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Um ein Weib

Ida Boy-Ed: Um ein Weib - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleUm ein Weib
publisherPaul Franke Verlag
printrun55.-64. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071031
projectid5203551a
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X.

Einige Tage schlichen hin. Hendrik Hagen war krank. Das sagte die ganze Dienerschaft von Rote Heide. Es konnte gar nicht anders sein. Auch Andree sagte es und wandte, wo und wenn es ging, liebevolle Fürsorge auf. Und einmal sprach der Bürgermeister vor, um seine Einladung zum Festmahl anläßlich der Grundsteinlegung noch einmal und wieder vergeblich anzubringen und um gewissermaßen amtlich nachzusehen, ob die Störungen durch die Wachower, die den Bauplatz der Geembeha beliefen, noch fortdauerten, für welchen Fall er ernstlich das Verbot, Rote Heider Grund und Boden zu betreten, vorschlagen wollte. Als nun auch der Bürgermeister betroffen und mit Stentorstimme sagte: »Mensch, was fehlt dir? soll ich dir mal Heimgarten 'rausschicken«, da gab Hendrik Hagen mit gezwungenem, entschuldigendem Lächeln zu: ja, er sei nicht so frisch wie sonst – nur etwas nervös – Heimgarten könne nichts machen – er wolle vielleicht reisen – man müsse mal sehen.

Und er war fast zufrieden, daß sein Zustand nun einen Namen hatte.

Damit gaben sich die Menschen immer flink zufrieden. Ein Name sättigt die Neugier, stillt die durstigsten Vermutungen, wird Sand für die wachsamsten Augen. Er ist eine Maske, ein Versteck ...

Hendrik Hagen wollte sich verstecken ...

Er durchlebte furchtbare Nächte – harte Tage.

Ihm war, als sei er nicht mehr ein Mensch – kein gereifter, klar denkender Mensch, dessen Kunst aus Beobachtung und seelischen Erkenntnissen, aus Schilderungskraft und zarten Stimmungen bestanden hatte.

Ein Doppelwesen war er geworden ... das sich hin- und hergerissen fühlte zwischen den brutalsten Gegensätzen. Alle die leisen Feinheiten waren wie versengt, verbrannt – da war kein menschlich verständliches Ineinanderfließen mehr von bösen und milden Empfindungen – keine kämpfende Stimmung mehr, die sich aus düstern Gedanken tapfer zur Helle emporzuringen suchte ...

Was er sein ganzes gesegnetes Mannesleben hindurch seinem Wesen als Schmuck erworben: das schöne Maß der Haltung allen Dingen gegenüber; die Gerechtigkeit für die Erscheinungen des Daseins; die Selbstbeobachtung in menschlichen und künstlerischen Fragen; die Klugheit, die weiß, daß auch der Nebenmensch Raum für sein Ausleben braucht; das Wissen von der Vergänglichkeit aller Liebesleidenschaft – alles war wie verzehrt von der Flamme, die in ihm raste ...

Nur ein ganz primitiver Mensch war er – einfach und fast kindisch gut in Stunden, die ihn elend machten durch ihre würdelose Weichheit ... einfach und fast verbrecherisch böse in anderen Stunden, die seinen Blick scheu machten und seine Kräfte zerbrachen.

In diesen guten Stunden wollte er der Gott in der Wolke sein ...

Er sagte dem Stiefsohn, daß er sich entschlossen habe, auf Rote Heide zu verzichten.

Und während er Andrees jubelndem, echtem und unendlichem Dank mit einem schwachen Lächeln, mit feuchten Augen standhielt, dachte er:

»Welchen Wert hat noch dieses Paradies für mich, das keines mehr ist, weil sie nicht darin mit mir leben wird?

Was soll mir noch irdischer Besitz. Mein Leben ist zu Ende.«

Großmutsextasen überkamen ihn und berauschten ihn.

Er sprach gegen Berthold den Wunsch aus, sein Testament zu machen.

Und dieser kluge Mann, der so viel sah und so viel schwieg, nahm mit Erstaunen diesen »letzten Willen« entgegen, der hinter eine Gegnerschaft von vielen Jahren gewissermaßen einen goldenen Schlußpunkt setzte. Hendrik Hagen vermachte alles, was er besaß, seinem Stiefsohn.

So kam es vielleicht – nein gewiß in ihre Hände – ihr Eigentum ward, was ihm seine Arbeit an Geld und Gut eingetragen – so war, sinnbildlich, dennoch all sein Leben und Streben für sie gewesen, im Dienst zu ihren Füßen ...

Berthold konnte diese schwelgerischen Entsagungsgedanken natürlich nicht ahnen.

Aber was er sah, war dies: Hendrik Hagen zeigte Sentimentalitäten ...

Was war das? Wohin hatte sich seine geschmackvolle Kraft, seine Mannesanmut verloren – die ihn, den Reifen und berühmten Mann mit solchem Jugendzauber noch immer umgeben ...

Und auch Berthold dachte, daß hier schwere, nervöse Depressionen vorlägen ...

Das, was von weiblicher Psyche in jedem Künstler steckt, sprach jetzt zu laut in Hagen, war zu sehr die deutlichste Note geworden.

Berthold, der ihn wirklich voll Freundschaft liebte, fühlte sich schmerzlich berührt. Ihm war gerade, als sähe er schöne Linien sich verzerren – starke, herrliche Farben zerfließen ...

Er stellte Hendrik Hagen vor, daß er sich in der augenscheinlich schlechten körperlichen Verfassung dieser Tage nicht hinreißen lassen sollte, einen letzten Willen aufzusetzen. Eine Woche weiter hin – vielleicht wenn der widernatürlich laue Herbst sich in herbe Frische wandle – werde ihm wieder wohl sein, er werde die Todesgedanken verlachen. Oder er solle reisen – nach dem Süden gehen – er sei sicher überarbeitet – brauche neue Menschen um sich – andere Landschaftsbilder – die Zufälligkeiten des Reiselebens als Gegenspiel zur pedantischen Ordnung des alltäglichen, nach bürgerlich genauen Stunden sich abhaspelnden Tags – –

Hagen hatte nun ein abwehrendes, müdes, abschließendes Lächeln.

Und dann stellte Berthold noch eine Möglichkeit vor: er, Hendrik Hagen, sei ein Mann, der jeden Tag ein neues Lebensglück finden und in neuer Liebe wieder jung werden, noch ein Weib nehmen könne ...

Da wandte der sich ab und stand lange stumm am Fenster ...

Dem Zuschauer aber klopfte vor Mitgefühl und Schreck das Herz ... Er sah: die Schultern des Mannes zuckten – wie von der gewaltigen Anstrengung, die es kostet, heißes Aufschluchzen niederzuringen ...

Und dann fügte Berthold sich ohne Gegengründe jeder Anordnung.

Er verstand: Einer, der bis zum Wahnsinn litt, suchte nach Taten – nach vornehmen Taten, die ein beruhigendes Gesicht hatten und ihn mildtröstend ansahen – mit dem Trost, den Großmut gewährt.

Und er verbot sich, zu ahnen, Zusammenhänge zu suchen ...

Sein Amt war, zu schweigen und den Willen des andern zum Gesetz zu machen, das befehlshaberisch noch nach jenes Tod sprechen konnte ...

In solchen Stunden der unmännlichen Weichheit suchte Hendrik Hagen den Stiefsohn, hielt ihn neben sich, ließ ihn sprechen von all den Plänen, die er mit der Bewirtschaftung von Rote Heide hatte, hieß ihn aus seinen Ausbildungsjahren erzählen, zeigte ein gütiges und unersättliches Interesse an ihm ... Er mußte ihn kennenlernen – ganz genau – um zu ergründen, warum sie denn diesen lieben mußte, gerade diesen jungen, guten, freundlichen, frischen Menschen – der vor aller Menschheit unbefangen gemessen und bewertet, ihm nicht bis an die Knie reichte – nicht bis an die Knie ...

Und Andree war glückselig – die fröhliche Freundlichkeit seines Wesens strahlte noch erquicklicher auf.

Er wußte gar nicht, wie er genug Verehrung und Liebe und Dank zeigen konnte ...

Ganz unbesorgt sah er nun in die Zukunft; von dem Testament, das gemacht war und nur noch unterzeichnet zu werden brauchte, ahnte er gar nichts. Aber er dachte frischweg: Papa wird mir's nicht schwer machen mit den Übernahmebedingungen und er wird mir auch beistehen, wenn mal Schwierigkeiten kommen. Und weiter dachte er: wenn »Papa« erst diese momentanen Zustände überwunden haben würde – vielleicht spielte ja ein wenig die Gemütsbewegung mit, wegen des gefaßten Entschlusses doch Rote Heide zu entsagen – außerdem hatte er sich nach Mamas Tod mit Arbeit förmlich betäubt, was sich nun sicher rächte – ja, wenn das alles erst überwunden sein würde, befände er sich in dem losgebundenen Leben wahrscheinlich viel mehr an seinem Platze. Andree stellte sich vor, daß eine gewisse Vagabondage, zumal in den opulenten Reisegewohnheiten des reichen Mannes, für einen Künstler das eigentlich zukömmlichere sei.

Papas Zimmer oben im Herrenhaus von Rote Heide sollten wie ein Heiligtum unterhalten werden und bereitstehen, ihn jede Stunde und solange er wollte, aufzunehmen ...

Weil Andree ein ganz glatt glücklicher Mensch war – selbst in seinen Hoffnungen und gelegentlichen Verzagtheiten zerquälte er sich nicht – mochte er sich auch gern mitteilen und er sprach alles vor Hendrik Hagen aus, nur von seiner Liebe wagte er nicht zu reden. Er fühlte einen seltsamen, starren Widerstand, wenn er das Gespräch auf Brita bringen wollte. Und er wußte auch: Hagen fand es unmännlich, von Liebeshoffnungen zu sprechen.

Und der lächelnde, gütige Dulder hörte zu, schien sich für alles praktische Vorhaben des künftigen Alleinherrschers von Rote Heide zu interessieren, zeigte Rührung über die zarten Gedanken, die ihn betrafen ...

Andree sah täglich mehr, daß sein Stiefvater krank sein müsse. Es war gar nicht anders möglich. Ganz gealtert schien Hendrik Hagen seit kurzem. Und seine Farbe war wie von Elfenbein. Auch aß er fast nichts. Den Gegenbesuch des Herrn v. Benrath hatte er nicht angenommen. Er nahm außer Berthold und dem Bürgermeister überhaupt niemand an. Und gerade jetzt benutzten so viele die Gelegenheit, die Baustelle Neu-Wachow zu sehen und zugleich Hagen einen vielleicht längst fälligen Besuch zu machen.

Andree fühlte es als Pflicht, nun alle Liebe und Sohnestreue nachzuholen, die er so viele Jahre lang seinem Gemüt nicht hatte abzwingen können. Er verließ beinahe gar nicht mehr das Haus und dessen nächste Umgebung. Und das war so ziemlich das größte Opfer, das er für den Augenblick bringen konnte. Denn er sah auch Brita nicht.

Er schrieb ihr: Der offenbar sehr nervöse Zustand seines lieben Vaters mache es ihm zur Pflicht, in seiner Nähe zu bleiben, um immer zur Stelle zu sein, falls nach ihm verlangt würde. Fräulein Brita möge ihn bei Herrn v. Benrath entschuldigen. Und dann schloß er den ganz unnötig langen Brief, den er dreimal in verschiedener Fassung schrieb, ehe er ihn bedeutungsvoll genug fand:

»Und zum Schluß noch eine schöne Nachricht: Papa hat sich bereiterklärt, auf Rote Heide zu verzichten. In den nächsten Tagen wird Berthold uns das betreffende Aktenstück, das er jetzt ausarbeitet, vorlegen. Ich hoffe, daß die Übernahmebedingungen für mich so günstig sein werden, daß ich dann mit gutem Gewissen daran denken darf, einen Hausstand zu gründen. Und wenn ich eine liebe, angebetete Frau habe, die mir tapfer hilft – denn so eine geliebte Gefährtin braucht ein Landmann –, dann werde ich der glücklichste Mensch auf Erden sein.«

Im Grunde war er es schon, als er dies schrieb. Mit glückseligem Herzklopfen hoffte er: sie wird verstehen, wer diese Frau einzig und allein sein kann.

Nur die Sorge um Hendrik Hagen betrübte ihn. Sie wurde immer stärker ...

Er hörte eines Nachts, daß ein gleichmäßiger Schritt immerfort, immerfort hin und her wanderte ... Das war doch zu beunruhigend. Er stand auf und horchte an der Tür von Hendrik Hagen. Ja, weiß Gott: der ging hin und her in seinem Zimmer und es war doch drei Uhr in der Nacht. Mit der liebevollen Weisheit, die die Jugend auch dem Respekt einflößenden Leidenden gegenüber hat, beschloß Andree sofort am Morgen nach Heimgarten zu schicken, für jetzt aber den Ruhelosen ins Bett zu reden.

Er klopfte.

Drinnen ging der Schritt weiter.

Er klopfte stark noch einmal.

Die Schritte, monoton und traurig in ihrem dumpfen Hall, klangen weiter.

Er versuchte die Tür zu öffnen.

Sie war verschlossen.

Da rief er herzlich und flehend:

»Papa – Papa – ich ängstige mich um dich ...«

Der Schritt stockte ... setzte wieder an und näherte sich wie im Lauf der Tür. Das Schloß knackte ... Die Tür ward aufgerissen ...

Ein halb entkleideter Mann mit blassem, verzerrtem Gesicht und Augen, aus denen Empörung sprühte, stand auf der Schwelle ...

»Laß mich in Frieden,« sagte dieser Mann heiser, »laß mich ...«

Scheu zog Andree sich zurück, das Herz ward ihm schwer ... ein seltsamer, ein entsetzlicher Gedanke wollte an ihn herankommen ... war das Aussehen des Armen, der ruhelos die Nacht durchwanderte, nicht das eines Gestörten? ... aber er ließ den Gedanken doch nicht ganz deutlich werden ... er war zu drohend ... zu furchtbar ...

Andree wußte nicht, daß er einen angerufen hatte, der böse Stunden lebte...

Stunden, in denen er seine jämmerliche Güte und seine weinende Entsagung verhöhnte.

Was war er, daß er so feig zurückbebte? Er, Hendrik Hagen, vor diesem Knaben!

Noch war nichts entschieden.

Unbewußt der Wünsche ihres Herzens, unklar noch in ihren Empfindungen stand vielleicht Brita zaudernd – ihr Auge sah nur erst einen sonnendurchschimmerten Nebel – sie ahnte, dahinter lag das Königreich ihres Glücks – aber welcher Mann darin herrschen sollte, das vielleicht, das sah sie noch nicht ...

Und Frauenherzen sind oft wie unmündige Völker: sie erkennen den Herrscher an, der ihnen gegeben wird – sie lieben ihn, sie vergöttern ihn – aus dem Bedürfnis nach einem irdischen Abgott heraus ...

Nein, noch war nichts entschieden ...

Noch hieß es: Er oder ich!

Er oder ich! Sein Leben und sein Wirken ging an ihm vorüber.

Es hatte nicht für ihn bei der Geliebten gesprochen. Also war es wertlos.

Seine Gedichte, anstatt bei ihr glühend die Vorstellung von seiner Leidenschaftsfähigkeit zu entflammen, anstatt ihre Seele zu verführen, durch jenen höchsten, feinsten Don Juanzauber des erfahrenen Herzens, seine Gedichte hatten ihr nur den Wahn erweckt, er liebe noch die Tote ...

Anstatt für ihn zu werben, hatten sie gegen ihn gesprochen ...

Kam ihr denn nicht einmal dies Erkennen, daß Gefühl, zur Kunst geworden, schön geformt, kein eigenes, seelisches und körperliches mehr sei – daß er es von sich getan habe – daß es geworden sei, einem Bilde gleich, das den Raum des Lebens schmückt ... keine heiße Wirklichkeit mehr ... die verlangend durch die Adern schwillt...

Wie ihn das verhöhnte ... Wie er die Tote haßte, verleugnete ... Und den Sohn, den sie ihm gelassen, in dem er ahnungsvoll von je den Todfeind voraus gespürt...

Woher die Tat nehmen, so beredt, daß die Gewalt seiner Leidenschaft endlich zur Geliebten sprach und sie in seine Arme rief ...

Nein, noch war nichts entschieden ...

Wenn verhütet wurde, daß Andree sich zu ihr aussprach ...

Noch war es nicht geschehen. Das fühlte er.

Und wenn er dann Brita und ihren Vater nach Amerika geleitete – nur erst fort – fort aus dem Lande, wo dieser junge Mensch atmete – ein Weltmeer dazwischen schien noch fast zuwenig Entfernung ...

Dann, dann hatte er sie allein ... dann mußte, dann würde es ihm gelingen, sich ihre Liebe zu erobern ... Aber wie das verhindern? Jede Stunde konnte alles enden ...

Er durfte nicht leben ... Nur die Toten sind ungefährlich ...

Er hörte ein feines, gespenstisches Lachen – schelmisch und ein bißchen triumphierend wie Nadine manchmal gelacht, wenn sie in irgendeinem kleinen Streit einen Zärtlichkeitssieg über ihn errungen.

Eisiges Entsetzen rann ihm durch die Adern.

Mit einem Aufblitzen des Verstandes dachte er klar und besonnen: ich bin gefährlich nervös ...

Und hörte doch zugleich das zärtlich sieghafte, feine Kichern in seinem Ohr, das seinen Gedanken »Tote sind ungefährlich« zu verspotten schien.

Und gerade in diesem Augenblick, wo er nicht mehr allein war in der Nacht, wo die Tote als ein Gespenst und verbrecherische Wünsche als flüsternde, hetzende Gefährten den Raum um ihn bevölkerten, so daß sich ihm die Stirn mit Schweiß bedeckte ...

Gerade in diesem Augenblick einer bis zur Gestörtheit gesteigerten Nervosität, rüttelte eine Hand an der Tür und Andrees Stimme rief ihn an ...

Hätte er eine Waffe gehabt, er hätte ihn erschlagen ... jetzt, jetzt ...

Und als Andree sich scheu zurückgezogen hatte, atmete der gehetzte Mann doch dankbar auf, daß er keine Waffe gehabt ...

Er legte sich ins Bett, er bemühte sich, auf alles zu hören, was der Verstand ihm sagte:

Es war ein Fehler gewesen, ihr die Gedichte zu geben. Zu einer Frau, die geliebt und gelitten hätte wie er, zu einem geprüften Herzen hätten sie verführerisch gesprochen. Aber diese jungen Herzen träumen immer von der einen, der großen, der ewigen Liebe ...

Sein Verstand stachelte seinen Mannesstolz auf.

Du, du willst dich zerbrechen lassen durch eine Liebe, die ungestillt bleiben soll? Du, der weiß, daß alles vergeht, alles überwunden wird ...

Er dachte nach über die schweren Melancholien der Vergänglichkeit. Über die Wunder des Wahns, der an eine letzte Liebe glaubt...

Hatte er nicht an Nadinens Herzen gewußt: nach ihr werde ich keine mehr lieben ...

Wohin war dies Wissen gekommen?

Was war aus seiner Liebe zu Nadine geworden? Ein blasses Vorspiel nur, zur Tragödie der neuen Leidenschaft.

Der wahrhaft letzten?

Gab es nicht auch von ihr ein Genesen – ein Vergessen ...

War nicht ein tiefer Sinn darin, daß kein Dramenheld und kein Held der Wirklichkeit allein an hoffnungslosem Lieben zugrunde ging?

Er hetzte sein Gedächtnis umher – er fand keine derartige Gestalt.

Ist noch ein Mann, wer nicht zu überwinden vermag? Dessen Wille nicht stärker ist als sein Blut?

Warum stehen die Menschen mitleidlos unglücklicher Liebe gegenüber – sprechen von ihr mit einem Nebenton von Spott und Herablassung? Wie von einer Don Quixoterie?

Und wenn sie einmal erschrecken über die Katastrophen unglücklicher Liebesleidenschaft – wenn sie erfahren, daß solche Leidenschaft selbst den Tod nicht scheut und stärker ist als er, dann ist das Opfer solcher Liebe ihnen kein Held, keine Heldin – nur eine kranke Seele ... Rätselvoller Widerspruch. Dem Wichtigsten steht der Mensch kühl urteilend gegenüber – solange er selbst es nicht ist, der von diesen Martern um Würde und Besinnung gebracht wird ...

Nein, fühlte der Mann, nein, es gibt kein Vergessen, kein Genesen mehr – hiervon nicht ...

So wachte er den Tag heran ...

Der Sanitätsrat Heimgarten kam. Andrees Sorge hatte ihn ganz früh gerufen.

Mit schicklicher Fassung mußte Hendrik Hagen die Fragen des asthmatischen Mannes ertragen. Und da Heimgarten keinen Patienten besuchen konnte, ohne ein lokalpolitisches Gespräch zu versuchen, so mußte Hagen auch noch die Ansichten des Sanitätsrates über die Geembeha hören. Er erwartete das Beste von ihr. Man spürte heraus: er hoffte, daß ihm aus der Schar der Badegäste von Neu-Wachow eine sehr zahlungsfähige Klientel zuwachsen werde, er sah mit der Gesellschaft seinen eigenen Wohlstand blühen und sprach überhaupt wie ein Mensch, der ein Patent auf hundert Jahre Lebensdauer in der Tasche hat, während er vor Asthma pfiff und keuchte.

Hendrik Hagen dachte mit flüchtigem Erstaunen, wie unvergänglich sich im Grunde genommen jeder Mensch vorkommt – –

Als Heimgarten ging, stellte Andree ihn im Korridor.

»Ist es etwas Ernstes mit Papa?« fragte er dringliche.

»Körperlich gewiß nicht. Scheint aber sehr nervös, Ihr Papa. Hat er wohl große Gemütsbewegungen? So 'n Eindruck macht er eigentlich. Aber bei Menschen, die stark geistig arbeiten, kommen ja so viel Unberechenbarkeiten dazu – es sind leidige Patienten – ich will Ihnen sagen: mein Besuch schien nicht sehr willkommen«, sagte Heimgarten hart atmend und ließ sich von Andree in den Winterüberzieher helfen.

»Gemütsbewegung? O ja,« sagte Andree traurig, »er will von Rote Heide zurücktreten. Aber daß es ihm so nahe gehen würde, habe ich doch nicht gedacht. Nun wird mir ja erst klar, was Berthold mir von meiner Pflicht, Opfer zu bringen, gesagt hat. Gott – ich weiß gar nicht, was ich machen soll ...«

Seine Stimme wurde unsicher. Sein Herz war ganz bestürzt. Neue Fragen traten an ihn heran ... Sie muteteten ihm zu viel Größe zu – schien es – er konnte sich nicht gleich fassen ...

»Na, wenn Sie den Grund wissen!« sprach Heimgarten ... »Es hieß ja immer, er liebe den Fleck Erde leidenschaftlich ... er hat hier ja auch die unendlich glücklichen Jahre mit Ihrer Mutter gehabt ... Nun, das sind Ihre Sachen. Ich kann nur verordnen: Brom, Ruhe, heitre Eindrücke, Zerstreuung – Und nicht grübeln, nicht grübeln ...«

Damit ging er, geräuschvoll nach Luft ringend, langsam davon, bestieg mühsam sein schwarzblank lackiertes Doktorwägelchen, stopfte sich die rehfarbene, mit dicken Muschen betupfte Häkeldecke fest um die Knie und dachte fortfahrend:

»Der junge Mensch scheint ja doch viel von dem Stiefvater zu halten.«

Andree kehrte zurück und fand Hendrik Hagen an seinem Schreibtisch. Das Tintenfaß war geschlossen. Seine Hand hielt keine Feder. Still saß er und starrte zum Fenster hinüber.

»Papa, du solltest etwas in die Luft gehen. Es ist wieder ein herrlicher Tag. Wer weiß, wie lange es noch dauert. Der Barometer fällt sehr.« »Meinst du?« sagte Hagen müde und gutwillig.

»Komm – ja – ich geh' mit dir – wir wollen auf Neu-Wachow zugehen – du glaubst nicht, wie das aus dem Erdboden wächst. Fabelhaft.«

Sie gingen. Andree versuchte allerlei Gespräche. Er bekam keine Antwort.

Er sah: das war keine Unfreundlichkeit. Es war tiefste Versenktheit in schwere Gedanken.

Und darüber wurden ihm auch die eigenen schwer. In all sein glattes, gläubiges, junges Lebensbehagen schlichen sich trübe Erwägungen.

Wenn es dem armen Mann so weh tat, nicht mehr Herr zu bleiben, da, wo er einst übermenschliches Glück durchlebt, wo er so heiß gelitten ...

Andree bemühte sich, dies tapfer weiter auszudenken – was er müßte, welche Selbstüberwindung er zu üben habe ... Großmut mußte wieder Großmut finden ...

Es war nicht leicht, plötzlich noch verzichten zu sollen, wo er schon geglaubt hatte, zu besitzen ...

Aber gerade weil ihn diese Vorstellung so schmerzte, begriff er erst ganz, daß der Verzicht Hendrik Hagen so hart ankam ...

Schweigend gingen sie durch Park und Dorf.

Die Sonne schien warm, der Himmel zeigte eine klare Bläue, als sei ein Sommertag. Das war keine Novemberstimmung. Ein behagliches Schmunzeln schien durch die Natur zu gehen. Ihr war wohl in dem späten Glanz, der wie ein nicht mehr erhofftes Glück über sie kam.

Am Strand strahlte der durchsonnte gelbweiße Sand förmlich Wärme aus. Man spürte sie unter den Fußsohlen.

Und drüben lag die Baustelle Neu-Wachow. Freudige Farbenflecke setzten die Stapel von Ziegelsteinen in das weite Bild. Gleich roten Linien ragten die beginnenden Mauern auf ihren Betonfundamenten aus dem hellen Sand. Eine Maurerschar hantierte in raschen, schlanken Armbewegungen mit Steinen und Kelle. Träger gingen hin und her. Aus einer etwas mehr dorfwärts gelegenen Kalkgrube umdampfte weißer Qualm den Mann, der mit seinem Gerät umrührende Bewegungen machte. Durch das Gewölk, das der gelöschte Kalk aufzischen ließ, sah man den blauen Kittel des Mannes.

Und die Arbeiterbaracke sonnte sich mit ihrem schwarzen, wie von Brillantpuder überstreuten Pappdach. Aus ihrem Schornstein kam wieder das emsige Rauchsäulchen.

Ein Kind sah man dick und auf unsichern Beinchen vor der Tür herumwanken. Es hatte einen Kochlöffel in der runden Faust und wollte damit den braunschwarzen Dackel verjagen. Der aber stand auf seinen vier O-beinen und sah sehr erfahren und beaufsichtigend nach dem Bau hinüber.

Andree erzählte, daß dort in der Arbeiterbaracke eine Familie eingesetzt sei, die eine kleine Kantine halte und zugleich nachts die Baustätte zu bewachen habe.

Hendrik Hagen hörte nicht – er dachte nur an jene Stunde, wo er die beiden jungen Menschen hier belauert hatte ...

Er wandte sich zurück. Er ging so mühsam ... Andree dachte: kein Wunder, nach seinen Nächten ohne Schlaf.

Gerade, als sie vor dem Herrenhaus von Rote Heide ankamen, fuhr ein Wagen vor.

Doktor Berthold und sein Kompagnon, der Notar Zufuß, saßen darin, aber Zufuß saß auf dem Rücksitz, denn der Bürgermeister, der gerade einmal wieder in seiner Eigenschaft als offizieller Bauherr in Neu-Wachow nachsehen wollte, hatte sich angeschlossen.

»Mich wirst du gleich wieder los. Die Herren haben Geschäfte mit dir. Ich wollt' bloß mal sehen, ob du noch so miserabel ins Leben schaust, wie neulich. Mensch, bei dem Wetter. Ist es nicht einfach, als wenn der liebe Gott Rücksicht auf unsere Geembeha nimmt? Läßt Tag für Tag die Sonne scheinen und ignoriert völlig, was für 'n Monat im Kalender steht – für den er ja auch nicht als verantwortlicher Redakteur zu zeichnen hat. Laß dich mal angucken ...«

Er nahm ihn bei den Schultern und ließ nach kurzem Blick wieder von ihm ab.

»Na, also Staat ist auch heut' nicht mit dir zu machen. Heimgarten begegnete uns dicht vor der Stadt. Vernünftig, daß du mal mit 'n Arzt gesprochen hast. Hat er nich lauwarme Kompressen auf die Brust verordnet – die verordnet er immer

Man ging hinein.

Der Bürgermeister, obschon er nicht stören wollte, kam immerhin mit. Denn Berthold hatte eine Nachricht! – er, der Bürgermeister, mußte doch mal sehen, ob denn die nicht seinen Freund Hagen aufzumuntern vermochte.

»Laß mich es sagen. Berthold«, bat er und der lächelte fein und belustigt.

»Also: es ist ein Käufer da für Iserndorf.«

»Was?!« rief Andree ...

Hagen wechselte die Farbe.

Beide Männer dachten das gleiche, das eine: dann kommt der Augenblick, wo, sie mit ihrem Vater fortgehen wird ...

»Ich werde sie halten«, dachte der eine weiter.

»Ich werde mit ihr gehen«, der andere.

»Ein Käufer?« fragte Hendrik Hagen.

»Und was für einer! Ihr ratet es nie!« rief der Bürgermeister mit seiner ganzen Stimmfülle.

Er legte sich ordentlich 'rein in das Vergnügen, das ihm die Neuigkeit machte, die er eben erst im Wagen von Berthold erfahren hatte.

»Nun? ...«

»Es ist Oberst Ollendorf!«

»Was, der Major v. Lorenz? Ich dachte, der Herr sei sehr arm – ein kleiner z.D. Infanterist, wie es deren Tausende gibt. Und nun will er auf einmal Iserndorf kaufen?« fragte Andree.

Der Bürgermeister setzte sich für einen Moment.

»Als Verlobte empfehlen sich Frau Marya Keßler und Major v. Lorenz«, sprach er mit Aplomb.

»Wirklich?« fragte Hendrik Hagen.

Er war der Nachricht fast dankbar. Sie zerstreute ihn einen Augenblick.

»Ob aus versetzter Liebe zu dir oder mir, woll'n wir nu nich weiter untersuchen! Das könnte Rivalitätsempfindungen erwecken, wir woll'n sie vermeiden von wegen der alten Freundschaft. Der arme Lorenz ist aber doch gewissermaßen das Opfer deiner und meiner Schnödigkeit. Ich fürchte, er ist der Sache nicht gewachsen.«

Er hätte gern ein paar kräftige Witze gemacht. Aber er hatte ein starkes Gefühl dafür, was ein Mann von Stellung und Persönlichkeit in Gegenwart eines jungen Menschen sagen und nicht sagen darf.

»Herr v. Lorenz war heute, kurz bevor wir abfuhren, bei mir und teilte mir mit, daß er auf Iserndorf reflektiere und daß er im Namen seiner Braut handle«, berichtete Berthold.

»Was will er geben?« fragte Andree, der sein brennendes Interesse an dem Geschick Iserndorfs gar nicht verbarg.

»Die Beschwerungssumme.«

»Sechsmalhundertfünfzigtausend Mark?«

»Sechsmalhundertdreißigtausend Mark,« verbesserte Berthold, »die zwanzigtausend von Hermann Fedder sind nicht hypothekarisch eingetragen. Wenn sie nicht ausgezahlt werden, bleibt die Gefahr, daß Fedder zum Bankerott treibt.«

›Wie würde Herr v. Benrath den Verkauf an Lorenz oder vielmehr an Frau Marya Keßler aufnehmen?« fragte Hagen.

»Ich glaube sehr sympathisch. Wenn eben dieser dumme Stein des Anstoßes mit dem Fedderschen Geld nicht wäre.«

»Wir wollten ihn ja sowieso auszahlen.«

»Zwanzigtausend Mark sind viel Geld«, bemerkte andächtig Zufuß.

»Pöh,« sagte der Bürgermeister, für den, wie für alle, die nichts haben, Großmut in Geldsachen das selbstverständlichste von der Welt war, »das spielt keine Rolle, wenn damit verhütet wird, daß Fedder dem Kerl mit der dreckigen Vergangenheit Iserndorf in die Hand spielt. Die Umgegend von Wachow muß rein bleiben. Hätte meine selige Konsistorialrätin mir das Geld nicht so festgebunden, spräng' ich ein.«

Damit empfahl er sich.

Und nun kam der von Andree so dringend, so heiß erwartete Augenblick, wo der Rechtsanwalt Berthold den Schriftsatz, betreffend die Übergabe von Rote Heide an Andree v. Marschner als alleinigen Besitzer, den beiden Männern vorlegte und erläuterte.

Er fühlte bald, daß beide ihn nicht mit gesammelter Klarheit aufnahmen.

Hendrik Hagen nickte zu allem bestätigend. Jeder Paragraph war ihm recht.

Und der jüngere Mann ließ erraten, daß er sich in irgendeiner heimlichen und sehr großen Aufregung befand. Berthold sah: Freude über die sehr günstigen Bedingungen war es nicht, oder nicht allein. Er hätte ja in hellen Jubel ausbrechen dürfen, denn ihm wurde die Übernahme spielend leicht gemacht. Daß er den unterdrückte, war wohl schicklicher. Aber gewiß: das war es nicht allein. Irgendeine Unruhe war in ihm. Berthold konnte aber nicht erraten, was in ihm vorgehe.

Jedenfalls spürte er dies eine: hier war alles aus dem Gleichgewicht.

Und seine Vorsicht, seine feine Gewissenhaftigkeit verbot ihm, von diesen in ihrem Gemüt offenbar stark bewegten Männern Unterschriften zu fordern, die über so viel entschieden.

Er legte das Aktenstück auf den Schreibtisch nieder und bat, daß die Herren es noch in Ruhe zusammen durchsprechen möchten.

Und dann gab er Andree zu verstehen, daß Hendrik Hagen noch andere Angelegenheiten mit seinem Rechtsbeistand zu beraten habe.

Kaum waren sie allein: die beiden Juristen und der Mann, der nun in aller Form sein Testament unterzeichnen wollte, kam eine wunderliche, beklommene, seriöse Stimmung auf.

Die Sonne schien und zeigte in den Glasscheiben von Fenster und Tür blauen Himmel, unten übergittert durch die grauweißen Sandsteinsäulchen der Balustrade, die die Terrasse umschloß. Die glatte Steinkante, die oben auf den in Reih und Glied stehenden kleinen, zierlichen Säulen hinlief, zog sich als scharfe Linie quer vor dem atlasblanken Himmel hin.

Es war wie ein lachendes Stückchen Süden da draußen.

Und hier drinnen ein, trotz aller schweren Seelenleiden, gesunder Mann, der das, was er heute seinen »letzten Willen« nannte, morgen als trübselige Laune verlachen konnte. Die beiden Juristen wenigstens waren fest überzeugt, daß dies Papier bald zerrissen oder noch mit vielen Anhängen versehen werden würde, daß von einer ehernen, unwiderruflichen Bestimmung über das Grab hinaus gar keine Rede sei.

Ja, eigentlich waren sie des Glaubens, daß der Mann im Zwange einer düsteren Poetenstimmung handle, die sich durch Gott weiß was für Unberechenbarkeiten bald wieder in eine strahlend lebensfröhliche umwandeln konnte.

Und dennoch ...

Sie sprachen scheu miteinander, sie fühlten sich beklemmt – ihnen war, als tasteten sie an Dingen, mit denen man nicht spielen soll ...

Berthold gab sich Mühe zu einem kalten, sachlichen Ton – der durch den bloßen Klang anzeigte: dies sei nicht wichtiger als etwa der Kauf eines Ackers oder der Verkauf eines Pferdes.

Aber der Ton gelang ihm nicht.

Und der Notar Zufuß mußte immerfort an den Abend denken, wo er neben dem Bett der sterbenden Frau eben dieses Mannes auch einen letzten Willen aufgenommen ... damals stand der Tod dabei und es schien sein eisiger, geisterhafter Atem, der die Lichter zuweilen so unheimlich aufflackern ließ ...

Jetzt war Mittag, Sonne schien und dort saß ein gesunder Mann.

Und dennoch waren Gespenster da und umschlichen die Männer ...

Hendrik Hagen hörte nun alles trocken verlesen, was er in einer jener weichen, krankhaften Stimmungen gewollt, wo sein Gemüt in Rührung zu zerfließen schien.

In den verschachtelten Sätzen hörte er es, in jenen staubigen Worten, deren das Recht zu bedürfen scheint, um klarem Sinn durch Schwerverständlichkeit mehr Gewicht zu geben, vielleicht weil das Einfache der Menge nicht imponiert.

Er hörte alles mit Erstaunen. Wie fremde Stimmen. Wie die Äußerungen eines ganz anderen Menschen.

Und dies Erstaunen wuchs, ward kaum verhehlte Ungeduld, Verachtung eigner Sentimentalität ...

Mit Mühe bezwang er sich – er hätte auflachen mögen ... mit der Faust in dies von den sauberen Buchstaben der Kanzleischrift bedeckte Aktenstück schlagen mögen...

Das war ja grotesk – dies Rührstück mit dem edlen Testament ...

Solche entsagende Stimmung war in ihm gewesen?

Er verleugnete sie vor sich ...

Und doch ward wieder sein Verstand wach und beriet ihn. Wie durfte er sich vor diesen Männern lächerlich machen! Wie heute etwas spottend verlachen, das er gestern gewollt! Wie sich als Narr von schwankendem Willen und ohne Selbstzucht entlarven! ...

Und Berthold war einer von den wenigen Menschen, die er ganz und gar respektierte, von denen auch er geachtet bleiben wollte.

Sein Verstand sagte: unterschreibe, was du in krankhaften Stunden so gewollt. Und nach schicklicher Zeit ändere diesen deinen »letzten Willen« ...

Ändere ihn, wenn die Gelegenheit diese Änderung jedermann gerecht erscheinen läßt ...

Wenn du sagen kannst: ich habe jetzt ein junges Weib...

Eine triumphierende Aufwallung berauschte ihn.

Ihm war diese Szene nur noch eine Komödie.

Dann kam der Augenblick, wo die Formalität erfüllt werden mußte ... Er trat an den Tisch, an welchem die beiden Juristen wie in feierlicher Sitzung tagten.

Er nahm die Feder.

Sie schien ein sonderbar schweres Gewicht zu haben ...

Er besah sie... den dünnen, runden Halter, die graziös geschweifte kleine Stahlfeder daran ...

Er zögerte. Sein Atem stockte. Eine fieberische Kälte rieselte durch seinen Körper ... Er wurde sehr bleich ...

Und bezwang sich mit letzter Anstrengung.

Und dann schrieb er seinen Namen ...

Hendrik Hagen...

Er starrte darauf nieder. In großen, schönen, stolzen Buchstaben stand der Name da – sicher, wie er immer geschrieben wurde.

Und schien jetzt rot zu flimmern, als sei er nicht mit Tinte, als sei er mit Blut geschrieben ...

Das war kein Name.

Das war ein Todesurteil.

Er oder ich, dachte er.

Er ahnte es nicht, daß er es laut gesagt hatte – ganz laut:

»Er oder ich!«

Berthold vermied es, einen Blick mit Zufuß zu wechseln, der ihn ansah, um beim Erstaunen Gesellschaft zu haben ...

Die beiden Männer standen auf. Ihr Geschäft war beendet.

Zufuß machte seinen üblichen wohlfeilen Spaß von der Langlebigkeit derjenigen, die vorsorglich testierten.

Berthold sagte herzlich:

»Sie sind sehr nervös. Ich bitte Sie: denken Sie an Ihre Gesundheit. Sie sollten reisen.«

»Ja. Ich will reisen. Ich werde wohl Herrn v. Benrath und Fräulein Brita nach Amerika geleiten«, sprach Hendrik Hagen hastig.

Er antwortete es nicht auf Bertholds Rat.

Er sagte es dem Schicksal! Um ihm zu zeigen: ich werde dich bezwingen ...

»Bravo«, sagte Berthold, seine Betroffenheit über diese verwirrende Mitteilung verbergend.

Sie ließ sich so gar nicht mit all den Vermutungen, die er still gehegt, in Einklang bringen. Sie widersprach so ganz der Erschütterung, die Hendrik Hagen vor einigen Tagen gezeigt, als er den Plan dieses großmütigen Testamentes zuerst dargelegt.

»Bravo, das wird Ihnen eine große Anregung bringen. Alle, die drüben waren, sagen ja: die unerhörte Lebendigkeit dort suggeriere einem förmlich Frische und Kraft.«

Und dann ließen die beiden Juristen Hendrik Hagen allein.

Er klingelte nach Bruhn. Der Mensch mit dem glatt funktionierenden Wesen kam und nahm die Befehle entgegen: sein Herr ließ sich bei Herrn von Marschner für den Rest des Tages entschuldigen, er habe notwendig zu arbeiten und wünsche allein zu sein.

Bruhn hörte mit dienstlicher Haltung und undurchdringlichem Gesicht. Aber er ärgerte sich und dachte: wieder mal? Na, dann kann ich ja doppelt das Essen servieren.

Später, als Bruhn einmal gerade vom Eßzimmer her, wo er Silber weggeräumt hatte, den Korridor betreten wollte, sah er seinen Herrn.

Er stand vor dem Gewehrschrank im Korridor, dicht neben der Tür zum Arbeitszimmer.

Bruhn blieb hinter der Eßzimmertür und lauerte durch den Spalt.

Aber er sah nichts Besonderes. Der Herr stand nur wunderlich lange, als könne er sich gar nicht einig werden, welche Waffe er wählen wolle.

Bald darauf bemerkte Bruhn, daß Hagen mit der Mütze auf dem Kopf und der Büchse über der Schulter das Haus verließ. Er ging offenbar seinem Stiefsohn nach, der vor einigen Minuten auch ausgegangen war.

Sie wollten sich wohl beide mal um das Wetter bekümmern.

Das fing an, jetzt, wo die Sonne sank, ein sehr merkwürdiges Gesicht zu machen, und in der Küche hatte die Wirtschafterin aus dem Wachower Wochenblatt vorgelesen, daß von Memel bis Borkum Sturmwarnungen ergangen seien.

Graues Gewölk war heraufgekommen. Es schien aus Abgründen emporzuschweben, die weit, tief hinter dem festen Land liegen mußten. Es wirbelte in die Höhe, wie Riesendämpfe aus fernen Schlünden.

In unmeßbaren Höhen brauste es dahin, den Himmelsraum mit ungeheurem Leben füllend.

Und tief unten auf der armen stillen Erde blieb alles in kümmerlichem Schweigen. Die leere Herbstlandschaft war von Trauer erfüllt.

Am Himmelssaum ließen die Wolken der Sonne einen kargen Platz frei, damit sie das Schauspiel ihres Unterganges geben könne. Fast zerfließend und kupferglühend stand die riesige Scheibe da, auf ihren oberen Rand drückte das grauschwarze Gewölk.

Ein breiter Strom Glanz schoß von ihr aus hin über das Meer und die öden braunen Farben der herbstlichen Erde.

Das Meer zeigte eine zurückhaltende Bewegung. Eine gedämpfte Unruhe ... wie ein Lebewesen, das Angst hat vor nahendem Sturm. Der Mann ging eine Weile am Saum des Waldes entlang, den ein Erdwall, bestanden mit einer oft unterbrochenen Reihe von niedrigen Hainbuchenbüschen, abschloß. Ihr dürres Laub war von einem glanzlosen, abgestorbenen, hellen Braun.

Drinnen in den kahlen Buchenhallen wohnte die Einsamkeit. In der Waldestiefe verschränkte sich die Menge der grauen Stämme zur Mauer – als sei da Weltende. Der Strand schien ganz menschenleer. Das grauschwarze Meer lief mit einem trotzigen Rauschen gegen ihn in sonderbar kurzen, stoßenden Wellen.

Nun verlosch das Licht, der Strahlenstrom schwand weg, als habe ihn der Wind fortgeblasen.

Da lag das Ufer traurig in seiner weißgelben Öde.

Hendrik Hagen stand still und mit scharfforschendem Blick sah er ost- und westwärts, hinauf und hinab.

Zurück, als anmutiges Bild, stand das Herrenhaus von Rote Heide, mit dem feinen Filigran der kahlen Wipfel der Parkbäume, vor dem westlichen Horizont. Die weißen Wände, das rote Dach sahen zutraulich und lebenssicher hinaus in die Dämmerung, die von wachsender Unruhe erfüllt ward.

Noch weiter westlich, wo die weiche Linie der sanft sich ins Land hineinschiebenden Bucht sich zurückschwang und das Meer den Horizont zu grenzen begann, war eben die Sonne untergegangen. Nun stand noch ein Nachglanz da als ein brennender Querstreif roten Lichtes.

Ostwärts nur ein unbesiedelter Strand, seine breite, weißhelle, sanfte Linie um die weite, flache Bucht herum war umschrankt von der Mauer des schwarzbraunen Waldes.

Niemand?

Und der eine hatte doch die Richtung östlich eingeschlagen?

Doch – da – fern und klein – eine Männergestalt – unerkennbar noch in ihrer persönlichen Prägung – nur ein Mensch ...

Hendrik Hagen stieg über den Erdwall, drängte sich durch eine Lücke in der Reihe der dürrbelaubten Hainbuchenbüsche.

Sie raschelten, da die hastige Bewegung des Mannes ihre Zweige streifte.

Und darüber schrak er zusammen ...

Schauer der Angst durchflogen ihn.

Er stand und horchte auf den rasenden Schlag seines Herzens ...

Und wie er so in sich hineinhorchte, in einer dumpfen, körperlichen Furcht, ward diese Furcht allmählich stiller und in der Eintönigkeit eines Wahnes schlug das Herz wieder stetig:

Er oder ich ...

Es war zuletzt kein Herzschlag mehr ...

Es war wie Schritte – die gingen immerfort hin und her, her und hin ... Da wandelte ein Gedanke ... er hatte eine Gestalt gewonnen ... ging hin und her und her und hin, mit schweren Füßen – wie Tyrannen schreiten oder Henker ...

Und sagte immerfort:

Er oder ich ...

Und der Verstand schwieg. Er war müde geworden. Hatte keine Kraft mehr, gegen Wahnsinn zu kämpfen ... er war überwältigt ...

Der Mann stand und nahm mit einer Gewohnheitsbewegung seine Büchse ... Er ging in Anschlag ...

Er spähte nach seinem Wild.

Die zögernde Dämmerung füllte die Welt mit perlgrauer, gleichmäßiger Helle. Langsam ward das Grau dunkler, drohender. Das ungeheure Gewölk der Höhe schien in seinem rasenden Flug tiefer auszuholen – der Himmelsraum enger zu werden, seine durchwogte Decke mehr zu senken ...

Die ferne Menschengestalt kam des Wegs zurück ... wuchs heran ...

Langsam nur, wie ein schwer Sinnender schritt er hart am Saum der heranrollenden Wogen hin ...

Wenn die Kraft dieser Wogen wuchs? ... wenn sie wilder heranzurauschen begannen? ... sich überschlugen? ... zurückleckend mit sich nahmen, was keinen Willen mehr hatte, ihnen zu widerstehen? ...

Vor den starrenden Augen des lauernden Mannes erstand ein grausiges Bild ...

Er sah auf den weißen Strand steil hingestreckt einen Toten ... die Wasser brausten heran ... erreichten ihn lange nicht ... warfen sich endlich auf ihn ... zerrten ihn mit sich ... die eine Woge nahm rastlos die noch nicht gelungene Arbeit der andern auf ... bis endlich... endlich eine schwere, reglose Gestalt dahinschwamm ... auf und ab gewiegt ward ... hinausgeführt wurde ... von den Tiefen zuletzt verschlungen ... von der wildbewegten, schwarzen Tiefe, über die der Sturm der Herbstnacht dahinjagte...

Der junge Mensch näherte sich – versonnen kam er daher, auf dem festen, feuchten Ufersaum schreitend, auf den sich die heranrauschenden, kurzen, unruhvollen Wogen warfen.

Nun war er fast in einer Linie mit dem, der schußbereit hinter den dürren Büschen lauerte ...

Und nun stand er still.

Er sah empor. Er schien die große Bewegung in der Höhe zu beobachten ... Dem Jäger, der dies Wild jagen wollte, bebten die Hände.

Wie brüllten plötzlich die Wasser? Oder war dies Rauschen sein eignes Blut, das sein Hirn überfüllte – ihm den Blick unklar machte – in seinen Ohren als höllischer Lärm tobte?

Jetzt – jetzt...

Die kalten Finger tasteten am Griff der Büchse umher, als seien es Knabenfinger, die noch nie solche Waffe gehalten ...

Die Wange preßte sich gegen den schlanken Lauf.

Ein kurzes Bewußtsein: ich kann nicht zielen ...

Und doch trug ihn der rasende Strom des bösen Willens fort – unaufhaltsam ... mit der Gewalt des Verderbens ...

Ein Schuß krachte ...

Der kleine dunkle, platzende Ton rollte hinaus ...

Gleich machten ihn die rauschenden Wogen mit ihren Stimmen mundtot. Sie waren stärker als er und riefen laut über das Ufer hin und verschlangen jeden anderen Laut.

Und die kleine, ziellos hinausgesandte Kugel pfiff durch die Luft und bohrte sich mit rasender Eile in ein nasses Grab...

Am Waldesrand, hinter dem Erdwall, kniete ein Mann... Schwäche und Entsetzen hatten ihn zerbrochen ... doch kniete er noch mit aufrechtem Oberkörper und stierte hinaus in die Dämmerung.

Da ging, langsam, immer auf der Grenze zwischen dem schwarzen, unruhvollen Wasser und dem toten weißgelben Ufersaum einer seinen Weg weiter ... ahnungslos ...

Der Wind kam auf. Aus der Höhe fegte er schräg hernieder – mit eiligen, harten Fingern strich er durch das dürre Laub der Hainbuchenbüsche, daß sie raschelten...

Das weckte den Mann aus seinem Entsetzen ... er fuhr auf ... sah sich um wie ein Gehetzter nach den Stimmen, die er flüstern hörte – den raschelnden, zischelnden Stimmen ...

Und aufschluchzend legte er seine Hände vor sein Gesicht ...

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