Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emely Brontë >

Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel

In dieser Nacht wurde gegen zwölf Uhr jene Catherine geboren, die Sie auf Wuthering Heights gesehen haben, ein schwächliches Siebenmonatskind. Zwei Stunden später starb die Mutter, ohne soviel Bewußtsein zurückerlangt zu haben, daß sie Heathcliff vermißt oder Edgar erkannt hätte.

Mr. Lintons Verzweiflung war zu entsetzlich, als daß ich dabei verweilen möchte. Wie tief der Kummer in ihm saß, zeigte sich erst später, als der Verlust sich ganz auswirken konnte. Viel trug wohl dazu bei, daß er keinen männlichen Erben hatte. Ich beklagte dies, wenn ich das arme mutterlose Kind betrachtete. Insgeheim mißbilligte ich den alten Linton, weil er, freilich aus verständlicher Vorliebe, sein Besitztum seiner eigenen Tochter gesichert hatte, so daß die Tochter seines Sohnes leer ausgehen mußte. Sie war ein unwillkommenes Kind, die arme Kleine. Sie hätte sogleich wieder aus dem Leben gehen können, und niemand hätte sich in den ersten Stunden ihres Daseins darum gegrämt. Später haben wir die Vernachlässigung wieder gutgemacht, aber der Lebensbeginn der neuen Catherine war freudlos, so wie ihr Ende es vielleicht auch sein wird.

Hell und heiter kam der nächste Morgen herauf. Sein Licht drang gedämpft durch die Vorhänge in das stille Zimmer und hüllte das Bett und die Gestalt darauf in milden Glanz. Linton hatte seinen Kopf mit geschlossenen Augen auf das Kissen gelegt. Sein junges schönes Gesicht war fast so bleich wie das der Gestalt neben ihm und fast so starr. Aber in seinen Zügen lag die Ruhe schmerzlicher Erschöpfung, und in den ihren die Ruhe vollkommenen Friedens. Über ihren geschlossenen Augen glättete sich die Stirn, die Lippen lächelten, kein Engel konnte von so himmlischer Schönheit sein wie sie.

Und ich nahm teil an dem unendlichen Frieden, in dem sie ruhte. Nie war mir feierlicher zumute gewesen als beim Anblick dieses ungetrübten Bildes göttlicher Stille. Durch mich wallte noch das Echo der Worte, die sie wenige Stunden zuvor gesprochen hatte: » – unvergleichlich weit und hoch über euch allen!« Ob sie noch auf der Erde war oder schon jenseits, ihr Geist war daheim bei Gott.

Ich weiß nicht, ob es eine Eigentümlichkeit von mir ist, aber wenn ich in einem Totenzimmer wache und keine in ihrer Trauer sich austobenden Menschen dieses Amt mit mir teilen wollen, fühle ich mich nicht anders als glücklich. Ich empfinde eine Ruhe, die weder Erde noch Hölle stören kann, die Gewißheit eines unendlichen und schattenlosen Jenseits, in das die Toten eingegangen sind, und wo das Leben Dauer besitzt, die Liebe Harmonie, die Freude grenzenlose Fülle. An diesem Tage erkannte ich auch, wieviel Selbstsucht sogar in einer Liebe sein kann wie in der Mr. Lintons, da er bei Catherines gesegneter Erlösung nur Trauer fühlte! Oder hatte sie etwa nach einem so unruhigen und ungeduldigen Leben den Hafen des Friedens nicht verdient? Wer in Zeiten kühler Überlegung eine solche Frage stellen konnte, hätte es gewiß nicht angesichts der Toten getan. Ihr Körper offenbarte eine Ruhe, die wie eine Bürgschaft für die Ruhe der Seele erschien. – Glauben Sie, Mr. Lockwood, daß solche Menschen in der anderen Welt glücklich sind? Wie gern möchte man es wissen!«

Ich antwortete auf Mrs. Deans Frage nicht; sie widersprach unserem Glauben. – Mrs. Dean fuhr fort: »Wenn wir den Lebenslauf der Catherine Linton zurückverfolgen, so dürfen wir, fürchte ich, doch nicht annehmen, sie sei nun glücklich; aber wir wollen sie ihrem Schöpfer anempfehlen.« –

Mr. Linton sah aus, als ob er schliefe, und so wagte ich es, bald nach Sonnenaufgang den Raum zu verlassen und in die reine frische Luft hinauszugehen. Die Angestellten sollten glauben, ich wollte mir die Müdigkeit nach der langen Nachtwache vertreiben; in Wirklichkeit mußte ich vor allem Mr. Heathcliff aufsuchen. Wenn er während der ganzen Nacht unter den Bäumen geblieben war, so hatte er nichts von der allgemeinen Aufregung wahrgenommen, höchstens den Hufschlag, als der Bote nach Gimmerton abritt. Hatte er sich aber dem Hause genähert, so mußte er durch die hin und her wandernden Lichter, durch das hastige Öffnen und Schließen der Außentüren gemerkt haben, daß drinnen etwas nicht in Ordnung war. Ich wünschte und fürchtete zugleich, ihn noch vorzufinden. Die schreckliche Nachricht mußte überbracht werden; ich sehnte mich danach, dies hinter mir zu haben. Aber welche Worte sollte ich gebrauchen? Ich wußte es nicht.

Er war da. Ein wenig tiefer im Park lehnte er an einem alten Eschenbaum, ohne Hut, das Haar durchnäßt vom Tau, der sich an den knospenden Zweigen gesammelt hatte und der auf ihn herniedertropfte. Schon lange mußte er in dieser Stellung verharrt haben. Denn ich sah ein Amselpärchen dicht bei ihm auf und ab fliegen, mit dem Bau des Nestes beschäftigt und ohne Acht auf seine Nähe, als gehöre er zu den Bäumen. Als ich herankam, flogen sie davon.

Und er hob die Augen und sagte: »Sie ist tot.«

»Ich habe nicht auf dich gewartet, um das zu wissen«, fügte er hinzu. »Steck dein Taschentuch weg, du brauchst mir nichts vorzuheulen. Der Teufel hole euch alle! Eure Tränen braucht sie nicht!«

Ich weinte ebensosehr für ihn wie für sie. Wir bemitleiden oft Menschen, die ebendies Gefühl des Mitleids weder für sich noch für andere kennen. Als ich ihm ins Gesicht blickte, hatte ich sogleich gesehen, daß er um die Katastrophe wußte. Ein törichter Gedanke hatte mich bewegt: daß sein Herz demütig geworden sei, ja, daß er bete. Denn seine Lippen hatten sich geregt, seine Augen waren zu Boden gerichtet.

»Ja, sie ist tot!« erwiderte ich, versuchte, mein Schluchzen zu unterdrücken, und trocknete mein Gesicht. »Und ich hoffe, in den Himmel eingegangen, wo wir alle uns mit ihr vereinen werden, falls wir rechtzeitig uns besinnen und von unseren schlechten Wegen zu guten übergehen.«

»Hat sie sich etwa rechtzeitig besonnen?« Heathcliff bemühte sich, höhnisch zu lachen. »Ist sie wie eine Heilige gestorben? Gib mir eine genaue Beschreibung, wie es geschah. Wie ist –« Er strengte sich an, den Namen auszusprechen, vermochte es aber nicht. Den Mund zusammenpressend, machte er einen Kampf mit seiner inneren Qual durch. Dabei wies er trotzig jede Teilnahme zurück, indem er mich starr und wild anblickte. »Wie ist sie gestorben?« brachte er endlich heraus. Bei all seiner Härte war er offensichtlich froh, den Baum als Stütze hinter sich zu haben. Wider Willen zitterte er am ganzen Körper.

Armer Mensch! dachte ich. Du hast Herz und Nerven, nicht anders als jedermann! Warum verbirgst du dich so ängstlich? Dein Stolz kann Gott nicht täuschen. Du versuchst ihn, damit er dich leiden läßt, bis dir ein Schrei der Demut abgezwungen wird. Dann erwiderte ich:

»Still wie ein Lamm. Sie seufzte und streckte sich aus, gleich einem Kinde, das erwacht und in den Schlummer zurücksinkt. Nach fünf Minuten spürte ich noch einen schwachen Schlag ihres Herzens und dann nichts mehr.«

»Und – hat sie mich noch erwähnt?« Er sagte es zögernd, wie in Furcht, die Antwort auf diese Frage würde ihn Einzelheiten hören lassen, die er nicht ertragen könnte.

»Sie hat das Bewußtsein nicht mehr erlangt und erkannte niemanden, nachdem Sie sie verlassen hatten. Nun liegt sie da, mit einem süßen Lächeln. Ihre letzten Gedanken wanderten gewiß zu früheren schönen Zeiten zurück, ihr Leben endete in einem freundlichen Traum. Möge sie ebenso sanft in der anderen Welt erwachen.«

»Möge sie in Qualen erwachen!« schrie er, stampfte mit dem Fuß auf und stöhnte in einem Krampf unbezwinglicher Leidenschaft. »Sie hat bis zum Schluß gelogen! Wo ist sie? Nicht dort, nicht im Himmel, nicht in der Verdammnis – wo? Oh, Catherine, du hast gesagt, meine Leiden kümmerten dich nicht! Und ich bete ein Gebet – ich wiederhole es, bis meine Zunge gelähmt ist –: Catherine Earnshaw, mögest du keine Ruhe finden, solange ich am Leben bin! Und da du gesagt hast, ich hätte dich getötet – nun denn, verfolge mich! Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder! Ich weiß, daß Geister auf Erden umgehen. Sei immer um mich, nimm jede Gestalt an, treibe mich zum Wahnsinn – nur laß mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! O Gott, es gibt kein Wort dafür. Ich kann nicht leben ohne mein Leben, nicht leben ohne meine Seele!«

Er schlug den Kopf gegen den knorrigen Stamm, verdrehte die Augen, heulte, heulte nicht wie ein Mensch, sondern wie ein mit Messern und Speeren zu Tode gehetztes wildes Tier. Die Rinde des Baumes färbte sich mit Blutspritzern; seine Hand und seine Stirn waren wund. Vielleicht war das Schauspiel, dem ich beiwohnte, eine Wiederholung ähnlicher Auftritte, die sich in einsamer Nacht schon abgespielt hatten. Ich empfand jetzt eher Entsetzen als Mitleid, und doch widerstrebte es mir, ihn zu verlassen. Aber kaum hatte er sich so weit gefaßt, um zu sehen, daß ich ihn beobachtete, da donnerte er mir den Befehl zu, zu gehen. Ich ging. Ich hatte nicht die Kraft, ihn zu beruhigen.

Catherines Begräbnis sollte an dem Freitag sein, der ihrem Hinscheiden folgte. Bis zu diesem Tage blieb ihr Sarg offen im großen Wohnzimmer, bedeckt mit Blumen und duftenden Blättern. Dort verbrachte Linton die Tage und Nächte, ein schlafloser Wächter. Aber nur ich wußte, daß auch Heathcliff draußen stand, mindestens in den Nächten, schlaflos wie der andere. Ich hatte keine Verbindung mit ihm, doch ich spürte sein Verlangen, einzutreten, sobald er könnte. Am Dienstag, kurz nach dem Einbruch der Dunkelheit, als der Herr sich, von Müdigkeit überwältigt, für ein paar Stunden zurückziehen mußte, ging ich und öffnete eines der Fenster. Seine Beharrlichkeit rührte mich; ich wollte ihm die Möglichkeit geben, von dem dahinwelkenden Bild seiner Liebe Abschied zu nehmen. Er war sogleich da, er kam so rasch und vorsichtig, daß nicht das leiseste Geräusch seine Gegenwart verriet. Ich selbst hätte nachher nicht entdeckt, daß er dagewesen war, hätte er nicht das Tuch nahe dem Gesicht der Toten verschoben. Und dann sah ich auf dem Fußboden eine lichte Haarlocke, zusammengebunden mit einem silbernen Faden. Ich stellte fest, daß sie aus einem Medaillon genommen war, das an Catherines Hals hing. Heathcliff hatte den Schmuck geöffnet, die Locke daraus entfernt und sie durch eine schwarze aus seinem eigenen Haar ersetzt. Nun flocht ich beide zusammen und verschloß sie in dem Schmuckstück.

Mr. Hindley Earnshaw war in Kenntnis gesetzt worden, wann die Beisetzung seiner Schwester stattfinden würde. Er kam nicht, er sandte auch keine Entschuldigung. So bestand das Trauergefolge aus ihrem Gatten und sonst nur aus den Pächtern und den Angestellten. Isabella war nicht aufgefordert worden.

Zum Erstaunen der Dorfleute erhielt Catherine ihre letzte Ruhestätte weder in der Kirche unter der verzierten Gedenktafel der Lintons noch draußen bei den Gräbern ihrer eigenen Familie. Catherines Grab liegt an einem schrägen Hang in einem Winkel des Kirchhofs, wo die Mauer so niedrig ist, daß Heidekraut und Heidelbeersträucher vom Moor her darüber hinweggeklettert sind. Fast ist es schon unter der Torferde verschwunden. Ihr Gatte ruht jetzt am gleichen Ort. Jedes von ihnen hat einen schlichten Grabstein und zu ihren Füßen einen flachen grauen Block, um die Gräber kenntlich zu machen.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.