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Anna Croissant-Rust: Unkebunk - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleUnkebunk
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleUnkebunk
pages398
created20131207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der kleinen Station ging's nun lebhaft zu. Aus allen Wagen quoll und drängte es, die Schaffner mahnten zur Eile, noch immer stiegen Teilnehmer der Partie aus. Die andern Passagiere hingen neugierig aus dem Zuge, und lange, 153 nachdem er sich in Bewegung gesetzt, konnte man sehen, wie sie der Gesellschaft mit den Blicken folgten, die sich allmählich löste, wieder zusammenfand, sich abermals verteilte und langsam der Straße folgte, die in dem rings von Bergen umstandenen Tal gegen den Trifels zu führte. Ein frischer Herbstwind ließ die Turmfahne droben lustig flattern. Die Sonne schien, alle Fensterscheiben im Dorf blitzten, und alle Häuser sahen fröhlich drein, wie wenn sie mit Wohlwollen die einzelnen zwanglosen Gruppen an sich vorüberziehen ließen.

Holischka war neben Amélie geblieben, die aus Folgsamkeit ihrer Mama zustrebte, welche den kleinen Leutnant mit überströmender Artigkeit begrüßte, sich aber dann sofort, wie in einem Anfall von Vergeßlichkeit, zu ihren Begleiterinnen wandte: Holischka und das »Betzerl« blieben also allein. Ihm war das recht, er hätte heute mit keinem andern jungen Mädchen gehen oder reden mögen, es war ihm wie eine Erlösung neben diesem guten, unbeholfenen und gedrückten Geschöpf bleiben zu dürfen, das ihm gewiß keine boshafte Bemerkung hinwarf, das dankbar war für jede, auch die kleinste Liebenswürdigkeit. Das war bei Gott eine Wohltat, ein Ausruhen und anders als bei Bäwele! Aber die Geschichte im Zug lag ihm noch im Magen.

»Das war mir sehr, sehr unangenehm, gnädiges Fräulein,« begann er etwas stockend, »die Sache in der Bahn« . . .

»Aber erwähnen Sie das doch nicht,« half ihm Amélie, genau so über und über rot werdend wie Holischka. »Mir ist eine viel wichtigere Sache unangenehm, Nelly« . . .

Holischka hustete . . . »Ach, die Briefgeschichte? Kindereien!«

»Nein, nicht das allein!« Ach es war so schwer das auszudrücken, was man gerade sagen wollte, »und es war mir so leid, die Schwätzereien und all das – es tat mir so entsetzlich leid, Ihrethalben.«

Holischka wollte dankend an die Mütze greifen, es fiel ihm 154 aber gerade noch ein, daß er ja den Hut auf habe, und weil er schon die Hand in der Höhe hatte, zog er tief den neuen Grauen.

»Sehr liebenswürdig, sehr liebenswürdig!« murmelte er, »und die kleine Nelly, hat man sie etwa gestraft?«

»Es war gerade Donnerstag, der Tag, an dem Papa einzig sich ärgert, und es schien, als sei er gerade diesen Tag besonders zum Ärgern disponiert gewesen. Es ging ihr schlecht, so sehr, daß ich Papa bat, von ihr abzulassen. Aber er war einmal im Zorn, er wollte sie nicht mehr um sich sehen, er duldete nicht mehr, daß sie in der Umgebung sei – sie ist fort, er hat sie trotz Mamas Protest in eine Institut gegeben. Mama war ganz dagegen, sie wollte sie selbst in der Hand behalten«.

»Oh,« sagte Holischka, man konnte aber nicht recht erraten, wem das galt, der Entfernung des kleinen, losen Vögleins oder der Idee der Mutter, Nelly so weiter zu erziehen wie bisher. Es konnte auch sein, daß ihm das ganze Gespräch über Nelly unbehaglich war, und er fing an, Amélie auf die bunten Wälder, die Linien der Berge aufmerksam zu machen, und bald fiel auch von Amélie jede Befangenheit ab, die immer wie ein Alp auf ihr lag und ihr alles vergällte. Sie fühlte, hier kannst du sein und sprechen und dich geben, wie du bist, und wirst nicht bekrittelt und mißverstanden oder gezankt, hier kannst du es einmal recht machen. Und so schlüpfte aus dem steifen, stets gehemmten und bedrückten Geschöpf ein ganz anderes Geschöpfchen heraus, ein warmes, harmloses, kindliches, begeistertes und dankbares, und Holischka nahm diese holde Gabe mit Entzücken auf. Auch er ließ alle Dressur, alle verschrobenen Gedanken, Empfindungen und Empfindeleien hinter sich, war von Herzen dankbar und vergnügt und vergaß alles, was war . . . oh, wie weit, wie weit lag das hinter ihm! Vor sich sah er nur die lustig flatternde, weiß-rote Wimpel auf dem Trifels, den herbstlich besonnten Buchenwald, und die warmen Augen 155 des lieben Geschöpfes, das ihm unbewußt all sein Fühlen ohne Scheu offenbarte. Und er trug dies köstliche Geschenk vorsichtig in seinen Händen, trug es unendlich heiteren Gemütes durch den Schatten des Herbstwaldes und unter dem violettbraunen Buchendach, über sonnbeglänzte Strecken, von denen aus man tief in die ruhenden Täler sah und in die Ebene, die sich duftig in die Einschnitte der vorliegenden Berge schob, bis hinauf zur Schwelle des alten Trifels, wo einst Löwenherz Blondels Gesang vernahm. Auch dort gab er es nicht aus den Händen, er wollte es bewahren bis zur Zeit, wo er diesen schönen und seltenen Schatz zurückgeben durfte, um ihn auf immer zu begehren; diese Zeit aber war noch nicht gekommen. – »Unkebunk«, sagte er leise vor sich hin, und das war das einzige, was er von Eva behalten hatte.

Amélie und Holischka waren unter den ersten gewesen, ihnen folgten in Abständen die Mutter mit der Oberstin von Demharter, dem Adjutanten und dem Obersten, die sich aber bald so teilten, daß der Oberst mit Mama Horler und der Adjutant mit der Oberstin ging. Dicht hinter ihnen, die älteren Paare aber bald überholend, kamen Resa-Rosa, Hertwig, Assessor Kofler, Röder und Jutta. Eva hatte sich irgendwohin zu einer ganz andern Gesellschaft mit ihrem Leutnant verloren und sich dann auf eigene Faust Wege gesucht.

Es war kein Zufall gewesen, daß sich Röder mit seiner Braut Hertwig, Kofler und Resa-Rosa näherte. Und Resa-Rosa fühlte das. Sie richtete sich hoch auf, als Röder auf sie zutrat, gab Jutta die Hand zum Glückwunsch, und dann Röder; ganz Dame, ganz beherrscht, aber die wenigen Worte, die sie zu Röder sagte, waren trotz aller gesellschaftlichen Liebenswürdigkeit so fremd und eiskalt, ihr Blick so abweisend, daß Röder vor ihr stand, wie wenn sie ihn geohrfeigt hätte, und Jutta blaß und zitternd fühlte, daß Röder sie in diesem Augenblick mißbraucht 156 hatte, daß er sie als Racheobjekt vorschieben wollte, und daß ihm das mißlungen, daß er abgefertigt, erledigt, gedemütigt war. Hertwig zitterte im Innersten, wie konnte Röder nur das tun? Jutta diese Schmach, sich diese Niederlage? Auch Kofler fühlte, hier auf geheimnisvolle, tragische und unsichere Untergründe gekommen zu sein und strengte sich an, Resa-Rosa, die, nachdem Röder mit einer steifen, fremden Verbeugung gegangen war, erblaßt, aber beherrscht immer noch mit ihrem gesellschaftlich liebenswürdigen Lächeln neben ihm schritt, in ein Gespräch zu verwickeln. Wie er sie bewunderte! Dieser maßvolle Stolz! Diese Disziplin! Dame bis in die Fingerspitzen! Keine Spur von Erregung ließ sie ihn merken, sie war ganz bei dem Gespräch, liebenswürdig zuhörend. Hätte er nicht gesehen, wie ihre Nasenflügel zitterten, und hätte er das Vorhergehende nicht miterlebt, er würde sie lediglich für ein gewandtes, gut gedrilltes, liebenswürdiges, aber hochnäsiges Dämchen gehalten haben. Er mußte sie bewundern; Hertwig aber war besorgt, er kannte dies Zucken der Mundwinkel bei ihr, dieses Zurückwerfen des Kopfes von Zeit zu Zeit, wenn die Erregung wieder in ihr hoch kam, und er blieb getreu an ihrer Seite, wie wenn er sie vor sich schützen müsse, und ahnte nicht, wie sehr Kofler wünschte, endlich mit Resa-Rosa allein zu sein. Hertwig war jedoch viel zu sehr mit dem beschäftigt, was sich vorhin zugetragen, was wie eine böse giftige Welle aufschäumte und langsam wieder verebbte, als daß er die wachsende Erregung und zugleich die wachsende Niedergeschlagenheit des Assessors bemerkt hätte. Selbst zu wohldiszipliniert auch nur mit einem Blick den jungen Offizier zu mahnen oder nur leise ahnen zu lassen, was ihn bewegte, war es neben seiner Ungeduld und Unruhe zugleich ein Gefühl der leisen Wehmut, des Verständnisses für den Unbeholfenen, das ihn erfüllte. Er wußte, daß dieser darunter litt und immer leiden würde, er verstand gut – so weit hatte er 157 ihn schon kennen gelernt – daß sein aufbrausendes und manchmal angriffslustiges Wesen nur Schutz war, ein Mantel über seine Überempfindlichkeit, daß seine Zurückhaltung und eine gewisse Schroffheit, die ihm oft für Hochmut ausgelegt wurden, eigentlich Unfreiheit und Schüchternheit waren. Er wußte, daß Hertwig viel unter dieser Schüchternheit und dem Mangel an Selbstgefühl zu leiden und es schwer haben werde nachzuholen und zu überwinden, was ihm die Jugend nicht gegeben, wie sie es andern gibt, selbstverständlich und mühelos, oder, wie es rücksichtslosen Persönlichkeiten gelingt, sich selbst Bahn zu machen.

Er verstand, daß er den Trieb hatte, aus den engen Fesseln herauszukommen, ohne die draufgängerische Persönlichkeit zu sein, dies allein rücksichtslos durchsetzen zu können. Ohne daß Hertwig je direkt ihm gegenüber geklagt hätte, merkte Kofler wohl, daß er einsah, daß er auf die Dauer in diesen engen Grenzen nicht leben konnte, gerade jetzt, wo mit ihm aus der Großstadt ein frischer Luftstrom gekommen war, der ihm zum Bewußtsein brachte, wie notwendig er diesen für immer brauchte, daß alles verkrüppelt, unausgelöst in ihm bleiben mußte, wenn er nicht bald fortkam, heraus und in etwas anderes hinein.

Gerade daran dachte Hertwig selbst auch. In den ersten Tagen, nachdem Kofler gekommen, war es, als springe ein Reif von seinem Herzen, als sei nun alles gut, weil er jemanden hatte, mit dem er gemeinsame Gedanken, gemeinsame Wünsche, gemeinsame Begeisterung haben konnte, bis er auf den Punkt kam, wo ihm seine persönliche Scheu im Wege war, wo er sich nicht aus sich heraus traute, weil der andere der Überlegene war, wo er sich schämte zu fragen und sich nicht getraute, sich zu äußern. Nun quälte er sich erst recht herum und war hilflos und innerlich wund. Was er in diesem Seelenzustand gebraucht hätte, wäre das Verständnis, die Teilnahme einer Frau 158 gewesen, einer Mutter, einer Geliebten. Resa-Rosa? . . . Oh, nein! Sie suchte Verständnis für sich bei ihm, für ihre Natur, für ihre Erlebnisse. Er sah ganz klar darin, sie würde ihn wohl spöttisch verlacht haben, denn diese Probleme bedeuteten ihr nichts, nach dieser Richtung hin war sie mit ihren Gefühlen und Anschauungen fertig.

Die Frau des Gouverneurs? . . . Bis zu einem gewissen Grad verstand sie ihn, obgleich sie eine viel zu energische, zugreifende und zielbewußte Natur war, voller Eigenwillen, die ohne Zögern den ihr richtig dünkenden Weg ging, und es gewiß niemals verstehen konnte, daß es Menschen gab, die noch erwägen mußten, weil es für sie nicht einen, sondern ein paar Wege gab. Von ihr hielt er all seine Kämpfe und Sorgen instinktiv zurück, sie würde es verächtlich gefunden haben, wenn er seinen Weg nicht klar und rücksichtslos verfolgt hätte. Außerdem hätte er es nie gewagt, ihr mit ganz persönlichen Sorgen zu kommen, sie stand ihm auch als Frau gesellschaftlich zu hoch. Sie war für ihn die Frau des Gouverneurs, und er der simple Leutnant, der nicht tadellos erzogen war, dem sie in leichter, graziöser Weise sogar manchen Wink gab, wenn er im Begriff war, einen Fehler zu machen, eine nachsichtige, von ihm hochverehrte Gönnerin, der er zu großem Dank verpflichtet war . . .

Eine hätte die Unruhe seines Innern beschwichtigen können . . . wenn er die nur zur Seite gehabt hätte! Eine, die er liebte, und von der er sich geliebt glaubte. Hertwig griff nach der Brusttasche, in der er den Brief stecken hatte, den er vor der Abfahrt erhalten. Er war nicht über die ersten Zeilen hinausgekommen. Wie Feuer glühte der da drinnen, brannte, mahnte. Hertwig wurde immer unruhiger; immer mehr mit sich beschäftigt, bemerkte er die Erregung, in der Kofler und Resa-Rosa neben ihm hergingen, nicht.

Er legte die Hand auf die Brusttasche und drückte den Brief 159 heftig an sich. Zuletzt siegte der heiße Wunsch, ihn ganz zu lesen. Er stammelte eine Entschuldigung, er müsse rasch einen wichtigen Brief lesen, den er vorhin empfangen, und empfahl sich ganz plötzlich und in so verlegener Weise, daß Resa-Rosa kopfschüttelnd sagte: »Was hat er denn? Was steckt denn dahinter?«

Hertwig eilte vorwärts, er stieß auf Röder und Jutta, die beide finster, Jutta mit aufgelöstem, gerötetem Gesicht den steilen Pfad aufwärts verfolgten. Weder Hertwig noch Röder oder Jutta hatten Lust zu reden, sie gingen mit ein paar gleichgültigen Worten wie fremde Menschen aneinander vorüber, und Ernst Hertwig stieg zuletzt pfadlos aufwärts, um der übrigen Gesellschaft nicht in die Hände zu laufen. Er sah von fern Holischka und Amélie wie unter einem Glorienschein wandelnd, hörte Eva von Armharts Gurren und sah sie plötzlich arg zerzaust in den Armen des kecken Leutnants, der sie »Eva und das Paradies« angeredet hatte, und dem sie sich schmollend entwandt, als sie Hertwig gewahrte. Immer schneller stieg dieser bergan, um die Wirrnis seiner Gedanken und die Wirrnis um ihn, dieses ganze Netz von gestohlener Heiterkeit, von maskiertem Schmerz, von gewollter Liebenswürdigkeit und schlecht verdeckter Tragik hinter sich zu lassen, bis er tief aufatmend auf einer Lichtung stand, endlich allein und sich gehörend, aber es war kein freudiges Aufatmen. Der Druck, den er schon den ganzen Tag, den er schon seit langem gefühlt, die schwere Unlust, die er nicht verjagen oder überwinden konnte, blieben ihm, und ein galliger Geschmack auf der Zunge von der Gesellschaft, der er aus dem Wege gegangen. Nicht der Gesellschaft des Assessors oder Resa-Rosas, aber auch da stieg ihm der Unmut hoch, wenn er daran dachte, wie er in Gedankenlosigkeit sich nicht rechtzeitig von den zweien losgeschält. Ja, die guten Gedanken trotteten immer eine halbe Stunde nach bei ihm, . . .^ vielleicht ging es ihm im Leben auch so, da konnte er auch eine 160 Weile hinter den andern drein trotten, weil er zu gründlich war und sich mit allem quälte. Während er sich lange besann, sprangen so und so viele einfach über seinen Kopf weg mit der Leichtigkeit, die er nicht hatte.

»Mit der Richtigkeit ist es nicht immer getan,« hatte ihm sein Kommandeur einmal gesagt, einen Ausspruch Bräsigs variierend, »die Fixigkeit spielt die größte Rolle, und in der Fixigkeit sind Ihnen viele über.«

Gequält warf sich Hertwig in das niedere Gras; auch die Landschaft, die er da drunten vor sich ausgebreitet sah, brachte ihm keine Ruhe. Da war Kuppe an Kuppe, Rücken an Rücken, Berg an Berg, wie im Übermut einander folgend, sich fliehend und wieder haschend; dort tauchten sie unter und kamen in Neckerei weiter unten wieder in die Höhe, alle in buntscheckigen Narrenjacken. Er wendete sich und sah nach der andern Seite, schroff abfallende Felsen, Felsburgen, Ruinen; über ihm knatterte die Fahne vom Trifels, er stand wieder auf, noch unruhiger und erbitterter als vorher, überquerte die Lichtung und fand im Wald abseits einen stillen Platz, auf dem nur die Sonnenkringel, die durch das Bronzelaub der Buchen fielen, einen gemessenen Reigen tanzten, erst dort konnte er sich entschließen, den Brief endlich weiter zu lesen.

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