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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Vierunddreißigstes Kapitel

Mr. Heathcliff vermied es nach diesem Abend einige Tage lang, uns bei den Mahlzeiten zu treffen. Hareton und Cathy waren aber nicht ausdrücklich von ihm ausgeschlossen worden. Lieber hielt er sich selbst fern, um sich von seinen Gefühlen nicht noch einmal hinreißen zu lassen. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden nur einmal zu essen, genügte ihm offenbar.

Eines Abends, als man schon zu Bett gegangen war, hörte ich ihn die Treppe hinuntersteigen und durch die vordere Tür hinausgehen. Ich hörte ihn nicht wiederkommen. Am Morgen stellte ich fest, daß er noch nicht zurück war. Wir standen im April, das Wetter war mild, das Gras so grün, wie wechselnder Regen und Sonnenschein es nur bewirken konnten; an der Südwand des Hauses blühten die beiden Zwergapfelbäume. Nach dem Frühstück brachte ich mir auf Catherines Wunsch einen Stuhl hinaus und setzte mich mit meiner Arbeit unter die Föhren an der Ecke. Hareton mußte ihren kleinen Garten umgraben und einrichten, der auf Josefs große Beschwerde hin an diese Hausecke verlegt worden war. Mit Wonne genoß ich den duftenden Frühling, mit dem herrlich sanften Blau des Himmels über uns. Cathy war bis zum Gatter gelaufen, um Primelpflanzen zur Einfassung eines Beetes zu holen. Jetzt kehrte sie nur mit einem halben Bündel zurück und sagte, Mr. Heathcliff sei hereingekommen.

»Er hat mich sogar angesprochen«, fügte sie mit verdutztem Gesicht hinzu.

»Was sagte er?« fragte Hareton.

»Er sagte allerdings, ich solle so schnell wie möglich abziehen. Aber dabei sah er so völlig anders aus als sonst, daß ich noch einen Augenblick stehen blieb und ihn anstarrte.«

»Wie war er denn?«

»Heiter, fast strahlend. Nein, nicht nur fast, sondern sehr erregt und überschwenglich und froh!«

»Also bekommt ihm das Nachtwandeln«, bemerkte ich und tat unbefangen. Tatsächlich war ich mindestens so überrascht wie Catherine und sehr gespannt, ob ich ihren Eindruck bestätigt finden würde. Den Herrn froh zu sehen, war kein alltägliches Schauspiel. Ich ging unter einem Vorwand hinein.

Heathcliff stand an der offenen Tür. Er war bleich und zitterte. Dennoch leuchtete eine seltsame Freude in seinen Augen, so daß sein Gesicht wie verwandelt war.

»Wünschen Sie etwas zum Frühstück?« fragte ich. »Sie waren die ganze Nacht unterwegs und müssen hungrig sein.« Ich wollte erfahren, wo er gewesen war, ohne unmittelbar danach zu fragen. »Ich bin nicht hungrig«, erwiderte er mit abgewandtem Kopf. Sein Ton war gewissermaßen verächtlich, wie zur Abwehr meines Versuches, die Ursache seiner guten Stimmung zu erforschen.

Ich wußte nicht recht, ob es angebracht war, in diesem Augenblick allzusehr zu drängen: »Das Bett ist immerhin in dieser feuchten Jahreszeit einer langen Nachtwanderung vorzuziehen! Sie können sich erkältet haben. Vielleicht haben Sie Fieber, irgend etwas scheint Ihnen zu fehlen.«

»Nichts, was ich nicht aushalten könnte, und sogar mit der größten Freude, falls du mich allein läßt. Geh weg und ärgere mich nicht.«

Als ich an ihm vorüberkam, merkte ich, daß er hastig atmete, wie ein Tier. Ja, dachte ich, da werden wir uns eine Krankheit geholt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, was er diesmal gemacht hat.

Mittags setzte er sich mit uns zu Tisch und ließ sich von mir einen gehäuft vollen Teller geben, als wollte er das lange Fasten wieder ausgleichen. »Übrigens bin ich weder erkältet, noch habe ich Fieber, Nelly«, sagte er, »und ich gedenke deinen Speisen Ehre anzutun.«

Er nahm Messer und Gabel und wollte beginnen. Plötzlich schien die Lust zum Essen wieder verschwunden zu sein. Er legte das Besteck auf den Tisch und starrte zum Fenster. Dann erhob er sich und ging hinaus. Während wir die Mahlzeit fortsetzten, sahen wir ihn im Garten hin und her schreiten. Earnshaw entschloß sich, ihn zu fragen, warum er nicht essen wolle, und ob wir ihn vielleicht erzürnt hätten.

»Also? Kommt er?« rief Catherine dem zurückkehrenden jungen Mann entgegen.

»Nein. Aber er ist nicht zornig, eher merkwürdig munter. Er wurde nur ungeduldig, weil ich ihn zweimal anredete. Dann hieß er mich zu dir zurückgehen und äußerte, er wundere sich, daß ich überhaupt mit einem anderen zusammensein möge.«

Ich stellte seinen Teller auf der Kaminplatte warm. Erst nach geraumer Zeit, als das Zimmer leer war, kam er herein, aber um keinen Grad ruhiger. Der gleiche unnatürliche Ausdruck der Freude unter den dunklen Brauen (denn er war unnatürlich), das gleiche blutlose Antlitz, darin die Zähne manchmal von einer Art Lächeln sichtbar wurden – und sein ganzer Körper zitterte, nicht wie von einem Schüttelfrost oder einem Schwächeanfall, sondern so, wie eine mächtig angespannte Saite bebt – eher ein tiefes Erschauern als ein Zittern.

Ich will ihn fragen, was ihm geschehen ist, überlegte ich, denn wer soll es sonst tun? »Haben Sie eine gute Nachricht erhalten, Mr. Heathcliff? Sie machen einen ungewöhnlich angeregten Eindruck.«

»Woher sollten gute Nachrichten für mich kommen? Es ist der Hunger, der mich erregt. Aber anscheinend soll ich nicht essen.«

»Ihre Mahlzeit steht hier. Warum wollen Sie nichts nehmen?«

»Ich mag jetzt nicht«, murmelte er hastig, »ich will bis zum Abendbrot warten. Und ein für allemal, Nelly, halte mir bitte Hareton und die andere fern. Ich möchte von niemandem gestört werden, ich möchte diesen Raum für mich allein haben.«

»Liegt irgendein neuer Grund vor, daß Sie uns von sich verbannen? Erklären Sie mir doch, warum Sie so eigentümlich sind, Mr. Heathcliff. Wo waren Sie in der Nacht? Ich frage wirklich nicht aus müßiger Neugier, sondern –«

»Aus sehr müßiger Neugier!« unterbrach er mich strahlend. »Aber ich will dir eine Antwort geben. In dieser Nacht stand ich am Tor der Hölle. Heute blicke ich in den Himmel. Ich lasse meine Augen eintreten, kaum drei Schritte trennen mich davon. Nun aber geh lieber. Du wirst nichts Schlimmes hören oder sehen, wenn du auf alle Nachforschungen verzichtest.«

Als ich den Kamin gefegt und den Tisch abgewischt hatte, verließ ich das Zimmer, bestürzter als je. Am Nachmittag ging Heathcliff nicht mehr aus, und niemand drang in seine Einsamkeit. Um acht Uhr hielt ich es für richtig, obwohl er nichts verlangt hatte, eine Kerze und sein Essen hineinzutragen. Er lehnte an einem offenen Fenster, ohne hinauszublicken. Sein Antlitz war der Dunkelheit innen zugewandt. Im Kamin war das Feuer zu Asche geworden, den Raum erfüllte die sanft-feuchte Luft des bewölkten Abends. Es war so still, daß man das Murmeln des Baches unten in Gimmerton unterschied und sein Plätschern an den Kieseln und sein Gurgeln rings um die Steine, über die er nicht hinwegfließen konnte. Ich sagte irgend etwas Unmutiges über das ausgegangene Feuer und begann danach die Fensterflügel einen nach dem anderen zu schließen, bis ich zu ihm kam. »Darf ich das Fenster zumachen?« fragte ich, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, denn er rührte sich nicht. Das Licht meiner Kerze flackerte über sein Gesicht. Oh, Mr. Lockwood, ich kann Ihnen nicht beschreiben, welchen unheimlichen Anblick er bot. Die schwarzen Augen in ihren tiefen Höhlen, das geisterhafte Lächeln, die schauerliche Blässe! Es war nicht Mr. Heathcliff, sondern ein Gespenst. Vor Schrecken stieß ich die Kerze gegen die Wand, und sie erlosch.

»Ja, schließe das Fenster.« Es war seine gewohnte Stimme. »Wie ungeschickt. Warum hast du die Kerze waagrecht gehalten? Hol eine andere.«

In ganz törichtem Entsetzen rannte ich hinaus und sagte zu Josef: »Du sollst dem Herrn ein Licht hineinbringen und das Feuer wieder anzünden.«

Josef legte Glut auf eine Schaufel und begab sich hinein. Er kam damit sogleich wieder zurück und trug in der anderen Hand das Tablett mit den Speisen. Mr. Heathcliff gehe zu Bett und wünsche bis zum Morgen nichts zu essen.

Wir hörten ihn hinaufsteigen. Er begab sich nicht in sein eigenes Zimmer, sondern in jenes mit dem Truhenbett. Dort ist, wie Sie wissen, ein Fenster, das breit genug ist, um jemanden hindurchzulassen. Ich ahnte, daß er einen erneuten mitternächtlichen Ausflug plante, den er uns verheimlichen wollte.

Ist das ein Dämon, ein Vampir? dachte ich. Von solchen schauerlichen, zu Fleisch gewordenen Geistern hatte ich gehört.

Ich ließ die Erinnerungen an mir vorbeiziehen, wie ich ihn in seiner Kindheit gepflegt hatte, wie ich ihn zum Jüngling heranwachsen sah und fast seinen ganzen Lebenslauf begleitete. Da sagte ich mir, es sei töricht, jetzt einem solchen Gefühl des Entsetzens nachzugeben. Aber woher kam er eigentlich, der dunkle kleine Junge, den einst ein guter Mann auflas und zum eigenen Unheil des Knaben in seine Familie aufnahm? lispelte mir der Aberglaube vor dem Einschlummern zu. Im Halbschlaf quälte ich mich damit herum, mir seine Abstammung vorzustellen, seine Herkunft zu erraten. Indem ich eine Brücke von meinen wachen Überlegungen zu meinen traumhaften hinüberschlug, verfolgte ich sein Dasein von neuem, mit allerlei grausigen Abweichungen. Schließlich malte ich mir sogar seinen Tod und sein Begräbnis aus. Davon ist mir im Gedächtnis geblieben, daß ich mir die peinigende Aufgabe auferlegte, eine Inschrift zu seinem Grabstein vorzuschlagen, und daß ich mit dem Totengräber darüber beriet. Wir kannten weder seinen Familiennamen noch das Alter und mußten uns mit einem einzigen Wort begnügen: »Heathcliff.« Und dies ist zur Wahrheit geworden. Wenn Sie auf den Friedhof gehen, lesen Sie auf seinem Grabstein dieses eine Wort, dazu das Datum seines Todes.

Beim Anbruch des Morgens wurde ich wieder vernünftig. Sobald es hell genug war, ging ich in den Garten, um nach Fußspuren unter jenem Fenster zu suchen. Es waren keine vorhanden. Er ist daheim geblieben und wird heute wieder umgänglich sein! Als ich wie gewöhnlich für uns alle das Frühstück bereitet hatte, holte ich Hareton und Catherine ins Zimmer, ehe der Herr herunterkam; denn er blieb lange hegen. Die beiden frühstückten lieber im Freien, und ich setzte einen kleinen Tisch hinaus, um es ihnen unter den Bäumen gemütlich zu machen.

Beim Zurückkommen fand ich Mr. Heathcliff unten vor. Er unterhielt sich mit Josef über eine Gutsangelegenheit, mit klaren und genauen Anweisungen zur Sache. Aber er sprach sehr schnell und drehte den Kopf unaufhörlich seitwärts. Sein Ausdruck war ebenso gehetzt wie gestern, vielleicht noch mehr. Nach Josefs Weggang setzte er sich auf seinen gewohnten Platz; ich stellte ihm eine Tasse Kaffee hin, die er näher zu sich heranzog. Dann aber stützte er die Ellbogen auf den Tisch und sah auf die gegenüber liegende Wand. Mir war, als habe er eine einzige bestimmte Stelle im Auge. Dorthin schoß sein ruheloser glitzernder Blick, mit so gesammelter Kraft, daß ihm selbst der Atem für eine Weile stockte.

»Kommen Sie doch«, sagte ich, indem ich das Brot dicht an seine Hand schob, »essen und trinken Sie, solange der Kaffee heiß ist, er steht schon so lange da.«

Er beachtete mich nicht. Jetzt lächelte er. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte mit den Zähnen geknirscht, als in dieser Art gelächelt.

»Mr. Heathcliff! Lieber Herr! Um Gottes willen, Sie starren, als hätten Sie eine überirdische Erscheinung!«

»Um Gottes willen, schrei nicht so laut! Sieh dich um und sage mir, ob wir allein sind?«

»Natürlich«, war meine Antwort, »natürlich sind wir allein.« Dennoch drehte ich mich unwillkürlich um, als sei ich nicht ganz sicher. Mit einer Handbewegung schob er das gesamte Frühstücksgeschirr beiseite und beugte sich vor, als wolle er noch besser sehen.

Jetzt erkannte ich, daß er gar nicht auf die Wand blickte. Seine Augen erweckten den Eindruck, als schauten sie auf etwas, das sich in einer ganz anderen Entfernung von ihm befand. Was immer es war, es schien ihm Freude und Schmerz zugleich zu bereiten, und beides in außerordentlichem Maße, nach seinem gemarterten und doch verzückten Gesicht zu schließen. Der Gegenstand seiner Betrachtung schien sich zu bewegen. Seine Augen folgten mit unermüdlicher Aufmerksamkeit und wandten sich auch beim Gespräch mit mir nicht ab. Umsonst wiederholte ich meine Ermahnungen, da er übertrieben lange nichts zu sich genommen habe. Wenn er auf meine Worte hin die Hand nach einem Stück Brot ausstreckte, krampften sich seine Finger zusammen, bevor sie es erreicht hatten, und blieben auf dem Tisch liegen, als hätten sie ihre Absicht vergessen.

Mit musterhafter Geduld saß ich bei ihm, weiter bestrebt, ihn von der immer zunehmenden Anspannung seines ganzen Wesens abzubringen. Plötzlich stand er auf und fragte, warum man ihn seine Mahlzeit nicht dann einnehmen lasse, wann es ihm genehm sei. Nächstes Mal solle ich nicht warten, sondern ihm die Platten hinsetzen und weggehen. Er verließ das Haus, schritt langsam den Gartenweg hinab und verschwand durch das Tor.

Ängstlich schlichen die Stunden dahin, und wieder kam der Abend. Ich begab mich erst spät zur Ruhe, konnte aber nicht schlafen. Nach Mitternacht kehrte er zurück und legte sich nicht in sein Bett, sondern schloß sich im Zimmer unten ein. Ich lauschte, warf mich hin und her, zog mich schließlich an und stieg hinunter. Ich hielt es nicht mehr aus, dort oben zu liegen und mein Gehirn mit hundert müßigen Vorstellungen zu peinigen.

Mr. Heathcliffs Schritte hallten ruhelos auf den Fliesen. Dazwischen holte er tief Atem, es klang in der Stille eher wie ein Stöhnen. Auch zusammenhanglose Worte hörte ich, die er vor sich hin murmelte. Alles, was ich davon vernehmen konnte, war der Name Catherine, verbunden mit wilden Worten der Zärtlichkeit oder des Leidens. Er sprach so, als sei die Angeredete zugegen. Er sprach sehr leise, sehr ernst, aus der Tiefe der Seele. Ich hatte nicht den Mut, einfach ins Zimmer zu treten, und wollte ihn doch aus seinem Zustand erlösen. Da verfiel ich auf etwas Simples: ich schürte laut das Küchenfeuer und kratzte die Asche aus. Dies Geräusch zog ihn rascher herbei, als ich erwartet hatte; er öffnete die Tür und sagte:

»Komm her, Nelly. Ist es Morgen? Komm mit deinem Licht herein.«

»Es schlägt vier Uhr. Sie brauchen Licht für die Treppe? Sie hätten sich hier am Feuer eine Kerze anzünden können.«

»Nein, ich will nicht hinaufgehen. Komm herein und mache mir Feuer an und räume das Zimmer auf.«

»Ich muß die Kohlen anblasen, um Ihnen Glut zu bringen.«

Ich holte mir einen Stuhl und den Blasebalg.

Er nahm seine Wanderung wieder auf, einförmig wie ein Wahnsinniger, und die Seufzer folgten sich jetzt so dicht, daß dazwischen für einen natürlichen Atemzug kaum Zeit blieb.

»Sobald es Tag ist, schicke ich zu Green«, sagte er. »Er soll mir einige Rechtsfragen beantworten, solange ich mich noch mit solchen Dingen befassen und ruhig über mein Eigentum verfügen kann. Ich habe mein Testament noch nicht aufgesetzt und kann mich nicht entscheiden, wie ich das Meine hinterlassen soll. Am liebsten würde ich alles vom Erdboden vertilgen.«

»Wie können Sie so reden, Mr. Heathcliff! Lassen Sie die Erbangelegenheiten noch eine Weile liegen. Sie werden noch viel Zeit vor sich haben, um Ihre vielen Ungerechtigkeiten zu bereuen. Ich hätte nicht erwartet, daß Ihre Nerven Ihnen einmal so sehr zu schaffen machen würden; tatsächlich sind sie ganz zerrüttet, und fast nur durch Ihre eigene Schuld. Was Sie in den drei letzten Tagen gemacht haben, hätte einen Riesen umwerfen können. Nun essen Sie endlich und ruhen Sie sich aus. Sie brauchen sich nur im Spiegel zu betrachten, um zu erkennen, wie nötig Ihnen beides ist. Sie haben hohle Wangen und umschattete Augen, eben wie jemand, der vor Hunger schwach ist und vor Schlaflosigkeit fast blind.«

»Es liegt nicht an mir, daß ich nicht schlafen und essen kann. Glaube mir, ich tue es nicht absichtlich und werde essen und schlafen, sobald es mir möglich ist. Ebensogut aber könntest du von einem mit dem Meer kämpfenden Menschen verlangen, er solle sich so verhalten, als sei das Ufer nur um Armeslänge entfernt. Zuerst muß ich das Ufer erreichen, dann kann ich ruhen. Mr. Green tut hier nichts zur Sache. Was aber meine Ungerechtigkeiten betrifft: ich habe keine begangen und bereue nichts. Ich bin allzu glücklich und bin nicht glücklich genug. Die Seligkeit in meinem Innern tötet meinen Körper und ist doch von sich selbst nicht befriedigt.«

»Glücklich sind Sie, Herr? Ein seltsames Glück! Wenn Sie auf mich hören könnten, ohne zornig zu werden, möchte ich Ihnen einen Rat geben, der Sie in Wahrheit glücklicher machen würde.«

»Welchen? Rate mir nur.«

»Sie wissen selbst, Mr. Heathcliff, daß Sie etwa seit Ihrem dreizehnten Jahre ein selbstsüchtiges unchristliches Leben geführt haben. Wahrscheinlich hielten Sie seitdem nie eine Bibel in der Hand. Sie werden vergessen haben, was in der Heiligen Schrift steht, und können dies vielleicht nicht mehr nachholen. Müßte es unter diesen Umständen so schlecht sein, einen – einen Geistlichen, und ganz gleich welchen Bekenntnisses, kommen zu lassen, der Ihnen die Lehre auslegt, der Ihnen zeigt, wie weit Sie von den Vorschriften abgewichen sind, wie wenig Sie für den Himmel vorbereitet sind, wenn Sie sich vor Ihrem Tode nicht ändern?«

»Ich bin durchaus nicht zornig, sondern dir sehr verbunden, Nelly – daß du mich an eine Anordnung erinnerst, auf welche Weise ich begraben sein will. Am Abend soll man mich zum Friedhof tragen. Du und Hareton können meinem Sarge folgen, wenn ihr wollt. Denke vor allem daran, daß der Totengräber meine Weisungen, die beiden Särge betreffend, ausführt. Kein Geistlicher soll dabei sein, keine Grabrede soll gesprochen werden. Ich sage dir, meinen Himmel habe ich schon fast erreicht, und der Himmel anderer Leute ist für mich wertlos, ich sehne mich nicht danach.«

»Und wenn wir also annehmen, daß Sie in Ihrem eigensinnigen Fasten verharren und wirklich daran sterben, und man würde es ablehnen, Sie als Selbstmörder innerhalb des Gottesackers zu begraben?« fragte ich, aufgebracht über seine gottlose Gleichgültigkeit. »Wie würde Ihnen dies gefallen?«

»Das wird man nicht tun, und wenn es doch der Fall wäre, müßtest du mich heimlich an der richtigen Stelle beisetzen lassen. Versäumst du diese Pflicht, so wird an dir der Beweis geführt werden, daß die Toten ihre Macht behalten!«

Als er hörte, daß die anderen Mitglieder der Familie aufstanden, zog er sich in seine Höhle zurück, und ich atmete freier. Am Nachmittag, Josef und Hareton waren an ihre Arbeit gegangen, trat er in die Küche und ersuchte mich mit wilden Blicken, mich zu ihm in den Wohnraum zu setzen. Er brauche einen Menschen zur Gesellschaft. Ich lehnte es ab, denn sein seltsames Wesen und Reden flößte mir, offen gesagt, Furcht ein, und ich hatte nicht die Nerven und auch nicht die Absicht, allein bei ihm zu sein.

»Du hältst mich sicher für den höllischen Feind in Person, für zu greulich, um unter einem anständigen Dach wohnen zu dürfen«, antwortete er mit seinem schauerlichsten Lachen. Dann wandte er sich zu Catherine, die bei mir stand und sich bei seiner Annäherung hinter mich stellte. Halb scherzhaft sagte er: »Aber du willst vielleicht zu mir kommen, mein Täubchen? Ich werde dir nichts tun. Nein. Dir habe ich mich in der Tat von einer grausamen Seite gezeigt. So weiß ich nur noch eine, die vor meiner Gesellschaft nicht zurückschreckt. Bei Gott, sie ist hart! Oh, verdammt, all das ist für ein Geschöpf aus Fleisch und Blut nicht mehr zu ertragen, selbst für mich nicht.«

Von nun an suchte er das Zusammensein mit niemandem mehr. Beim Anbruch der Dämmerung vergrub er sich in seinem Zimmer, und die ganze Nacht hindurch bis weit in den Morgen hörten wir ihn stöhnen und grollen und mit sich selbst sprechen. Hareton wollte hineingehen, aber ich ließ lieber den Doktor Kenneth holen, der nach ihm sehen sollte. Als der Arzt kam und ich um Einlaß bat und die Tür zu öffnen versuchte, war sie verschlossen. Heathcliff verfluchte uns: es gehe ihm besser, wir hätten ihn allein zu lassen. So entfernte sich der Doktor wieder.

Am nächsten Abend goß es in Strömen, bis zur Morgendämmerung. Als ich meinen Rundgang um das Haus machte, sah ich das Fenster des Herrn weit offen; es regnete hinein. Er konnte nicht im Bett sein, sonst wäre er vollkommen durchnäßt worden. Entweder ist er aufgestanden oder sogar ausgegangen. Jetzt mache ich keine Umstände mehr, ich trete ein und überzeuge mich.

Mit einem anderen Schlüssel öffnete ich die Tür. Das Zimmer war leer. Aber ich trat zu dem Truhenbett und schob die Täfelung beiseite. Da lag Mr. Heathcliff. Er lag auf dem Rücken. Seine Augen begegneten den meinen offen und durchdringend. Ich fuhr zusammen. Dann war mir, als ob er lächelte. Ich konnte nicht glauben, daß er tot sei.

Aber Gesicht und Hals waren naß vom Regen; das Bettzeug tropfte; er lag regungslos. Der hin und her schwingende Fensterflügel hatte die Haut der einen Hand, die auf dem Sims ruhte, verletzt. Es floß kein Blut heraus. Als ich ihn mit meinen Fingern berührte, konnte ich nicht mehr zweifeln. Er war tot.

Nachdem ich das Fenster befestigt hatte, kämmte ich ihm das lange schwarze Haar aus der Stirn. Ich versuchte, seine Augen zu schließen, um diesen furchtbaren lebendigen Ausdruck, wenn möglich, verschwinden zu lassen, bevor ein anderer ihn sah. Die Augen wollten sich nicht schließen, sie schienen all meiner Mühe zu spotten. Und die geöffneten Lippen und die scharfen weißen Zähne spotteten auch. Wiederum von feiger Angst ergriffen, rief ich nach Josef. Mit großem Geräusch schlurfte Josef herauf. Aber er lehnte es entschieden ab, sich mit ihm zu befassen und äußerte:

»Der Teufel hat seine Seele davongetragen, jetzt soll er seine Leiche auch wegbringen. Ich mache mir nichts daraus. Ach, was ist das für ein schlechter Kerl, daß er noch im Tode grinst!«

Der alte Sünder aber grinste seinerseits vor lauter Hohn. Ich erwartete, daß er sich noch in Luftsprüngen rings um das Totenbett ergehen würde. Doch plötzlich besann er sich, fiel auf die Knie, hob die Hände und begann ein Dankgebet, weil nun der wahre Herr nach dem Gesetz und die angestammte Familie wieder in ihre Rechte eingesetzt würden.

Ich war von dem Ereignis wie betäubt, und meine Erinnerungen flogen mit den Schwingen der Traurigkeit zu den alten Zeiten zurück. Aber der arme Hareton, dem das stärkste Unrecht zugefügt worden war, erwies sich jetzt als der einzige, der wirklich trauerte. Während der ganzen Nacht saß er bei dem Toten und weinte bitterlich. Er küßte das wilde höhnische Gesicht, das die anderen kaum betrachten wollten. Er beklagte ihn mit dem reinen ursprünglichen Schmerz, der einem großmütigen Herzen entspringt, auch wenn es fest wie Stahl ist.

Dr. Kenneth war in Verlegenheit, der Krankheit einen Namen zu geben, an der Mr. Heathcliff gestorben war. Ich verschwieg, daß er vier Tage lang nichts zu sich genommen hatte; dies konnte zu unnötigem Aufsehen führen. Ganz bestimmt hatte er auch nicht absichtlich gefastet. Es war die Folge seiner absonderlichen Krankheit, nicht ihre Ursache.

Wir begruben ihn, wie er es gewünscht hatte, obwohl die gesamte Nachbarschaft daran Ärgernis nahm. Earnshaw und ich, der Totengräber und sechs Männer, die den Sarg trugen, bildeten das ganze Geleit. Nachdem die sechs Leute den Sarg in die Grube versenkt hatten, gingen sie davon. Wir blieben, bis der Totengräber das Grab geschlossen hatte. Mit tränennassem Gesicht hob Hareton grüne Rasenstücke aus und legte sie selbst über den braunen Hügel.

Jetzt ist dieses schon so sanft und frisch bewachsen wie die anderen ringsum. Ich hoffe, er selbst schläft ebenso friedlich wie die anderen. Aber die Landleute hier würden, wenn man sie befragte, auf die Bibel schwören, daß er umgeht! Einige wollen ihn an der Kirche getroffen haben, andere im Moor und manche sogar hier im Hause. Unsinn, werden Sie sagen, und das sage auch ich. Freilich, der alte Mann dort am Küchenfeuer beschwört, er habe an jedem regnerischen Abend seit seinem Tode zwei Gestalten gesehen, die aus dem Fenster seines Zimmers herausblickten.

Und etwas Sonderbares stieß mir selbst vor einem Monat zu. Ich ging nach Thrushcross Grange, an einem dunklen gewitternden Abend, und an der Biegung des Weges von Wuthering Heights traf ich einen kleinen Jungen mit einem Schaf und zwei Lämmern vor sich. Er weinte zum Erbarmen; ich nahm an, die Tiere seien störrisch und ließen sich nicht führen.

»Was ist denn los, kleiner Mann?«

»Da unten ist Heathcliff und eine Frau, da unter dem Felsen, und ich traue mich nicht vorbei!« stotterte er.

Ich sah nichts. Aber nicht nur er selbst, auch die Schafe wollten nicht weitergehen. Ich riet ihm zu dem anderen, etwas tieferen Wege. Vermutlich hatte er selbst die Phantome heraufbeschworen, weil er, durch das einsame Moor wandelnd, an all den Unsinn dachte, den er so oft seine Eltern und Freunde hatte erzählen hören. Und doch bin auch ich jetzt gern in der Dunkelheit draußen und bleibe auch nicht gern allein in diesem düsteren Hause. Ich kann mir nicht helfen: wenn die beiden jungen Leute ausziehen und nach Grange übersiedeln, werde ich ganz froh sein.«

»Also werden sie nach Thrushcross Grange gehen?«

»Ja, Mr. Lockwood«, erwiderte Mrs. Dean, »sobald sie geheiratet haben, und das wird am Neujahrstag sein.«

»Und wer wird dann in Wuthering Heights wohnen?«

»Josef soll das Haus versorgen und wohl einen jungen Gehilfen bekommen. Sie werden die Küche innehaben; alles übrige wird abgeschlossen.«

»Zur Benutzung für die Gespenster, denen es gefällt, darin zu wohnen.«

»Nein.« Ellen Dean schüttelte den Kopf. »Ich glaube, daß die Toten ruhen. Doch soll man nicht leichtfertig von ihnen sprechen.«

In diesem Augenblick schlug draußen das Gartentor zu. Die Spaziergänger kehrten zurück.

Die beiden dort fürchten sich vor nichts, dachte ich, und sah durch das Fenster, wie sie näher kamen; zusammen würden sie dem Satan und seinen Heerscharen trotzen.

Als sie die Stufen heraufstiegen und eine Weile anhielten, um den Mond zu betrachten – vielmehr, um in seinem Licht einander zu betrachten – fühlte ich den dringenden Wunsch, ihnen auch jetzt wieder aus dem Wege zu gehen. Ich drückte Mrs. Dean einen kleinen Beweis meiner Erkenntlichkeit in die Hand, und obwohl sie mich wegen meiner Unhöflichkeit schalt; verschwand ich durch die Küche, als sie die Haustür öffneten. Diese meine Heimlichkeit hätte Josef in seinem Verdacht auf die Haushälterin und mich bestärkt, wenn nicht das süße Klimpern eines Goldstücks zu seinen Füßen ihn davon überzeugt hätte, daß ich als eine achtbare Persönlichkeit anzusehen sei.

Mein Heimweg verlängerte sich, da ich noch zur Kirche abbog. Als ich vor ihren Mauern stand, sah ich, wie stark der Verfall während dieser sieben Monate fortgeschritten war. Manche Fenster, ohne Scheiben, glichen nur noch dunklen Spalten im Stein. An vielen Stellen des Daches waren die Schiefer aus ihren Reihen geglitten. Dort würde in den kommenden Herbststürmen wohl alles heruntergerissen werden.

Bald sah ich am Abhang zum Moor die drei Grabsteine.

Der mittlere war schon grau und verwittert, halb verdeckt vom Heidekraut. Auf Edgar Lintons Grabmal, so, als wolle er ganz mit dem anderen übereinstimmen, wuchs, vom Sockel emporkriechend, Rasen und Moos. Heathcliffs Stein war noch kahl. Ich verweilte ein wenig bei ihnen, unter dem milden Himmel. Zwischen Heidekraut und Glockenblumen flatterten schon die Nachtfalter. Der Wind strich mit leichtem Hauch über das Gras. Ich wunderte mich, daß jemand glauben konnte, irgend etwas vermöchte die Ruhe der Schläfer in diesem stillen Winkel der Erde zu stören.

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