Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emely Brontë >

Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel

Am Morgen darauf blieb Earnshaw, der seine gewöhnliche Arbeit noch nicht erledigen konnte, in der Nähe des Hauses. Ich konnte meinen lieben Schützling unmöglich an meiner Seite halten wie bisher. Sie ging vor mir in den Garten, wo sie Hareton bei irgendeiner leichteren Beschäftigung gesehen hatte. Als ich sie zum Frühstück hereinrufen wollte, stellte es sich heraus, daß sie ihn überredet hatte, aus einem umfangreichen Stück Land Johannisbeersträucher und Stachelbeersträucher auszuroden. Soeben entwarfen sie große Pläne, wie man statt dessen Gewächse von Thrushcross Grange hierher verpflanzen könne. In einer kurzen halben Stunde hatten sie eine Verwüstung zustande gebracht, daß ich entsetzt war. Die schwarzen Johannisbeersträucher waren Josefs Augäpfel! Cathy hatte gerade diesen Platz gewählt, um mitten zwischen ihnen ein Blumenbeet anzulegen!

»Na, ich danke!« rief ich. »Das wird man dem Herrn zeigen, sobald man es entdeckt! Wie wollen Sie sich herausreden und ihm erklären, weshalb Sie solche Neuerungen im Garten einführen? Es wird eine schöne Katastrophe über uns hereinbrechen. Mr. Hareton, Sie sind hier doch eingearbeitet genug, um nicht einfach auf ihren Wunsch eine solche Unordnung anzurichten.«

»Ich hatte vergessen, daß sie Josef gehören«, versetzte Earnshaw einigermaßen verwirrt. »Aber ich werde ihm erklären, daß ich daran schuld bin.«

Wir nahmen alle Mahlzeiten zusammen mit Mr. Heathcliff ein. Ich machte die Hausfrau beim Zubereiten des Tees und beim Vorlegen des Fleisches, war also bei Tisch unentbehrlich. Catherine saß gewöhnlich neben mir; heute rückte sie näher zu Hareton hin. Es war mir klar, sie würde aus ihrer Freundschaft ebensowenig ein Hehl machen wie früher aus ihrer Feindschaft.

»Geben Sie acht, daß Sie nicht zuviel mit ihm sprechen, und beschäftigen Sie sich überhaupt nicht zu sehr mit ihm«, hatte ich ihr beim Eintritt ins Speisezimmer noch rasch zugeflüstert. »Es würde Mr. Heathcliff auffallen und ihn gegen Sie beide aufbringen.«

»Ja, ich sehe mich vor.«

Schon eine Minute später hatte sie sich zu ihrem Freunde herangemacht und steckte ihm Primeln in seinen Teller mit Haferbrei. Er wagte nicht, mit ihr zu sprechen, wagte kaum, sie anzusehen. Sie fuhr mit ihren Scherzen fort, bis er nahe daran war, herauszuplatzen. Da ich heftig die Stirn runzelte, schielte sie zum Herrn hinüber. Offensichtlich war Heathcliff mit anderen Dingen beschäftigt als seiner gegenwärtigen Umgebung. Eine Weile hielt sie Ruhe und beobachtete ihn mit prüfendem Ernst. Dann begann sie wieder, ihren Unsinn zu treiben, und Hareton lachte schließlich los, wenn auch gedämpft.

Mr. Heathcliff fuhr auf. Er sah schnell über unsere Gesichter hin. Catherine begegnete seinen Augen wie immer mit ihrem scheuen und zugleich trotzigen Blick, den er haßte.

»Gut, daß du nicht in meiner Reichweite sitzt!« rief er. »Hörst du endlich auf, mich mit diesen Augen anzustarren, als ob du besessen wärst? Sieh anderswohin! Erinnere mich nicht an dein Dasein! Ich glaubte, das Lachen hätte ich dir ausgetrieben!«

»Ich war es«, murmelte Hareton.

»Was sagst du?«

Hareton schaute auf seinen Teller und wiederholte seine Worte nicht. Mr. Heathcliff wandte sich bald wieder von ihm ab, kehrte zu seinen Gedanken zurück und setzte schweigend sein Frühstück fort. Wir waren beinahe fertig, und die beiden jungen Leute waren klüglich auseinandergerückt, so daß ich für diesmal keine weitere Störung befürchtete, als Josef in der Tür erschien. Seine Lippen zitterten, seine Augen kugelten wie rasend herum. Es war klar, daß er den an seinen kostbaren Sträuchern begonnenen Frevel entdeckt hatte. Er hatte die beiden wohl schon vorher an der Stelle im Garten gesehen und sich zur Überprüfung ihrer Tätigkeit dorthin begeben. Seine Kinnladen mahlten gegeneinander, wie die einer wiederkäuenden Kuh, seine Rede war kaum zu verstehen:

»Ich will meinen Lohn haben, und ich gehe! Da hätte ich nun geglaubt, ich könnte am gleichen Platz sterben, wo ich sechzig Jahre lang treu gedient habe! Jawohl, ich wollte sogar meine Bücher in meine Bodenkammer nehmen, und all mein bißchen Kram, und die da sollten auch die Küche für sich allein behalten, nur damit Ruhe und Frieden wäre. Es hätte mich gewurmt, meinen Herdplatz aufzugeben, aber ich hätte es getan. Jetzt reißen sie mir auch meinen Garten aus! Nee, lieber Herr, da macht das Herz nicht mehr mit, das ertrage ich nicht! Mögen sich alle unters Joch beugen, wenn sie wollen, ich gewöhne mich nicht daran, ein alter Mann wie ich macht die neuen Moden nicht mit. Eher will ich mir meine Suppe mit Steineklopfen auf der Straße verdienen!«

»Also, du Dummkopf, mach es kurz«, unterbrach ihn Mr. Heathcliff. »Worüber beschwerst du dich? In das Gezänk zwischen dir und Nelly mische ich mich nicht ein. Meinetwegen kann sie dich ins Kohlenloch werfen.«

»Nelly ist es nicht. Derentwegen würde ich nicht wegziehen, so schofel sie ist. Gott sei Dank, die kann niemandem die Seele aus dem Leibe stehlen, so hübsch war die nie, daß sie sich jeden heranwinken konnte. Da drüben, das widerliche schamlose Frauenzimmer ist es, das mit ihren frechen Augen und ihrem herausfordernden Benehmen unseren Jungen behext hat, bis er – nee, das bricht mir das Herz. Alles hat er vergessen, was ich für ihn getan habe und was ich aus ihm gemacht habe. Hingegangen ist er, und was hat er vollbracht? Eine ganze Reihe von den schönsten Johannisbeersträuchern hat er aus dem Garten gerissen!«

Hier begann Josef fassungslos zu jammern, offenbar wirklich zerrüttet von dem Gefühl einer bitteren Kränkung, von Haretons Undankbarkeit und von der gefahrvollen Lage, in der er den jungen Mann sah.

»Ist er verrückt oder betrunken?« fragte Mr. Heathcliff. »Hareton, wieso schimpft er auf dich?«

»Ich habe zwei oder drei Büsche ausgegraben. Aber ich werde sie wieder einpflanzen.«

»Und warum hast du das gemacht?«

Catherine griff ein: »Wir wollten an der Stelle Blumen einsetzen. Ich bin es allein, der man etwas vorwerfen könnte, denn ich wollte es so haben.«

»Zum Donnerwetter, wer gibt dir das Recht, hier eine einzige Pflanze anzurühren?« schrie ihr Schwiegervater; dann wandte er sich zu Hareton. »Und warum hast du auf sie gehört?«

Der junge Mann schwieg; Cathy erwiderte für ihn: »Ein paar Quadratmeter Land könntest du mir wirklich zum Gärtnern gönnen, nachdem du mir meinen ganzen Grund und Boden genommen hast!«

»Deinen Grund und Boden, du unverschämtes Weibsbild! Du hast nie etwas besessen!«

»Und mein Geld«, fuhr sie fort, indem sie seinen Blick erwiderte und dabei an einer Brotkruste kaute, dem Rest ihres Frühstücks.

»Du schweigst! Mach, daß du fertig wirst und hinaus!«

»Und ebenso Haretons Grund und Boden und sein Geld«, sprach sie unbekümmert weiter. »Hareton und ich sind jetzt Freunde, und ich werde ihm alles über dich und deine Habgier erzählen.«

Eine Sekunde lang schien der Herr betroffen zu sein. Er wurde blaß, und während er sie unablässig im Auge behielt, erhob er sich mit dem Ausdruck eines mörderischen Hasses.

»Wenn du mich schlägst, schlägt dich Hareton«, sagte sie, »darum setz dich lieber wieder hin.«

»Hareton soll dich hinauswerfen, oder er fliegt!« donnerte Heathcliff. »Du verdammte Hexe wagst, ihn gegen mich aufzuhetzen? Hinaus mit ihr, hört ihr nicht? In die Küche mit ihr! Ich bringe sie um, Ellen Dean, wenn du sie mir wieder unter die Augen kommen läßt!«

Hareton redete ihr mit unterdrückter Stimme zu, sich zu entfernen.

»Was stehst du und redest mit ihr? Wirf sie im Bogen durch die Tür!« Wie ein Wilder näherte er sich, um seinen Befehl selbst auszuführen.

»Er wird dir nicht mehr gehorchen, du schlechter Mensch«, sagte Cathy. »Bald wird er dich ebenso verabscheuen wie ich.«

»Still, still«, murmelte der junge Mann vorwurfsvoll. »Ich will dich nicht so mit ihm reden hören.«

»Wirst du etwa zulassen, daß er mich schlägt?«

»Komm, rasch, weg von hier«, sagte er eindringlich.

Es war schon zu spät. Heathcliff hatte sie gepackt.

»Jetzt gehst du selbst!« schnaubte er Earnshaw an. »Sie hat mich herausgefordert, und diesmal kann ich es nicht ertragen. Bis an ihr Lebensende soll sie es bereuen!«

Er hatte sie bei den Haaren ergriffen. Hareton versuchte, ihre Locken zu befreien. Er flehte ihn an, ihr nicht weh zu tun. Heathcliffs schwarze Augen flammten. Es sah aus, als würde er Catherine in der nächsten Sekunde in Stücke reißen. Gerade wollte ich ihr zu Hilfe kommen, als seine Finger sich plötzlich lockerten. Er ließ die Hand von ihrem Kopf auf ihren Arm herabsinken und starrte in seltsamer Spannung in ihr Gesicht. Dann strich er sich mit der Hand über die Augen, sammelte sich kurz und wandte sich von neuem an Catherine. Mit einer sonderbaren Art von Ruhe sagte er:

»Du mußt lernen, wie du es vermeiden kannst, mich so aufzuregen. Sonst mache ich einmal wirklich mit dir ein Ende. Bleibe bei Mrs. Dean und vertraue deine kühnen Phantasien ihren Ohren an. Was Earnshaw anlangt – wenn ich erkenne, daß er auf dich hört, so soll er sich sein Brot anderswo verdienen, falls er kann. Deine Liebe wird ihn zu einem Ausgestoßenen machen, zu einem Bettler. Nelly, nimm sie mit. Ihr alle, laßt mich allein.«

Ich führte Cathy hinaus; sie war zu froh darüber, so davongekommen zu sein, um noch im mindesten zu widersprechen. Die anderen folgten, und Mr. Heathcliff hatte den Wohnraum bis zum Mittagessen für sich.

Ich hatte ihr geraten, oben zu bleiben. Aber als er ihren leeren Stuhl bemerkte, hieß er mich, sie zu holen. Er sprach mit niemandem von uns, aß sehr wenig und ging dann sofort aus. Vor dem Abend werde er nicht zurück sein.

Die beiden neuen Freunde benutzten seine Abwesenheit, um sich im »Haus«, wie man ja das Wohnzimmer nannte, niederzulassen. Ich hörte, wie Hareton sie tadelte, weil sie ihm Erklärungen und Enthüllungen über das Verhalten ihres Schwiegervaters seinem Vater gegenüber machen wollte. Er sagte, daß er kein Wort der Herabsetzung gegen ihn zulassen würde. Auch wenn er der Teufel in Person wäre, würde dies nichts ändern; er stände zu ihm. Lieber solle sie ihn selbst angreifen, wie in früherer Zeit, als Mr. Heathcliff herunterzuziehen. Dies verdroß sie zunächst. Aber er brachte sie zum Schweigen – durch seine Frage, wie es ihr wohl gefallen würde, wenn er ihren Vater beschimpfte? Sie verstand nun, daß Earnshaw die Ehre seines Herrn und Meisters zu seiner eigenen machte. Er hing zu fest an ihm, als daß man die Verbindung zwischen ihnen mit verstandesmäßigen Gründen zerbrechen konnte. Dieser Zusammenhang war stark wie Ketten, durch die Gewohnheit geschmiedet; es war grausam, ihn zerstören zu wollen.

Hinfort zeigte sie ihre Zuneigung dadurch, daß sie alle Klagen und jeden Ausdruck des Widerwillens gegen Heathcliff vermied. Mir gestand sie auch, daß sie ihre Versuche, zwischen ihm und Hareton Zwietracht zu säen, aufrichtig bereue. Ich glaube, seitdem hat sie mindestens in Earnshaws Anwesenheit kein Wort mehr gegen ihren Feind geäußert.

Nach dieser letzten leichten Verstimmung gaben sie sich wieder mit Feuereifer ihrer Zusammenarbeit als Lehrer und Schüler hin. Wenn ich mich am Ende meines Tagwerkes zu ihnen setzte, fühlte ich mich so beruhigt und getröstet durch ihren Anblick, daß ich kaum das Verstreichen der Zeit bemerkte. Sie wissen, beide waren gewissermaßen meine Kinder. Auf die eine war ich seit so langer Zeit stolz gewesen, und jetzt sah ich, der andere würde für mich eine Quelle gleicher Befriedigung werden. Haretons ehrenhafte, warmherzige und im Grunde gescheite Anlage reinigte sich bald von den Krusten der Unwissenheit und der Verkommenheit aus der Zeit seiner ersten Jugend. Catherines immer aufrichtiges Lob spornte seinen Eifer, seinen Fleiß an. Auch sein Gesicht erhellte sich durch den heller werdenden Geist, sein Äußeres wurde feiner, vornehmer, so daß ich in ihm kaum noch denselben Menschen erkannte, dem ich damals beim Ausflug meiner Kleinen nach Penistone Crags begegnet war.

Während ich sie an diesem Tage bei ihren Studien bewunderte, brach die Dämmerung herein, und mit ihr kehrte der Herr zurück. Er trat ganz unerwartet durch die vordere Tür ins Zimmer und hatte einen vollen Überblick über uns drei, ehe wir nur die Köpfe zu ihm aufheben konnten. Aber ich dachte mir: es ist das freundlichste und harmloseste Bild von der Welt, und es würde eine Schande sein, sie zu schelten. Das rote Kaminfeuer beleuchtete und belebte die zwei hübschen Gesichter mit den Mienen voll kindlichen Eifers. Obwohl er dreiundzwanzig und sie achtzehn Jahre alt war, hatten sie beide noch soviel Neues zu lernen und zu erfassen, daß die nüchterne Entzauberung der Reife ihrem unerfahrenen und unverdorbenen Geiste noch recht fern war.

Sie hoben gleichzeitig ihre Augen zu denen Mr. Heathcliffs. Ich sagte schon, daß ihre Augen einander gleichen – denn sie sind die der ersten Catherine. Die junge Cathy hat sonst keine Ähnlichkeit mit ihr, nur noch in der schönen Breite der Stirn und in einer gewissen Schweifung der Nasenflügel, die ihr unwillkürlich etwas Stolzes gibt. Bei Hareton ist die Ähnlichkeit sogar stärker, und sie prägt sich jederzeit aus – an diesem Abend aber war sie besonders auffallend. Er befand sich in angeregtester Stimmung, alle seine geistigen Fähigkeiten waren in ungewohntem Maße in Bewegung gesetzt worden.

Mir schien, es war diese Ähnlichkeit, die Mr. Heathcliff irgendwie entwaffnete. Er trat mit lebhaftem Schritt näher heran. Aber seine Erregung ließ nach, als er den jungen Mann anblickte, oder richtiger, sie veränderte sich, denn sie war immer noch spürbar. Er nahm ihm das Buch aus der Hand und betrachtete die aufgeschlagene Seite. Dann reichte er es ihm wortlos zurück und machte Catherine ein Zeichen, sie solle sich entfernen. Hareton blieb nur kurze Zeit im Raum, nachdem sie ihn verlassen hatte, und ich wollte mich gleichfalls zurückziehen. Aber er forderte mich auf, mich wieder hinzusetzen. Eine Weile grübelte er offenbar über den Anblick nach, der sich ihm soeben geboten hatte, dann sagte er:

»Das ist ein armseliger Abschluß, ein lächerliches Ende all meiner gewaltsamen Bestrebungen, nicht wahr? Ich habe eine Arbeit wie Herkules geleistet, als ich mit Hebeln und Hacken die beiden Häuser zu unterwühlen suchte. Und nun, da alles erreicht ist, da alles in meiner Macht ist, erlischt mir der Wille, nur einen einzigen Schiefer von ihrem Dach zu nehmen! Meine alten Feinde hatten mich nicht geschlagen. Jetzt wäre die richtige Zeit gekommen, mich an ihren Sprößlingen zu rächen; ich könnte es tun, niemand würde mich daran hindern. Aber welchen Sinn hätte das? Es liegt mir nichts mehr daran, zuzuhauen, es lohnt mir nicht mehr, die Hand zu erheben! Klingt dies, als hätte ich während der ganzen Zeit nur darauf hingearbeitet, am Ende eine schöne Gebärde der Großmut zu machen? So ist es nicht! Aber ich habe die Fähigkeit zur Freude an ihrer Vernichtung verloren, und ich bin zu träge, um nutzlos zu vernichten.«

»Nelly«, fuhr Heathcliff fort, »mir naht eine seltsame Verwandlung, und schon stehe ich in ihrem Schatten. Dies alltägliche Leben geht mich nur noch so wenig an, daß ich kaum daran denke, zu essen und zu trinken. Die beiden, die vorhin diesen Raum verlassen haben, sind die einzigen Gestalten, die eine bestimmte, eine umrissene Erscheinungsform für mich behalten haben. Diese Form ihrer Erscheinung verursacht mir Schmerz, bis zur Marter. Über sie, die vorhin hier saß, will ich nicht reden, ich möchte nicht einmal an sie denken, ich wünschte dringend, sie wäre unsichtbar, ihre Gegenwart beschwört Empfindungen herauf, die mich wahnsinnig machen. Er aber bewegt mich auf andere Art – und doch, wenn ich es tun könnte, ohne verrückt zu erscheinen, würde ich ihn wegschicken auf Nimmerwiedersehen. Vielleicht würdest du denken, ich sei dem Irrsinn schon nahe«, sagte er mit einem mühsamen Lächeln, »wenn ich dir die tausend Abarten von Gedankenverbindungen und Vorstellungen aus vergangener Zeit zu beschreiben versuchte, die Hareton in mir erweckt, die er für mich verkörpert. Jedenfalls, du wirst nicht weitersagen, was ich dir bekenne, und mein Geist ist so abgründig in sich selbst versunken, daß mich die Lust überkommt, mich einmal auszusprechen.

Vor wenigen Minuten schien mir Hareton nicht ein lebendes Wesen, sondern die Verleiblichung meiner Jugend zu sein. Ich hatte für ihn so gemischte Gefühle, daß es mir unmöglich gewesen wäre, mich ihm verstandesmäßig zu nähern. Seine erstaunliche Ähnlichkeit mit meiner Catherine erinnert mich in gefährlichem Maße an sie. Nach deiner Meinung müßte mich dieser Umstand freuen. So ist es nicht – diese Ähnlichkeit hetzt mich rings –! Was wäre für mich nicht mit ihr verbunden, was riefe sie mir nicht ins Gedächtnis zurück? Ich kann nicht auf diesen Fußboden sehen, ohne daß ihre Gestalt in den Fliesen erscheint. In jeder Wolke und in jedem Baum, in der Nachtluft, in jedem Gegenstand des Tages schimmert mir ihr Bild entgegen. Ich bin rings von ihr umgeben! Die gewöhnlichsten Gesichter von Männern und Frauen, ja meine eigenen Züge, narren mich durch irgendeine Verwandtschaft mit ihr. Die ganze Welt ist eine erschreckende Sammlung von Gedenkblättern, für die Tatsache, daß sie gelebt hat, und daß ich sie verloren habe. So aber wurde Haretons Gestalt zum Gespenst meiner unsterblichen Liebe. Er wurde zum Gespenst meines verzweifelten Strebens, mein Recht festzuhalten, meiner Erniedrigung, meines Stolzes, meines Glücks, meiner Pein.

Es ist Irrsinn, diese Gedanken zu enthüllen. Aber es wird dir klarmachen, weshalb seine Gesellschaft mich nicht freut, obwohl es mich quält, immer allein zu sein. Er vertieft nur die ständige Qual. Zugleich ist dies der Grund, weshalb es mir nichts ausmacht, wenn er und sie sich vertragen. Ich kann nicht mehr darauf achten.«

»Mr. Heathcliff«, sagte ich, beunruhigt durch sein Wesen, »was meinen Sie mit der ›Verwandlung‹?« Ich glaubte freilich nicht an die Gefahr, daß er den Verstand verlieren oder sterben könnte. Er war kräftig und gesund, und den Hang zu düsteren Stimmungen und mystischen Vorstellungen hatte er schon von Kindheit an gehabt. Seine Verbundenheit mit seinem dahingegangenen Abgott wirkte sicherlich wie eine Besessenheit; doch in jeder anderen Beziehung war sein Geist so gesund wie der meine. Er antwortete: »Das werde ich wissen, wenn diese Verwandlung da ist. Jetzt ist sie mir erst halb bewußt.«

»Sie fühlen sich nicht krank?«

»Nein, Nelly, keineswegs.«

»Auch vor dem Tode fürchten Sie sich nicht?«

»Nein. Ich habe weder Furcht noch ein Vorgefühl noch eine Hoffnung, zu sterben. Bei meiner festen Gesundheit, meiner mäßigen Lebensweise, meinen gefahrlosen Beschäftigungen ist es nur zu wahrscheinlich, daß ich auf der Erde bleibe, bis kaum noch ein schwarzes Haar auf meinem Haupte ist. Und doch kann ich nicht so weiterleben! Ich muß mich geradezu daran erinnern, zu atmen! Ich muß mein Herz mahnen, daß es schlägt! Es ist, wie wenn man eine spröde Feder zurechtbiegen will. Nur indem ich mich unmäßig zwinge, tue ich noch irgend etwas, was nicht mit dem einen und einzigen Gedanken zusammenhängt. Mich selbst muß ich vergewaltigen, um das Lebendige oder das Tote wahrzunehmen, das sich nicht auf sie und auf die unendliche Vorstellung von ihr bezieht. Ich habe einen einzigen Wunsch, und meine ganze Seele und meine Kräfte alle sehnen sich nach seiner Erfüllung. Ja, sie haben sich so lange und so unerschütterlich danach gesehnt, daß ich überzeugt bin, dieser Wunsch wird erfüllt, und bald. Denn mein Dasein ist vom Vorgefühl dieser Vollendung aufgesogen.

Nelly, mein Geständnis hat mich nicht erleichtert. Dir wird es einiges Unverständliche an meiner Verfassung erklärt haben. Gott! Es ist ein langer Kampf. Wäre er vorüber!«

Er ging im Zimmer auf und ab. Schreckliche Worte folgten, die er vor sich hin flüsterte. Ich begann zu glauben, was Josef von ihm gesagt hatte: das böse Gewissen habe sein Herz in eine Hölle auf Erden verwandelt. Wie sollte dies enden? Obwohl er seinen inneren Zustand zuvor kaum enthüllt hatte, nicht einmal durch Blicke, zweifelte ich nicht daran, daß es seine gewöhnliche Gemütsverfassung war. Er selbst hatte vor meinen Ohren seine äußere Haltung widerlegt, der sonst niemand die Wahrheit anmerkte. Auch Sie, Mr. Lockwood, ahnten nichts, obwohl er damals, als Sie ihn sahen, schon genau so war, wie zu der Zeit, von der ich spreche. Nur ergab er sich noch mehr der Einsamkeit und war in Gesellschaft noch einsilbiger geworden.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.