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Um ein Weib

Ida Boy-Ed: Um ein Weib - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleUm ein Weib
publisherPaul Franke Verlag
printrun55.-64. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071031
projectid5203551a
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III.

Nun war das Telegramm da. »Erbitte Freitag mittag zwölf vierundzwanzig Wagen Station Wachow. Beste Grüße. Andree.« Hendrik Hagen las es und steckte es in die innere Brusttasche seines Rockes.

»Gut,« dachte er immer nur, »gut – endlich ...«

Ihm war unerklärlicherweise, als habe er seit langer Zeit auf diese Heimkehr des Stiefsohns voll Sehnsucht gewartet, als finge mit ihr unter allen Umständen ein neues, reiches Leben an.

Das Verlangen, dem jungen Menschen die Arme entgegenzuöffnen, war in den letzten Tagen, seit er gewagt hatte, es vor den Freunden auszusprechen, geradezu übermächtig geworden.

Er war so sehr mit dieser Vorstellung beschäftigt und hatte sich mit seinem starken Temperament so sehr in sie hineingelebt, daß ihm, trotz all seiner Reife, gar nicht der Gedanke kam, das Verlangen nach Friede und guter, liebevoller Verträglichkeit könne in Andrees Herzen keinen Widerhall finden.

Die Kraft seines Wunsches mußte sich auf den jungen Menschen übertragen, wie von selbst auf ihn hinüberwirken.

Sie mußten sich verstehen! Gerade alles, was sie getrennt hatte, ward im gleichen Augenblick, wo es richtig erkannt und bewertet wurde, das Vereinigende.

Sie hatten zu sehr geliebt. Sie waren zu sehr geliebt worden.

Dies hatte sich nun alles verklärt. Und die heilige Tote selbst, mit dem wunderbar prophetischen Blick, den die Nähe des Endes gibt, mit der vorauseilenden Weisheit eines schon allen Eigenwünschen abgewandten Herzens, sie wußte, daß eine so reine Stunde kommen werde.

Ihren letzten Willen, der fast krankhaft geschienen, überweich und doch voll Liebestyrannei – nun begriff man ihn.

Ohne dieses Testament, welches den Besitz unverkäuflich noch für sechs Jahre lang beiden, dem Gatten und dem Sohn, gemeinsam vermachte, hätten sie sich in Kälte, in kaum verborgenem Haß gleich und für immer getrennt damals ...

Welche Furchtbarkeit wäre solche Trennung gewesen.

Erst jetzt begriff Hendrik Hagen es völlig.

Denn einen Platz auf dieser Erde gab es ja doch und gab es, solange sie beide lebten, wo sie einander immer wieder begegnen mußten ...

An das Grab der teuren Toten hatten sie das gleiche, das unveräußerliche Anrecht ... Dort konnten sich der Mann und der Jüngling nicht ausweichen, ohne die feierlichsten Gedenktage zu entweihen ...

Ja, sie hatte das tiefe Wissen der großen Liebe gehabt.

Ihre Augen sahen in die Zukunft. Sie sahen, daß, in der ersten Zeit der Gram um ihren Hingang den beiden, die sie geliebt hatten, eine schickliche Haltung aufzwang. Daß dann eine zweite Periode kommen werde, wo der Mann und auch schon der Jüngling aus Selbstachtung teils und teils in scheuer Erinnerung an ihre Wünsche sich voreinander und vor der Welt leidlich beherrschen und ihren Haß verstecken würden. Und endlich verlor das, was man so lange bezwungen und so lange versteckt gehabt, etwas von seiner erschreckend gewaltigen Körperlichkeit.

Haß war auch wie ein Lebewesen, das zuletzt den Atem verliert, wenn man es immer wieder niederduckt.

Die Eifersucht, die nicht mehr genährt wurde, siechte hin. Sie erschien endlich als etwas Krankes, weil sie noch ein Grab umschlich.

Sie starb – wie die, um deretwillen sie ihr finsterloderndes Leben einst erhalten ...

Ja, so hatte sich alles entwickelt. Ganz der Art menschlicher Herzen gemäß ...

Nadine mit der heiligen, erschütternden Klugheit der Scheidenden hatte es vorausgewußt ... Wie Menschen, deren Blut still ist, klarer die Stimme der Seele hören ...

Sie, weil sie lebten, hatten zu lange nur auf das Brausen und Rasen ihres raschen Blutes gelauscht ... Das macht taub für die letzten und feinsten Töne in uns ...

Der Mann riß sich endlich mit Gewalt aus allen diesen Gedanken.

Es trieb ihn, sich gewissermaßen selbst zu prüfen. Er ging in jenen Raum, welcher einst den zärtlichen Namen »unser Zimmer« gehabt hatte.

Es lag, ebenso wie das Schlafzimmer Nadinens, gerade oberhalb seines Arbeitszimmers, und die Fenster gaben den Blick über den schmalen Küstenstreifen und das weite Meer frei.

Die völlige Stille über seinem Haupt hatte Hendrik Hagen in dem ersten Jahr nach ihrem Tod oft plötzlich gestört – schärfer, schmerzlicher als ein brutaler Lärm. Er empfand sie als Grausamkeit, als Kälte, als Lähmung, als etwas drohendes. Es war, als schlage ihm eine unsichtbare Hand die Feder aus den Fingern, die dann in Kraftlosigkeit ruhten.

Und er hätte sein halbes Leben darum gegeben damals, wenn da oben noch einmal der leichte Schritt hingewandelt wäre ...

Das war lange vorbei ...

Nun war die feierliche Stille ihm zur Gewohnheit, zum Bedürfnis geworden.

»Unser Zimmer« und Nadinens Schlafraum waren geblieben »wie sie waren«. So hieß es immer. Ein Sprachgebrauch – ein paar Worte – weiter war das nichts.

Möbel standen, wie sie damals gestanden hatten, es hingen und lagen die gleichen Vorhänge und Teppiche an Fenstern, Türen, auf dem Estrich. Die Nippes hatten ihren Platz behalten und die Bilder nahmen die gleiche Stelle an der Wand ein, wie damals.

Aber es war doch alles anders, ganz anders.

Der Duft war tot. Die Stimmung war gestorben. Die Poesie war entflohen. Es war wie ein Rahmen ohne Bild.

Hendrik Hagen fand hier nie die Nähe seines Weibes, und anstatt daß die Erinnerungen sich durchwärmt hätten in diesen Räumen, wurden sie nur beleidigt. Alles was in ihm lebte, war stärker und deutlicher, wie Möbel und Stoff und Sachen, von stummen, kalten Wänden umspannt.

Er kam hierher, gerade heute, um einer anderen Ursache willen ...

In den allerersten Tagen nach dem Tode der Frau hatte er in ihrem Schreibtisch das Bild ihres ersten Gatten gefunden.

Damals traf ihn das so, daß Zorn und Schmerz in ihm jäh emporsiedeten ... an das Grab der Toten hätte er stürzen mögen ... ihr zuschreien:

»Komm' heraus – sag' mir's – hast du heimlich in Liebe und Sehnsucht noch sein Bild geküßt – weil du es so sorgsam versteckt – so heilig bewahrt hast? ...«

Heute, seit ganz kurzer Zeit, wußte er: es war so natürlich, daß sie es aufbewahrt hatte.

Dies war doch der Vater ihres einzigen Kindes gewesen. Wie konnte sie ihn, trotz der neuen Liebe, jemals vergessen.

Oh, er wußte jetzt: man kann mit warmen, treuen Gedanken an ein Grab wallfahren und dennoch in heißem Begehren an neues Glück denken ...

Und er selbst, mit seiner sinnlosen Eifersucht, hatte sie ja geradezu gezwungen, das Bild des ersten Gatten zu verstecken, weil er es nicht dulden wollte ... an keinem, nicht an dem bescheidensten Platz in diesem Hause ... Und seit kurzer Zeit betrachtete Hendrik Hagen ab und an dies Bild.

Vielleicht sah er sich so in die Züge des Sohnes dieses Mannes hinein ...

Wie sie sich glichen. Ja, es war, wie der kluge Berthold einmal gesagt hatte: eine Wiederholung der Erscheinung.

Auch eine Wiederholung des Wesens? Hendrik Hagen wußte es nicht. Es war ihm schon in den Tagen der ersten, noch unsicheren, nervös erregenden, aufflammend glückseligen, scheu zweifelnden Annäherung an Nadine unerträglich gewesen, wenn sie ihres verstorbenen Gatten erwähnte.

Er hatte sich eingeredet, mit seinem Vorgänger am leichtesten fertig zu werden, wenn er niemals Genaues über seine Wesenseigenschaften erfahre.

Er sollte ein Schatten in der Vergangenheit in unbestimmten Linien, kaum noch erkennbar, sein. Mehr nicht.

Mit jedem Gespräch über ihn schien er wieder Lebenskraft zu gewinnen, aus der Vergangenheit hereinzukommen in die Gegenwart und sich mit an ihren Tisch zu setzen.

Er kannte ihn nicht ... Wie wohl hatte ihm das oft getan.

Wie herrisch hatte er über den Toten triumphiert, den er auf geheimnisvoll gespenstische Art zu kränken dachte, weil er sich weigerte ihn kennenzulernen ...

Und nun auf einmal, nun begriff er nicht, wie eine solche Torheit – ja kindisch, ja wahnsinnig war sie gewesen – ihn hatte beherrschen können!

Belebte er nicht mit seiner Eifersucht förmlich den Toten wieder, nur um den Genuß zu haben, ihm ins Gesicht zu sagen: ich will dich nicht kennen.

Er bereute es leidenschaftlich, nichts, oder nichts wahrhaft Aufschlußgebendes von diesem Manne zu wissen.

Denn wenn in Zügen und Ausdruck der Sohn dem Vater so glich, tat er's auch vielleicht im Charakter. Und die Kenntnis von dem des Vaters hätte Schlüsse zugelassen auf den des Sohnes ...

Auch von dem jungen Andree wußte der Mann so wenig – erschreckend wenig ...

Nichts so ganz gewiß, wie die Fähigkeit zu heißer Eifersucht ...

»Kraft welcher er hätte mein Sohn sein können«, dachte Hendrik Hagen mit einem wehmütigen Lächeln.

Er sah das Bild, das er aus dem Schreibtisch genommen, lange an. Es war eine Kabinettphotographie, etwas bräunlich geworden, etwas sonderbar und unelegant, wie alle alten Photographien. Kleidermode und Barttracht gaben so scharf, aufklingende Noten her.

Man versteht so selten alte Bilder. Sie sagen nur so mühsam etwas aus über die Wirkung der dargestellten Persönlichkeit.

Ein Scheitel an anderer Stelle, ein Rockkragen von anderer Breite, ein Ärmel von größerer Enge, ein Schoß von abstehenden Falten – das schiebt sich vor das Bild, das eigentliche Bild des Menschen?

So hatte Hendrik Hagen gedacht, als ihm vor einiger Zeit das seltsame Verlangen kam, mit dieser Photographie Auge in Auge über die Vergangenheit nachzudenken.

Und allmählich hatte er gelernt, nur den dargestellten Menschen zu sehen, nicht mehr seine Garderobe, die wie eine Verkleidung wirkte. Etwa wie bei Schauspielern auf der Bühne, die im historischen Kostüm weniger fremd und drollig erscheinen, als in Röcken von einem Schnitt, der vor fünfundzwanzig Jahren Mode war.

Der hier abgebildete Mensch war für ihn allmählich der junge Andree selbst geworden. Von diesem befand sich weiter kein Porträt im Hause, als das kleine Ölbild über dem Schreibtisch der Mutter. Da stand ein Fünfzehnjähriger neben einem schönen Hund in einer Gartenlandschaft, und das kostbare Tier war dem Maler besser geglückt wie der aufgeschossene Junge im blauen Matrosenanzug.

Er war gewiß kein schöner Mann, der junge Andree. Gut gewachsen freilich, wenn auch nur wenig über mittelgroß. Es war Frische und Gefälligkeit in seinem Gang und in allen seinen Bewegungen, eine Art angeborene, vornehme Jugendgrazie, daran Hagen selbst zuweilen eine kleine Freude gehabt hatte.

Seine Züge waren vielleicht ein wenig ... »Kosakisch ist viel zu viel gesagt«, dachte Hendrik Hagen. Aber doch: sie waren fast ein wenig derbe und keineswegs regelmäßig. Der bräunliche Hautton, das dunkle Haar und die raschen, klugen Augen verschönten das Gesicht. Ein Unbefangener würde vielleicht geurteilt haben: Der junge Marschner macht den Eindruck eines intelligenten, temperamentvollen Menschen ...

Alles in allem: ein junger Mann von Durchschnittserscheinung und Durchschnittsqualitäten. So wie es deren tausend und abertausend gibt.

Es kam ihm geradezu phantastisch vor, daß er, Hendrik Hagen, auf diesen, möglicherweise recht liebenswürdigen, guterzogenen Jüngling eifersüchtig gewesen war.

Er, mit dem weithinhallenden Namen, den man kannte, wo gebildete Menschen deutsche Bücher lasen! Er, der zum lächerlichen Poseur voll geheuchelter Bescheidenheit werden würde, wenn er sich nicht frei eingestand, daß er durch erlesene Fähigkeit hoch über die Menge hinausgehoben war! Er, nach dem sich die Frauen zu oft und mit zu verlangenden Blicken umgesehen hatten, als daß es ihm hätte verborgen bleiben können, wie begehrenswert er ihnen war.

Aber freilich – es hatte sich zwischen ihm und Andree auch nicht um jene elementare Eifersucht vom Manne auf den Mann gehandelt.

Nicht um solche Eifersucht, in der sich Männer gegeneinander aufbäumen wie wütende Raubtiere, die sich um des Weibes willen zerfleischen ...

Die Eifersucht, die furchtbare, die jauchzend morden kann, die war es nicht gewesen und die konnte es auch nie zwischen ihnen geben.

Dazu waren ihre Waffen doch zu ungleich ...

Welch' sonderbare, fast künstlich gezüchtete Eifersucht damals, die zwischen ihnen ... Nun sah Hendrik Hagen genau, wie sie beschaffen gewesen, erkannte ihre Art, die kranke und schattenhafte. Er hatte in dem Knaben und Jüngling immer nur das Abbild eines Toten gehaßt. Er vermochte den jungen Andree nicht anzusehen, ohne peinlich zu fühlen: ein anderer Mann hatte den Frühling in seines Weibes Seele beherrscht, ihm wurde vielleicht nur das Nachglühen eines Herzens zu teil, dessen hellste Flammenkraft schon verlodert war.

Nun wußte er: Das hatte er sich alles selbst geschaffen – es war wie eine finstere Dichtung gewesen. Vorbei – vorbei – –

Ein starkes Herz verbrennt nicht seine Kraft in Frühlingsfeuern – es reift nur darin, wird nur darin zum köstlicheren Gefäß geschmiedet, das Gefühle zu umfassen vermag, deren ein unerfahrenes Herz nie fähig wäre ...

Seine Sehnsucht nach dem jungen Andree wuchs und wuchs.

Ein köstliches Gefühl von geradezu fürstlichem Wohlwollen hob seine Stimmung bis zur Freudigkeit.

Ja, er wollte ihm sein wie ein treuer älterer Bruder, wie der reifere Freund.

Der Knabe Andree hatte sich einst gesträubt, den Gatten der Mutter »Papa« zu nennen – er hatte keinen anderen Vater gewollt. Und nicht, daß seine Mutter durch den zweiten Mann einen anderen Namen erhielt als der war, den er, ihr einziger Sohn, trug.

Lange begnügte Nadine sich damit, daß Andree ihren Gatten »Onkel Hendrik« nannte. Dann kam eine Zeit, wo Andree die Geschmacklosigkeit, die Torheit dieser Anrede wohl einsah. Er fand den mühsamen Ausweg, jede Anrede zu vermeiden. Da er nur in seinen Ferien nach Hause kam und brieflich nur mit seiner Mutter verkehrte, hatte es sich durchführen lassen.

Auch nach ihrem Tode vermied er in allen Briefen die direkte Apostrophierung »Lieber Papa«.

Dies war einer von den vielen Punkten gewesen, die man in kalter Höflichkeit zwischen sich beschwieg und begrub.

Plötzlich schien es Hendrik, als habe der Knabe und Jüngling das richtigere Empfinden gehabt; unklar aber stark hatte der sich von einer Geschmacklosigkeit zurückgehalten gefühlt.

Die Vorstellung erheiterte ihn wie ein Lustspielgedanke, daß ein fünfundzwanzigjähriger Mann ihn beständig durch die Anrede »lieber Papa« als Vater würde reklamieren können.

Freunde wollten sie sein und sich anreden, wie es der Freundschaft zukam: mit dem Vornamen. Wie dankbar würde Andree es empfinden, wenn er, der Reifere, mit Freimut sich auch über diesen Punkt ausspräche.

Der dumpfe Ton des Gong schallte mahnend durchs Haus. Hendrik ließ diesen Gebrauch aus den Tagen, wo hier Familienleben und Geselligkeit geherrscht, auch für seine Einsamkeit fortbestehen. Er wurde dadurch zur pünktlicheren Tageseinteilung angehalten, wenn es auch oft genug vorkam, daß er am Schreibtisch die wiederholte Mahnung an die Speisestunde, die der metallenen Mißton ausrief, ganz überhörte.

Heute folgt er rasch dem Ruf.

Mit heiterem Behagen saß er allein bei Tisch. Morgen würden sie ihrer zwei beim Mahl sein. Er wollte Befehle geben, daß es sehr festlich hergerichtet werde.

Und heute, gleich nach Tisch, wollte er noch ausfahren ...

Er redete sich ein, daß er den Besuch, den Frau v. Benrath ihm Sonntag gemacht, noch vor Ablauf der Woche erwidern müsse. Und heut war Donnerstag. Morgen kam Andree, den er dann in den ersten Tagen noch nicht allein lassen oder in die Umgegend auf Besuchsfahrten mitschleppen wollte. Andree würde sich zunächst ganz Rote Heide widmen wollen ...

Mehr als zehn Jahre lang, seit seiner Heirat mit Nadine, war er der Gutsnachbar von Frau v. Benrath-Iserndorf gewesen. Aber so häufig hatte man sich sonst in einem vollen Jahre nicht gesehen, wie nun seit vier Wochen. Frau v. Benrath war eigentlich nicht wegen ihrer Gastlichkeit berühmt. Man machte auf Iserndorf alle geselligen Pflichten damit ab, daß man im Herbst zu einer Jagd mit daranschließendem Frühstück einlud und gegen Ostern noch ein Mittagessen gab. So durfte Hendrik Hagen es wohl bemerken und darüber nachdenken, daß sie sich plötzlich seiner Einsamkeit auffallend annahm. Sie hatte ihn einige Male zu Tisch gebeten. Und nun war sie sogar am Sonntag mit ihrer Enkelin bei ihm vorgefahren. Bei ihm, der gewissermaßen als Junggeselle galt und seit Nadinens Tod nur Männer an seinen Tisch lud.

Und sie hatte diesen ihren Besuch so umständlich erklärt: mit ihrem Kältegefühl in den Knien, der Bitte um Tee, dem Wunsch, endlich mal das schöne Rote Heide wiederzusehen – alles mit vielbedeutendem Lächeln vorgebracht. Und endlich war die Wahrheit herausgekommen: ihre Enkelin, die liebe Brita, habe sehen wollen, wie der berühmte Mann, dessen Werke sie vergöttere, denn wohne, wo er schaffe. War es die Wahrheit? Das konnte man bei Frau v. Benrath nie wissen.

Über Britas Gesicht war ein rasches Rot hingegangen. Aber ihr Ausdruck war nicht zu enträtseln gewesen.

Auf den schönen Zügen dieses Mädchens stand keine so leicht lesbare Schrift. Es wandelte nicht viel wechselnder Ausdruck darüber hin.

War sie so unbeweglich? Oder hatte sie so früh gelernt, wenig von sich zu verraten?

War es wirklich ihr Wunsch gewesen, der die alte Dame bestimmte, ihn jetzt so oft einzuladen? Hendrik Hagen zügelte seine Gedanken, wenn sie wie feurige Renner in diese Frage sich hineinstürzen wollten ...

Bald nach seinem einsamen Mittagessen rüstete er sich zur Fahrt.

Heut war der Tag sonnenlos und der Himmel von einem ganz gleichmäßigen, feinen, leichten Grau bedeckt, von der Farbe einer schimmernden Perle. So blendete die Luft. Und eine Frische schauerte durch sie hin, wie Angst vor nahender Kälte. Das Meer lag tot. Alle Winde schwiegen. Hinter dem weißen Küstenstriche, der das dunkle Wasser säumte, standen die roten Wälder stumm. Es fehlte der Natur jeder Mut, gegen den nahenden Herbst zu kämpfen und noch Sommerüppigkeiten im Wesen zu zeigen.

Hendrik Hagen hatte einen mit sehr leichtem Pelz gefütterten Automobilmantel umgenommen. Die Mütze und die Schutzbrille formten seinen Kopf ins Groteske um. Es war die übliche Vermummung, die kaum erraten ließ, wer darin stecke.

So trat er aus dem Haustor, vor dem das Auto wartete.

Es war nur ein sogenannter kleiner Wagen, er hatte ihn sich extra bauen lassen und vielerlei Zeichnungen waren zwischen ihm und der Fabrik hin und her gewandert, bis die zusagende Form der Karosserie gefunden worden war.

Deshalb hatte er nun auch sein Vergnügen an dem neuen Besitz, weil seine schaffende Erfindungskraft sich ein wenig als Mitarbeiterin fühlen durfte.

Er stieg nie ein, ohne vorher noch erst mit dem Chauffeur wohlgefällig allerlei Details des Wagens durchzusprechen: die Form des langgestreckten Rahmens, die glücklichen Verhältnisse des Oberbaues, die Eleganz der weißlackierten Motorhaube.

Und er mußte doch dabei in sich hineinlachen, weil er's spürte: es gibt für jedes Alter Spielzeuge. Dieser schneeweiße Minerva-Wagen machte ihm genau denselben Spaß, wie die mechanische Eisenbahn, die man ihm an seinem sechsten Geburtstag aufgebaut hatte.

Wie er nun so davonglitt auf dem weißen, flinken Fahrzeug, hinein in den rostroten Wald, in dem das dumpfe, schwere Rollen der Räder wiederhallte, dachte er:

»Ja, wenn das nicht wäre, dies Winkelchen ›Kind‹, das in unserem Wesen immer lebendig bleibt und in das wir uns flüchten, wenn wir uns ausruhen wollen ... Das ist es: Das Ausruhende! Darum ist uns das gegeben ... Dies Wichtignehmen von Kindereien ... es ist ja gar nicht wahr, daß ich an all die wirtschaftlichen Fragen und Entwicklungen denke bei dem modernen Ding ... ich spür' bloß mein Pläsier – meine ›Bleisoldaten‹ ...«

Es war halb vier. Man brauchte mit dem leichten Jagdwagen, wenn die Füchse eingespannt waren, anderthalb Stunden vom Herrenhaus Rote Heide bis Schloß Iserndorf. Hendrik Hagen und der Chauffeur waren neugierig, ob sie bei der temperierten Geschwindigkeit, die sie sich zum Gesetz gemacht, in einer halben Stunde hinkämen, denn es war das erstemal, daß für diesen Weg das Automobil genommen ward.

Der rote Wald und das eigene Gebiet waren bald verlassen. Landeinwärts ging die Chaussee. Links sah einmal die Kirchturmspitze von Wachow über einer Wellenlinie des Geländes auf, wie ein Neugieriger, der mal ein bißchen über die Mauer guckt.

Mit Ebereschen war die Chaussee rechts und links in den üblichen, regelmäßigen Abständen bepflanzt. Alte, kräftige Bäume waren es, aber doch nur ihrer Art nach, ohne die Majestät der Größe und Breite. Lauter kleine Herbststilleben, jede einzelne Krone, im reichen Schmuck ihrer brennend roten Beerenbüschel. Und die Spatzen machten einen Spektakel in ihnen, als könnten sie gar nicht laut genug über die fette Zeit protzen, in der sie nach Spatzenweise nun im Herbst dahinlebten.

Eine Weile zogen sich Felder rechts und links von der Chaussee hin. Solide Felder mit schweren, braunen Erdschollen, in denen blaue Tinten aufglänzten. Dort wandelten über eine große Koppel sechs Pflügergespanne ruhevoll ihre Bahnen, an deren Enden sie immer kurz wendeten. Und die von dem flink bei der Hand gewesenen Unkraut schon gründurchwucherten Stoppeln wurden umgeworfen zu dunklen Streifen. Förmlich zusehends für das beobachtende Auge wurde aus dem hellen Stoppelfeld in langen Bahnen ein dunkles Gebreite.

Hinter dem einen Pflüger, fast an seinen Hacken, schritt ein schwarzweißgefleckter Jagdhund drein mit gesenktem Kopf, in einer stumpfen, eingebildeten Pflichterfüllung. Dieser Hund interessierte Hendrik Hagen, solange er ihn sah, denn diese verbohrte, melancholische Treue, mit der er so unnützerweise hinter seinem Herrn herzog, erweckte allerlei Ideenverbindungen. Hagen beobachtete alles und Unwichtigkeiten gab es für ihn nicht, weder an Menschen noch in der Natur.

Dann lief die Chaussee in einen Wald hinein. Der war aufgeräumt und nüchtern wie eine unbewohnte Stube. Ohne Unterholz standen die hohen Tannen und so regelmäßig, daß man überall eine Linie erkannte: quer, diagonal, längs.

Und nachdem diese grüne Ordnung, die dem Holzfäller förmlich entgegenwuchs, durcheilt war, tat sich wieder ein liebliches Bild auf.

Durch ein ziemlich stark gewelltes Gelände ging still ein blanker, schmaler Fluß hin, so friedvoll und kindlich zwischen Schilfufern, daß man gleich an Vergißmeinnicht und Krauseminze denken mußte.

Und vor ihm, zur Rechten, auf sanft ansteigendem, begrüntem Hügel erhob sich eine Mühle. Eine zutrauliche alte Mühle, dick und warm in ihrer großen Strohdachhaube auf dem wohlbeleibten Backsteinunterbau, und mit enormen Flügeln, davon zwei sich wie Vogelscheuchenarme rechts und links hinausreckten, während einer hinauf in den Himmel wies und der vierte wie lahmgeschossen hinab fast zum Erdboden hing – denn bei der Windstille stand die Mühle.

Und hinter den grünen Wiesen, jenseits des Flüßchens, lag, umbuscht vom herbstfarbigen Park, Schloß Iserndorf. Es sah sehr freundlich über Busch und Baum fort. Man erkannte etwas graues Dach und etwas weiße Mauer. Die Wirtschaftsgebäude rot und langgestreckt unter banalen neuen Dächern – es hatte vor zwei Jahren auf Iserndorf gebrannt – drängten sich etwas zu nah an den Herrensitz. Gerade lenkte der Chauffeur auf die Brücke zu, die in kleinem, bescheidenem Bogen, von weißgestrichenem Geländer begrenzt, über den Fluß schlug.

Da war es Hendrik Hagen, als stehe neben dem backsteinroten Unterbau der Mühle, deutlich erkennbar vor dem weiten Hintergrund des perlgrauschimmernden Himmels ein lila Farbenfleck.

Eben in diesem Moment ließ der Chauffeur ein Warnungssignal ertönen, denn jenseits der Brücke karrte ein krummes altes Weib eine Fuhre Sammelholz heran. Der trompetenartige Schall rollte in rascher Vibration durch die klare, stille Herbstluft.

Und zugleich fast bewegte sich der lila Farbenfleck neben der Mühle.

Dies machte Hendrik Hagen seiner Sache sicher.

Er legte dem Chauffeur die Hand auf den Arm.

»Halt, Brasch – bitte ...«

Der Wagen stand.

»Warten«, befahl Hendrik Hagen und stieg schon aus.

Ein kleiner Fußweg wand sich in geschlängeltem Fadenlauf von der Chaussee ab zur Mühle hinauf.

Den schlug er ein, sich mit Not zu einigem Maß in Schritt und Vorwärtsbewegung zwingend, denn er fühlte wohl, daß knabenhafte Hast ihm übel angestanden hätte.

Und bald sah er: nein, er hatte sich nicht geirrt. Da stand Brita Benrath und schaute nun mit einiger Neugier dem Mann, der offenbar nach der Mühle wollte und den sie keineswegs zu erkennen schien, entgegen.

Sie wußte gar nicht, daß Hendrik Hagen seit vierzehn Tagen dies elegante, weiße Automobil besaß. Es war zufällig nicht zur Sprache gekommen.

Sein »Spielzeug« war ihm ja nur in den Stunden wichtig, wo er sich gerade damit beschäftigte, er vergaß es völlig in ihrer Gegenwart.

Sie erkannte auch den eingemummten Menschen nicht.

Er war ihr nur ein Klang aus der »Welt« gewesen, dieser Warnungsruf des Automobils ... deshalb wurde sie aufmerksam – lauschte – sah ...

Als der zu ihr heransteigende Mann sehr nahe war, dachte sie endlich: Die Gestalt beinah wie Hendrik Hagen.

Und nun nahm er auch gerade seine Schutzbrille ab. Erst bei der fremden Haltung Britas, bei der kühlen Neugier, die in ihrem Gesicht stand, fiel ihm ein, daß er unkenntlich für sie sein mochte.

Sie lächelte. Ohne zu erröten. Aber doch sehr freudig.

Und als er sie nun begrüßte, während ein paar ganz gewöhnliche Worte hin und her gingen, berauschte sich sein Auge an ihrer Erscheinung. Der Künstler und der Mann entzückten sich in gleicher Weise daran.

Hatte sie einen so klugen Geschmack, daß sie Farbe und Schnitt ihrer Kleider so glücklich zu wählen wußte? Oder war auch das ein unbewußtes Treffen des Richtigen, des Schönen?

Die fast leuchtende lila Farbe des sehr weichen Stoffes ihres Kleides paßte wunderbar in die rotbunte Herbstlandschaft. Sie hob auch den feinen, weißen Ton ihrer Haut auf das glänzendste hervor. Die dünne Taille umschloß ein Band von der gleichen lila Farbe, es war vorn durch ein fremdartiges Schloß zusammengehalten, irgendein ausländisches Schmuckstück mußte das sein, von goldenen, bizarren Formen mit großen Türkisen besetzt. Und auf ihrem Haar, das rostbraun war wie dunkles Kupfer, saß wieder einer jener kühnen Hüte, die sie zu tragen liebte, breitrandig und vielfach gebogen.

»Sie erkannten mich nicht?« »Wie sollte ich? Es ist die tiefste Maskierung, die es gibt.«

»Sie machen einen Spaziergang?«

»Ja. Nein. Ich bin hierhergegangen, weil man von hier aus etwas weiter sieht – sogar da vorn ein winziges bißchen Meer, freilich nur, wenn man weiß, daß der blaugraue Strich Wasser ist.«

»Das klingt, als ob Sie es hier zu eng fänden und sich nach der Weite sehnen.«

»Ist es denn nicht eng?« fragte Brita wie überrascht.

»Enge oder Weite ist immer nur in uns«, sprach er lächelnd.

»Ach – ich ...« sie wußte offenbar nicht, was sie dazu sagen sollte.

Daß sie keine schlagfertige, pikante Antwort bei der Hand hatte, entzückte ihn.

Er fragte ganz einfach:

»Sie langweilen sich bei Ihrer Großmutter?«

»Es ist nicht leicht für mich. Das Leben ist so unbestimmt neben ihr«, sprach sie zögernd.

»Es sind nur Zwischenaktsstunden, die Sie dort verbringen«, tröstete er.

In ihrem blauen Auge blitzte es auf wie von allerlei fröhlichen Ideenverbindungen.

»Zwischenakte sollten einem aber durch Musik verkürzt werden«, sagte sie.

Und nun war er wieder entzückt, daß sie eine flinke Antwort fand.

»Das ist Mode von vorgestern. Jetzt ist der Zwischenakt Sammlung, Stimmungszüchterei, Erwartung, Spannung.«

»Ja, wenn ich allein im Parkett des Daseins säße! Aber neben Großmama! Die immer das Opernglas anders einstellen will. Oder lieber ein anderes Stück sehen möchte!« Wie hübsch sie den Vergleich ausspann. Und mit wieviel Zurückhaltung die Note des Überdrusses in der scherzhaften Rede anklang.

Sie standen einander gegenüber, ein bißchen zwecklos und verloren in der Landschaft, neben der alten Mühle, die ihren ausgedehnten Mittagsschlaf zu halten schien und vor dem weiten, hellgrauen Hintergrund des Himmels mit seinem das Auge beizenden, verhaltenen und doch stechenden Licht.

»Ich habe gehofft,« sprach er herzlich, »daß Ihre Anwesenheit meine verehrte alte Gönnerin gewissermaßen zur größeren Ruhe zwingen möchte, ihre nervöse Unbeständigkeit mildern könnte.«

Brita machte eine Handbewegung, die solche Möglichkeit weit, weit fortwies.

Und seine Seele war wieder ganz erfüllt von Barmherzigkeit.

»Sie wollten Großmama besuchen?« fragte sie.

»Ich war auf dem Wege.«

»Gehen wir also zusammen. Es lohnt ja so kaum für Sie, noch einmal einzusteigen.«

Sie gingen zusammen den sanften Hang hinab.

Brita schien plötzlich zerstreut. Er konnte den Grund nicht erkennen. Seine vorsichtige Kritik der alten Frau v. Benrath konnte sie nicht gekränkt haben. Das wußte er; dazu waren ihre eigenen gelegentlichen Äußerungen über die wunderliche Art der Großmutter zu offen gewesen.

Sie kamen auf die Chaussee. Da stand noch das weißglänzende Fahrzeug.

»Es ist sehr elegant«, sagte Brita anerkennend, aber doch mit einem kleinen, sehnsüchtigen Seufzer.

Sie sah das moderne Ding von allerlei Lichtern umspielt: die Mode strahlte es an und die Kostbarkeit umschimmerte es. Hendrik Hagen freute sich, daß sein Spielzeug ihr gefiel. Er fragte, ob sie fahren möge. Sie könne sogar selbst fahren, sagte sie wichtig. Sie habe es in Boston gelernt bei ihrer Freundin Ethel Steven, wo sie einige Monate gewesen sei. Stevens, setzte sie noch hinzu, seien Bostoner Patriziat.

Er bot ihr an, sein Auto zu benutzen. Sie könne nur bestimmen. Jede Stunde sei es zu ihrer Verfügung.

Nun wurde sie ein wenig rot. Das gehe nicht wohl an. Wenn etwas passiere, der schöne neue Wagen Schaden nähme, käme sie sich zu verantwortlich vor.

Aber sie sah ihm mit offenkundiger Sehnsucht nach, wie er nun, ihnen voraus, mit dumpfem, krachendem Gepolter über die kleine Brücke donnerte.

Hendrik Hagen besann sich noch ein paar Herzschläge lang, er wagte beinahe nicht, es auszusprechen. Und dann sagte er doch:

»So erlauben Sie mir. Sie zuweilen zu einer Fahrt abzuholen ...«

Seine Stimme war ganz unklar, als er dies bat.

»Ja,« sagte sie voll unbefangener Freudigkeit, »oh, ja! Furchtbar gern. Und wenn Sie wollen, können wir gleich nachher eine kleine Tour machen.«

Nachher? Bis man die schickliche Zeit bei der alten Dame gesessen und den Kaffee genommen haben würde, den es gewiß gäbe, bis es dann zum Aufbruch kam, war schon Dämmerung ...

Geheimnisvolle, weite Dämmerung, wie ein Halbwachen des Tags unter dem stillen Himmel, im schweigenden Wald ...

Und Seite an Seite sollte er hineinfahren mit ihr in diese zarten Tiefen des versinkenden Lichts – die wie Abgründe waren, voll Gefahren ... selige Gefahren ...

Sie gingen rasch. Beide von dem Wunsch erfüllt, durch Eile die Stunde – die erst abgemacht werden mußte, zu verkürzen – als könne die eigene Hast die Zeit antreiben, schneller zu fließen.

Er fragte sich nicht: kommt diese Freude auf mich zu? Gilt sie der Hoffnung, mit mir ungestört zusammenzusein? Oder ist es das jugendliche Vergnügen an der Sache? Oder vielleicht eine Art Begierde, schöne Erinnerungen aufzufrischen an ein anderes Land, an verlorene Freunde, an größere Daseinsformen?

Er fühlte nur eine ganz junge, heiße Sehnsucht wie in schweren Strömen durch seine Adern brausen.

Und nun schwiegen sie.

Und zwei, die zusammen schweigen, können einander nicht in die Gedanken hineinsehen. Der Mann aber ließ sich widerstandslos verführen, sich an dies Schweigen des Mädchens heranzufühlen, bezaubernde Dinge hineinzugeheimnissen. Es ward ihm zur verheißendsten Beglückung. Ein Zeichen von Befangenheit ward es ihm, von heimlicher Bedrängnis ... vielleicht bebte ihre junge, keusche Seele nun doch vor dem Alleinsein mit ihm zurück ... und ersehnte es zugleich in einer süßen, ängstlichen Begierde ...

Er hörte sie seufzen. Es war ein ganz leiser Seufzer, zurückgehalten, scheu und zärtlich ...

Er zitterte von ihren Lippen wie leise, unbewußte Sehnsucht...

Ja, Brita war sehr in Gedanken.

Ob Großmama auch ein anständiges Kleid anhabe – sie trug zu lange zu alte Sachen in der Intimität des Hauses auf – ob Lübbers in Livree sei – sehr wahrscheinlich nicht, denn er wirkte nebenbei auch als Gärtner und hatte im Gemüsegarten oft was zu tun – ob Mamsell auch noch kleine Kuchen in der Blechkiste habe, die nie in sehr reichlichem Vorrat gebacken wurden – und wenn Mamsell erst Plinsen zum Kaffee machen mußte, so dauerte es mehr als eine Stunde und dann konnte nichts mehr aus dem Fahren werden – Mamsell war nicht auf der Höhe ...

Ach, überhaupt die ganze Wirtschaft war nicht auf der Höhe ... kümmerlich an allen Ecken und Enden. Brita wußte nur noch nicht, ob so eingerostet, weil die starke Herrscherhand fehlte, oder so stockend im Gang, weil es an Geldmitteln mangelte ...

Wer dahinter kommen könnte ...

Und sie sehnte sich so nach großen, freien Verhältnissen.

Nach einem sicheren Platz in der Welt!

Es mußte schon eine starke innere Freiheit geben, wenn man nur wußte, wo man eigentlich hingehörte.

Ach und alles haben, was dem Alltag Reiz geben konnte! Darauf kam es doch am meisten an. Feststunden und Tage gab's auch in kleineren Lebensverhältnissen. Die hatte jeder einmal. Aber sich den Alltag vornehm, schön, ganz von Kleinlichkeiten frei gestalten können – ja, das war's, was das leichte Dasein vom mühsamen Dasein unterschied.

Ein Seufzer kam ihr aus dem Innersten herauf.

Und nun war man angelangt. Und Britas Sorgen hellten sich plötzlich auf.

Da stand ja schon ein Wagen vor der Tür!

Also war bereits ein anderer Besuch da. Und für ihn mußte sich, der ländlichen Sitte gemäß, schon der ganze Apparat in Bewegung gesetzt haben, dessen Knarren und Versagen Brita so sehr gefürchtet hatte.

Nicht allein, weil eine zu langsame Bewirtung, ein ewiges Warten bis Großmama sich ein besseres Kleid anzog, so viel Zeitverlust gebracht hätte, daß die Spazierfahrt in Frage kommen konnte.

Nein, nicht nur deswegen. Sie hätte sich auch so ungern vor diesem Manne geschämt.

Ihr hatte noch niemals einer so imponiert wie dieser.

Seine Erscheinung war wundervoll, fürstlich und schön. Und er war berühmt. Er war auch reich ... Man konnte neidisch werden, wenn man bedachte, wieviel Gaben das Schicksal so einem Einzigen in die Hände legte ... Während tausende, die solche Lebensumstände auch zu genießen wüßten, bang und beengt sich durch die Tage schleichen mußten ...

Ja, da stand ein Wagen. Hinter ihm war das Automobil angefahren. Es sah ordentlich großartig aus. Gab fast eine glänzende Staffage ab für das Bild von Schloß und Hof, so, als ob sich hier die Gäste förmlich herandrängten und einander im lebendigen, gastlichen Verkehr auf den Schwellen begegneten.

In der Nähe hatte das Herrenhaus von Iserndorf nicht mehr die vornehme Freundlichkeit, mit der es von weitem über die Büsche her und zwischen den Bäumen heraus grüßte. Es war nicht verkommen. Aber es war stückweise repariert. Immer nur gerade da, wo es sehr nötig gewesen sein mochte.

Man sah eine große, frisch verputzte Mauerstelle in der Front und erkannte, daß einige Fensterrahmen vor kurzem einen neuen grünen Anstrich erhalten hatten.

Inmitten des großen, etwas sandigen Platzes vor dem Herrenhaus gab es einen ovalen Rasen von Klee und Wegebreit durchfilzt. Inmitten des Rasens stand eine niedrige, etwas wüste Koniferengruppe.

Aus ihr ragte ein Sandsteinpostament, das in seiner halben Höhe so merkwürdig die Umrißlinien zusammenschloß, als sei da ein enggeschnürter Tailleneinschnitt. Dann verbreiterte es sich wieder rasch, bis zu einer Platte, aus deren Kanten die Zeit schon manchen Brocken gebissen. Obendrauf hielt ein Sandsteinlöwe mit seiner Tatze, die wie ein Fausthandschuh aussah, das schräggestellte Wappenschild der Benraths. Der Löwe hatte ein seltsam schmales Maul, das er gähnend geöffnet hielt und in dem die Sandsteinzähne wie große Bohnen standen.

»Das ist Wachower Fuhrwerk«, sagte Hendrik Hagen, der die kleine Viktoriachaise erkannte, die der Wirt vom »Erbgroßherzog« gelegentlich vermietete.

Und gerade tat sich das Portal auf. Lübbers öffnete es und stand in dienstlicher Haltung.

»Gottlob, er hat Livree an!« dachte Brita erleichtert.

Und da erschien groß, breit, blond, rosig, mit Triumphatormiene, wie ein Akteur, der einen glänzenden Abgang gehabt hat, der Bürgermeister.

Er sah mit dem ersten Blick das ihm wohlbekannte Automobil und mit dem zweiten das herankommende Paar.

»Servus Hagen. Wir haben reussiert. Wie könnten wir auch anders! Bitte mich vorzustellen.«

Vor den Stufen, auf dem Sande des Wegs, neben dem Wagen standen sie nun, und Brita hörte, daß dieser gewaltige Mann mit dem dröhnenden Baß der Bürgermeister Mandach und ein guter Freund von Hendrik Hagen sei.

Sie reichte ihm die Hand, die im weißen Waschlederhandschuh steckte. Sie lächelte. Dieser Mensch erfreute sie gleich auf den ersten Blick. Er machte ihr Spaß. Sie war ihm auch dankbar, daß er ahnungslos als Pionier für den zweiten Besuch in die Stille und Nachlässigkeit des Hauses hineingebrochen war.

»Donnerwetter,« dachte der Bürgermeister fast benommen, »Donnerwetter!« Aber kritisch und erfahren wie er nun mal war, dachte er auch gleich hinterdrein:

»Zu sehr große Dame schon für diese Jugend. Pose oder Natur? In beiden Fällen nicht unbedenklich. Und dazu Hendrik Hagen mit seinem Schönheitssinn und seinem Dichtergemüt – na – – –«

Aber darin ähnelte er Napoleon: er konnte mehrere Dinge zugleich denken und überblicken. Er sagte also, während er dies dachte:

»Die gnädige Frau wird sich mit dreißigtausend Mark an der G.m.b.H. beteiligen.« – Er sprach nie mehr die Worte aus; in diesen wenigen Tagen hatte er die Angelegenheit schon so sehr in geistigen Besitz genommen und durch die ganze Gemeinde hin populär gemacht, daß es immer nur noch hieß: »Die Geembeha!« –

»Mit dreißigtausend Mark!« wiederholte Hendrik Hagen erstaunt, »das nenne ich freilich reussiert haben. Nun, es wird eine vorzügliche Kapitalanlage sein.«

An Britas Ohren klang so was vorbei: Dreißigtausend Mark – Großmama? – Das konnte sie – das hatte sie so disponibel.

»Woran?« fragte sie rasch.

»Oh, mein gnädiges Fräulein – Geld, Gründungen – das ist kein Thema für schöne junge Damen.«

Brita lachte etwas unfrei.

»Warum denn nicht? Für so was fliegt einem in Amerika unwillkürlich etwas Verständnis an.«

»Nun, da mag's Ihnen Ihre Großmama erklären, wenn sie will. Sie war begeistert. Wie sollte sie auch nicht. Schade, daß ich nun weiter muß! Der glückliche Hagen kommt und bleibt? Aber das Gemeindewohl ... Ich hoffe, daß ich ein andermal nicht so zwischen Tür und Angel... na adjüs, Hendrik. Ich werde beim Baron Walkow-Breithagen erwartet. Und wenn man da denkt, ich komme unpräzis, weil ich's zu behaglich in Iserndorf fand und mich hier festhalten ließ, ist vorneweg alles verloren ...«

Damit stieg er in die Viktoria, so wuchtig, so rasch, daß das leichte Gefährt erbebte.

Brita aber ging mit Hendrik Hagen ins Haus.

Als sie abgelegt hatten und ins Wohnzimmer kamen, deckte Mamsell dort gerade den Tisch zur Vesper.

Brita erriet: Der Kaffee und die Plinsen, die dem Bürgermeister hatten vorgesetzt werden sollen, waren jetzt, zehn Minuten nach seiner Abfahrt fertig.

Gut so. »Ach bitte, Mamsell,« sagte sie, »schicken Sie uns doch Kaffee und backen Sie rasch ein paar Plinsen – in Plinsen ist Mamsell groß.«

Aber dies Lob rührte Mamsell nicht und verführte sie auch nicht, auf die Komödie einzugehen. Sie knuffte förmlich mit den Tassen und Tellern herum und setzte hart, als beleidige sie solche Unordnung, einen Stuhl zurecht, der etwas schief am Tisch stand.

»Is alles fertig«, sagte sie. Ihr Gesicht war verärgert, wie bei jemandem, der nie aus einer Überdrußstimmung herauskommt. Ihr Kleid war grau, aber es hatte etwas Vertragenes, Unfrisches. Auch hatte sie keine Schürze vor. Und gerade der Mangel einer Schürze gab ihr etwas Unangezogenes, so, als habe sie den ganzen, geschlagenen Tag keine Zeit, sich wirklich fertigzumachen.

»Wo ist denn Großmama?«

»Ich hab' müssen 'n Enspektor rufen, während daß der Bürgermeister sich 'n Pal'tot anzog«, sagte sie unfreundlich.

Ja, nun hörte Brita auch Stimmen nebenan: die etwas getragene, auf- und niederorgelnde der Großmama und die kurzen Töne des Inspektors Ludewig, bei denen Brita immer an eine Lokomotive denken mußte, die in Intervallen mit dumpfem Geräusch etwas Dampf aus ihren Eisenkiefern buffen ließ.

»Benachrichtigen Sie Großmama. Und Lübbers soll Kaffee bringen ... Bitte, Herr Hagen ... nein, bitte, auf diesen Stuhl... dann brauchen Sie nicht gegen die Wand mit dem frischen Tapetenflicken zu gucken ... Wie finden Sie das überhaupt? ... Ich habe beinah geweint,« erzählte Brita lachend, »aber Großmama läßt die Zimmer nicht neu dekorieren.«

›Das kann man verstehen«, sagte er nachsichtig. Dieses Haus, diese Räume erzählen Ihrer Großmama so viel Geschichten. Bei Büchern, die man liebt, mit denen man sehr vertraut ist, wechselt man ungern den Einband.«

Brita war von seiner Antwort sehr befriedigt. Sie fühlte: es war noch am klügsten, alles offen zu erwähnen und zu tun, als nähme man es für rührende Schrullenhaftigkeit.

Nun wurde die Tür aufgerissen und voll Hast kam Frau v. Benrath herein. In ihrem blassen Faltengesicht waren die Augen ein wenig bemerkbarer als sonst. Ihr Ausdruck schien wie verklärt von Freude. Groß, schmal und vorgebeugt kam sie auf Hagen zu, der ihr entgegeneilte. Sie streckte ihm beide Hände hin und sagte mit der Betonung jemandes, der von Überraschung und Glück überwältigt ist:

»Welche Freude! Willkommen, willkommen, willkommen. Brita ordne an, daß sofort Kaffee kommt, Mamsell soll gleich Plinsen backen.«

Hinter der alten Dame, die sich nur steil und stolz zu halten vermochte, wenn sie saß, kam der Inspektor Ludewig mit herein. Er war ein gedrungener Mann mit dem Ausdruck von beständiger Verachtung im runden Gesicht. Um seine ganz vergißmeinnichtblauen, nur kleinen Augen lagen die dicken Lider wie ein heller Fettring. Er hielt eine grünliche Mütze von unbestimmten Formen mit beiden roten Fäusten vor seinem Bauch fest. Seine grau- und schwarzgestreifte Hose war ihm etwas zu kurz.

»Denken Sie nur, lieber Freund,« sprach Frau v. Benrath, indem sie Hendrik Hagens Hand zwischen ihren Händen behielt und sie streichelte, »– ich hatte dem Bürgermeister Mandach versprochen, mich an der Gründung zu beteiligen – Sie wissen? ...«

Hendrik Hagen nickte lächelnd.

»Aber setz' dich doch, Großmama«, mahnte Brita, die es reizte, daß die alte Dame immer noch so zärtlich die Hand des Gastes tätschelte. Was mochte er nun denken! Freilich, er kannte ja Großmama. Wahrscheinlich kannten alle Leute in der Gegend ihre übertriebene Art ... Aber doch: Brita fühlte sich immer ein wenig blamiert.

»Ja, setzen wir uns. Ah – da kommt Lübbers mit dem Kaffee. Ludewig, bitte, auch ein Täßchen? Sie erlauben, Herr Hagen, daß Ludewig mit trinkt. Lassen Sie nur, Lübbers, das gnädige Fräulein wird uns bedienen. Nicht wahr, Brita, du würdest eifersüchtig darauf sein, wenn eine andere Hand unsern berühmten Gast bewirtete ... Bitte, Herr Hagen – man muß die Plinsen so heiß als möglich essen ... Gott, Brita, dein Vater konnte als Junge was darin leisten! Acht waren das mindeste. Ja, wer das geahnt hätte, daß bei dem mal so wenig Heimatgefühl ... Bitte, lieber Ludewig, reichen Sie mir die Decke von der Sofalehne – meine Knie sind so kalt ...«

Sie saß in der linken Sofaecke und kam unter all ihren hastig hin- und herfahrenden Gedanken und Reden doch endlich dazu, ihre vornehme, steife Haltung sich zu geben. Ludewig reichte ihr von der rechten Sofalehne her, neben der er saß, die gestreifte, braunschwarze Häkeldecke hin, die sie nun mit königlicher Gebärde, als sei's ein Hermelin, über ihre Knie hinbreitete.

In der Tat froren ihr gerade in diesem Augenblick die Knie nicht. Aber sie hatte plötzlich bemerkt, daß sie einen großen Fleck, vielleicht von Milch, auf ihrem schwarzen Kleid hatte. Jedenfalls war der Fleck hell und ihr darum ins Auge gefallen. Und er hätte auch von Hendrik Hagen bemerkt werden können. Die große Häkeldecke verbarg alles.

»Es freut mich,« sagte Hagen, »daß Sie sich an der Gründung beteiligen wollen.«

»Ja, aber denken Sie: Ludewig findet es nicht. Ludewig sagt, ein Landwirt soll sein Geld nicht in Unternehmungen stecken, die ihm fern liegen. Ich muß mich auf meines treuen und bewährten Ludewigs Urteil verlassen«, schloß sie und sah ihren Inspektor geradezu voll Zärtlichkeit und Rührung an. Ganz hingenommen von der, für eine schutzlose Frau so beruhigenden, beglückenden Tatsache, ihre Geschäfte in den ehrlichsten Händen zu wissen.

Ludewig hörte die Huldigung mit dem gleichen phlegmatischen Ausdruck von Verachtung an, wie gestern den Vorwurf, daß sie, Frau v. Benrath, bei seiner Art, zu wirtschaften, eben verraten und verkauft sei.

Er hätte ja sagen können:

»Wo sollten wir woll dreißigtausend Mark hernehmen.«

Aber das hatte er schon nebenan gesagt und er wiederholte sich nie und sagte nie etwas Indiskretes vor anderen Leuten.

So stieß er nur knurrend heraus:

»Is dja Mumpitz.«

Wobei es unaufgeklärt blieb, ob er die Beteiligungsidee seiner gnädigen Frau oder die Gründung Neu-Wachow meinte. Ganz flink schloß aber Frau v. Benrath an:

»Ich darf mich also einfach nicht beteiligen. Ich darf es nicht, wenn ich Ludewig nicht kränken will! Sein treues, bewährtes Urteil muß mir autoritativ sein. Finden Sie nicht auch, lieber Freund? Und so muß ich zu meinem unaussprechlichen Bedauern Herrn Bürgermeister Mandach wieder abschreiben.«

»Er ist noch nicht halbwegs nach Breitenhagen«, dachte Hendrik amüsiert. Berthold hatte also richtig vorausgesagt.

Brita fühlte sich auf irgendeine Weise durch dieses Gespräch beunruhigt. So schnell war eine Zahl genannt – so rasch wieder verklungen. Es war, als ob Kinderhände was auf eine Schiefertafel geschrieben hatten, das gleich mit nassem Schwamm wieder weggewischt wurde.

So war es ja bei allem, was Großmama sagte und tat.

Aber dieser rasche Vorgang ließ in Brita doch einen noch stärkeren Eindruck zurück, als all die vielen ähnlichen, die sie jeden Tag beobachtete. Gewiß könnte Großmama es auch gar nicht, dachte sie entmutigt, sehr entmutigt ...

Der Mann sah auf der jungen weißen Stirn die große Nachdenklichkeit.

»Armes, holdes Kind«, dachte er.

Und heiße Hoffnungen brannten in ihm auf, denen er noch nicht mutig ins Gesicht zu sehen wagte.

Wie verstand er, daß sie litt in diesem Dunst von Unklarheit, in dem die alte Frau dahinlebte. Wie mochte sie sich heraussehnen ...

Herr Ludewig führte seine volle Tasse bis beinahe zum Munde und pustete kraftvoll, daß die Oberfläche des Kaffees sich schuppte, während zugleich die vergißmeinnichtblauen Augen aufmerksam die Zahl und die Qualität der Plinsen beforschten.

Dies Pusten brachte Brita um den Rest ihrer Fassung. Frau v. Benrath fuhr fort, Ludewigs unfehlbaren Scharfblick in allen wirtschaftlichen Dingen zu rühmen. Sie war in diesem Augenblick ernsthaft begeistert von ihm, denn seine kurze Abweisung ihres Vorhabens riß sie ja aus der Situation, in die ihre schnelle Zunge sie hineingebracht. Es geschah ihr so oft, daß sie sich von ihrer eigenen Rede, ihren eigenen Worten in Lagen hineinführen ließ, die ihr schon unbequem waren im gleichen Moment, wo sie sie sich schuf.

Außerdem war es doch auch ein schönes Schauspiel für Hagen: die alte Dame, die auf den treuen Diener baut! Und Hagen konnte nur die besten Schlüsse daraus ziehen über den Stand der Wirtschaft.

Es mußte dem feinsinnigen Poeten geradezu wohltun, daß es noch so etwas gab. Sie genoß alles: ihre augenblickliche Rolle, den erlesenen Zuschauer. Und hätte sich und jedermann abgestritten, daß es eine Rolle war und daß sie einen Zuschauer empfand.

Brita fuhr mit einer Frage in den gesprochenen Überschwang hinein. Mit nur schlecht geheuchelter kindlicher Zutraulichkeit fragte sie:

»Großmama, dürfen wir sehr flink trinken, Herr Hagen und ich?«

Frau v. Benrath nahm sogleich eine hoheitsvolle Weltdamenhaltung an und sagte voll schmeichelhafter Liebenswürdigkeit:

»Warum denn? Mir soll das Glück verkürzt werden, mit dem lieben Freund eine anregende Plauderstunde zu haben? Selten hab ich mich Ihres Erscheinens so gefreut wie gerade heute ... man lechzt ja manchmal förmlich nach geistiger Erquickung. Und gibt es wohl bessere Stimmungen als die, welche eine Dämmerstunde am Kaffeetisch mit sich bringt.« Die gelegentlich so sehr wohlgesetzten papiernen Reden der alten Dame machten Hagen meist mundtot. Er wußte dann nichts zu antworten. Nicht eine Silbe.

Aber Brita, die beinah vor Ungeduld hätte weinen können, rief:

»Großmama, Herr Hagen hat sein wundervolles neues Automobil da und will mich noch etwas spazierenfahren. Ich darf doch?«

»Sie wird nein sagen«, dachte Hendrik Hagen. Denn der bleiche Tag draußen mußte früh sich ins Grau vertieft ...

Wenn sie nein sagte! Ihm war, als würde das ein Raub an seinem Leben sein ...

Frau v. Benrath lächelte, glücklich, vielsagend, sah Hagen in die Augen, blickte zärtlich auf Brita und sprach dann:

»Wie dürfte ich da nein sagen.«

Brita sprang sofort auf. Sie wolle sich Hut und Mantel herunterholen, rief sie. Frau v. Benrath, die sonst zu sagen pflegte: Kind, bedien' dich gefälligst selbst, Lübbers und Mamsell können nicht immer für dich laufen, rief nun hinter ihr drein:

»Aber Kind, laß doch Lübbers ...«

Sie hörte nicht mehr. Da wandte sich die alte Dame lächelnd zu Hendrik Hagen:

»Welche Ungeduld Brita hat, wenn es gilt, mit Ihnen zusammen zu sein.«

Das traf ihn – wie ein Schreck einen Menschen trifft –, der Atem stockte ihm.

Wirklich – wirklich ... Aber er war wieder mundtot.

Und Frau v. Benrath fuhr beinahe schelmisch fort:

»Eigentlich dürft' ich's nicht erlauben. Ich habe das Vorurteil der altmodischen Leute gegen Automobil. Aber schließlich: wem möchte ich Brita lieber anvertrauen als Ihnen – wem möchte sie selbst sich lieber anvertrauen.«

Eine knappe Pause entstand. In ihr hörte man, wie Herr Ludewig den endlich etwas abgekühlten Kaffee schlürfte.

»Ich werde Ihnen Fräulein Brita wohlbehalten zurückbringen«, sprach er mit einer sehr steifen Verbeugung.

Und Wort wie Verbeugung zwang er sich mühsam ab.

In ihm war ein Tumult ... Betäubende Gedanken rasten durch ihn hin – verwirrten ihn ...

Gewiß – er hatte es jedesmal gespürt, wenn er mit den Frauen zusammen war: er schien der alten Dame als Bewerber um ihre Enkelin erwünscht. Er hatte sich dagegen gewahrt – er wollte es sich nicht eingestehen ... nicht einmal von so unerhörten Glückseligkeiten träumen, ehe nicht sie selbst, sie, die Eine, Holde, ihm gezeigt ... ihn ahnen ließ ...

Was diese Frau sagte und verhieß, war so trügerisch ... Augenblicks geborene Einfälle, die in der nächsten Minute schon keine Wahrheiten mehr sein konnten.

Und dennoch – dennoch ...

Die Stimmungen und die Ansichten wechselten bei ihr und flossen ineinander ... wie jagendes Gewölk zogen die Gedanken durch ihr Hirn ... und ganz kritiklos gegen ihre eigenen veränderlichen Meinungen, gab sie jederzeit jeder gleich Worte ...

Und dieser eine Ton – der klang nun seit einigen Wochen immer wieder an ... der war das Beständige geworden in ihrem Wesen ihm gegenüber ...

Dann war es doch vielleicht eine Wahrheit...

Und die alte Frau zeigte so deutlich ihre Wünsche, weil sie wußte, daß ein junges Herz sich ihm zugewendet ...

Konnte es sein ...

So speisten das Lächeln und die Worte der Frau dennoch seine Hoffnungen, die noch so zart, die noch kaum lebensfähig waren, daß sie nach jeder Nahrung lechzten ...

Brita kam zurück. Ein dunkler, grünseidener Mantel umhüllte sie ganz, über das schwarze Matrosenhütchen hatte sie kapuzenartig einen grünen Gazeschleier gebunden, aus dem ihr weißes Gesicht mit den brennend roten Lippen wie aus einem Nonnenhabit heraussah.

Es gab noch einen wortreichen Abschied mit viel Ermahnungen an Brita und Neckereien und Dankbarkeiten an Hendrik Hagen.

Und endlich saßen sie im Wagen. Hagen ließ den Chauffeur fahren und nahm mit Brita die beiden Sitze hinter ihm ein.

Am Fenster winkte Frau v. Benrath mit ihren langen, schmalen, welken Händen und lächelte sehr zufrieden.

Brita lehnte sich fest an mit geradem Rücken. Auf jedem ihrer Knie lag eine ihrer Hände und in jeder Hand hielt sie einen Handschuh, beinah wie ein steinerner Jupiter kleine Blitzbündel hält, denn die leeren Handschuhfinger fielen wie Streifen auseinander.

Der Mann betrachtete voll Zärtlichkeit die schönen weißen Hände.

Nun fing sie an, mit ihnen ein wenig auf den Knien zu klopfen.

»Ach, lassen Sie uns schnell fahren – rasen – rasen ...« bat sie.

»Unter keinen Umständen.«

»Es täte mir so wohl. So wohl!« In dem zweiten »So wohl«, langgedehnt, wie es gesprochen ward, lag so viel Klage und Sehnsucht, daß es ihn erschütterte.

»Ach ja,« setzte sie dann noch hinzu, »es wäre wie eine Flucht. Und ich möchte manchmal fliehen.«

»So unglücklich fühlen Sie sich bei Ihrer Großmama?« Brita sah ihn mit aufflammenden Augen an.

»Soll ich lügen? Die zärtliche Enkelin spielen? Ich kenne Großmama erst seit fünf Wochen. Kann man sie so rasch begreifen?«

Das weiße Gefährt huschte nun die Chaussee entlang, donnerte mit seinem schweren Gewicht über die kleine Brücke, verfiel wieder mit seinen dicken Gummireifen, die seine Räder umgaben, in sein lautloses Gleiten und glitt hinein in den grünen, kahlen, ordentlichen Tannenwald.

Brita machte einmal eine hastig zurückfahrende Kopfbewegung.

»Sie haben was ins Auge bekommen? Nehmen Sie doch den Schleier vor«, mahnte er besorgt.

»Ist nichts«, sagte sie, ließ aber doch den Teil des Schleiers, den sie noch über den Hut zurückgeschlagen gehabt, nun herab. Er war sehr dicht dieser grüne Schleier, das weiße Gesicht, die leuchtenden Augen und die roten Lippen schimmerten nur unbestimmt hindurch. Und als nun auch Hendrik Hagen sich vermummte, wandelte ihn ein seltsames Gefühl an. Waren sie nicht wie Maskierte? Gab ihnen das nicht allerlei Unbefangenheiten? Mehr Mut? Man konnte sprechen, ohne zu fürchten, daß Blick und Miene mehr verrate als die Worte schon durften.

Der Chauffeur hatte was andres zu tun als zu horchen.

Hendrik Hagen dachte: ich will versuchen, sie zum Sprechen zu bringen – sie soll mir von sich etwas sagen – so viel als ich nur herauslocken kann ...

»Wie kam es,« fragte er, »daß Ihr Vater Sie von sich ließ?«

»Ach, was soll Papa wohl mit mir?«

»Er macht noch immer Forschungsreisen?«

»Schon lange nicht mehr, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Ich glaube sein Erbteil war verbraucht. Oder Großmama schickte kein Geld mehr. Papa hat Reisebücher geschrieben. Auch für Zeitungen viel. Ich glaube, er hat auch auf irgendeine Weise durch seine journalistische Tätigkeit Herrn Stevens in Boston einen großen Dienst geleistet. Dort bin ich lange zu Besuch gewesen – als Freundin der Tochter hieß es, wir haben uns auch wirklich befreundet –, ich war da keineswegs als Gesellschafterin oder so. Herr Stevens hatte Papa auch den Posten besorgt, den Papa jetzt bekleidet.«

Der Mann freute sich, daß er seine Züge hinter einer Maske wußte. Er hätte kaum sein Erstaunen zu verbergen gewußt. Das klang ja alles ganz, ganz anders als Frau v. Benrath in gelegentlichen Erzählungen hatte durchblicken lassen.

»Was ist das denn für ein Amt?« fragte er weiter. Und Brita schien es auch ganz berechtigt zu finden, daß er sich ihre Lebensumstände klarlegen ließ.

»So eine Art Inspektorenstellung – Papa muß fast immer unterwegs sein –, zwischen den Fabriken der Firma Stevens & Browning reist er hin und her, und die liegen verstreut in Pennsylvanien und Ohio. Als Mama noch lebte, wohnte ich mit ihr in Hartford. Und als Mama gestorben war, wußte Papa ja nicht, was er mit mir anfangen sollte. Er dachte gleich an Großmama. Es war gewiß auch das natürlichste. Großmama schrieb, daß sie mich mit offnen Armen erwarte und vor Glück weine, das Kind ihres Sohnes bei sich haben zu dürfen. Sie wollte auch das Reisegeld schicken. Ich glaube, Papa war damals etwas in Schwierigkeiten – alte Sachen. Und Mamas langes Leiden und ihr Tod. Ich packte schon. Da schrieb Großmama, ich solle noch nicht kommen. Und sie fände auch nicht, daß es richtig sei, wenn sie meine Überfahrt bezahle. Das sei Vaterpflicht. Im folgenden Brief wurde ich wieder gerufen. So ging es immer hin und her. Wie Großmama nun mal ist. Ich kam zu Stevens, die Zeit ging hin. Endlich war Papa in der Lage, mir ohne jede Schwierigkeit ein Billet erster Klasse auf einem der großen Lloydschnelldampfer kaufen zu können; bei Stevens konnte ich nicht mehr bleiben, weil Ethel sich verheiratete und Frau Stevens nicht gern mochte, daß ihr Mann sehr lieb und gut zu mir war, wie zu einer Tochter. Und da schrieb Papa einfach an Großmama: Mit dem nächsten Dampfer kommt Brita.«

So, nun war es erzählt. Nun wußte er, wie ihre Verhältnisse lagen. Ihr war halb trotzig, halb erleichtert zumute.

Großmama sagte ihr jeden Tag, daß dieser Mann offenbar wahnsinnig in sie verliebt sei, daß er ihr eine vielbeneidete Stellung anzubieten vermöge, daß sie unter allen Umständen ja zu sagen habe, wenn er ihr einen Heiratsantrag machen würde.

Wenn er sie liebte, würde er über diese wenig angenehmen und wenig rühmlichen Umstände wegsehen. Brita selbst fand sie unaussprechlich kläglich. Sie, ihrerseits, würde es ihm ja kaum verdenken können, wenn ihn das alles abkühlte ...

Aber freilich, sie blieb trotz alledem Brita von Benrath, die einzige Enkelin und Erbin der alten Frau v. Benrath-Iserndorf. Und wenn Brita auch manchmal eine merkwürdige Unruhe darüber fühlte, wie es wohl mit dem »Familienvermögen« stehe, dessen Großmama gelegentlich vor Bekannten Erwähnung tat – das Gut, das schöne große Iserndorf, das schon fünf Generationen Benrathscher Besitz gewesen, das blieb doch immer.

Und schließlich: in welcher Familie gibt es keine Schwierigkeiten. Brita bereute fast, so ehrlich gesprochen zu haben. Mit einer beinah flüsternden Stimme schloß sie:

»Was ich Ihnen eben erzählt habe, braucht ja die Welt nicht alles zu wissen. Ich glaube aber, daß Sie es besonders gut mit mir meinen und deshalb war ich so offen zu Ihnen.«

Nun griff er doch nach ihrer Hand, der Linken, die ihm zunächst war, und drückte sie – hastig, heftig.

»Sie haben keinen ergebeneren Freund«, sprach er.

Ihre Offenheit berauschte ihn. Er kannte sie schon genug, um zu ahnen, daß sie tapfer ihren Hochmut hatte niederkämpfen müssen, um so wahr zu sein.

Wie kam ihre Seele ihm entgegen! Tat sie es unbewußt?

Mehr wollte er von ihr wissen, immer mehr.

Nun fuhren sie im raschen Rollen durch den rotgelben Herbstwald. Der Tag hatte all seine Stunden wie in ergebener Resignation still vertrauert. Jetzt, da er schied, erfaßte ihn noch plötzlich eine unruhvolle Lebendigkeit. Windstöße raschelten oben durch die Baumkronen und streiften eine Unmenge Blätter vom Gezweig. Die rieselten und wirbelten nun spielerisch herab und bewarfen das weiße den von farbigem Laub tunnelartig überwölbten Weg entlang huschende Gefährt und die beiden Vermummten darin mit bunten Flecken.

Dann hatte der gespenstische Wagen den Wald durcheilt. Weiter glitt er, wie von einem Zauberatem vorwärts geblasen. Nun bog er um und behielt die Säulenmauer der grauen Stämme, zwischen denen die orangefarbenen Teppiche des Herbstes hingen, zu seiner Rechten. Links aber breitete sich ein Streifen cremeweißen Sandufers, der in sanftem Schwünge die leise sich ins Land hineinschiebende Bucht umschloß. An ihr, im Rücken der Dahinfahrenden, sah die weiße Front des Herrenhauses von Rote Heide hinaus übers Wasser.

Und auch auf der Fläche dieser Bucht hatte die melancholische Unbewegtheit eiligem Leben weichen müssen. In weißen Linien kamen die Wellen rasch heran. Eine folgte der andern und drängte sich in ihre nasse Schleppe hinein.

Der perlgraue Himmel hatte all seine blendende Kraft verloren, er beizte das Auge nicht mehr, er tat ihm wohl, wie schonend verhängtes Licht tut.

Und so zutraulich machte er das Gemüt – die ganze Natur war von einer tröstenden Stimmung erfüllt.

All ihre Herbsttrauer schien sich in kraftvollen Frieden verwandelt zu haben.

Der Mann fühlte sich dem holden Geschöpf an seiner Seite so nahe.

Das Verlangen, sie in seine Arme zu nehmen und ihre roten Lippen zu küssen, die ganze junge, schöne Gestalt an sich zu pressen – diese schwüle Begier nach ihr schwoll ihm in allen Adern.

Ihm war, als müßte sein Verlangen auf sie hinüberwirken durch die bloße, feurige Gewalt – auch ohne daß er es verriete ... Als müßte sie gleich ihren Schleier zurückschlagen und ihm ihren Mund anbieten ...

Was weiß sie von mir? dachte er, zwischen Mut und Furcht jäh hin- und hergerissen. Oh, doch, sie weiß sehr viel. Sie liebt meine Werke. Ich bin reicher als andere Männer – habe tausend Vorteile vor Ihnen voraus –, wer meine Werke kennt und liebt, ist mir schon nahe, dessen Herz ist schon auf dem Weg zu meinem Herzen ...

Er wollte sie etwas fragen. Und zitterte, als könne die Antwort all seine Erfolge auslöschen. Was sind all unsere Kronen, dachte er, die Unsicherheiten einer neuen Liebe nehmen sie uns – machen aus uns Siegern arme bebende Debütanten ...

Er begann, fast heiser vor Aufregung:

»Ihre Großmama sagte mir, Sie liebten meine Werke. Sie können nicht alle lieben, denn die meisten richten sich an reife Menschen – vielleicht an Männer – obgleich, wie es so in Deutschland ist, wo der Mann im allgemeinen wenig liest – wir sind noch nicht so weit wie in Frankreich und Skandinavien – es wird bei uns noch vielfach zu hart und einseitig für die äußerliche Kultur gearbeitet. – Ich wollte sagen: aus Frauenherzen, obschon ich nicht direkt an sie mich wandte, kam mir doch das stärkste Echo.«

Brita hörte und wurde schrecklich verlegen. Wenn doch Großmama die verbindlichen Redensarten lassen wollte ... Nachher wurde man darauf festgenagelt ...

Brita wußte von sich: sie war gewiß kein wertvoller Mensch. Sie lebte so in den Tag hin, zwecklos, nicht gut, nicht schlecht. Was sollte man auch mit sich anfangen?

Ja, sie war sich sogar bewußt, daß es keineswegs ideal sei, wenn sie sich glühend ein gesichertes Leben wünschte und immer dachte, sie würde den ersten Heiratsantrag annehmen, wenn er ihr genug Vorteile böte.

Aber aufrichtig wollte sie doch sein. Sie sah an Großmama, was so alles aus den unbedenklich hinausgesprochenen Komplimenten und Versprechungen entstehen konnte.

Und besonders wollte sie den Mann nicht anlügen. Ihr kam es so schrecklich unter seiner Würde vor.

Und so rüstete sie sich innerlich auf die Antwort, die sie der zu erwartenden Frage geben mußte.

Jetzt kam die Frage.

Brita kannte den Mann zu wenig – wohl überhaupt keine Männer so, daß sie die Symptome höchster seelischer Erregungen an ihnen zu erraten oder zu verstehen vermochte. Sie ahnte nicht, wie scheu die Frage kam. Sie sah nicht, wie hinter der Schutzbrille die Augen brannten, nicht, wie die Nasenflügel bebten.

»Welches von meinen Büchern lieben Sie am meisten?«

»Sie wissen ja, daß Großmama so viel hinspricht – aus liebenswürdiger Gesinnung, um jemandem im Moment was angenehmes anzutun,« sagte Brita und schlug ihren Schleier zurück und sah der Schutzbrille fest in die Gläser – das Menschenauge dahinter erriet sie ja nur an dem feuchten Glanz in der häßlichen Umrandung – »ich habe nur Ihren Roman ›Simson‹ gelesen und den auch nur zufällig und nur bruchstückweise. Herr Stevens brachte mir manchmal eine deutsch-amerikanische Zeitung mit. Die hatte den Roman wohl gestohlen – nicht wahr?«

»Ja – gestohlen!« sprach er in jubelheller Freude.

All seine klägliche Angst vor dieser jungen Richterin, der sich seine ganze, erfolggekrönte Schriftstellerlaufbahn in Demut hatte unterwerfen wollen, all dies bebende Lampenfieber, das ihm den Männerstolz nahm und seiner Seele jede Sicherheit raubte – es war plötzlich einem Rausch von Entzückungen gewichen.

Ihre Aufrichtigkeit war anbetungswürdig!

Sie war also nicht nur ein bezauberndes Geschöpf voll unvergleichlicher Jugendanmut und Schönheit.

Sie war mehr – war ein Charakter ...

Und die Tatsache, daß er ihre Begeisterung, ihr Verständnis für sein Schaffen noch ganz und gar zu erobern hatte, beseeligte ihn.

Ihm war, als habe er für sein Liebeswerben nun ungeahnt neue, reiche Waffen bekommen.

»Ich darf Ihnen meine Bücher bringen?« fragte er heiß und drängend, als erbitte er eine Gunst von unberechenbaren Folgen.

Sie lächelte glücklich.

»Ich werde sehr stolz sein, sie vom Autor selbst zu empfangen«, sagte sie mit dem Ausdruck, wie jedes junge Mädchen, jede Frau hierauf geantwortet hätte.

Wieder bog der huschende weiße Wagen in den Wald und ließ die Bucht hinter sich, wo mit wichtigem Rauschen noch so viel eilige Wellen ans Ufer mußten, bevor es völlig Abend ward. Und der lauerte schon im Wald und mußte gleich herauskommen mit seinen sachten Schritten und seinen weitausgebreiteten, riesengroßen, grauen Fledermausflügeln ...

Sie glitten zu ihm hinein – nun stumm Seite an Seite.

Es war, als ob sie sich einem Geheimnis näherten – in ein Schweigen hineindrängen – es war vor ihnen im dunkelnden Wald, es war aber auch zwischen ihnen.

Und sie wagten nicht, es aufzuhellen – obgleich sie vor Ungeduld brannten ...

Das Mädchen wartete – wenn auch nicht mit zitterndem Herzen, so doch voll nervöser Unruhe.

Und von dieser Spannung ganz entmutigt und ermattet, dachte sie zuletzt:

»Sollte Großmama sich doch irren?«

Einen Antrag geradezu hatte Brita ja auf dieser Fahrt nicht erwartet. Da saß doch vor ihnen der Chauffeur und konnte vielleicht etwas auffangen.

Aber man kann auch ohne ein klares Wort deutlich von Wünschen sprechen ... Brita war bereit gewesen, ihnen verheißungsvoll und bejahend zuzulächeln ... Ohne Herzklopfen, aber in angenehmer Gehobenheit ... Welches Mädchen schlüge auch einen Hendrik Hagen aus! Freilich, er war fast sechsundzwanzig Jahre älter als sie. Aber das kam ja oft vor.

Und nun hatte er nichts, gar nichts gesagt, an das sie sich halten konnte. Warten ist immer schwer. Und wie schwer erst, wenn man im Trüben so hinlebt und denkt, es soll sich glänzend aufhellen.

Der Mann bezwang sich mit rasender Anstrengung.

»Es wäre unrecht,« dachte er, »sie kennt mich noch nicht ...«

Und sie waren auch nicht allein ...

Vor ihnen, krumm, die Hände am Rad, saß der Lenker und ließ den Wagen eilen und um scharfe Kurven biegen und die geraden Wegeslinien entlang sausen; scharf durchschnitten sie die dunkelnde Luft. Und hinter ihnen wölkte übelriechend Rauch und Staub.

So glitten sie durch den Abend und der Himmel schien auf sie herabzusinken, denn grau und schwer ward seine Farbe.

So kamen sie zurück.

Und dann noch ein hastiges Lebewohl – beinah ein gequältes, fast feindliches ... aus der Spannung heraus, in der zwei Menschen einander nicht mehr ertragen, weil sie sich das Höchste und Letzte noch nicht sagen und noch nicht geben dürfen ...

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