sein?«

»Triebfeder zu was? Der jetzige Zustand ist abscheulich! Sehen Sie mich doch nicht so teilnehmend an! Ich wehre mich, verstehen Sie, weil Sie eine andere Person aus mir machen wollen, eine hilflose und unsichere, vor der mir graut. Zuerst war ich doch etwas, jetzt bin ich ein Nichts, und das ist, was Sie haben wollen.«

»Ich will gar nichts haben, das ist doch alles von selbst gekommen, während des Gesprächs!«

»So? Und wie geht das weiter? Zu was soll das führen? Ich bin sehr gespannt, was Sie mit mir vorhaben.«

Das war wieder ihr alter, eitler, tändelnder, spöttischer Ton, und der Blick, den Resa-Rosa ihrem Begleiter zuwarf, war auch noch aus dem alten Leben.

»Ich habe gar nichts mit Ihnen vor,« sagte der Assessor gemessen und fremd. . . . »Sie besitzen eine blühende Phantasie, daraus könnte sich wohl auch etwas entwickeln! Und Sie scheinen der Meinung zu sein, daß ich nach einem Plan oder einem System handle, oder gar, daß ich etwa den Sport betreibe, Kleinstädterinnen unzufrieden und rabiat zu machen, damit etwas aus ihnen wird! Dafür habe ich im allgemeinen weder Zeit noch Lust noch Talent. Mit Ihnen habe ich nur das vor, 172 was sie mit sich selbst vorhaben können, was Sie werden können. Wenn Sie sich jetzt beraubt durch mich fühlen, wenn Sie bedauern, daß ich Sie aus Ihrer Alltäglichkeit aufrütteln wollte, bitte ich sehr um Verzeihung, mein Mißgriff tut mir unendlich leid. Es kam alles spontan und war mir bei Ihrer Persönlichkeit etwas Selbstverständliches, bei den andern wäre ich nie darauf gekommen, nie. Da hätte ich versucht, mich ebenso gewandt, ebenso unterhaltend und witzig, ebenso seicht und frivol zu unterhalten wie Leutnant X-Ypsilon, wäre also mit diesen unbekannten Größen in Konkurrenz getreten; davor hatten Sie mich bewahrt, und müßte ich Ihnen für sonst nichts dankbar sein, so doch dafür.«

»Nun machen Sie noch eine tadellose, gesellschaftliche Verbeugung und sagen: es war mir eine Ehre! . . . Sie wollen jetzt vordemonstriert haben, was Sie mir werden können; Sie wollen haarklein wissen, ob ich Sie zu schätzen weiß, oder ob ich mich mit meiner ›blühenden Phantasie‹ nur so in meine ›Beraubung‹ hineindenke, um mich interessant zu machen, oder um Sie zu einer andern Art Trost zu veranlassen, mein Herr Theoretiker! Jetzt verstehe ich, warum Sie sich von Röder abgestoßen fühlen, und er sich wahrscheinlich auch von Ihnen« . . . Immer leidenschaftlicher hatte Resa-Rosa gesprochen, immer rascher war sie gegangen.

»Von Röder? Wieso von Röder?« Plötzlich fiel's ihm wie Schuppen von den Augen, ein großer Schreck durchfuhr ihn; sie hatte geglaubt, er spräche wegen Röder. Längst hatte er die dunklen Gerüchte vergessen, die man ihm zugetragen . . . Traute sie ihm diese Gemeinheit zu? Alles in ihm wehrte sich, alles drängte nach Aufklärung und Verständigung, nach Worten der Anteilnahme.

Doch während er noch nach diesen Worten suchte, schleuderte sie ihm fast wie eine Anklage, in leidenschaftlichen, sich 173 überstürzenden Worten, in einer Art Selbstquälerei ihre ganze Liebesgeschichte mit Röder entgegen, . . . es war, als sei sie in einer Ekstase und risse sich vor ihm Stück für Stück ihrer Kleider vom Leibe.

Die Worte überstürzten sich, sie hatte kaum Atem . . . vergebens bat Kofler: »Wozu das? Ich bitte Sie, verschonen Sie sich doch, verschonen Sie mich!«

Er zitterte vor diesem elementaren Ausbruch, er zitterte vor den Worten, mit denen sie sich vor ihm an den Pranger stellte . . . vergebens versuchte er, ihre Hand zu fassen und sie zu beschwichtigen; sie zerrte sie immer wieder frei, sie hörte nicht auf ihn. Wie mit Naturgewalt mußte alles heraus, es war nicht einzudämmen, und jeder Versuch dazu vermehrte die Aufregung. So ließ es der Assessor wie die Attacke eines Kranken vorübergehen, und erst, als ihre leidenschaftlichen Worte anfingen in ein leidenschaftliches Schluchzen überzugehen, nahm er ihre Hände und redete ihr leise zu.

Wie viel Enttäuschung und Überreizung bei dieser Szene mitspielten, ahnte Kofler nicht. Er war nur besorgt, daß sie möglichst rasch vom Weg abkamen, denn Resa-Rosas Weinen verstärkte sich immer mehr. Der ganze Berg wimmelte ja von Leuten, man hörte von überall her Stimmen, Schreie und Gelächter, lautes und gedämpftes Singen, Schritte und Laufen, Steine und Steinchen polterten herab . . . dicht hinter ihnen an der Wegbiegung hörte er eine Stimme, die nur die der Gouverneurin sein konnte – da war ein Seitenpfad, ein kleiner versteckter Auslug mit einer Bank, dahin führte er Resa-Rosa, die jetzt seine Hand fest gefaßt hielt und gehorsam dahin ging, wohin er sie leitete.

Er saß still neben ihr, hielt ihre kalten Finger in den seinen, bis sie ruhiger wurde. Dann nahm er ihr den Hut ab, legte ihr sorgsam den weichen Shawl um, den er ihr getragen, denn es 174 war kühl da oben. Ruhig und wortlos tat er dies. Es war ein stilles Versteck, in das nur von Zeit zu Zeit ein paar entfernte Stimmen drangen . . .

Die Kühle, die Dunkelheit und Stille schienen Resa-Rosa endlich zu beschwichtigen; sie saß mit gefalteten Händen und sah unverwandt auf diese schlanken, weißen Hände nieder, auf die noch von Zeit zu Zeit ein Tropfen fiel. Es war keine Ergebung in ihr, diese Ruhe und scheinbare Versunkenheit waren nur Erschöpfung, denn als Kofler, überwältigt von ihrer hilflosen Trauer, selber in höchster Erregung ihr die Tränen von den Händen küßte, schnellte sie ganz unerwartet in die Höhe, ihre Haare fielen zurück, ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, sie stieß einen Schrei aus, ihr Mund preßte sich mit zerrissenen Küssen an den seinen, und unter neuem Schluchzen stöhnte sie: »Nimm mich doch in deine Arme, verachte mich, aber tröste mich!«

Kofler hielt mit aller Gewalt an sich, er streichelte die wirren Haare Resa-Rosas und sagte nun leise: »Still jetzt, still! Und Ruhe! Wir können nicht mehr länger hier bleiben, wir müssen fort, man würde aufmerksam werden. Stecken Sie Ihre Haare, Resa-Rosa« . . .

Da riß sie ihm den Hut aus der Hand und warf ihn auf den Boden, zog die Haarnadeln aus den Haaren und begann den Kopf wie im Schmerz hin und her zu wiegen, mit leisem Stöhnen, das immer heftiger wurde und plötzlich ohne Grund abbrach. Resa-Rosa gab auf keine Frage Antwort, sie nahm ein kleines Flakon aus der Tasche, rieb sich Gesicht und Hände mit dem Taschentuch, und da Kofler unbeweglich, ratlos und in schwer beherrschter Leidenschaft neben ihr stand, stieß sie heraus: »Gehen Sie! Ich bitte Sie, gehen Sie! Sofort!«

»Aber das können Sie doch nicht im Ernst verlangen, daß ich jetzt gehe und Sie hier allein lasse!«

175 »Dann kehren Sie sich um, ich will nicht haben, daß Sie sehen, wie ich mein Haar ordne« . . . und da er zögerte, stampfte sie mit den Füßen auf und schrie: »Ich will's nicht haben!« worauf er sich achselzuckend dem Weg zukehrte. Nach kurzer Zeit stand sie an seiner Seite, wohlfrisiert, in ihrem weißen Hut, der ihrem feinen Oval eine so günstige Umrahmung gab. Die Spuren der Aufregung waren verwischt, oder nur mehr in dem erhöhten Glanz der Augen, dem erhöhten Rot ihrer Lippen wahrnehmbar.

»Sind sie bereit?« sagte sie in ihrem alten, gesellschaftlichen Tone, »nun werden wir glücklich die Letzten geworden sein; wenn wir nur nicht gerade Mama und der alten Exzellenz in die Hände laufen, das wäre nicht nach Ihrem und nicht nach meinem Geschmack!«

Und als Kofler vortrat, fragte sie leichthin: »Bahn frei? Ja?« und trat neben ihn. »So, nun habe ich auch meine letzte Chance bei Ihnen verscherzt, meine Boote sind den Fluß hinabgeschwommen; ich habe gründlich widerlegt, daß ich zur Dame geboren bin. Vergessen Sie nur, bitte, meine alberne Aufführung.«

»Ich werde nie vergessen können, was ich da drinnen erlebt, nie! Aber sprechen wir jetzt nicht davon, ich bitte Sie, ich könnte es nicht.«

»Oh, zeigen Sie sich jetzt von der empfindsamen Seite? Es scheint, wir haben die Rollen vertauscht?!« Sie lachte.

»Ich bitte Sie noch einmal, reden wir jetzt, reden wir nie mehr darüber, es sei, wie wenn wir da unten am Wege zu sprechen aufgehört hätten« . . .

»Von was sprachen wir da unten? Ich will gern fortfahren und meine Rolle so gut spielen, als ich nur irgend kann, oder besser, als Sie es wünschen. Dann sind wir ja ganz d'accord und in dem Fahrwasser, das Sie sonst verabscheuen, in dem des äußeren Scheins« . . .

176 »Ich sollte Ihnen jetzt vielleicht sagen, wann dieser äußere Schein berechtigt ist und nicht, aber ich kann das jetzt nicht, nehmen nun Sie ein bißchen Rücksicht auf mich; Sie sehen, ich bin verwirrt.«

»Der Vorhang fällt, die Komödie beginnt,« fiel ihm Resa-Rosa ins Wort. »Dort ist Mama, wollen Sie mich zu ihr begleiten, oder ziehen Sie vor, den Abschiedsgruß jetzt so sichtbar anzubringen, daß nichts dagegen einzuwenden ist?«

»Ich werde Sie begleiten.«

»Eigentlich sieht's auch besser aus« . . .

Nun hatte Resa-Rosa sich vollkommen in der Hand, nun war sie wieder Dame, und der erhöhte Glanz ihrer Augen verriet der Mutter nur, daß sie in einer sehr anregenden Unterhaltung mit dem Assessor den Weg gemacht. So nickte sie beiden lebhaft zu und war sehr erstaunt, als der Assessor sich bald darauf mit einer tiefen und sehr förmlichen Verbeugung, die aber Resa-Rosa mit einem Händedruck abkürzte, empfahl.

»Also bringen Sie Hertwig unversehrt an unsern Platz,« rief sie ihm noch lachend nach. »Er geht Hertwig zu suchen, den wir unterwegs verloren haben,« erklärte sie der Mutter.

»Aber, liebes Kind,« flüsterte ihr die Mutter vorwurfsvoll zu – es konnte ebenso gut heißen: warum schickst du den Assessor weg, wie: warum läßt du dir denn Hertwig kommen? Diese Marotte! Bleib doch bei dem Assessor! Aber Resa-Rosa achtete der mütterlichen, sehr beredten Blicke nicht, und da ihr die beiden älteren Herrschaften zu langsam gingen, schlug sie ein rascheres Tempo an, kam jedoch bald wieder zurück und blieb an der Seite der Mutter. Sie hatte vorne unter einem Baum mit tief herabhängenden Ästen Röder gesehen, der seine Braut zärtlich zu trösten schien. 177

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