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Um ein Weib

Ida Boy-Ed: Um ein Weib - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleUm ein Weib
publisherPaul Franke Verlag
printrun55.-64. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071031
projectid5203551a
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IV.

Die hohe Stimmung, in der Hendrik Hagen der Ankunft des jungen Andree entgegensah, blieb so beschwingt und von heißem Glanz durchleuchtet, bis zu dem Augenblick, wo der gelassene Zug ein bißchen unsicher und jedenfalls durchaus uneilig auf dem einzigen Gleise, umschimmert vom durchstäubten Sonnenschein, dahergerasselt kam und etwas wackelig am offenen Bahnhof von Wachow anfuhr. Da fühlte der Mann, daß ihm das Herz unsinnig zu klopfen begann.

Eine jähe Entmutigung befiehl ihn. Hatte er sich nicht all diese glücklichen, friedlichen Möglichkeiten nur eingeredet? Sich in sie hineingesteigert? Aufgebaut wie eine Novelle, in der ersonnene Helden erfundene Schicksale erlebten?

Und dann kam noch etwas herauf aus dem Untergrund seines Wesens – eine tiefe Befangenheit – Scham vielleicht –, weil er wußte, er stand in den Anfängen einer neuen Leidenschaft. Und eine seltsame Empfindung wallte in ihm empor, steigerte sich fast bis zur Erscheinung – so, als käme mit ihrem Sohn auch die Tote und sähe ihn fragend an, in einem unirdischen Erstaunen, aus ihrer Ewigkeit heraus, sich über die Veränderlichkeit, die Endlichkeit menschlicher Leidenschaften wundernd.

Er fühlte: wie tief wurzelt in uns allen die primitive Vorstellung von der Unsterblichkeit der Liebe ...

Und all dies verflog auch schon. Denn da stieg Andree aus.

Er eilte auf ihn zu, und die Männer schlossen einander herzlich die Arme. – Ja, auch der junge Mann den Älteren – dieser feste Druck, dieser gute, ehrliche Blick war nicht geheuchelt – keine Komödie für die Menschen, die gerade auf dem Bahnhof waren und die Begrüßung mit erstaunlicher Unbefangenheit beobachteten.

Auch der Amtsrichter Dr. Haldenwang und der Bürgermeister waren anwesend. Sie wollten eben diesen Zug benützen, um nach Rostock zu fahren. Sie dachten dort mit einer Bank »die Geembeha« zu besprechen und Interesse, wenn möglich auch Kapital von eben dieser Bank zu erringen. Der Bürgermeister hatte seinen Freund, den Amtsrichter Dr. Haldenwang, förmlich hypnotisiert mit der »Geembeha«. Es war Hendrik Hagen nicht unlieb, daß sie herankamen, ehe sie einstiegen, womit sie sich ja auch in gar keiner Weise zu beeilen brauchten. Denn wenn der Zug auch nicht geradezu auf sie warten würde, so konnte man sich doch darauf verlassen, daß der Bahnhofsinspektor höflichst herantreten und die Herren auf den bevorstehenden Moment der Abfahrt aufmerksam machen werde.

Haldenwang kannte ja den jungen Andree von Marschner seit mehreren Jahren und begrüßte ihn herzlich. Er sagte, daß seine Antoinette und er sich schon auf ihn freuten und daß gerade heute Antoinette in voller Arbeit sei, Einladungen zu schreiben. Das übliche große Zauberfest, das sie gäben, fände diesmal schon Anfang Oktober statt, weil Antoinettens Bruder, Oberleutnant Püllmann, auf Urlaub bei ihnen erwartet werde.

Mandach, mit der Miene wohlwollender, doch immerhin autoritativer Würde, ließ sich den Stiefsohn des Freundes vorstellen und sagte, ihm fest die Hand schüttelnd:

»Sie kommen in eine bewegte Zeit hinein. In Ihrer engsten Heimat bereitet sich viel vor. Sie werden nicht fernstehen wollen. Hagen, ich erwarte, daß du mir deinen Sohn als Gesellschafter unserer Gründung zuführst.«

Hendrik Hagen zuckte lachend die Achseln.

»Ich habe keinen Einfluß auf Andree und will auch gar keinen. Er ist selbständig. Pflegt höchstens mit Berthold seine Angelegenheiten zu beraten.«

»Dann sind Sie glänzend beraten«, sagte der Bürgermeister anerkennend.

Richtig kam nun der Inspektor, zwei Finger an der roten Mütze und ein halb freundschaftliches, halb respektvolles Lächeln im graubärtigen Gesicht und meinte, es werde wohl Zeit, Platz zu nehmen. Und gerade ging auch schon der Schaffner am Zug entlang, knallte die Türen zu und rief: »Ain–s–taigen ...«

Nachher im Wagen sagte Hendrik Hagen:

»Da kam dir also gleich all der drollige Kleinkram von Wachow entgegen.«

»Das gibt ja das gute Gefühl, daß man in der Heimat ist.«

»Hast du es auch empfunden«, sprach Hendrik eifrig. »Da liegt einer der Unterschiede zwischen Heimat und Fremde. Daß man ihren Humor versteht und goutiert, wie das Augenzwinkern und die Mätzchen eines altvertrauten Komikers. Während wir in der Fremde nur die Schönheiten, Häßlichkeiten oder Gleichgültigkeiten spüren.«

Andree ging darauf ein. Sie sprachen eine Weile an dem Thema herum.

Und dabei fühlte der ältere Mann: nun war es sofort, wie es immer zwischen ihnen gewesen: sie versteckten sich voreinander hinter lauter leeren Liebenswürdigkeiten und »unterhielten« sich, wie zwei gut erzogene Tischgenossen, die man bei einem Festessen nebeneinandergesetzt hat.

Und gerade das war es ja, was er nicht gewollt hatte.

Die offene Herzlichkeit, zu der er sich seelisch gerüstet hatte, mußte in der ersten Minute einsetzen, wenn sie ganz natürlich wirken sollte; sie mußte den andern einfach überfallen.

Das war verpaßt.

Kam die rechte Minute wieder?

Während sie nun auf der Fahrt und in den ersten Stunden daheim sich voll Eifer über die gleichgültigsten Dinge der Welt besprachen und von vollendeter Verbindlichkeit gegeneinander waren, beobachtete Hendrik Hagen den jungen Mann.

Wirklich, er sah so aus wie das Bild seines Vaters, mit den Retouchen, die die andere Tracht des Haares und der Kleider gab. Wenig über mittelgroß, wohlgebaut war er und sein Gesicht wohl etwas starkknochig, fast von russischem Typ. Der bräunliche Hautton, die lebhaften dunklen Augen, das hübsche Haar kleideten ihn gut. In all seinen Bewegungen war eine rasche und kraftvolle Energie – die Frische der Jugend nur gerade gebändigt durch die Formen der guten Erziehung.

Und unverkennbar: sein Blick war herzlicher, sein Lachen freier geworden.

Und ein gewisser, warmer Respekt war manchmal in seinem Wesen.

Ja, neue Noten klangen an.

Hatten sich auch in ihm Wandlungen vollzogen?

Oder war es die unbewußte Äußerung des Freiheitsgefühls?

Jene überraschende Empfindung von Güte, die der Eingekerkerte plötzlich in sich für seinen Mitgefangenen entdeckt, im Augenblick, da sie voneinander loskommen?

Was es auch war, es gab offenbar in dem Gemüt von Nadinens Sohn heute eine Temperatur, die alles wärmer und traulicher machte.

Die hohe Stimmung wuchs allmählich wieder in dem Herzen Hendrik Hagens empor.

Als sie abgegessen hatten, befahl er den Kaffee in sein Zimmer.

»Nicht wahr – für heut ist dir's doch recht so, daß du bei mir deine Nachtischzigaretten rauchst.«

»Aber selbstverständlich.« Mit ganz fröhlichem Eifer, als gelte es, einen besonders lieben Gast zu ehren, trug Hendrik Hagen dann in seinem Zimmer Zigaretten und Feuerzeug zusammen. Die Glastür war nun schon für den Winter vorbereitet und an ihrem unteren Teil mit filzgefütterten Decken geschützt, so daß sie als Fenster wirkte. Vor ihr stand ein Rauchtischchen zwischen drei tiefen Klubstühlen.

In einen dieser drückte Hendrik den jungen Andree förmlich hinein.

Der Diener, ein hier noch neuer Mensch von total gleichgültigem und unfehlbar sicherem Wesen, trug den Kaffee auf, überblickte prüfend, ob die Herren auch alles nötige zum Rauchen hätten, sah, daß ein Aschebecher fehlte, holte ihn und verließ das Zimmer.

Und nun waren sie erst wirklich ganz und ungestört allein.

Hendrik sah den jungen Andree fest und gerade an und fand zu seinem Erstaunen, daß ihm ein bedeutungsvoller, freundlich entschlossener Blick begegnete.

Es war gerade, als ob sie beide, wie auf ein Stichwort, mit ihren Gedanken aufeinander zu kamen.

»Sieh mal, lieber Andree,« begann Hendrik sehr einfach und sehr herzlich, »diesmal kommst du ja anders zurück als sonst. Sonst kamst du als Feriengast. Jetzt ist dein Bildungsgang abgeschlossen, du stehst an der Schwelle der Mannheit.«

»Ich mein', ich bin wohl schon ein Mann,« sagte Andree mit Lächeln dazwischen, »ich bin schon über fünfundzwanzig Jahre.«

Das verwirrte den anderen einen Augenblick. Gott ja – richtig – man ermißt nie so ganz, wie weit der Nachwuchs ist .... hält die Jugend immer noch für jugendlicher als sie ist – wie sie die Alternden immer schon für älter hält als sie sind ... Wenn man ihn – Hendrik – in jenen Jahren noch nicht für einen Mann genommen hätte ... er stand da schon in schwerem Berufskampf.

»Ja,« gab er mit entschuldigendem Lachen zu, »wir, die wir voraus sind, machen uns nie klar, wie ihr Jungen uns rasch einholt ...«

»Und ich wollte dir sagen,« fuhr er fort, unfähig, kluge Überleitungen, wohlabgewogene Vorreden zu finden, »ich wollte dir von ganzem Herzen sagen: laß uns versuchen, von vorn anzufangen und Freunde zu sein.«

Andree sprang auf – mit dem Ausdruck starker Überraschung im ganzen Wesen. Sein bräunliches Gesicht färbte sich dunkel, so stieg ihm das tiefe Rot ins Gesicht.

Und auch Hendrik Hagen erhob sich. Zu seiner eigenen Überraschung, trotz aller Ruhe und Klarheit, die in ihm gewesen als er zu sprechen begann, bebte ihm die Stimme, feuchtete sich ihm das Auge.

Zwei kalte, feste Hände umschlossen sehr heftig seine Rechte.

Er sah über ein junges Gesicht eine fast feurige Begeisterung leuchten. Sah aus dunklen Augen Blicke sprühen ...

Die beiden kalten, festen Hände zogen und führten ihn ...

Zu dem Bilde der toten Frau ...

Das leuchtete als sanfter, weißer, großer Farbenfleck zwischen den dunkelbunten Mauern der Bücherrücken heraus.

Vor dem Tisch standen sie, der mit dem Sofa unter dem Bild seinen Platz hatte.

Und Andree sprach in heißer Erregung, halb zum Bild, halb zu dem Mann:

»Weißt du ... ihre Liebe hat doch Wunder getan – noch über ihr Grab hinaus! Denke: ich kam mit solchen Gedanken – wie du sie eben sagtest. Ähnliches hatte ich vor, dir zu sagen. Ich wollte dich bitten: verzeih', daß ich einst mit Händen und Füßen um mich schlug. Ich war einfach ein dummer Junge. Versuch's mit mir, ob du mich verständiger findest. Vielleicht ein bißchen reifer. Nicht mehr mit so kindischem Trotz gegen Tempeltüren hämmernd, nur um die Andächtigen drinnen in ihrer heiligen Stimmung zu stören ... kennst du das Bild? weißt du, wo ich's her hab?«

Er lachte. Hauptsächlich, weil er fühlte, daß die Rührung ihn überwältigen wollte.

»Ja, kommt mir bekannt vor,« sagte Hendrik Hagen fröhlich und zärtlich, »kann eine Metapher von mir sein ... was? Du hast von mir gelesen?«

»Hab ich!« rief der andere immer noch außer allem Gleichgewicht. Und es war nicht so einfach, all das auszusprechen, was im ganzen genommen nur als gärender, unklarer Wunsch in ihm stand. »Jawohl, ich hab dich endlich gelesen! Und als ich den Trotz besiegt hatte, war's mit jedem andern vorbei.«

»Ich hab als Autor mein Publikum vergrößert«, dachte Hagen blitzschnell. Und ein heißer Schmerz durchfuhr ihn.

Dem staunte er nach. War es wirklich erbitternd, daß dem Dichter gelungen war, was der Mensch nicht vermocht hatte? Stand er in seinem Doppelwesen sich oft so selbst im Wege ... Wenn nun sie, die Eine, auch durch sein Werk besiegt und gewonnen ward, durfte er dann als Mann solchem Sieg trauen?

Das flog ihm so durch die Gedanken ... aber es ließ sich nicht festhalten und betrachten – jetzt nicht. Er zwang die Unruhe weder. Er wollte für diesen wichtigen Augenblick ganz Sammlung sein.

Sanft, fast voll Trauer sagte er:

»Du hast dich dem Schriftsteller Hendrik Hagen genähert?«

»Oh, nicht so ist das gemeint. Ihm allein? Das kann man doch gar nicht. Das ist wohl bei dir untrennbar und besonders für mich. Aber ich wollt' es dir doch gesagt haben, damit du weißt, wie es so kam. Es zwang mich die Rücksicht auf den Schein, um Mamas willen. So, mußt du wissen: Männer und Frauen, wenn sie hörten, ich hinge mit dir zusammen, du seiest der zweite Mann meiner Mutter gewesen, sprachen mir von dir, wollten von deinem Wesen, deinem Schaffen hören. Ich sah immer mehr ein: es wirkte häßlich, daß ich deine Bücher nicht kannte. Und ich dachte auch: es ist gewiß noch leichter, Gesprächen über seine Bücher standzuhalten, wie von seinen menschlichen Vorzügen zu reden – ich bin ganz offen – zu offen?« unterbrach er sich und faßte den andern am Arm, sah ihm mit ängstlicher Frage ins Gesicht.

»Nein,« sagte der ältere Mann, »es ist der Augenblick dazu.«

»Und ich glaubte beinah Mamas Bitte zu hören: hab wenigstens den Stolz, deinen Haß zu verbergen, bedenk immer, daß du mit ihm auch zugleich meine Leiden in die Welt posaunst. Und darum fing ich an zu lesen –«

Der fast knabenhafte Freimut, mit dem er alles vorbrachte, gewann ihm das Herz, das er sich ja gewinnen wollte.

Hendrik Hagen legte ihm beide Hände auf die Schultern, sah ihm tief in die Augen und fragte:

»Und dann?«

»Ich bin noch nicht sehr erfahren,« sprach Andree, »aber doch ein Mann ... da versteht man viel, wenigstens ahnend, wenn auch noch nicht erkennend. Aus ein paar profanen und sehr oberflächlichen Erlebnissen geht man doch reifer hervor. Große, echte Liebe hab ich noch nicht erlebt. Aber ich kann mir ihre Gewalt und ihre Rechte denken ... das kann ich.«

Und nun stockte er, wie in plötzlicher Befangenheit. Seine junge Seele schlich sich nur keusch und scheu an dem vorbei, was jetzt vor ihr stand: an dem Liebesleben seiner Mutter.

Er vermied den Blick des Mannes, der der Geliebte seiner Mutter gewesen war. Aber mit eiskalter Hand drückte er die seine.

»In deinen Versen, in deinem Roman ›Simson‹ ist eine solche Leidenschaft – solches Aufbäumen gegen den Zwang der Liebe und ein solches jauchzendes Unterliegen. – Ja, ich hab gefühlt: das war groß, echt ... Ich hab begriffen, wie du meine Mutter liebst ... Ich hab die Einsamkeit und Trauer verstanden, in der du nun schon jahrelang dem Andenken dieser Liebe lebst – ich habe geweint, geweint habe ich über die Leidenschaft und die Treue, die du unserer heiligen Toten weihst – ich habe bereut, in neidvollem Unverstand euer Glück einst gestört zu haben ... ich ... ich wollte dir danken ...«

Er fiel dem Mann in die Arme. Er umklammerte ihn.

Sie standen stumm.

Hendrik Hagen schloß die Augen.

Sein ganzes Wesen war wie gelähmt.

Er fühlte, daß dieses junge, unerfahrene Herz ihm vor allem um – der Treue willen zujauchzte ...

Das Leben lächelte ihn voll spitzbübischer Ironie an ...

Er war waffenlos dagegen – in diesen Minuten noch ...

Ihm blieb nichts zu tun, als die hingebende Umarmung voll Herzlichkeit zu erwidern.

Eines wenigstens empfand er deutlich: daß Klugheit und Würde ihm geboten, sich zu verstecken ... noch ... noch ...

Die starke Gemütsbewegung, in die Andree geraten war, die glückliche Befreiung, die er nach dieser Aussprache empfand, hoben sein Selbstgefühl.

»Ah,« sagte er, nun mit großen Schritten auf und ab gehend, »wie das schön ist! Als Mann zum Mann sprechen! Laß uns morgen zusammen an ihr Grab gehen. Ohne Sentimentalität. Nein, ich bin nicht sentimental. Das mußt du nicht denken. Aber wir standen da so oft förmlich bewaffnet gegeneinander. Das wollen wir auslöschen. Ja, für immer ... Merkwürdig, daß dies alles gerade in dem Moment kommt, da das Testament uns erlaubt, unsere Interessen zu trennen.«

Hendrik Hagen dachte wieder:

»Und doch hat, als Untergrundströmung, auch das vielleicht viel in Bewegung gebracht ...«

Er sah ja alle Zusammenhänge und das Skelett jeder Erscheinung ...

»Ich habe schon gedacht,« fuhr Andree in seinem wichtigen Eifer fort, »daß Mama dies vorausahnte. Sie dachte damals: gehen sie gleich auseinander, trennen sie sich als Feinde; müssen sie noch einige Jahre zusammenbleiben, wird mein Junge inzwischen ein Mann, kommt zur Einsicht und dann bedarf es des äußeren Bandes nicht mehr, um sie zusammenzuhalten. Sie werden Freunde sein, auch wenn sie notwendiger- und natürlicherweise ihre äußeren Interessen trennen.«

Hagen hatte sich inzwischen ein wenig von der Beklemmung befreit, die sich auf ihn gelegt.

Was der junge Mensch da aussprach, hatte er selbst ja auch gedacht ...

»Gewiß, so hat Mama gedacht«, bestätigte er.

Andree warf sich in einen der tiefen Stühle und griff in die Zigarettenschachtel.

»Nicht wahr,« sprach er, »das müssen wir – diese verzwickte Kompagnieschaft des Besitzes aufheben – dabei kommt ja nichts heraus – weder für uns – noch für Rote Heide.«

Hagen setzte sich auch. Immer mehr wich der Druck von ihm ...

Was für andere Anschauungen von Liebe sollte denn so ein enthusiastisches junges Herz auch haben. Das kennt nur »Ewigkeiten« – es weiß noch nicht, daß solche »Ewigkeiten« nichts anderes sind als Unfruchtbarkeiten des Herzens. Eines mit reicher Triebkraft blüht wieder ...

Er würde es lernen müssen ... Vielleicht würde er das Schauspiel anstaunen ... aber er mußte es begreifen, es ehren ... daran reifen ...

»Gewiß: es kommt nichts dabei heraus. Und aus dem Umstand, daß unsere teure Tote diesen Zustand nur für fünf Jahre festlegte, sehen wir ja auch, er sollte nicht dauern«, sagte er mit freiem Ausdruck.

Sie waren beide von vollkommener Unbefangenheit erfüllt. Keiner von ihnen wäre imstande gewesen, von einer Geldfrage einen Streit herzuleiten.

Hendrik Hagen dachte: ich will ihm seinen Anteil an Rote Heide nach der allerhöchsten Taxierung auszahlen oder eintragen lassen, wie er es will.

Andree v. Marschner fühlte förmlich strahlend: nun kann ich zeigen, daß all meine Feindseligkeit nicht den mindesten materiellen Hintergrund hatte, daß ich nur mit Mamas Liebe teilen wollte, daß ich an das Vermögen nie dachte.

»Sieh mal,« sprach Andree und nahm eine sehr erfahrene Miene an, denn er war nun der Mann, der von seinem Beruf sprechen wollte, von dem sein Zuhörer nicht viel verstand, »ich bin ja Landwirt geworden und hab mich durch all die Stadien der Ausbildung geschlagen – praktisch – theoretisch – als Volontär – als bezahlter Inspektor – aus Passion für den Beruf. Damit ich meine eigene Scholle mal selbst bewirtschaften und auf ihr vorwärtskommen kann. Als meine Eltern heirateten, war Vater Offizier. Mamas Vater starb ja dann bald und Mama erbte und kaufte Rote Heide, mein Papa nahm den Abschied. Aber er verstand nichts von Landwirtschaft. Man versuchte es mit einem Inspektor. Es ging nicht besonders. Da entschloß man sich, dies Herrenhaus zu bauen und in das alte Haus den Pächter zu setzen, der seitdem Rote Heide ausbeutet – – ja ausbeutet ... das glaub ich gewiß. Und ich denke: dem Manne setzen wir nun den Stuhl vor die Tür.«

»Will er mein Pächter werden?« dachte Hendrik Hagen, »er sagt doch ›wir‹ – er kann doch nicht wollen ... nicht meinen ...«

»Der Kontrakt läuft Ostern ab, er müßte in diesen Tagen erneuert werden«, sagte er.

»Ich denke nicht daran!« rief Andree mit Entschiedenheit.

Und dies »Ich«, dies klare, entschlossene, jede Stimme des anderen Mannes ausschaltende »Ich« ließ Hendrik Hagen die Farbe wechseln.

Andree sah das nicht. Er fuhr auf seinen fertigen Plänen mit fröhlichem Jugendmut und in unfehlbarer Sicherheit weiter hinein in die Zukunft.

»Ich war,« sprach er, ganz allein nur mit sich, mit sich und noch einmal mit sich beschäftigt, wie es das kraftvolle Recht seiner Jahre und seiner Gegenwart war, »ich war schon geboren, als wir Rote Heide kauften – ich glaub, zehn Wochen bin ich gewesen – na, es ist mir natürlich immer so, als sei ich hier geboren. – Es liegt mir im Gefühl, vielleicht auch bloß im Wunsch, den ich durch Jahre in mir groß gezogen hab: ich möcht' eine Tradition schaffen.

So ein Geschlecht von Marschners, die durch Generationen auf der gleichen Scholle sitzen – der Gedanke spricht mich so an ... Du glaubst nicht wie!«

»Und du hast dir Rote Heide als Schauplatz dieser Tradition gedacht?« fragte Hendrik Hagen sehr mühsam.

»Aber natürlich.«

»Du bist ja – du bist ... du warst doch im ganzen genommen nur selten hier ...«

»Aber gerade die besten Zeiten des Lebens – die wichtigsten – in meiner ersten Kindheit! Und in meinen Ferien! Du bist doch ein Dichter und bist auch mal ein Junge gewesen. Muß ich dir sagen, was Ferien auf dem Lande sind! für einen Jungen!«

»Und die Erinnerungen an all die Kämpfe – an die, die wir durch unsere Aussprache eben erst, erst heute beendet haben – diese Erinnerungen haben dir Rote Heide nicht verleidet?«

»Im Gegenteil. Wenn es mir gelungen war, mir und euch alle Stimmung zu verderben, fand ich in meinen trotzigen Leiden im Park und im Feld und am Strand tausend Wohltäter. Jedes Vogelnest gab mir Trost. Jeder Baum war mein Genosse. Jede Welle verstand meinen Zorn. Und ich denk auch so: man ist nie fertig; wenn ich als Mann mit meinen alten Heftigkeiten zu kämpfen krieg, werden meine einstigen Tröster meine mahnenden Erzieher sein. Meinst du nicht auch ...«

»Andree,« sagte der Mann, »dies ist kein Platz für deine Jugend. Meiner Einsamkeit, deren ich für meine Arbeit oft und lange bedarf, war es der schönste Wohnsitz, für dich ist es nicht.«

In seinem Gemüt wuchs eine große Angst empor.

Er sah: man wollte ihn berauben – ihm war gerade, als griffen schon rohe Hände nach seinem Schreibtisch und würfen ihn hinaus. Und wie ein Geschlagener schlich er nach ...

Dagegen wollte er sich wehren ... mit aller Kraft ... Aber vielleicht gelang es noch, diese Wünsche abzulenken.

Junge Wünsche ... Flackerfeuer vielleicht.

Sehr eifrig, auf alles, aber auch einfach auf alles gerüstet und mit einem Stundenplan fürs Leben in der Tasche, wie um Ostern ein Lehrer ihn für die Schule bereit hat, so erzählte Andree:

»Ich werd' natürlich heiraten – weiß noch nicht wen – ich will bloß so erst ins Blaue hinein ... ich möchte mich schrecklich gern verlieben und verloben ... aber mit so einer gewöhnlichen Verliebtheit und so einer landläufigen Verloberei laß ich mich nicht abspeisen vom Schicksal – wär mir zu dilettantisch – so was Großes, Echtes, Ewiges will ich – so wie deine Liebe und Mamas ... aber vielleicht erleben sowas bloß Dichter«, schloß er mit einem bedauernden und sehr anmutigen Seufzer.

Aber der andere hat jetzt keinen Blick für diese Anmut und keine Gerechtigkeit für die naive Frische, mit welcher der junge Andree an seine Zukunft heranging.

Er fühlte nur eine tätliche Furcht. Er war wie besessen von der starken Einbildung, daß all seine Schaffenskraft an diese Stätte gebunden sei, die für ihn mehr Heiligkeiten hatte, als für jeden anderen Sterblichen die Heimat haben kann ...

»Ich fände es gräßlich,« sprach Andree, der in dem Schweigen, das so schwül und drohend ihm entgegenwuchs, gar nichts andres sah als die Erwartung, mehr zu hören, »ich fänd es nun wirklich gräßlich, wenn wir zwei uns über Zahlen bereden wollten. Dafür haben wir ja Berthold. Ich will zu ihm fahren und ihm sagen: so soll's werden, vollziehen Sie die Formalitäten, aber sorgen Sie dafür, daß ich nicht um zehn Pfennig in Vorteil komme.«

Einen Augenblick dachte Hendrik Hagen:

»Berthold kann ihm meine Wünsche, meinen Willen sagen – ja, meinen Willen – ich bin der Ältere – habe wichtigere Gründe zu wollen ...«

Nein, das war feige. Aber ehe er die Wahrheit sagte, versuchte er noch ...

»Andree,« begann er, »wär's nicht einfacher, ich zahlte dich aus? Ich kann es ganz und gar, denn ich habe genug selbständiges Vermögen. Das deine liegt fast ganz in deinem Anteil an Rote Heide. Du kannst mich gar nicht auszahlen.«

Andree lachte. Er nahm es für ein Anerbieten der Noblesse.

»Ich sollte dir dein Geld abnehmen und dich auf Rote Heide sitzen lassen?! Wo du keinen Schimmer von Landwirtschaft hast! Und wo der Pächter, wenn er mit forcierter Düngung den Boden ein paar Jahr ausgesogen hat, dir eines Tags kommen kann und sagen: ich zahl nur noch die halbe Pacht, Rote Heide ist nicht mehr wert ... Nein, nein, nein. Und um so verrückter wär das, weil ich mir ja gar nichts heißer wünsche als hier der Herr zu sein.«

Hagen legte schwer die Faust auf das Tischchen und erhob sich – als habe er dieser Gebärde bedurft, um sich zu stützen.

»Ist dir nie der Gedanke gekommen, daß ich dieses Haus sehr liebe ...«

Er wußte selbst nicht, wie bleich er war, wie gramvoll sein Ausdruck.

Andree sah es – endlich! Und begriff es sofort, wie er es begreifen konnte.

Er stand vor ihm, zärtlich, ergeben und streichelte ihm den Ärmel. Mit der überlegenen Miene, die jeder Tröster dem Trostbedürftigen gegenüber immer annimmt.

»Oh, daran habe ich immer gedacht!« beschwor er, »ich weiß doch: hier warst du mit Mama glücklich, hier lebst du in deinen Erinnerungen mit ihr fort. Muß ich das noch erst sagen: du bist hier immer wie zu Hause – ich hab mir's schon ausgemalt – die Zimmer oben bleiben dein – dein Zimmer, ihr Zimmer, ,euer Zimmer'.«

Er wollte zart sein. Er war es – sein bewegtes Herz gab es ihm ein – denn das war erfüllt von Andacht vor der großen Liebe dieses Mannes ...

Und doch schlugen seine Worte dem andern ins Gesicht, wie eine Mißhandlung ...

Hendrik Hagen fühlte: er mußte sprechen!

»Schweres kommt auf uns zu,« sagte er, mit dem verzweifelten Wunsch, nicht hart zu sprechen, »wir haben beschlossen, Freunde zu sein. Wir müssen sogleich erproben, ob wir es können. Auch wenn wir sehen, daß ein Konflikt ... Laß dir nur sagen: ich, ich selbst will Rote Heide behalten. Ich will es keinem lassen – auch dir nicht ...«

»Oh...«

Weiter brachte der junge Mann in seinem grenzenlosen Erstaunen nichts hervor. Er dachte aber gleich wieder:

»Es ist wegen Mama – wegen der Erinnerungen ...«

Und das ergriff ihn. Das beängstigte ihn. Er fühlte: langsam muß man ihm klar machen, daß er hier ja unbehindert dem Kultus seiner verlorenen Liebe leben kann, auch wenn ich der Herr bin.

Berthold konnte da vermitteln – reden – vorsichtig und klug, wie er es verstand.

Aber ein wenig beklommen ward ihm doch. So sehr hart war es gesagt worden – so voll heißer Leidenschaft ... Trotz regte sich in Andree – noch ganz dunkel und unklar ...

Trotz mit dem raschen Gedanken: ich habe Anrechte – angeborene – dieser Besitz kommt mir vom Gelde meines Großvaters – hätte meine Mutter nicht wieder geheiratet, könnte ihn mir kein Mensch auf Erden streitig machen –

Er kämpfte das nieder. Ganz redlich. Es waren keine vornehmen Gedanken. Besonders nachdem man sich vorhin so ausgesprochen hatte ...

»Wir werden uns verständigen,« sagte er und sein Versuch, nicht hart zu sprechen, glückte ihm vollkommen.

Er sah und empfand ja auch alles viel einfacher. Schonte Gefühle, die nicht mehr ihr Leben besaßen. Ehrte Tempel, die schon verlassen waren ...

In liebenswürdiger Zutraulichkeit fuhr er fort:

»Weißt du was: ich möcht' am liebsten gleich mal nach Berthold fahren – wenn du es nicht übel nimmst. Bis zum Abendbrot kann ich ja bequem zurück sein. Ich will mal mit ihm reden. Er hat dich und mich, glaub ich, lieb. Und ist so maßvoll. Wie?«

»Ja,« sagte Hendrik Hagen, »fahre nur. Besprich unsere Sache mit ihm. Fahre!«

Es war eine unendliche Erleichterung, befreit zu sein, für eine knappe Zeit wieder befreit zu sein von der Gegenwart dieses jungen Mannes, der mit so fürchterlicher Unbefangenheit Gräber öffnete und Tore verschloß ...

Draußen ward es Abend. Früh und mit grollender Düsterheit. Das zarte bißchen Herbstsonnenschein, das mittags Andrees Heimkehr beschienen, hatte sich längst von der Gegend zurückgezogen. Schwarzgraues Gewölk wälzte sich mühsam unter dem Himmel hin, einander drängend und die Bahn versperrend, so daß es, anstatt jagend in stolzen Höhen dahinzufliegen, sich kämpfend ineinander verkeilte.

Ein scharfer Wind bohrte sich in Stößen durch die Luft und fuhr mit Anprall gegen alles, was ihm entgegen wollte.

Aber das war dem jungen Menschen, der in diesen erzürnten Abend hineinkam, gerade recht so. Ihm däuchte, die Bewegung draußen lenke ihn von der in seinem Innern wohltätig ab.

Solch Toben beruhigte sich – morgen schien vielleicht wieder die Sonne.

Und der rasche, kleine Wagen ward fast stadtwärts vom Wind gejagt, der hinter ihnen her kam, so daß dem Kutscher und dem Herrn die Mantelkragen oftmals über dem Kopf zusammenschlugen.

Je weiter Andree sich von dem so merkwürdig bleich und schweigsam gewordenen Mann entfernte, desto getrösteter dachte er: es wird sich ja alles in Frieden ordnen lassen.

So wie er im kräftigen Gefühl seiner Rechte und Wünsche den Frieden verstand: daß der andere Teil zur Einsicht kommt ...

Hendrik Hagen wanderte unterdes durch die Räume, die wieder sein einsames Reich geworden waren.

Die Erregung, die ihn zerquälte, wollte sich nicht niederkämpfen lassen ...

Ja, die Ironien des Lebens lächelten ihn wieder spitzbübisch an ... Mit ihrem beleidigenden Lächeln – das dumm und hilflos macht, den der sich ihm ausgesetzt sieht ...

Wie sollte sich dies alles lösen? Es konnte sich nicht lösen.

Dieses junge Herz, das sich ihm eben noch voll Enthusiasmus geschenkt hatte, würde sich mit Feindseligkeit gegen ihn bewaffnen, sobald es erkannte: er ließ sich dies sein Heim, die Stätte gesegneten Schaffens nicht rauben – von niemandem, unter keinen Umständen ...

Und verachten würde ihn dies junge Herz, wenn es erfuhr: er sei erfüllt von süßen Träumen an ein neues Glück.

»Seltsam,« dachte der Mann und stand am Fenster und sah hinaus ins Grenzenlose, »seltsam, daß wir auch nicht vom Unverstand verachtet sein wollen ... Seine Verachtung hat keinen Wert – kann keine Dauer haben, weil eines Tags die Erfahrung kommt und sie korrigiert ... einerlei – sie trifft – sie schlägt ... wir lehnen uns doch gegen sie auf ...«

»Gut, daß er mit Berthold spricht. Die Besitzfrage muß rasch geklärt werden. Dann erst ... dann ...«

Er dachte nicht aus, was dann. Seine Grübeleien lösten sich in drängendes Gefühl.

Er mußte »sie« noch sehen – noch diesen Abend – sich aus dem Glück ihres Anblicks jubelnde Zuversicht, Selbstbeherrschung, Großmut holen ...

Nun war es fast dunkel. Desto besser. Es schien ihm ein heimlicher Weg ...

Auf seinem Schreibtisch lagen die Bücher für sie ... seine Gedichte, sein Roman »Simson«.

Er wollte sie ihr bringen ...

Nach wenig Minuten huschte ein weißer Wagen gleich einem flinken Ungeheuer mit Glühaugen in den schwarzen Wald hinein, durch dessen Wipfel der Wind mit seinem scharfen, feuchten Atem blies. So schwer und düster stand der Abendhimmel über ihm, daß es war, als wolle das graue Wolkengedränge herabsinken und sich auf die Spitzen der Baumkronen lagern. In rasender Fahrt, wie auf der Flucht glitt der Wagen vorwärts, die geschwungenen Bogenlinien der Straße entlangsausen. Wer spät und sacht noch diese selbe Straße einherwandelte, sprang entsetzt beiseite mit dem Gefühl, als habe eine schreckliche Faust ihn schon fast am Kragen gehabt ...

Wer gemächlich und harmlos mit nickendem Pferd und baumelnder Laterne an der Deichsel noch seinen Ackerwagen heimlenkte, hielt entsetzt an und starrte dem als undeutliche Form vorbeisausenden Gefährt nach.

Zwei vermummte, gebückte Gestalten hockten darin.

Und sie kamen vor ein Haus, in dem irgendwo hinter geschlossenen weißen Gardinen ein schwaches Licht glomm, sonst aber alles in untraulicher, ablehnender Finsternis lag.

Hunde, die auf dem nahen Wirtschaftshof angekettet sein mochten, schimpften mit blaffendem Gebell und erzürntem Heulen auf die Ankömmlinge. Die Windstöße pfiffen durch die Luft. Lange stand Hendrik Hagen und klingelte und hoffte, daß die Tür sich öffnen würde.

Sie tat es auch. Nur ein paar Hände breit, gerade so weit wie die Sicherheitskette erlaubte, die sich rasselnd drinnen anzog, als der Türflügel sich bewegte.

»Das gnädige Fräulein? Nee. Die is in die Stadt. So weit als ich weiß auf'n Damentee bei die Amtsrichterin«, sagte Lübbers mit leidlicher Freundlichkeit. Denn er wußte es schon von Mamsell und aus einigen Andeutungen seiner Herrin: daß der Gutsnachbar jetzt so oft kam, konnte was zu bedeuten haben.

»Also dann dies Paket sorgsam aufheben und abgeben«, empfahl Hendrik Hagen.

Das Herz schwer von Enttäuschung, stieg er wieder ein.

Er hatte es so nötig gehabt, sie zu sehen, nur zu sehen ...

Es war eine von jenen Notwendigkeiten, wie sie vielleicht so verzweifelt, so töricht, so tief begründet, so närrisch und so weise nur ein Schaffender empfinden kann – der sich einredet, daß beim Anblick der Geliebten alle Quellen der Kraft frisch aufsprängen, daß im Sonnenschein ihrer Augen allein das Werk reifen kann, das in der Seele keimt.

Zugleich aber bedeutete diese schwere Enttäuschung doch auch ein köstliches Jugendglück ... Sein Herz empfand sie genau so mit süßer Trauer, wie dereinst in jungen Tagen junge Liebesleiden ...

Wie reich das war. Mit all ihren tausend Qualen kam die Jugend zurück ... Sein Leben blühte wieder – in Not und Wonne wie einst. Nein, reicher, viel reicher – denn er war erfahrener. Größere Feinheiten besaß sein Herz und reichere Schätze barg es in seinen Tiefen.

Er konnte der Geliebten königliche Gaben darbringen: das Feuer der Jugend zusammen mit dem Wissen des Gereiften ...

Das Glück dieser Empfindungen durchleuchtete plötzlich sein ganzes Wesen so, daß alle Sorgen der letzten Stunden sich vor so viel hellem Licht verkrochen.

In sausender Eile fuhr er durch die lärmende Nacht zurück – eine Art köstlicher Befriedigung empfindend durch die bloße, brutale Schnelligkeit, mit der ihn das gleitende Gefährt vorwärts trug ...

Um dieselbe Stunde trabte der Fuchs vor dem kleinen Jagdwagen mit der Vergnüglichkeit des zum Stall heimkehrenden Pferdes die Chaussee von Wachow nach Rote Heide entlang.

Der alte Busekist, der auf dem erhöhten Kutschersitz saß, war beleidigt und drückte dies durch eine mucksche Haltung aus, ließ es auch dem Fuchs fühlen, indem er ihn ganz unnötig oft mit dem Peitschenschmiß etwas ankitzelte, wovon aber der Fuchs nicht die mindeste Notiz nahm, da er sich im schlanken Trabtempo schon sowieso befand.

»He is dja woll hochmödig worrn,« dachte der alte Busekist, der es gewohnt war, daß Andree ihm eine Zigarre schenkte und ihn ein bißchen über den Pächter ausholte. Aber an die Zigarre dachte der junge Herr heut abend nicht und nach dem Pächter fragte er auch nicht. Und da war doch genug zu sprechen über den Kerl! Bloß allein dies mochte Busekist woll wissen, wie es denn nun mit den Pferden würde! Seit der »alle Stinkwagen« angeschafft war, hatte Herr Hagen die ihm zustehenden Pferde nie beansprucht, außer heut zur Bahn. Sollte der Pächter so mir nichts dir nichts den Profit einstecken? Wo er doch schon davon sprach, nun ein Gespann abzuschaffen? Busekist gönnte ihm nicht die Butter aufs Brot. Und sollte bei so'ner himmelschreienden Sache still das Maul halten und zusehen?! Als er mit dem jungen Herrn vom Hof fuhr, hatte er schon ganz befriedigt in sich reingelächelt, so'n gewisses quos ego-Lächeln. Und genoß es vorweg, daß nach dieser Fahrt morgen eine Unterredung zwischen dem jungen Herrn und dem Pächter folgen werde, bei welcher der Kerl wütend denken sollte: das hat mir Busekist angerührt! »Dja woll, mien goode Mann, hev ick, hev ick!« sagte Busekist schon, denn er hatte Phantasie.

Aber sie konnte nur wieder begossen nach Hause schleichen. Als schadenfroher Triumphator aufzutreten in der Arena des Wirtschaftshofes, dazu würde Busekist morgen keine Gelegenheit bekommen.

Der junge Herr war offenbar nicht zu sprechen. Da saß er auf dem niedrigen Sitz neben Busekist, hatte die Ellbogen auf den auseinandergespreizten Knien, faltete die Hände vor sich hin und saß ein bißchen gebückt, so, als wollte er sich mit der Mütze, die er auf dem Kopf trug, dem Wind entgegenstemmen. Denn der schlug ihnen mit gewaltiger Kraft ins Gesicht. So schweigsam waren sie nach Wachow hineingefahren. So fuhren sie nun auch wieder zurück.

Vorhin in Wachow hatte Busekist vorm Hause des Rechtsanwalts Berthold halten müssen. Da stieg der junge Herr ab und befahl mit einer ganz neumodschen Kürze, die Busekist noch besonders übel nahm: Warten!

Was dann der Fuchs mit stumpfsinniger Geduld und Busekist mit breiter Würde aushielt. Denn er fühlte sich als Persönlichkeit, wenn er oben auf dem Bock eines Rote Heider Wagens saß, und nahm die Grüße von vorübergehenden Arbeitern und Kleinbürgern gnädig entgegen.

Nach einer halben Stunde war der junge Herr wiedergekommen. Mit ihm zugleich erschien Berthold in der Haustür und hinter beiden Bertholds Kompagnon, der Notar Zufuß. Die Gaslaterne, die neben dem Türpfosten aus der Hausmauer vorsprang, beleuchtete die drei ganz komisch. Denn sie tat, als ob sie den Veitstanz hätte, duckte sich, fuhr jäh wieder auf und gab eine sehr wechselnde Beleuchtung her.

Busekist hörte natürlich mit spitzen Ohren zu.

Er verstand denn auch, daß Doktor Berthold sagte:

»Es tut mir leid, daß ich jetzt keine Zeit mehr hatte. Sie hörten, wie dringlich mich die Konsistorialrätin rufen ließ. Ich hoffe, wir sprechen in den nächsten Tagen weiter. Die Fragen sind zu ernst, sie dürfen nicht so rasch entschieden werden.«

»Also auf Wiedersehn«, hatte dann der junge Herr geantwortet. So flau, so gedrückt klang es aber. Und saß dann noch in sich versunkener als vorher schon.

Busekist hörte auch manchmal einen Seufzer. Dies alles war für seine ausnehmende Neugier eine große Plage. Allmählich war er wie geladen vor Ungeduld.

Da kam endlich etwas, das befreiend wirkte.

Gerade wollte er von der Chaussee ab und in den Rote Heider Waldweg hineinlenken und freute sich schon, daß man dann ein bißchen Schutz vor dem scharfen Winde haben werde, als er voraus was Ungewöhnliches sah.

Durch die Transparenz der Nacht erkannte man ein paar schwarze, dichte, seltsam geformte Dinge. Das sah aus, als hocke da mitten auf der Chaussee ein ungeheurer Klumpen. Und neben ihm balgten sich zwei Männer. Auch glühte da eine Laterne, die aber unmöglich zu einem vernünftigen Wagen gehören konnte, denn sie saß an einer unbegreiflichen Stelle. Dann guckte da noch eine Laterne wie ein gelbes Auge durch die Nacht. Dicht an einem Baumstamm strahlte sie und man sah, daß sie zu einem Rad gehörte, das an den Stamm gelehnt stand. Natürlich machte sich der Wind seinen Spaß mit den Laternen, besonders mit der, die an einem so sonderbaren und unerklärlichen Platz saß. Er wollte sie durchaus totblasen. Aber sie glänzten immer wieder auf.

Was waren denn das für Geschichten?

»Na nu!« rief Busekist und hielt an.

Sein kräftiges »Na nu!« weckte Andree auf.

Und der sah gleich, daß die beiden schwarzen Silhouetten, die fast Kopf gegen Kopf, Schulter gegen Schulter sich widereinander zu stemmen schienen, neben dem enormen schwarzen Klumpen, daß die sich nicht balgten, sondern vereint bemühten, einen gestürzten Wagen aufzurichten.

Sofort stieg Andree von seinem Sitz herunter.

Mit Ach und Krach kletterte Busekist ihm nach, von unbezwinglicher Neugier getrieben und durchdrungen von dem Gefühl, daß er es sich schuldig war, dabei zu sein, wenn vor seiner Nase so was passierte. Er warf dem Fuchs die Zügel über die Kruppe. Und dann ging er hinter Andree her auf die abenteuerliche Gruppe zu. Ja, da lag ein Wagen, wie ein Betrunkener ganz schwer und träge, auf die rechte Seite gekippt. Und seine Laterne auf der linken Seite am Kutscherbock war wie das riesige Auge eines Fisches, der hilflos auf dem Trockenen liegt. Die Pferde standen aneinandergedrängt, still, wie schuldbewußt, als hätten sie das Malheur auf dem Gewissen.

Und nun bewegte sich neben ihnen noch eine Gestalt, deren Mantel wehte.

»'n Frunksminsch!« dachte Busekist mißfällig, denn eine dumpfe Ahnung von zu leistenden Ritterdiensten stieg in seinem Gemüt auf und zu Haus schnitt seine Alte gewiß schon die Zwiebeln über die Bratkartoffel ...

Andree trat erst einmal an die Männer heran. Der eine war der Iserndorfer Kutscher Pölchau, den Andree sogleich an dem schokoladenbraunen Kragenmantel erkannte, noch ehe er das harte Gesicht gesehen, das unter dem Munde mit einem so merkwürdigen rotgelben Bartfetzen abschloß. Der andere stellte sich nachher als der Tischler Fahrenkrug heraus, der auf seinem Rade von einer Arbeitsgelegenheit aus einem Nachbardorf heimkehrend, gerade vorbeigekommen war.

Das rechte Hinterrad des Wagens war gebrochen.

Die beiden Männer schimpften außerordentlich zwanglos und machten mit mecklenburgischem Nachdruck von dem Reichtum an kräftigen plattdeutschen Worten Gebrauch.

»Ach, das nützt ja nichts«, sagte Andree. »Wir werden Ihnen von Rote Heide den Stellmacher mit einem Rad schicken. Wenn Sie den Wagen auch hochbringen ... Sie können ja doch nicht mit ihm weiter. Gut, daß wenigstens niemand drin saß.«

Dem er hatte die weibliche Gestalt hinter den Pferden noch gar nicht bemerkt.

»Dat Fräulein wär da dje inn«, sagte Pölchau.

»Was für'n Fräulein?« fragte Andree erstaunt.

»Ich!« rief da eine helle und sehr vergnügte Stimme.

Denn Britas Ärger und Langeweile über den Zwischenfall wandelte sich sofort in eine angeregte Stimmung, als sie sah: Da kam ein Mensch, ein Kavalier, der ihr helfen würde. Nun wurde es gleich beinahe ein Abenteuer.

»Ich? Wieso – ich? Wer – was?« rief Andree zurück.

Um die scheu zusammengedrängten Pferde herum gingen sie aufeinander zu und trafen sich mitten auf dem Fahrweg, in Front der Deichsel.

»Darf ich mich vorstellen: Andree v. Marschner,« sagte er und nahm die weiche Mütze ab, die keineswegs auf Höflichkeiten eingerichtet war, sondern mit beiden Händen wieder auf ihren Platz zurückgebracht werden mußte. Und während Andree das tat, schlug ihm der Wind wieder den Mantelkragen um die Ohren, so daß er sich förmlich erst herauswinden mußte.

»Ah –« hatte Brita gesagt. Sehr betroffen und sehr interessiert.

Denn sie wußte ja natürlich wer das war.

Ihre Großmutter hatte ihr oft Hendrik Hagens Lebensumstände dargelegt und zwar so: von der ersten Frau war da ein Sohn, ein fataler, eigensinniger, junger Bengel, mit dem Hagen so gut wie gar keinen Verkehr unterhielt und mit dem er bei seiner Wiederheirat ganz brechen würde, so daß eine junge Frau nicht in die Lage kam, sich als Stiefmutter eines erwachsenen Sohnes zu fühlen; finanziell habe dieser junge Mensch auch nichts von Hagen zu beanspruchen, da er durch sein Muttererbe ein bißchen Vermögen besitze, welches natürlich nicht von fern an den Reichtum Hendrik Hagens heranreiche und vor allen Dingen nicht flüssig sei.

Brita hatte sich einen Primanertyp vorgestellt: anspruchsvoll, selbstbewußt, ein Knabengesicht mit Bartanflug und schlechtem Teint. So hatte sie in Wachow in den Michaelisferien ein paar Jünglinge gesehen, die zum Besuch in ihren Familien waren, und meinte nun: so sähen sie immer aus.

Bei der Dunkelheit, durch die das kraftlose, flackernde bißchen Laternenlicht nur unsicher drang, konnte Brita nichts Genaues erkennen. Aber sie hörte eine frische, wohllautende Männerstimme, unterschied flotte Bewegungen, fühlte eine große Freiheit des Auftretens heraus.

»Und mit wem habe ich denn das Vergnügen?« fragte er.

»Ich bin Brita Benrath, die Enkelin der alten Frau v. Benrath-Iserndorf«, sagte sie.

Er seinerseits hatte von ihrem Dasein keine Ahnung gehabt. Gar keine. Aber er dachte sofort: »Wie nett ... dann haben wir ja endlich 'n bißchen Jugend in der Nachbarschaft.«

»Haben Sie sich was getan beim Umkippen?« fragte er zutraulich.

»Nein. Es ging sehr sanft. Es war so ungefähr, als wenn ich in einem großen Korbe säße und vorsichtig aus ihm herausgeschüttet werden sollte.« Sie lachte.

»Die kann ja reizend lachen!« dachte er.

»Hören Sie mal, gnädiges Fräulein,« sagte er verständig, »die Geschichte ist hier so: Ihr alter Pölchau muß bei dem Wagen als Wache bleiben, mein alter Busekist pilgert nach Rote Heide...

»O Gott, mien Bratkantüffeln!« dachte Busekist dazwischen, »wenn mie nich so wat schwant hett! Und bringt mit dem Stellmacher von dort ein provisorisches Rad her, damit Ihr ehrwürdiger Landauer auf seinen eigenen Achsen nach Iserndorf zurückgebracht werden kann. Das kann seine anderthalb Stunden dauern. Sie werden hier nicht so lange herumstehen wollen. Bei dem Sturm. Es wird ja fühlbar schlimmer. Hören Sie mal, wie es in dem Wald kracht und braust ... Unheimlich, nicht? Und Ihre Großmutter wird ja auch ängstlich werden, wenn Sie so lange ausbleiben. Ich schlage also einfach vor: Sie gestatten mir, daß ich Sie heimkutschiere. Mein Jagdwagen sieht so klein und leicht aus, daß Sie vielleicht Angst haben, der Sturm pustet Sie da noch runter. Aber Sie brauchen keine Sorge zu haben. Ich übernehme die Garantie für heile Ankunft in Iserndorf.«

Dagegen war nichts zu sagen. Brita dachte auch nicht daran, den Vorschlag abzulehnen. Es war ihr ja unaussprechlich interessant, auf diese Weise Hendrik Hagens Sohn kennenzulernen.

Sie war nur ärgerlich auf die Dunkelheit. So jemand mag man sich doch gern sehr genau angucken! Sie war nicht wenig neugierig darauf, wie er aussähe. Denn das fühlte sie schon: Großmamas Porträtentwurf mußte unähnlich sein.

Und wer wußte, wie wichtig das mal sein konnte, daß sie sich von vornherein mit Hendrik Hagens Stiefsohn gut stand ... Wenn Großmama schließlich doch recht haben sollte mit ihren gewissen Andeutungen von Hagens Absichten ...

»Ich akzeptiere mit Dank«, sagte sie.

Andree sprach noch ein paar Worte mit den beiden Kutschern, davon natürlich Pölchau der Gelassenere war, während Busekist sich mürrisch als das Opferlamm des Vorfalls fühlte. Und als Andree dann der jungen Dame nachging, die schon wartend neben dem Rote Heider Jagdwagen stand, dachte er:

»Schade, daß es so dunkel ist. Ich möchte wohl sehen, was sie für ein Gesicht hat. Die Gestalt scheint ja wundervoll...«

Die ganz einfache, witternde Neugier des jungen Mannes auf ein junges Mädchen erfüllte ihn ...

Brita stand neben dem Wagen, gerade bei der Laterne, die von der Seite des Bocks her eine sich auseinanderbreitende Garbe von Lichtstrahlen aus ihrem Glas entließ.

Und da dies eine solide Laterne war, neu und vernünftig, trotzte sie allen Zuglüftchen und gab ein stetiges Licht her.

In ihm standen die beiden jungen Menschen dann einander gegenüber. Sie zögerten unnötigerweise ein paar Sekunden, ehe sie aufstiegen und verbargen die Verzögerung durch ein paar kurze Worte, die sie noch über die brausende Unruhe in der Luft wechselten.

Sie wollten ihre Neugier wenigstens etwas befriedigen und sich betrachten.

Das Gesicht des jungen Mannes begann zu strahlen.

Und Brita dachte glücklich:

»Dies ist ja ein bezauberndes Abenteuer. Endlich erlebt man mal was.«

»Bitte ...« sagte er und half ihr aufsteigen.

Ihr Fuß mußte ein bißchen herumtasten, um den kleinen Tritt zu finden. Sie trat einmal fehl.

Und darüber brachen sie beide in ein jubelndes Gelächter aus.

Lachend fuhren sie zusammen in den Sturm hinein.

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