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Umwitterte Höhen

Emely Brontë: Umwitterte Höhen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Brontë
titleUmwitterte Höhen
publisherBüchergilde Gutenberg
yearo.J.
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150220
projectida6fc4596
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Zwölftes Kapitel

Inzwischen wandelte Miß Isabella schwermütig, schweigsam und immer in Tränen durch Park und Garten. Ihr Bruder stapelte zwar seine Bücher um sich herum auf, aber er öffnete kaum eines. Wahrscheinlich beschäftigte ihn nur die dauernde unbestimmte Erwartung, Catherine würde ihr Verhalten bereuen, sich entschuldigen und die Versöhnung mit ihm suchen. Sie wiederum fastete weiter, hartnäckig fastete sie und labte sich wohl an dem Gedanken, Edgar würge mühsam das Essen herunter, wenn sie nicht zugegen sei; nur sein Stolz halte ihn davon ab, sich ihr einfach zu Füßen zu werfen. Ich dagegen erfüllte meine häuslichen Pflichten, völlig überzeugt, daß sich zwischen den Wänden von Grange nur eine einzige vernünftige Seele aufhalte, und das sei ich. An Miß Isabella verschwendete ich weder Mitleid noch an Mrs. Catherine irgendwelche Vorstellungen, und ich achtete nicht auf die Seufzer Mr. Edgars, der wenigstens den Namen seiner Frau von mir zu hören wünschte, wenn er ihre Stimme entbehren mußte. Nein, mochten sie zurechtkommen, wie sie wollten. Es war eine langsame, langwierige Entwicklung. Schließlich freute ich mich doch, als sich ein Fortschritt zeigte, wie ich mir wenigstens einbildete.

Am dritten Tage schloß Mrs. Linton ihre Tür auf und verlangte frisches Wasser, da Krug und Karaffe leer waren. Sie verlangte ferner eine Schale Haferschleim, denn sie fühle sich schwach, zum Sterben. Ich erachtete dies als Gerede, für Edgars Ohren bestimmt, behielt es also für mich und brachte ihr Tee sowie geröstetes Brot ohne Aufstrich. Gierig aß und trank sie. Dann sank sie wieder in ihre Kissen, verkrampfte die Hände und stöhnte:

»Oh, ich will sterben! Niemandem liegt etwas an mir! Hätte ich doch nichts gegessen!« Nach einer Weile flüsterte sie: »Nein, ich werde nicht sterben – er würde sich nur darüber freuen – er liebt mich gar nicht – er würde mich überhaupt nicht vermissen!«

»Haben Sie noch einen Wunsch, Mrs. Linton?« Äußerlich bewahrte ich meine Gelassenheit, trotz ihren geisterhaft bleichen Zügen und ihren sonderbar übertriebenen Bewegungen.

Sie strich sich die verwirrten dichten Locken aus dem verfallenen Gesicht. »Was tut dieses gefühllose Geschöpf? Schlafsüchtig oder gestorben?«

»Falls Sie Mr. Linton meinen, so ist er keins von beiden. Er befindet sich einigermaßen wohl, aber seine Studien nehmen ihn stärker in Anspruch, als es richtig ist. Ohne Pause sitzt er zwischen seinen Büchern, da er keine andere Gesellschaft hat.« So hätte ich nicht gesprochen, wenn ich mir über ihren wahren Zustand klar gewesen wäre. Leider war ich in der Vorstellung befangen, mindestens ein Teil ihrer Verstörtheit sei gespielt.

»Zwischen seinen Büchern!« rief sie außer sich. »Und ich sterbe! Ich bin am Rande des Grabes! Mein Gott, hat er keine Ahnung, wie ich mich verändert habe?« Sie starrte auf ihr Bild in dem Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. »Ist das Catherine? Er glaubt, dies alles sei Laune – Theater! Kannst du ihm nicht beibringen, daß es furchtbarer Ernst ist? Nelly, vielleicht ist es schon zu spät, sonst werde ich zwischen zwei Entschlüssen wählen, sobald ich mir über seine Gefühle klar bin: entweder hungere ich mich zu Tode – aber dies wäre nur dann eine Strafe für ihn, wenn er ein Herz hätte – oder ich werde gesund, dann gehe ich von hier fort. Sage mir endlich die Wahrheit über ihn, nur überlege dir deine Worte. Ist ihm mein Leben wirklich so vollkommen gleichgültig?«

»Aber, Mrs. Linton, der Herr kennt Ihren Zustand nicht. Daher kann er nicht fürchten, daß Sie den Hungertod sterben wollen.«

»Du glaubst es wohl auch nicht? Willst du ihm nicht sagen, daß ich es tun werde? Überzeuge ihn, sprich aus dir selbst heraus, versichere ihm, daß du selbst überzeugt bist, ich wolle es tun!«

»Nein, Mrs. Linton. Sie vergessen, daß Sie heute mit Appetit etwas Nahrung zu sich genommen haben. Morgen werden Sie spüren, wie gut es Ihnen bekommen ist.«

»Oh, wenn ich wüßte, daß er daran sterben würde, dann stürbe ich sofort! In diesen drei schrecklichen Nächten habe ich kein Auge zugetan. Nelly, man hat mich gemartert, man hat mich verfolgt! – Aber ich merke, du liebst mich nicht mehr. Sonderbar, obwohl alle einander hassen und verachten, habe ich mir immer eingebildet, mich müßte man lieb haben. Und jetzt haben sie sich in wenigen Stunden in Feinde verwandelt! Es ist ganz sicher so, die Menschen hier sind meine Feinde. Wie traurig es ist, von lauter kalten Gesichtern umgeben dem Tod entgegenzugehen! Isabella ist so zornig und ängstlich, daß sie nicht einmal mein Zimmer betreten möchte. Sie hütet sich davor, Catherine sterben zu sehen. Edgar wird feierlich dabei stehen und zuschauen, bis es vorüber ist. Danach richtet er Dankgebete an Gott, daß seinem Hause der Friede zurückgegeben sei, und begibt sich wieder zu seinen Büchern. Herr im Himmel, was gehen ihn die Bücher an, wenn ich sterbe?«

Ich hatte ihr ja die Vorstellung von Mr. Lintons philosophischem Verzicht beigebracht, und gerade dies konnte sie schwer ertragen. Sie warf sich hin und her, ihre fiebrige Aufregung wurde immer schlimmer, sie zerriß das Kissen mit den Zähnen. Mit glühendem Körper richtete sie sich auf und verlangte, ich solle das Fenster öffnen. Wir waren mitten im Winter, es wehte scharfer Nordostwind. Ich weigerte mich; der jähe Wechsel in ihren Zügen wie in ihrem ganzen Verhalten begann mich doch tiefer zu beunruhigen. Ich erinnerte mich an ihre frühere Krankheit, an die Vorschrift des Arztes, Aufregungen zu vermeiden. Soeben hatte sie noch getobt – jetzt stützte sie sich leicht auf einen Arm, achtete nicht auf meine Weigerung und machte sich ein kindisches Vergnügen daraus, die Federn aus dem zerbissenen Kopfkissen hervorzuziehen. Sie ordnete sie nach ihrer verschiedenen Art und Größe auf dem Bettuch und schien auf ganz andere Gedanken zu kommen.

»Die ist von einem Truthahn!« murmelte sie, »und die von einer Wildente, und die von einer Taube. Oh, man hat Taubenfedern in die Kissen gefüllt! Kein Wunder, daß ich nicht sterben konnte! Ich muß aufpassen, daß ich sie auf den Boden werfe, bevor ich mich zurücklege. Und die ist von einem Sumpfhuhn, und diese hier würde ich unter Tausenden herausfinden, die ist von einem Kiebitz. Hübscher Vogel, kreiste mitten im Moor über unseren Köpfen. Er wollte in sein Nest, denn die Wolken sanken auf die Hügel, und er wußte, daß Regen kam. Und diese Feder wurde in der Heide aufgelesen, und der Vogel wurde nicht geschossen. Im Winter sahen wir sein Nest: es lag voll kleiner Gerippe. Denn Heathcliff hatte eine Schlinge darüber gelegt, und die Alten konnten sich nicht heranwagen. Er mußte mir versprechen, danach nie wieder einen Kiebitz zu schießen, und er hat es gehalten. Ja, aber hier sind noch mehr Federn, die gleichen! Hat er meine Kiebitze doch geschossen, Nelly? Sind manche Federn rot? Wir müssen sie untersuchen.«

»Sie sind kein Kind, lassen Sie doch diese Spielerei.« Ich zog ihr das Kissen weg und kehrte die Seite mit den Löchern zur Matratze; sie hatte schon ganze Hände voll Federn herausgeholt. »Legen Sie sich hin und schließen Sie die Augen, statt der vielen Reden. Das ist ein Gestöber! Die Daunen fliegen wie Schneeflocken umher.« Ich versuchte, sie einzufangen und zu sammeln. Cathy träumte weiter:

»Nelly, du bist eine alte Frau, hast graues Haar und gebeugte Schultern. Und das Bett ist die Märchenhöhle unter den Klippen von Penistone. Und du sammelst Elfenpfeile, um unser Kälbchen damit zu treffen. Aber solange ich in der Nähe bin, lügst du, du schössest nur mit Haarlocken. – Nein, so wird es erst in fünfzig Jahren sein, ich bin ja ganz klar und weiß genau, du bist gar nicht solche verwitterte Hexe, und ich bin nicht unter den Klippen. Aber eins weiß ich, daß es Nacht ist, und auf dem Tisch brennen zwei Kerzen, davon glänzt der schwarze Schrank wie Pechkohle.«

»Der schwarze Schrank? Wo ist er?« fragte ich.

»An der Wand, wie immer. Merkwürdig, ich sehe ein Gesicht darin.«

»Kein Schrank im Zimmer, und es war nie einer hier.« Ich nahm wieder Platz und band den Bettvorhang auf, um sie beobachten zu können.

»Du siehst das Gesicht nicht?« Sie sah mit tiefem Ernst in den Spiegel. Ich konnte sagen, was ich wollte, es war ihr nicht begreiflich zu machen, daß es ihr eigenes Gesicht war. Also bedeckte ich den Spiegel mit einem Tuch.

»Aber dahinter ist es noch!« sprach sie unruhig weiter. »Jetzt hat es sich bewegt. Wer ist das? Hoffentlich kommt es nicht her vor, wenn du weggegangen bist. Oh, Nelly, ich habe Angst, hier allein zu bleiben, wenn es spukt.«

Ich nahm ihre Hand in die meine und redete ihr zu, sich zu beruhigen. Von Schauern geschüttelt, heftete sie mit aller Anstrengung die Augen auf den Spiegel.

»Es ist niemand hier, Sie haben nur sich selbst gesehen, und vor einer Weile wußten Sie es noch.«

»Mich selbst!« keuchte sie. »Und die Glocke schlägt zwölf! Es ist also wahr! Entsetzlich!«

Ihre Finger krallten sich in das Laken und zogen es über ihre Augen. Ich wollte zur Tür schleichen, um ihren Mann zu rufen. Ein schriller Schrei. Ich wandte mich um. Das Tuch war vom Rahmen des Spiegels heruntergefallen.

»Aber was ist denn dabei! Wer wird so furchtsam sein. Kommen Sie zu sich. Es ist der Spiegel, nur der Spiegel. Sie sehen sich darin, und hier stehe ich neben Ihnen.« Bebend hielt sie mich fest. Allmählich wich der Schrecken aus ihrem Gesicht. Das bleiche Entsetzen wandelte sich in die Röte der Scham.

»Ach, Liebe, ich dachte, daß ich zu Haus sei«, seufzte sie, »ja, in meinem Zimmer auf Wuthering Heights. Ich bin so schwach, daß all meine Gedanken durcheinander gingen, und ich habe wohl geschrien, ohne es zu wissen. Sprich nicht, aber bleib bei mir. Ich fürchte mich vor dem Schlaf und besonders vor den Träumen.«

»Ein tiefer Schlaf würde Ihnen gut tun. Ich hoffe, solche Leiden werden Sie davon abhalten, es nochmals mit dem Hungertod zu versuchen!«

»Läge ich doch wirklich in meinem eigenen Bett, drüben im alten Hause!« Sie rang jämmerlich die Hände. »Höre nur, wie der Wind in den Föhren saust, an den Fensterläden rüttelt. Ich möchte ihn spüren – er kommt geradewegs aus dem Moor – laß mich ihn einatmen!«

Um sie zu beschwichtigen, öffnete ich das Fenster für Sekunden. Ein kalter Windstoß fuhr herein. Ich machte wieder zu und kehrte ans Bett zurück. Jetzt lag sie still, aber die Wangen naß von Tränen. Die körperliche Erschöpfung hatte auch den Geist entkräftet, und unsere stolze Catherine war nur noch ein jammerndes Kind.

»Wie lang ist es her, seit ich mich hier eingeschlossen habe?« fragte sie plötzlich.

»Seit Montag abend, und jetzt ist Donnerstag nacht oder richtiger Freitag früh.«

»Wie, es ist noch dieselbe Woche? Nur so kurze Zeit?«

»Lang genug, wenn man nur von kaltem Wasser und schlechter Laune lebt.«

»Mir erscheint es als eine endlose Zahl von Stunden, und es muß auch länger her sein. Ich erinnere mich, daß ich im Wohnzimmer war, bei ihrem bösen Streit, und daß ich vor Edgars Grausamkeit ganz verzweifelt in dieses Zimmer rannte, und kaum hatte ich die Tür verriegelt, wurde mir dunkel vor den Augen und ich fiel hin. Aber Edgar wollte mir nicht glauben, daß ich immer kränker bis zum Wahnsinn würde, wenn er mich noch quälte. Während ich meine Zunge und mein Gehirn nicht mehr richtig beherrschte, ahnte er nichts von meiner Todesqual. Ich hatte überhaupt nur noch so viel Verstand, um vor ihm und seiner Stimme zu fliehen, und bevor ich wieder sehen und hören konnte, dämmerte der Morgen. Nelly, ich will dir sagen, was in mir immer von neuem und von neuem gespensterte: Als ich hier unten mit dem Kopf am Tischbein lag und undeutlich das graue Viereck des Fensters erkannte, glaubte ich, drüben in dem eichengetäfelten Bett, in der Truhe, eingeschlossen zu sein. Mein Herz tat mir weh, vor großem Kummer, aber was es war, wußte ich beim Erwachen nicht mehr. Ich suchte nach diesem Kummer, ich quälte mich ab, aber die letzten sieben Jahre meines Lebens waren aus meiner Erinnerung seltsam ausgelöscht, ich wußte nicht, daß sie überhaupt gewesen waren. Ich war ein Kind, meinen Vater hatte man gerade begraben, und mein Unglück mußte mit der Trennung zwischen mir und Heathcliff zusammenhängen, die Hindley verfügt hatte. Zum ersten Male lag ich da allein. Als ich nach einer schmerzlichen Nacht erwachte und die Hand hob, um die Täfelung beiseite zu schieben, berührte ich die Tischplatte. Ich tastete am Teppich entlang, auf dem ich lag, und mit der hereinstürzenden Erinnerung ging die nächtliche Angst in ganz haltlose Verzweiflung über. Es muß die grundlose Leere einer Geistesstörung gewesen sein, die mich anfiel, weil ich plötzlich alles verloren hatte: Mit zwölf Jahren war ich gewaltsam von diesen Höhen, aus diesem Heim meiner Wuthering Heights hinuntergeschleudert worden, aus jedem Zusammenhang mit meiner Kindheit herausgerissen, weil man mir mein Ein und Alles genommen hatte, denn das war Heathcliff zu jener Zeit. Und nun war ich mit einem Schlage in eine Mrs. Linton verwandelt, in die Herrin von Thrushcross Grange und die Frau eines Fremden, verbannt und verstoßen, weit fort von allem, was bisher meine Welt gebildet hatte. So kannst du vielleicht ermessen, in welchen Abgrund ich blickte. Schüttele nicht den Kopf, Nelly, auch du hast geholfen, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wirklich, du hättest mit Edgar sprechen sollen, ihn zwingen müssen, mich zu schonen. Oh, ich verbrenne! Wäre ich doch draußen! Wäre ich wieder ein Mädchen, kühn, halb wild, frei! Und lachte über alle Kränkungen der Welt, statt mich davon entwurzeln zu lassen! Weshalb bin ich so verändert? Weshalb tobt mein Blut beim geringsten Wort in höllischem Aufruhr? Wenn ich nur einmal in der Heide dort auf den Hügeln sein könnte, o gewiß, dann wäre ich wieder ich selbst! Mach doch das Fenster auf – weit – laß es offen! Schnell, warum zögerst du?«

»Ganz einfach, weil Sie sich nicht zu Tode erkälten sollen.«

»Weil du mir nicht eine einzige Möglichkeit geben willst, zu leben!« erwiderte sie finster. »Nun, noch bin ich nicht ganz hilflos. Ich öffne es selbst.«

Ehe ich es verhindern konnte, glitt sie aus dem Bett, schwankte durchs Zimmer, stieß das Fenster auf und lehnte sich hinaus, obwohl die eisige Luft in ihre Schultern schnitt wie ein Messer. Ich zog sie mit aller Kraft zurück, aber die Kraft ihres Wahnsinns war größer, und daß sie nicht bei sich war, zeigten mir ihre späteren Handlungen und Anfälle. Da der Mond nicht schien, lag unten alles in nebliger Dunkelheit. In keinem Hause, fern oder nah, schimmerte Licht, längst war alles verlöscht, und die Lichter auf Wuthering Heights konnte man niemals sehen. Dennoch behauptete sie, dort sei es hell.

»Schau, dort ist mein Zimmer mit der Kerze, mit den Bäumen davor, die sich hin und her wiegen. Das andere Licht dort ist in Josefs Bodenkammer. Er bleibt immer lange auf, er wartet, bis ich heimkomme, um dann das Tor zu schließen. Oh, er muß noch eine Weile warten! Es ist eine mühsame Wanderung bis dorthin, wenn man mit schwerem Herzen geht. Der Weg führt an der Kirche von Gimmerton vorbei. Wir haben den Geistern dort oft gemeinsam getrotzt, wir haben uns mutig mitten zwischen die Gräber gestellt und die Gespenster gerufen: Kommt! Ach, Heathcliff, wenn ich dich jetzt herausfordere, wagst du es wieder? Tu es, dann behalte ich dich bei mir! Und ich will dort nicht allein liegen. Wenn sie mich zwölf Fuß tief begraben und noch die Kirche über mich stürzen, ich werde doch keine Ruhe haben, bis du bei mir bist. Sonst bleibe ich niemals!«

Sie fuhr nach einem Augenblick mit großartigem Lächeln fort: »Aha, er überlegt es sich – er möchte lieber, daß ich zu ihm komme! Suche einen anderen Weg! Nicht durch den Friedhof! – Du bist so langsam. Verlasse dich auf mich, du bist mir immer gefolgt.«

Ich konnte mit ihr nicht fertig werden; wenigstens wollte ich einen warmen Umhang holen. Wie sollte ich es machen, ohne sie loszulassen, da ich sie nicht allein am weit geöffneten Fenster lassen durfte! Da hörte ich die Türklinke gehen: Mr. Linton trat ein. Auf dem Wege von der Bibliothek hatte er sprechen hören, und er mußte nachsehen, was dies zu so später Stunde bedeutete. »Oh, Mr. Linton!« schrie ich, ehe noch ein Laut von seinen Lippen kam, so entgeistert war er über den erschreckenden Anblick seiner Frau, über die unheimliche Stimmung des Zimmers. »Ihre arme Gattin ist krank. Ich kann nichts gegen sie tun, da sie stärker ist als ich, ich kann nichts für sie tun! Helfen Sie mir, überreden Sie Mrs. Linton, sich wieder hinzulegen. Vergessen Sie allen Zorn. Man kann sie nur lenken, wenn man sich ganz nach ihr richtet.«

»Krank? Schließe das Fenster, Ellen. Catherine, warum –« Er verstummte angesichts von Mrs. Lintons verfallener Erscheinung, und in dumpfer Verständnislosigkeit gingen seine Augen zwischen uns hin und her.

»Die einsamen Gedanken haben sie hier aufgerieben«, sagte ich, »und wir konnten Sie nicht von ihrem Zustand unterrichten. Wir waren uns selbst nicht darüber klar, obwohl sie kaum etwas gegessen hat. Aber sie beklagte sich nicht und ließ bis heute abend niemand ein. Nun – es ist nicht schlimm.«

Ich fühlte, daß ich meine Erklärungen ungeschickt vorbrachte. Der Herr runzelte die Stirn und antwortete mit strenger Stimme: »Du meinst, es sei nicht schlimm, Ellen Dean? Später wirst du dich genau verantworten, weshalb du mich in solcher Unkenntnis gelassen hast.«

Er nahm seine Frau in die Arme und betrachtete sie schmerzlich. Zuerst gab sie kein Zeichen, daß sie ihn wiedererkannte. Er schien ihrem abwesenden Blick unsichtbar zu sein. Allmählich entzogen sich ihre Augen der Finsternis draußen, in die sie sich bisher versenkt hatten. Sie wurde auf ihren Mann aufmerksam und entdeckte, wer sie in den Armen hielt.

»Ach, bist du wirklich einmal gekommen, Edgar Linton? Du bist doch einer von denen, die immer da sind, wenn man sie am wenigsten braucht, und wenn man dich braucht, nie! Ich ahne, wir werden nun manchen Anlaß zum Klagen haben, o sicherlich. Aber man kann mich nicht mehr meinem neuen engen Heim da unten in der Erde fernhalten. Das ist der Ruheplatz, der mich vor dem Ende des Frühlings beherbergen wird. Merke dir, er liegt nicht zwischen den Lintons unter dem Kirchendach, sondern unter dem offenen Himmel, mit einem richtigen Grabstein. Einstmals wirst du wählen können, ob du zu ihnen dort drinnen gehen oder zu mir kommen willst.«

»Catherine, was hast du getan? Bin ich dir gar nichts mehr? Liebst du diesen Heath –«

»Schweig! Schweig augenblicklich! Oder sprich diesen Namen aus, und ich mache ein Ende und springe auf der Stelle aus dem Fenster! Das, was du jetzt an dich drückst, magst du haben, aber ich selbst, meine Seele, wird droben auf dem Hügel sein, ehe du wieder Besitz von mir ergreifst. Ich brauche dich nicht mehr, Edgar; die Zeit ist vorbei, da ich deiner bedurfte. Kehre zu deinen Büchern zurück. Ich freue mich, daß sie einen Trost für dich bedeuten. Denn was du an mir hattest, ist dahin.«

Ich mischte mich ein: »Sie phantasiert, wie sie während des ganzen Abends Unsinn geredet hat. Wenn sie richtig gepflegt wird, fängt sie sich schon wieder auf.«

»Ich wünsche keine Ratschläge mehr von dir – du kanntest meine Frau und hast mich noch angetrieben, ihr weh zu tun! Herzlos, mir nicht einen einzigen Wink darüber zu geben, wie sie diese drei Tage verbracht hat! Eine monatelange Krankheit hätte nicht solche Veränderung herbeiführen können!«

Es war mir zu viel, für Catherines böse Eigenwilligkeit herunter gemacht zu werden. »Ich kannte Mrs. Lintons Natur allerdings«, entgegnete ich, »nämlich ihre Widersetzlichkeit und Herrschsucht! Aber ich wußte nicht, daß Sie ihr unbändiges Temperament noch begünstigen wollen. Nein, das wußte ich nicht, daß ich ihr zu Gefallen diesem Heathcliff gegenüber ein Auge zudrücken sollte! Die Pflicht einer treuen Dienerin habe ich erfüllt, als ich Sie benachrichtigte – und ich empfange allerdings den üblichen Lohn treuer Dienerinnen! Zum mindesten werde ich nun vorsichtiger sein, und nächstes Mal können Sie selbst dafür sorgen, daß Sie Bescheid wissen.«

»Nächstes Mal, wenn du mir wieder Märchen hinterbringst, wirst du entlassen, Ellen Dean.«

»Sie möchten also lieber nichts davon hören, Mr. Linton? Es kommt mir so vor –: Heathcliff besitzt Ihre Erlaubnis, Miß Isabella den Hof zu machen? Er darf in Ihrer Abwesenheit nach Belieben hier erscheinen und Ihre Gattin gegen Sie aufwiegeln und alles zu vergiften suchen?«

Catherine hatte trotz ihrem Zustande aufmerksam das Gespräch verfolgt; sie mischte sich nun heftig ein: »Ach, die Nelly hat mich angegeben! Ja, sie ist mein heimlicher Feind! Du Hexe, also hast du doch nach den Elfenpfeilen gesucht, um uns zu treffen! Laß mich los, Edgar, das soll sie bereuen, sie soll es mit Heulen und Zähneklappern zurücknehmen!«

Mit funkelnden Augen kämpfte sie, um sich aus Lintons Armen zu befreien. Ich wartete nicht länger, sondern gedachte, auf eigene Verantwortung ärztliche Hilfe zu holen. Als ich das Zimmer verlassen hatte und durch den Garten nach der Straße ging, sah ich an einem Haken, der für das Zaumzeug der Pferde in die Mauer geschlagen war, etwas Weißes hängen. Der sonderbare Gegenstand bewegte sich und zuckte, offenbar nicht nur infolge des wehenden Windes. Trotz meiner Eile blieb ich dabei stehen, sonst hätte ich mir später eingebildet, ich sei einem Wesen aus der anderen Welt begegnet. Zu meiner Bestürzung entdeckte ich, mehr durch meine tastenden Finger als durch meine Augen, daß es ein kleines Tier war. Dann erkannte ich Miß Isabellas Hündchen Fanny; es war an einem Taschentuch aufgehängt worden und fast erstickt. Ich löste es los und setzte es in den Garten. Vorhin hatte ich gesehen, wie es seiner Herrin die Treppe hinauf gefolgt war, als sie zu Bett ging. Wie konnte es hierher geraten sein, und welcher bösartige Mensch hatte dies getan? Während ich noch den Knoten vom Haken löste, meinte ich in einiger Entfernung den Hufschlag galoppierender Pferde zu vernehmen. Das war an diesem Ort und um zwei Uhr nachts ein ungewöhnlicher Laut. Aber mich beschäftigten so viele andere Dinge, daß ich kaum darauf achtete.

Ich hatte Glück: Doktor Kenneth trat gerade aus seinem Hause, um einen späten Patienten im Dorf zu besuchen. Er begleitete mich sogleich, als ich ihm von Catherines Zustand berichtete. In seiner groben Aufrichtigkeit äußerte er Zweifel, ob sie diesen neuen Anfall überleben würde.

»Ich muß annehmen«, fuhr er fort, »daß für diese ganze Sache ein besonderer Grund besteht. Was geht in Grange vor? Wir hören hier merkwürdige Dinge. Eine an sich kraftvolle muntere Frau wie Catherine wird nicht um einer Kleinigkeit willen krank. Solche Menschen dürfen auch nicht krank werden! Denn sie sind dann schwer durch Fieber und Nervenanfälle hindurchzubringen. Wie fing es an?«

»Der Herr wird Ihnen Bescheid geben. Übrigens kennen Sie die leidenschaftliche Veranlagung der Earnshaws, die Mrs. Catherine ganz besonders geerbt hat. Auf dem Höhepunkt eines Streits hat sie sich eingeschlossen, die Nahrung verweigert, und nun wechselt sie zwischen Tobsucht und Halbtraum. Einerseits ist sie sich ihrer Umgebung bewußt, und doch ist ihr Geist von fremdartigen Gedanken umnebelt.«

»Wird es Mr. Linton sehr mitnehmen?«

»Das Herz würde ihm brechen, wenn etwas geschähe! Beunruhigen Sie ihn nicht mehr als nötig.«

»Ich habe ihn längst gewarnt. Er muß sich mit den Folgen abfinden, da er meine Worte nicht genügend beachtet hat. Hören Sie, er war doch in letzter Zeit mit Mr. Heathcliff sehr befreundet?«

»Heathcliff kommt häufig nach Grange – vor allem deshalb, weil Mrs. Catherine ihn als Jungen gekannt hat – und nicht etwa, weil der Herr seine Gesellschaft schätzt. Jetzt werden ihm diese Besuche erspart bleiben, denn Heathcliff hat sich etwas vermessene Ansprüche auf Miß Isabella erlaubt. Ich möchte glauben, daß man ihn nicht mehr empfangen wird.«

»Und Miß Linton zeigt ihm die kalte Schulter, nicht wahr?«

»Sie hat mich nicht ins Vertrauen gezogen«, antwortete ich widerstrebend.

Er wiegte den Kopf hin und her. »Sie ist eine Heimlichtuerin! Sie erteilt sich ihre Ratschläge selbst. Aus guter Quelle weiß ich, daß sie in der vergangenen Nacht (es war überhaupt eine hübsche Nacht!) mit Heathcliff in den Anlagen hinter eurem Hause spazierengegangen ist, zwei Stunden lang. Er redete auf sie ein, sie solle nicht weiter hineingehen, sondern einfach auf sein Pferd steigen, und weg, mit ihm! Mein Gewährsmann sagte, sie hätte ihn nur dadurch hinhalten können, daß sie auf ihr Ehrenwort beim nächsten Zusammentreffen dazu bereit sein würde. Wann dies stattfinden soll, konnte er nicht hören. Aber veranlassen Sie Mr. Linton, scharf aufzupassen.«

Diese Nachricht machte mir neue Sorgen. Ich lief voraus; keuchend langte ich beim Hause an. Dem kläffenden kleinen Hunde im Garten machte ich das Gatter auf. Statt zur Innentür, rannte er hin und her, beschnupperte das Gras und wäre auf die Straße entwischt, hätte ich ihn nicht eingefangen und mit mir hineingenommen. Rasch stieg ich zu Isabellas Zimmer hinauf. Mein Verdacht bestätigte sich, es war leer. Ein paar Stunden früher hätte Mrs. Lintons Anfall vielleicht den unbesonnenen Schritt verhindert. Was war jetzt zu tun? Man hätte sie nur bei unverzüglicher Verfolgung einholen können. Ich konnte sie gewiß nicht verfolgen. Die anderen wagte ich nicht in neue Verwirrung zu stürzen; der Herr war von seinem gegenwärtigen Kummer so sehr in Anspruch genommen, daß sein Herz keinen Raum für neues Unheil hatte. Ich sah keine Möglichkeit, als einfach den Mund zu halten und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Als Kenneth eintraf, meldete ich ihn mit einigermaßen gefaßter Miene an. Catherine lag in unruhigem Schlummer; insoweit hatte ihr Mann sie beruhigt. Über ihr Kissen geneigt, folgte er jedem Schatten in dem schmerzlich ausdrucksvollen Antlitz.

Nachdem der Arzt den Fall eingehend untersucht hatte, sprach er sich nicht ungünstig darüber aus, wenn man ihr jede Unruhe erspare. Dies sagte er zu Linton; und zu mir: die drohende Gefahr bestehe nicht so sehr darin, daß sie sterben könnte, wie, daß eine dauernde Geistesstörung zurückbleiben würde.

Nach dieser Nacht, in der Mr. Linton und ich überhaupt nicht zu Bett gingen, war auch das Gesinde lange vor der gewohnten Stunde auf. Mit behutsamen Schritten bewegten sich die Leute durchs Haus und unterhielten sich nur flüsternd, wenn sie einander bei der Arbeit begegneten. Inmitten der allgemeinen Tätigkeit fehlte Miß Isabella, und es fiel allmählich auf, daß sie so fest schlief. Ihr Bruder fragte nach ihr; er wünschte ungeduldig ihre Anwesenheit und mißbilligte es, daß sie so wenig Anteilnahme für ihre Schwägerin zeige. Ich zitterte davor, er könnte mich schicken, sie zu rufen. Aber es blieb mir erspart, ihre Flucht als erste zu berichten. Eins von den Mädchen, das schon am frühen Morgen mit einem Auftrag in Gimmerton gewesen war (sie hatte eine besonders unbedachte Art), kam keuchend mit offenem Munde die Treppe herauf und stürzte ins Zimmer: »O mein Gott, was ist das nur alles! Herr, unser junges Fräulein, Herr –«

»Nicht so laut!« flüsterte ich wütend.

»Ja, Mary, sprich leiser! Was gibt es? Was fehlt Miß Isabella?« sagte Mr. Linton.

»Sie ist weg, sie ist weg! Der Heathcliff ist mit ihr durchgegangen!«

»Das ist nicht wahr!« schrie Linton und sprang auf. »Wie kommst du darauf? Ellen Dean, geh und hole sie. Es ist unmöglich! Es kann nicht sein!«

Er zog die Magd zur Tür und fragte, was sie denn gehört habe. Sie stammelte: »Ja, ja – auf der Straße traf ich einen Burschen, der bei uns Milch holt. Er meinte, ob wir auf Grange nicht große Aufregung hätten. Ich dachte, wegen der Krankheit unserer Herrin, und sagte, jawohl. Darauf redete er weiter: ›Es ist doch sicher schon jemand hinter ihnen her?‹ Ich starre ihn an, und er merkt, ich weiß nichts. Also, sagt er, kurz nach Mitternacht hätten ein Herr und eine Dame bei einer Hufschmiede zwei Meilen außerhalb von Gimmerton haltgemacht, um ihr Pferd beschlagen zu lassen. Die Tochter des Schmieds sei aufgestanden, um zu sehen, wer da gekommen sei. Sofort habe sie beide erkannt. Sie habe gesehen, wie der Mann, und es war Heathcliff, man kann ihn ja gar nicht verwechseln, ihrem Vater ein Goldstück in die Hand drückte. Die Dame hatte einen Schleier vorm Gesicht. Sie wollte einen Schluck Wasser haben, und als sie trank, verschob er sich, und man konnte sie deutlich erkennen. Heathcliff hielt beide Zügel, als sie weiterritten. Sie ließen das; Dorf im Rücken und galoppierten so schnell, wie der schlechte Weg zuließ. Das Mädchen hat ihrem Vater nichts gesagt, aber heut morgen hat sie es in ganz Gimmerton herumerzählt.«

Ich lief der Form halber zu Isabellas Zimmer, blickte hinein und bestätigte bei meiner Rückkehr, daß sie nicht da sei. Mr. Linton hatte seinen Platz am Bett wieder eingenommen. Er hob die Augen, verstand, was mein bekümmerter Ausdruck bedeutete, und sah wieder hinab, ohne ein Wort.

»Was sollen wir tun, um sie zurückzubringen?« fragte ich.

Mr. Linton erwiderte: »Sie ist aus eigenem Willen gegangen und hatte das Recht, zu gehen, wenn sie es vorzog. Verschone mich mit ihr. Von nun an ist sie nur noch dem Namen nach meine Schwester – nicht weil ich sie verleugne, sondern weil sie mich verleugnet hat.«

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