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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 1
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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1. Die Thags

Unter dem Stamme einer Tamarinde lag in dem hohen Grase ein Mann. Die schwarze Hose und der rote Rock mit blanken Knöpfen ohne Abzeichen ließen in ihm einen gewöhnlichen, englischen Soldaten erkennen, und zwar war er ein Engländer, kein Sepoy.

Das Gesicht war von der Sonne schwarzbraun gefärbt, aber entsetzlich mager wie der ganze Körper. In völliger Ermattung lag er da und wünschte nichts sehnlicher als den Tod herbei.

Dieser Mann gehörte zu denen, welche der Meuterei entgangen waren. Es gelang ihm, aus seiner Garnison zu fliehen, als die Rebellen über die Engländer herfielen, und nun irrte er schon seit Wochen an den südlichen Abhängen des Himalaja in der Wildnis umher, waffenlos und des Weges unkundig.

Wagte er sich in ein Dorf, um etwas Brot zu betteln, so konnte er sicher sein, daß ihm bald die Verfolger wieder auf den Fersen saßen, und alle seine Kraft mußte er aufbieten, diesen zu entkommen. Beeren und Früchte bildeten seine Nahrung, er trank aus Wasserlachen, und vergebens hoffte er, auf eine englische Truppenmacht zu stoßen, denn diese sammelten sich unten im Süden.

So wie dieser Soldat streiften noch hundert andere umher, und einer nach dem anderen fiel doch den die Wildnis durchsuchenden Sepoys in die Hände.

Jetzt konnte der Flüchtling nicht mehr weiter, die Glieder versagten ihm den Dienst. Fast wünschte er, daß ihn die Verfolger hier fänden und ihn mit ihren Säbeln in Stücke hieben.

Aber dies hatte er schon oft gewünscht, und doch war er immer wieder geflohen.

Da war es ihm, als erschiene eine dunkle Linie vor seinen Augen, doch nur einen Augenblick behielt er überhaupt seine Besinnung, dann legte sich ihm eine Schlinge um den Hals, ein heftiger Ruck – und der Unglückliche hatte ausgelitten.

Die Schlinge von Seidenschnur, von unsichtbarer Hand geschleudert, hatte ihn seitwärts von dem Tamarindenstamm, an den er den Rücken lehnte, zu Boden gerissen und ihm das Genick gebrochen.

»Dank sei der heiligen Kali!« sagten zwei Stimmen gleichzeitig, und aus dem Kamelkraut, das den Baumstamm umgab, erhoben sich die wilden Gestalten zweier Indier.

In den Augen ihrer gelbbraunen Gesichter glühte ein fanatisches Feuer; triumphierend betrachteten sie ihr Opfer. Sie waren nackt bis auf die kurze baumwollene Hose, trugen im Gürtel ein langes Messer und um das schwarze Haar ein schmutzigblaues Tuch. Bei dem, der noch das Ende der Schnur in der Hand hielt, hatte sich dasselbe etwas verschoben und ein anderes von schwarzer Seide, der Devy, kam darunter zum Vorschein, mir welchem die Thags ihr Opfer ersticken.

»Dank sei der heiligen Kali,« wiederholte der Schlingenwerfer feierlich, »sie ist unersättlich, und sie sorgt auch dafür, daß ihre Diener immer für sie arbeiten können. Es ist heute der dritte den ich ihr opfere, der dritte, mein Bruder, den du begräbst, und die Göttin wird gnädig sein und uns auch noch den vierten senden. Ist das Bheel fertig, Lugha?«

»Es ist gegraben, während du dich anschlichst, so wie es die Göttin liebt,« entgegnete der Lugha, der Totengräber, »der Boden war weich, es machte mir wenig Mühe.«

Sie untersuchten den Ermordeten, fanden aber gar nichts des Mitnehmens wert. Selbst die Uniform war zerrissen.

»Wann wird die Göttin unserer gedenken, daß auch wir Nutzen von den Toten haben?« sagte der Bhutote, der Erdrosseler, niedergeschlagen. »Wohl kann sich die Göttin freuen, der Faringis streifen noch viele umher, welche in die Hände der Phansigars fallen werden, aber ihre Taschen sind stets leer, wie ihre Magen.«

»Murre nicht, mein Bruder!« erwiderte der Lugha. »Sie wird uns auch noch Opfer zuführen, an denen wir uns bereichern können. Ich sah vorhin, wie eine rote Schlange eine Maus verschlang, und nach diesem Zeichen habe ich stets Glück.«

Beide faßten den Toten an und trugen ihn seitwärts, nur wenige Schritte, wo eine lange Grube gegraben worden war, eben lang und breit genug, den Toten aufzunehmen, nur ganz flach.

So war also, während der Soldat mit offenen Augen dagelegen hatte, das Gehör geschärft, um etwa ankommende Verfolger noch rechtzeitig zu vernehmen, hier ganz in seiner Nähe schon sein Grab bereitet worden, und auf diese Weise arbeiten die Thags immer. Das Opfer, welches erwürgt wird, bevor sein Grab gemacht worden ist, zählt nicht mit zu den Verdiensten, welche die Kali einst belohnen wird.

Sie legten den Soldaten in das Grab. Schon wollte der Lugha gleich einem Maulwurf mit den Händen Erde darüber schaufeln, als er sich noch einmal an den ihm übergeordneten Bhutote wendete:

»Will mein Bruder, daß ich noch ein Grab daneben bereite, so wie es der Kali gefällt? Du hast Glück gehabt, ich habe gute Zeichen gesehen, vielleicht führt die Göttin dir ein neues Opfer zu.«

Am liebsten legen die Thags ihre Opfer in ein Doppelgrab, so, daß die Füße sich berühren. Deshalb suchen sie auch möglichst zwei Menschen gleichzeitig zu töten.

Der Gefragte schüttelte den Kopf.

»Schütte das Bheel zu. Lange ist es schon her, daß ich das Glück nicht mehr gehabt habe, ein Doppelgrab zu füllen. Ich werde es auch hier nicht finden; diese Gegend ist einsam.«

Da ertönte in der Ferne das Wiehern eines Pferdes. Der Lugha sprang auf, sein Begleiter spähte schon durch die Büsche.

»Grabe, Lugha, grabe, bis dir das Blut aus den Fingern spritzt!« rief letzterer hastig.

»Wahrhaftig, ein Faringi kommt. Ich locke ihn heran.«

»Den Devy,« warnte der Lugha und begann schon mit Messer und Händen das Grab zu verlängern. Schneller konnte eine Schaufel nicht arbeiten.

Der Würger verbarg das schwarze Seidentuch unter dem blauen, wickelte die Seidenschnur fest in der rechten Hand zusammen und warf sich an den Boden, wo er sich unter Zuckungen hin und her wälzte. Dabei erschütterte sein Jammergeschrei die Luft.

Beide brauchten nicht erst eine Verständigung, jeder kannte die Rolle, die er zu spielen hatte, denn sie war nur eine Wiederholung von früher her. Schon oft hatten sie ihre Opfer an entlegene Ort gelockt, wo sie unbehindert erdrosselt und begraben werden konnten.

Das Zetergeschrei war gehört worden. Nicht lange dauerte es, so setzte ein brauner Hengst über das den Platz umgebende Buschwerk, und auf dem Rücken des Tieres saß Dick.

Von der einen Seite des Sattels hing sein Gewehr herab, von der anderen ein Holzbauer mit einer Taube. Daß er nicht auf rechtliche Weise in den Besitz des stattlichen Rosses gekommen war, ist leicht begreiflich.

»Hallo, was gibt's hier? Wen schlachtet man hier ab?« rief er, parierte das Pferd und überflog mit den Blicken den Platz.

Es sah freilich sonderbar genug darauf aus.

Ein Indier schaufelte mit den Händen an dem Loche, in welchem ein englischer Soldat als Leiche lag, und daneben wälzte sich ein anderer Indier, anscheinend in furchtbaren Schmerzen, am Boden. Sein Geheul war entsetzlich; vor den blauen Lippen stand Schaum. Dick glitt aus dem Sattel, ergriff dabei seine Büchse, die er immer zur Hand hatte, und hing die Zügel des Pferdes über einen Baumzweig.

»Nun, was ist hier los? Du machst wohl ein Massenbegräbnis, Bursche?«

Der Lugha hatte sich erhoben, erzählte etwas, gestikulierte und deutete dabei bald auf den Toten, bald auf den sich krank Stellenden.

»Nix Indisch,« sagte Dick kopfschüttelnd.

»O, Sahib,« begann jetzt der Indier in mangelhaftem Englisch, »alles tot, alles tot.

Englisch Soldat tot, wir ihn begraben, nun mein Bruder auch bald tot.«

»Nanu, war denn dein Bruder vorhin noch gesund?«

»Ganz, ganz gesund. Soldat liegt hier, schreit wie jetzt mein Bruder, wir ihn finden, Soldat stirbt, wir wollen ihn begraben, bums, fällt mein Bruder auch hin und will sterben.«

Dick trat erschrocken einen Schritt zurück und ergriff die Zügel des Pferdes.

»Alle Teufel, dann ist der Soldat an der Cholera gestorben, und dein Bruder ist angesteckt worden.«

»Kein Cholera, ich das kennen,« versicherte der Indier.

»Oder an der Pest!«

»Nix Pest.«

»Dann an der Ruhr!«

»Auch nix Ruhr, böser Geist in ihn gefahren. Ich kann nicht helfen, aber du, du ein Faringi, du alles wissen und heilen.«

»Hm, sehr schmeichelhaft für mich, aber da werde ich wohl auch nicht helfen können.

Sag mal, mein Junge, du machst wohl schon ein Grab für deinen Bruder?«

»Ja, Sahib.«

»Das ist liebenswürdig von dir, wo er noch nicht einmal tot ist.«

»Du ihn besehen, dann wird er gesund.«

Dick hatte keine Ahnung, daß er zusah, wie sein eigenes Grab gegraben wurde. Er fühlte Mitleid mit dem Unglücklichen, er wollte sich wenigstens überzeugen, was ihm fehlte, vielleicht konnte er ihm doch helfen, vielleicht schon mit einem Aderlaß, denn er hatte in seinem vielbewegten Leben schon so manche Erfahrung betreffs Krankheiten gesammelt und verwertet. Dann hatte er manchen schon dicht neben sich an einer ansteckenden Krankheit verscheiden sehen, ihm Liebesdienste erwiesen und war selbst verschont geblieben.

Kurz entschlossen ging er auf den Schreienden zu, legte das Gewehr hin und beugte sich über ihn.

Dick hatte nicht den geringsten Argwohn, was die beiden mit ihm vorhatten, und so wußte er auch nicht, daß der Thag blitzschnell das Seidentuch hervorzog und sich ihm von hinten näherte.

Wäre damit Dicks Tod auch noch nicht beschlossen gewesen, obgleich ihm von hinten der Devy, von vorn die in der Hand verborgene Phansi, die Schlinge, drohte, so konnte er doch in eine kritische Lage kommen. Der Lugha warf ihm dann das Seidentuch über und suchte ihn zu ersticken. Drehte sich Dick um, so fiel die Schlinge um den Hals des Knieenden, ein Ruck und er war entweder tot oder doch völlig bewußtlos.

Aber das mörderische Bubenstück sollte nicht gelingen; über dem Ahnungslosen schwebte ein Schutzengel, der diesen Mann noch zu anderen Rettungswerken gebrauchte.

Man vernahm in der Ferne ein durchdringendes Schreien, es mußte entweder von den Lippen eines Weibes oder eines Kindes kommen, gleich darauf erscholl ein schauerliches Grunzen, wie Dick es noch nie gehört hatte. Schnell kam es näher.

Seltsam, was für ein gutes Heilmittel dieses Grunzen war. Schnell wie der Blitz sprang der Kranke plötzlich auf und stürzte davon, dem Lugha nach, der beim ersten grunzenden Ton schon in panischem Schrecken die Flucht ergriffen hatte. »Sambro, Sambro Mahadeo,« hörte Dick noch einmal schreien, dann war er allein und sah sich verdutzt um. Doch schnell besann er sich, sprang auf und machte die Büchse schußfertig.

Er hatte schon gehört, daß in Indien ein Bär existierte, welcher von den Eingeborenen Sambro genannt wird, auf deutsch führt er den Namen Lippenbär. Nach dem Königstiger ist er das gewaltigste Raubtier Indiens und von den Eingeborenen noch gefürchteter als dieser, weil er seine Beute fast nur unter Menschen sucht und diese dann auf eine entsetzliche Weise quält. Er umschlingt sein Opfer, tötet es aber nicht, sondern saugt mit seinen beweglichen Lippen ein Glied nach dem anderen ab, zuerst die kleineren, also Nase und Ohren, selbst die Augen saugt er so aus. Hätten die Engländer nicht unter diesen Unholden tüchtig aufgeräumt, so würde Indien von ihnen wimmeln, weil die Indier den Lippenbären aus religiösem Aberglauben nicht töten, ebensowenig wie Affen und Schlangen. Sie meinen, in jedem Lippenbär wohne ein böser Geist, und wer einen töte, der würde dazu verdammt, einst selbst als Bär zu leben und Menschen zu fressen. Wer aber einen tötet, der wird hoch verehrt, weil er das Land von einer Plage befreit hat.

Mahadeo bedeutet so viel wie Todesbote, so wird der Lippenbär auch manchmal genannt.

Zugleich ist Mahadeo der anfeuernde Ruf für die Kriegselefanten, durch welchen sie in Wut versetzt werden.

Das schreckliche Grunzen rührte also von einem Lippenbär her, und das Hilfegeschrei von einem Menschen, den er verfolgte.

Schnell kam es näher, direkt auf Dick zu, der mit schußbereiter Büchse dastand, und da brach auch schon der Verfolgte durch die Büsche.

Dick hatte nur Zeit, zu erkennen, daß es ein ungefähr achtjähriger Knabe war, in überaus reiche, indische Gewänder gekleidet, das schöne, von schwarzen Locken umrahmte Gesicht erhitzt und mit einem verzweifelten Ausdruck, als auch schon ein mächtiger Lippenbär nachgestürzt kam.

Dicks einläufiges Gewehr zielte nach dem Auge des Ungeheuers, er schoß und fehlte, denn in demselben Augenblick hatte sich der Knabe mit einem Freudenschrei auf den Jäger geworfen und sich an ihm hilfesuchend festgeklammert. Der Bär, nur am Kopf verwundet, stieß ein furchtbares Geheul aus, im Nu stand er vor Dick, erhob sich auf die Hinterbeine und umschlang ihn in tödlicher Umarmung.

Es war nicht das erstemal, daß Dick einem Bären Brust an Brust gegenüberstand. Als die Bestie ihn erreichte, hatte er das Gewehr fortgeschleudert, sich von dem Knaben freigemacht, das Bowiemesser aus der Scheide gerissen, und der Bär hatte einen Gegner gefunden, der ihm gewachsen war.

Dick bückte sich, sein Kopf lag an der Brust des Raubtieres, und ehe dieses Zeit fand, die Rippen des Jägers zu zermalmen, wurde ihm blitzschnell dreimal hintereinander das Messer ins Herz gestoßen.

Wie ein Sack, nur mit einem kurzen Röcheln, stürzte der Bär tot zu Boden und riß den Trapper mit sich, doch im nächsten Moment hatte dieser sich befreit und erhoben.

Er wischte das blutige Messer an dem Fell ab und betrachtete jetzt den Knaben genauer.

Dieser stand mit halbgeöffnetem Munde da; mit einem Ausdruck namenloser Bewunderung hing sein großes, glänzendes Auge an dem Faringi, der den Sambro mit dem Messer so leicht abgeschlachtet hatte, als wäre es ein Kaninchen gewesen. Selbst den eben überstandenen Schrecken vergaß er darüber.

Dick mußte sich gestehen, noch nie einen so schönen Knaben gesehen zu haben, noch nie solche regelmäßige Gesichtszüge an einem Kinde. Er war jedenfalls der Sohn eines sehr reichen Indiers; alles an ihm war kostbar, der Gürtel mit Diamanten besetzt wie der kleine Dolch, der am Gürtel hing. Ferner bemerkte Dick, daß an den feinen Schnabelschuhen aus gelbem Leder lange, silberne Sporen befestigt waren, er mußte also beritten gewesen sein. Furchtlos ließ er Dick an sich herantreten. Dieser Mann hatte ihn ja gerettet.

»Nun Kleiner,« redete Dick ihn freundlich auf englisch an und tätschelte ihm den Kopf mit seiner rauhen Hand, »das war wohl eine böse Jagd? Wie kommst du denn eigentlich allein hierher in die Wildnis?«

Der Knabe erfaßte plötzlich die Hand des Trappers und führte sie an seine Lippen.

»Du hast mich vordem Sambro geschützt und ihn getötet,« rief er in geläufigem Englisch.

»Wenn du auch ein Faringi bist, so will ich doch dein Mayadar sein, von jetzt an, bis uns der Tod scheidet, und mein Vater, wenn er es erfährt, wird dir der zweite Mayadar sein.«

»Was ist denn das, Mayadar?«

»Weißt du das nicht? Was die Aya, die Amme, dem Kinde ist, von dem sie weder in Not noch im Tode scheidet, weil es ihre Milch getrunken hat, das ist der Mayadar seinem Herrn, der ihn gerettet hat. Du hast den Sambro getötet, du selbst mußt nach deinem Tode als solcher durch die Wälder schweifen, aber von jetzt ab soll mein Auge über dich wachen, daß dein Leben nicht bedroht wird. Stirbst du, so sterbe ich mit dir, und dann werde ich dein Los erleichtern. Ich bin dein Mayadar. Befiehl über mich wie über deinen Sklaven!«

Dick konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er den Knaben so sprechen hörte.

»Na,« schmunzelte er, »davor fürchte ich mich nun nicht so sehr, daß ich nach meinem Tode als Bär in den Büschen herumkriechen muß, schließlich muß das ja auch ganz hübsch sein, wenigstens hübscher, als unter der Erde zu liegen und von Würmern gefressen zu werden ... .«

»O, der Geist geht zu Brahma, wenn man gut war.«

»Hm, ich weiß noch nicht, ob ich zu ihm gehe, muß mir's erst mal überlegen. Und daß du von jetzt ab über mein Leben und meine Sicherheit wachen willst, dafür danke ich dir recht schön. Nun sag aber, wie kommst du hierher?«

»Mein Vater jagte mit seinem Gefolge auf den Grasebenen Gazellen und Antilopen. Er nahm mich mit. Als wir die Rudel umgingen, entfernte ich mich weit von den Jägern; bei einem Sprunge über ein Gebüsch stürzte mein Pferd und brach den Fuß. Als ich mich aufrichtete, sah ich einen Sambro auf mich zukommen. Ich hoffte, ihm durch Flucht zu entgehen, auf der Ebene wäre es mir auch gelungen, denn ich bin schnellfüßig, aber in diesen Gebüschen hinderten mich die Sporen, hier verließ mich meine Kraft, und hätte ich dich nicht getroffen, ich wäre verloren gewesen.«

»So so. Wie lange bist du denn gejagt worden?«

»Wohl über eine Stunde.«

»Das ist ein bißchen lange. Wird dich dein Vater nicht suchen?«

»Gewiß, er wird mich suchen und mich finden. Doch ich bin dein Mayadar, du kommst mit mir!«

»Hm, das werde ich wahrscheinlich nicht tun, aber allein lasse ich dich natürlich nicht hier. Wir suchen eben deinen Vater auf. Wer ist denn dein Vater?«

»Er ist ein edler und mächtiger Sirdar, der Bruder des Fürsten vom Pandschab, und wo man den Namen Akkallah hört, da verneigt man sich demütig.«

Über Dicks Lippen kam ein leiser Pfiff. »Also Sirdar Akkallah ist dein Vater! So wohnst du auf der Burg Malangher?«

»Ja, dieses Schloß ist meine Heimat!«

Der Trapper betrachtete den Knaben mißtrauisch, aber sofort ging die Wolke des Argwohns vorüber, diese großen, hellen Augen konnten nicht lügen; hinter dieser reinen Stirn konnte kein Verrat sein.

»Also Malangher! Dahin wollte ich nämlich auch.«

Die helle Freude, die bei dieser Äußerung bei dem Knaben ausbrach, hätte Dicks etwa noch vorhandenen Argwohn – nach Francoeurs Angaben war ja Malangher zugleich der Hauptsitz der Thags – vollkommen zerstreuen müssen. »O, wie herrlich, wie herrlich!« rief der Knabe ein übers andere Mal. »Du kommst zu uns! Wie wird sich mein Vater freuen, den als Gastfreund bewirten zu können, der seinen Sohn dem Sambro entrissen hat. Komm, laß uns Akkallah aufsuchen, ihm entgegengehen!«

»Können wir nicht gleich nach der Burg reiten?«

»Ja, wenn du den Weg wüßtest!«

»Ich finde mich hin.«

»Woher weißt du ihn?«

»Ich weiß, wo die Burg liegt.«

Der Knabe schüttelte den Kopf. Er war in seiner Heimat, und doch hätte er sich nicht nach Hause gefunden. Da fiel sein Blick zum ersten Male auf den im Grabe liegenden, englischen Soldaten. Er erschrak.

»Was ist das?«

»Ja, wenn ich das wüßte!«

Dick erzählte ihm, was sich hier ereignet hatte, wie der anscheinend Todkranke beim Grunzen des Lippenbärs auf und davon gerannt wäre, aber auch der Knabe konnte ihm keine Erklärung geben. Der Soldat war tot, und Dick konnte nicht sagen, wann er gestorben war, vielleicht war er verhungert.

Dann bemerkte Suradscha – so war der Name des Knaben – Dicks Pferd, und je länger er den prächtiggebauten Hengst, der ängstlich mit zurückgeschlagenen Ohren und geöffneten Nüstern nach dem Bären witterte, betrachtete, desto größeres Erstaunen malte sich in seinen Zügen aus.

»Wer bist du, Faringi, daß dir dieses Roß zum Reiten durch die Wildnis anvertraut worden ist?«

Dick wurde etwas verlegen.

»Ich? Hm, ich bin Dick, Dick Red, auch der rote Dick genannt. Schönes Pferd, nicht? Ja, ich habe einen guten Geschmack.«

»Aber du mußt ein Freund von Radscha Daulah sein, denn dies ist sein Leibroß.«

»So, ist es? Das tut mir leid.«

»Hat er es dir geschenkt oder nur geborgt?«

»Nur geborgt, natürlich nur geborgt,« entgegnete Dick schnell, denn er scheute sich doch, diesem Kinde gegenüber zu gestehen, daß er das wertvolle Tier in der vergangenen Nacht mit der List und Gewandtheit eines amerikanischen Pferdediebes aus einer Hürde gestohlen hatte.

Der Knabe wollte den Toten gern erst beerdigt sehen; aber Dick hatte es plötzlich eilig, er wollte sich keiner ansteckenden Krankheit mehr aussetzen.

Mit einem bedauernden Blick auf das schöne Fell des Bären hob er Suradscha vor sich in den Sattel und schlug mit unfehlbarer Sicherheit die Richtung nach der Burg ein.

Dort also sollte, wenn Francoeur ihn nicht belogen hatte, der Schlupfwinkel der Thags sein, dort auch sollte Nancy, Woodfields unglückliche Tochter, gefangengehalten werden.

Dick wußte noch nicht, daß er sich jetzt in das gefährlichste Abenteuer einließ, das ihm je begegnet war.

Der Platz war noch nicht lange verlassen, als sich die Gebüsche teilten und die beiden Thags wieder erschienen. Als sie überzeugt waren, daß der Lippenbär tot sei, wagten sie sich hervor.

»Er hat den Sambro getötet,« sagte der Buthote, »er ist verflucht und muß seine Tat büßen.«

Der Lugha deutete nach dem Grab.

»Und wir?«

Scheu begegneten sich die Blicke beider.

»Das Grab ist fertig,« sagte der eine dumpf.

»Kali will Ersatz für das Opfer haben, das uns entgangen ist.« »Sollen wir warten?«

»Wenn die Sonne sinkt und das leere Grab ist noch nicht gefüllt, so werden wir vor ihr zittern müssen.«

Ein drückendes Schweigen lag auf beiden, sie konnten zu keinem Entschluß kommen.

Durch die Bereitung des zweiten Grabes hatten sie eine furchtbare Verantwortung auf sich geladen.

Da schraken sie zusammen; sie dachten abermals an Flucht, doch es war zu spät; ein prächtiger Schimmel drängte sich schon durch die Büsche, auf ihm ein Indier in Jagdrüstung.

Außer der kostbar ausgelegten Flinte und den üblichen Pistolen und Dolchen trug er im Gürtel noch einen meterlangen Stock und eine Stahlscheibe, etwa fünf Zoll im Durchmesser haltend, in der Mitte mit einem Loch versehen und am Rande haarscharf geschliffen.

Es war dies die Wurfscheibe, deren Gebrauch unter den Bewohnern des Himalajagebirges verbreitet ist.

Die beiden Thags duckten sich wie zum Sprunge und griffen nach den Messern, dieser fremde Mann mußte sterben.

»Ehre sei der heiligen Kali,« rief dieser schnell »vor euch steht ein Cham, ein Priester der Spitzaxt.«

Der schon ältliche Reiter hatte das Grab gesehen, in den beiden Thags erkannt und sich selbst als einen Priester der Sekte zu erkennen gegeben.

Die zwei Männer verneigten sich demütig.

»Wer seid ihr?« forschte der Reiter.

»Ich bin Aram, der Sohn Faringheas, den die ganze Welt kennt,« entgegnete der Buthote, sich stolz aufrichtend; »weil er in den Gefängnissen der verfluchten Faringis geschmachtet hat, fehlten ihm 221 Seelen, sonst hätte er der Kali tausend geschenkt. Ich, sein Sohn, habe die fehlende Zahl bereits erreicht, heute habe ich den dreihundertsten in das Nebelland geschickt.«

»So bist du also ein Sohn des Landes Holkar?«

»Ich bin's, Herr, ein Buthote, und dieser ist der mich begleitende Lugha.«

»Was wollt ihr hier?«

»Wir hörten, daß im Tempel das Fest der Kali gefeiert werden soll, und machten uns auf den Weg, ihn zu suchen.«

»Habt ihr ihn schon gefunden?«

»Noch nicht. Noch hat uns sich niemand als Thag zu erkennen gegeben, so vielen wir auch die Hand drückten. Wir wollten den Sirdar Akkallah aufsuchen, welcher ein mächtiger Cham sein soll und seine Burg Malangher hier in der Nähe hat.«

»Ich bin der Herr von Malangher, ich bin Akkallah.«

Die beiden verneigten sich noch tiefer.

»Die Kali sei dir gnädig, Wischnu erhalte dich, Siwa schenke dir Kinder.«

So war der Reiter also Suradschas Vater, und er sah dem Knaben auch sehr ähnlich. Er hatte dasselbe schön geschnittene Gesicht, dieselben großen, feurigen Augen, nur lag, wenigstens jetzt, ein Zug von Angst und Sorge darin. Man hätte nicht geglaubt, daß dieser Mann eine Seele besaß, die nach Menschenblut dürstete. Doch es wurde schon erwähnt, daß die Thags das Morden als ein gottwohlgefälliges Werk betrachten, und wir Christen dürfen sie am allerwenigsten verdammen, wir brauchen nur an die Religionskriege zu denken, oder an die Gebete, welche vor der Schlacht aufsteigen zu dem, der da geboten hat: Liebet eure Feinde.

»Ich sehe ein Doppelgrab, doch nur ein Opfer liegt darin. Hast du, Lugha, es im Frevelmut gegraben? Ha, ein Sambro! Wer ist der Kühne, der es gewagt hat, die Schuld auf sich zu laden? Oder wolltet ihr ihn in das Grab legen?« Die beiden erschraken vor solch einer Anklage. Sie erzählten, was sich ereignet hatte, soweit sie es aus dem sicheren Hinterhalt erspäht und erlauscht hatten. Des Sirdars Gesicht hellte sich bei dieser Erzählung immer mehr auf.

»Der rote Faringi, wie ich einen solchen noch nie gesehen habe,« schloß der Buthote, »wollte nach Malangher reiten und nahm den Knaben mit sich. Er bietet sich der Kali also selbst zum Opfer dar.«

»So hat dieser Faringi mein Kind gerettet!« rief der Sirdar fast jubelnd.

»Dein Kind? Es war dein Kind?«

»Es war Suradscha, mein Sohn. Und der Faringi hat den Sambro in der Umarmung mit dem Messer getötet?«

»So ist es, Sirdar!«

Der Reiter sprang ab und untersuchte den Leichnam des Bären.

»Bei Brahma, er hat ihn nur am Kopf gestreift und ihm dann dreimal das Messer ins Herz gestoßen.«

»Der Sambro wollte sich auf den Knaben stürzen; der Faringi warf sich ihm jedoch entgegen und rettete dein Kind.«

»Bei Brahma, so will ich sein Mayadar sein!« rief der Sirdar feierlich.

»Herr, er ist auf der Burg der Kali, wir wollten dich bitten ...«

»Um was?«

»Liefere ihn uns aus!«

»Wozu?«

»Das Grab zu füllen. Die Kali zürnt uns, wenn wir sie um eine Seele betrügen.«

»Den soll ich töten, der mein Kind gerettet hat?« brauste der Sirdar zornig auf. »Habt ihr nicht gehört, daß ich sein Mayadar sein will, und ihr verlangt, ich soll ihn euch ausliefern?«

»Was sollen wir tun?« fragten die beiden kleinlaut. »Die Kali fordert Sühne.«

»Und sie soll die noch fehlende Seele haben. Ich bin ein Cham, ich habe zu bestimmen, ich ziehe das Los.«

Der Widerstand der beiden war sofort gebrochen, geduldig ergaben sie sich in das Schicksal, das nicht mehr zu umgehen war. Das Grab mußte gefüllt werden, ein Opfer war nicht da, so mußte einer von ihnen in den Tod gehen. So forderte es das unerbittliche Gesetz der Thags.

»Wie du befiehlst, edler Sirdar, wir sind zum Sterben bereit. Was willst du gebrauchen?«

»Ich bin ein Cham der heiligen Spitzaxt, einer von euch stirbt durch den Stahl.«

Ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, knieten beide an dem offenen Grab nieder und beteten inbrünstig. Einer von ihnen mußte in der nächsten Minute sterben, aber sie wußten nicht, wer es sein werde.

Der Sirdar nahm einen Stein auf und warf ihn empor. Er fiel mehr nach dahin, wo der Buthote auf den Knien lag. Doch ihm war die Entscheidung des Schicksals unbekannt, er sollte es auch nicht lebend erfahren.

Mit leisem, unhörbarem Schritt nahm der Indier etwa zehn Meter hinter den beiden Stellung, steckte den schon erwähnten Stock fest in die Erde, den Stahlring darüber, machte eine leichte, kaum merkliche Handbewegung, und blitzschnell wirbelte der Ring um den Stab.

Plötzlich schnellte der Indier das Ende des Stabes in die Richtung des knienden Buthotes.

Wie ein Blitz sauste der Ring durch die Luft und trennte Hals und Kopf des Mannes durch einen haarscharfen Schnitt. Der Kopf fiel in die Grube, eine dunkle Blutwelle sprudelte aus dem Halse, dann stürzte der kniende Körper nach und füllte das Grab.

Der andere Indier erhob sich, das Los hatte ihn verschont.

»Die Kali wird ihren Dienern nicht zürnen,« sagte Akkallah, »wir haben ihr Gebot befolgt. Sie wird Arams Seele gnädig empfangen, denn er hat seine Schuld gesühnt. Begrabe deinen Bruder und den Faringi, Lugha! Durchstich die Leichen, daß die Gase den Boden nicht heben! Nun sage mir nochmals. Der Faringi wollte mit meinem Sohne nach Malangher reiten?«

»Er hätte es auch getan, wenn er deinen Sohn nicht getroffen hätte, so habe ich genau verstanden, obgleich ich nur wenig Englisch spreche.«

Der Sirdar neigte sinnend den Kopf.

»Ich werde versuchen, ihn einzuholen,« sagte er dann, sein Pferd besteigend. »Wenn es möglich ist, soll der Faringi, dem ein Mayadar zu sein ich geschworen habe, mein Schloß nicht betreten, denn er findet wohl den Eingang, doch nicht den Ausweg. Beeile dich, Lugha, und komme nach, denn heute nacht wird das Fest des Devy gefeiert, die Kali wird sich an dem Geruche des Blutes von über zweihundert Menschen weiden können.«

Damit sprengte er davon. – Diese Szenen hatten sich zur Mittagsstunde ereignet. Dick und sein neuer Freund ritten den ganzen Nachmittag. Suradscha konnte sich nicht genug wundern, wie der Faringi, der zum ersten Male hier sein wollte, den Weg nach der Burg seines Vaters ohne Führer fand.

Später lichtete sich der Wald, schwächer und schwächer ward die Vegetation, bis diese ganz verschwand und einer weißen, wellenförmigen Sandwüste Platz machte. Weit im Hintergrunde erhoben sich Bergesmauern, welche die Abendsonnenstrahlen blendend reflektierten.

»Wahrhaftig, du hast dich nicht geirrt!« rief Suradscha erstaunt, während das Roß unter Dicks Faust zur schnellsten Karriere ausgriff. »Diese Wüste zieht sich vor dem Schlosse meines Vaters hin. Siehst du dort die Mauern?«

»Es sind wohl die Mauern der Burg?«

»Paß auf, wenn du hinkommst!« lachte der Knabe. »Es sind himmelhohe Berge, und es gibt dort keinen Eingang!«

»Ja, wie kommst du denn hinein?«

»Ich muß dir als Führer dienen. Lenke mehr nach rechts, dort finden wir einen Engpaß, und haben wir den passiert, so sehen wir Malangher liegen.«

Dick hatte schon versucht, den Knaben auszuforschen, ob die Burg wirklich der Versammlungsort der Thags sei, hatte aber bald erfahren, daß Suradscha gar nichts davon wußte.

Nach einer Stunde schnellsten Rittes konnte Dick wirklich erkennen, daß sich hier die Gebirgsmassen des Himalajas befanden. Jäh stiegen sie aus der flachen Wüste auf, fast ohne vorheriges Hügelland, steinerne, senkrechte Mauern von ungeheuerer Höhe, die das Gebirge selbst vor jedem Menschen abschließen zu wollen schienen.

Das merkwürdigste war für Dick, daß er gar keine Schlucht, keinen Paß und nichts sah.

Wie sollte man über diese Felswände hinweggelangen? Es war ein Glück für ihn, daß er einen in der Gegend bekannten Menschen gefunden hatte.

Suradscha ergriff die Zügel des Rosses und deutete auf einen dunklen Strich in der weißen Mauer.

»Dort ist der Zugang zu Malangher, wenigstens von hier aus. Willst du den bequemen Weg gehen, so mußt du noch zwei Tage reiten, ganz nach links, bis die Felsenmauer zu Ende ist.«

Nach einer Viertelstunde erreichte das dampfende Roß die Felsenspalte, die nicht einmal breit genug war, daß zwei Pferde nebeneinander gehen konnten.

»Wir werden angehalten werden!« erklärte Suradscha vorher. »Doch wen ich einführe, der hat stets Zutritt zu Malangher.«

Als er den Pfad betreten wollte, geschah dies auch schon.

»Halt!« rief eine Stimme. »Kein Fremder darf die Burg betreten!« Hinter einem Felsvorsprung hervor trat ein Mann, er legte zum Schutze gegen die blendenden Sonnen strahlen die Hand über die Augen und betrachtete die beiden Reiter.

»Suradscha!« rief er dann überrascht. »Blendet mich denn die Sonne? Du allein mit einem Faringi?«

»Sende Boten aus, Randschit, meinem Vater entgegen und melde ihm, daß ich schon in der Burg bin. Gib den Weg frei, wir sind müde!«

Der Wächter zögerte.

»Ich habe den Befehl, keinen Faringi einzulassen.«

»Dieser Mann ist zwar ein Faringi, aber kein Fremder! Er ist der Gastfreund meines Vaters.«

Der Wächter trat zurück und ließ das Pferd passieren.

Dick sah in der langen Felsenspalte noch mehrere Wächter, er glaubte sogar hoch oben auf der Felswand Köpfe zu sehen, und es war ihm, als ob alle teils erstaunt, teils grimmig auf den Faringi blickten.

Wahrscheinlich hatte er überhaupt nur Zutritt, weil der Sohn des Burgherrn bei ihm war.

Noch einmal trat ihnen ein Wächter, ein alter Mann, sehr energisch entgegen; er wollte den Faringi durchaus nicht weiterreiten lassen. Da beugte sich Suradscha herab, zog dem Manne mit dem Zügelende einige Hiebe über den Rücken, und nun wagte dieser nicht mehr, dem Willen seines kleinen Gebieters zu trotzen.

Zuletzt eröffnete sich vor Dick eine wunderbare Aussicht.

Er erblickte, rings eingeschlossen von hohen Felswänden, ein wahres Paradies. Es war ein Tal, besetzt mit Kokos- und anderen Palmen, Tamarinden, Bananen und Mangobäumen, darunter erhoben sich die Schilfhütten eines Dorfes, zwischendurch floß ein kleiner Bach, an dem Schafe und Ziegen von Weibern und Kindern getränkt wurden, während die Männer noch auf den Mais- und Reisfeldern beschäftigt waren.

Zur Linken führte eine Heerstraße in den mächtigen Talkessel, denselben Weg nahm auch der Bach, aber die Straße war durch einen Schlagbaum gesperrt, und zahlreiche Männer standen dort Wache.

In der Nähe des Tales erhob sich abgesondert ein terrassenartig ausgebauter, isolierter Felsen, auf dessen Gipfel eine Burg stand, nach orientalischer Art nur mit wenigen Fenstern versehen. Die Abendsonne ließ die vergoldeten Zinnen erglänzen und fiel noch auf den breiten Weg, der im Zickzack zur Burg hinauf führte.

Eben wurden vier Elefanten diesen Weg hinaufgetrieben, die mit den Rüsseln schwere Holzstämme trugen.

Über allem lag ein so unbeschreiblicher Reiz von Glück und Frieden ausgebreitet, daß sich Dick heimlich fragte, ob denn dies wirklich das Nest der Thags sein sollte. Nein, es war gar nicht möglich. Hier sollte eine Würgerbande hausen? Diese friedlichen Arbeiter sollten selbst Thags sein oder doch wissen, was im Innern der Burg vorging? Freilich, es war eine Festung, und zwar eine fast uneinnehmbare. Den Engpaß konnte eine Handvoll Leute verteidigen, und waren auf der Burg Geschütze, so konnten diese die ganze Heerstraße bestreichen.

»Dies ist Malangher, meines Vaters Schloß!« sagte Suradscha. »Willkommen, Faringi, mein Mayadar, in meinem Heimatstal! Wie wird sich Akkallah freuen, dich als Gast bewirten zu können, wenn er von mir erfährt, wie du seinen Sohn gerettet hast!«

Das Pferd erklomm den Burgpfad, sie ritten in den Hof, und überall erblickte Dick verwunderte oder drohende Gesichter. Das war eine schlechte Begrüßung, aber er traute dem Knaben. Dieser wenigstens meinte es ehrlich.

Was hätte er sonst wohl beginnen sollen? Hätte er erst die, welche in Eskandera auf ihn warteten, benachrichtigen sollen? Um Gottes willen! Die wollten dann mit, und Dick mußte allein sein, wenn er etwas zu erreichen hoffte. Vor allen Dingen war ihm die Gegenwart Miß Woodfields immer hinderlich; er hatte sich schon oft über die alte Dame geärgert.

Wie er es allerdings anfangen mußte, etwas zu erreichen, davon hatte er noch keine Ahnung. Wie schon so oft, ging er furchtlos direkt auf sein Ziel los, und das Glück hatte seine Tatkraft bis jetzt noch immer unterstützt.

Wenn er nur dort war, wo sich Nancy befinden sollte, so war das alles, was er wünschte, und unter dem Schutze Suradschas glaubte er sich, vorläufig wenigstens, sicher.

Der Knabe hatte sich, während Dick unter solchen Gedanken den Hof musterte, mit einem Indier leise unterhalten, der ihn zwar demütig empfing, aber fortwährend mißbilligend den Kopf schüttelte.

Daraus schloß Dick, daß seine Anwesenheit hier allen sehr unangenehm war.

Da nahm der Knabe ihn an der Hand und führte ihn ins Innere der Burg.

»Fürchte dich nicht!« sagte er, als er ihn in ein Zimmer geleitete. »Bist du auch ein Faringi und zürnen auch die anderen, daß ich dich mitbringe, so bist du uns doch willkommen. Ich kann nicht allen erzählen, was du mir getan hast, erfahren sie es aber, so wird ihr Murren verstummen. Wie, du hast auch dein Gewehr mitgebracht? Ich will es dir abnehmen lassen, du brauchst hier keine Waffen, dein Leben ist sicher.«

Auf sein Klatschen erschienen einige Diener, denen er die Sorge für Dick übergab, von seinen Waffen wollte dieser sich aber auf keinen Fall trennen. Daß er auch die Taube mit sich herumschleppte, dafür fand er leicht eine Erklärung.

Draußen erschollen Hörnersignale. Mit einem Freudenschrei eilte der Knabe hinaus, den zurückkehrenden Vater zu begrüßen.

Als sich Dick allein sah, musterte er erst einmal das orientalisch ausgestattete Gemach, blickte durch das hochgelegene Fenster in den Hof und setzte sich dann auf den Diwan, um zu überlegen, was nun weiter zu beginnen sei.

Daran, daß er sorglos gehandelt hatte, als er sich so direkt in die Burg der Thags begeben, dachte er gar nicht. Er mußte eben hinein, das war ihm auch gelungen, und er hatte bis jetzt stets auch aus der schwierigsten Lage einen Ausweg gefunden. Was aber nun zu machen sei, das wußte er freilich nicht.

Er hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn hastig ward die Tür aufgerissen, und Akkallah trat ein.

»Du bist der Faringi, welcher mir den Sohn gerettet hat?« rief er in leidenschaftlicher Erregung und drückte Dicks Hand mit seinen beiden gegen die Brust. »Suradscha hat es mir schon erzählt, du bist es! O, Fremdling, wie soll ich dir dafür danken? Du hast mir das einzige erhalten, an dem mein altes Herz noch hängt, die Hoffnung meines Lebens, meinen einzigen Trost!«

»Ich habe nichts getan, was ich nicht jedem anderen getan hätte,« wehrte Dick ab, den solch ein Ausbruch von Dankbarkeit fast in Verlegenheit setzte. »Was ist denn auch Großes dabei? Ein paar Stiche, und fertig ist die Geschichte! Wer in Gefahr ist, dem muß man beistehen, ebenso, wie man keinem das Leben ohne Grund nimmt. Herrgott, Mann, beruhigt Euch nur.«

Der Indier sah ihn starr an.

»Das ist die Lehre der Christen!« murmelte er wie geistesabwesend. »Ja, es ist etwas Wahres daran. Aber sprich doch,« fuhr er lauter und schneller fort, »wie kann ich dir dafür danken?«

»Nun, wenn ich einmal in Lebensgefahr bin, und du kannst mir heraushelfen, dann tu's«

lächelte Dick.

Der Sirdar blickte sich erst scheu um, als wäre er nicht der Herr der Burg, sondern ein Eindringling, als er sagte: »Dann entferne dich schnell wieder von hier! Schnell! Jetzt kann ich dir noch sicheres Geleit geben. Zögere nicht, sonst kann ich dich nicht mehr retten, und ich habe in meinem Herzen geschworen, dein Mayadar zu sein.«

»Schon wieder ein Mayadar! Na, das geht ja heute gut. Was soll mir denn hier für eine Gefahr drohen?«

Er beobachtete scharf das Gesicht des Sirdars, das sichtliche Besorgnis ausdrückte. Der Indier begann plötzlich hastig im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich kann dir nicht sagen, was dir droht; aber du mußt fort, auf der Stelle, oder ich kann dich nicht schützen.«

»Bist du nicht der Herr in dieser Burg?«

»Nicht lange mehr.«

»Ah, du hast sie wohl verkauft?«

»Nein, nein, ich kann es dir nicht erklären. In einigen Stunden habe ich hier nichts mehr zu sagen. Du mußt fort, ich gebe dir sichere Begleitung mit.«

»Ich habe immer so viel von Akkallahs Gastfreundschaft erzählen hören, es scheint aber nicht sehr weit her mit ihr zu sein.«

Das war eine direkte Beleidigung, wenigstens für jeden Indier; der Sirdar achtete aber nicht darauf.

»Ein andermal sollst du eine unbegrenzte Gastfreundschaft kennen lernen, nicht heute. Du mußt fort!«

»Wenn du mich zu deinem Hause hinauswirfst, muß ich natürlich gehen, sonst tu ich's nicht. Aus einer Gefahr mache ich mir nichts; im übrigen bin ich etwas schwerhörig.«

»Heiliger Brahma, was soll ich beginnen!« murmelte der Sirdar.

Lauschend blieb er stehen; durch das Schloß klang es wie Stimmengemurmel.

»Ich verlasse dich für wenige Minuten, dann sprechen wir nochmals darüber. Retten will ich dich wenigstens.«

Als der Sirdar das Zimmer verließ, stand vor der Tür eine hohe, dicke und herkulische Figur. Es war Radscha Gholab, der Oberguru der Thags.

Ein furchtbar finsterer Blick traf den Sirdar, jener mußte gelauscht haben.

»Was ist's mit diesem Faringi?« grollte er.

»Er hat Suradscha aus den Klauen des Sambros gerettet. Suradscha brachte ihn hierher.«

»Das weiß ich alles. Ist das ein Grund, ihn der Kali zu entziehen?«

»Ich habe geschworen, sein Mayadar zu sein.«

»Töricht genug von dir! Auch er wird der Kali geopfert. Dies bringt ihm und dir Segen.«

Der Sirdar richtete sich stolz auf.

»Radscha, vergiß nicht, daß ich jetzt noch zu befehlen habe, nicht du, und solange dies ist, soll ihm kein Haar gekrümmt werden.«

»Wenn du das Feuer der heiligen Kali siehst, wenn dich die heilige Wut befällt, wirst du anders denken lernen. Jetzt geh, es sind neue Gefangene angekommen. Ich werde dem Faringi noch kein Leid zufügen, weil du es so willst.«

Während Akkallah schnell ging, begab sich Gholab nach der Tür zurück und spähte durch ein winziges Loch, durch welches er aber das ganze Zimmer übersehen konnte.

In diesem Augenblicke sah er, wie der Fremde die mitgebrachte Taube hoch hob und sie zum Fenster hinausflattern ließ. Wie der Blitz schoß das befreite Tier davon.

Eine furchtbare Wut verzerrte das Gesicht des Priesters, erst wollte er die Tür öffnen und den Mann zur Rechenschaft ziehen, aber Dick war stark bewaffnet und er hatte den Sambro mit dem Messer getötet.

Gholab traf Maßregeln, ihn unschädlich zu machen. Der Kali sollte er doch nicht entgehen. Dick hatte die Brieftaube mit der untergebundenen Feder fliegen lassen, denn nach dem Gespräch mit dem Sirdar zweifelte er nicht mehr, daß er sich in der Burg der Thag befand; er wollte Francoeur gegenüber sein Wort halten.

Er begann abermals, sein Zimmer zu untersuchen, er machte sich auch an der Tür zu schaffen, und da fand er, daß sie von außen verschlossen war. Sie war massiv und aus dem stärksten Holz gefertigt, doch Dick hätte schon Rat gewußt, wenn er hinausgewollt hätte.

Vorläufig hatte er noch keinen Grund dazu, so etwas ging auch nicht ohne Lärm ab.

Es ward dunkler und dunkler, die Sonne war schon längst hinter den Felswänden verschwunden, und den Gast schien man völlig vergessen zu haben.

Im Schlosse herrschte eine seltsame Aufregung; das Murmeln vieler Stimmen drang selbst bis zu den Ohren Dicks.

Jetzt war es ihm, als ob das Murmeln vom Hofe aus heraufklang, er sprang ans Fenster und spähte hinunter, konnte aber nichts weiter unterscheiden, als ein Gedränge von dunklen Gestalten. Die Nacht brach schon an.

Da, was war das? Ein Schrei, von einem Weibe ausgestoßen, gellte zu ihm herauf.

»Der Herr erbarme sich unser!« rief die Weiberstimme, »Euch Otterngezücht aber wird er ... .«

Die Stimme wurde erstickt, aber schon hatte Dick sie erkannt, sie konnte niemandem anders als Miß Woodfield angehören.

Wie? Sollten sich auch seine Gefährten hier befinden? Dann waren sie unbedingt Gefangene.

Dick fing an, zu begreifen, daß er sich in einer recht kritischen Lage befand. Wie konnte er seinen Freunden beistehen? Er setzte sich abermals auf den Diwan, um nachzusinnen, er hoffte auf die Dankbarkeit des Schloßherrn und des Kindes. Plötzlich spürte er eine große Müdigkeit über sich kommen; mit aller Anstrengung suchte er sie zu verscheuchen, es gelang ihm nicht, und schon nach wenigen Minuten lag der sonst unermüdliche Trapper in tiefsten Schlafe da. Er war einer List der Thags zum Opfer gefallen.

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