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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Am Abend nach der Trauerfeier saßen Catherine und ich in der Bibliothek, in traurige, in verzweiflungsvolle Gedanken versunken, beide mit ahnungsvollen Betrachtungen über die düster scheinende Zukunft beschäftigt. Wir waren schließlich darüber einig: das günstigste Geschick, das Catherine erwarten könnte, sei die Möglichkeit und Erlaubnis, in Grange zu bleiben, wenigstens solange Linton leben würde: er würde bei ihr wohnen und ich als Haushälterin angestellt sein. Eine solche Anordnung war freilich zu schön, um auf ihre Verwirklichung hoffen zu können. Aber ich hoffte; und ich begann schon bei der Aussicht aufzuleben, mein Zuhause, meine Arbeit und vor allem meine liebe Catherine zu behalten.

Da stürzte ein Diener, einer von den entlassenen, der noch nicht abgezogen war, zu uns herein. Er rief, der Teufel Heathcliff komme durch den Hof. Ob er ihm nicht das Tor vor der Nase zuschlagen solle?

Auch wenn wir so wahnsinnig gewesen wären, diese Anweisung zu erteilen, hätte die Zeit nicht mehr gereicht. Er hielt sich nicht mit Förmlichkeiten auf, er klopfte nicht an und ließ sich nicht melden. Er war der Herr und beanspruchte das Herrenrecht, er kam, ohne ein Wort zu sagen. Durch die Stimme des Mannes, der ihn angekündigt hatte, wurde er zur Bibliothek geleitet, trat ein, wies den Diener mit einer Handbewegung hinaus und schloß die Tür.

Es war derselbe Raum, in den er vor achtzehn Jahren nach seiner Heimkehr als Gast hereingebeten worden war. Derselbe Mond schien durchs Fenster, und draußen lag die gleiche Herbstlandschaft. Wir hatten noch kein Licht gemacht, aber das ganze Zimmer war hell, bis zu den Bildern an der Wand, dem herrlichen Kopf von Mrs. Linton und dem feinen ihres Mannes. Heathcliff ging auf den Kamin zu. An seinem Aussehen hatte die Zeit wenig geändert; da stand derselbe Mann. Das dunkle Gesicht war etwas bleicher und fester, die Gestalt schwerer, sonst kaum ein Unterschied. Catherine war bei seinem Eintritt aufgesprungen, mit einer Bewegung zur Flucht.

»Halt!« Er ergriff ihren Arm. »Kein Weglaufen mehr! Übrigens wohin? Ich komme, um dich nach Hause zu holen. Ich hoffe, du wirst eine pflichttreue Tochter sein und meinen Sohn zu keinem ferneren Ungehorsam aufhetzen. Als seine Beteiligung bei der Sache herauskam, war ich ganz verlegen, wie man ihn bestrafen sollte. Er ist solch ein Spinnweb, daß schon ein Griff ihn auflösen würde. Jedenfalls wird dir bei seinem Anblick klar werden, daß ihm nichts geschenkt worden ist. Vorgestern abend brachte ich ihn herunter, setzte ihn auf einen Stuhl – und rührte ihn nicht mehr an. Hareton wurde hinausgeschickt, und wir hatten das Zimmer für uns. Zwei Stunden später rief ich Josef und ließ ihn wieder hinauftragen – seitdem allerdings scheint meine Gegenwart seine Nerven zu foltern, als sei ich ein Gespenst. Es kommt mir so vor, als ob er mich oft sieht, auch wenn ich gar nicht in seiner Nähe bin! Wie Hareton mir erzählt, wacht Linton jede Stunde auf und kreischt nach dir, du sollst ihn gegen mich beschützen. Du siehst also, daß du mitkommen mußt, ganz gleich, ob du deinen kostbaren Gatten liebst oder nicht. Er ist jetzt deine Angelegenheit. Ich trete dir mein gesamtes Interesse an ihm ab.«

Ich verlegte mich aufs Bitten: »Warum lassen Sie Catherine nicht hier in Grange bleiben und senden Master Linton zu ihr her? Da Sie beide verabscheuen, werden Sie keinen vermissen. Die beiden könnten doch nur eine tägliche Plage für Ihr steinernes Herz sein.«

»Für Grange suche ich einen Pächter. Außerdem will ich meine Kinder selbstverständlich um mich haben! Und die junge Frau schuldet mir ihre Arbeit, wenn sie mein Brot ißt. Ich gedenke sie nach Lintons Hinscheiden keineswegs in Luxus und Müßiggang zu erhalten. Jetzt beeile dich, mach dich fertig und zwinge mich nicht zu Gewaltmaßnahmen.«

»Ich komme«, erwiderte Catherine. »Linton ist nun alles, was ich auf der Welt noch lieben kann. Sie haben zwar getan, was in Ihren Kräften stand, um ihn gegen mich aufzubringen und mich gegen ihn, aber es liegt nicht in Ihrer Macht, zu erreichen, daß wir einander wirklich hassen. Ich warne Sie davor, ihm in meiner Gegenwart weh zu tun, ich warne Sie auch davor, mich einschüchtern zu wollen.«

»Du prahlst ja ganz meisterhaft. Ich versichere dir, du bist mir nicht so wichtig, um ihn vor deinen Ohren besonders zu verletzen. Aber du sollst die ganze Qual mitmachen, solange sie dauert. Nicht ich werde ihn dir verhaßt machen, sein eigenes süßes Wesen wird dies besorgen. Er ist voll bitterer Galle wegen der Folgen deiner Flucht. Erwarte keine Liebe aus dieser seiner edlen Selbstaufopferung! Ich hörte, welch reizendes Bild er der Zillah vormalte, was er dir alles antun würde, wenn er so stark wäre wie ich. Wunsch und Absicht sind da, und gerade seine körperliche Schwäche wird seinen Geist schärfen, um den Mangel an Kraft durch andere Mittel auszugleichen.«

»Ich weiß«, sagte Catherine, »daß er einen schlechten Charakter hat. Er ist Ihr Sohn. Aber ich bin froh, daß ich besser bin und verzeihen kann. Trotz allem weiß ich auch, daß er mich liebt, und aus diesem Grunde liebe ich ihn wieder. Mr. Heathcliff, Sie haben niemanden, der Sie gern hat, und wie unglücklich Sie uns auch machen mögen, uns rächt der Gedanke, daß Ihre Grausamkeit von Ihrem noch größeren Elend herrührt. Sie sind unglücklich, ist es nicht wahr? Einsam wie der Teufel und neidisch wie er, stimmt es nicht? Niemand liebt Sie, niemand wird weinen, wenn Sie einmal sterben. Ich möchte nicht Sie sein!«

Catherine sprach in einem Ton unheimlichen Triumphes. Es war, als wollte sie sich umstellen und in den Geist ihrer neuen Familie eintreten – und über den Schmerz ihrer Feinde Freude empfinden.

»Es wird dir bald unangenehm sein, du selbst zu sein!« entgegnete ihr Schwiegervater, »wenn du noch eine einzige Minute hier stehen bleibst. Weg mit dir, du Hexe, hol deine Sachen!«

Mit verächtlichem Ausdruck ging sie hinaus. Inzwischen begann ich ihn zu bitten, mir Zillahs Stellung in Wuthering Heights zu geben; sie könne dafür die meine haben. Er war unzugänglich und hieß mich schweigen. Zum ersten Male sah er sich im Zimmer um und gestattete sich einen Blick auf die Bilder. Zuletzt betrachtete er lange Zeit das Bild von Mrs. Linton und sagte: »Ich werde dies zu mir holen lassen. Obwohl ich es nicht brauche, will ich –«

Plötzlich sich dem Feuer zukehrend, fuhr er fort – mit einem Lächeln – ich finde für diese Miene kein richtigeres Wort: »Höre, was ich gestern getan habe. Ich stand neben dem Totengräber, der Edgars Grab aufwarf. Da veranlaßte ich ihn, die Erde, die auf ihrem Sarge lag, wegzuschaufeln. Ich öffnete den Deckel. Und einen Augenblick lang dachte ich, ich müßte da unten bleiben, als ich ihr Gesicht wiedersah. Es ist noch immer ihres. Der Mann hatte es schwer, mich herauszubekommen. Aber er sagte mir mit Recht, ihr Antlitz würde sich verändern, wenn die Luft es berührte. Ich lockerte eine Seitenwand des Sarges und deckte ihn dann wieder zu. Es war nicht die Seite zu Edgars Sarg hin, verdammt soll er sein! Ich wünschte, der seine wäre mit Blei verlötet. Den Totengräber habe ich bestochen, daß er das gelockerte Seitenbrett bei ihr wegnimmt, sobald ich einmal danebenliege, und meines auf jener Seite auch. So will ich es haben. Sollte aber Linton mit der Zeit zu uns stoßen, so wird er sich nicht auskennen, wer der eine oder wer die andere ist.«

»Sie haben gottlos gehandelt, Mr. Heathcliff!« rief ich. »Schämen Sie sich nicht, auch die Toten aufzustören?«

»Ich habe niemanden aufgestört, Nelly. Aber mir habe ich etwas Erleichterung verschafft. Nunmehr werde ich wesentlich ruhiger sein, und ihr habt bessere Aussichten, mich unter der Erde festzuhalten, wenn ich dahingegangen bin. Nein, nicht ich habe ihren Frieden gestört – sie den meinen, achtzehn Jahre lang, Tag und Nacht, unausgesetzt, mitleidlos – bis gestern nacht. Und gestern nacht war ich ruhig. Ich träumte, daß ich den letzten Schlaf neben dem ihren schliefe, mit stillstehendem Herzen, die kalte Wange an die ihre gedrückt.«

»Und wenn die Tote inzwischen schon zu Erde oder zu Häßlicherem geworden wäre, was hätten Sie dann geträumt?«

»Mich mit ihr ganz und gar aufzulösen und noch glücklicher zu sein. Meinst du, ich fürchte irgendeine Wandlung solcher Art? Ich erwartete diese Veränderung, als ich den Deckel hob. Nun freue ich mich, daß dies nicht beginnen wird, bevor ich daran teilnehme. Und hätte ich nicht einen so starken Eindruck von ihren leidenschaftslosen Zügen dort unten empfangen, so hätte mich die seltsame Unruhe kaum jemals verlassen. Dieser unheimliche Zustand begann am Tage ihrer Bestattung. Du weißt, wie wild ich nach ihrem Tode war. Unverwandt, von Dämmerung zu Dämmerung, betete ich rasend um die Rückkehr ihres Geistes zu mir. Ich glaube an Geister, sie können unter uns leben, sie leben wirklich unter uns. Am Tage ihrer Bestattung fiel Schnee. Abends ging ich zum Friedhof. Es blies rauh wie im Winter, ringsum war es einsam. Ich befürchtete nicht, ihr Narr von Ehemann könne noch so spät zu ihrem Grabe angewandert kommen; und sonst hatte niemand dort etwas zu tun. Ich war allein und spürte, wie nur zwei Ellen lockerer Erde zwischen uns lagen. Da sagte ich zu mir: ich will sie wieder in meinen Armen halten. Wenn sie kalt sein wird, will ich denken, es sei der Nordwind, vor dem ich erschauere, und wenn sie regungslos sein wird, es sei Schlaf. Nachdem ich einen Spaten aus dem Schuppen geholt hatte, machte ich mich daran, mit aller Kraft zu schaufeln. Schon scharrte das Werkzeug gegen den Sarg. Ich setzte die Arbeit mit den Händen fort, und das Holz begann rings um die Schrauben zu knacken. Beinahe hatte ich mein Ziel erreicht da meinte ich einen Seufzer über mir zu hören. Er schien vom Rande des Grabes zu kommen, und so, als beuge sich dort jemand herab. Ich flüsterte: Könnte ich nur dies noch wegschaffen, dann sollen sie die Erde über uns beide wieder hineinschaufeln. Immer verzweifelter arbeitete ich, aber hörte wieder einen Seufzer dicht an meinem Ohr, und es war, als ob sein armer Hauch den frostigen Wind vertrieb. Es konnte kein Geschöpf aus Fleisch und Blut sein, niemand war in der Nähe. Aber genau so bestimmt, wie man im Dunkeln ein lebendiges Wesen herannahen fühlt, auch wenn es nicht sichtbar ist, wußte ich: Cathy war da. Nicht unter mir war sie, sondern auf der Erde. Eine mächtige Erleichterung strömte aus meinem Herzen durch alle Glieder. Ich stellte die qualvolle Arbeit ein und fühlte mich plötzlich getröstet, unaussprechlich getröstet. Ihre Gegenwart fühlte ich, und sie blieb bei mir, während ich das Grab wieder zuschaufelte. Sie begleitete mich nach Haus. Lache, wenn du willst. Ich wußte, hier, daheim, würde sie mir auch sichtbar werden. So sicher war ich, sie gehe neben mir, daß ich mit ihr sprechen mußte. Als wir auf Wuthering Heights angekommen waren, eilte ich zur Haustür. Sie war verschlossen. Du weißt, daß der verdammte Hindley Earnshaw und meine Frau mich nicht hineinlassen wollten, daß ich ihn niederschlug und die Treppe hinaufrannte, zu meinem und dann zu ihrem Zimmer. Hastig sah ich mich um – ich fühlte sie an meiner Seite – ich konnte sie beinahe sehen, und doch sah ich sie nicht. Blut hätte ich schwitzen können vor Qual, vor Sehnsucht – hätte mein inständiger Wunsch nur einen Blick von ihr erlangt! Er wurde mir nicht erfüllt. Wie oft in ihrem Leben erwies sie sich als mein Quälgeist. Seitdem bin ich immer wieder, manchmal mehr, manchmal weniger, unerträglichen Martern ausgesetzt gewesen. Sie hielt meine Nerven in so furchtbarer Spannung, daß sie zerrüttet wären wie Lintons Nerven, hätten sie nicht die Festigkeit von Stahlsaiten. Wenn ich mit Hareton im Hause saß, glaubte ich, draußen würde ich sie treffen; wenn ich ins Moor hinausging, glaubte ich, daheim würde ich sie vorfinden. Wenn ich irgend etwas irgendwo zu erledigen hatte, beeilte ich mich, zurückzukommen, denn sie mußte in Wuthering Heights sein, das war sicher. Und wenn ich in ihrem Zimmer schlief, trieb es mich hinaus, ich konnte dort nicht liegen. Denn in der Sekunde, da ich die Augen schloß, stand sie vor dem Fenster. Oder sie schob die Täfelung der Bettlade zurück oder kam ins Zimmer herein oder legte ihren geliebten Kopf sogar auf das gleiche Kissen, wie als Kind. Ich mußte die Lider heben, um sie zu sehen. So öffnete und schloß ich meine Augen hundertmal in einer Nacht – und jedesmal war es nichts. Ich habe vor Wahnsinn oft so laut gestöhnt, daß der schäbige alte Josef vermutlich geglaubt hat, mein schlechtes Gewissen verfolge mich. Aber jetzt habe ich sie gesehen, dort unten, und fühle mich ein wenig friedlicher. Zu all der Zeit war es eine besondere Art, mich umzubringen, nicht Zoll um Zoll, sondern um Bruchteile davon, um Haaresbreiten, indem man mich achtzehn Jahre lang mit dem Schein, mit dem Gespenst einer Hoffnung betrogen hat.«

Mr. Heathcliff hielt inne und trocknete sich die Stirn, an der das nasse Haar klebte. Sein Blick war auf die glühende Asche im Kamin gerichtet. Seine Augenbrauen zogen sich nicht wie sonst krampfhaft zusammen, sondern schwangen sich rund zu den Schläfen hin. So erschien die Düsternis des Gesichtes gemildert, es war eher einer schmerzlichen Spannung hingegeben, von einem einzigen Gegenstand erfüllt. All seine Worte waren nur halb an mich gerichtet gewesen. Ich schwieg; ungern hatte ich diese Erzählung angehört.

Nach einer Weile wandte er sich wieder dem Bildnis zu, nahm es herab und lehnte es gegen das Sofa, um es besser zu betrachten. Dabei trat Catherine ein und sagte, sie sei bereit, sobald man ihr Pony gesattelt habe.

»Sende dies morgen zu mir hinüber«, beauftragte mich Heathcliff. Dann drehte er sich zu ihr um: »Du kannst ohne dein Pferdchen auskommen. Es ist ein schöner Abend, und bei uns wirst du keine Ponys brauchen; zu den Wegen, die du dort zu machen hast, genügen deine Füße. Komm.«

»Leb wohl, Ellen«, flüsterte meine liebe Kleine. Ihre Lippen fühlten sich wie Eis an. »Besuche mich. Vergiß es nicht.«

»Mrs. Dean möge dergleichen unterlassen«, versetzte ihr neuer Vater. »Wenn ich mit ihr zu sprechen habe, werde ich hierherkommen. Ich wünsche nicht, daß jemand von euch in meinem Hause spioniert.«

Er machte ihr ein Zeichen, und mit einem Blick, der mir das Herz zerriß, folgte sie ihm. Vom Fenster aus sah ich sie den Garten hinabgehen. Heathcliff preßte Catherines Arm unter den seinen, obwohl sie sich zuerst dagegen sträubte. So zog er sie mit schnellen Schritten in die Allee, zwischen deren Bäumen sie verschwanden.

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