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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Achtzehntes Kapitel

Die zwölf Jahre, die dieser traurigen Zeit folgten, waren die glücklichsten meines Lebens. Meine größten Sorgen kreisten um die Krankheiten unseres kleinen Fräuleins, die Cathy wie alle Kinder, ob arm oder reich, durchzumachen hatte. Nach den ersten sechs Monaten gedieh sie wie eine kleine Tanne, und sie konnte gehen und auf ihre Art auch sprechen, bevor das Heidekraut auf Catherines Grab zum zweiten Male blühte. Sie hatte ein so niedliches und gewinnendes Wesen, daß sie Licht und Heiterkeit in das trostlose Haus brachte. Eine richtige kleine Schönheit war sie, mit den dunklen Augen der Earnshaws und der hellen Haut, dem schmalen Gesicht, den blonden Locken der Lintons. Ihr Temperament war lebhaft, ohne heftig zu sein; ihr empfindsames Herz neigte zum Überschwang, wenn es liebte. Diese Fähigkeit zu starker Zuneigung erinnerte mich an ihre Mutter. Dennoch ähnelte sie ihr kaum. Sie konnte sanft sein wie eine Taube, ihre Stimme war weich, ihr Ausdruck nachdenklich. Niemals ging irgendein Ärger bei ihr in Wut über, in ihrer Liebe war kein Zorn, sondern zärtliche Güte. Aber manche Fehler durchkreuzten die schönen Anlagen. Da war ihr Hang zu einer gewissen Keckheit; eine Verstocktheit, wie sie bei verzogenen Kindern ausnahmslos entsteht, mögen sie gutartig oder bösartig sein. Wenn jemand von den Leuten sie ärgerte, hieß es sogleich: »Ich sage es Papa!« Tadelte ihr Vater sie, war es auch nur durch einen Blick, so hatte man den Eindruck, es handle sich um eine herzzerbrechende Sache. Er hat ihr kaum ein schroffes Wort gesagt. Ihre Erziehung war seine eigenste Sorge und Beschäftigung, seine liebste Freude. Glücklicherweise machten Wißbegierde und rasche Auffassung eine vorzügliche Schülerin aus ihr. Sie lernte eifrig und erwies seinem Unterricht alle Ehre.

Bis zu ihrem dreizehnten Jahre war sie niemals allein über die Grenzen des Parks hinausgekommen. Ganz selten nahm Mr. Linton sie eine Meile weit mit sich hinaus, und er vertraute sie keinem anderen an. Das nahe Gimmerton war für ihre Ohren ein inhaltloser Name, die Kapelle das einzige Gebäude, das sie, abgesehen von ihrem eigenen Heim, betreten hatte. Wuthering Heights und Mr. Heathcliff waren für sie nicht vorhanden. So glich sie einer richtigen Einsiedlerin und schien bei diesem Leben vollkommen glücklich zu sein. Nur manchmal, wenn sie vom Fenster ihres Kinderzimmers über die Landschaft hinsah, meinte sie:

»Ellen, wie lange wird es noch dauern, bis ich auf die Hügel dort steigen kann? Was mag wohl auf ihrer anderen Seite liegen? Das Meer?«

»Nein, Miß Cathy, es sind wieder Hügel, wie diese.«

»Und wie sehen die goldenen Felsen dort aus, wenn man darunter steht?« fragte sie ein anderes Mal.

Der steile Absturz der Klippen von Penistone zog ihre Aufmerksamkeit an, zumal wenn die untergehende Sonne darauflag und die höchsten Spitzen leuchteten, während die übrige Landschaft schon in tiefe Schatten versank. Ich erklärte ihr, es seien kahle Felsenmassen, die kaum genug Erde in ihren Spalten besäßen, um einen armseligen Baum zu ernähren.

»Und warum strahlen sie noch so lange, wenn hier schon Abend ist?«

»Weil sie weit höher liegen als wir hier. Sie könnten nicht hinaufklettern, es ist zu hoch und steil. Im Winter ist die Kälte schon lange dort, bevor sie zu uns gelangt. Mitten im Sommer habe ich in der schwarzen Schlucht an der Nordostseite noch Schnee gefunden.«

»Oh, du bist oben gewesen! Dann kann ich auch hingehen, wenn ich erwachsen bin! War Papa oben?«

»Er würde Ihnen sagen, Miß, daß es keinen Besuch lohnt. Das Moor hier, durch das Sie Streifzüge mit ihm machen, ist viel schöner, und der Thrushcross-Park ist der schönste Ort der Welt.«

»Aber den Park kenne ich und dies dort nicht«, flüsterte sie. »Und ich würde so gern vom Rande des höchsten Gipfels rings um mich blicken. Mein Pony Minny soll mich einmal hintragen.« Eine der Mägde erwähnte Fairy Cave und setzte ihr den Wunsch in den Kopf, diese »Feengrotte« zu besuchen. Sie quälte damit Mr. Linton, bis er ihr den Ausflug für später versprach, wenn sie älter sei. Doch Miß Catherine maß ihr Alter nach Monaten. »Bin ich nun groß genug, um nach Penistone Crags zu gehen?« war ihre ständige Frage. Der Weg dorthin wand sich nahe bei Wuthering Heights vorbei, und Edgar wagte nicht, ihn zu betreten. Er antwortete beständig:

»Noch nicht, Liebling, noch nicht.«

Ich sagte schon, daß Isabella Heathcliff noch zwölf Jahre lebte, nachdem sie ihren Gatten verlassen hatte. Ihre Familie war von zarter Gesundheit; ihr und Edgar fehlte die kräftige Natur, die man bei den Menschen dieser Gegend gewöhnlich antrifft. Ich glaube, beide sind an der gleichen Krankheit gestorben. Es war eine Art Fieber, das, anfangs unscheinbar, langsam fortschreitend, in Wahrheit unheilbar, zuletzt ihr Leben rasch aufzehrte. Sie schrieb dem Bruder, um ihn nach vier Monaten Krankheit auf das nahende Ende vorzubereiten. Sie flehte ihn an, wenn irgend möglich zu ihr zu kommen; denn sie habe viel zu ordnen und wolle von ihm Abschied nehmen und Linton seiner Obhut übergeben. Ihre Hoffnung war, daß der Junge bei Edgar bleiben könne, wie bisher bei ihr. Sein Vater, Heathcliff, so redete sie sich wenigstens ein, würde die Last seiner Erziehung und Erhaltung nicht auf sich nehmen wollen. Der Herr zögerte keinen Augenblick. So ungern er sonst, auf gewöhnliche Aufforderungen hin, sein Haus verließ, so eilig ging er auf ihren Wunsch ein. Er empfahl Cathy meiner besonderen Aufsicht; den Park dürfe sie nicht einmal in meiner Begleitung verlassen. Daß sie allein weggehen könnte, daran dachte er nicht.

Er blieb drei Wochen fort. In den ersten Tagen saß mein Schützling in einer Ecke der Bibliothek, zu traurig, um zu lesen oder zu spielen. In dieser stillen Stimmung machte sie mir wenig Mühe. Dann folgte eine Zeit ungeduldiger Reizbarkeit. Da ich zuviel zu tun hatte und als so viel ältere nicht unaufhörlich zu ihrem Vergnügen hin und her laufen wollte, verfiel ich auf ein Mittel, um ihr Abwechslung zu verschaffen. Ich schickte sie auf alle möglichen Streifzüge durch unser Gut, manchmal zu Fuß, manchmal auf dem Pony, und bei ihrer Rückkehr hörte ich mir geduldig den Bericht von all den Abenteuern an, die sie erlebt hatte – in Wirklichkeit oder in ihrer Einbildung.

Der Sommer war in seiner vollen Entfaltung. Ihre einsamen Streifereien gefielen ihr so sehr, daß sie oft vom Frühstück bis zur Teestunde draußen blieb. Den Abend verbrachten wir also mit ihren phantastischen Erzählungen. Da die Eingänge geschlossen waren, befürchtete ich keinen Ausbruch; auch wenn sie weit offen gestanden hätten, würde sie sich nicht allein hinauswagen – diese meine Überzeugung war leider ganz unangebracht. Catherine kam eines Morgens um acht Uhr zu mir: sie sei heute ein arabischer Kaufherr. Mit seiner Karawane wolle er durch die Wüste ziehen. Ich müsse reichlichen Mundvorrat herbeischaffen, für den Kaufherrn selbst und für die Tiere, ein Pferd, nebst drei Kamelen, verkörpert in einem großen Jagdhund und einem Paar Vorstehhunden. Also stellte ich einen tüchtigen Vorrat von Leckereien zusammen und packte alles in den Korb, der an der einen Seite des Sattels hing. Leicht und heiter wie eine Elfe stieg sie hinauf, durch ihren breitkrempigen Hut und einen Gazeschleier vor der Julisonne geschützt. Über meine ängstlichen Ratschläge, nicht zu galoppieren und frühzeitig zurückzukommen, machte sie sich noch ein bißchen lustig und trabte lachend davon.

Das ungezogene Ding erschien nicht einmal zum Tee. Als einziger Reisender kehrte der Jagdhund zurück, ein älteres Tier, auf seine Bequemlichkeit erpicht. Weder Cathy noch das Pony oder die beiden Hühnerhunde waren zu sehen. Ich sandte Boten nach allen Richtungen aus und machte mich zuletzt selbst auf die Suche. Am Ende unserer Ländereien sah ich einen Arbeiter am Zaun einer Pflanzung beschäftigt. Ich fragte ihn, ob er unser junges Fräulein gesehen habe.

»Ja, heut früh. Sie ließ sich von mir eine Haselgerte abschneiden. Dann sprang sie mit ihrem kleinen Schotten über die Hecke und galoppierte davon.«

Mir wurde schlimm zumute. Sogleich fiel mir ein, daß sie bestimmt nach Penistone Crags aufgebrochen war. »Wie wird es ihr ergehen?« stöhnte ich. Ich drängte mich durch eine Zaunlücke, die der Mann ausbesserte, und lief auf die Landstraße. Meile um Meile eilte ich hin, als handle es sich um ein Wettrennen. Endlich, an einer Biegung des Weges, kam Wuthering Heights in Sicht. Aber auch von hier war weit und breit keine Catherine zu entdecken. Die Klippen liegen anderthalb Meilen hinter Mr. Heathcliffs Haus, vier Meilen von Grange. Bis ich dort hingelangen würde, konnte die Nacht hereinbrechen. Und wenn sie beim Klettern ausgeglitten war! Wenn sie einen Todessturz getan oder sich etwas gebrochen hatte! Die qualvolle Ungewißheit ging in eine wunderbare Erleichterung über, als ich bei dem Herrenhause Charlie, den wildesten der Jagdhunde, unter einem Fenster liegen sah, mit geschwollenem Kopf und blutendem Ohr. Ich öffnete das Pförtchen und klopfte kräftig am Eingang. Eine Magd machte auf und sagte sogleich:

»Oh, Sie suchen Ihr kleines Fräulein? Keine Angst, sie ist heil. Aber ich bin froh, daß der Herr gerade nicht hier ist.«

»Ist er wirklich nicht zu Hause?« keuchte ich, atemlos vom Laufen und von der Aufregung.

»Nein, nein, er und Josef werden wohl noch über eine Stunde wegbleiben. Kommen Sie 'rein und erholen Sie sich ein bißchen.« Schon erblickte ich mein verirrtes Schäfchen am Kamin. Sie wiegte sich in einem kleinen Schaukelstuhl, der ihrer Mutter als Kind gehört hatte. Ihr Hut hing an der Wand, sie fühlte sich offenbar vollkommen daheim, lachte und schwatzte in der besten Laune mit Hareton. Er war jetzt ein großer starker Bursche von achtzehn Jahren. Neugierig starrte er das Mädchen an. Er verstand gewiß recht wenig von ihrem Redeschwall und noch weniger von den Fragen, die unausgesetzt aus ihrem Munde sprudelten.

»Das ist ja schön, Miß!« rief ich und verbarg meine Freude hinter einer ärgerlichen Miene. »Ich sage Ihnen, es war Ihr letzter Ritt, bis der Vater zurückkommt. Ich lasse Sie nicht mehr über die Schwelle hinaus, böses Mädchen!«

»Aha, Ellen«, schrie sie lustig zurück und hüpfte mir entgegen. »Heut abend kann ich dir eine hübsche Geschichte erzählen! Also hast du mich doch aufgefunden! Bist du schon einmal in deinem Leben hier gewesen?«

»Setzen Sie den Hut auf und vorwärts, nach Hause! Das war nicht recht von Ihnen, Miß Cathy. Nun schmollen Sie nicht noch obendrein. Weinen macht die Aufregung auch nicht mehr gut, in der ich hinter Ihnen her gelaufen bin. Wenn ich bedenke, wie Mr. Linton mir Ihre Beaufsichtigung auf die Seele gebunden hat! Die Art, wie Sie sich davonstehlen können, zeigt, was für ein listiger kleiner Fuchs Sie sind. Niemand wird Ihnen je wieder trauen.«

»Aber was habe ich denn getan?« schluchzte sie, in jähem Trotz. »Mir hat Papa nichts auf die Seele gebunden. Er wird mich nicht schelten, er ist nie zornig wie du, Ellen!«

»Kommen Sie! Ich werde das Band zusammenknüpfen. Wir wollen hier keinen Auftritt machen. Schämen Sie sich. Dreizehn Jahre alt und noch ein solches Baby!« Denn sie hatte sich den Hut wieder vom Kopf gerissen und wich zum Kamin zurück, so daß ich sie nicht fassen konnte.

»Aber Mrs. Dean, seien Sie nicht böse zu dem lieben Ding«, sagte die Magd. »Wir waren es, die sie zum Bleiben aufforderten. Sie wäre gern fortgeritten, um Sie nicht zu beunruhigen. Hareton bot ihr an, sie nachher zu begleiten. Das war ganz richtig, denn der Weg über die Hügel ist öde.«

Während dieser Auseinandersetzung stand Hareton mit den Händen in den Taschen da. Er war zu ungeschickt, um sich zu äußern; aber man sah ihm an, daß mein Erscheinen ihn nicht erfreut hatte. Ohne auf die Einmischung der Frau zu achten, fuhr ich fort:

»Wie lange soll ich noch warten? In zehn Minuten ist es dunkel. Wo ist das Pony, Miß? Und wo ist der Phönix? Wenn Sie sich nicht beeilen, gehe ich ohne Sie. Also bitte!«

»Das Pony ist im Hof, und Phönix ist dort eingeschlossen. Er ist gebissen worden, Charly gleichfalls. All das wollte ich dir erzählen, aber du hast schlechte Laune und verdienst gar nicht, es zu hören.«

Ich hob den Hut auf und näherte mich ihr. Da sie aber gemerkt hatte, daß die Leute vom Hause auf ihrer Seite waren, sprang sie ganz frech im Zimmer umher. Wie ein Mäuschen schoß sie vor mir davon, unter, über und hinter die Möbel, und ließ sich nicht haschen. Ich hätte mich lächerlich gemacht, wenn ich sie weiter verfolgt hätte. Hareton und die Frau lachten, sie stimmte ein und benahm sich immer unverschämter, bis ich erbittert ausrief:

»Ich sage Ihnen nur eins, Miß Cathy, wenn Sie eine Ahnung davon hätten, wessen Haus dies ist, wären Sie froh, wieder draußen zu sein!«

»Gehört es nicht Ihrem Vater?« fragte sie, zu Hareton gewandt.

»Nein.« Er senkte den Blick und errötete. Er konnte ihren forschenden Augen nicht standhalten, obwohl sie den seinen glichen.

»Wem sonst? Ihrem Herrn?«

Er errötete tiefer, doch offenbar von einem anderen Gefühl bewegt, murmelte einen Fluch und wandte sich ab.

»Wer ist denn sein Herr?« fuhr das entsetzliche Mädchen fort, sich zu mir herumdrehend. »Er redete von ›unserem Haus‹ und ›unseren Leuten‹. Da dachte ich, er sei der Sohn des Hausherrn. Außerdem sagte er nicht Miß zu mir. Das hätte er tun müssen, wenn er zum Gesinde gehört, nicht wahr?«

Haretons Miene verfinsterte sich wie der Himmel von Gewitterwolken, bei diesem unbefangenen Geschwätz. Ich schwieg und schüttelte unseren Quälgeist heftig. Schließlich gelang es mir, sie zum Aufbruch fertig zu machen.

»Jetzt hole mein Pferd«, sagte sie zu ihrem unbekannten Verwandten, ungefähr wie sie die Stalljungen in Grange anzureden pflegte. »Du kannst mitkommen. Ich möchte gezeigt haben, wo der Koboldjäger aus dem Sumpf emporsteigt, und will etwas über die ›Alben‹ hören, wie du sie nennst. Aber beeile dich. Was gibt es denn? Du sollst mein Pferd holen, habe ich dir gesagt.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich dich bediene!« grollte der Bursche.

»Was willst du sein?« fragte Catherine verwundert.

»Verdammt – du freche Hexe!«

»Da haben Sie es, Miß Cathy! Sie sind in eine hübsche Gesellschaft geraten!« mischte ich mich ein. »Eine reizende Redeweise einer jungen Dame gegenüber! Bitte, streiten Sie nicht mit ihm. Kommen Sie, wir wollen Minny selbst suchen und abziehen.«

»Aber, Ellen! Wie kann er es wagen, so mit mir zu reden? Muß er nicht sofort machen, was ich von ihm verlange? Du schlechter Kerl, ich erzähle Papa, was du gesagt hast. Na warte!«

Hareton schien dieser Drohung kein Gewicht beizulegen. Vor Empörung schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie wandte sich an die Frau: »Hol du das Pony und laß sofort meinen Hund frei!«

»Langsam, Miß«, antwortete die Magd. »Sie vergeben sich nichts, wenn Sie höflich sind. Übrigens, wenn Mr. Hareton auch nicht der Sohn des Herrn ist, so doch Ihr Vetter. Ich bin auch nicht dazu angestellt, um Sie zu bedienen.«

»Er soll mein Vetter sein!« rief Cathy mit höhnischem Lachen.

»Allerdings«, versetzte die Frau.

»Oh, Ellen, erlaube ihnen nicht, so etwas zu sagen!« fuhr sie fort, aber in großer Verwirrung. »Papa holt ja gerade meinen Vetter aus London! Mein Vetter ist der Sohn eines Gentleman. Der da –« Sie hielt inne und weinte fassungslos, bei der bloßen Vorstellung, mit einem solchen Tölpel verwandt zu sein.

»Still, still«, flüsterte ich ihr zu. »Man kann viele Vettern haben und alle möglichen Arten Vettern, ohne sich dabei einen Schaden zu tun. Allerdings braucht man ihre Gesellschaft nicht zu suchen, falls sie unangenehm und böse sind.«

»Nein, er ist nicht mein Verwandter, er ist es nun einmal nicht, Ellen!« Sie blieb dabei. Aber der Gedanke machte ihr immer neuen Kummer, und sie flüchtete sich davor in meine Arme. Ich war auf sie und die Frau wegen dieses Zusammenstoßes sehr ärgerlich. Auf beiden Seiten waren peinliche Enthüllungen vorgekommen, und zweifellos würde Cathys Bemerkung über Mr. Lintons Reise und Rückkunft schleunigst Mr. Heathcliff berichtet werden. Ebenso sicher war es, daß Cathy bei ihres Vaters Heimkehr unverzüglich fragen würde, was die Behauptung der Magd über den ungeschliffenen angeblichen Verwandten bedeute. Indessen war Haretons Groll darüber, daß man ihn für einen Knecht gehalten hatte, verflogen; die Aufregung des Mädchens schien ihn zu rühren. Nachdem er das Pony vors Tor geführt hatte, nahm er einen jungen, besonders hübschen, krummbeinigen Terrier aus dem Hundestall, legte ihn in Cathys Arm und sagte, sie solle sich beruhigen, er habe es nicht so schlimm gemeint. Sie hörte einen Augenblick auf, zu klagen, starrte ihn mit Entsetzen an und brach von neuem in Tränen aus.

Ich mußte über ihren Abscheu gegen den armen Burschen lächeln, der ein gutgewachsener kräftiger junger Mann war, mit hübschem Gesicht, allerdings in einem Anzug, der zur Tagesarbeit paßte, zu den vielfältigen Beschäftigungen auf dem Gut, zu den Jagden im Moor nach Kaninchen und sonstigem Wild. In seinen Mienen glaubte ich bessere Eigenschaften zu entdecken, als sein Vater sie je besessen hatte: gute Anlagen inmitten üppigen Unkrauts, das ihr zurückgebliebenes Wachstum überwucherte; jedenfalls ein Beweis für fruchtbaren Boden darunter, der bei günstigeren Bedingungen reiche Ernte ergeben konnte. Ich hatte das Gefühl, daß Mr. Heathcliff ihn keinen körperlichen Mißhandlungen unterworfen hatte, vielleicht dank der furchtlosen Natur des Jungen, die zu einer solchen Entwürdigung nicht anreizte. Scheue Empfindsamkeit zu züchtigen, dies hätte dem Tyrannen viel größeren Genuß bereitet. Aber seine Bosheit hatte sich auf ein anderes Gebiet begeben: er ließ ihn wie ein Tier aufwachen. Er hatte Hareton nicht erzogen, nicht Lesen oder Schreiben gelehrt, keine schlechte Gewohnheit getadelt oder verbessert, wenn sie ihn selbst nicht störte, ihn keinen Schritt zur Tugend hingeführt und durch kein Verbot vor dem Laster bewahrt.

Ich hörte, daß auch Josef beträchtlich zu Haretons Verkommenheit beigetragen hatte. Dies war gerade durch seine voreingenommene Parteilichkeit für den Jungen geschehen, indem er ihm in besonders beschränkter Einstellung schmeichelte und ihn verhätschelte, nur weil er jetzt das »Haupt« der alten Familie war. Wie Josef einstmals Catherine Earnshaw und Heathcliff in ihrer Kindheit beschuldigt hatte, nur durch sie sei die Geduld seines Herrn, Mr. Hindley, auf die Probe gestellt worden, bis dieser vor ihrem schlechten Betragen Trost in der Trunkenheit gesucht habe – was er ihren »Pfad der Tücke« nannte – so schrieb er jetzt die Schuld an Haretons Fehlern ganz allein dem Usurpator seines Besitztums zu. Sogar wenn der Junge fluchte, rügte er ihn nicht, er mochte sich noch so sträflich benehmen. Offenbar befriedigte es Josef aus den angedeuteten Gründen, Hareton immer mehr entarten zu sehen. Er ließ es zu, daß diese Seele der Verdammnis preisgegeben wurde. Denn seine Folgerung war: Heathcliff müsse all dies verantworten, Haretons Blut würde über Heathcliffs Haupt kommen. Darin lag für ihn ein unendlicher Trost. Er hatte in dem Kinde den Stolz auf seinen Namen und seine Abstammung genährt. Er hätte den unmittelbarsten Haß zwischen ihm und Heathcliff gefördert, aber seine Furcht vor diesem Mann grenzte an Aberglauben. So beschränkte er seine Äußerungen auf Winke und Andeutungen, auf geheimnisvolle Drohungen mit den Strafen Gottes.

Natürlich war ich mit dem damaligen Leben auf Wuthering Heights nicht näher vertraut, und ich spreche vom Hörensagen; ich habe wenig gesehen. Die Dorfbewohner erzählten, wie geizig Mr. Heathcliff sei, wie hart er seine Pächter behandelte. Das Haus hingegen hatte in seinem Innern unter den Händen der weiblichen Angestellten sein altes behagliches Aussehen wiedergewonnen. Zu wilden Auftritten, wie zu Hindleys Zeiten, kam es in seinen Mauern nicht mehr. Der Herr war in zu düsterer Stimmung, um irgendeine Gesellschaft zu suchen, gute oder schlechte. Und so steht es um ihn noch immer.

Aber bei solchen Abschweifungen kommt meine Geschichte nicht voran! – Miß Cathy wies den Terrier als Versöhnungsgeschenk zurück. Sie forderte die Herausgabe ihrer eigenen Hunde, Charlie und Phönix. Hinkend, mit gesenkten Köpfen, tauchten sie auf. Und wir machten uns auf den Heimweg, beide sehr niedergeschlagen. Ich konnte aus der Kleinen nicht herausbekommen, wie sie den Tag verbracht hatte. Das Ziel ihrer Wallfahrt war, wie vermutet, Penistone Crags gewesen. Zunächst gelangte sie ohne Abenteuer an den Eingang des Gutes, als Hareton gerade mit einer Meute Hunde herauskam, die Cathys eigenes Gefolge angriffen. Es entstand eine gewaltige Schlacht. Mit Mühe wurden sie von ihren Besitzern getrennt, was für diese einen Anlaß zur Bekanntschaft gab. Das Mädchen erzählte dem Burschen, wer sie sei und wohin sie wolle. Sie bat, ihr den Weg zu zeigen, und überredete ihn schließlich, sie zu begleiten. Er erschloß ihr die Geheimnisse der Feengrotte und zwanzig anderer aufregender Stellen. Einer Beschreibung der wunderbaren Dinge, die sie gesehen hatte, wurde ich nicht gewürdigt, da ich in Ungnade war. Ihr Führer dagegen hatte bei ihr in hoher Gunst gestanden, bis er in so verletzender Weise auf die Stufe des Gesindes herabfiel. Welche Sprache hatte sie dann von ihm vernommen! Sie, in Grange nur »Liebling« und »Herzchen«, »Prinzeßchen« und »Engel« genannt, war von einem Fremden auf schnödeste beschimpft worden! Sie konnte nicht begreifen, was ihr geschehen war. Es kostete schwere Mühe, von ihr obendrein das Versprechen zu erlangen, daß sie sich nicht bei ihrem Vater beschweren würde. Ich setzte ihr auseinander, er lehne die gesamte Insassenschaft von Wuthering Heights ab und würde sehr betrübt sein, zu hören, daß sie dort gewesen sei. Überdies würde ihn meine Nachlässigkeit gegenüber seinen Anordnungen so sehr verstimmen, daß ich meine Stellung vielleicht aufgeben müßte. Diese Aussicht konnte Cathy nicht ertragen. Sie gab mir ihr Wort und hielt es, mir zuliebe. Sie war doch ein ganz famoses kleines Ding.

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