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Um ein Weib

Ida Boy-Ed: Um ein Weib - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleUm ein Weib
publisherPaul Franke Verlag
printrun55.-64. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071031
projectid5203551a
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II.

Der zerfließende in Kupferglut flammende rote Riesenfleck war vom Horizont nun ganz verschluckt worden und der Vorgarten des Rote Heider Herrenhauses lag licht- und schattenlos in seiner gefälligen Anordnung da. Sie lehnte sich ein wenig an den Rokokogeschmack an, und wenn auch die geschorenen Hecken fehlten, so waren doch die langen und runden Blumenbeete voll Symmetrie um den Mittelpunkt eines Springbrunnens geordnet. Es rieselte freilich zur Zeit kein Wasser aus den Mäulern der Fische, die einige Putten an Felsstücke hinanzuschleppen schienen, und die dunkelgrüne Bronzegruppe in ihrem hohen Aufbau ragte stumpf und trocken aus der stillen Wasserfläche, die eine kreisrunde Sandsteineinfassung umschloß. Auf all den Beeten, die von schmalen Buchskanten gegen die kiesbestreuten Wege abgegrenzt wurden, sah man noch bunte Farbenflecke, dünn gesät, oder dicht gedrängt, je nachdem die Blumen ihr letztes Blühen gegen das Heranschleichen des Herbstes zu verteidigen vermochten.

In der Front des Hauses, dem Blumengarten zugewandt, sprang eine große Terrasse vor, von einer Sandsteinbalustrade abgeschlossen und durch keinerlei Treppenstufen mit dem Garten verbunden. Der Eingang in das Haus befand sich seitlich, in einem architektonisch besonders kenntlich gemachten kleinen Vorbau.

Hier warteten der Bürgermeister und Doktor Berthold auf Hagen, der sich wieder von ihnen getrennt hatte, um sein Pferd hinten herum auf den Wirtschaftshof zu führen.

Sie brauchten nicht viel zu warten. Hagen bog schon bald vom Park her in das Haus.

Er war plötzlich gesprächig, fast ein wenig aufgeregt. Die Freunde sollten es sich nur gemütlich machen und ihn noch einmal fünf Minuten entschuldigen. Er wolle sein Reitdreß abtun. Er habe gerade ausreiten wollen, weil ihm das Verlangen nach starker, ja nach toller körperlicher Bewegung förmlich in allen Nerven gebrannt habe. Da sei, als er schon sozusagen den Fuß im Steigbügel hatte, Frau v. Benrath angefahren gekommen. Berthold und der Bürgermeister wüßten doch: Pastor Maurer predige einen Sonntag nachmittag in der Kapelle von Iserndorf und den anderen in der von Rote Heide und Frau v. Benrath besuche nicht mehr Maurers Gottesdienst in Breithagen selbst, wo Iserndorf und Rote Heide eingepfarrt seien. Sie könne und könne sich nun einmal mit der Baronin Wulkow-Breithagen nicht sehen, und in der Kirche von Breithagen übertrumpfe eine Dame die andere immer so sehr mit zornig-stolzen Blicken, daß Maurer selbst sich schon dadurch gestört gefühlt habe und seiner alten Freundin v. Benrath darauf anempfahl, sich doch nicht länger den friedlichen Verkehr mit dem lieben Gott so pikant durch den unfriedlichen mit der Baronin Wulkow zu würzen. Und nun wolle Frau v. Benrath einen um den anderen Sonntagnachmittag nach Rote Heide kommen und habe es für schicklich gefunden, gleich heute nach der Predigt bei ihm, als ihrem Gutsnachbarn vorzufahren. Der Grund dieser Höflichkeit sei aber offensichtlich die Begierde nach einer starken Tasse Tee gewesen, denn sie habe Kopfweh gehabt und ihr nervöses Frostgefühl in den Knien, woran sie ja immer leide.

Es war eine so lange Erzählung gewesen, so eilig und mit so viel versteckten Entschuldigungen darin, daß der Bürgermeister beinahe wieder »ei – ei« gedacht hätte, besonders auch, weil Hendrik Hagen von der jungen Dame keine Silbe sagte.

Aber hier, in diesen Räumen verlor sich jeder verdächtigende Scherzgedanke wie von selbst.

Da sah von der Wand ein Frauenbild herab ...

Sie befanden sich in Hendrik Hagens Arbeitszimmer. Es lag neben dem großen Salon und ging gleich ihm auf die Terrasse hin. Draußen standen noch die englischen Korbsessel und die kleinen Tische und die Liegestühle. Man hatte noch die ganze Sommerausstaffierung dagelassen, auch die Kübel mit den Araukarien und die Blattpflanzengruppen an der Balustrade.

Im Arbeitszimmer herrschte nun starke Dämmerung und verband die Farben und Formen zu einer traulichen Wärme. Der große Schreibtisch stand quer vor dem breiten Fenster. Er war, trotz der Papierstöße und Schreibgeräte, die seine geräumige Platte bedeckten, doch leidlich aufgekramt. Die Glastür, die auf die Terrasse führte, stand weit geöffnet. Kraftvolle Abendfrische kam herein.

An den Wänden Bücherreihen ringherum. Die Ausstattung die übliche eines Herrenzimmers. Und über dem Sofa, wie eingelassen zwischen die hervorspringenden Bücherregale, eben das Frauenbild.

Eine blasse, dunkeläugige Frau mit einem zu weichen, zu klagenden Ausdruck. Das Lächeln wirkte erzwungen. Die edle Gestalt war im Glanz weißer Seide, echter Spitzen und schöner Juwelen dargestellt. Ein seltsames Bild: zum Prunk gemalt, zärtliches Leid darstellend ...

Vielleicht sahen die beiden Männer das auch nur hinein, weil sie zu viel wußten ...

Nun kam der Diener, brachte Lampen, zog die Vorhänge zu und wandelte damit die langsam hinsterbende Melancholie der Herbstdämmerung in ein winterliches Behagen.

Und dann trat Hagen ein; überraschend fröhlich schien er, geradezu munter.

Sie waren auf ernstes Wesen, auf Verstimmung, auf den Ausbruch leidenschaftlicher Sorgen gefaßt gewesen.

Anstatt dessen beriet Hendrik Hagen mit dem Bürgermeister, was jetzt getrunken werden solle und was man nachher beim Abendessen trinken könne, er, der Bürgermeister, müsse es wissen und sagen, weil doch das Haldenwangsche Frühstück und die dabei geleisteten Weine weislich mit in Erwägung zu ziehen seien. Mandach schlug eine vornehme Röte vor. Wenn Zum Beispiel noch von dem 89er Haût Brion im Keller sei, so käme der als Geburtstagswein gewiß in Frage, denn er, der Bürgermeister, nähme ohne weiteres an, daß an seinem Wiegenfeste seinem Freunde Hagen keine Sorte zu schade sei.

So saßen sie denn bald um den Tisch, auf dem neben der Karaffe die Originalflasche stand. In ihrem dunkelgrünen Glase sah man, wie köstlich der Wein abgesetzt hatte, und die Lübecker Firma auf der Etikette verbürgte die Qualität. Mandach hatte langsam den Wein in die Karaffe gegossen mit dem völligen Bewußtsein von der Wichtigkeit der Handlung, die dem alten Wein die letzte Poesie des Geschmacks geben sollte, weil der Langgelagerte ein paar Augenblicke gleichsam durch Luft fließen mußte, um die rechte Feinheit für die erfahrene Zunge zu bekommen.

Sehr tiefsinnig sah Mandach nun auf die leere Rotweinflasche, nahm sie in seine weiße fleischige Hand, als wollte er das gefällige, dunkelgrün schimmernde Säulenrund von Glas liebkosen und fragte mitten hinein in ein Gespräch Bertholds und Hagens über den Pächter von Rote Heide:

»Wer war die junge Dame?«

Zugleich blitzte sein heller Blick scharf über Hendrik Hagens Gesicht hin. Und sah, wonach er so rasch und kurz aufspähte: Hagen errötete wieder!

»Das war Brita Benrath«, sagte er.

»Was heißt: Brita Benrath?« wiederholte der Bürgermeister, »das sagst du, wie man sagt: Kaiser Wilhelm. Oder: Theodore Roosevelt. Mir ist der Name Brita Benrath nicht so weltbekannt. Ich bitte ergebenst um Zusammenhang. 'ne Tochter kann das doch nicht sein? Hab' nie was gehört. Wär ja auch nicht möglich. Eher Urenkelin.«

»Enkelin der alten Frau v. Benrath«, sprach Berthold, der nach dem Namen sofort völlig orientiert war und aus einer, ihm selbst nicht klaren Empfindung heraus sich gedrängt fühlte, Hagen die Antwort abzunehmen. »Der jüngste Sohn der Benraths war ja der einzige, der groß wurde, nachdem die ersten beiden jung weggestorben. Aber er war ein unruhiger Kopf. So Handwerksburschenblut könnte man beinah sagen. Kein seßhaftes Wesen. Für sowas hat die moderne Zeit gebildeten und bemittelten Leuten sehr was Kleidsames an die Hand gegeben: Forschungsreisen. Benrath hat Amerika und Afrika mehrfach durchzogen. Resultat: ein paar Bücher. Wert: Literatur des überflüssigen. Irgendwie und wo hat er auch mal Zeit gefunden, zu heiraten. Kann sein in Nordamerika. Die Frau ist vor zwei Jahren gestorben. So ist denn nun die Tochter zur Mutter ihres Vaters gekommen? Wissen Sie etwas davon, wo der Vater jetzt lebt? Denn leben muß er wohl noch, sonst hätte man's ja erfahren. Vom Tod erfährt man immer. Vom Leben seltener.«

»Ich mochte nicht fragen,« sagte Hagen, »es ist manchmal so heikel, nach Menschen zu fragen, die mehr fern von ihrer Familie leben als bei ihr.«

»So im Vorbeifahren schien mir diese Brita Benrath ein schönes Kind zu sein«, bemerkte der Bürgermeister.

»Sie ist sehr schön«, sagte Hagen kurz.

Der Ton verbot jede weitere Bemerkung, und der Bürgermeister schluckte auch deshalb sofort herunter, was ihm von »Muse« und »vorhandener Vakanz für eine solche« auf den Lippen gewesen war. Aber es entstand wieder eine ganz unerklärliche Pause, bis Berthold fragte:

»Also Andree Marschner kommt zurück? um zu bleiben?«

War es nun Zufall oder war es in Verbindung mit einem Gedankengang: Hendrik Hagen richtete die Blicke zu dem Bilde empor, das über dem Sofa hing. Vor dem weißen Seidenkleid der gemalten Frau, unterhalb ihrer Knie hob sich jetzt der große, sehr runde, blonde Kopf mit dem rosigen Gesicht des auf dem Sofa breitspurig und behaglich sitzenden Bürgermeisters ab. Und die hohe, orangefarbig umhangene Lampe auf dem Tisch sandte nur ein geringes Licht bis zu dem bleichen lächelnden Leidensgesicht hinauf.

»Er kommt. In einigen Tagen. In acht Tagen. Ich weiß es nicht. Ich erhalte noch ein Telegramm. Ob er bleiben will, weiß ich nicht. Ich kenne nichts von seinen Plänen, Neigungen, Wünschen«, sagte Hagen langsam.

»Was? Ihr seid außer aller Verbindung gewesen? Habt nicht mal korrespondiert?« rief der Bürgermeister überrascht. So etwas von Sichmeiden, worin ja auch zugleich ein Sichbeherrschen läge, war ihm unfaßlich. Wenn man sich dann haßt, wirft man sich wenigstens öfters mal seinen Haß gegenseitig an den Kopf; das ist auch eine Genugtuung.

»Wir haben immer korrespondiert und wir haben uns jedes Jahr längere Zeit gesehen, hier und auf Reisen. Aber wir haben uns niemals voneinander etwas mitgeteilt.«

»Die Tatsache, daß er Landwirt wurde und diesen Bildungsgang mit großer Konsequenz verfolgte, schien mir immer darauf zu deuten, daß er Rote Heide selbst zu bewirtschaften denkt,« meinte Berthold, »der Vertrag mit dem jetzigen Pächter läuft ohnehin Ostern ab.«

»Vielleicht,« sagte Hagen, »vielleicht wünscht er mir auch seinen Anteil an Rote Heide zu verkaufen und sich anderswo ansässig zu machen. Ich wäre, wie Sie wissen, Berthold, seit zwei Jahren imstande, ihn auszuzahlen. Als ich Nadine heiratete, war ich noch fast arm. Meine Erfolge sind seither gestiegen, sie sind ansehnliche geworden. Und damit bin ich auch zu Vermögen gekommen.«

Berthold hatte einen Gedanken, der sein außerordentliches Feingefühl geradezu in Aufruhr brachte. Aber er kleidete ihn in eine sehr vorsichtige Frage.

»Wollen Sie eventuell Ihrem Stiefsohn diesen Vorschlag machen?«

Über Hagens Gesicht ging rasch ein Ausdruck von Abwehr – wie aus der Aufwallung eines Schmerzes oder eines Stolzes.

»Nein,« sagte er, »ich nicht – nicht jetzt. Mir wär's eine Kränkung unserer teuren Toten, wenn ich fast an dem Tage, für den sie solche Möglichkeit gestattet, an den Verkauf von Rote Heide oder an eine glatte Trennung von Andrees und meinen Interessen dächte. Alles in dieser Richtung soll und muß von ihm, dem Sohn, kommen. Aber wenn er es wünschte: ich wäre sehr bereit. Das wollte ich nur sagen. Ich liebe dieses Heim, diese Landschaft über alles. Meine besten Schaffensstunden habe ich hier gehabt. In der feierlichen Stille, an dieser Küste entstanden die Werke, die meinen Namen durch die Welt trugen und mich mit dem Erfolg, den sie hatten, zum unabhängigen Mann machten. Ich kann mir kein Dasein denken, das ich mir dauernd fern von Rote Heide sollte zurechtzimmern können.«

Berthold war zufrieden. Er, der in die heißen Wünsche einer Sterbenden hineingesehen, so deutlich, als läge ihre zitternde Seele nackt und körperlich vor seinen Augen, er hätte es als Plumpheit ohnegleichen empfunden, wenn die feindlichen Männer in der ersten Stunde, die sie voneinander losketten konnte, sogleich förmlich auseinander gelaufen wären.

Aber er sah eine Schwierigkeit, die Hagen sich gar nicht klar zu machen schien.

»Auch Andree liebt Rote Heide über alles«, sprach er leise.

»Kann ein junger Mensch so lieben wie ich liebe?« fragte Hendrik Hagen mit einem fast triumphierenden Lächeln, »hat dieser Boden mehr für ihn als die Erinnerungen der Kindheitsfreuden? Ist mir aber nicht jeder Baum ein Freund? Jeder Ausblick eine Offenbarung? Jeder Raum ein Tempel? Ist mir nicht mit jedem Reiz des Hauses und des Gartens eine dichterische Stimmung verknüpft? Spricht mir nicht alles von schöpferischen Stunden? Und von der Liebe einer teuren Toten? Wenn seelische Ansprüche in Dokumente umgesetzt werden könnten, mit deren Beweiskraft man Prozesse zu gewinnen vermag – ach liebster Berthold – selbst Ihre forensischen Künste könnten mir meine heiligen Ansprüche an diesen Erdenfleck vor keinem Richterstuhl der Welt abstreiten.«

»Und wie soll dies werden?« fragte der Bürgermeister praktisch dazwischen, nicht ohne nebenbei die Karaffe zum Licht zu heben, um sich zu vergewissern und den Hausherrn sacht darauf aufmerksam zu machen, daß kaum noch ein Glas voll darin sei.

Nun geschah das, was Doktor Berthold nicht verstand, niemals für möglich gehalten hätte.

Ein geheimnisvolles Lächeln verklärte die Züge des Mannes und gab ihnen den Zauber der Jugend... Tausend Erinnerungen strahlten aus diesem Lächeln.

»Vielleicht kann es besser werden und schöner, wie wir je gedacht«, sprach er, ohne den Blicken der anderen Männer zu begegnen. Wie voll Andacht fuhr er fort:

»Vielleicht erfüllt sich alles, was Nadine gehofft hat. Auf jene grausame, rätselvolle Weise vielleicht, wie viele Herzenswünsche sich erfüllen. Die ruhige Seele gewährt, was die in heißen Flammen lebende nicht konnte. Man kann der Geliebten schenken, was ihre Liebe begehrte – wenn das eigene Empfinden klar, still, nur noch ein Traumleben ist ... Es gehört zu den tiefsten und feinsten, zu den unerklärlichsten und härtesten Phänomen des Seelenlebens, das wir oft verstehen, wenn das Verständnis zu spät kommt. Und doch muß das Verstehen schon in uns gelegen haben ... Aber vor Leidenschaft kamen wir nicht dazu, es aus unserem Herzen heraufzuholen ... Jetzt versteh' ich Nadine – jetzt – und wenn es auch zu spät ist, ihr selbst das zu zeigen ... ihr letzter Wille kann sich erfüllen. Ich will versuchen, mit ihrem Sohn in Liebe und Frieden zu leben.«

»Das heißt,« dachte Berthold atemlos, »das heißt...«

Aber er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Er war ihm fast ungeheuerlich.

Der Mann folgte seinem Verlangen, sich zu offenbaren – vielleicht trug ihn auch die Begierde nach Klarheit. Indem er wagte zu sprechen, wagte er auch deutlicher dem eigenen Gemütszustand ins Gesicht zu sehen. Und Empfindungen wurden fester, zeigten erkennbare Linien, wenn er ihre schwankenden, nur halb eingestandenen Unsicherheiten in Worte kleidete.

»Kein Mensch, vor allem kein Mann kann jahrelang in immer den gleichen Affekten leben. Man kann sein Dasein nicht in ständigem Pathos hinhalten lassen wie eine starke Rede. Jede Hochflut ebbt ab. Eine Liebe kann nicht über ein Grab hinaus leben ohne jede Nahrung. Erinnerung ist kein Lebensbrot. Das ist allein die Hoffnung. Liebe zu einer Toten hat kein Fleisch und kein Blut. So muß sie sich, wie das Bild der Toten selbst, ins Englische verklären. Sie hört auf Leidenschaft zu sein. Und noch zu leiden um einer Leidenschaft willen, die ausgeatmet hat, das ist gegen die Natur – gegen meine! Wohl gegen die eines jeden Mannes.«

Er seufzte schwer auf und es schien, als versuche er sich zu zügeln, als erkenne er, daß er im Begriff war, sich zu weit fortreißen zu lassen. Ja, er besann sich plötzlich auf die Gefahr, die gerade für ihn darin lag, sich als Mensch mitzuteilen: er war als Schriftsteller zu sehr gewöhnt, für jedes Gefühl die schildernden Worte zu finden, jede Empfindung zu analysieren. Er wollte sich nicht selbst zum Objekt machen vor diesen beiden Männern, so sehr er auch den einen verehrte und so sehr »guter Kerl« ihm auch der andere war.

So sagte er nur nach kurzer Pause:

»Auch Andree hat sich vielleicht zu ähnlichen Erkenntnissen durchgerungen, auch er beweint vielleicht seine Mutter nicht mehr in eifersüchtiger Leidenschaft, sondern in dankbarer Wehmut. Und vielleicht, da er nun ein Mann ist, hat er begriffen, daß seine Mutter mich lieben konnte, ohne ihn zu berauben. Wie ich begriffen habe, daß Nadines Liebe zu mir doch von elementarer Ganzheit war, trotzdem ihr Frauenherz das verklärte Bild des ersten Gatten oft noch deutlich vor sich sah.«

Mit dem Spürsinn für seelische Wandlungen und Übergänge, den Berthold in seinem Beruf zu einem fast nie versagenden Instrument ausgebildet hatte, begriff er: Der Mann sehnte sich danach, eine Lebensepoche zum Abschluß zu bringen, weil ihm ahnte, daß sein Schicksal ihn in eine neue hineinzureißen begann. War es möglich, züngelte da scheu das Flämmchen einer neuen Liebe auf? Und konnte eine solche Tatsache, wenn sie erst dem Sohn offenbar ward, diesen wirklich versöhnen, ihm wirklich noch nachträglich die grollende Eifersucht aus dem Herzen nehmen? Würde er nicht vielmehr in die Seele seiner toten Mutter hinein sich beleidigt fühlen? Alle vergangenen Leidenschaften und Kämpfe nur als Komödie empfinden? Bloß um des Umstandes willen, weil der Vorhang über ihnen fallen sollte? Denn Jugend kann kein Ende begreifen: keins des Glücks, keines der Liebe. Ihr werden nur Ewigkeiten. Sie hat noch nicht an sich erfahren, daß auch eine Seele, wie die Natur, ihre Jahreszeiten hat, die sich wiederholen ...

Während Berthold so grübelte, sagte Hagen als Abschlußwort:

»Seltsam ist es, wenn man so plötzlich erkennt, daß schon Vergangenheit ist, was wir uns noch lange, lange als ein Gegenwärtiges zu halten suchten.«

Mandach streckte seine weiße Hand aus und drehte sie mit gespreizten Fingern ein paarmal hin und her, wie es so seine gewohnheitsmäßige, verneinende Geste war. Und aus den Erfahrungen seiner robusteren Seelenkunde heraus, die sich von der grüblerischen Bertholds lebhaft unterschied, sagte er:

»Vergangenheit is nich. Jede Stunde kommt mal wieder und präsentiert 'ne Rechnung.«

Hagen lachte hell auf. Ganz jäh war er von funkelnder Lebensfreude durchbraust.

Und das Bild, das der Bürgermeister brauchte, erweckte sein Vergnügen.

»Ja, mein alter Junge, dir hat wohl manche vergangene Stunde ihre Rechnung präsentiert. Drängt sich dir der Vergleich aus einer gerade vorliegenden Situation auf? Bitte, verfüge über mich.«

»Erlaube mal – zur Zeit vollkommen rangiert!« sagte der Bürgermeister stolz, setzte aber doch würdig und voll Haltung hinzu:

»Das heißt: ich hoffe es.«

Denn eine undeutliche Erinnerung schwebte so an ihn heran, als könnten am ersten Oktober vom Weinhändler und vom Zigarrenlieferanten längliche Rechnungen kommen ... Nun, das würde sich finden ... es fand sich immer.

»Und nun, lieber Berthold,« sagte Hendrik Hagen aus seiner freudigen Erhobenheit heraus, »brauche ich wohl kaum mehr zu erklären, weshalb mir's eine gute Schickung war, daß ich Sie heut traf. Denn was ich Ihnen ans Herz legen will, bespricht sich besser beim Glas Wein hier in meinem Zimmer, als mit geschäftsmäßigem Eifer in Ihrer Sprechstunde.«

»Ich soll auf Andree einwirken«, sprach Berthold.

Hagen nickte.

»Er konferiert doch immer mit Ihnen. Sie waren sein Vormund, Sie sind Nadinens Testamentsvollstrecker, Sie legen Andree immer Rechnung ab. Er hat Vertrauen zu Ihnen. Vielleicht offenbart er Ihnen früher als mir seine Pläne. Kommen sie den meinen entgegen, werden Sie ihm raten, offen und warm zu mir zu sprechen. Laufen sie den meinen zuwider, werden Sie versuchen, dem jungen Mann die seelischen Ansprüche und Bedürfnisse des älteren Mannes, des schaffenden Mannes verständlicher zu machen.«

»Sie können sich auf mich verlassen«, sagte Berthold und sah dem andern so fest und klug in die Augen, und über sein schmales, sich nach unten vorbauendes Gesicht ging ein so weiches Leuchten, daß Hendrik Hagen ihm die Hand über den Tisch hinstreckte.

Er fühlte: Der da war sein Freund und ahnte viel von ihm.

Nun kam plötzlich eine sehr behagliche Stimmung auf. Sie waren drei gescheite, wortgewandte Männer beisammen, die auch nicht davor zurückschreckten, sich neckend eins auszuteilen.

Und die Seele Hendrik Hagens war in der letzten Stunde durch so viel wechselnde Stimmungen hingetragen worden, daß sie nun wie in einem Gefühl übergroßen Lebensreichtums schwelgte.

Sie gerieten in eine wahre Knabenfröhlichkeit hinein. Sie vergaßen ihre Taufscheine, der eine seine überreife Stattlichkeit und die kahle Scheibe zwischen seinem Blondhaar und der andere das Dunkelsilber seines Bartes und seines Hauptes. In sich hatten sie allen Glanz der Jugend. Und der zwischen ihnen, der schließlich doch zehn Jahr weniger zählte als der Bürgermeister und der Dichter, wirkte vermöge seiner gleichmäßigeren Art keineswegs jünger als sie, die überschäumende Korpsstudentenerinnerungen nur so umherspritzen ließen und die eigenen Streiche und die anderer genossen, als seien es Streiche von gestern.

Der Diener kam und meldete, daß angerichtet sei. Mandach hatte auch schon den prachtvollen, feinnuancierten Appetit, wie er sagte, den man ein paar Stunden nach einem glänzenden Frühstück haben müsse.

Es ging durch den Salon in das Speisezimmer, das als dritter und letzter Raum in der Front nach dem Vorgarten zu lag.

Im Salon brannte eine etwas kläglich-einsame Lampe, nur um dem Durchgang zu leuchten und die drei Fenster der Glastüren, welche auf die Terrasse führten, waren nicht verhangen.

So sah man draußen einen fast aufdringlich hellen Mond am Himmel.

»Einen Moment«, bat Hendrik Hagen und öffnete die mittelste der Türen.

Sie traten auf die Terrasse und gingen bis an die Balustrade.

Vor ihnen, hinaus über dem Garten, dem grünen Geländestreifen mit der kärglichen Rasennarbe und dem weißen Strand, den dünenartigen Sandwellen, breitete sich eine blanke, schwarze, unendliche Fläche, die fern draußen gegen eine Wand von tiefstem Blaustahl stieß. Und hoch oben an dieser Wand glänzte gelbweiß, mit wohlwollendem Lächeln ein Kugelgesicht, die Mondscheibe. Es sah aus, als lächle sie amüsiert herab auf all das Silber, was von ihren Wangen herabgeflossen und ins Meer getropft war. Da funkelte und zitterte es nun, wie ein blanker, unruhiger, geradliniger Bach, der direkt auf dieses Ufer zuströmte.

Eine leise Musik erfüllte die Nacht. Ein sanftes Rauschen war es, ein Gemurmel, wie wenn tausend ferne Stimmen im Chor ihr Abendgebet flüstern und die Töne schon vor Müdigkeit zart und verhallend werden.

Mit solchen milden Lauten rauschte das Meer dem dunklen Ufer Schlummerlieder zu.

Und weil diese Musik war wie alle große Musik, so konnte jedes lauschende Herz hineinhören, was herauszuhören sein Verlangen war ...

Hendrik Hagen stand und horchte wie verzaubert.

Das zutrauliche Mur-mur der herangleitenden und zerrinnenden Wogen umschmeichelte ihn mit unbestimmten Wohlgefühlen. Es schläferte die Gedanken ein. Es machte das Herz still – so still, wie es sein muß, wenn es auf neue Lebenstöne lauschen soll ....

Die friedsame Schönheit des vom Silberband des Mondscheins in zwei riesige, steinkohlenblanke Flächen geteilten, nächtlichen Meeres wirkte auch stark auf den Bürgermeister.

Ihm kam eine Idee. Raketenartig, energisch, wie alles bei ihm.

Die Finanzen der Stadt Wachow befanden sich, gleich seinen eigenen, in recht bedrängten Umständen. Nur, daß er als Stadtvater den Überblick und die Fürsorge besaß, die er als Privatmann nie gehabt hatte und wahrscheinlich auch nie erwerben würde. Er war immer bedacht, das Wachower Budget in glänzender Ordnung zu halten und dem Gemeindehaushalt neue Mittel zuzuführen. Es war offenkundig, daß er sich gewissermaßen als Freund und Erbschleicher bei der uralten Konsistorialrätin Klinghammer installiert hatte, um ihr ein Testament zugunsten der Stadt Wachow abzuringen, weil doch ihre sehr reichen und ihr persönlich gar nicht bekannten Urgroßneffen und Urgroßnichten den Mammon nicht brauchten.

Und nun hatte er wieder eine Idee.

»Hör' mal, Berthold,« sprach er mit seinem gewaltigen Grundbaß in die Nacht hinein, »das Gelände hinter Park und Wirtschaftsgebäuden von Rote Heide ist doch Wachowsch?«

»Leider Gottes,« sagte Hagen, der von dem Anprall der enormen, dunklen Stimme an sein Ohr sich aus seinen unbestimmten, köstlichen Träumen gerissen fühlte, »wie 'ne lange, schmale Zunge reckt sich da das Wachower Gemeindeland in Rote Heider Besitz hinein. Schon Nadine hat vergebens versucht, es den Wachowern abzuknöpfen. Seither konnte ich ja keinerlei Versuche mehr machen, weil ich nicht Alleinbesitzer von Rote Heide war. Aber ich hoffe, wenn die Lage nun so oder so geklärt wird, daß ich selbst oder mit Andree als Miteigentümer das Angebot erneuern kann. Und da du nun der Bürgermeister bist, wird man ja mit dir ein verständigeres Wort reden können, als mit deinem Vorgänger. Die Wachower können doch Geld brauchen.«

Der Bürgermeister machte seine abwehrende Geste, man sah die gespreizten, weißen Finger sich im Mondschein bewegen.

»Welche Stadt verkauft ihren Zugang zum Meer,« sagte er großartig, »is nich, mein Lieber. Ich hab' da eben einen Einfall ... hör' mal, Berthold ... wir gründen eine Gesellschaft. Meinetwegen eine mit beschränkter Haftung. Wir bauen da auf das Stück Wachower Küste ein Kurhaus – nich' so'n Familienpensionat, nich' so'n Bad, wo die guten Bürgersleute in den Ferien mit ihren acht bis zwölf Kindern billig leben und Wäsche sparen wollen und wo man für zwei Mark fünfzig von Flundern und Pellkartoffeln und Hering lebt – nee! Was feudales. Genre Heiligendamm. Bloß mit Einsamkeit bei. Einsamkeit ist Mode. Ein Prachthaus, Prachtweine, Prachtküche. Verbindung von Mecklenburg und Paris – ich mein' die Küche! Und hohe Preise. Nobelste Klientel. Automobilverbindung von Bahnhof Wachow nach Wachow les bains gratis. Denn darin sind ja selbst die reichsten Leute manchmal komisch: Der Wagen von der Station ärgert sie. Und Spielplätze für jeden Sport. Und eine Mole, damit Jachtingmenschen herkommen. Na? ...«

»Ach,« sagte Berthold, »das klingt wohl. Aber wir haben ja kein Geld zu solcher Gründung in Wachow. Wer soll da was 'reinstecken.«

»Daß meine alte Gönnerin, die Konsistorialrätin, fünfzigtausend zeichnet, will ich schon jetzt garantieren. Frau Marya, die wohlhabende Wittib ... hör' mal, Hagen, bei der mußt du werben fürs Unternehmen. Deinem Augenaufschlag widersteht sie nicht.«

»Werde mich hüten,« lachte Hendrik Hagen, »ich soll helfen, daß man mir hier hinter meinem Rücken so'n Etablissement herbaut... die Landschaft verschandelt...«

»Weißt du was,« sagte eifrig der Bürgermeister, »nimm für fünfzigtausend Mark Aktien. Dann hast du fünfzig Stimmen und kannst einigen Einfluß auf die Gestaltung der Dinge nehmen. Denn durchsehen tu' ich es – –«

Er brannte vor Tatkraft. Ja, die Sache mußte werden.

Und da nun so das praktische Leben mit Ziffern und Plänen hineingeplatzt war in den Zauber der Mondscheinnacht, verließ man die Terrasse und begab sich zu Tisch.

Der Bürgermeister, mit dem Fortissimo seiner Überzeugung und seines Organs, fuhr fort, vor den anderen beiden Männern die Möglichkeit eines solchen Unternehmens darzulegen. Er zog aus seiner inneren Rocktasche ein Blatt Papier, das er, nicht ohne Vorsicht, zwischen allerlei Briefumschlägen und Zetteln heraussuchte – Vorsicht, wegen der etwaigen Rechnungen, die dazwischen sein könnten! – und nun nebst einem Bleistift auf das Tischtuch neben seinem Gedeck niederlegte. Zwischen den sauren und gewürzten kalten Fischspeisen, die es gab, und den nachfolgenden, von Gemüsen begleiteten Steaks notierte er sich immer schon einige Namen von wohlhabenden Mitbürgern. Beim Käse lag dann der Zettel da, wo das Gedeck liegen sollte und der Teller stand nebenbei.

Er hielt förmlich über die ganze Umgegend eine finanzielle Heerschau ab, schätzte die Leute im ganzen ein und schloß aus dieser Abschätzung, wieviel sie im Speziellen für die Gründung würden zeichnen können. Berthold, mit der unheimlichen Kenntnis des beschäftigsten Rechtsanwaltes von Wachow, gab knappe Kritiken dazu. Bei dem einen Namen sagte er: »Dankt Gott, wenn er seinen eignen Karren vorwärtsschieben kann, ohne sich festzufahren.« Bei einem andern: »wäre höchstens für ein paar tausend zu haben«. Bei einem dritten: »hm, kann eigentlich nicht ohne Gene, wird sich aber um seines Kredites willen und um der Eitelkeit willen, überall dabei zu sein, über seine Kraft beteiligen«. Und so ging es fort.

Nur wenn von Bertholds eigenen Klienten die Rede war, hatte er »gar kein Urteil« und meinte, es käme auf eine Anfrage an, er, der Bürgermeister, solle nur mal mit den Leuten sprechen.

Hendrik Hagen hörte mit vielem Vergnügen zu. So ungefähr, wie ein ernsthafter Mann wohl einmal mit Pläsier den Dialogen des Kasperletheaters folgt. Denn er dachte, daß des Bürgermeisters Gedanken nur so herumturnten, mit großen Bewegungen, die aber weiter keinen Zweck hätten, als eben den der Bewegung selbst.

Er kannte ihn zu wenig. Gerade, weil sie Jugendbekannte waren, was sogar bei ihm, dem Menschenbeobachter von Beruf, das wahrhafte Kennenlernen verhinderte.

Endlich und natürlich kam der Bürgermeister auch auf die Besitzerin von Iserndorf und bestimmte mit Bombentönen:

»Die kann dreißigtausend Mark zeichnen.«

»Zeichnet keine drei«, sagte Berthold sehr ruhig.

»Kann se nich?«

Der Rechtsanwalt zuckte die Achseln.

»Weiß nicht. Aber das weiß ich: reden kann man nicht mit ihr. Sie ist ein Mensch ohne fortlaufende Linie.«

Der Bürgermeister war jetzt zu sehr mit seinen Plänen beschäftigt und darüber entging ihm, daß Hendrik Hagen plötzlich nicht mehr mit vergnüglichem Behagen, sondern mit einer beinahe ängstlichen Aufmerksamkeit zuhörte.

Aber Berthold fühlte es. Ihm war, als spüre er, daß sich auf das Wesen des Mannes eine plötzliche Stille gelegt habe. Er vermied jeden Blick, während er bisher ab und an Hagens Beifall oder Meinung mimisch eingeholt hatte.

»Dein Plaidoyer in Ehren, mein Sohn,« sprach der gewaltige Baß, »aber alte Damen sind meine Spezialität. Ich werde zu ihr fahren – und du wirst sehen ...«

»Gewiß. Sie wird holdselig, entzückt von deinem Plan, schwelgerisch in Bewunderung deiner Initiative, dir fünfzig, hunderttausend zusichern. Und wenn du weg bist, bespricht sie's mit jemand anders, Gott, und wenn's mit ihrer Jungfer ist, und dann wird sie anderen Sinns und schreibt dir ab. Nicht, du? – den Brief läßt du mich lesen? und eh' ich ihn lese, sag' ich dir, wie er abgefaßt ist.«

»Nee – wirklich?« fragte der Bürgermeister in jenem tiefen Erstaunen, dessen er fähig war, wenn ihm Dinge aufstießen, die er »verrückt« nannte, weil sie seiner eigenen Art zuwiderliefen.

»Wie schwer ist das wohl immer für die Ihrigen gewesen«, sagte Hendrik Hagen halblaut.

»Und wie schlimm kann es für das junge Geschöpf sein, das ihr nun anvertraut ist!« meinte der Rechtsanwalt.

»Also machen wir einstweilen mehrere Fragezeichen hinter den Namen Benrath-Iserndorf«, sprach der Bürgermeister, in seiner »Finanzierung« des Unternehmens fortfahrend.

Und er sprach und sprach und fuhr fort, an die beiden Männer hinzureden. Und endlich, endlich hatte er auch den Triumph, in sie hineinzureden.

Es gelang ihm, seinen Plan, der eins, zwei, drei, Hand und Fuß bekam, und dem die Vorteilhaftigkeit aus allen Poren lachte, ihnen so nahe zu bringen, daß Berthold einsah: Die Gemeinde Wachow könne viel Geld dabei verdienen; und daß Hagen einsah: wenn er nichts zu verhindern vermochte, sei es klüger, sich in größerem Maßstabe zu beteiligen, damit er etwas Einfluß habe, um zu plumpe Störungen des Landschaftsbildes und des idyllischen Friedens zu verhindern.

Das Gespräch beherrschte den ganzen Abend. Und als ein Triumphator fuhr der Bürgermeister gegen zwölf Uhr in der Nacht mit seinem Freunde Berthold auf Rote Heider Fuhrwerk nach Wachow zurück. Er war zufrieden mit dem Verlauf seines Geburtstags. Zwölf Stunden Festfeier mit allen Chikanen von Keller und Küche. Und zum Schluß eine Gründung, die ein goldenes Zeitalter für Wachow herbeiführen mußte.

Munter und in seiner nie erlahmenden Frische saß er aufrecht im Wagen und erbaute von den Überschüssen von »Wachow les bains« eine Kleinkinderschule und ein Altersheim. Er sah auch schon im Oktober die Fundamente des Kurhauses aus dem weißgelben Sande am Strande emporwachsen. Es war ein Bau ungefähr im Geschmack des Herrenhauses von Rote Heide; abgestimmt zur lieblichen Schönheit der mecklenburger Ostseeküste. Natürlich blieb der Winter ungewöhnlich mild, das war er einfach dem Bürgermeister schuldig, und es wurde eine elektrische Anlage hergestellt, damit man Tag und Nacht arbeiten könne.

Am fünfzehnten Juni sollte das Haus eröffnet werden. Der Bürgermeister entwarf schon die Annoncen. Auf ihre kluge und packende Fassung kam ja alles, geradezu alles an ...

Über ihm, in dem Herbstlaub des Waldes rasselte manchmal ein Windstoß. Das Licht der Wagenlaternen glitt über die gelbroten Büsche am Wegesrand. Sie tauchten aus der Finsternis auf und rückten in sie wieder hinein. Die Pferde trotteten in einem kurzen, schläfrigen Trab, und auf dem Bock die Gestalt des Kutschers, der mit krummem Buckel dasaß, ähnelte einem schwarzen Sack.

Neben dem Bürgermeister in der anderen Wagenecke nickte übermüde der »Vorsitzende des Aufsichtsrates der Gesellschaft mit beschränkter Haftung Neu-Wachow« – denn zu diesem hatte der Bürgermeister – vorbehaltlich der Realität künftiger Dinge – seinen lieben Freund Berthold bereits bestimmt.

Er selbst, er, der Bürgermeister, er wollte kein Amt und keine Tantieme und gar keinen Vorteil von der Sache. Denn da er kein Geld hatte, um auch nur einen Anteilschein zu zeichnen, würde es einen Beigeschmack haben, wenn man ihn im Aufsichtsrat sitzen sähe. Und so was liebte er nicht.

Freunde anpumpen, wenn man im Dalles ist ... gut, ja! Der eine kann wirtschaften und der andere kann es nicht. Gottes Gaben sind verschieden verteilt. Und er, Mandach, war auch jederzeit für seine Freunde da, mit Rat und Tat. Nur natürlich nicht mit Geld, aber bloß weil er keins hatte. Sonst ... Gott, den letzten Heller...

»Bloß immer fair!« das war sein Motto.

Und so freute er sich in reiner Vaterfreude schon vorweg an dem mächtigen, wirtschaftlichen Aufblühen seines lieben Kindes, der Gemeinde Wachow.

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