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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die regnerische Nacht war einem nebligen Morgen gewichen. Es fiel ein kalter Sprühregen. Bäche überschwemmten unseren Weg, die vom Hochland herabströmten. Meine Füße waren vollständig durchnäßt. Meine verdrossene Stimmung paßte recht eigentlich zu unserem unersprießlichen Vorhaben. Wir betraten Wuthering Heights durch die Küche, um uns zunächst zu vergewissern, daß Mr. Heathcliff wirklich abwesend sei, denn ich glaubte ihm kein Wort.

Josef saß wie in einer Art Elysium neben dem prasselnden Feuer, ein Viertel Ale vor sich auf dem Tisch, der mit großen Stücken gerösteten Haferkuchens bedeckt war, seine kurze schwarze Pfeife im Mund – anscheinend allein. Catherine lief zum Herd und wärmte sich; ich fragte, ob der Herr zu Hause sei. Meine Frage blieb lange unbeantwortet, als sei der Alte endgültig taub geworden; ich wiederholte sie.

»Nee«, schnarrte er durch die Nase. »Nee. Macht, daß ihr wieder hinkommt, wo ihr hergekommen seid.«

»Josef!« rief ich – und zugleich mit mir rief es eine mürrische Stimme aus einem andern Zimmer: »Josef, wie oft soll ich nach dir schreien! Hier ist kaum noch ein bißchen glühende Asche. Josef, komm sofort her!«

Ein kräftiges Weiterpaffen aus der Pfeife und der unbeirrte Blick, mit dem er in den Kamin starrte, zeigten an, daß er dem Ruf nicht Folge zu leisten gedachte. Hareton und die Haushälterin waren nicht zu sehen; sie machte wohl eine Besorgung, und er war bei seiner Arbeit. Da wir Lintons Stimme erkannt hatten, traten wir bei ihm ein.

»Ich wünschte, du verhungertest in einer Dachstube!« sagte Linton, da er beim Hören unserer Schritte annahm, es sei der pflichtvergessene Diener. Seine Kusine flog auf ihn zu.

»Oh, Sie sind es, Miß«, berichtigte er sich und hob den Kopf von der Lehne des großen Sessels, in dem er ruhte. »Nein, küssen Sie mich nicht! Es nimmt mir den Atem! Sieh an! Mein Vater sagte schon, Sie würden mich besuchen.«

Er erholte sich zunächst ein wenig von Cathys Umarmung, während sie ganz zerknirscht dastand, und fuhr fort: »Wären Sie so freundlich, die Tür zu schließen? Sie haben sie offen gelassen, und diese – diese schauderhaften Leute wollen keine Kohlen für den Kamin bringen. Es ist so kalt.«

Ich schürte in der Asche und holte dann selbst einen Eimer voll Kohlen, worauf sich der Kranke beschwerte, ich hätte ihn mit Asche bestäubt. Da er tatsächlich vom Husten gequält war und aussah, als hätte er Fieber, sagte ich nichts gegen seine schlechte Laune.

»Also, Linton«, flüsterte Cathy, als seine Stirn sich wieder etwas zu glätten begann, »freust du dich, mich zu sehen? Kann ich irgend etwas für dich tun?«

»Warum sind Sie nicht früher gekommen? Sie hätten mich besuchen sollen, statt mir zu schreiben. Es war entsetzlich ermüdend für mich, so lange Briefe zu verfassen. Viel lieber hätte ich mich mit Ihnen unterhalten. Jetzt kann ich aber weder das Sprechen noch sonst etwas aushalten. Ich möchte wissen, wo die Zillah ist. Wollen Sie (er sah mich an) einmal in die Küche gehen und nachschauen?«

Da ich keinen Dank für meine anderen Gefälligkeiten geerntet hatte und wenig Lust verspürte, auf seinen Befehl hin und her zu rennen, erwiderte ich: »Dort ist niemand außer Josef.«

»Aber ich möchte zu trinken haben.« Er wandte sich verdrießlich ab. »Zillah läuft unaufhörlich nach Gimmerton, seit Papa fort ist. Es ist schauerlich. Ich muß hier unten sitzen, weil sie beschlossen haben, mich überhaupt nicht zu hören, wenn ich mich oben aufhalte.«

»Kümmert sich Ihr Vater um Sie, Master Heathcliff?« fragte ich, da Catherines freundliches Anerbieten gar nicht in Rücksicht gezogen wurde.

»Kümmern? Aber er jagt wenigstens diese Leute, daß sie sich etwas für mich tummeln! Denken Sie, Miß Catherine, dieser tollpatschige Hareton lacht mich aus! Ich hasse ihn, wirklich, ich hasse sie alle. Es sind ekelhafte Geschöpfe.«

Cathy suchte nach Wasser. Sie holte einen Krug aus dem Schrank, füllte ein Glas und brachte es ihm. Er bat sie, aus der Flasche auf dem Tisch einen Löffel Wein hinzuzugießen. Als er einen Schluck genommen hatte, schien er sich zu beruhigen und bemerkte, sie sei sehr liebenswürdig.

»Und freust du dich, mich zu sehen?« wiederholte sie ihre frühere Frage, schon befriedigt, weil sie ein schwaches Lächeln bei ihm entdeckte.

»Ja, ich freue mich. Es ist einmal etwas anderes, eine Stimme wie die Ihre zu hören. Aber ich war tatsächlich sehr ärgerlich, weil Sie nicht herkommen wollten. Papa erklärte, es sei meine Schuld. Er nannte mich einen jämmerlichen trägen unnützen Kerl und meinte, Sie verachteten mich. Er, an meiner Stelle, sagte er, hätte in Grange schon mehr zu sagen als Ihr Vater? Nicht wahr, Sie verachten mich durchaus nicht, Miß –«

»Ich möchte, daß du Catherine oder Cathy zu mir sagst«, unterbrach sie ihn. »Dich verachten? Nein. Nächst meinem Vater und Ellen bist du mir der liebste Mensch überhaupt. Aber Mr. Heathcliff habe ich nicht gern. Darum kann ich nicht herkommen, wenn er wieder im Hause ist. Wird er lange Zeit wegbleiben?«

»Nicht lange. Aber er geht oft ins Moor, seid die Jagd begonnen hat. Dann könntest du eine oder zwei Stunden in seiner Abwesenheit bei mir bleiben. Sage, daß du es willst, Cathy. Ich glaube, mit dir würde ich nicht so schlechter Stimmung sein. Du würdest mich nicht reizen und wärest jederzeit bereit, mir zu helfen, nicht wahr?«

»Ja.« Sie streichelte sein langes weiches Haar. »Wenn ich die Erlaubnis meines Vaters erhielte, würde ich die Hälfte meiner Zeit bei dir sein. Mein Linton! Ich wünschte, du wärst mein Bruder.«

»Und dann würdest du mich so gern haben wie deinen Vater?« fuhr er heiterer fort. »Papa sagt sogar, du würdest mich mehr als deinen Vater und als die ganze Welt lieben, wenn du meine Frau wärst. Darum wünschte ich im Grunde, wir wären verheiratet.«

»Nein, mehr als ihn könnte ich niemanden lieben«, erwiderte sie ernsthaft. »Und es gibt Männer, die ihre Frauen hassen, aber nicht ihre Schwestern und Brüder. Wenn du mein Bruder wärst, würdest du bei uns wohnen, und mein Vater würde dir ebenso zugetan sein wie mir.«

Linton bestritt, daß Männer jemals ihre Frauen hassen könnten, aber Cathy bestand darauf. In ihrer Weisheit führte sie das Beispiel seines eigenen Vaters an und seine Abneigung gegen Tante Isabella. Ich bemühte mich, ihre entfesselte Zunge anzuhalten. Aber ehe es mir gelang, war alles, was sie wußte, schon erzählt.

Aufgeregt erklärte Linton, ihr Bericht sei falsch. Sie antwortete schroff: »Mein Vater hat es mir gesagt, mein Vater sagt keine Unwahrheit.«

»Und mein Vater verachtet den deinen!« rief der andere. »Er nennt ihn einen ängstlichen Schleicher!«

»Und der deine ist ein schlechter Mensch! Es ist unerhört, daß du mir zu wiederholen wagst, was er über den meinen sagt. Er muß schlecht sein, da er seine Frau dazu getrieben hat, ihn zu verlassen!«

»Sie hat ihn nicht verlassen. Du sollst mir nicht widersprechen.«

»Doch!« schrie Cathy.

»Gut, dann will ich dir etwas erzählen: Deine Mutter hat deinen Vater gehaßt. Nun weißt du es.«

»Oh!« machte sie, zu empört, um weitersprechen zu können.

»Und meinen Vater hat sie geliebt.«

»Du dummer Lügner! Jetzt hasse ich dich!« keuchte sie, rot vor Zorn.

»Sie hat ihn geliebt, hat ihn geliebt!« sang Linton, in den Winkel seines Sessels zurücksinkend und den Kopf zurücklehnend, um von unten besser die Aufregung des Mädchens zu genießen, das hinter ihm stand.

»Still, Master Linton«, mischte ich mich ein, »das hat Ihnen wohl gleichfalls Ihr Vater eingeredet.«

»Nein, halte den Mund! Sie hat ihn geliebt, Catherine! Sie hat ihn geliebt, sie hat ihn geliebt!«

Außer sich, versetzte Cathy dem Stuhl einen heftigen Stoß. Linton fiel gegen die Lehne. Ein erstickender Husten befiel ihn und machte seinem Triumph ein schnelles Ende. Der Anfall dauerte so lange, daß ich selbst mich beunruhigte. Und Cathy – sie weinte, weinte aus Herzensgrund, ganz verwirrt von dem Unheil, das sie angerichtet hatte. Aber sie sagte kein Wort. Ich hielt den Kranken, bis der Anfall vorüber war. Dann stieß er mich weg und senkte den Kopf und schwieg. Auch das Mädchen schwieg, setzte sich ihm gegenüber und schaute ins Feuer.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?« fragte ich nach zehn Minuten.

»Ich wünschte, sie fühlte sich so wie ich!« antwortete Linton. »Solch ein boshaftes, grausames Ding! Sogar Hareton rührt mich niemals an, niemals hat er mich geschlagen. Außerdem ging es mir gerade heute besser, und jetzt – « Seine Stimme erstarb in einem Wimmern.

»Aber ich habe dich nicht geschlagen«, murmelte Cathy und biß sich auf die Lippen, um sich besser zu beherrschen.

Er seufzte und stöhnte wie jemand, der entsetzlich leidet. Er tat es eine Viertelstunde lang, sicher absichtlich, um das Mädchen zu beunruhigen. Denn jedesmal, wenn er ein unterdrücktes Schluchzen von drüben hörte, legte er gesteigerte Pein und ergreifenderen Schmerz in den Klang seiner Stimme.

»Es tut mir leid, daß ich dir wehgetan habe«, sagte sie schließlich, da sie die folternde Spannung nicht mehr ertragen konnte. »Aber mir hätte ein kleiner Stoß nichts ausgemacht, und ich habe mir nicht vorgestellt, daß es so gefährlich sein könnte. Es war doch gar nicht so schlimm, nicht wahr, Linton? Laß mich nicht heimgehen mit dem Gedanken, daß ich dir etwas Böses zugefügt habe. Antworte doch, sprich mit mir!«

»Ich kann nicht mit dir sprechen«, flüsterte er. »Dein Stoß hat mich so mitgenommen, daß ich die ganze Nacht lang schlaflos daliegen werde, mit dem schrecklichen Husten. Wenn du ihn hättest, würdest du wissen, wie es ist! Aber du wirst ganz behaglich schlummern, während ich von Todesqualen heimgesucht werde. Und niemand ist bei mir. Was würdest du machen, wenn du so entsetzliche Nächte hättest!«

Vor lauter Mitleid mit sich selbst begann er noch heftiger zu jammern.

»Da Sie leider daran gewöhnt sind, fürchterliche Nächte zu verbringen, ist nicht Miß Cathy daran schuld, wenn Sie auch heute nicht schlafen. Es wird nicht anders sein, als wenn sie gar nicht gekommen wäre. Jedenfalls wollen wir Sie nicht nochmals stören, und vielleicht werden Sie ruhiger, wenn wir Sie verlassen.«

»Muß ich also gehen?« fragte Cathy trübselig und beugte sich über ihn. »Willst du, ich soll gehen?«

Er wich vor ihr zurück: »Was du mir angetan hast, kannst du nicht mehr ändern, höchstens es noch schlimmer machen, indem du mich peinigst, bis ich Fieber bekomme.«

»Dann muß ich fort?« wiederholte sie. – »Ja, laß mich wenigstens allein, ich kann dein Reden nicht vertragen.«

Sie zögerte und setzte meinen Mahnungen noch eine Weile Widerstand entgegen. Da er weder aufsah noch sprach, machte sie einen Schritt zur Tür und ich folgte. Wir hörten einen Schrei und drehten uns um. Linton war von seinem Sessel auf die Fliesen hinabgeglitten. Dort auf dem Steinboden krümmte und wand er sich mit dem unbeirrbaren Starrsinn eines verdorbenen Kindes, das auf jeden Fall so unleidlich und gefährlich wie möglich sein will. Sein ganzes Betragen hatte auf dieser Linie gelegen, und mir war klar, daß jeder Versuch einer Beschwichtigung unfruchtbar bleiben mußte. Nicht so mein Mädchen. Cathy lief zurück, kniete nieder, redete ihm zu und beschwor ihn, bis er ruhig wurde, weil ihm die Luft ausging. Dies war der Grund, und nicht etwa Reue darüber, sie betrübt zu haben.

»Ich bette ihn auf die Bank«, sagte ich. »Dort kann er sich auch herumwerfen, so viel er mag. Wir können nicht bleiben und auf ihn aufpassen. Ich hoffe, Miß Cathy, Sie haben nun gemerkt, daß Sie nicht imstande sind, ihm wohlzutun, und daß sein Gesundheitszustand durchaus nicht mit seiner Liebe zu Ihnen zusammenhängt. So, da ist er untergebracht. Kommen Sie. Wenn niemand mehr da ist, der sich darum kümmert, wie er sich anstellt, wird er ganz gern stilliegen.«

Sie schob ihm ein Kissen unter den Kopf und wollte ihm Wasser zu trinken geben. Er wies es zurück und wälzte sich ruhelos auf dem Kissen herum, etwa als sei es ein Stein oder ein Stück Holz. Sie versuchte, es bequemer zu rücken.

»So nicht«, murrte er, »es ist nicht hoch genug.«

Catherine brachte ein zweites und legte es darauf.

»Das ist zu hoch.«

»Wie soll ich es denn machen?« fragte sie verzweifelt.

Er richtete sich an ihr auf, da sie neben seiner Bank kniete, und benutzte ihre Schulter als Stütze.

»Nein, das geht nicht«, sagte ich. »Sie müssen sich mit dem Kissen begnügen. Sie hat schon zuviel Zeit mit Ihnen verbracht. Wir können keine fünf Minuten länger bleiben.«

»Wir können länger bleiben«, erwiderte Cathy. »Jetzt ist er gut und geduldig. Sicherlich fühlt er, daß ich heute nacht noch viel schlechter daran wäre als er, wenn ich meinen Besuch bei ihm für schädlich halten müßte. Dann würde ich überhaupt nicht wagen, wiederzukommen. Deshalb sage mir die Wahrheit, Linton. Wenn ich dir durch meine Anwesenheit wirklich weh getan habe, kann ich dich nicht mehr besuchen.«

»Du sollst mich besuchen, um mich zu heilen. Du mußt kommen, weil du mir weh getan hast. Als du eintratest, war ich nicht so krank wie jetzt, siehst du es?«

»Durch Ihr Jammern haben Sie sich selbst krank gemacht, und durch Ihr Toben«, bemerkte ich.

»Ich war tatsächlich nicht daran schuld«, sagte das Mädchen. »Jedenfalls wollen wir nun wieder Freunde sein. Du brauchst mich wirklich? Du möchtest mich manchmal sehen?«

»Ich sagte es dir schon. Setz dich auf die Bank, ich will meinen Kopf auf deine Knie legen. So hat es meine Mama ganze Nachmittage lang getan. Sitze ganz still und sprich nicht. Aber sing ein Lied, wenn du singen kannst. Du darfst auch eine Ballade aufsagen, solch eine lange spannende, die du mir beibringen wolltest, oder eine Geschichte. Lieber möchte ich eine Ballade hören. Jetzt fang an.«

Catherine deklamierte die längste, die sie kannte. Diese Unterhaltung gefiel beiden außerordentlich. Linton wollte noch eine andere haben, danach eine dritte, trotz meines Widerspruchs. So trieben sie es weiter, bis die Uhr zwölf schlug und wir Hareton hörten, der durch den Hof zum Mittagessen kam.

»Und morgen, Catherine, wirst du morgen wieder hier sein?« Er hielt sie am Kleid fest, als sie sich, sehr ungern, erhob.

»Nein«, antwortete ich, »und übermorgen auch nicht.«

Aber sie gab ihm offenbar einen anderen Bescheid, denn seine Stirn glättete sich, als sie sich zu seinem Ohr beugte und ihm etwas zuflüsterte.

Als wir aus dem Hause waren, erklärte ich: »Sie gehen morgen nicht hierher, Miß. Sie denken doch nicht im Traum daran, hoffe ich?« – Sie lächelte.

»Oh, ich werde genau aufpassen. Ich lasse das Schloß der Pforte wiederherstellen, und sonst gibt es keine Stelle, um hindurchzukommen.«

»Allenthalben kann ich über die Mauer klettern«, erwiderte sie lachend, »Grange ist kein Gefängnis, und du bist nicht mein Kerkermeister. Außerdem bin ich fast siebzehn, ich bin eine Frau! Bestimmt würde sich Linton rasch erholen, wenn ich nach ihm sehen würde. Vergiß nicht, daß ich älter als er bin, und klüger – und doch weniger kindlich, nicht wahr? Bald wird er alles tun, was ich ihm rate, ich muß nur ein bißchen nachhelfen. Er ist so ein lieber netter Junge, wenn er gut ist. Würde er mir gehören, so würde ich mein Püppchen aus ihm machen. Wir würden uns nie zanken, wenn wir uns aneinander gewöhnt hätten. Du mußt ihn doch auch gern haben, Ellen?«

»Ich! Diesen launischesten und waschlappigsten aller Jünglinge, den ich jemals gesehen habe! Man findet es beinahe in Ordnung, daß er keine zwanzig Jahre alt werden wird, wie Mr. Heathcliff vermutet. Ich bezweifle sogar, daß er den Frühling erlebt. Seine Familie wird es nicht als großen Verlust empfinden, wenn er verschwindet, und für uns ist es ein Glück, daß sein Vater ihn übernommen hat. Je freundlicher er bei uns behandelt worden wäre, desto anmaßender und selbstsüchtiger wäre er geworden. Ich bin froh, daß keine Aussicht für Sie besteht, ihn zum Mann zu nehmen, Miß Catherine.«

Mein junges Mädchen wurde ernst, als sie mich so rücksichtslos und gleichgültig über seinen Tod sprechen hörte. Nach einer langen Pause antwortete sie:

»Er ist noch jünger als ich und müßte länger leben. Er wird er muß ebensolange leben wie ich. Jetzt ist er nicht schwächer als damals, bei seiner Ankunft hier im Norden. Ich weiß bestimmt, es ist nur eine Erkältung, die ihn quält, also dasselbe, was der Vater hat. Du sagst selbst, der Vater wird gesund werden. Weshalb also nicht auch er?«

»Ja, ja. Es ist auch ganz überflüssig, so ausführlich darüber zu reden. Denn ich sage Ihnen, Miß, und ich werde zu meinem Wort stehen: wenn Sie versuchen, nochmals nach Wuthering Heights zu gehen, ganz gleich, ob mit mir oder ohne mich, werde ich Ihren Vater davon in Kenntnis setzen. Hinter seinem Rücken soll die Verbindung mit Linton nicht erneuert werden.«

»Sie ist bereits erneuert worden«, murmelte Cathy trotzig.

»Dann soll sie nicht fortgesetzt werden.«

»Wir werden sehen.« Sie ging in Galopp über und ließ mich mühsam nachfolgen.

Beide waren wir, noch vor dem Abendessen, zu Haus. Der Herr nahm an, wir seien im Park umhergewandert, und fragte nicht weiter. In meinem Zimmer beeilte ich mich, die durchnäßten Schuhe und Strümpfe zu wechseln. Aber da ich sie so lange in Wuthering Heights angehabt hatte, war ich bereits erkältet. Am nächsten Morgen mußte ich liegenbleiben, und drei Wochen lang konnte ich meine Arbeit nicht tun, ein Unglück, das ich niemals zuvor gekannt hatte, das mich auch seither nicht wieder getroffen hat, ich bin dankbar, es sagen zu können.

Aber meine Kleine benahm sich wie ein Engel. Immer war sie da und pflegte mich und erheiterte meine Einsamkeit. Ich fühlte mich wie eine Gefangene und war sehr bedrückt. Für einen beweglichen und tätigen Menschen ist ein solcher Zwang schwer zu ertragen, wenn auch viele weit mehr Grund haben als ich, sich zu beklagen. Sobald Cathy das Zimmer ihres Vaters verließ, erschien sie an meinem Bett. So war ihr Tag zwischen uns geteilt; keine Minute gehörte dem Vergnügen. Sie vernachlässigte ihre Mahlzeiten, ihre Arbeiten, ihre Spielereien. Welch warmes Herz mußte sie haben, da sie ihren Vater so sehr liebte und mir dennoch soviel Zeit gönnte.

Ich sagte, ihre Stunden waren zwischen uns beiden geteilt. Mr. Edgar blieb indessen frühzeitig für sich allein, und ich hatte nach sechs Uhr gewöhnlich keine Wünsche mehr. Cathy hatte also die Abende für sich. Ich dachte niemals darüber nach, was sie nun nach dem Tee mit sich anfing. Wenn sie hereinsah, um mir Gute Nacht zu sagen, fiel mir allerdings die rote Farbe ihrer Wangen und die gerötete Haut ihrer schlanken Finger auf. Es hätte mir in den Sinn kommen können, daß die Ursache frische Luft war – das kalte Moor draußen. Ich dachte (wenn ich etwas dachte), es liege an dem heißen Kaminfeuer in der Bibliothek.

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