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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Dreizehntes Kapitel

Zwei Monate lang blieben die Flüchtlinge verschwunden. In dieser Zeit hatte Mrs. Linton den Höhepunkt ihrer Erkrankung zu überstehen, die sich als Gehirnentzündung herausstellte. Keine Mutter konnte ihr einziges Kind hingebungsvoller pflegen als ihr Mann seine Cathy. Tag und Nacht wachte er und ertrug geduldig die Auswirkungen all der Qualen, die ein erschütterter Verstand und zerstörte Nerven einem Kranken bereiten. Kenneth meinte zwar, was er da vor dem Grabe rette, würde all die Mühe nur damit lohnen, in Zukunft eine Ursache dauernder Sorge zu sein. Linton opfere seine Kraft und Gesundheit lediglich, um die Ruine eines Menschen zu erhalten. Aber Edgars Freude und Dankbarkeit waren unermeßlich, als Catherine dann wirklich außer Lebensgefahr war. Stundenlang saß er neben ihr und verfolgte jeden Schritt der wiederkehrenden Gesundheit. Er hoffte in seinem neuen Überschwang, ihr Geist, ihre Seele, ihr Körper würden ihr Gleichgewicht wiederfinden, sie würde bald wieder die alte sein.

Anfang März verließ sie zum erstenmal das Zimmer. Mr. Linton hatte am Morgen eine Handvoll goldener Krokusse über ihr Kissen gestreut. Ihre Augen, so lange ohne den Schimmer der Freude, leuchteten entzückt auf, als sie die Blumen beim Erwachen bemerkte, die sie sogleich eifrig zusammenraffte:

»Das sind die ersten Blumen dort auf der Höhe! Sie erinnern an weichen Tauwind, schmelzenden Schnee, erwärmende Sonne. Edgar, haben wir nicht Südwind, ist der Schnee nicht schon getaut?«

»Bei uns hier unten ist er ganz verschwunden, Liebste. Auf dem Moorland sehe ich nur noch zwei weiße Flecke. Blauer Himmel, Gesang der Lerchen, überquellende Bäche! Catherine, im vorigen Frühling habe ich mir gewünscht, dich unter diesem Dach zu haben: Jetzt sähe ich dich gern schon zwei Meilen weiter auf den Hügeln! Die Luft weht dort so mild, sie würde dich ganz gesund machen.«

»Dort werde ich nur noch einmal sein«, erwiderte die Kranke, »und dann wirst du mich verlassen, und ich werde dort für die Ewigkeit bleiben. Im nächsten Frühling sehnst du dich wieder danach, mich unter diesem Dach zu haben, und schaust zurück und denkst, wie glücklich du heute warst!«

Linton versuchte, sie mit den innigsten Zärtlichkeiten aufzuheitern. Wie eine Abwesende betrachtete sie die Blumen, und gleichsam bewußtlose Tränen flossen über ihre Wangen herab. Da der Arzt festgestellt hatte, daß es ihr wirklich besser ging, so konnte nur der lange Aufenthalt im abgeschlossenen Raum diese Verzagtheit hervorgerufen haben. Der Wechsel der Umgebung würde sie ein wenig ablenken. Auf Anweisung des Herrn machte ich in dem wochenlang verödeten Wohnzimmer Feuer und stellte einen Lehnstuhl ans Fenster in die Sonne. Edgar trug seine Frau herunter; lange saß sie und genoß die schöne Wärme und lebte beim Anblick all der vertrauten Gegenstände wieder auf, die von den trüben Gedankenverbindungen des verhaßten Krankenzimmers frei waren.

Am Abend war sie doch sehr erschöpft, aber man konnte sie nicht überreden, in ihr Schlafgemach zurückzukehren. Ich machte das Sofa des Wohnzimmers als Bett zurecht, bis man einen anderen Raum für sie herrichten konnte. Um ihr die ermüdende Treppe zu ersparen, wählten wir dieses Zimmer, in dem Sie gegenwärtig liegen, Mr. Lockwood, also auf dem gleichen Flur mit dem Wohnzimmer. Bald war sie kräftig genug, aus dem einen ins andere zu gehen, gestützt auf Edgars Arm. Ach, ich selbst glaubte nun, sie könne bei so guter Pflege genesen. Jetzt gab es sogar einen doppelten Antrieb für diesen Wunsch, für diese Hoffnung: Von ihrem Leben hing ein zweites ab, das ihres Kindes. Wir durften erwarten, daß Mr. Lintons Herz bald durch die Geburt eines Erben erfreut werden würde, der sein Besitztum vor eines Fremden Zugriff sichern konnte.

Isabella hatte sechs Wochen nach ihrem Verschwinden einen kurzen Brief an den Bruder gesandt. Darin zeigte sie ihre Heirat mit Heathcliff an. Der Brief schien trocken und frostig. Am Schluß aber war undeutlich mit Bleistift eine Entschuldigung hingekritzelt: eine Bitte um freundliches Gedenken und um Vergebung, wenn sie ihn gekränkt haben sollte. Sie versicherte, sie habe damals nicht anders handeln können, und nachdem es geschehen sei, liege es nicht mehr in ihrer Macht, es rückgängig zu machen. Ich glaube, Linton antwortete nicht darauf.

Da erhielt ich von Isabella nach weiteren vierzehn Tagen einen langen Brief, der höchst merkwürdig war, wenn man bedachte, daß er von einer jungen Frau, kurz nach den Flitterwochen, herrührte. Ich lese ihn vor, denn ich bewahre ihn noch immer auf! Jedes Andenken an einen Toten ist wertvoll, wenn man ihm zu Lebzeiten zugetan war:

»Liebe Ellen!

Gestern abend kam ich nach Wuthering Heights und hörte zum erstenmal, daß Catherine krank sei und noch immer ist. Ich darf ihr vermutlich nicht schreiben; mein Bruder ist zu zornig oder zu betrübt, um meinen Brief zu beantworten. Aber schreiben muß ich irgend jemandem, und meine Wahl konnte nur auf Dich fallen.

So sage Edgar, ich würde viel darum geben, könnte ich wieder in sein Gesicht blicken – mein Herz ist nach Thrushcross Grange zurückgekehrt und schon vierundzwanzig Stunden, nachdem ich es verlassen hatte. Es ist dort, bei Euch, voll wärmster Empfindungen für ihn und Catherine, und doch kann ich meinem Herzen nicht folgen (diese Worte sind unterstrichen). Sie sollen mich nicht erwarten und mögen daraus schließen, was sie wollen. Nur sollen sie es nicht schwachem Willen oder mangelnder Liebe zur Last legen.

Alles andere in diesem Briefe ist für Dich allein bestimmt. Zwei Fragen möchte ich an Dich richten. Die erste: Wie ist es Dir gelungen, eine Menschenfreundin zu bleiben, als Du hier auf Wuthering Heights lebtest? Ich kann bei den Wesen um mich herum keine einzige Regung entdecken, die ich mit ihnen teile! Die zweite Frage hat für mich die größte Wichtigkeit. Sie lautet: Ist Heathcliff ein Mensch? Wenn ja – ist er wahnsinnig? Und wenn er kein Mensch ist – ist er ein Dämon? Ich nenne Dir keine Gründe für diese Frage. Aber ich flehe Dich an, erkläre mir, falls Du es kannst, wen ich geheiratet habe! Du sollst es tun, sobald Du mich besuchst, und Du kommst bald, Ellen. Schreibe nicht, sondern komm, und bring mir ein Wort von Edgar.

Nun sollst Du hören, wie ich in meiner neuen Heimat, denn dafür muß ich diesen Ort wohl ansehen, empfangen wurde. Nur um mich abzulenken, verweile ich bei solchen Nebensachen wie dem Mangel an äußeren Bequemlichkeiten. Sie beschäftigen mich ein wenig, wenn ich sie zufällig vermisse. Ich würde vor Freude lachen und tanzen, wenn mein ganzes Elend in ihrem Fehlen bestünde und das übrige wäre nur ein unnatürlicher Traum!

Die Sonne ging hinter Grange unter, als wir zum Moor einbogen; es mußte also sechs Uhr sein. Mein Begleiter hielt eine halbe Stunde an, um den Park, die Gärten und möglichst das Haus selbst zu besichtigen. Es war schon dunkel, als wir im gepflasterten Teil des Gutshofs abstiegen. Dein alter Kollege Josef kam heraus und empfing uns beim Schein eines Talglichts. Er tat es mit jener Sorte Freundlichkeit, die seinem Rufe entspricht. Seine erste Bewegung war, daß er seine Leuchte in die Höhe meines Gesichts hob, mich dann mit vorgeschobener Unterlippe boshaft anschielte und mir den Rücken kehrte. Er nahm unsere Pferde, brachte sie in die Ställe und erschien wieder, um das äußere Tor so fest zu versehließen, als seien wir in einer alten Burg.

Heathcliff sprach noch mit ihm, während ich in die Küche trat. Sie war ein schmutziges, wüstes Loch. Du würdest sie einfach nicht wiedererkennen, so sehr hat sie sich verändert, seit sie nicht mehr in Deiner Obhut ist. Neben dem Feuer stand ein Kind, mit kräftigem Körper, mit schmutzigen Kleidern, ein wahres Räuberkind. Um die Augen und den Mund ähnelte es dennoch Catherine.

Ich überlegte mir: es ist Edgars Neffe, durch die Heirat, und immerhin auch meiner; ich muß ihm nicht nur die Hand geben, sondern ihn sogar küssen. Ich will von Anfang an ein gutes Einvernehmen herstellen. Als ich bei ihm stand, versuchte ich seine rundliche Faust zu fassen: ›Wie gehts, mein Lieber?‹

Er antwortete in einem Kauderwelsch, aus dem nicht klug zu werden war. ›Wollen wir gute Freunde sein, Hareton?‹ setzte ich meine Bemühungen um ein Gespräch fort.

Ein regelrechter Fluch und die Drohung, Throttler auf mich zu hetzen, wenn ich nicht ›abschöbe‹, belohnte mein Entgegenkommen. ›He, Throttler, Mistvieh!‹ zischte das kleine Ungeheuer. ›Wirst du wohl!‹ Er stieß eine junge Bulldogge an, die in der Ecke lagerte.

Ich fürchtete für mein Leben und ging lieber hinaus, um die anderen abzuwarten. Heathcliff war nirgends zu sehen. Josef, den ich in seinem Stall ersuchte, mit mir ins Haus zu kommen, stierte mich an, murmelte etwas und sagte dann laut mit gerümpfter Nase:

›Schnickschnack. Hat je ein Christenmensch so etwas gehört! Das ziert sich und tut sich! Was meinen Sie eigentlich?‹

›Ich sage, du sollst mich ins Haus begleiten!‹ schrie ich, da ich den widerlichen Grobian für taub hielt.

›Ich nicht. Habe anderes zu tun.‹ Er setzte seine Beschäftigung fort. Dabei streifte er mein Kleid und Gesicht mit verächtlichen Augen und mahlte mit den knochigen Kinnbacken. Mein Kleid war allerdings zu hübsch; mit der Trübseligkeit meiner Miene aber konnte er höchst zufrieden sein.

Ich wanderte rund um den Hof herum und kam durch eine kleine Pforte zu einem anderen Eingang. Ich wagte, anzuklopfen; vielleicht würde sich ein etwas angenehmerer Angestellter zeigen. Ein großer hagerer Mann öffnete; er hatte kein Halstuch um und sah auch sonst furchtbar verwahrlost aus. Sein Gesicht verschwand in dem dichten Haar, das in Zotteln bis zur Schulter herabhing. Die Augen glichen auf gespenstische Art denen Catherines, wenn auch all ihre Schönheit zerstört war. Er fragte mit dumpfer Stimme: ›Was suchen Sie hier? Wer sind Sie?‹

›Mein Name war Isabella Linton. Sie kennen mich von früher, Mr. Earnshaw. Vor kurzem habe ich Mr. Heathcliff geheiratet, und er hat mich hierher gebracht – gewiß mit Ihrer Erlaubnis.‹ ›Also ist er zurückgekehrt?‹ Er sah mich an wie ein böser Einsiedler oder wie ein hungriger Wolf.

›Ja, wir sind gerade angekommen. Aber er verließ mich an der Küchentür, und Ihr kleiner Junge spielte dort Schildwache und verjagte mich mit seiner Bulldogge.‹

›Gut, daß der höllische Schuft Wort gehalten hat!‹ Und mein zukünftiger Hausherr spähte in die Finsternis hinter mir, um Heathcliff zu entdecken. Dann verfiel er in ein Selbstgespräch, mit allen möglichen Verwünschungen und mit Drohungen, was er getan hätte, wenn er von diesem Teufel betrogen worden wäre. Voller Reue, hier angeklopft zu haben, suchte ich zu entschlüpfen, ehe er zu Ende geflucht hätte. Aber schon nötigte Hindley Earnshaw mich hinein und verschloß und verriegelte die Tür. Die einzige Beleuchtung in dem mächtigen Raum war das große Kaminfeuer. Der Fußboden war ganz grau geworden. Auch die einstmals schimmernden Zinnschüsseln, die ich als Kind so gern angeschaut hatte, zeigten die gleiche Stumpfheit, infolge von Staub und Rost. Ich fragte, ob ich das Mädchen rufen und in ein Schlafzimmer geführt werden könnte. Mr. Earnshaw erteilte mir keine Antwort. Die Hände in den Taschen, ging er hin und her. Er schien meine Gegenwart vergessen zu haben, seine Versunkenheit war so tief, seine ganze Erscheinung so menschenfeindlich, daß ich ihn nicht wieder behelligen wollte. Du kannst Dir vorstellen, Ellen, wie trostlos es mich machte, an diesem ungastlichen Herd, schlimmer als allein, zu sitzen. Und vier Meilen davon wußte ich mein schönes Zuhause, mit den einzigen Menschen, denen ich auf Erden zugetan war. Statt dieser vier Meilen konnte ebensogut der Atlantische Ozean dazwischen liegen: ich kam nicht leichter hinüber. An wen sollte ich mich wenden, um mich aufzurichten? Denn schlimmer als alles andere – aber erzähle dies nicht Edgar oder Catherine – war meine Traurigkeit und Verzweiflung darüber, daß hier niemand weilte, der mein Verbündeter gegen Heathcliff sein konnte oder wollte! Aufatmend und fast wie an einen schützenden Ort war ich jetzt nach Wuthering Heights gekommen, weil ich hier nicht mehr mit ihm allein leben mußte. Doch er kannte die Menschen, unter die wir hier gerieten, und fürchtete keine Einmischung gegen ihn.

Ich saß und sann eine schmerzlich lange Zeit. Die Uhr schlug acht, sie schlug neun, immer noch ging dieser Mann hin und her, den Kopf auf die Brust gesenkt; schweigend, manchmal stöhnend, manchmal mit irgendeinem unheimlichen Ausruf. Ich lauschte ins Haus, ob ich nicht die Stimme einer Frau hörte. Bittere Reue und trübe Vorahnung entrissen mir Seufzer und Tränen. Daß sich mein Kummer so laut äußerte, war mir nicht bewußt, bis Earnshaw seinen furchtbar regelmäßigen Schritt anhielt und einen Blick neu erwachter Überraschung auf mich warf. Ich benutzte diese Minute, da er mich wieder bemerkte, und flüsterte:

›Die Reise hat mich sehr müde gemacht, ich möchte mich niederlegen. Können Sie mich zu der Bedienerin führen, da sie sich nicht zeigt?‹

›Wir haben keine. Sie müssen sich selbst versorgen.‹

›Wo soll ich denn schlafen?‹ schluchzte ich, denn ich konnte vor Abspannung und Elend meine Würde nicht mehr wahren.

›Josef weist Sie zu Heathcliffs Zimmer. Öffnen Sie diese Tür. Er ist dort drinnen.‹

Ich wollte es tun, als er mich festhielt und in seltsamem Ton hinzufügte: ›Haben Sie die Güte, den Schlüssel innen herumzudrehen und den Riegel vorzuschieben. Vergessen Sie es nicht.‹ ›Gut. Aber weshalb, Mr. Earnshaw?‹ Die Vorstellung, mich mit Heathcliff auch noch einschließen zu sollen, tröstete mich nicht. ›Schauen Sie her.‹ Er griff in die Rocktasche und zog eine Pistole hervor. Es war keine gewöhnliche Pistole, denn an ihrem Lauf war ein zweischneidiges Messer befestigt. ›Eine heftige Versuchung für einen verzweifelten Menschen, nicht wahr? Jeden Abend gehe ich damit hinauf, ich kann nicht widerstehen, und ich klinke an seiner Tür. Finde ich sie jetzt einmal offen, so ists um ihn geschehen. Ich tue es, und es ist unausweichlich, selbst wenn ich mich eine Minute vorher an hundert Gründe erinnere, die mich davon abhalten sollten. Irgendein Teufel zwingt mich, meine eigenen Pläne und Vorteile zu durchkreuzen – indem ich ihn töte. Solange man kann, kämpft man noch gegen die Versuchung. Aber wenn die Zeit gekommen ist, werden alle Engel im Himmel ihn nicht retten!‹

Begierig betrachtete ich die Pistole. Ein böser Gedanke durchzuckte mich: Wie mächtig wäre ich im Besitze einer solchen Waffe! Ich nahm sie ihm aus der Hand und strich über die Klinge. Erstaunt bemerkte er den Ausdruck, der eine Sekunde lang auf meinem Gesicht lag: es war nicht Schreck, sondern unheimliches Verlangen. Wie in einer Regung seltsamer Eifersucht riß er die Pistole wieder an sich, klappte das Messer zu und verbarg die Waffe in seiner Tasche.

›Es ist mir gleichgültig, was Sie vorhaben. Meinetwegen können Sie es ihm auch erzählen‹, sagte er, ›können ihn warnen, ihn überwachen, Sie wissen nun, wie wir zueinander stehen. Ich sehe sogar – die Gefahr für ihn schreckt Sie gar nicht!‹

›Aber was hat Ihnen Heathcliff getan? Für welches Unrecht hassen Sie ihn so schauerlich? Und wäre es nicht klüger in jedem Sinne, wenn Sie ihn aufforderten, das Haus zu verlassen?‹

›Nein!‹ donnerte Earnshaw. ›Wenn er es mir nur anbietet, mich wieder zu verlassen, ist er ein toter Mann! Wenn Sie ihn dazu überreden, sind Sie seine Mörderin! Soll ich alles verlieren, ohne eine Aussicht, es zurückzugewinnen? Soll Hareton zum Bettler werden? Ewige Verdammnis! Ich will jetzt alles zurück haben und sein Gold dazu und sein Blut! Seine Seele gehöre der Hölle! Mit diesem Gast wird sie noch schwärzer werden als vorher!‹«

»Ich fahre in Isabellas Brief fort«, sagte Mrs. Dean nach einer Pause.

»Ellen, durch Dich war ich ja mit dem Wesen Deines früheren Herrn schon vertraut. Jetzt steht Hindley Earnshaw offenbar am Rande des Wahnsinns, nach dem gestrigen Abend zu urteilen. Ich hielt es in seiner schauerlichen Nähe nicht länger aus; die Gesellschaft des groben abstoßenden Dieners erschien mir im Vergleich dazu angenehm. Als er wieder begann, dumpf hin und her zu gehen, drückte ich die Klinke herunter und entfloh in die Küche. Josef, über das Feuer geneigt, blickte in einen darüber hängenden großen Kessel; daneben stand auf der Bank eine hölzerne Schüssel mit Hafermehl. Als der Inhalt des Kessels kochte, drehte er sich um und tauchte seine Hand in die Schüssel. Offenbar bereitete er das Abendessen vor, und ich war so hungrig, daß ich die Arbeit übernehmen und das Gericht genießbar machen wollte.

›Lassen Sie mich den Brei kochen‹, sagte ich und stellte die Schüssel aus seiner Reichweite. Ich legte Hut und Reitjackett ab und fuhr fort: ›Mr. Earnshaw wies mich an, ich solle mich selbst bedienen. Gern. Ich will bei euch nicht die große Dame spielen, sonst müßte ich verhungern.‹

›Herrgott!‹ murmelte er, sank auf den Stuhl und strich über seine gerippten Strümpfe, von den Knien bis zu den Knöcheln. ›Jetzt solls hier noch eine neue Ordnung geben, wo ich mich gerade an zwei Herren gewöhnt habe! Jetzt soll ich noch eine Frau über mir haben! Na, da ists Zeit, zu gehen. An den Tag, an dem ich von der alten Stelle weg muß, habe ich nie denken wollen. Jetzt ist es wohl so weit.‹

Ich achtete nicht sehr auf seine Klagen. Eifrig machte ich mich an die Arbeit, mit einigen Seufzern, in Erinnerung an eine Zeit, in der mir all dies Freude bereitet hätte. Aber ich wehrte mich gegen diese Gedanken; es schmerzt, sich mit vergangenem Glück zu beschäftigen. Je stärker es mich bedrängen wollte, desto schneller ließ ich den Löffel herumlaufen, und hastig warf ich eine Handvoll Mehl nach der anderen ins Wasser. Mit zunehmender Entrüstung sah Josef meiner Kochkunst zu.

›Da schau an!‹ rief er. ›Hareton, heut abend kriegst du deinen Brei nicht! Das werden ja nur Klumpen, dick wie meine Faust. Da, schon wieder! An ihrer Stelle würde ich einfach die ganze Schüssel hineinschmeißen. Also rühren Sie die Geschichte noch einmal um, dann wirds schon gut sein! Bumbum! Ein Glück, daß Sie den Boden nicht durchgestoßen haben!‹

Ich gebe zu, es war eine etwas brockige Masse, die da in die Näpfe gefüllt wurde. Es reichte für vier Gefäße. Dazu wurde ein Fünfliterkrug mit frischer Milch aus der Kammer geholt. Hareton ergriff das schwere Gefäß und trank, wobei die Milch aus seinem breiten Mund zurücksprudelte. Ich verlangte, er solle einen Becher benutzen; ein so verunreinigtes Getränk würde ich nicht genießen. Der alte Schmierian tat äußerst beleidigt, nannte mich empfindsam und versicherte, der Junge ›sei gut so, wie er sei‹. Er sei so gesund wie möglich. Ich benähme mich dünkelhaft und hätte mich überhaupt nicht einzumischen. Indessen schlürfte der Junge weiter, geiferte in den Krug und sah mich dabei höhnisch von unten her an.

›Ich möchte in einem anderen Raume essen. Habt Ihr nicht etwas wie ein Wohnzimmer?‹ fragte ich.

›Wohnzimmer!‹ echote Josef. ›Nein, Wohnzimmer haben wir nicht. Wenn Ihnen unsere Gesellschaft nicht fein genug ist, verfügen Sie sich zum Herrn, und wenn er Ihnen auch nicht paßt, kommen Sie wieder zu uns.‹

›Dann werde ich hinaufgehen. Zeigen Sie mir ein Schlafzimmer.‹ Brummend stand der Kerl auf, ging mir bis zu den Bodenkammern voran und öffnete unterwegs hin und wieder eine Tür, um in die Zimmer hineinzustarren.

›Hier ist eins.‹ Er riß eine schief in den Angeln hängende Lattentür auf. ›Hier ists schön genug, um Haferbrei zu speisen. In der Ecke liegt ein ganz sauberer Getreidesack. Wenn Sie Angst haben, Ihr großartiges Seidenkleid zu verschmieren, legen Sie einfach Ihr Taschentuch drüber.‹

Das Zimmer war eine Rumpelkammer. Sie roch durchdringend nach den Säcken voll Malz und Korn, die rings aufgehäuft waren, aber in der Mitte einen leeren Raum freiließen. Ich sah ihn ärgerlich an: ›Lieber Mann, hier möchte ich nicht übernachten. Zeigen Sie mir mein Schlafzimmer.‹

›Schlafzimmer!‹ wiederholte er spöttisch. ›Sie sollen alle Schlafzimmer sehen, die es hier gibt. Hier ist zum Beispiel meins.‹ Er deutete in die zweite Bodenkammer, die sich von der anderen dadurch unterschied, daß sie nackt und leer war. Nur ein breites niedriges Bett, ohne Vorhänge, mit einer indigoblauen Decke, stand am einen Ende.

Ich fragte schärfer: ›Was soll mir Ihres? Ich nehme an, Mr. Heathcliff wohnt nicht gleichfalls hier oben, wie?‹

›Oh, Sie möchten in das von Mr. Heathcliff!‹ rief er, als hätte er eine Entdeckung gemacht. ›Konnten Sie das nicht gleich sagen? Dann hätte ich Ihnen ohne soviel Mühe erklärt – daß Sie es nicht sehen können! Er hält es nämlich immer verschlossen. Niemand darf hinein, nur er selbst.‹

›Euer Haus ist ganz reizend, Josef. Liebliche Leute darin!‹ Ich konnte diese Worte nicht mehr zurückhalten. ›Ich bin offenbar nicht bei Verstand gewesen, als ich mein Schicksal mit ihnen verband. – Aber das gehört nicht zur Sache. Nochmals, es muß immerhin auch hier andere Zimmer geben. Kommen Sie endlich weiter, damit ich mich irgendwo ausstrecken kann.‹

Stumm und stumpf stapfte er die hölzerne Treppe hinunter und machte vor einem Zimmer halt. Daß er draußen blieb, sowie die Art, wie es eingerichtet war, ließ mich vermuten, es sei das beste Zimmer. Es lag ein guter Teppich darin; das Muster war allerdings unter dem Staub nicht zu erkennen. Die Tapete über dem Kamin hing zerfetzt herab. Das eichene Bett war sehr schön, mit weiten roten Vorhängen aus reichem Stoff, auf moderne Art gerafft. Nur hatte man alles schlecht behandelt, die Faltengirlanden waren aus den Ringen gerissen und die eiserne Stange, die sie trug, so stark zerbogen, daß das Tuch auf dem Boden schleifte. Nicht weniger beschädigt waren die Stühle, manche fast zerstört, und die Täfelung der Wände zeigte tiefe Spalten.

Kaum hatte ich mich zu dem Entschluß hindurchgerungen, daß ich von diesem Zimmer Besitz ergreifen wollte, als mein blödsinniger Führer verkündete: ›Das hier gehört dem Herrn!‹

Inzwischen war mein Essen kalt geworden, mein Appetit vergangen, meine Geduld erschöpft. Der fromme Alte sah es und brummte: ›Was zum Teufel – der Herr segne uns – der Herr vergebe uns – wo zum Teufel wollen Sie eigentlich hin? Sie sind ein schauderhaft hartnäckiges Frauenzimmer. Alles haben Sie schon gesehen. Höchstens das Stübchen vom Hareton nicht. Also hier im Hause ist kein Loch mehr, wo Sie sich hinlegen können.‹

Ich warf mein Tablett mit allem, was darauf stand, zu Boden, setzte mich auf die Treppe und weinte. ›Ho, ho!‹ schrie Josef. ›Gut gemacht, Miß Cathy, recht so, Miß Cathy! Allerdings, wenn der Herr über die Scherben stolpert, dann bekommen wir was zu hören, dann können wir was besehen. Unnützes Ding! Bis Weihnachten müßten Sie dafür büßen, daß Sie in Ihrer verruchten Wut die Gottesgabe mit Füßen treten! Aber ich hoffe zum Himmel, man wird Ihnen den Sparren bald austreiben. Sie glauben doch nicht, daß der Heathcliff so ein Betragen duldet! Wenn er Sie bloß bei diesem Unfug ertappte, jetzt gleich, das wünschte ich mir!‹

Damit entfernte er sich wieder in seine Höhle und nahm die Kerze mit, so daß ich im Dunkeln blieb. Ich sah inzwischen ein, daß ich meinen Stolz mäßigen und meinen Zorn beherrschen mußte, und machte mich daran, die Spuren meines sinnlosen Streichs zu beseitigen. Eine unerwartete Hilfe erschien mir in Gestalt des Throttler. Ich erkannte ihn als Sohn unseres alten Hundes Skulker; er hatte seine Jugend bei uns in Grange verlebt und war von meinem Vater Mr. Hindley geschenkt worden. Er schien mich zu erkennen, stieß seine Nase zur Begrüßung an die meine und begann den Haferbrei aufzulecken. Mittlerweile tastete ich mich von Stufe zu Stufe, sammelte die Scherben des Geschirrs und trocknete die Milchspritzer mit dem Taschentuch auf.

Unsere Arbeit war gerade beendet, als ich Earnshaws Schritt im Flur vernahm. Mein Gehilfe zog den Schwanz ein und drückte sich an die Wand. Ich schlich in die nächste Türnische. Dem Hunde gelang es nicht, ihm zu entwischen, wie ich aus dem Poltern auf der Treppe und dem langgezogenen Heulen und Quietschen schloß. Ich selbst hatte mehr Glück, denn Hindley ging vorüber, in sein Zimmer, und schloß die Tür. Bald danach kam Josef mit Hareton, in dessen Zimmer ich mich geflüchtet hatte. Während er den Jungen zu Bett brachte, bemerkte er:

›Jetzt haben Sie unten Raum genug, Sie und Ihr Herrlicher, im großen Wohnraum unten. Ist leer, ihr könnt ihn ganz für euch allein haben – und noch zusammen mit dem, der in schlechter Gesellschaft immer der Dritte ist, mit dem Teufel nämlich!‹

Ich war froh, auf seinen Wink eingehen zu können, und stieg in den großen Raum hinab. In der gleichen Minute, als ich mich in einen Stuhl am Kamin geworfen hatte, schlief ich schon. Mein Schlummer war tief und schön, aber er nahm ein zu frühes Ende. Mr. Heathcliff weckte mich. Er fragte mich in seiner liebevollen Art, was ich hier zu suchen hätte. Ich antwortete, daß ich so lange aufbleiben mußte, weil er den Schlüssel zu unserem Zimmer in der Tasche habe. Das Wort ›unser‹ erregte mörderischen Anstoß. Er fluchte, es sei nicht mein Zimmer und werde es nie sein, und er würde –

Aber ich will seine Worte nicht wiederholen und sein übliches Benehmen überhaupt nicht darstellen. Jedenfalls ist er rastlos erfinderisch in seinen Bemühungen, meinen Abscheu hervorzurufen. Manchmal ergreift mich so tiefe Verwunderung über ihn, daß selbst die Furcht verblaßt. Aber ich sage Dir, ein Tiger oder eine Giftschlange können mir keinen ähnlichen Schrecken verursachen wie er. Stelle Dir vor: er sprach über Catherines Krankheit, beschuldigte meinen Bruder, an dieser Krankheit schuld zu sein, und verkündete mir, ich solle so lange an Edgars Stelle leiden, bis er ihn selbst in den Händen habe. Oh, wie ich ihn hasse – ich bin so elend – ich war so dumm! Sei vorsichtig und verrate keiner Seele in Grange irgend etwas. Ich warte täglich auf Dich, enttäusche mich nicht!

Isabella«

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