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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Neunzehntes Kapitel

Ein Brief mit schwarzem Trauerrand zeigte den Tag der Rückkehr Mr. Lintons an. Isabella war tot. Er schrieb, ich solle für seine Tochter Trauerkleider besorgen und ein Zimmer mit allem Nötigen für seinen jungen Neffen vorbereiten. Cathy freute sich maßlos auf das Wiedersehen mit dem Vater und überließ sich den prächtigsten Vorstellungen über die Vorzüge ihres »richtigen« Vetters. Vom frühen Morgen an beschäftigte sie sich mit der Erledigung ihrer eigensten kleinen Angelegenheiten. Jetzt, am Abend der Ankunft, drang sie in mich, den beiden entgegenzugehen – angetan mit ihrem neuen schwarzen Kleid der Tod der Tante selbst machte der Kleinen nicht sehr viel Eindruck.

»Linton ist genau sechs Monate jünger als ich«, plauderte sie, als wir über die Anhöhen und die moosigen Senkungen im Schatten der Bäume dahinschlenderten. »Ich freue mich auf ihn als Spielgefährten. Tante Isabella schickte dem Vater einmal eine hübsche Locke von seinem Haar; es war lichter als meins, fast flachsblond, ebenso fein. Ich habe sie in einer gläsernen Dose aufbewahrt und oft gedacht, wie gern ich einmal den Jungen sehen würde, zu dem sie gehörte. Oh, ich freue mich – und Papa, lieber, lieber Papa! Wir wollen laufen, Ellen, komm, lauf!«

Sie rannte und kehrte zurück, viele Male hin und her, ehe ich mit meinen ruhigen Schritten den Ausgang erreichte. Dann setzte sie sich auf die Rasenbank am Wege und versuchte, geduldig zu warten. Das war unmöglich; sie konnte keine Minute stillsitzen.

»Wie lange es dauert! Da, Staub auf der Landstraße, sie kommen! Nein. Können wir ihnen nicht ein Stück entgegengehen, nur eine halbe Meile? Bis zu den Birken an der Biegung!«

Ich blieb sitzen, und schließlich endete die Spannung, der Reisewagen kam in Sicht. Jubelnd streckte Cathy die Arme aus, als sie das Gesicht des Vaters am Wagenfenster erblickte. Er stieg aus, fast so aufgeregt wie sie, und es verging einige Zeit, bis die beiden etwas für andere Leute übrig hatten. Während ihrer Umarmung spähte ich in den Wagen. Linton schlief in der Ecke, gehüllt in einen pelzgefütterten Mantel, als ob es Winter wäre. Ein blasser, mädchenhaft zarter Knabe, den man für den jüngeren Bruder unseres Herrn halten konnte, so groß war die Ähnlichkeit. Nur lag etwas Kränkliches und Verdrossenes in seinem Gesicht, das Edgar niemals gehabt hatte. Dann schüttelte mir der Herr die Hand und hieß mich die Wagentür schließen; man solle den Jungen nicht stören, er sei von der Reise ermüdet. Auch Cathy hätte gern einen Blick hineingeworfen, aber der Vater zog sie mit sich, durch den Park, während ich vorauseilte.

»Ja, mein Liebling«, sagte Mr. Linton, als sie am Fuße der Freitreppe anhielten, »dein Vetter ist nicht so kräftig und lustig wie du. Bedenke, daß er erst vor kurzer Zeit die Mutter verloren hat. Erwarte also nicht, daß er sogleich mit dir herumläuft und spielt. Rede nicht zuviel auf ihn ein und laß ihn mindestens heut abend in Ruhe, nicht wahr?«

»Natürlich! Ich möchte ihn nur sehen. Er hat überhaupt nicht herausgeschaut.«

Die Kutsche machte halt. Der Schläfer wurde geweckt und von seinem Onkel herausgeholt.

»Lieber Linton, das ist deine Cousine Cathy«, sagte er und legte ihre Hände ineinander. »Sie hat dich jetzt schon gern. Heut abend darfst du nicht jammern und sie überhaupt nicht betrüben. Sei ein bißchen vergnügt, die Reise ist vorbei, jetzt kannst du dich erholen und tun, wozu du Lust hast.«

»Dann laß mich zu Bett gehen«, antwortete der Junge und zog sich vor Cathys Begrüßung zurück.

»Kommen Sie, seien Sie nett«, flüsterte ich und führte ihn hinein. »Sonst fängt sie auch noch zu weinen an, weil ihre Traurigkeit ihr zu Herzen geht.«

Tatsächlich machte Cathy bereits ein ebenso betrübtes Gesicht wie er und stellte sich zu ihrem Vater. Alle drei stiegen zur Bibliothek hinauf, wo der Tee bereit stand. Ich nahm dem Jungen Mütze und Mantel ab und rückte ihm einen Stuhl am Tisch zurecht. Kaum saß er, als er zu weinen begann.

»Ich kann nicht auf einem Stuhl sitzen«, schluchzte er auf die Frage des Herrn. »Dann verfüge dich aufs Sofa, und Ellen bringt dir den Tee dorthin«, erwiderte der Onkel geduldig.

Er mußte während der Reise von seinem mißlaunigen Schützling gehörig geplagt worden sein. Der Junge schleppte sich zum Sofa und legte sich nieder. Cathy schob eine Fußbank daneben und setzte sich mit einer Tasse Tee zu ihm. Lange konnte sie sich allerdings nicht ruhig halten. Sie hatte beschlossen, ihren kleinen Vetter zu einer Art Puppe zu machen, bis er ganz nach ihren Wünschen sein würde. Sie begann, seine Locken zu streicheln, ihn auf die Wange zu küssen, und reichte ihm Tee in der Untertasse, wie einem Baby. Er war nichts anderes, und so gefiel es ihm. Er trocknete seine Augen und lächelte.

»Es wird schon mit ihm werden«, sagte der Herr zu mir, nachdem er sie eine Weile beobachtet hatte. »Es wäre gut für ihn, wenn wir ihn behalten könnten. Die Gesellschaft eines gleichaltrigen Kindes wird ihm Mut geben, er wird sich wünschen, kräftiger zu sein, und so wird er gesund werden.«

Ja, wenn wir ihn behalten können! dachte ich. Ich hatte die trübe Vorahnung, daß diese Wahrscheinlichkeit nicht groß war. Wie aber sollte ein solcher Schwächling auf Wuthering Heights leben, zwischen seinem Vater und Hareton – welch ein Erzieher, welch ein Spielgefährte!

Sehr rasch wurden diese Zweifel behoben. Nach dem Tee hatte ich die Kinder hinaufgebracht und war bei Linton geblieben, bis er eingeschlafen war; vorher ließ er mich nicht fort. Als ich wieder in der Halle stand, kam ein Hausmädchen mit der Nachricht, Josef sei von Mr. Heathcliff geschickt worden und wünsche den Herrn zu sprechen.

»Zunächst werde ich ihn fragen, was er will«, sagte ich ziemlich verstört. »Eine ungewöhnliche Stunde, um Leute aufzusuchen, zumal wenn sie soeben von einer langen Reise zurückgekehrt sind. Ich nehme nicht an, daß Mr. Linton sich sprechen läßt.« Während meiner Worte war Josef bereits durch die Küche in die Halle getreten. Er hatte seinen Sonntagsstaat an und sah so scheinheilig und sauersüß wie möglich aus. Er hielt den Hut in der einen und den Stock in der anderen Hand und machte sich daran, seine Schuhe auf der Matte zu säubern. Ich begrüßte ihn kühl:

»Guten Abend, Josef. Was willst du mitten in der Nacht?«

»Mit dem Herrn reden, mit Mr. Linton.« Er wollte mich verächtlich beiseiteschieben.

»Mr. Linton geht gerade zu Bett. Wenn du nichts Besonderes zu melden hast, setz dich und übermittle mir deine Botschaft.«

»Wo ist sein Zimmer?« Hartnäckig musterte er die Reihe der geschlossenen Türen.

Unwillig meldete ich oben in der Bibliothek den ungebetenen Besucher und schlug vor, ihn für den nächsten Tag wieder zu bestellen. Mr. Linton hatte leider keine Zeit, mich zu dieser Abweisung zu ermächtigen. Josef folgte mir auf den Fersen, drängte sich ins Zimmer und pflanzte sich am Ende des Tisches auf, beide Fäuste auf den Knopf seines Stockes gestützt. In erhabenem Tone, als wolle er einem vermuteten Widerspruch zuvorkommen, erklärte er:

»Heathcliff hat mich nach seinem Knaben gesandt. Ohne diesen darf ich nicht zurückkommen.«

Edgar Linton schwieg. Aufrichtiger Kummer lag in seinem Gesicht. Das Kind tat ihm schon um dessen selbst willen leid. Und Isabella hatte den Jungen, bewegt von all ihren Hoffnungen und Befürchtungen, ausdrücklich seiner Obhut anvertraut. So überlegte er in tiefer Unruhe, wie er vermeiden könnte, das Kind herzugeben. Er sah keine Möglichkeit. Immerhin wollte er den Knaben nicht wecken. So erwiderte er ruhig:

»Sage Mr. Heathcliff, sein Sohn werde morgen nach Wuthering Heights kommen. Er ist zu müde, um jetzt den weiten Weg zurückzulegen. – Übrigens kannst du ihm auch erzählen, daß Lintons Mutter gewünscht hat, er solle bei mir bleiben, und daß seine Gesundheit sehr angegriffen ist.«

»Nee!« erwiderte Josef, stieß mit dem Stock auf den Boden und nahm eine gebieterische Miene an. »Nee, hat keinen Zweck. Heathcliff macht sich nichts aus der Mutter des Linton und aus Ihnen ebensowenig. Seinen Jungen will er haben, und ich hole ihn mir, daß Sie's nur wissen!« »Heute abend nicht«, antwortete Linton entschieden. »Geh sofort hinunter. Wiederhole deinem Herrn, was ich gesagt habe. Ellen, begleite ihn zur Tür.«

Er erhob den Arm und wies den entrüsteten alten Mann hinaus, erreichte, daß er sein Zimmer verließ und schloß die Tür.

»Gut, gut«, schrie Josef, indem er sich langsam entfernte.

»Morgen kommt er selbst, dann können Sie ihn auch so hinauswerfen, wenn Sie es wagen.«

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