Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone II.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone II. - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk2/kaiserk2.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone II.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121203
Schließen

Navigation:

1. Ein Duell

Am Rande der lang ausgestreckten Dschungel, wie in Indien die mit Schilf und Rohr bewachsenen Sumpfniederungen genannt werden, entsprang unter einer Sykomore eine Quelle, bildete erst ein Bassin und floß dann dem Süden zu.

Zahlreiche Spuren, große und kleine, bewiesen, daß an diesem Bassin die in der Dschungel hausenden Tiere ihren Durst zu löschen pflegten.

Die Nacht war schon angebrochen, hell flimmerten am Himmel die Sterne, und es war also Zeit, daß die nächtlichen Raubtiere, Hyänen, Schakale, Panther und andere die Dschungel verließen und der Quelle zuschlichen.

Aber sie taten es nicht. Sie heulten nur mit heiserer Stimme, welche den brennenden Durst verriet, jedoch die Dschungel zu verlassen und sich dem Wasser zu nähern, wagten sie nicht.

Daran war der Mann schuld, welcher dort unter der Sykomore saß. Er lehnte seine kleine, korpulente und eine ungeheure Muskelkraft verratende Gestalt an eine Wurzel und lauschte bewegungslos, als wäre er aus Stein gehauen, dem immer näherkommenden Heulen, Wimmern und Fauchen der Raubtiere.

Dieser Mann mußte in den Dschungeln wie zu Hause sein. Er wußte, daß der Durst der Bestien noch nicht so groß war, daß sie sich in grenzenloser Wut auf den Störenfried warfen.

Sonst hätte er sich wohl nicht so ruhig verhalten.

Näher und näher kam das entsetzliche Heulen, doch wurde es auch immer leiser. Noch unterlagen die Raubtiere dem mächtigen Einfluß, den ein furchtloser und bewegungsloser Mensch auf sie ausübt.

Da verstummte das Geschrei plötzlich völlig. Der einsame Mensch bekam noch Gesellschaft.

Zwei Reiter näherten sich in scharfem Trabe der Quelle, im Lichte der Sterne glänzten die Läufe ihrer Gewehre und die silberbeschlagenen Pistolenkolben.

Der kleine Mann stand auf und trat aus dem Schatten des Baumes. Jetzt konnte man sein Gesicht erkennen, welches von abschreckender Häßlichkeit war.

Die zwei Reiter zügelten vor ihm ihre Pferde.

»Ich wußte, daß der letzte Sproß der Maharattenfürsten Wort hielt,« begann der Kleine mit einem Tone, in. dem beißender Spott lag; »aber ich dachte mir auch schon, daß er nicht allein kommen würde. Die Maharatten haben es stets verstanden, ihre Feinde in Überzahl zu überraschen.«

Mit einem heftigen Satz sprang der größere der beiden Reiter aus dem Sattel, eine hohe, imposante Gestalt, nicht mehr jung.

»Nana Sahib, hüte dich, mich noch mehr zu beleidigen,« sagte er drohend, »ich bin gekommen, dir mit jeder Waffe, welche du willst, Rechenschaft zu geben, und damit genug der Worte! Ich brachte diesen treuen und verschwiegenen Diener mit, damit er die Pferde abführt, wenn du mit mir zu Fuß kämpfen willst, und dann, damit er den Ort kennt, wo der Zweikampf stattfindet. Im übrigen bin ich es, der dich zum Zweikampf auffordert, nicht du mich. Du warst nur eher hier als ich.«

»Du bist sehr vorsichtig gewesen, als du hinterlassen hast wo man deinen Leichnam abholen soll,« höhnte Nana Sahib.

»Spotte nicht! Hast du nicht jemanden zu morgen früh hierher bestellt, im Falle, daß du nicht wieder zurückkehrst?« »Der Fall kann nicht eintreten!« war die selbstbewußte Antwort. »Nur du wirst deinen Tod hier finden. Die Pferde sind nicht nötig, ebensowenig Gewehr und Pistolen. Sieh hier, dies ist meine einzige Waffe.«

Nana Sahib zog einen Yatagan, das ist ein krummes Schwert, unter dem Mantel hervor und ließ den Stahl blitzen.

Ein gleiches Schwert hatte der andere in metallener Scheide an der Seite hängen. Er zog es ebenfalls.

»So soll dies auch meine Waffe sein,« entgegnete er mit düsterem Lächeln. »Nana Sahib, ich glaube, mit solcher Waffe wirst du den kürzeren ziehen.«

Er mochte nicht ohne Grund so sprechen. Seine hohe, schlanke Gestalt verriet Kraft und Gewandtheit zugleich, sie schien durch Kampf und Jagd gestählt zu sein. Nana Sahib dagegen zeigte nur Muskelkraft, sonst war er plump gebaut, und zum Schwertkampf gehört vor allen Dingen ein gewandter und elastischer Körper.

»Es wird sich finden, wer siegt oder fällt,« sagte Nana Sahib ruhig; »ich glaube, ich werde der Sieger bleiben. Jetzt laß den Diener sich entfernen.«

Der Große übergab seinem Begleiter Gewehr und Dolche, sowie das mantelartige Gewand aus einfacher Baumwolle und deutete nach einer Richtung, in welcher der Indier mit beiden Pferden verschwand.

»Ich bin bereit!« sagte der Große.

Nana Sahib warf ebenfalls das lange Gewand ab, welches bei ihm aber aus schwerer, indischer Seide bestand. Beide Männer standen sich in enganschließender Kleidung gegenüber, den blanken Yatagan in der Faust.

Der Große stellte sich gleich in Fechtpositur, Nana Sahib nicht. Er legte noch einmal das Schwert zu Boden und wickelte den Mantel um seinen linken Unterarm.

»Wie fechten wir?« fragte der Große.

»Wir fechten überhaupt nicht!«

»Was?« rief der andere erstaunt.

»Nein, mache dich bereit, eine andere Art von Zweikampf zu, bestehen. Du rühmtest dich, Sirbhanga, ein Maharatte aus den Bergen zu sein, ein Krieger, dessen Mut um so mehr wächst, je größer die Gefahr ist, du willst der letzte direkte Abkömmling des Maharattenfürsten Sewadschi sein ...«

»Zweifelst du, daß ich es bin, wo mich doch selbst Bahadur anerkannt?« unterbrach ihn der mit Sirbhanga Angeredete finster.

»Wohlan, so beweise, daß du des Sewadschi Nachkomme bist!«

»Was für einen Zweikampf hast du .gewählt?« fragte Sirbhanga stolz. »Ich werde vor nichts zurückschrecken.«

»Auch nicht vor einem Kampf mit einem Königstiger?«

Der Große zuckte doch etwas zusammen.

»Wie, du wolltest es wagen, mit dem Yatagan in der Hand dem Beherrscher der Dschungeln gegenüberzutreten?« fragte er wie scheu.

Nana Sahib lachte höhnisch auf.

»Sieh, wie schnell dein Mut sinkt! Du willst ein Nachkomme des heldenmütigen Sewadschi sein und bebst zurück, wenn du das ausführen sollst, was er getan hat. Denn Sewadschi hat, nur mit dem Dolch bewaffnet, einen Königstiger im Kampf getötet. Nein, Sirbhanga, du bist ein Prahler, und »ich hatte recht, als ich mich gestern abend beleidigt fühlte, als du dich am Tisch näher zu Bahadur als ich setzen wolltest. Mit vollem Recht warf ich dir vor, daß du nichts weiter bist als der Radscha eines armseligen Gebirgsvolkes, so arm, daß du nur Kleider aus Baumwolle tragen und deinen Schwertgriff nur mit buntem Glas schmücken kannst. Ich dagegen bin ein mächtiger, reicher Fürst; Tausende von Kriegern gehorchen mir!«

»Der Neffe von Bahadur bist du, weiter nichts,« unterbrach ihn Sirbhanga heftig, »nur deshalb hast du die .Radschawürde und Reichtum erhalten. Mir dagegen gebührt die Herrschaft eines Radschas, ja, die Herrschaft über ganz Indien, denn meine Vorfahren hatten sie in Händen. Und geht nicht durch ganz Indien die Prophezeiung, daß aus meinem Blut einst der Herrscher über Indien entstehen wird, welcher die Faringis vernichten wird? Glaubt nicht Bahadur selbst an diese Prophezeiung?«

»Du irrst, nicht dein Samen, sondern die Tochter Sewadschis, die er in der Nirwana mit der Göttin Kali erzeugt hat, wird die Vernichtung über die Faringis bringen und die alte Herrschaft der Maharatten wieder aufrichten. Dein Sohn soll diese Königin ehelichen, weil es nicht gut ist, daß ein Weib regiert; also nur durch Heirat wird dein Sohn König der Indier werden.«

»Das bleibt sich gleich. Ich bin der Ahne der indischen Könige, du bist nichts weiter als ein Hindu, noch dazu ein mohammedanischer, der durch Verwandtschaft mit dem Großmogul die Radschawürde erlangt hat.«

»Genug davon! Als ich mich weigerte, mich hinter dir an den Tisch zu setzen, entspann sich zwischen uns ein Streit, den zu schlichten Bahadur nicht für seine Pflicht hielt. Statt dich mit mir zu einigen, ergingst du dich in maßlosen Beleidigungen, du nanntest mich einen Emporkömmling, einen Mann, der sich durch Schmeichelei emporgeschwungen hätte, einen Sklaven von Weibern und so weiter. Gibst du zu, daß ich der beleidigte Teil bin?«

»Und du nanntest mich in Gegenwart der übrigen Fürsten einen Bettler, einen anmaßenden Menschen.«

»Wohl; aber begannst du nicht?«

»Ich begann, weil mich der Zorn über deine Anmaßung überwältigte.«

»Also du gestehst wenigstens ein, daß nicht ich, sondern du mit den Beleidigungen begannst?« fragte Nana Sahib nochmals.

»Nein, schon daß du mir meinen Platz streitig machtest, war für mich eine Beleidigung.

Deshalb habe ich dich zum Zweikampf hierher bestellt.«

»So habe ich also auch das Recht, die Art des Zweikampfes zu bestimmen.«

»Du hast es. Der geforderte Teil hat stets dieses Recht.«

»Wohlan, so wollen wir der Tigerin, dessen Junges ich raubte, mit dem Yatagan gegenübertreten. Nimm einen Stein, Sirbhanga, und laß uns nach indischer Weise das Schicksal befragen, wer von uns den Kampf bestehen soll.«

Der Große zögerte.

»Wie, ist das dein Ernst?«

»Hahaha, du wärest ein würdiger Nachfolger des starken Sewadschi,« hohnlachte Nana Sahib; »gleich ihm rühmst auch du dich, daß sich niemand mit dir messen kann. Sewadschi durfte das, denn er hatte seine unübertreffliche Tapferkeit bewiesen, indem er einen Königstiger nur mit dem Dolche tötete. Du aber bist ein Prahler.«

»Niemand kann sich mit mir messen, behaupte ich,« rief Sirbhanga, sich aufrichtend, »und zum Beweise dessen werde ich freiwillig zuerst den Kampf mit der Tigerin beginnen! Töte ich sie aber, dann werde ich dich noch einmal zum Zweikampf auffordern.«

»Nimm erst den Stein, damit du siehst, daß auch ich bereit bin, mit dem furchtbaren Raubtier zu kämpfen. Niemand soll sagen können, daß Nana Sahib ein Feigling ist.«

»Das habe ich auch nicht gesagt. Doch ich befrage nicht erst das Schicksal, ob ich oder du den Kampf beginnst. Ich will dir beweisen, daß ich ein Nachkomme Sewadschis bin. Hast du aber über die Tiere der Dschungeln zu befehlen? Kommt auf deinen Wunsch etwa eine Tigerin her, daß ich mit ihr kämpfe?«

»Höre mich an, Sirbhanga, ehe du spottest, und wickle deinen Mantel um den linken Arm, damit du den Feind abhalten kannst. Ja, ich kann eine Tigerin hierher rufen. Vor einigen Tagen fand ich nicht weit von hier den Schlafplatz einer solchen und auf ihr ein Junges. Ich nahm es mit, um es großzuziehen. Jetzt streift die Mutter umher und sucht ihr Kind. Glaubst du nicht, daß sie den Hilfeschrei desselben hören und hierherkommen wird, um es zu befreien, und seine Räuber zu bestrafen?« Nana Sahib ging an den Baumstamm zurück und kam mit einem Bündel wieder. Als er das Tuch auseinanderbreitete, sah Sirbhanga eine kleine Tigerkatze daliegen, die Füße gefesselt, die Schnauze mit einem Lappen umwickelt so daß sie keinen Laut von sich geben konnte.

»Rufe mit ihr deine Gegnerin im Kampfe herbei,« sagte Nana Sahib.

Der andere hatte den linken Unterarm mit dem Mantel umwickelt. Mit fest zusammengepreßten Lippen, das Schwert in der Hand, bog er sich hinab, die Fesseln der Katze zu durchschneiden. Er war ein Sohn der Wildnis, und wußte, wie er die Mutter, welche ihr letztes Junges suchte, sofort herbeirufen konnte.

Das Heulen des Raubgesindels, das vor Durst ganz heiser geworden, verstummte plötzlich, dafür erscholl ein donnerndes Gebrüll, zwar noch weit entfernt, aber doch schon in unheimlicher Weise.

Sirbhanga hatte sich wieder aufgerichtet.

»Nun? Sinkt dem Nachkommen Sewadschis wieder der Mut?« spottete Nana Sahib.

»Nein, ich fürchte mich nicht und werde die Tigerin reizen,« entgegnete Sirbhanga. »Sei unbesorgt, daß ich sie auf dich hetze. Doch erst noch ein Wort, Nana Sahib. Du kennst mein Schicksal?«

»Ich kenne es. Was willst du noch?«

»Mein Weib ist verschwunden, ich weiß nicht wohin, nicht ob es gestorben ist oder noch lebt.«

»Deine Frau mußte dem Knaben das Leben in der tiefsten Verborgenheit schenken, nur von zeichenkundigen Brahmanen umgeben.«

»Wo mag der Knabe, mein Sohn, sein?« fragte Sirbhanga leise, und seine Stimme zitterte.

»Wie soll ich das wissen? Freue dich, Sirbhanga, selbst wenn du in den Tod gehst. Auch ich, dein Feind, muß gestehen, daß du ein glücklicher Mensch bist. Dein Sohn ist bestimmt, dereinst König von Indien zu werden, der Befreier seines Vaterlands.«

»Ich werde seinen Triumph erleben.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Und wenn ich sterben sollte, Nana Sahib, willst du ihm sagen, wie sein Vater gestorben ist?«

»Gern will ich deinen Wunsch erfüllen.«

»Daß ich wie ein Held im furchtbaren Zweikampf fiel, so, wie es eines Nachkommens Sedwadschis würdig ist?«

»Ich werde ihm die Wahrheit sagen. Jetzt zögere nicht länger, und fällst du nicht und bist noch stark genug, so verspreche ich dir, noch mit dir Auge in Auge zu kämpfen.«

Schnell entschlossen bückte sich Sirbhanga und löste die Fesseln, wie das Kopftuch der kleinen Katze, welche er dabei mit der linken, umwickelten Faust fest auf den Boden drückte.

Das gequälte Tier stieß ein jammerndes, durchdringendes Winseln aus, und sofort erscholl ein donnerndes Gebrüll.

Es raschelte in dem Schilf, am Rande erschien die entsetzenerregende Gestalt eines Königstigers.

Mit glühenden Augen und weitaufgerissenem Rachen stand das furchtbare Raubtier da, ein heiseres Fauchen ausstoßend. Jetzt duckte es sich .zum Sprunge zusammen.

Sirbhanga stieß, während Nana Sahib zurücksprang, das kurze Schwert ins Herz der kleinen Katze, ein röchelnder Laut entfuhr dem Tier, dann schleuderte er es der Mutter zu.

Gleichzeitig sprang diese gegen den kühnen Mann an. Wie ein gelber Streifen sauste der Körper der Bestie durch die Luft, verfehlte aber das Ziel.

Sirbhanga war einen Schritt seitwärts getreten, das Schwert zum Stoß erhoben. Doch schneller als der Blitz drehte sich der Tiger um – die beiden standen sich Auge in Auge gegenüber. Ehe der Tiger sich noch ausrichten konnte, um Gebrauch von den schrecklichen Zähnen und Pranken zu machen, fuhr ihm schon die linke Faust des Indiers in den schäumenden Rachen, und gleichzeitig der Yatagan nach der Herzgegend.

Nana Sahib hörte noch ein Malmen und Krachen von Knochen, sah noch eine blutige Masse sich am Boden wälzen, dann floh er in weiten Sprüngen davon, den Gegner dem Raubtier allein überlassend. Wie mochte der Ausgang des Kampfes wohl sein? Nun, das war nicht zweifelhaft. Nana Sahib grübelte nicht darüber nach.

Als er das Ende des Dschungeldickichts erreicht hatte, kam er in eine etwas hügelige Gegend, und als er um eine Ecke bog, sah er die erleuchteten Fenster eines hohen, schloßähnlichen Gebäudes schimmern, wie solche die indischen Fürsten als Jagdschlösser oft in den unwirtlichen Wildnissen besitzen.

Erst in der Nähe des Tores mäßigte Nana Sahib seinen raschen Lauf und sammelte Atem.

Als er die niedergelassene Zugbrücke betrat, hatte er sich wieder vollständig beruhigt.

Der Torhüter ließ den Radscha mit einer tiefen Verbeugung eintreten. Das Schloß gehörte Nana Sahib.

Ohne sich aufzuhalten, eilte er in ein Gemach, wo ein alter, herkulisch gebauter Mann in überreicher Kleidung, Haar und Bart weiß und gewellt, und ein kleiner, magerer Mann mit gelben, eingefallenen Gesichtszügen seiner zu warten schienen.

Ersterer war Bahadur, der Großmogul von Indien, welcher sich ebenso wie noch zahlreiche andere Fürsten während eines Jagdvergnügens auf dem Schlosse seines Neffen aufhielt. Bahadur war noch im Vollbesitz aller seiner früheren Rechte und Würden, aber – das wußte er selbst – nur so lange, als es den Engländern gefiel.

Der kleine Mann war niemand anders als Timur Dhar, der mit Bahadur sehr vertraut zu sprechen schien.

Hochatmend trat der Radscha in das Turmgemach.

»Nana Sahib!« riefen beide Männer gleichzeitig, als wären sie erstaunt.

»Hattet ihr vielleicht Sirbhanga erwartet?« war die etwas gereizte Antwort.

»Wir wundern uns, daß du schon jetzt kommst. Hast du unser Ziel erreicht?«

Es ging alles nach Wunsch, Sirbhanga ist tot, zerrissen von der Tigerin.«

»Hast du dich von seinem Tode selbst überzeugt?« fragte Timur Dhar.

»Das durfte ich nicht. Der Tigerin war nicht zu trauen. Durch den Mord des Jungen außer sich, durch den Kampf gereizt, hätte sie sich leicht auf mich stürzen können.«

»So hat Sirbhanga das gewagt, was du nicht gewagt hättest?«

Nana Sahib maß den Gaukler mit großen Augen.

»Wie? Du machst mir Vorwürfe, du, der du den Plan zurechtgelegt hast?« fragte er schneidend.

»Sinkolin hat einen unbesonnenen Ausspruch getan,« mengte sich Bahadur schnell dazwischen, »was wohl sehr, sehr selten vorkommen mag. Sein Rat war wie gewöhnlich der beste, den überhaupt jemand geben konnte. Niemand als Sinkolin wäre auf den Einfall gekommen, durch den wir uns so schnell des gefürchteten, aber seines Stolzes wegen auch so verhaßten Sirbhangas entledigen konnten. Er war uns allen ein Dorn im Auge, doch wir mußten ihn achten, denn er ist wirklich ein Nachkomme Sewadschis, und die Krone gebührte ihm, nicht mir. Ich sterbe kinderlos, also würde ich sie ihm gern überlassen, wenn er der Mann gewesen wäre, das ungeheure Volk der Indier zu lenken. Er war es nicht, er war nichts weiter als ein rauher, furchtloser und furchtbarer Kämpfer, ein Anführer, aber kein Lenker einer Nation. Doch aus seinem Blute muß der König Indiens hervorgehen; wir selbst haben dafür gesorgt, daß die Sage immer mehr unter ihnen verbreitet wird. Wohlan, wir sind nicht mehr weit ab vom Ziel! Sirbhanga ist beseitigt. Sinkolin, laß das fremde Mädchen, die Begum von Dschansi, unter Blitz und Donner den abergläubischen Indiern erscheinen; erst ihrem Volk allein, dann sorge dafür, daß ihr Erstehen bekannt wird. Auch ihren Gemahl werden wir zu ziehen wissen, schon befindet er sich in unserem Lande. Deiner Klugheit, Sinkolin, wird es ein leichtes sein, ihn zu dem zu machen, wozu wir ihn haben wollen. Und dir, Nana Sahib,« wandte sich der Fürst an den sich tief verbeugenden Radscha, »dir spreche ich meinen Dank aus für die Ausführung des von Sinkolin angelegten Planes. Ich habe mich jetzt in dir so wenig wie früher getäuscht. Du hast deine Sache meisterhaft gemacht, vom Anfang an, als du den Streit mit Sirbhanga begannst, bis jetzt, da du uns die Nachricht von seinem Tode bringst.

Ah, Nana Sahib, wir sind nicht mehr weit entfernt von unserm Ziel, bald werden wir die verfluchten Faringis, welche uns alles geraubt haben, was uns gehörte, welche uns wie Puppen nur mit Flittergold ausstatten, welche uns –«

Der greise Mann, der erst mit diplomatischer Ruhe gesprochen hatte, geriet plötzlich in Wut, und zwar in eine ganz unbeschreiblich maßlose. Seine sonst schönen Gesichtszüge verzerrten sich vor Haß, seine Augen sprühten Flammen.

Bahadur war ein ausgezeichneter Feldherr und Diplomat, der aber eine grenzenlose Leidenschaft besaß, die er nicht zu zügeln vermochte: den Jähzorn, und dieser brach bei ihm stets aus, wenn er von Engländern sprechen mußte.

Diejenigen, welche die Geschichte des indischen Ausstandes kennen, wissen, daß Bahadur damals mit Hilfe seiner Verbündeten ganz sicher über die Engländer gesiegt hätte, wenn er seine Siege auszunutzen und das kriegerische Bergvolk der Sikhs für sich zu gewinnen verstanden hätte. In seinem blinden, fanatischen Haß aber verlor er stets die Besinnung und versuchte, anstatt sich schnell in eine gesicherte Stellung zurückzuziehen, den Feind jedesmal bis auf den letzten Mann zu vernichten.

Sein Wahlspruch war nicht, die Engländer sollten Indien räumen, sondern, alle Engländer sollten in Indien ihren Tod finden.

Dies genügt wohl, um Bahadur, den ersten indischen Fürsten, zu charakterisieren.

Während sich Nana Sahib dem Großmogul gegenüber äußerst demütig verhielt, sich jedesmal, wenn derselbe von ihm sprach, tief verbeugte, blieb der als Sinkolin angeredete Gaukler völlig gleichgültig. Ja, er wagte sogar, den Großmogul mit einer geringschätzenden Handbewegung zu unterbrechen.

»Ereifere dich nicht, Bahadur, denn damit erreichst du nichts,« sagte er, »unsere Götter wollen keine Worte, sondern Taten. Laß uns alles tun, was in unseren Kräften steht, und die Kali um Hilfe anrufen. Jetzt erst das Zunächstliegende: Nana Sahib, du weißt also nicht, ob Sirbhanga wirklich tot ist?«

»Ich hörte seine Knochen zermalmen, ich sah die Tigerin auf ihm liegen, dann entfernte ich mich.«

»So werde ich mich dann selbst überzeugen, was vorgegangen ist, seine etwaigen Überreste hierherbringen lassen und die Tigerin töten, wenn sie nicht schon tot ist.«

»Das ist wohl kaum möglich,« lächelte Nana Sahib.

»Warum nicht? Sirbhanga war ein Fürst der wilden Berge, als Jäger berühmt. Daß er oftmals den Panther im Einzelkampf getötet hat, das weiß ich.«

»Ein Panther ist kein Königstiger.«

»Nun, ich werde sehen. Getötet muß die Tigerin auf jeden Fall werden.«

»Warum?« fragte Nana Sahib mißmutig.

»Damit Sie nicht an uns zur Verräterin wird. Jetzt erzähle. Nana Sahib, wie der Zweikampf stattfand.«

Nana Sahib erzählte sein Erlebnis in der Dschungel.

»Gut,« sagte Sinkolin dann, welcher hier allein maßgebend zu sein schien, »so gehe du, Bahadur, jetzt mit Nana Sahib zu den Gästen und verkünde ihnen den Ausgang des Zweikampfes, dessen Ursache sie alle kennen. Ich mische mich unter die Diener und beobachte den Eindruck, den die Nachricht vom Tode Sirbhangas auf sie macht.«

Sinkolin verließ das Gemach, ebenso Bahadur und Nana Sahib, diese aber durch eine andere Tür als jener.

Die letzteren traten nach einer Wanderung durch lange, dunkle Gänge in einen geräumigen Saal, in welchem an einer langen Tafel gegen zwanzig vornehme Indier saßen. Auch wenn ihre Kleidung nicht so überaus reich gewesen wäre, mit Diamanten besetzt, wo sich diese nur anbringen ließen, ebenso wie die aus dem Gürtel hervorragenden Dolchgriffe und Pistolenkolben von Edelsteinen strotzten – so hätte man doch schon an den stolzen, bronzenen Gesichtern, aus denen Herrsch- und Ehrsucht sprachen, erraten, daß hier nur die Vornehmsten Indiens versammelt waren. Wenn auch nicht alle Radschas oder Fürsten, so war doch keiner darunter, der nicht aus einem altangesehenen Hause gestammt hätte.

Unzählige Diener, zum Teil rot, zum Teil blau gekleidet, eilten hin und her und bedienten die Jagdgäste, welche nicht von Nana Sahib, sondern von Bahadur hierher geladen worden waren.

Man speiste hier von goldenen Schüsseln; ist doch der Reichtum der indischen Fürsten ein geradezu fabelhafter.

Daß auf der Tafel neben den schweren, südländischen Getränken, Likören und so weiter auch Champagner vorhanden, war selbstverständlich. Dieser französische Wein hat die ganze Welt erobert, jeder Chinese oder Indier, der ein großes Haus macht, bewirtet seinen Gast mit Champagner.

Das lebhafte Gespräch verstummte, als Bahadur und Nana Sahib eintraten; aller Augen richteten sich besonders auf letzteren. Die Diener entledigten sich schnell ihrer Schüsseln und Flaschen und traten in dreifacher Reihe hinter die Stühle ihrer Herren, wie üblich rechts die roten, links die blauen.

Bahadur hatte auf einem etwas erhöhten Stuhle Platz genommen, ließ sich ein Glas schäumenden Champagner reichen und trank es langsam aus.

In dem Saale war tiefste Stille eingetreten, man wußte, daß jetzt etwas Wichtiges verkündet werden sollte. Nana Sahib war lange entfernt gewesen.

Bahadur stand auf und streckte beide Arme nach den Seiten aus.

»Geht!«

Sofort verneigten sich ungefähr hundert Diener mit über dem Kopf erhobenen Armen und marschierten hintereinander zum Saale hinaus. Nur einer blieb zurück, der, welcher vorhin mit Bahadur zugleich eingetreten war, ein kleiner; magerer Kerl mit großem, schwarzem Vollbart. Es war der Leibdiener des Großmoguls, sein beständiger Begleiter, der ihn zugleich barbierte, für diesen galt der Befehl nicht, er durfte im Saale bleiben, selbst wenn das Wichtigste und Geheimnisvollste besprochen worden wäre.

Er stand mit über der Brust gekreuzten Armen hinter dem Stuhle Bahadurs und ließ seine kleinen, scharfen Augen über die Gäste schweifen.

»Radschas und Maharadschas Indiens, meine Freunde,« begann Bahadur mit tiefer, dröhnender Stimme, als sich die Tür hinter dem letzten der Diener geschlossen hatte, »ein Stuhl ist leer an unserer Tafel. Es fehlt ein Fürst in unserer Mitte – Sirbhanga, der Radscha von Dschansi mit dem Ehrentitel Brahma, weil aus seiner Familie Brahmanen hervorgehen dürfen. Doch Sirbhanga war kein über Fehden grübelnder Mann, er ist ein Krieger, ein Kampfesheld gewesen –«

»Gewesen?« rief der Bahadur gegenübersitzende Indier wie erschrocken.

»Gewesen!« wiederholte Bahadur. »Und du, Abdul Hammed, bist der einzige unter meinen Gästen, der darüber staunt. Da Nana Sahib wieder in unserer Mitte ist, müßtest du wissen, daß Sirbhanga Brahma nicht mehr zu den Lebenden zählt – Sirbhanga ist tot!«

Bahadur machte eine Pause. Unter den Gästen herrschte ein drückendes Schweigen, aus jedem Auge, aus jedem Zug sprach die größte Spannung.

»Wir alle waren gestern abend Zeuge,« fuhr Bahadur dann fort, »wie sich zwischen Sirbhanga und dem edlen Nana Sahib ein Streit entspann um die Ehre, wer mir zur Linken sitzen solle. Denn den Platz zur Rechten kann niemand dem Maharadscha von Audh streitig machen. Beide konnten sich nicht einigen, Sirbhanga bestand darauf, weil er ein Nachkomme Sewadschis ist. Nana Sahib, weil er mir verwandtschaftlich nähersteht. Da forderte der heißblütige Sirbhanga meinen Neffen auf, den Zweikampf entscheiden zu lassen, wem die Ehre gebühre. Ich konnte nichts weiter tun, als eine Bedenkzeit von vierundzwanzig Stunden zu befehlen, doch auch nach Ablauf dieser Frist hatte sich das Blut noch nicht abgekühlt – heute abend forderte Sirbhanga abermals Nana Sahib heraus, denn inzwischen waren noch andere Beleidigungen gefallen. Nana Sahib nahm die Forderung natürlich an, und vor einer Stunde ist Sirbhanga im Kampfe gefallen.«

Nana Sahib sah überall fast ungläubige Gesichter, denn Sirbhanga war allgemein als ein nahezu unüberwindlicher Kämpfer bekannt. Auf einen Wink Bahadurs erhob sich ersterer und erzählte, auf welche Weise der Zweikampf stattgefunden hatte.

Jetzt wurden überall Rufe des Erstaunens laut.

»Und seine Leiche?« rief ein Indier. »Soll der Körper des edlen Maharattenfürsten den Raubtieren zum Fraße dienen?«

»Wir holen ihn selbst,« entgegnete Bahadur. »Nana Sahib wird uns nach dem Orte führen, wo der fürchterliche Kampf .stattgefunden hat. Schon werden die Rosse gezäumt und Fackeln bereitgehalten. Wohl niemand wird sich ausschließen, wenn wir die Leiche holen oder sie dem Tiger abjagen! Halt! rief Bahadur, als sich die Gäste erheben wollten. »Erst etwas anderes, noch Wichtigeres! Sirbhanga ist tot – hat niemand etwas zu sagen?«

Ein junger, feuriger Indier sprang auf.

»Sirbhanga ist tot,« rief er, »und das Volk von Dschansi hat keinen Fürsten mehr! Viel habe ich von meinem Vater über ihn erzählen hören, rätselhafte Begebenheiten; und nun, da er tot ist, müssen sich diese Rätsel lösen! Wo ist Sirbhangas Sohn, der vor achtzehn Jahren in einer Höhle geboren sein soll? Wo ist die Mutter, die ihm so geheimnisvoll das Leben gegeben haben soll? Wir kennen ihr Grab nicht. Und wo endlich ist das fremde Mädchen, das nach dem Tode Sirbhangas in Dschansi erscheinen soll, um die Engländer zu vernichten, wie sie selbst die Tochter der Göttin Kali, erzeugt von Sewadschi, sein soll? Noch sehe ich keine Wunder.«

Es lag unverkennbarer Hohn in den Worten des jungen Indiers, und Bahadur wie noch manche andere runzelten die Stirn.

»Zweifelst du daran,« fragte Bahadur, »daß die Angaben des alten Brahmanen am See, der das Weib Sirbhangas vor achtzehn Jahren in die Berge führte und sie dort in einer unbekannten Höhle entbunden hat, die Wahrheit enthalten? Hüte dich, des Glaubens der Indier zu spotten! So gewiß Sirbhanga tot ist, so gewiß wird auch das Mädchen aus Nirwana, dem fremden Lande, erscheinen, denn die Göttin Kali hat es uns durch ihre Priester versprochen. Ihre Tochter, die Sewadschi mit ihr gezeugt, wird Indien von den verruchten Eindringlingen reinigen; wie ihre Mutter, wird sie nur Vernichtung kennen, und ist Indien frei, dann soll auch Sirbhangas Sohn erscheinen, ein Mensch, kein Gott, und indem er die Vernichterin freit, macht er auch sie zum Menschen, und statt zu vernichten, wird sie von da an in Liebe neben ihrem Gemahl das herrliche, freie Indien regieren –«

Bahadur brach ab und lauschte. Im Hofe klopfte man ans Tor; er hörte .Pferdehufe die Steinfliesen stampfen und einen Wortwechsel, der immer lauter wurde.

Doch Bahadur wollte noch zum Schluß kommen. Er hob beide Hände empor und blickte wie begeistert zur hohen Decke des Saales hinauf, die, mit goldenen Sternen verziert, den Nachthimmel darstellte.

»Heilige Kali,« rief er mit unterdrückter Stimme, »schicke uns endlich deine herrliche, siegreiche und furchtbare Tochter; sende sie aus dem fremden Lande, wo sie träumt, zu uns, wir wollen sie mit Jauchzen und Ehren empfangen. Sieh, die Zeit ist erfüllt, Sirbhanga ist tot, und wir sind bereit. Mächtige Kali, vergiß dein Versprechen und dein Volk nicht –«

Wieder mußte Bahadur abbrechen, denn drunten wurde mit schmetterndem Schlag gegen das Tor gepocht.

»Aufgemacht! Aufgemacht!« .schrie jetzt eine Stimme auf englisch. »Oder ich haue diese lumpige Tür kurz und klein! Glaubt ihr Halunken denn, ich lasse so einen Kerl, der eine Tigerkatze nur mit dem Schwerte tot sticht, wie einen Hund an der Erde verrecken? Er soll in einem Bett sterben, wenn er auch nur ein Heide ist.« Gleichzeitig erfolgten wieder heftige Schläge. »Das sind die Engländer, sie haben Sirbhanga gefunden! Und wenn er noch lebt, dagegen die Tigerin tot ist,« flüsterte der hinter Bahadur stehende Diener seinem Herrn zu, »dann wehe uns!«

Damit eilte er ohne Aufforderung hinaus, Bahadur und die Gäste in Bestürzung zurücklassend.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.