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Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs

Friedrich Schiller: Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, vierter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleUniversalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs
pages297-316
created20021230
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Schiller

Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbegebenheiten

zu den Zeiten Kaiser Friedrichs I.[Im dritten Bande der historischen Memoires (erste Abtheilung) findet sich diese Abhandlung, aber ungeendigt.]

Der heftige Streit des Kaiserthums mit der Kirche, der die Regierungen Heinrichs IV. und V. so stürmisch machte, hatte sich endlich (1122) in einem vorübergehenden Frieden beruhigt, und durch den Vergleich, welchen Letzterer mit Papst Calixtus II. einging, schien der Zunder erstickt zu sein, der ihn wieder herstellen konnte. Das Geistliche hatte sich, Dank sei der zusammenhängenden Politik Gregors VII. und seiner Nachfolger, gewaltsam von dem Weltlichen geschieden, und die Kirche bildete nun im Staate und neben dem Staate ein abgesondertes, wo nicht gar feindseliges System. Das kostbare Recht des Throns, durch Ernennung der Bischöfe verdiente Diener zu belohnen und neue Freunde sich zu verpflichten, war selbst bis auf den äußerlichen Schein durch die freigegebenen Wahlen für die Kaiser verloren. Nichts blieb ihnen übrig von diesem unschätzbaren Regal, als den erwählten Bischof vor seiner Einweihung, vermittelst des Scepters, wie einen weltlichen Vasallen, mit dem weltlichen Theil seiner Würde zu bekleiden. Ring und Stab, die geweihten Sinnbilder des bischöflichen Amtes, durfte die unkeusche, blutbesudelte Laienhand nicht mehr berühren. Bloß für streitige Fälle, wenn sich das Domcapitel in der Wahl eines Bischofs nicht vereinigen konnte, hatten die Kaiser noch einen Theil ihres vorigen Einflusses gerettet, und der Zwiespalt der Wählenden ließ es ihnen nicht an Gelegenheit fehlen, davon Gebrauch zu machen. Aber auch diesen wenigen geretteten Ueberresten der vormaligen Kaisergewalt stellte die Herrschsucht der folgenden Päpste nach, und der Knecht der Knechte Gottes hatte keine größere Angelegenheit, als den Herrn der Welt so tief als möglich neben sich zu erniedrigen.

Die gefährlichste Stelle in der Christenheit war jetzt unstreitig der römische Kaiserthron; gegen diesen zielte die aufstrebende päpstliche Macht mit allen Donnern, die ihr zu Gebote standen, mit allen Fallstricken ihrer verborgenen Staatskunst. Deutschlands Verfassung erleichterte ihr den Sieg über seinen Oberherrn; der Glanz des kaiserlichen Namens machte ihn schimmernd. Jeder deutsche Fürst, den die Wahl seiner Mitstände auf den Stuhl der Ottonen setzte, brach eben dadurch mit dem apostolischen Stuhl. Er konnte sich als ein Opfer betrachten, das man zum Tode schmückte. Zugleich mit dem kaiserlichen Purpur mußte er Pflichten übernehmen, die mit den Vergrößerungsplanen der Päpste durchaus unvereinbar waren, und seine kaiserliche Ehre, sein Ansehen im Reich hing an ihrer Erfüllung. Seine Kaiserwürde legte ihm auf, die Herrschaft über Italien und selbst in den Mauern Roms zu behaupten; in Italien konnte der Papst keinen Herrn ertragen, die Italiener verschmähten auf gleiche Art das Joch des Ausländers und des Priesters. Es blieb ihm also nur die bedenkliche Wahl, entweder dem Kaiserthron von seinen Rechten zu vergeben, oder mit dem Papst in den Kampf zu gehen und auf immer dem Frieden seines Lebens zu entsagen.

Die Frage ist der Erörterung werth, warum selbst die staatskundigsten Kaiser so hartnäckig darauf bestanden, die Ansprüche des deutschen Reichs auf Italien geltend zu machen, ungeachtet sie so viele Beispiele vor sich hatten, wie wenig der Gewinn der erstaunlichen Aufopferungen werth war, ungeachtet jeder italienische Zug von den Deutschen selbst ihnen so schwer gemacht und die nichtigen Kronen der Lombardei und des Kaiserthums in jedem Betracht so theuer erkauft werden mußten. Ehrgeiz allein erklärt diese Einstimmigkeit ihres Betragens nicht; es ist höchst wahrscheinlich, daß ihre Anerkennung in Italien auf die einheimische Autorität der Kaiser in Deutschland einen merklichen Einfluß hatte, und daß sie alsdann vorzüglich dieser Hilfe bedurften, wenn sie durch Wahl allein, ohne Mitwirkung des Erbrechts, auf den Thron gestiegen waren. Was auch ihr Fiscus dabei gewinnen mochte, so konnte der Ertrag des Eroberten den Aufwand der Eroberung kaum bezahlen, und die Goldquelle vertrocknete, sobald sie das Schwert in die Scheide steckten.

Zehen Wahlfürsten, welche jetzt zum erstenmal einen engern Ausschuß unter den Reichsständen bilden und vorzugsweise dieses Recht ausüben, versammeln sich nach dem Hinscheiden Heinrichs V. zu Mainz, dem Reich einen Kaiser zu geben. Drei Prinzen, damals die mächtigsten Deutschlands, kommen zu dieser Würde in Vorschlag: Herzog Friedrich von Schwaben, des verstorbenen Kaisers Schwestersohn, Markgraf Leopold von Oesterreich und Lothar, Herzog zu Sachsen. Aber die Schicksale der zwei vorhergehenden Kaiser hatten den Kaisernamen mit so vielen Schrecknissen umgeben, daß Markgraf Leopold und Herzog Lothar fußfällig und mit weinenden Augen die Fürsten baten, sie mit dieser gefährlichen Ehre zu verschonen. Herzog Friedrich allein war nun noch übrig, aber eine unbedachtsame Aeußerung dieses Prinzen schien zu erkennen zu geben, daß er auf seine Verwandtschaft mit dem Verstorbenen ein Recht an den Kaiserthron gründe. Dreimal nach einander war das Scepter des Reichs von dem Vater auf den Sohn gekommen, und die Wahlfreiheit der deutschen Krone stand in Gefahr, sich in einem verjährten Erbrechte endlich ganz zu verlieren. Dann aber war es um die Freiheit der deutschen Fürsten gethan; ein befestigter Erbthron widerstand den Angriffen, wodurch es dem Unruhigen Lehengeist so leicht ward, das ephemerische Gerüste eines Wahlthrons zu erschüttern. Die arglistige Politik der Päpste hatte erst kürzlich die Aufmerksamkeit der Fürsten auf diesen Theil des Staatsrechts gezogen und sie zu lebhafter Behauptung eines Vorrechts ermuntert, das die Verwirrung in Deutschland verewigte, aber dem apostolischen Stuhl desto nützlicher wurde. Die geringste Rücksicht, welche bei dem neu aufzustellenden Kaiser auf Verwandtschaft genommen wurde, konnte die deutsche Wahlfreiheit aufs neue in Gefahr bringen und den Mißbrauch erneuern, aus dem man sich kaum losgerungen hatte. Von diesen Betrachtungen waren die Köpfe erhitzt, als Herzog Friedrich Ansprüche der Geburt auf den Kaiserthron geltend machte. Man beschloß daher, durch einen recht entscheidenden Schritt dem Erbrecht zu trotzen, besonders da der Erzbischof von Mainz, der das Wahlgeschäft leitete, hinter dem Besten des Reichs eine persönliche Rache versteckte. Lothar von Sachsen wurde einstimmig zum Kaiser erklärt, mit Gewalt herbei geschleppt und auf den Schultern der Fürsten, unter stürmischem Beifallgeschrei, in die Versammlung getragen. Die mehreren Reichsstände billigten diese Wahl auf der Stelle; nach einigem Widerstand wurde sie auch von dem Herzog Heinrich von Bayern, dem Schwager Friedrichs, und von seinen Bischöfen gut geheißen. Herzog Friedrich erschien endlich selbst, sich dem neuen Kaiser zu unterwerfen.

Lothar von Sachsen war ein eben so wohldenkender als tapfrer und staatsverständiger Fürst. Sein Betragen unter den beiden vorhergehenden Regierungen hatte ihm die allgemeine Achtung Deutschlands erworben. Da er die vaterländische Freiheit in mehrern Schlachten gegen Heinrich IV. verfochten, so befürchtete man um so weniger, daß er als Kaiser versucht werden könnte, ihr Unterdrücker zu werden. Zu mehrer Sicherheit ließ man ihn eine Wahlcapitulation beschwören, die seiner Macht im Geistlichen sowohl als im Weltlichen sehr enge Grenzen setzte. Lothar hatte sich das Kaiserthum aufdringen lassen, dennoch machte er den Thron niedriger, um ihn zu besteigen.

Wie sehr aber auch dieser Fürst, da er noch Herzog war, an Verminderung des kaiserlichen Ansehens gearbeitet hatte, so änderte doch der Purpur seine Gesinnungen. Er hatte eine einzige Tochter, die Erbin seiner beträchtlichen Güter in Sachsen; durch ihre Hand konnte er seinen künftigen Eidam zu einem mächtigen Fürsten machen. Da er als Kaiser nicht fortfahren durfte, das Herzogthum Sachsen zu verwalten, so konnte er den Brautschatz seiner Tochter noch mit diesem wichtigen Lehen begleiten. Damit noch nicht zufrieden, erwählte er sich den Herzog Heinrich von Bayern, einen an sich schon sehr mächtigen Fürsten, zum Eidam, der also die beiden Herzogtümer Bayern und Sachsen in seiner einzigen Hand vereinigte. Da Lothar diesen Heinrich zu seinem Nachfolger im Reich bestimmte, das schwäbisch-fränkische Haus hingegen, welches allein noch fähig war, der gefährlichen Macht jenes Fürsten das Gegengewicht zu halten und ihm die Nachfolge streitig zu machen, nach einem festen Plan zu unterdrücken strebte, so verrieth er deutlich genug seine Gesinnung, die kaiserliche Macht auf Unkosten der ständischen zu vergrößern.

Herzog Heinrich von Bayern, jetzt Tochtermann des Kaisers, nahm mit neuen Verhältnissen ein neues Staatssystem an. Bis jetzt ein eifriger Anhänger des Hohenstaufischen Geschlechts, mit dem er verschwägert war, wendete er sich auf einmal zu der Partei des Kaisers, der es zu Grund zu richten suchte. Friedrich von Schwaben und Konrad von Franken, die beiden Hohenstaufischen Brüder, Enkel Kaiser Heinrichs IV. und die natürlichen Erben seines Sohns, hatten sich alle Stammgüter des salisch-fränkischen Kaisergeschlechts zugeeignet, worunter sich mehrere befanden, die gegen kaiserliche Kammergüter eingetauscht oder von geächteten Ständen für den Reichsfiscus waren eingezogen worden. Lothar machte bald nach seiner Krönung eine Verordnung bekannt, welche alle dergleichen Güter dem Reichsfiscus zusprach. Da die Hohenstaufischen Brüder nicht darauf achteten, so erklärte er sie zu Störern des öffentlichen Friedens und ließ einen Reichskrieg gegen sie beschließen. Ein neuer Bürgerkrieg entzündete sich in Deutschland, welches kaum angefangen hatte, sich von den Drangsalen der vorhergehenden zu erholen. Die Stadt Nürnberg wurde von dem Kaiser, wiewohl vergeblich, belagert, weil die Hohenstaufen schleunig zum Entsatz herbeieilten. Sie warfen darauf auch in Speyer eine Besatzung, den geheiligten Boden, wo die Gebeine der fränkischen Kaiser liegen.

Konrad von Franken unternahm noch eine kühnere That. Er ließ sich bereden, den deutschen Königstitel anzunehmen, und eilte mit einer Armee nach Italien, um seinem Nebenbuhler, der dort noch nicht gekrönt war, den Rang abzulaufen. Die Stadt Mailand öffnete ihm bereitwillig ihre Thore, und Anselmo, Erzbischof dieser Kirche, setzte ihm in der Stadt Monza die lombardische Krone auf; in Toscana erkannte ihn der ganze dort mächtige Adel als König. Aber Mailands günstige Erklärung machte alle diejenigen Staaten von ihm abwendig, welche mit jener Stadt in Streitigkeiten lebten, und da endlich auch Papst Honorius II. auf die Seite seines Gegners trat und den Bannstrahl gegen ihn schleuderte, so entging ihm sein Hauptzweck, die Kaiserkrone, und Italien wurde eben so schnell von ihm verlassen, als er darin erschienen war. Unterdessen hatte Lothar die Stadt Speyer belagert und, so tapfer auch, entflammt durch die Gegenwart der Herzogin von Schwaben, ihre Bürger sich wehrten, nach einem fehlgeschlagenen Versuch Friedrichs, sie zu entsetzen, in seine Hände bekommen. Die vereinigte Macht des Kaisers und seines Eidams war den Hohenstaufen zu schwer. Nachdem auch ihr Waffenplatz, die Stadt Ulm, von dem Herzog von Bayern erobert und in die Asche gelegt war, der Kaiser selbst aber mit einer Armee gegen sie anrückte, so entschlossen sie sich zur Unterwerfung. Auf einem Reichstag zu Bamberg warf sich Friedrich dem Kaiser zu Füßen und erhielt Gnade; auf eine ähnliche Weise erhielt sie auch Konrad zu Mühlhausen; Beide unter der Bedingung, den Kaiser nach Italien zu begleiten.

Den ersten Kriegszug hatte Lothar schon einige Jahre vorher in dieses Land gethan, wo eine bedenkliche Trennung in der römischen Kirche seine Gegenwart nothwendig machte. Nachdem Honorius II. im Jahr 1130 verstorben war, hatte man in Rom, um den Stürmen vorzubeugen, welche der getheilte Zustand der Gemüther befürchten ließ, die Uebereinkunft getroffen, die neue Papstwahl acht Cardinälen zu übertragen. Fünfe von diesen erwählten in einer heimlich veranstalteten Zusammenkunft den Cardinal Gregor, einen ehmaligen Mönch, zum Fürsten der römischen Kirche, der sich den Namen Innocentius II. beilegte. Die drei übrigen, mit dieser Wahl nicht zufrieden, erhoben einen gewissen Peter Leonis, den Enkel eines getauften Juden, der den Namen Anaklet II. annahm, auf den apostolischen Stuhl. Beide Päpste suchten sich einen Anhang zu machen. Auf Seiten des Letztern stand die übrige Geistlichkeit des römischen Sprengels und der Adel der Stadt; außerdem wußte er die italienischen Normänner, furchtbare Nachbarn der Stadt Rom, für seine Partei zu gewinnen. Innocentius flüchtete aus der Stadt, wo sein Gegner die Oberhand hatte, und vertraute seine Person und seine Sache der Rechtgläubigkeit des Königs von Frankreich. Der Ausspruch eines einzigen Mannes, des Abts Bernhard von Clairvaux, der die Sache dieses Papstes für die gerechte erklärt hatte, war genug, ihm die Huldigung dieses Reichs zu verschaffen. Seine Aufnahme in Ludwigs Staaten war glänzend, und reiche Schätze öffneten sich ihm in der frommen Mildthätigkeit der Franzosen. Das Gewicht von Bernhards Empfehlung, welches die französische Nation zu seinen Füßen geführt hatte, unterwarf ihm auch England, und der deutsche Kaiser Lothar ward ohne Mühe überzeugt, daß der heilige Geist bei der Wahl des Innocentius den Vorsitz geführt habe. Eine persönliche Zusammenkunft mit diesem Kaiser zu Lüttich hatte die Folge, daß ihn Lothar an der Spitze einer kleinen Armee nach Rom zurückführte.

In dieser Stadt war Anaklet, der Gegenpapst, mächtig, Volk und Adel gefaßt, sich aufs hartnäckigste zu vertheidigen. Jeder Palast, jede Kirche war Festung, jede Straße ein Schlachtfeld, alles Waffe, was das Ohngefähr der blinden Erbitterung darbot. Mit dem Schwert in der Faust mußte jeder Ausweg geöffnet werden, und Lothars schwaches Heer reichte nicht hin, eine Stadt zu stürmen, worin es sich wie in einem unermeßlichen Ocean verlor, wo die Häuser selbst gegen das Leben der verhaßten Fremdlinge bewaffnet waren. Es war gebräuchlich, die Kaiserkrönung in der Peterskirche zu vollziehen, und in Rom war alles heilig, was gebräuchlich war; aber die Peterskirche, wie die Engelsburg, hatte der Feind im Besitz, woraus keine so geringe Macht, als Lothar beisammen hatte, ihn verjagen konnte. Endlich nach langer Verzögerung willigte man ein, der Notwendigkeit zu weichen und im Lateran die Krönung zu verrichten.

Man erinnert sich, daß es die Sache des Papstes war, welche den Kaiser nach Italien führte; als der Beschützer, nicht als ein Flehender, forderte er eine Ceremonie, welche dieser Papst ohne seinen starken Arm nimmermehr hätte ausüben können. Nichts desto weniger behauptete Innocentius den ganzen Papstsinn eines Hildebrands, und mitten in dem rebellischen Rom, gleichsam hinter dem Schilde des Kaisers, der ihn gegen die mörderische Wuth seiner Gegner vertheidigte, gab er diesem Kaiser Gesetze. Der Vorgänger des Lothar hatte die ansehnliche Erbschaft, welche Mathilde, Markgräfin von Tuscien, dem römischen Stuhl vermacht hatte, als ein Reichslehen eingezogen, und Papst Calixtus II., um nicht aufs neue die Aussöhnung mit diesem Kaiser zu erschweren, hatte in dem Vergleich, der den Investiturstreit endigte, ganz von dieser geheimen Wunde geschwiegen. Diese Ansprüche des römischen Stuhls auf die Mathildische Erbschaft brachte Innocentius jetzt in Bewegung und bemühte sich wenigstens, da er den Kaiser unerbittlich fand, diese anmaßlichen Rechte der Kirche für die Zukunft in Sicherheit zu setzen. Er bestätigte ihm den Genuß der Mathildischen Güter auf dem Weg der Belehnung, ließ ihn dem römischen Stuhl einen förmlichen Lehenseid darüber schwören und sorgte dafür, daß diese Vasallenhandlung durch ein Gemälde verewigt wurde, welches dem kaiserlichen Namen in Italien nicht sehr rühmlich war.

Es war nicht der römische Boden, nicht der Anblick jener feierlichen Denkmäler, welche ihm die Herrschergröße Roms ins Gedächtniß bringen, wo etwa die Geister seiner Vorfahren zu seiner Erinnerung sprechen konnten, nicht die Zwang auflegende Gegenwart einer römischen Prälatenversammlung, welche Zeuge und Richter seines Betragens war, was dem Papst diesen standhaften Muth einflößte; auch als ein Flüchtling, auch auf deutscher Erde, hatte er diesen römischen Geist nicht verleugnet. Schon zu Lüttich, wo er in der Gewalt eines Flehenden vor dem Kaiser stand, wo er sich diesem Kaiser für eine noch frische Wohlthat verpflichtet fühlte und eine zweite noch größere von ihm erwartete, hatte er ihn genöthigt, eine bescheidne Bitte um Wiederherstellung des Investiturrechts zurückzunehmen, zu welcher der hilflose Zustand des Papstes dem Kaiser Muth gemacht hatte. Er hatte einem Erzbischof von Trier, ehe dieser noch von dem Kaiser mit dem zeitlichen Theil seines Amtes bekleidet war, die Einweihung ertheilt, dem ausdrücklichen Sinn des Vertrags entgegen, der den Frieden des deutschen Reichs mit der Kirche begründete. Mitten in Deutschland, wo er ohne Lothars Begünstigung keinen Schatten von Hoheit besaß, unterstand er sich, eines der wichtigsten Vorrechte dieses Kaisers zu kränken.

Aus solchen Zügen erkennt man den Geist, der den römischen Hof beseelte, und die unerschütterliche Festigkeit der Grundsätze, die jeder Papst, mit Hintansetzung aller persönlichen Verhältnisse, befolgen zu müssen sich gedrungen sah. Man sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Drang der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen ungetreu werden und der Notwendigkeit weichen; so etwas begegnete selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umher irrte, in Italien keinen Fußbreit Landes, keine ihm holde Seele besaß und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhls und der Kirche. Wenn jede andre politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften Derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dieses kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupt. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart und Fähigkeit sein mochten, so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament, ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht einzufließen; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, zerfloß in ihrer Würde, und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch geknüpft wurde – obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch besetzt und so stürmisch verlassen wurde, so war dieses doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zu verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie beseelte, unsterblich war.

Kaum hatte Lothar Italien den Rücken gewendet, als Innocentius aufs neue seinen Gegnern das Feld räumen mußte. Er floh in Begleitung des heiligen Bernhards nach Pisa, wo er den Gegenpapst und dessen Anhang auf einer Kirchenversammlung feierlich verfluchte. Dieses Anathem galt besonders dem König Roger von Sicilien, der Anaklets Sache mächtig unterstützte und durch seine reißenden Fortschritte im untern Italien den Muth dieser Partei nicht wenig erhöhte.

Da sich die Geschichte Siciliens und Neapels und der Normänner, seiner neuen Besitzer, mit der Geschichte dieses Jahrhunderts aufs genaueste verbindet, da uns Anna Komnena und Otto von Freysingen auf die normännischen Eroberungen aufmerksam gemacht haben, so ist es dem Zweck dieser Abhandlung gemäß, auf den Ursprung dieser neuen Macht in Italien zurück zu gehen und die Fortschritte derselben kürzlich zu verfolgen.

Die mittäglichen und westlichen Länder Europens hatten kaum angefangen, von den gewaltsamen Erschütterungen auszuruhen, wodurch sie ihre neue Gestalt empfingen, als der europäische Norden im neunten Jahrhundert aufs neue den Süden ängstigte. Aus den Inseln und Küstenländern, welche heutzutage dem dänischen Scepter huldigen, ergossen sich diese neuen Barbarenschwärme; Männer des Nordens, Normänner, nannte man sie; ihre überraschende schreckliche Ankunft beschleunigte und verbarg der westliche Ocean. Solange zwar der Herrschergeist Karls des Großen das fränkische Reich bewachte, ahnete man den Feind nicht, der die Sicherheit seiner Grenzen bedrohete. Zahlreiche Flotten hüteten jeden Hafen und die Mündung jedes Stroms; mit gleichem Nachdruck leistete sein starker Arm den arabischen Corsaren im Süden und im Westen den Normännern Widerstand. Aber dieses beschützende Band, welches rings alle Küsten des fränkischen Reichs umschloß, löste sich unter seinen kraftlosen Söhnen, und gleich einem verheerenden Strom drang nun der wartende Feind in das bloßgegebene Land. Alle Anwohner der aquitanischen Küste erfuhren die Raubsucht dieser barbarischen Fremdlinge; schnell, wie aus der Erde gespieen, standen sie da, und eben so schnell entzog sie das unerreichbare Meer der Verfolgung. Kühnere Banden, denen die ausgeraubte Küste keine Beute mehr darbot, trieben in die Mündung der Ströme und erschreckten die ahnungslosen innern Provinzen mit ihrer furchtbaren Landung. Weggeführt ward alles, was Waare werden konnte; der pflugziehende Stier mit dem Pflüger, zahlreiche Menschenheerden in eine hoffnungslose Knechtschaft geschleppt. Der Reichthum im innern Lande machte sie immer lüsterner, der schwache Widerstand immer kühner, und die kurzen Stillstände, welche sie den Einwohnern gönnten, brachten sie nur desto zahlreicher und desto gieriger zurück.

Gegen diesen immer sich erneuernden Feind war keine Hilfe von dem Throne zu hoffen, der selbst wankte, den eine Reihe ohnmächtiger Schattenkönige, die unwürdige Nachkommenschaft Karls des Großen, entehrte. Anstatt des Eisens zeigte man den Barbaren Gold und setzte die ganze künftige Ruhe des Königreichs aufs Spiel, um eine kurze Erholung zu gewinnen. Die Anarchie des Lehenwesens hatte das Band aufgelöst, welches die Nation gegen einen gemeinschaftlichen Feind vereinigen konnte, und die Tapferkeit des Adels zeigte sich nur zum Verderben des Staats, den sie vertheidigen sollte.

Einer der unternehmendsten Anführer der Barbaren, Rollo, hatte sich der Stadt Rouen bemächtigt und, entschlossen, seine Eroberungen zu behaupten, seinen Waffenplatz darin errichtet. Ohnmacht und dringende Noth führten endlich Karln den Einfältigen, unter welchem Frankreich sich damals regierte, auf den glücklichen Ausweg, durch Bande der Dankbarkeit, der Verwandtschaft und der Religion sich diesen barbarischen Anführer zu verpflichten. Er ließ ihm seine Tochter zur Gemahlin und zum Brautschatz das ganze Küstenland anbieten, welches den normännischen Verheerungen am meisten bloßgestellt war. Ein Bischof führte das Geschäft, und alles, was man von dem Normann dafür verlangte, war, daß er ein Christ werden sollte. Rollo rief seine Corsaren zusammen und überließ den Gewissensfall ihrer Beurtheilung. Das Anerbieten war zu verführerisch, um nicht seinen nordischen Aberglauben daran zu wagen. Jede Religion war gleich gut, bei welcher man nur die Tapferkeit nicht verlernte. Die Größe des Gewinns brachte jede Bedenklichkeit zum Schweigen. Rollo empfing die Taufe, und einer seiner Gefährten wurde abgeschickt, der Ceremonie der Huldigung gemäß, bei dem König von Frankreich den Fußkuß zu verrichten.

Rollo verdiente es, der Stifter eines Staats zu sein; seine Gesetze bewirkten bei diesem Räubervolk eine bewundernswürdige Verwandlung. Die Corsaren warfen das Ruder weg, um den Pflug zu ergreifen, und die neue Heimath ward ihnen theuer, sobald sie angefangen hatten, darauf zu ernten. In dem gleichförmigen sanften Takte des Landlebens verlor sich allmählich der Geist der Unruhe und des Raubes, mit ihm die natürliche Wildheit dieses Volks. Die Normandie blühte unter Rollos Gesetzen, und ein barbarischer Eroberer mußte es sein, der die Nachkommen Karls des Großen ihren Vasallen widerstehen und ihre Völker beglücken lehrte. Seitdem Normänner Frankreichs westliche Küste bewachten, hatte es von keiner normännischen Landung mehr zu leiden, und die schimpfliche Auskunft der Schwäche ward eine Wohlthat für das Reich.

Der kriegerische Geist der Normänner artete in ihrem neuen Vaterland nicht aus. Diese Provinz Frankreichs ward die Pflanzschule einer tapfern Jugend, und aus ihr gingen zu verschiedenen Zeiten zwei Heldenschwärme aus, die sich an entgegengesetzten Enden von Europa einen unsterblichen Namen machten und glänzende Reiche stifteten. Normännische Glücksritter zogen südostwärts, unterwarfen das untre Italien und die Insel Sicilien ihrer Herrschaft und gründeten hier eine Monarchie, welche Rom an der Tiber und Rom an dem Bosporus zittern machte. Ein normännischer Herzog war's, der Britannien eroberte.

Unter allen Provinzen Italiens waren Apulien, Calabrien und die Insel Sicilien viele Jahrhunderte lang die beklagenswürdigsten gewesen. Hier unter dem glücklichsten Himmel Groß-Griechenlands, wo schon in den frühesten Zeiten griechische Cultur aufblühte, wo eine ergiebige Natur die hellenischen Pflanzungen mit freiwilliger Milde pflegte, dort auf der gesegneten Insel, wo die jugendlichen Staaten Agrigent, Gela, Leontium, Syrakus, Selinus, Himera in muthwilliger Freiheit sich brüsteten, hatten gegen Ende des ersten Jahrtausends Anarchie und Verwüstung ihren schrecklichen Thron aufgeschlagen. Nirgends, lehrt eine traurige Erfahrung, sieht man die Leidenschaften und Laster der Menschen ausgelassener toben, nirgends mehr Elend wohnen, als in den glücklichen Gegenden, welche die Natur zu Paradiesen bestimmte. Schon in frühen Zeiten stellten Raubsucht und Eroberungsbegierde dieser gesegneten Insel nach; und so wie die schöpferische Wärme dieses Himmels die unglückliche Wirkung hatte, die abscheulichsten Geburten der Tyrannei an das Licht zu brüten, hatte selbst auch das wohlthätige Meer, welches diese Insel zum Mittelpunkt des Handels bestimmte, nur dazu dienen müssen, die feindseligen Flotten der Mamertiner, der Carthager, der Araber an ihre Küste zu tragen. Eine Reihe barbarischer Nationen hatte diesen einladenden Boden betreten. Die Griechen, aus Ober- und Mittel-Italien durch Langobarden und Franken vertrieben, hatten in diesen Gegenden einen Schatten von Herrschaft gerettet. Bis nach Apulien hinab hatten sich die Langobarden verbreitet und arabische Corsaren mit dem Schwert in der Hand sich Wohnsitze darin errungen. Ein barbarisches Gemisch von Sprachen und Sitten, von Trachten und Gebräuchen, von Gesetzen und Religionen zeigte noch jetzt von ihrer verderblichen Gegenwart. Hier sah sich der Unterthan nach dem langobardischen Gesetz, sein nächster Nachbar nach dem Justinianischen, ein dritter nach dem Koran gerichtet. Derselbe Pilger, der des Morgens gesättigt aus den Ringmauern eines Klosters ging, mußte des Abends die Mildthätigkeit eines Moslems in Anspruch nehmen. Die Nachfolger des heiligen Petrus hatten nicht gesäumt, ihren frommen Arm nach diesem gelobten Land auszustrecken, auch einige deutsche Kaiser die Hoheit des Kaisernamens in diesem Theile Italiens geltend gemacht und einen großen Distrikt desselben als Sieger durchzogen. Gegen Otto den Zweiten schlossen die Griechen mit den verabscheuten Arabern einen Bund, der diesem Eroberer sehr verderblich wurde. Calabrien und Apulien traten nunmehr aufs neue unter griechische Hoheit zurück; aber aus den festen Schlössern, welche die Saracenen in diesem Landstrich noch inne hatten, stürzten zu Zeiten bewaffnete Schaaren hervor, andre arabische Schwärme setzten aus dem angrenzenden Sicilien hinüber, welche Griechen und Lateiner ohne Unterschied beraubten. Von der fortwährenden Anarchie begünstigt, riß jeder an sich, was er konnte, und verband sich, je nachdem es sein Vortheil war, mit Muhamedanern, mit Griechen, mit Lateinern. Einzelne Städte, wie Gaeta und Neapel, regierten sich nach republikanischen Gesetzen. Mehrere langobardische Geschlechter genossen unter dem Schirm einer scheinbaren Abhängigkeit von dem römischen oder griechischen Reich einer wahren Souveränetät in Benevent, Capua, Salerno und andern Distrikten. Die Menge und Verschiedenheit der Oberherrn, der schnelle Wechsel der Grenze, die Entfernung und Ohnmacht des griechischen Kaiserhofs hielten dem straflosen Ungehorsam eine sichere Zuflucht bereit; Nationalunterschied, Religionshaß, Raubsucht, Vergrößerungsbegierde, durch kein Gesetz gezügelt, verewigten die Anarchie auf diesem Boden und nährten die Fackel eines immerwährenden Kriegs. Das Volk wußte heute nicht, wem es morgen gehorchen würde, und der Säemann war ungewiß, wem die Ernte gehörte.

Dies war der klägliche Zustand des untern Italiens im neunten, zehnten und eilften Jahrhundert, während daß Sicilien unter arabischem Scepter einer ruhigeren Knechtschaft genoß. Der Geist der Wallfahrt, welche beim Ablauf des zehnten Jahrhunderts, der gedrohten Annäherung des Weltgerichts, in den Abendländern lebendig wurde, führte im Jahr 983 auch einige normännische Pilger, fünfzig oder sechzig an der Zahl, nach Jerusalem. Auf ihrer Heimkehr stiegen sie bei Neapel ans Land und erschienen zu Salerno, eben als ein arabisches Heer diese Stadt belagerte und die Einwohner damit beschäftigt waren, sich durch eine Geldsumme ihres Feindes zu entledigen.

Ungern genug hatten diese streitbaren Wallfahrer den Harnisch mit der Pilgertasche vertauscht; der alte Kriegesgeist ward bei dem kriegrischen Anblick lebendig. Tapfre Hiebe, auf die Häupter der Ungläubigen geführt, dünkten ihnen keine schlechtere Vorbereitung auf das Weltgericht zu sein, als ein Pilgerzug nach dem heiligen Grabe. Sie boten den belagerten Christen ihre müßige Tapferkeit an, und man erräth leicht, daß die unverhoffte Hilfe nicht verschmäht ward. Von einer kleinen Anzahl Salernitaner begleitet, stürzt sich die kühne Schaar bei Nachtzeit in das arabische Lager, wo man, auf keinen Feind gefaßt, in stolzer Sicherheit schwelgt. Alles weicht ihrer unwiderstehlichen Tapferkeit. Eilfertig werfen sich die Saracenen in ihre Schiffe und geben ihr ganzes Lager preis. Salerno hatte seine Schätze gerettet und bereicherte sich noch mit dem ganzen Raub der Ungläubigen; das Werk der Tapferkeit von sechzig normannischen Pilgern. Ein so wichtiger Dienst war der ausgezeichnetsten Dankbarkeit werth, und befriedigt von der Freigebigkeit des Fürsten zu Salerno, schiffte die Heldenschaar nach Hause.

Das Abenteuer in Italien ward in der Heimath nicht verschwiegen. Neapels schöner Himmel und gesegnete Erde ward gerühmt, der nie geendigte Krieg auf diesem Boden, der dem Soldaten Beschäftigung und Ansehen, der Reichthum der Schwachen, der ihm Beute und Belohnung versprach. Mit begierigem Ohr horchte eine kriegrische Jugend. Das untre Italien sah in kurzer Zeit neue Haufen von Normännern landen, deren Tapferkeit ihre kleine Anzahl verbarg. Das milde Klima, das fette Land, die köstliche Beute waren unwiderstehliche Reizungen für ein Volk, das in seinen neuen Wohnsitzen und bei seiner neuen Lebensart das corsarische Gewerbe so schnell nicht verlernen konnte. Ihr Arm war Jedem feil, der ihn dingen wollte; Fechtens wegen waren sie gekommen, gleichviel für wessen Sache sie fochten. Der griechische Unterthan erwehrte sich mit dem Arme der Normänner einer tyrannischen Satrapenregierung; mit Hilfe der Normänner trotzten die langobardischen Fürsten den Ansprüchen des griechischen Hofs; Normänner stellten die Griechen selbst den Saracenen entgegen. Lateiner und Griechen hatten ohne Unterschied Ursache, den Arm dieser Fremdlinge wechselsweise zu fürchten und zu preisen.

In Neapel hatte sich ein Herzog aufgeworfen, dem die Tapferkeit der Normänner gegen einen Fürsten von Capua große Dienste leistete. Diese nützlichen Ankömmlinge immer fester an sich zu knüpfen, ihren hilfreichen Arm stets in der Nähe zu wissen, schenkte er ihnen Landeigenthum zwischen Capua und Neapel, auf welchem Boden sie im Jahre 1029 die Stadt Aversa erbauten – ihre erste feste Besitzung auf italienischer Erde, errungen durch Tapferkeit, aber nicht durch Gewalt, vielleicht die einzig gerechte, deren sie sich zu rühmen hatten.

Die normannischen Ankömmlinge mehren sich, sobald eine landsmännische Stadt ihnen die gastfreien Thore öffnet. Drei Brüder, Wilhelm, der Eiserne Arm, Humfred und Drogon, beurlauben sich von neun andern Brüdern und ihrem Vater Tancred von Hauteville, um in der neuen Colonie das Glück der Waffen zu versuchen. Nicht lange rastet ihre kriegrische Ungeduld. Der griechische Statthalter von Apulien beschließt eine Landung auf Sicilien, und die Tapferkeit der Gäste wird angefordert, die Gefahren dieses Feldzugs zu theilen. Ein saracenisches Heer wird geschlagen, und sein Anführer fällt unter dem Eisernen Arm. Der kräftige Beistand der Normänner verspricht den Griechen die Wiedereroberung der ganzen Insel; ihr Undank gegen diese ihre Beschützer macht sie auch noch das Wenige verlieren, was auf dem festen Lande Italiens noch ihre Herrschaft erkennt. Von dem treulosen Statthalter zur Rache gereizt, kehren die Normänner gegen ihn selbst die Waffen, welche kurz zuvor siegreich für ihn geführt worden waren. Die griechischen Besitzungen werden angegriffen, ganz Apulien von nicht mehr als vierhundert Normännern erobert. Mit barbarischer Redlichkeit theilt man sich in den unverhofften Raub. Ohne bei einem apostolischen Stuhl, ohne bei einem Kaiser in Deutschland oder Byzanz anzufragen, ruft die siegreiche Schaar den Eisernen Arm zum Grafen von Apulien aus; jedem normannischen Streiter wird in dem eroberten Land irgend eine Stadt oder ein Dorf zur Belohnung.

Das unerwartete Glück der ausgewanderten Söhne Tancreds erweckte bald die Eifersucht der daheim gebliebenen. Der jüngste von diesen, Robert Guiscard (der Verschlagene), war herangewachsen, und die künftige Größe verkündigte sich seinem ahnenden Geist. Mit zwei andern Brüdern machte er sich auf in das goldne Land, wo man mit den Degen Fürstenthümer angelt. Gerne erlaubten die deutschen Kaiser, Heinrich II. und III., diesem Heldengeschlechte, zu Vertreibung ihres verhaßtesten Feindes und zu Italiens Befreiung ihr Blut zu verspritzen. Gewonnen dünkte ihnen für das abendländische Reich, was für das morgenländische verloren war, und mit günstigem Auge sahen sie die tapfern Fremdlinge von dem Raube der Griechen wachsen. Aber die Eroberungsplane der Normänner erweitern sich mit ihrer wachsenden Anzahl und ihrem Glück; der Griechen Meister, bezeigen sie Lust, ihre Waffen gegen die Lateiner zu kehren. So unternehmende Nachbarn beunruhigen den römischen Hof. Das Herzogthum Benevent, dem Papst Leo IX. erst kürzlich von Kaiser Heinrich III. zum Geschenke gegeben, wird von den Normännern bedroht. Der Papst ruft gegen sie den mächtigen Kaiser zu Hilfe, der zufrieden ist, diese kriegrischen Männer, die er nicht zu bezwingen hofft, in Vasallen des Reichs zu verwandeln, dem ihre Tapferkeit zur Vormauer gegen Griechen und Ungläubige dienen sollte. Leo IX. bedient sich gegen sie der nimmer fehlenden apostolischen Waffen. Der Fluch wird über sie ausgesprochen, ein heiliger Krieg wird gegen sie gepredigt, und der Papst hält die Gefahr für drohend genug, um mit seinen Bischöfen in eigner Person an der Spitze seines heiligen Heers gegen sie zu streiten. Die Normänner achten gleich wenig auf die Stärke dieses Heers und auf die Heiligkeit seiner Anführer. Gewohnt, in noch kleinerer Anzahl zu siegen, greifen sie unerschrocken an, die Deutschen werden niedergehauen, die Italiener zerstreut, die heilige Person des Papstes selbst fällt in ihre ruchlosen Hände. Mit tiefster Ehrfurcht wird dem Statthalter Petri von ihnen begegnet, und nicht anders als knieend nahen sie sich ihm, aber der Respekt seiner Ueberwinder kann seine Gefangenschaft nicht verkürzen.

Der Einnahme Apuliens folgte bald die Unterwerfung Calabriens und des Gebietes von Capua. Die Politik des römischen Hofes, welche nach mehrern mißlungenen Versuchen dem Unternehmen entsagte, die Normänner aus ihren Besitzungen zu verjagen, verfiel endlich auf den weiseren Ausweg, von diesem Uebel selbst für die römische Größe Nutzen zu ziehen. In einem Vergleich, der zu Amalfi mit Robert Guiscard zu Stande kam, bestätigte Papst Nikolaus II. diesem Eroberer den Besitz von Calabrien und Apulien als päpstlicher Lehen, befreite sein Haupt von dem Kirchenbann und reichte ihm als oberster Lehensherr die Fahne. Wenn irgend eine Macht die Tapferkeit der Normänner mit dem Geschenk dieser Fürstenthümer belohnen konnte, so kam es doch keineswegs dem römischen Bischof zu, diese Großmuth zu beweisen. Robert hatte kein Land weggenommen, das dem ersten Finder gehörte; von dem griechischen oder, wenn man will, von dem deutschen Reich waren die Provinzen abgerissen, welche er sich mit dem Schwert zugeeignet hatte. Aber von jeher haben die Nachfolger Petri in der Verwirrung geerntet. Die Lehensverbindung der Normänner mit dem römischen Hofe war für sie selbst und für diesen das vorteilhafteste Ereigniß. Die Ungerechtigkeit ihrer Eroberungen bedeckte jetzt der Mantel der Kirche; die schwache, kaum fühlbare Abhängigkeit von dem apostolischen Stuhl entzog sie dem ungleich drückenderen Joche der deutschen Kaiser, und der Papst hatte seine furchtbarsten Feinde in treue Stützen seines Stuhls verwandelt.

In Sicilien theilten sich noch immer Saracenen und Griechen, aber bald fing diese reiche Insel an, die Vergrößerungsbegierde der normannischen Eroberer zu reizen. Auch mit dieser beschenkte der Papst seine neuen Clienten, dem es bekanntlich nichts kostete, die Erdkugel mit neuen Meridianen zu durchschneiden und noch unentdeckte Welten auszutheilen. Mit der Fahne, welche der heilige Vater geweihet hatte, setzten die Söhne Tancreds, Guiscard und Roger, in Sicilien über und unterwarfen sich in kurzer Zeit die ganze Insel. Mit Vorbehalt ihrer Religion und Gesetze huldigten Griechen und Araber der normannischen Herrschaft, und die neue Eroberung wurde Rogern und seinen Nachkommen überlassen. Auf die Unterwerfung Siciliens folgte bald die Wegnahme von Benevent und Salerno und die Vertreibung des in der letzten Stadt regierenden Fürstenhauses, welches aber den kurzen Frieden mit der römischen Kirche unterbricht und zwischen Robert Guiscard und dem Papst einen heftigen Streit entzündet. Gregor VII., der gewaltthätigste aller Päpste, kann einige normannische Edelleute, Vasallen und Nachbarn seines Stuhls, weder in Furcht setzen noch bezwingen. Sie trotzen seinem Bannfluch, dessen fürchterliche Wirkungen einen heldenmütigen und mächtigen Kaiser zu Boden schlagen, und eben der herausfordernde Trotz, wodurch dieser Papst die Zahl seiner Feinde vergrößert und ihre Erbitterung unversöhnlich macht, macht ihm einen Freund in der Nähe desto wichtiger. Um Kaisern und Königen zu trotzen, muß er einem glücklichen Abenteurer in Apulien schmeicheln. Bald bedarf er in Rom selbst seines rettenden Arms. In der Engelsburg von Römern und Deutschen belagert, ruft er den Herzog von Apulien zu seinem Beistand herbei, der auch wirklich an der Spitze normannischer, griechischer und arabischer Vasallen das Haupt der lateinischen Christenheit frei macht. Gedrückt von dem Hasse seines ganzen Jahrhunderts, dessen Frieden seine Herrschsucht zerstörte, folgt eben dieser Papst seinen Errettern nach Neapel und stirbt zu Salerno unter dem Schutz von Hautevilles Söhnen.

Derselbe normännische Fürst, Robert Guiscard, der sich in Italien und Sicilien so gefürchtet machte, war das Schrecken der Griechen, die er in Dalmatien und Macedonien angriff und selbst in der Nähe ihrer Kaiserstadt ängstigte. Die griechische Ohnmacht rief gegen ihn die Waffen und Flotten der Republik Venedig zu Hilfe, die durch die reißendsten Fortschritte dieser neuen italienischen Macht in ihren Träumen von Oberherrschaft des adriatischen Meers fürchterlich aufgeschreckt worden. Auf der Insel Cephalenia setzte endlich, früher als sein Ehrgeiz, der Tod seinen Eroberungsplanen eine Grenze. Seine ansehnlichen Besitzungen in Griechenland, lauter Erwerbungen seines Degens, erbte sein Sohn Bohemund, Fürst von Tarent, der ihm an Tapferkeit nicht nachstand und ihn an Ehrsucht noch übertraf. Er war es, der den Thron der Komnener in Griechenland erschütterte, den Fanatismus der Kreuzfahrer den Entwürfen einer kalten Vergrößerungsbegierde listig dienen ließ, in Antiochien sich ein ansehnliches Fürstenthum errang und allein von dem frommen Wahnsinne frei war, der die Fürsten des Kreuzheers erhitzte. Die griechische Prinzessin Anna Komnena schildert uns Vater und Sohn als gewissenlose Banditen, deren ganze Tugend ihr Degen war, aber Robert und Bohemund waren die fürchterlichsten Feinde ihres Hauses; ihr Zeugniß reichte also nicht hin, diese Männer zu verdammen. Eben diese Prinzessin kann es dem Robert nicht vergeben, daß er, ein bloßer Edelmann und Glücksritter, Vermessenheit genug besessen, seine Wünsche bis zu einer Verwandtschaftsverbindung mit dem regierenden Kaiserhause in Konstantinopel zu erheben. Immer bleibt es eine merkwürdige Erscheinung in der Geschichte, wie die Söhne eines unbegüterten Edelmanns in einer Provinz Frankreichs auf gut Glück aus ihrer Heimath auswandern und, durch nichts als ihren Degen unterstützt, ein Königreich zusammenrauben, Kaisern und Päpsten zugleich mit ihrem Arme und ihrem Verstande widerstehen und noch Kraft genug übrig haben, auswärtige Throne zu erschüttern.

Ein andrer Sohn Roberts, mit Namen Roger, war ihm in seinen calabrischen und apulischen Besitzungen gefolgt; aber schon vierzig Jahre nach Roberts Tode erlosch sein Geschlecht. Die normannischen Staaten auf dem festen Lande wurden nunmehr von der Nachkommenschaft seines Bruders in Besitz genommen, welche in Sicilien blühte. Roger, Graf von Sicilien, nicht weniger tapfer als Guiscard, aber eben so gutthätig und milde, als dieser grausam und eigennützig war, hatte den Ruhm, seinen Nachkommen ein glorreiches Recht zu erfechten. Zu einer Zeit, wo die Anmaßungen der Päpste alle weltliche Gewalt zu verschlingen drohten, wo sie den Kaisern in Deutschland das Recht der Investituren entrissen und die Kirche von dem Staat gewaltsam abgetrennt hatten, behauptete ein normännischer Edelmann in Sicilien ein Regal, welches Kaiser hatten aufgeben müssen. Graf Roger drang dem römischen Stuhle für sich und seine Nachfolger in Sicilien die Bewilligung ab, auf seiner Insel die höchste Gewalt in geistlichen Dingen auszuüben. Der Papst war im Gedränge; um den deutschen Kaisern zu widerstehen, konnte er die Freundschaft der Normänner nicht entbehren. Er erwählte also den staatsklugen Ausweg, sich durch Nachgiebigkeit einen Nachbar zu verpflichten, welchen zu reizen allzu gefährlich war. Um aber zu verhindern, daß dieses zugestandne Recht ja nicht mit den übrigen Regalien vermengt würde, um den Genuß desselben im Lichte einer päpstlichen Vergünstigung zu zeigen, erklärte der Papst den sicilianischen Fürsten zu seinem Legaten oder geistlichen Gewalthaber auf der Insel Sicilien. Rogers Nachfolger fuhren fort, dieses wichtige Recht unter dem Namen geborner Legaten des römischen Stuhls auszuüben, welches unter dem Namen der sicilianischen Monarchie von allen nachherigen Regenten dieser Insel behauptet ward.

Roger II., der Sohn des vorhergehenden, war es, der die ansehnlichen Staaten Apulien und Calabrien seiner Grafschaft Sicilien einverleibte und sich dadurch im Besitz einer Macht erblickte, die ihm Kühnheit genug einflößte, sich in Palermo die königliche Krone aufzusetzen. Dazu war weiter nichts nöthig, als sein eigener Entschluß und eine hinlängliche Macht, ihn gegen jeden Widerspruch zu behaupten. Aber derselbe staatskluge Aberglaube, der seinen Vater und Oheim geneigt gemacht hatte, die Anmaßung fremder Länder durch den Namen einer päpstlichen Schenkung zu heiligen, bewog auch den Neffen und Sohn, seiner angemaßten Würde durch eben diese heiligende Hand die letzte Sanktion zu verschaffen. Die Trennung, welche damals in der Kirche ausgebrochen war, begünstigte Rogers Absichten. Er verpflichtete sich den Papst Anaklet, indem er die Rechtmäßigkeit seiner Wahl anerkannte und mit seinem Degen zu behaupten bereit war. Für diese Gefälligkeit bestätigte ihm der dankbare Prälat die königliche Würde und ertheilte ihm die Belehnung über Capua und Neapel, die letzten griechischen Lehen auf italienischem Boden, welche Roger Anstalten machte zu seinem Reich zu schlagen. Aber er konnte sich den einen Papst nicht verpflichten, ohne sich in dem andern einen unversöhnlichen Feind zu erwecken. Auf seinem Haupte versammelt sich also jetzt der Segen des einen Papstes und der Fluch des andern; welcher von beiden Früchte tragen sollte – beruhte wahrscheinlich auf der Güte seines Degens.

Der neue König von Sicilien hatte auch seine ganze Klugheit und Thätigkeit nöthig, um dem Sturm zu begegnen, der sich in den Abend- und Morgenländern wider ihn zusammenzog. Nicht weniger als vier feindliche Mächte, unter denen einzeln genommen keine zu verachten war, hatten sich zu seinem Untergang vereinigt. Die Republik Venedig, welche schon ehmals wider Robert Guiscard Flotten in See geschickt und geholfen hatte, die griechischen Staaten gegen diesen Eroberer zu vertheidigen, waffnete sich aufs neue gegen seinen Neffen, dessen furchtbare Seemacht ihr die Oberherrschaft auf dem adriatischen Busen streitig zu machen drohte. Roger hatte diese kaufmännische Macht an ihrer empfindlichsten Seite angegriffen, da er ihr eine große Geldsumme an Waaren wegnehmen ließ. Der griechische Kaiser Kalojoannes hatte den Verlust so vieler Staaten in Griechenland und Italien und noch die neuerliche Wegnahme von Neapel und Capua an ihm zu rächen. Beide Höfe von Konstantinopel und Venedig schickten nach Merseburg Abgeordnete an Kaiser Lothar, dem verhaßten Räuber ihrer Staaten einen neuen Feind in dem Oberhaupt des deutschen Reichs zu erwecken. Papst Innocentius, an kriegrischer Macht zwar der schwächste unter allen Gegnern Rogers, war einer der furchtbarsten durch die Geschäftigkeit seines Hasses und durch die Waffen der Kirche, die ihm zu Gebote standen. Man überredete den Kaiser Lothar, daß das normannische Reich im untern Italien und die Anmaßung der sicilianischen Königswürde durch Roger mit der obersten Gerichtsbarkeit der Kaiser über diese Länder unverträglich seien, und daß es dem Nachfolger der Ottonen gebühre, der Verminderung des Reichs sich entgegen zu setzen.

So wurde Lothar veranlaßt, einen zweiten Marsch über die Alpen zu thun und gegen König Roger von Sicilien einen Feldzug zu unternehmen. Seine Armee war jetzt zahlreicher, die Blüthe des deutschen Adels war mit ihm, und die Tapferkeit der Hohenstaufen kämpfte für seine Sache. Die lombardischen Städte, von jeher gewohnt, ihre Unterwürfigkeit nach der Stärke der Kriegsheere abzuwägen, mit welchen sich die Kaiser in Italien zeigten, huldigten seiner unwiderstehlichen Macht, und ohne Widerstand öffnete ihm die Stadt Mailand ihre Thore. Er hielt einen Reichstag in den roncalischen Feldern und zeigte den Italienern ihren Oberherrn. Darauf theilte er sein Heer, dessen eine Hälfte unter der Anführung Herzog Heinrichs von Bayern in das Toscanische drang, die andre unter dem persönlichen Commando des Kaisers, längs der adriatischen Seeküste, geraden Wegs gegen Apulien anrückte. Der griechische Hof und die Republik Venedig hatten Truppen und Geld zu dieser Kriegsrüstung hergeschossen. Zugleich ließ die Stadt Pisa, damals schon eine bedeutende Seemacht, eine kleine Flotte dieser Landarmee folgen, die feindlichen Seeplätze anzugreifen.

Jetzt schien es um die normannische Macht in Italien gethan, und nicht ohne Theilnehmung sieht man das Gebäude, an welchem die Tapferkeit so vieler Helden gearbeitet, welches das Glück selbst so sichtbar in Schutz genommen hatte, sich zu seinem Untergang neigen. Glorreiche Erfolge krönen den ersten Anfang Lothars. Capua und Benevent müssen sich ergeben. Die apulischen Städte Trani und Bari werden erobert; die Pisaner bringen Amalfi, Lothar selbst die Stadt Salerno zur Uebergabe. Eine Säule der normännischen Macht stürzt nach der andern, und von dem festen Lande Italiens vertrieben, bleibt dem neuen Könige nichts übrig, als in seinem Erbreich Sicilien eine letzte Zuflucht zu suchen.

Aber es war das Schicksal von Tancreds Geschlecht, daß die Kirche mit und ohne ihren Willen für sie arbeiten sollte. Kaum war Salerno erobert, so nimmt Innocentius diese Stadt als ein päpstliches Lehen in Anspruch, und ein lebhafter Zank entspinnt sich darüber zwischen diesem Papst und dem Kaiser. Ein ähnlicher Streit wird über Apulien rege, über welche Provinz man übereingekommen war einen Herzog zu setzen, dessen Belehnung, als das Zeichen der obersten Hoheit, Innocentius gleichfalls dem Kaiser Lothar streitig macht. Um einen dreißigtägigen verderblichen Streit zu beendigen, vereinigt man sich endlich in der sonderbaren Auskunft, daß Beide, Kaiser und Papst, bei dem Belehnungsakt dieses Herzogs berechtigt sein sollten, zu gleicher Zeit die Hand an die Fahne zu legen, die dem Vasallen bei der Huldigungsfeierlichkeit von dem Lehensherrn übergeben ward.

Während dieses Zwiespalts ruhte der Krieg gegen Roger oder ward wenigstens sehr lässig geführt, und dieser wachsame thätige Fürst gewann Zeit, sich zu erholen. Die Pisaner, unzufrieden mit dem Papst und den Deutschen, führten ihre Flotte zurück, die Dienstzeit der Deutschen war zu Ende, ihr Geld verschwendet, und der feindselige Einfluß des neapolitanischen Himmels fing an, die gewohnte Verheerung in ihrem Lager anzurichten. Ihre immer lauter werdende Ungeduld rief den Kaiser aus den Armen des Siegs. Schneller noch, als sie gewonnen worden, gingen die meisten der gemachten Eroberungen nach seiner Entfernung verloren. Noch in Bononien mußte Lothar die niederschlagende Nachricht hören, daß Salerno sich an den Feind ergeben, daß Capua erobert und der Herzog von Neapel selbst zu den Normännern übergetreten sei. Nur Apulien wurde durch seinen neuen Herzog mit Hilfe eines zurückgebliebnen deutschen Corps standhaft behauptet, und der Verlust dieser Provinz war der Preis, um welchen Roger seine übrigen Länder gerettet sah.

Nachdem der normännische Papst Anaklet gestorben und Innocentius alleiniger Fürst der Kirche geworden war, hielt er im Lateran eine Kirchenversammlung, welche alle Dekrete des Gegenpapstes für nichtig erklärte und seinen Beschützer Roger abermals mit dem Bannfluch belegte. Innocentius zog auch, nach dem Beispiel des Leo, in Person gegen den sicilianischen Fürsten zu Felde, aber auch er mußte, wie sein Vorgänger, diese Verwegenheit mit einer gänzlichen Niederlage und dem Verlust seiner Freiheit bezahlen. Roger aber suchte als Sieger den Frieden mit der Kirche, der ihm um so nöthiger war, da ihn Venedig und Konstantinopel mit einem neuen Angriff bedrohten. Er erhielt von dem gefangenen Papste die Belehnung über sein Königreich Sicilien; seine beiden Söhne wurden als Herzoge von Capua und Apulien anerkannt. Er selbst sowohl als diese mußten dem Papst den Vasalleneid leisten und sich zu einem jährlichen Tribut an die römische Kirche verstehen. Ueber die Ansprüche des deutschen Reichs an diese Provinzen, um derentwillen doch Innocentius selbst den Kaiser wider Rogern bewaffnet hatte, wurde bei diesem Vergleiche ein tiefes Stillschweigen beobachtet. So wenig konnten die römischen Kaiser auf die päpstliche Redlichkeit zählen, wenn man ihres Arms nicht benöthigt war! Roger küßte den Pantoffel seines Gefangenen, führte ihn nach Rom zurück, und Friede war zwischen den Normännern und dem apostolischen Stuhl. Kaiser Lothar selbst hatte auf der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1137 in einer schlechten Bauernhütte zwischen dem Lech und dem Inn sein mühe- und ruhmvolles Leben geendigt.

Unfehlbar war der Plan dieses Kaisers gewesen, daß ihm sein Tochtermann, Herzog Heinrich von Bayern und Sachsen, auf dem Kaiserthron folgen sollte, wozu er wahrscheinlich noch bei seinen Lebzeiten Anstalten zu machen gesonnen gewesen war. Aber ehe er einen Schritt deßwegen thun konnte, überraschte ihn der Tod.

Heinrich von Bayern hatte die Fürsten Deutschlands mit vielem Stolz behandelt und war ihnen auf dem italienischen Feldzug sehr gebieterisch begegnet. Auch jetzt, nach Lothars Tode, bemühte er sich nicht sehr um ihre Freundschaft und machte sie dadurch nicht geneigt, ihre Wahl auf ihn zu richten. Ganz anders betrug sich Konrad von Hohenstaufen, der den Zug nach Italien mitgemacht und auf demselben die Fürsten, besonders den Erzbischof von Trier, für sich einzunehmen gewußt hatte. Außerdem schwebte die kürzlich festgesetzte Wahlfreiheit des deutschen Reichs den Fürsten noch zu lebhaft vor Augen, und alles kam jetzt darauf an, den geringsten Schein einer Rücksicht auf das Erbrecht bei der Kaiserwahl zu vermeiden. Heinrichs Verwandtschaft mit Lothar war also ein Beweggrund mehr, ihn bei der Wahl zu übergehen. Zu diesem allem kam noch die Furcht vor seiner überwiegenden Macht, welche, mit der Kaiserwürde vereinigt, die Freiheit des deutschen Reichs zu Grund richten konnte.

Jetzt also sah man auf einmal das Staatssystem der deutschen Fürsten umgeändert. Die Welfische Familie, welcher Heinrich von Bayern angehörte, unter der vorigen Regierung erhoben, mußte jetzt wieder herabgesetzt werden, und das Hohenstaufische Haus, unter der vorigen Regierung zurückgesetzt, sollte wieder die Oberhand gewinnen. Der Erzbischof von Mainz war eben gestorben, und die Wahl eines neuen Erzbischofs sollte der Wahl des Kaisers billig vorangehen, da der Erzbischof bei der Kaiserwahl eine Hauptrolle spielte. Weil aber zu fürchten war, daß das große Gefolge von sächsischen und bayerischen Bischöfen und weltlichen Vasallen, mit welchen Heinrich auf den Wahltag würde angezogen kommen, die Ueberlegenheit der Stimmen auf seine Seite neigen möchte, so eilte man – wenn es auch eine Unregelmäßigkeit kosten sollte – vor seiner Ankunft die Kaiserwahl zu beendigen. Unter der Leitung des Erzbischofs von Trier, der dem Hohenstaufischen Hause vorzüglich hold war, kam diese in Koblenz zu Stande (1137), Herzog Konrad ward erwählt und empfing auch sogleich zu Aachen die Krone. So schnell hatte das Schicksal gewechselt, daß Konrad, den der Papst unter der vorigen Regierung mit dem Banne belegte, sich jetzt dem Tochtermann eben des Lothar vorgezogen sah, der für den römischen Stuhl doch so viel gethan hatte. Zwar beschwerten sich Heinrich und alle Fürsten, welche bei der Wahl Konrads nicht zu Rath gezogen worden, laut über diese Unregelmäßigkeit; aber die allgemeine Furcht vor der Uebermacht des Welfischen Hauses und der Umstand, daß sich der Papst für Konrad erklärt hatte, brachte die Mißvergnügten zum Schweigen. Heinrich von Bayern, der die Reichsinsignien in Händen hatte, lieferte sie nach einem kurzen Widerstand aus.

Konrad sah ein, daß er dabei noch nicht stille stehen könne. Die Macht des Welfischen Hauses war so hoch gestiegen, daß es eben so gefährliche Folgen für die Ruhe des Reiches haben mußte, dieses mächtige Haus zum Feinde zu haben, als die Erhebung desselben zur Kaiserwürde für die ständische Freiheit gehabt haben würde. Neben einem Vasallen von dieser Macht konnte kein Kaiser ruhig regieren, und das Reich war in Gefahr, von einem bürgerlichen Kriege zerrissen zu werden. Man mußte also die Macht desselben wieder heruntersetzen, und dieser Plan wurde von Konrad III. mit Standhaftigkeit befolgt. Er lud den Herzog Heinrich nach Augsburg vor, um sich über die Klagen zu rechtfertigen, die das Reich gegen ihn habe. Heinrich fand es bedenklich, zu erscheinen, und nach fruchtlosen Unterhandlungen erklärte ihn der Kaiser auf einem Hoftag zu Würzburg in die Reichsacht; auf einem andern zu Goslar wurden ihm seine beiden Herzogtümer Sachsen und Bayern abgesprochen.

Diese raschen Urtheile wurden von eben so frischer That begleitet. Bayern verlieh man dem Nachbar desselben, dem Markgrafen von Oestreich; Sachsen wurde dem Markgrafen von Brandenburg, Albrecht der Bär genannt, übergeben. Bayern gab Herzog Heinrich auch ohne Widerstand auf, aber Sachsen hoffte er zu retten. Ein kriegerischer ihm ergebener Adel stand hier bereit, für seine Sache zu fechten, und weder Albrecht von Brandenburg, noch der Kaiser selbst, der gegen ihn die Waffen ergriff, konnten ihm dieses Herzogthum entreißen. Schon war er im Begriff, auch Bayern wieder zu erobern, als ihn der Tod von seinen Unternehmungen abrief und die Fackel des Bürgerkriegs in Deutschland verlöschte. Bayern erhielt nun der Bruder und Nachfolger des Markgrafen Leopold von Oesterreich, Heinrich, der sich im Besitz dieses Herzogthums durch eine Heirathsverbindung mit der Wittwe des verstorbenen Herzogs, einer Tochter Lothars, zu befestigen glaubte. Dem Sohn des Verstorbenen, der nachher unter dem Namen Heinrichs des Löwen berühmt ward, wurde das Herzogtum Sachsen zurückgegeben, wogegen er auf Bayern Verzicht that. So beruhigte Konrad auf eine Zeit lang die Stürme, welche Deutschlands Ruhe gestört hatten und noch gefährlicher zu stören drohten – um in einem thörichten Zug nach Jerusalem der herrschenden Schwachheit seines Jahrhunderts einen verderblichen Tribut zu bezahlen.Anmerkung des Herausgebers. Eine Fortsetzung dieser Abhandlung hat im vierten Bande der historischen Memoires (erste Abtheilung) Herr Geheimer Legationsrath von Woltmann geliefert welcher im J. 1795, als damaliger Professor in Jena, sich mit Schillern zur Herausgabe der ersten Abtheilung dieser Memoires verband.