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Und wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er immer wieder

Johanna Spyri: Und wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er immer wieder - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleUnd wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er immer wieder
pages111-136
created20010405
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Johanna Spyri

»Und wer nur Gott zum Freunde hat,
dem hilft er immer wieder«

Erzählung


1. Kapitel

Basti und Fränzeli erlernen ein Lied

In Bürgeln, dem kleinen Dorf oberhalb Altorf, sind im Sommer die grünen Wiesen mit dem duftenden Gras und den frischen Blumen herrlich anzusehen und zu durchwandern. Schattige Nußbäume stehen ringsum, und an ihnen vorbei, die Wiesen hinunter rauscht der schäumende Schächenbach und macht wilde Sprünge, wenn ihm ein Stein im Weg liegt. Am Ende des Dörfchens, wo nur noch, von Efeu überwachsen, ein alter Turm steht, führt ein Fußweg weiter den Bach entlang. Hier steht ein großer, uralter Nußbaum, und unter seinem kühlen Schatten rasten gern die Wanderer und schauen zu den hohen Felsen auf, die in den blauen Himmel hineinragen.

Wenige Schritte von dem alten Baum entfernt führt ein hölzerner Steg über den tosenden Bach, unmittelbar an den Berg hinan, wo der Fußweg steil hinaufgeht. Dort steht ein Häuschen mit einem kleinen Stall daran, höher hinauf wieder eines und noch eines und dann, wie an den Berg gedrückt, das kleinste von allen, mit einer so niedrigen Tür, daß kein Mann eintreten könnte, ohne sich zu bücken. Der Geißenstall hinten ist auch so klein, daß gerade nur die magere Geiß hineingeht, weiter gar nichts. Das Häuschen hat nur zwei Räume, Stube und Kämmerchen daneben, und vor der Stubentür ein Plätzchen, wo der kleine Herd steht. Im Sommer bleibt die Haustür den ganzen Tag offen und macht diesen kleinen Raum hell, sonst ist er ganz dunkel.

In dem Häuschen hat der Wildheuer Joseph gewohnt, aber schon seit vier Jahren ist er tot, und nun wohnen noch seine Frau und zwei Kinder darin – die stille, fleißige Afra mit dem kleinen Basti, dem gesunden Buben, und dem noch kleineren Fränzeli, dem zarten, hellgelockten Mädchen. Der Joseph und die Afra hatten sehr still und friedlich miteinander gelebt und ihre kleine Behausung nur dann verlassen, wenn sie zusammen zur Kirche gingen. Sonst blieb Afra immer zuhause, Joseph aber ging am Morgen zur Arbeit und kam abends wieder.

Als ihnen ein Sohn geschenkt wurde, sahen sie im Kalender nach, und da es der Tag des heiligen Sebastian war, gaben sie ihrem Kind diesen Namen. Als dann das kleine Mädchen an dem Tag des heiligen Franziskus geboren wurde, hießen sie es Franziska, woraus dann, nach der Sitte des Landes, ein Fränzeli wurde.

Die Kinder waren immer Afras bestes Gut gewesen und, seit sie ihren Mann verloren hatte, ihr großer Trost und ihre einzige Freude auf Erden. Sie hielt ihre Kinder so sauber und ordentlich, daß kein Mensch gedacht hätte, sie kämen aus dem geringsten Häuschen und gehörten einer der ärmsten Frauen der ganzen Gegend. Jeden Morgen wusch sie sie mit aller Sorgfalt und kämmte das lichtblonde Lockenhaar des Fränzeli, daß es nicht so verwildert aussehe. Und jeden Sonntagmorgen war von den zwei Hemdlein, die jedes besaß, wieder eines gewaschen, und darüber wurde dem Fränzeli das bessere Röcklein und dem Basti die Höschen vom Vater her angezogen. Sonst hatten beide nichts anderes an, Strümpfe und Schuhe trugen sie den ganzen Sommer nicht.

Im Winter hatte die Mutter dann schon etwas Warmes für sie bereit, freilich nicht viel. Es war nicht notwendig, die Kinder kamen dann fast gar nicht zum Häuschen hinaus.

Aber für diese und alle sonstige Arbeit, die zu tun war, mußte die Afra von früh bis spät auf den Beinen sein und konnte sich wenig Ruhe gönnen. Nichts war ihr zuviel. Wenn sie nur ihre Kinder bei sich hatte und die beiden mit ihren fröhlichen Augen zu ihr aufschauten, vergaß sie gleich alle Müdigkeit, die sie noch eben niederdrücken wollte, und kein Wohlleben der Welt hätte sie für ihre Kinder eingetauscht.

Sie gefielen auch jedem, der sie sah. Wenn sie miteinander Hand in Hand den Berg herunterkamen, denn der Basti hielt als guter Beschützer das Fränzeli immer fest an der Hand, dann sagte manchmal ein Nachbar, der sie vorbeigehen sah, zum andern: »Es hat mich doch schon manchmal gewundert, was die Afra mit ihren Kindern macht. Seit die meinen auf der Welt sind, haben sie nie so appetitlich ausgesehen wie diese zwei.«

»Gerade das wollte ich auch eben sagen«, erwiderte gewöhnlich der andere. »Ich will doch einmal meine Frau fragen, wie das zugeht.«

Die Frauen aber hörten das nicht besonders gern und sagten, da könne man nichts dafür, die einen Kinder seien nun einmal so und die andern anders, und die Afra müsse nicht meinen, daß schöne Kinder die Hauptsache seien.

Das meinte aber die Afra durchaus nicht, nur wollte sie, da ihr der liebe Gott einmal so nette Kinder gegeben hatte, diese nicht durch Schmutz verunstalten. Wenn aber ein Nachbar zu ihr sagte: »Afra, Ihre Kinder gefallen mir. Der Bub ist wie ein Erdbeerapfel, und das Fränzeli mit den zarten Bäcklein und den goldenen Ringellocken ist gerade wie ein Altarbildchen«, dann erwiderte sie: »Wenn sie mir der liebe Gott nur gesund erhält und sie auch brav werden, darum bete ich alle Tage.« Und das tat sie wirklich.

Es waren nun bald fünf Jahre vergangen, seit sie ihren Mann verloren hatte. Der Basti war vor einiger Zeit sechs Jahre alt geworden, das Fränzeli fünf, sah aber, so zart und fein gebaut, wie es war, wohl um zwei Jahre jünger aus als der Basti mit seinen kräftigen Gliedern.

Es war ein rauher Herbst. Früh trat der Winter ein und schien recht hart werden zu wollen. Schon im Oktober fiel tiefer Schnee und blieb liegen. Im November stand das Häuschen der Afra so tief darin, daß man kaum mehr hinaustreten konnte.

Basti und Fränzeli saßen in ihrer Ecke beim Ofen und kamen nie mehr vor die Tür. Die Mutter mußte dann und wann hinausgehen, tat es aber nur, wenn sie nichts mehr zu essen im Haus hatte. Den Berg hinunterzukommen war fast unmöglich, so tief lag der Schnee. Und einen Pfad machte da nur ein einzelner Mann, der noch höher oben wohnte und in dessen Fußstapfen sie dann zu treten suchte. Hatte es aber frisch geschneit, so mußte sie den Weg selbst suchen und sich bahnen.

Kam sie dann von diesen Gängen nach Hause, so war sie oft so müde, daß sie sich mühsam beherrschen mußte, um nicht zusammenzubrechen. Und doch gab's dann noch so viel zu tun, daß sie sich noch lange keine Ruhe gönnen konnte. Aber es war nicht die Müdigkeit, die sie jetzt oft schweigsam machte und ihr manchen schweren Seufzer entlockte, wenn sie endlich abends sich hinsetzte, um noch das Zeug der Kinder zu flicken. Schwere Sorgen drückten sie nieder und wuchsen mit jedem Tag. Oft wußte sie nicht mehr, wie sie ein Stückchen Brot erwerben könnte, so selten bekam sie Arbeit. Und hatte sie eine Woche lang nichts verdient mit Stricken oder Spinnen, so konnte sie kein Brot kaufen, und die wenige Milch von der mageren Geiß war die ganze Nahrung für alle drei.

So sann die Afra oft stundenlang in der Nacht hin und her, was sie tun könnte, um nur irgend etwas, wenn auch noch so wenig, zu erwerben. Denn noch drei lange Wintermonate lagen vor ihr. Sonst, wenn die Mutter die Kinder zu Bett gelegt und sich neben sie an ihre Flickarbeit gesetzt hatte, sang sie ihnen immer ein Lied, und dabei waren sie eingeschlafen. Jetzt saß die Mutter still da, und kein Gesang wollte aus dem gepreßten Herzen aufsteigen.

So saß sie eines Abends schweigend und kummervoll da, draußen heulte der Wind und rüttelte so an dem Häuschen, als wollte er es umwerfen. Das Fränzeli war gleich eingeschlafen, denn wenn es nur die Mutter bei sich sitzen sah, hatte es keinen Kummer, wenn auch der Wind noch so arg heulte und pfiff. Der Basti aber hatte die Augen noch ganz offen und schaute der Mutter zu, wie sie flickte. Plötzlich sagte er: »Aber Mutter, warum singst du nie mehr?«

»Ach Gott«, seufzte sie, »ich kann es nicht mehr.«

»Weißt du das Lied nicht mehr? So warte, ich will dir schon zeigen, wie es geht.« Und Basti setzte sich in seinem Bett auf und fing an zu singen:

Jetzo kommt die Nacht herfür,
Liegt auf Wald und Wegen,
Und wir beten all' zu dir:
Gib uns deinen Segen!«

Mit fester, klarer Stimme hatte Basti völlig richtig den Vers durchgesungen, den er so manchen Abend von der Mutter gehört hatte, und diese war ganz verwundert. Plötzlich schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf. »Den hat mir der liebe Gott geschickt«, sagte sie, und blickte freudig ihren Buben an. »Basti, du kannst mir etwas verdienen helfen. Daß ich für dich und Fränzeli wieder Brot habe, das willst du doch gern?«

»Ja, ja, ich will – jetzt gleich?« fragte Basti in großem Eifer und stieg sofort aus dem Bett.

»Nein, nein, geh nur wieder hinein. Siehst du, wie du frierst?« Und die Mutter steckte schnell den Kleinen wieder unter die Decke. »Aber morgen will ich dich ein Lied lehren, und am Neujahrstag kannst du es den Leuten singen. Es dauert nicht mehr lange bis dahin, und dann geben sie dir Brot und vielleicht Nüsse.«

Basti geriet über die Aussicht auf diese Gaben und auf seine wichtige Tätigkeit in solche Aufregung, daß er gar nicht einschlafen konnte und einmal ums andere fragte: »Mutter, ist es bald morgen?«

Aber zuletzt wurde doch der Schlaf Meister und drückte dem Basti die Augen zu.

Am Morgen erwachte er mit demselben Gedanken, mit dem er eingeschlafen war, aber er mußte sich noch gedulden, denn die Mutter sagte: »Erst am Abend können wir singen, am Tag habe ich viel zu tun.«

Da verkürzte sich Basti die Zeit damit, daß er dem Fränzeli erzählte, was ihn die Mutter lehren wolle, und daß er dann Brot heimbringen werde und vielleicht auch Nüsse. Das Fränzeli hörte ganz gespannt zu und konnte auch kaum den Abend erwarten.

Als es nun dunkel geworden war und die Mutter ihre Arbeit beendet hatte, zündete sie das Lämpchen an, setzte sich an den Tisch und zog das Fränzeli auf die eine, den Basti auf die andere Seite zu sich heran. Dann nahm sie die warmen Strümpfchen vor, die für den Basti zu seiner Reise gestrickt werden mußten, und sagte: »Hör mir jetzt zu, Basti, ich will dir den ersten Vers ein paarmal vorsingen. Dann wollen wir probieren, ob du ihn kannst.«

Und nun fing die Mutter zu singen an. Es dauerte nicht lange, so sang der Basti schon mit, und plötzlich fing auch das Fränzeli mitten hinein ganz eifrig zu singen an. Als das die Mutter hörte, nickte sie ihr freundlich zu. Und als dann der Vers zu Ende war, sagte sie: »Das ist recht, Fränzeli, vielleicht lernst du's auch noch.«

Als sie nun so zusammen ein paarmal den Vers gesungen hatten, fragte die Mutter: »Willst du's nun probieren, Basti? Das Fränzeli hilft auch ein wenig mit. Was meinst du, Fränzeli?«

Das Mädchen nickte fröhlich, und der Basti begann mit fester Stimme sein Lied. Wie mußte aber die Mutter staunen, als das Fränzeli mit einem silberhellen Stimmchen einfiel, das sie vorher noch gar nicht so gehört hatte. Und wenn der Basti noch etwa aus der Melodie fallen wollte, so sang die Kleine weiter wie ein Vögelein, das ohne Mühe und ganz richtig seine Melodie zu Ende singt.

Die Mutter war hocherfreut. Sie hatte nie daran gedacht, daß das kleine Fränzeli mithelfen könne. Und es klang so hübsch, als nun die beiden zusammen sangen, daß sie nur immer hätte zuhören mögen. Sie hatte so viel mehr erreicht, als sie erwartet hatte.

Jeden Abend wurde nun fleißig gesungen, und als die Woche zu Ende war, konnten die Kinder schon das ganze Lied mit allen vier Versen. Das machte ihnen so große Freude, daß sie immer wieder von vorn anfingen, wenn sie zu Ende waren, und gar nicht genug bekommen konnten von ihrem Singen. Die Mutter war sehr froh darüber, denn nun konnte sie sicher sein, daß die Kinder nicht stecken bleiben würden, auch wenn sie nicht bei ihnen wäre.

Der Dezember war gekommen und der Neujahrstag stand vor der Tür. Kurz zuvor setzte sich am Abend die Mutter noch einmal mit den Kindern hin, um zu hören, ob sie auch ganz sicher seien in ihrem Gesang und stimmte das Lied an. Aber jetzt kamen die Kinder der Mutter immer voran, so sicher und eifrig waren sie, und die Mutter mußte ihren Takt ein wenig beschleunigen, wenn sie mithalten wollte. Ohne steckenzubleiben, sangen sie alle vier Verse ihres Neujahrsliedes. Es hieß so:

»Nun ist das alte Jahr dahin,
Ein neues ist gekommen,
Wir wünschen, daß es euch erschien
Zu eurem Heil und Frommen.

Jetzt ist die kalte Winterzeit,
Die Erde starrt im Eise,
Doch ist der liebe Gott nicht weit
Und hilft nach seiner Weise.

Doch wird es manchem Vöglein schwer,
Sein Futter zu erreichen,
Und auch die Kinder ziehn umher
Und suchen sich desgleichen.

Nun komm in diesem neuen Jahr
Viel Segen auf euch nieder,
Und wer nur Gott zum Freunde hat,
Dem hilft er immer wieder.«

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