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Um den Glanz des Ruhmes

Salvatore Farina: Um den Glanz des Ruhmes - Kapitel 4
Quellenangabe
authorSalvatore Farina
titleUm den Glanz des Ruhmes
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1888
translatorFlorentine Schrader
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180629
projectid4b0c27d4
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Zweites Kapitel.

Nach dem Mittagessen sprach Giuditta zur Schwester: »Heute abend werde ich dem Blinden vorspielen. Es ist dir doch nicht unangenehm? Glaubst du, daß sie mit dem Tausche nicht unzufrieden sein werden?«

»Warum unzufrieden?« erwiderte Sofia unbefangen. »Es ist deine Pflicht, auch zuweilen hinzugehen. Waren wir nicht so übereingekommen?«

Giuditta ging. Da sie im Salon warten mußte, während der Diener seinen Herren meldete, daß »die andre« gekommen sei, benutzte sie die Zeit, um sich im Spiegel gegenüber zu betrachten. Der Blinde könnte sie doch nicht allein empfangen, dachte sie. In der That kamen beide, Vater und Sohn; aber bald merkte die Schöne, daß sie alle beide blind waren, denn der Sehende blickte ihr nicht wie das erste Mal ins Gesicht.

Sie waren jedoch höflich, wünschten erst ein klein wenig zu plaudern, dann die Musik; gar zu viel Musik, welche das bildhübsche Mädchen vorspielen und dabei ihren Mitmenschen den Rücken zukehren mußte, ohne sich auch nur durch einen Blick in den Spiegel entschädigen zu können, welcher zu hoch hing und zu wenig nach vorn geneigt war, um den Saal für die am Pianoforte Sitzende zurückzuwerfen. Dennoch spielte sie nach besten Kräften, spielte ausgezeichnet; sie entfaltete die ganze Bravour einer Schülerin des Konservatoriums, welche mittels Arpeggien und besonders mittels geschickt benutzter Tonleitern eine bedeutende Höhe erklimmen will.

Als man sie darum befragte, enthüllte sie ihr Ideal; es bestand darin, eine Klavierkonzertistin zu werden und als solche die Reise um die Welt zu machen.

»Und jedem männlichen Bewohner beider Erdhälften den Kopf zu verdrehen,« setzte Tito, der neben dem Vater auf dem Sofa verweilt hatte, innerlich hinzu.

»So lange,« setzte gleichfalls innerlich das bildhübsche Mädchen hinzu, »so lange bis ein gediegener Mann, wie ich ihn verstehe, mir Halt gebietet, weil er all das Glück genießen will, das meine Schönheit ihm gewähren kann.« – Und um dies ohne Worte auszudrücken, hatte sie sich durch eine Schraubendrehung des Klavierstuhles plötzlich umgewendet.

Tito war auf seiner Hut geblieben; er kannte sich zu gut – oder er kannte sich vielleicht zu schlecht – um zu glauben, daß ein gewaltiger Sturm ihn hinreichend gerüttelt habe. Er fürchtete die weibliche Schönheit, weil er einmal durch sie Schiffbruch gelitten hatte; aber er wußte nicht, daß gewisse schwache Seelen sich durch die Selbstbeobachtung stählen und daß dann die Schwäche zur Stärke ihres ganzen Lebens werden kann. Die Absicht Giudittas bei ihrem Manöver mit dem Klavierstuhl verstand Tito vollkommen und belächelte sie; aber dennoch sah er die Pianistin nicht an, während sie dem alten Mattia ihre Idee auseinandersetzte.

Der Blinde billigte dieselbe kopfnickend und sprach schließlich: »Mich freut das; ich werde Ihnen mitnichten sagen: Hüten Sie sich, Sie gehen vielen Schmerzen entgegen, die vielleicht durch wenig Befriedigung bezahlt werden. Wer zu dulden weiß, überwindet alles, und Sie, wie mir scheint, haben Ihr Herz an den Ruhm gehängt.«

»Ich mein Herz an den Ruhm gehängt! Aber ganz und gar nicht! Wozu nutzt der Ruhm? Was ist er eigentlich? Wer hat ihn je in der Nähe gesehen? Die, welche ihn jetzt genießen würden, sind schon lange tot, und denen, welche ihn einst ernten werden, bleibt er vorenthalten, weil sie noch am Leben sind.«

Giuditta drückte diese Anschauungen lachend und scherzhaft aus und bekannte schließlich, daß sie dieselben sich nicht selbst gebildet hatte; sie habe zu dergleichen Gedanken keine Zeit und wiederhole nur, was sie den Papa bei Tische immer reden höre.

»Ich weiß sehr wohl, wie Ihr Papa darüber denkt; er glaubt einzig nur die Kunst zu lieben und auf den Ruhm keinen Wert zu legen; aber auch er liebt ihn glühend. Sagen Sie ihm das nicht, denn er würde sich erzürnen; aber Sie können einem Blinden glauben, der seit lange in die Seele blickt und dort Dinge wahrnimmt, die wenig ans Licht treten.«

Während Giuditta dem alten Herrn aufmerksam ins Gesicht schaute, bemerkte sie doch, daß Tito zweimal flüchtig die Augen auf sie gerichtet hatte und daß er sie beim drittenmal nicht wieder abwendete.

»Das mag wohl sein,« sprach Giuditta, um doch etwas zu sagen, als der Blinde ausgeredet hatte, und da sie nicht wußte, wohin sie den Blick wenden sollte, ließ sie ihn hier und dort umherschweifen, schlug ihn darauf einen Moment nieder, um ihn blitzend wieder zu erheben und auf den jungen Mann zu heften.

Aber der Angriff prallte an Tito ab; denn weil er an Cesira und andre schöne Frauen, an Sofia und andre gute Mädchen dachte, war er nicht da für Giuditta, welche ihm gegenüber saß. In der That fühlte er sich den übrigen Abend hindurch so gesichert, daß er sich anbot, sie nach Hause zu begleiten, wie das erste Mal Sofia. Die Schöne dankte niedergeschlagen, denn Titos jetzige Unbefangenheit zeigte ihr, daß ihre ganze Kriegslist vergeblich gewesen. Aber sie verzweifelte noch nicht.

Sie hatte kaum mehr an Tonio gedacht, der um diese Stunde Wache stand, und als sie ihn auf der andern Seite der Straße zu erkennen glaubte, wollte sie ihn übersehen. Der Aermste, welcher ihr schon einen Schritt entgegengethan hatte, fühlte sich durch ihre Achtlosigkeit wie an den Boden genagelt. Nach einer Weile folgte er ihr von fern, wie durch seinen Unglücksstern angezogen.

Er beobachtete die beiden und dachte ohne Bitterkeit: »Er ist ein hübscher junger Mann, er ist reich – das ist's ja, was sie sucht. Er spricht laut mit ihr, ohne ihr den Kopf zuzuwenden. Jetzt schweigt er; beide schweigen. Wäre es möglich, daß er nicht in sie verliebt ist?«

Aber bei jeder Kopfbewegung Giudittas, bei jedem leisen Wort, welches die Luft jenen entführte, um den Busen des Unglücklichen damit zu stacheln, fühlte er sein Elend wachsen. Jedoch waren sie häufig still; als sie an der Hausthür anlangten, hatten sie noch nichts Sonderliches gesprochen. Nun blieb Giuditta stehen, Tonio gleichfalls.

»Da wären wir!« sagte Giuditta.

Und der hübsche junge Mann seufzte nicht »Schade!« wie nach Tonios Meinung die schönen Jünglinge stets zu den schönen jungen Dämchen sagen; hingegen sagte er, wie Tonio ganz gut verstand; »Ich bitte Sie, den Papa und die Signorina Sofia zu grüßen.« Dann verbeugte er sich tief und ging seines Weges, ohne sich auch nur zurückzuwenden.

Nun fühlte Tonio sich wie von einer geheimen Feder geschnellt und war in zwei Sätzen an der Hausthür.

Giuditta hatte auf ihn gewartet.

»Ein schönes Benehmen!« sagte sie, sobald er es hören konnte, »dich nicht sogleich zu zeigen und mir von fern zu folgen, um wohl gar den Verdacht hervorzurufen, daß ich dir ein Stelldichein auf der Straße gegeben und daß du ...«

»O Giuditta!«

»Nun, es ist wahr; hättest du dich gleich gezeigt, so wäre nichts Schlimmes dabei gewesen; ich hätte dann dem Signor Tito gesagt, daß du mein Vetter bist. So wußte ich nicht, was ich thun sollte; sicherlich hat er bemerkt, daß du mich begleitetest – so gut, wie ich es sah.«

»O Giuditta, das brauchst du nicht zu denken; er hat sich nicht einmal umgewendet.«

»Ich hätte dich herangerufen, um dich zu bestrafen. Aber ich dachte: Wer weiß? Er ist im stande, eine Dummheit zu sagen, mir eine Unannehmlichkeit zu bereiten.«

»O Giuditta!«

»Aber du hättest eine Strafe verdient.«

»Ich fürchtete, lästig zu fallen,« seufzte Tonio, »deshalb habe ich mich nicht gemeldet. Der Signor Tito ist ein schöner junger Mann.«

»Was geht das dich an? Und was geht es mich an?«

»Ist es wahr, daß dir nichts an ihm liegt?«

»Weder an ihm, noch an dir, noch an sonst jemand; das solltest du doch schon wissen. Ich werde nie jemandes Frau werden, der nicht reich ist. Ich dächte, das wäre deutlich gesprochen. Lebe wohl, Tonio, vergiß mich recht schnell; um deines Glückes willen gebe ich dir den Rat.«

Tonio blieb an der Thür stehen mit einem Ausdruck, als habe das Glück ihn aus dem Hause gejagt.

Daheim fand Giuditta ihre Schwester am Tische, mit einem Taschenschreibzeug und einem Heft; aber sie war nicht begierig, zu wissen, was Sofia geschrieben habe. Sie ging im Stübchen umher, legte den Shawl ab, band am Fenster stehend die Hutbänder auf, legte dann den Hut aufs Bett zu dem Shawl. Sie hatte beim Eintreten Sofia flüchtig guten Abend gewünscht, jetzt sprach sie nichts weiter. Als sie sah, daß diese, welche sitzen geblieben war, mit dem Kopfe und den Augen all ihren Bewegungen folgte, beklagte sie sich endlich: »Du sagst heute abend gar nichts zu mir?«

»Ich schwieg, weil du mir etwas mitzuteilen haben mußt. Ich weiß sehr wohl, was.«

»Ja, ich muß dir sagen, daß ich zu blinden Leuten nicht mehr gehe.«

»Haben sie dir etwas Unangenehmes gesagt?«

»Nicht ein Wort, weder Unangenehmes noch andres; aber ich habe mich gelangweilt und falle nicht wieder darauf hinein. Der Blinde mag ja noch hingehen, aber der andre, dein Signor – wie heißt er doch? – Tito ...«

»Warum meiner?« fragte Sofia einfach.

»Weil ich ihn dir lasse, weil ich nichts mit ihm anzufangen weiß.«

Sofia war errötet und schwieg, weil sie fürchtete, der Schwester vielleicht ein strenges Wort zu sagen, die auf dem besten Wege war, mit ihr zu schmollen.

Nach einer Weile bereute Giuditta ihre eignen Worte und sagte liebreich: »Ich bin nicht etwa böse, weißt du? Ich will dir sogar den letzten Auftrag dieses deines – dieses Tito sagen; willst du ihn wissen? Er hat gesagt: ›Ich bitte Sie, Fräulein Sofia zu grüßen.‹ – Wie du siehst, habe ich mich dieses Auftrags entledigt. Ich glaube, du könntest etwas mit ihm machen, wenn du einsichtig wärest.«

»Warum thust du es nicht selbst?« fragte Sofia gelassen.

»Wenn ich dir doch sage, daß für mich da nichts zu machen ist; erstens, weil er mir nicht gefällt, und dann, weil er schon verliebt sein muß.« – Da bemerkte sie, daß die Schwester mit Schreiben beschäftigt war, und fragte: »An wen schreibst du?«

»An niemand,« gab Sofia schnell zur Antwort.

Und es war so. Sie schrieb an sich selbst, schrieb an ihr erregtes, aber starkes Herz, an ihr unfügsames Verlangen, ihre beschwingten Gedanken. Sie schrieb so: Geduld noch ein Weilchen; du wirst die Kraft finden, die uns allein das Leben möglich macht.

Es stand nicht geschrieben, worin diese Kraft bestehe.

*

Tito hatte Wort gehalten, zum Sylvester war des Papas Porträt fertig. Seit vielen Jahren erschien dieser Tag nie, ohne eine immer zunehmende Menge von Visitenkarten, Briefchen, Glückwünschen, Blumensträußchen zu bringen, wie für eine schöne junge Dame, und sogar kolossale Blumensträuße, wie für eine Primadonna. In jedem Jahre war es Mattias große Verwunderung gewesen, wie die Welt dazu komme, sich mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, zu wissen, an welchem Tage welchen Jahres er gekommen sei, um sein Teilchen Ruhm in Empfang zu nehmen und still einzustecken. Die selige Tomasina hingegen verwunderte sich ganz und gar nicht und sagte scherzend, meinte es aber im Ernst: Wenn Mattia solchen Lärm in der Welt mache, so komme das von seiner Anmaßung her, welche das Stück Ruhm so groß gewollt und sich noch nicht davon befriedigt fühle, da er es immer nur ein Stückchen nenne.

Durch diese Worte erfreut, hatte der glorreiche Künstler sich endlich bescheiden darein gefunden, daß die Welt alles sieht, alles weiß und daß man sie vergebens hinter das Licht zu führen sucht. Das war die gute Zeit. Aber als später der »Impressionismus« losbrach und an allen Ecken jeden in der Anbetung der Idee ergrauten Künstler bissig anfiel, als jeder Hansnarr von Impressionist sich rühmte, die Kunst sei eine leichte Eroberung für den ersten besten, da argwöhnte Mattia zum erstenmal eine große Wahrheit. Diese Wahrheit, in trivialster Sprache ausgedrückt, lautete: Die Welt ist dazu geschaffen, daß die Schelme sie bequem zum besten haben.

Aber trotz der neuen Krankheit der Malerei, trotz der chronischen Krankheit der Journalkritik, auch unter der Herrschaft des Impressionismus hatte es am Sylvestertage immer noch Visitenkarten, Blumensträuße, Glückwünsche geregnet, und am letzten Tage des Jahres konnte Mattia sich entschädigt erklären für die im Laufe desselben mit nicht allzuviel Resignation ertragenen Kränkungen. Dann war die Erblindung gekommen, es war eine Lawine von Beileidsbezeugungen auf Mattias Haus niedergestürzt, und der Blinde glaubte ehrlich, er könne von dem Glanze seines vergangenen Ruhmes leben und sich nötigenfalls auf die volle Ergebung vorbereiten.

Schon am Vorabend des großen Tages war diesmal der Glückwunsch eines alten Russen und der eines Kroaten eingelaufen; beide nannten sich Bewunderer, und man durfte es ihnen glauben, weil beide auch Käufer gewesen waren. Der Kroat stattete seinen Glückwunsch in schlechtem Italienisch ab; der Russe verwendete die lateinische Sprache dazu, das Entzücken auszudrücken, welches er nach so vielen Jahren beim Anblick des »Griechischen Idylls« in seinem Speisesaale noch immer empfand. Es hatte ein heiteres halbes Stündchen gegeben, als Tito und Mattia, nachdem sie die närrische Grammatik des Kroaten berichtigt, sich über das Latein des Russen hermachten, ohne Hoffnung, dessen ganz Herr zu werden.

Aber der Blinde, welchem der aus Petersburg, man kann sagen aus einer andern Welt gekommene, in toter Sprache geschriebene Brief schmeichelte, ließ ihn sich gern mehrmals von seinen Besuchern verdolmetschen, selbst wenn diese nicht viel Latein verstanden. Denn obgleich er das ganze Jahr hindurch deren wenige empfing – ausgenommen irgend einen bedürftigen Künstler, welchen er unterstützte –, am Sylvestertage war es anders; wenigstens Titos zahlreiche Freunde, die da wußten, daß es ihren Kunstgenossen erfreute, brachten dem alten Herrn sicherlich einen Glückwunsch.

Das ganze lange Jahr hindurch war Mattia auf das Beschauen des ihm zu teil gewordenen Ruhmes angewiesen – es war eine trübselige Schau. Aber nachgerade hatte er die Kunst sich zu langweilen gelernt, und man kann fast sagen, er langweilte sich nicht mehr. Und am Sylvestertage, wo er in seiner Abgeschiedenheit glaubte, es regne Visitenkarten, welche ihm die ferne Zeit zurückrufen, ihm einen Tag, eine Stunde ähnlich wie in der Vergangenheit bereiten sollten, da war es ihm fast, als biete sein alter Ruhm ihm wieder gesprächig den Arm, während er sonst das ganze Jahr hindurch an seiner Seite ging, ohne laut zu ihm zu reden.

Jedes Jahr hatte er zu allen Poststunden dieses großen Tages stumm gelächelt in der Erwartung, daß Tito ihm eine Handvoll Karten in den Schoß schütten werde.

»Es sind wenige,« hatte er einmal, sie befühlend, geäußert, und nachdem er sie still zwischen den Fingern gezählt, den Sohn gebeten, daß er sie ihm nacheinander vorlese.

Aber jedesmal hatte ihre Zahl abgenommen, teils weil einige der Bewunderer tot waren, teils weil die emphatischen – z. B. die, welche ihrem Namen einen Schwanz von Superlativen anhingen – des Bewunderns müde geworden. Tito fürchtete, sein Vater, welcher für so vieles in der menschlichen Seele Verständnis hatte, möchte auch dies verstehen: daß die Bewunderung sehr anstrengend ist und daß der Emphase leicht der Atem ausgeht. Und deshalb hatte Tito, wenn die Ernte kärglich ausgefallen war, ein wenig von der alten Sammlung hinzugefügt, damit sein Vater sagen möchte: Es sind recht viele!

Obwohl Tito im Grunde des Herzens diese Hinterlist zuwider war – wie sollte er sich wirkliche Bedenken über eine Täuschung machen, welche keinem schadete und dem armen Blinden Freude bereitete?

Dies Jahr war der Glückwunschregen schwach; die erste Morgenpost hatte nur fünf Briefe gebracht, die um elf Uhr nicht mehr als drei, nach Tische hatte der Postbote nur einen Brief eines alten Schulgefährten und die Zeitung abgeliefert, welche Mattia sich abends vorlesen ließ.

»Hier ist ein Brief, der dir Vergnügen machen wird,« sprach Tito zum Vater. »Rate, wer dir schreibt.«

»Der amerikanische Gesandte – der Legationssekretär aus ...«

»Nichts da von Gesandtschaften oder Legationen; es ist ein alter Freund, ein Schulgenosse.«

»Gerolamo – wirklich der? – Gib einmal.« – Er wollte den Brief anfühlen, bevor er sagte: »Lies ihn mir.«

Es war ein großes Stück Vergangenheit, welches Gerolamo ihm ins Gedächtnis rief; man merkte, daß der Schreibende alt war, denn in seinen Glückwünschen sprach er nicht von der Zukunft. »Weißt du noch?« hieß es alle Augenblicke, und er schloß mit wenigen Worten wehmütiger Zärtlichkeit.

Mattia, der eine Weile in stilles Sinnen versunken war, erwachte daraus und sagte: »Ich denke mir, die gewohnten Visitenkarten müssen doch gekommen sein.«

»O, jawohl!«

»Viele?«

»Genug, dächte ich – willst du sie haben?«

»Nein, du kannst sie mir später lesen, oder vielmehr, ich werde sie mir von Sofia vorlesen lassen; sie kommt, um mit uns zu speisen, weißt du? – Es ist dir doch nicht unlieb?«

»Im Gegenteil.«

»Ich habe auch den armen Teufel, ihren Vater, und die Giuditta bitten lassen – bist du damit zufrieden?«

»Du hast recht gethan.«

Aber zur Zeit des Diners kamen nur Sofia und ihr Vater, der, kaum in den Salon getreten, die Abwesenheit der andern Tochter durch Migräne rechtfertigte.

Und als Mattia mit einem flüchtigen »O!« sein Bedauern geäußert, erinnerte Primo Salvi sich der lebhaften Bitte seiner zurückgebliebenen Tochter bei seinem Fortgehen: »Sage ihm ja, daß ich mich all seinen Freunden zugeselle, um ihm Glück zu wünschen ...«

Hier unterbrach ihn Mattia, der Ruhmgekrönte, mit einem bescheidenen »Vielen Dank«; er fragte, ob das junge Mädchen sehr von der Migräne zu leiden habe, und bedauerte ihr Unwohlsein auch noch besonders deshalb, weil die beiden Schwestern ihm gewiß recht viel vierhändige Musik vorgespielt hätten.

Aber nach dem Diner, welches munterer war, als Papa Salvi erwartet hatte, empfand Mattia gar kein Verlangen nach Musik. Sein Gast ebensowenig. Er fühlte sich noch immer ganz behaglich am Tische: einem köstlichen Wein von Valpolicella, man kann sagen ohne Zeugen, gegenüber – denn der Blinde konnte nicht sehen, wie gut er ihm schmeckte, und die jungen Leute unterhielten sich eifrig – war es ihm nicht schwer geworden, das Gespräch auf die ewig junge Kunst zu lenken. Durch diesen Prachtwein innerlich gehoben, wurde er nachsichtig gegen andre und besonders gegen Mattia, blieb grausam nur gegen sich selbst; aber der ruhmreiche Künstler träufelte ihm Balsam in jede Wunde, welche er sich selber schlug. Und sie meinten beide ein Werk der Barmherzigkeit zu thun.

Da kam plötzlich der Blinde mit seiner geheimen Absicht hervor, nämlich sich die Namen derer vorlesen zu lassen, welche ihren Glückwunsch überschickt hatten.

»Verzeihen Sie einen Augenblick,« sprach er; »gewöhnlich hat mein Sohn an diesem Tage gar zu viel im Kopfe; nur nach dem Essen haben wir ein wenig Ruhe.«

Primo Salvi füllte sein Weinglas und versicherte, es werde ihm ganz angenehm sein; er bot sich sogar selbst als Vorleser an. Salvi sah dabei aus, als wolle er sagen: Seht, was ich für ein Mensch bin; seelengut bin ich; die Welt, die mich jahraus jahrein mißhandelt, kann mit mir machen, was sie will, wenn sie mich auf die rechte Art nimmt.

»Wo sind die Visitenkarten?« fragte er Tito. »Der Papa wünscht die Karten, ich werde sie ihm selbst vorlesen.«

Tito erhob sich errötend vom Tische; er wendete wie gedankenlos den Kopf da und dort hin, bevor er an eine Etagere im Hintergrunde des Zimmers trat.

Primo Salvi folgte ihm mit den Augen, ungeduldig, die Lektüre zu beginnen; er fühlte eine neue Seelengröße in sich, welcher er nicht einmal den Namen gab, schon erfreut darüber, daß er sie fühlte. Dabei versäumte er jedoch seine Beobachtungen nicht, und es entging ihm keineswegs, daß Tito die Schale mit den Karten etwas verlegen auf den Tisch stellte. »Geben Sie her,« sagte er, »Ihr Papa erlaubt, daß ich lese, nicht wahr?«

Der Blinde stimmte zu mit einem Lächeln des Dankes für das Geschick, welches ihm doch noch gute Momente schenkte.

Und Tito konnte nicht umhin, dem über den Tisch gestreckten Arm die Schale zu übergeben. Bevor Papa Salvi anfing, wollte er den Blinden seinen Ruhm recht auskosten lassen, wenn man das Ruhm nennen könne, worüber er seine Zweifel hatte.

»Stecken Sie die Hand da hinein; wie viele! Nicht wahr?«

Das erste Billet, welches zum Vorschein kam, hatte einen sehr langen Namen. »Ariodante Ramirez Spinosa dei Marchesi di Roccamala wünscht dem großen Künstler noch hundert Lebensjahre.«

»Hundert Jahre sind zu viel,« sagte Mattia bescheiden.

»Durchaus nicht zu viel,« behauptete Primo Salvi mit Sicherheit. »Chevalier M. N. O. Blowitz, Attaché der österreichischen Gesandtschaft.«

»O, der Chevalier Blowitz! – Höre, Tito, war denn der Chevalier Blowitz nicht gestorben?«

Primo Salvi liebäugelte mit einer schwierigeren Visitenkarte, voll Ungeduld, sie vorzulesen, zu sehen, ob er's zu stande brächte; er bemerkte nicht, daß der arme junge Mann rot geworden war.

»Ich dächte auch; aber wenn er die Karte abgeschickt hat, so muß er doch leben.«

Der Blinde saß in Gedanken.

»Aber nein, nein, er lebt nicht mehr – sicher, der Chevalier Blowitz ist tot und begraben; die Karte ist ein Eindringling.«

»Es ist wohl möglich, daß der Diener sich geirrt – vielleicht die Karte auf dem Fußboden gefunden und zu den andern gelegt hat.«

»Es ist möglich,« sprach der Blinde mißtrauisch.

Papa Salvi nahm alle seine Geisteskräfte zusammen und versuchte jenen schwierigen Namen auszusprechen: »Kasimir Trr– Trr– Trz– Trzcinski Granischki, ein prächtiger Name; der verdient die fünfzackige Krone, welche über ihm schwebt – Trzcinski Graniski.«

»Ein Pole; ich habe ihn auf einer Reise kennen gelernt.«

Aber der gemessene Ton, in welchem er diese Erläuterung gab, konnte Salvi besorgt machen, daß er diesen Namen unehrerbietig behandelt habe, und noch schlimmer war es, als Tito vorschlug, er wolle fortfahren, und zu ihm hinter den Stuhl trat.

»Nein, lesen Sie nur, Signor Salvi.«

Eine Weile ging die Lektüre gut von statten; aber jetzt nahm Tito ihm eine Karte aus der Hand, welche er eben vorzulesen im Begriff war.

»Ist der auch tot?« fragte Primo Salvi.

»Noch ein Toter?« sprach der Blinde.

»Ja, ich weiß nicht, wie das gekommen ist; jemand muß die Karten untereinander geworfen haben – aber die bis jetzt gelesenen sind alle heute vormittag eingelaufen.«

Papa Salvi wußte nicht, was er von diesen Verstorbenen, von dem Erröten des jungen Mannes, der Niedergeschlagenheit des Alten denken solle. Er wollte noch einen Namen lesen, aber der Blinde sagte: »Lassen Sie nur; es ist da wohl ein Irrtum vorgekommen. Wenn die Signorina Sofia uns etwas Heiteres spielen will, ist's gewiß besser.«

Sofia war bereit und nahm den Arm des Blinden. Schweigend brachen sie auf.

Rossinis köstliche Heiterkeit machte an diesem Abend kein rechtes Glück; und mitten darin wünschte der Blinde, nochmals Beethovens Sonata appassionata zu hören.

Während das junge Mädchen spielte, bemerkte Papa Salvi an Tito wieder den eigentümlichen Ausdruck von jemand, welcher einen dummen Streich begangen hat und ihn nicht gut zu machen weiß.

Und als er aufgeräumt nach Hause ging, sagte er zu seiner Tochter: »Von diesem Tito weiß ich nicht recht, was an ihm ist; aber sein Vater ist wahrhaftig ein guter Mensch; der Aermste! Er ist ein Viertelstündchen lang Leuchtkäfer gewesen und glaubte ein Fixstern zu sein; er ist sehr zu bedauern, nun da er blind ist. Aber er hat richtige Anschauungen und weiß die Menschen nach ihrem Wert zu schätzen.«

»Warum sagst du, du wissest nicht recht, was an dem Signor Tito sei?«

»Weil er mir den Eindruck eines Strebers macht; ich kann mich irren, aber ich halte ihn sogar für eifersüchtig auf den Ruhm seines Vaters. So sind sie nun einmal alle, diese Jungen der modernen Schule. Ich kann mich irren –«

»Schweig, Papa, denn du irrst dich sicherlich.«

Papa Salvi sprach kein Wort mehr, bis sie am Hause waren.

Nahe der Hausthür fanden sie Tonio Schildwache stehend.

»Ich bin's!« sagte er, die Straße überschreitend.

»Ach, Tonio! Hast du hier die frische Luft genossen?« fragte Papa Salvi.

»Nach der Schule sagte ich mir: Ich will ein bißchen zum Onkel Salvi und zu den Cousinen gehen und ihnen meine Neujahrsgrüße bringen.«

»Wenn du mit hinaufkommen willst – Giuditta ist noch nicht zu Bett gegangen; ich sehe, sie hat noch Licht in der Kammer.«

Tonio wollte der Versuchung heroisch widerstehen, aber jenes vom Fenster herabscheinende Licht, jenes Licht, welches ihn schon eine Stunde lang dort gefesselt hatte, war stärker als er. Gesenkten Hauptes folgte er dem Onkel Salvi und sagte, während sie die langen Treppen hinaufstiegen, zu Sofia: »Ich möchte euch nicht beschwerlich fallen; ich gehe bald wieder.«

Aber der arme Zeichenlehrer hatte wirklich Unglück; Giuditta war schon zu Bett gegangen, und Sofia kam zurück, um zu sagen, daß die Schwester einen schönen Roman lese, daß sie dem Vetter für seine Glückwünsche danke und sie erwidere.

»Besten Dank!« murmelte Tonio.

Bis spät abends verweilte er, ein einsilbiger Gesellschafter, und als der Onkel Salvi, in der Meinung, der gute Junge habe seiner Cousine etwas im geheimen zu sagen, ihn aufforderte, noch ein Weilchen zu bleiben, wenn er wolle, er aber sei schläfrig – da erst ermunterte Tonio sich wieder und sagte: »Ich gehe, es ist elf Uhr; in einer Stunde beginnt das neue Jahr; möge es Ihnen ein glückliches sein, Onkel Salvi, auch dir, Sofia – und für Giuditta!«

»Möge es uns alle beglücken!« erwiderte Papa Salvi.

Sofia fügte leise hinzu: »Mut, Tonio!«

Und Tonio ging und wiederholte sich selbst mit kühnem Tone: »Mut, Tonio; die Welt ist voll von schönen Mädchen; fasse Mut und gewinne eine lieb, die es erwidert; sei mutig genug, eine zu vergessen, die nichts von dir wissen will.«

Unten auf der Straße blickte er nach dem erhellten Fenster hinauf. Giuditta las noch lange in ihrem schönen Roman, ehe sie das Licht auslöschte. Dann ging Tonio nach Hause.

Zum erstenmal war das Vorlesen der Visitenkarten übel abgelaufen; und da Tito nicht recht wußte, ob der Blinde sich mit dem Riegel, welchen er so im Augenblick vorgeschoben, zufrieden gegeben habe, erwartete er, aufs neue befragt zu werden, bevor der Papa sich niederlegte. Mattia aber sagte nichts, er blieb nur etwas länger als gewöhnlich am Tische sitzen; einmal wollte es Tito scheinen, daß der Schlaf ihn erfaßt habe, und er entfernte sich auf den Fußspitzen.

»Ich schlafe noch nicht,« sagte der Blinde; »aber bliebe ich noch ein Weilchen sitzen, so würde ich einnicken. Rufe; ich will zu Bett gehen.«

Seine Stimme war frisch, fast heiter.

Tito, welcher der Sache noch nicht recht traute, bewegte sich um ihn her, nachdem er auf den Knopf der Glocke gedrückt hatte. Tomaso erschien und meldete, daß das Bett warm sei.

»Höre, Tomaso,« sagte Tito, »hast du vielleicht die Visitenkarten untereinander gebracht?«

Tomaso beteuerte, was ihn betreffe, da könnten sie sicher sein, er habe nichts in Unordnung gebracht und die Visitenkarten nicht angerührt.

»Laß gut sein,« sprach der Blinde; »du machst dir Gedanken um nichts; morgen wollen wir die heraussuchen, die heute gekommen sind, und du liest sie mir selbst vor. Gute Nacht, mein Sohn.«

Und kaum war er mit dem Diener allein, so sagte er zu ihm; »Tito wünscht, daß alles hübsch in Ordnung bleibe; sei darauf bedacht, ihn zufrieden zu stellen. Die Visitenkarten, die du untereinander gebracht hast –«

Tomaso unterbrach ihn und erklärte sich bereit, auf das Evangelium zu schwören, daß er nichts untereinander gebracht habe.

»Nun, wenn du es nicht gewesen bist, so wird es Barbara gewesen sein.«

Aber nein, nein; auch die konnte es nicht gethan haben; Gerechtigkeit vor allem; er hatte immer die Briefe vom Portier in Empfang genommen – und dann war da auch wenig zu verwechseln. Der Portier hatte ihm dreimal die Briefe gebracht; das erste Mal fünf Billets, das zweite Mal –

Mattia sprach kein Wort.

»Das zweite Mal drei; das dritte Mal eins und die Zeitung« – und jedesmal war Tomaso sofort hinaufgegangen und hatte alles dem Signor Tito übergeben; alles und jedes, »nämlich das erste Mal fünf Billets, die ja immerhin Visitenkarten sein mochten, das zweite Mal drei, die vielleicht auch Karten waren, das dritte Mal eine –«

Mattia sagte nichts; er ließ sich auskleiden, und erst als er im Bette war, fragte er: »Bist du ganz sicher, daß es neun Briefe waren?«

»Ob ich sicher bin! Mir ist's, als sähe ich sie vor mir; das erste Mal fünf, das zweite Mal drei, das dritte Mal einen – und weiter nichts.«

»Nichts weiter?«

»Wirklich nichts.«

»Gute Nacht, Tomaso.«

Und Tomaso ging mit dem Lichte hinaus.

Nach einer schlaflosen Nacht hatte Mattia gegen Morgen die Augen geschlossen; um zehn Uhr schlief er noch, und Tito, der in die Thür des Schlafzimmers getreten war, wollte sich eben auf den Zehen davonschleichen, als der Blinde erwachte.

»Tito!«

»Papa! Du hast länger als gewöhnlich geschlafen.«

»Ja – das heißt, nein; ich habe wach gelegen; es ist eine lange, durchkämpfte Nacht gewesen, mein Sohn.«

Der Blinde sprach in traurigem, aber ruhigem Tone, und da er nicht in Titos Augen lesen konnte, reichte er ihm die Hand hin und suchte die seine. Als er sie mit der frischen Kraft gedrückt, welche er in dem Kampf errungen hatte, setzte er hinzu: »Still – sage mir nichts: ich habe alles verstanden.«

»Was hast du verstanden?«

»Den von deiner kindlichen Liebe begangenen Betrug – mein armer Junge; schweig – suche mich nicht von neuem zu täuschen – es ist umsonst. Ich bin stark – nur noch schläfrig; laß mich bis zur Frühstücksstunde schlafen. Du sollst sehen, daß es mir dann nicht an Appetit fehlen wird. – Still – gib mir einen Kuß.«

»Du mußt mir nachher erklären – denn ich begreife nicht –«

»Ja, ja, ich werde es dir erklären,« sprach Mattia und wendete sich auf die andre Seite.

Tito entfernte sich trostlos.

Wie er den bei Tische gemachten Schnitzer hätte vermeiden müssen, das sah er jetzt; er sah es ganz klar, nun der dumme Streich begangen war. Um ihn, wenn möglich, wieder gut zu machen, blieb ihm kein andrer Ausweg, als mit frechem Angesicht zu lügen; Tito bereitete sich mit ruhigem Gewissen darauf vor, indem er den aufrichtigen Ton der Lüge so einstudierte, wie es nur – eine tüchtige Komödiantin gekonnt hätte.

»Ich versichere dich, Papa, daß ein Versehen vorgekommen ist, daß –«

Er fühlte, daß er bei diesen Worten erröten würde, aber Mattia sähe das ja nicht. Er mußte nur vor dem Frühstück die Karten durchsehen, damit nicht wieder ein großes Unheil entstehe.

Bei Tische war Mattia so heiter wie gewöhnlich, sogar ein wenig redseliger; aber die versprochenen Erklärungen gab er nicht. Tito, als seiner nicht allzu sicherer Komödiant, war einerseits ungeduldig, seine Rolle herzusagen, und fürchtete andrerseits, die gute Laune seines Vaters zu verderben.

Aber er faßte einen Löwenmut und sagte unbefangen: »Ach, richtig, soll ich dir jetzt die Visitenkarten lesen?«

Mattia antwortete nicht.

»Denn sei unbesorgt, ich habe sie jetzt wohl in Ordnung gebracht.«

Des Blinden Gesicht umwölkte sich, aber endlich lächelte er in seinen dichten weißen Bart hinein und sprach heiter: »Ja, es wird mir großen Spaß machen – es sind ihrer viele, nicht?«

»Es ist eine wahre Lawine. Soll ich anfangen?«

»Ja, fange nur an.«

Und Tito las eine lange Litanei von Namen und Titeln, die seinen Vater eine Weile zu belustigen schien. Dann ließ Mattia den Kopf auf die Brust sinken und sagte: »Nun ist's genug.«

Und Tito erwiderte arglos: »Es sind noch mehr da.«

»Ich weiß, aber nun ist's genug.«

Er ließ den trüben Gedanken vorüberziehen, welcher über ihn gekommen war, stand auf und küßte seinen Sohn auf die Stirn.

Und er sprach nichts.

*

Der Winter dieses Jahres war streng. Den ganzen Januar hindurch wartete Mattia vergebens auf den Sonnenstrahl, welcher in das Atelier zu dringen und sich auf die Kniee des Blinden zu legen pflegte.

Anstatt der Sonne kam viel Regen, bald über das Pflaster plätschernd, bald gegen die Scheiben trommelnd, aber zumeist langsam, langsam niederfallend, so daß, nach dem Tröpfeln einer benachbarten Dachrinne gemessen, die Stunden dem blinden Mattia endlos erschienen wären, hätte er nicht so viel damit zu thun gehabt, sich Ergebung zu erringen.

»Woran denkst du, Papa?« fragte Tito ihn zuweilen, wenn er zu lange schwieg. Und Mattia antwortete, indem er sich den Trübsinn abschüttelte, daß er an nichts denke, daß er so heiter sei, wie man es bei solcher Sündflut sein könne; wenn aber nun der Sohn in ihn drang, er möge ein wenig plaudern, dann kam er auf die Kunst zu sprechen, die eine treulose Geliebte ist, auf die Kunst, welche uns Wonnen schenkt, solange sie uns zulächelt, welche uns aus tausend Wunden bluten läßt, wenn sie uns aufgibt. Er sagte die Kunst, meinte aber den Ruhm, und sprach es in scherzendem Tone, weil er noch nicht vollkommen entsagt hatte.

Eines Tages hörte er zu seinem großen Erstaunen seinen Sohn einen Gedanken ausdrücken, den einst mit großer Anmaßung Primo Salvi geäußert hatte, und den er selbst bisher nicht fähig war zu dem seinigen zu machen.

»Was thut's?« sagte Tito. »Was liegt daran, wenn die Kunst uns einst verläßt? Solange sie uns lächelt und in ihrer Schönheit erscheint, müssen wir sie lieben. Uebrigens du selbst, der du grausam von ihr verlassen zu sein glaubst, du liebst sie noch immer um der Freuden willen, die sie dir gespendet hat, und – auch um derentwillen, die sie dir noch bereiten wird.«

»Die sie mir noch bereiten wird,« wiederholte Mattia für sich, ohne jede Bitterkeit gegen das Geschick, noch gegen seinen Sohn, der dabei beharrte, ein seinen blinden Augen unwiederbringlich zerstörtes Blendwerk vorzuführen.

Das neue Unglück, welches auf die Seele des Blinden niedergeschmettert war, hatte noch zwei Triebfedern unzerbrochen gelassen: die väterliche Zärtlichkeit und einigen Glauben an ein andres Leben, jenen Glauben, welcher nach Mattias Versicherung ein naher Verwandter des Ideals ist. Doch auch mit diesen beiden kräftigen Spannfedern ist die Ergebung nicht weniger schwer.

Aber zu Ende dieser Winterzeit, als Tito in den letzten Februartagen seinem Vater die ersten in ihrem Gärtchen gepflückten Veilchen brachte, da konnte diese Seele, welche sich so abgemüdet hatte, einem Schatten nachzujagen, endlich sagen, daß sie zum Frieden gelangt sei.

»Ich habe das Bewußtsein, meine Mission mit allen mir verliehenen Kräften erfüllt zu haben; erfüllt bis zuletzt, und wenn der Himmel mir die Augen wieder aufschlösse, auf einen Tag oder auf eine Stunde, so weiß ich, daß ich noch einmal das thun würde, was ich immer gethan habe.«

Er sagte das aus Furcht, daß sein Sohn gleichfalls sein Herz an Schatten hängen und später nicht die Kraft haben möchte, ihnen zu entsagen.

Und als er bemerken konnte, daß Tito keine solche Gefahr lief, wenigstens nicht, bevor er seine Liebe nochmals einem lebenden Wesen zugewendet hatte, wollte er wissen, ob er noch an Cesira dächte, und ob Sofia ...

Tito war aufrichtig. Er gestand, daß Cesira ihm genug Leiden bereitet hatte und daß er sie elendiglich aus dem Herzen verloren habe.

»Nun dann ...« meinte lächelnd der Blinde.

»Es ist unendlich traurig, die eigne Jämmerlichkeit zu erkennen; ich glaubte, daß ich dies Weib ewig lieben würde um des Schmerzes willen, den ich ihretwegen erduldet, und trotzdem ...«

»Nun denn,« drang Mattia weiter in ihn, »so verliebe dich in eine andre; blicke um dich, mich dünkt, es sollte mir nicht schwer werden, eine zu finden.«

Tito wollte aufrichtig gegen seinen Vater sein.

»Sofia, nicht wahr? Sie ist ein liebes, gutes Kind, voll Glauben und Mut; sie wird die Freude des Mannes sein, der sie zur Seinigen machen möchte. Aber der werde ich nicht sein.«

Der Blinde sagte kein Wort.

»Vor allem, weil sie einen andern liebt.«

»Woher weißt du das?«

»Sie hat es mir fast gesagt, als ich ihr von jener verhängnisvollen Frau sprach – ohne sie jedoch zu nennen – und von dem Kinde, das vielleicht ...«

Entmutigt sagte Mattia: »Und von diesen Dingen hast du ihr erzählt?«

»Ja gewiß! Sofia und ich, wir haben ein Bündnis geschlossen, wir sind ein paar Freunde, und die Freundschaft zwischen einem jungen Manne und einem Mädchen kann ohne vollkommenes Vertrauen nicht Bestand haben.«

»Freundschaft – Vertrauen –« murrte der Blinde.

»Wir haben uns gegenseitig versprochen, niemals etwas andres als Freunde zu sein; Sofia wird das sehr leicht werden, weil sie schon jemand liebt, und mir nicht schwer, weil ...«

»Weil?«

»Weil – soll ich es dir sagen? Weil Sofias äußere Erscheinung mir nicht zusagt.«

»O, gewiß mit Unrecht.«

»Freilich, mit Unrecht. Unter vier Augen mit diesem Mädchen fühle ich mich so wohl! Aber nie kommt mir der Gedanke, daß ich etwas mehr aus ihr machen könnte – oder weniger – als eine vertraute Freundin.«

»Du hast unrecht,« beharrte der Blinde und ließ den Kopf sinken; dann wollte er hören, in wen das gute Kind verliebt sei.

Aber da Tito den Vater zu befriedigen zögerte, nahm dieser auch sogleich sein Begehren zurück.

»Sage mir's nicht, ich will es nicht wissen; ich werde es übrigens erraten.«

In der That ward er bald inne, daß das liebe Mädchen eine geheime Neigung hatte, von der sie sich gedemütigt fühlte und die sie aus allen Kräften bekämpfte. Die geheime und bekämpfte Neigung hegte sie für Tonio, für den in ihre Schwester verliebten Vetter, und zwar brauchte sie sich derselben nicht zu schämen, denn sie war aus einem großen Mitleid entsprungen.

Als der März gekommen war und mit prächtig sonnigen Tagen verkündet hatte, daß der Winter wirklich aus sei, wollte Mattia täglich in den Garten hinab und ein paarmal darin umhergehen, während sein Sohn an der Staffelei arbeitete. Titos Arm brauchte er nicht. Indem er mit dem Stock längs der Mauer tastete und sich am Treppengeländer hielt, war er sicher, nicht falsch zu gehen, so sagte er; aber auf Titos Mahnung ließ Tomaso ihn nicht aus den Augen.

Er spazierte lange in der Allee auf und ab, bis er müde wurde, dann setzte er sich auf eine Steinbank und lauschte ganze Stunden auf das Geschwätz der Sperlinge; zuweilen erwachte in der alten Platane die Stimme einer Amsel, sie hielt lange Reden voller Schwermut, und Mattia hörte ihr mit zärtlicher Teilnahme zu.

Später kam Tito nach, und Arm in Arm setzten sie vor dem Mittagessen die Spaziergänge fort.

Jetzt geschah es nie mehr, daß sie von der Vergangenheit sprachen. Wozu auch an eine begrabene Liebe, einen geschwundenen Schatten denken? Tito sagte aus voller Ueberzeugung, wer die Kunst aufrichtig liebe, sei vor jeder andern Neigung sicher; Mattia war nicht überzeugt, widersprach aber nicht. Er wartete. Und wenn am Abend Sofia sich pünktlich einstellte, reichte ihr der Blinde, der in ihr noch immer – er wußte nur nicht mehr was – liebte, beide Hände hin, damit sie herbeieile und sie drücke.

Eines Abends waren sie allein. Tito war zu einer Versammlung des Vereins der Künstler gegangen, der Blinde hatte seine junge Freundin auf schlaue Weise zu vertraulichen Mitteilungen angeregt, und Sofia hatte sich bestimmen lassen, fast alles zu sagen; sie dachte einen Augenblick nach, bevor sie ihre Gefühle enthüllte, und that es dann, weil sie, wenn irgend jemand, nur sich selbst schaden konnte.

So hatte Mattia vieles erfahren, z. B. daß jener Tonio ein vortrefflicher Sohn, ein Mann von Herz und von bestem Willen sei; Giuditta ein kluges Mädchen, das gewiß alles erlangen würde, was sie sich wünschte (was sie wünschte? – Sofia wollte es nicht sagen); daß Papa Salvi die so vielen unbekannte Tugend besitze, auf sein Geschick stolz zu sein – zum Teil, weil das Leben ihm die Kunst oder wenigstens die Liebe zur Kunst verliehen hatte, und weil der Tod ihm ...

»Den Frieden verhieß,« meinte der Blinde.

»O bewahre! Mit dem würde der Papa sich nicht begnügen, er zöge vielmehr den Kampf vor – sondern einfach, weil der Tod ihm ein andres Leben verhieß, war der Papa zufrieden.«

Mattia hatte noch mehr wissen wollen, und da der Glaube, welcher Papa Salvi und auch ihr zuweilen wohlthat, dem Blinden nichts Uebles anhaben konnte, so ließ sich Sofia über Geister und über Spiritismus aus.

»Sie glauben daran?«

»Nein, an Nero allerdings nicht!«

Sofia war nicht einmal sicher, an irgend eine der Offenbarungen zu glauben, welche die Eingeweihten aus der andern Welt erhalten wollen. Und warum sie nicht daran glaubte? O, nur weil sie selbst nichts wahrgenommen hatte; aber sie war von der Ehrlichkeit derer überzeugt, welche gehört und gesehen zu haben meinten; sie glaubte an eine höhere Welt, die im Anschauen und in der Erwartung lebt.

Der Blinde hörte aufmerksam zu. Des Mädchens durchdachte Worte gaben auch ihm zu denken. Er gestand demütig, wenn er zuweilen aufwärts geblickt habe, so sei es gewesen, um das Ideal nicht aus den Augen zu verlieren, als er sich noch einbildete, die Kunst könne sein ganzes Leben ausfüllen.

An demselben Abend sagte nach langem Schweigen Mattia zu seiner kleinen Freundin: »Es ist möglich, daß auch ich, ohne es zu wissen, eine Religion habe, und es würde mir nicht unlieb sein, wenn es die Ihrige wäre.«

Sofia versicherte, er habe eine. Hatte er denn nicht immer dem Ideal einen Kultus gewidmet? Nun wohl, das Ideal gehört eben dem Himmel an.

»Das Ideal gehört dem Himmel an,« wiederholte mehrmals, nicht ganz überzeugt, der Blinde.

Es beschäftigte ihn noch, als Tito, vom Künstlerverein heimkehrend, mitteilte, daß Tonio unten auf der Straße Sofia erwarte, um sie nach Hause zu begleiten.

»Ich hätte ihn gern gebeten, zu uns heraufzukommen, anstatt zu warten, aber er sah mich und wich mir aus; sagen Sie ihm das, Signorina.«

»Gewiß!« antworte Sofia. »Der arme Tonio!«

Der Blinde hatte schweigend gelauscht, um zu beobachten, ob in den Worten seines Sohnes und der schönen Sofia ein ganz klein wenig Verdruß von der einen, Verwirrung von der andern Seite zu bemerken sei; da er nichts fand, kehrte er zu seinem früheren Gedanken zurück: »Das Ideal gehört dem Himmel an!«

Tonio war pünktlich. Jeden Abend um neun Uhr machte er sich trübselig auf den Weg, damit er Zeit habe, ein halbes Stündchen auf die Cousine zu warten. Das gute Mädchen hatte ein paarmal dies Opfer beklagt: das Haus des Blinden sei wenige Schritte von dem ihrigen, um jene Stunde sei die Straße noch belebt und viele Läden offen, und endlich, wenn Sofia es für nötig hielte, würde sie Papa Salvi bitten, sie abzuholen, aber es sei wirklich keine Veranlassung dazu da.

Jedoch Tonio, der sich nicht mit dem Opfer brüsten wollte, hatte ihr offenherzig versichert, er könne dies Stündchen nicht besser verwenden als zur Begleitung der Cousine.

Er sagte das in voller Aufrichtigkeit. Nicht einmal verschwieg er, daß er dabei, fast ohne es zu wollen, durch – Papa Salvis Straße ging und zuweilen stehen blieb und hinaufblickte, ob das runde Fenster noch hell sei. So ließ sich Sofia denn ohne ferneres Bedauern nach Hause begleiten.

Zuweilen ging der Aermste schweigend neben ihr her, und nun war es Sofias Aufgabe, den stummen Schmerz zu wecken, damit er sich ausklage.

»Ach, wie würde ich sie geliebt haben!« sagte dann Tonio. »Sie wird es nie erfahren, sie soll es nie erfahren, welche Liebe sie zurückgewiesen hat.«

Sofia antwortete nicht, und Tonio fuhr fort, sich auszusprechen, bis seine Gefährtin, indem sie den Schritt hemmte, um ihm Zeit zum Abbrechen seiner Klagen zu geben, ihn wahrnehmen ließ, daß man an der wohlbekannten Thür angelangt sei, daß hinter dem runden Fenster ein Kerzenlicht schimmerte. Dann verstummte Tonio aufs neue, Sofia tröstete ihn mit dem einzigen kräftigen Worte, welches sie noch für ihn hatte. Und sie wußte kaum, war es Mitleid mit ihm, oder mit sich selbst, oder mit der armen Menschheit, wenn sie bewegt sprach: »Mut!«

»O ja, ja, ich werde ihn finden,« versicherte der junge Zeichenlehrer.

Das war in der ersten Zeit, nachdem Giuditta ihre Gefühle kund gethan hatte, ohne die geringste Hoffnung zu lassen, daß sie sich ändern könnten.

Aber während dieses harten Winters machte Tonio allmählich den Fortschritt, daß er seinem Elend ohne Jammern ins Auge sah, und hatte er eine Weile die Cousine pünktlich nach Hause begleitet, weil es ihm Gelegenheit gab, von der schönen und geliebten Giuditta zu reden – jetzt schien er diese Liebe so weit besiegt zu haben, daß er nicht mehr von Giuditta sprach, dann von ihr sprach, ohne sie zu nennen, und endlich ihrer noch mit stiller Traurigkeit erwähnte. Sofia glaubte, an diesem Punkt der Genesung angelangt, sei Tonio außer Gefahr zu erklären, und wenn er dennoch fortgefahren hatte, seine Cousine zu begleiten, so habe er es aus Dankbarkeitsrücksichten, aus übergroßer Güte oder aus Verlegenheit gethan.

An jenem Februarabend war Tonio unterwegs ziemlich schweigsam, und Sofia fürchtete, ohne daß er es merke, möchte ihm der Ritterdienst ein wenig lästig werden, allabendlich ein unschönes Mädchen – und obendrein immer dasselbe unschöne Mädchen – schützend zu geleiten, das sich in der That dieses Schutzes gar nicht bedürftig fühlte.

»Höre, Tonio,« sagte Sofia, »jetzt bist du eigentlich geheilt, nicht wahr? Nun, das ist schön. Der Winter ist zu Ende, es kommen die längeren Märztage; warte nicht mehr auf mich, du kannst deine Zeit besser verwenden.«

»Wozu soll ich sie verwenden?« fragte der Zeichenlehrer. »Sage es mir.«

»Was weiß ich? Die Freunde aufzusuchen, spazieren zu gehen, zu plaudern.«

»Wenn du es wirklich nicht willst – wenn ich dir unbequem bin.«

»O Tonio, wie kannst du das nur denken!«

»Nun wohl, wenn ich dich nicht langweile, so laß mich nur immer kommen; es thut mir so gut, mit dir zu sein, du findest immer ein freundliches Wort, um mich zu ermuntern. Weißt du, ich merke recht wohl, daß ich langweilig bin, daß ich, anstatt dich zu unterhalten, oft den ganzen Weg über stumm bleibe: aber mit dir darf ich auch schweigen, nicht wahr?«

Sofia antwortete, ja, mit ihr dürfe er auch still sein.

In der That schwiegen beide, bis sie die Hausthür erreichten.

»Leb wohl, Tonio.«

»Also morgen komme ich wieder ... ist dir's recht?«

»Komm, wann du willst.«

*

In dieser ruhig heiteren Weise vergingen zwei Monate.

Tonio hatte jeden Abend Sofia nach Hause begleitet, sehr schweigsam, die langen Pausen plötzlich unterbrechend; er schien sich gar nicht mehr mit Giuditta zu beschäftigen, denn selbst in der Nähe der Salvischen Hausthür blickte er nicht auf. Nur einmal heftete er die Augen lange auf das erleuchtete Fenster, aber dies herniederscheinende Licht traf seine Phantasie nicht mehr verlangenerregend, sondern weckte nur seine Neugier, welche er so ausdrückte: »Ob sie wohl schon ihren Traum gefunden hat?«

Sofia antwortete nicht, und Tonio drang nicht in sie. Hätte er es gethan, so hätte Sofia, um aufrichtig zu sein, »ja« sagen müssen. Dieser Traum war ein Wechselmakler, der sich von den Anstrengungen der Börse im ehelichen Leben auszuruhen wünschte. Die Sache war noch nicht sicher, aber die Hauptsache war gemacht, denn der Makler war bis über die Ohren verliebt.

Während dieser zwei ruhigen Monate hatte Papa Salvi den ruhmreichen Kollegen häufig besucht und ihm auf Befragen die spiritistische Doktrin weitläufig auseinandergesetzt.

»Versuchen wir es doch einmal,« hatte der Blinde gesagt.

Und eines Tages stellten sie den Versuch an. Sie waren in einer abgesonderten Stube allein und an den beiden Enden eines Tisches einander gegenüber; Papa Salvi forderte seinen guten Freund Nero in angemessener Weise auf, sich zu offenbaren, und Nero that es durch ein mäßiges einmaliges Klopfen, wollte aber nicht dreimal klopfen, obgleich mehrmals darum angegangen. »Wir besitzen kein genügendes Fluidum,« versicherte Papa Salvi. Aber diese spiritistische Wahrheit wollte nicht in den Kopf des Blinden, um dessen Mund ein boshaftes Lächeln zuckte. Das war zum Totärgern für einen überzeugten Spiritisten wie Papa Salvi, der, um einen so gut vorbereiteten Neophyten nicht zu verlieren, seinem Gewissen Gewalt anthat und selbst das dreimalige Klopfen hervorbrachte, welches Nero verweigerte; dann suchte er aufs neue »seinen guten Freund« zu einer Kundgebung zu bewegen, indem er ihm viele, viele schöne Dinge sagte, und als er sah, daß nichts dergleichen geschah, wiederholte er, es fehle ihnen an dem gehörigen Fluidum.

»Aber sagen Sie,« drang der Blinde in ihn, »sind die drei Schläge wirklich von dem Tische ausgegangen? Das heißt, von dem Geiste?«

»Natürlich!«

»Es ist niemand im Zimmer, nicht wahr? Sie werden mich doch gewiß nicht anführen wollen, und Sie sind es nicht, der geklopft hat?«

»Wie können Sie so etwas denken?«

Nach diesen Versicherungen blieb in Mattia die Meinung zurück, die spiritistische Religion sei etwas, das man auf sich beruhen lassen müsse.

»Wir wollen noch eine Probe machen.«

»Nein, wiederholen wir sie nicht; was ich auch etwa hörte, ich würde immer zweifeln, das ist das Schicksal der Blinden.«

Wenn dieser trübe Gedanke ihm in den Sinn kam, hielt Mattia sich für den unglücklichsten der Menschen; dann zählte er die Einzelheiten seines Unglücks auf und legte allem, dem er in der letzten Zeit hatte entsagen müssen, ein großes Gewicht bei, um seinem Sohne diese inhaltschweren Worte zurufen zu können: »Wozu bin ich noch auf der Welt?«

Aber dem war nicht also, daß er sich nicht ganz wohl in dem ihm gebliebenen Winkelchen gefühlt hätte, an der Seite seines Sohnes im trauten Verkehr mit dem guten Mädchen, welches ihm vorlas und ihm die schöne klassische Musik vorspielte. Wenn er in günstiger Stimmung war, gestand er es selbst ein. Nur, setzte er hinzu, um sein Glück vollständig zu machen, fehle ihm eins und immer dasselbe.

Zuweilen des Abends, wenn er Tito und Sofia in der Nähe wußte, war er darauf bedacht, deren Schweigen nicht durch ein Wort zu unterbrechen; er erwartete den Kaffee, oder hatte ihn eben getrunken und saß nachdenkend still, um die jungen Leute glauben zu machen, er sei eingenickt; aber in Wahrheit lauschte er und wartete auf irgend ein geflüstertes Wort, welches immer ausblieb.

»Was haben Sie heute an?« fragte er das junge Mädchen oft.

Ach, hätte er diesem prächtigen Geschöpf einen Rat geben dürfen, das immer in grauer Wolle und unvorteilhaft frisiert ging! »Signorina,« würde er gesagt haben, wenn er nicht fürchtete, die Bescheidene noch mehr einzuschüchtern, »Signorina, Grau kleidet junge Damen von der Art Ihrer Schönheit nicht. Sie sind brünett, sind blaß – da wäre Orange am Ort, oder aber Schwarz; die Haare möchte ich aufwärts gekämmt, so daß man die Stirn sieht; legen Sie die Flechten seitwärts und lassen Sie dieselben wie einen Rahmen auf die Schultern fallen. Wenn Sie das alle Tage thun, so wird ein gewisser Jemand nicht lange widerstehen.«

Jedoch ein wenig Hoffnung blieb ihm noch; er bemerkte, daß Tito seit einiger Zeit nicht gern die Familie der Künstler aufsuchte, sondern lieber mit dem alten Papa und der neuen Freundin daheim blieb.

So war man zu den schönen Maitagen gelangt. Aber die ruhige Stimmung ward durch einen unerwarteten Brief unterbrochen, durch einen unvergessenen Namen: Cesira!

Sie waren noch bei Tische, als der Diener diesen mit der Achtuhrpost gekommenen Brief brachte.

Tito hatte kaum einen Blick auf die Adresse geworfen, als er erbleichte: er sah Sofia an, die ihn ansah.

Mattia, mitten in der spottenden Darlegung einer Kunsttheorie unterbrochen, lächelte noch, im Begriffe fortzufahren; aber da das Schweigen sich ungewöhnlich verlängerte, fragte er leise: »Was gibt's? Was steht in dem Briefe?«

»Noch habe ich ihn nicht gelesen,« antwortete Tito erregt. »Aber kannst du dir nicht denken, wer da schreibt?«

»Cesira!« stammelte der Blinde. »Was kann sie dir schreiben?«

»Wir werden es gleich hören,« sprach der junge Mann.

Aber immer noch blickte er auf das versiegelte Couvert.

»Signor Tito,« sagte das junge Mädchen, »lesen Sie noch nicht sogleich, warten Sie wenigstens eine Weile; warten Sie, bis Sie allein sind.«

Da riß Tito das Couvert auf und las, nicht ohne einiges Beben der Stimme.

Die Schauspielerin schrieb:

»Mein Freund!

Du sagtest mir einst: ›Zu jeder Zeit, was auch geschehen möge, erinnere Dich, daß Du nebst Deiner Tochter immer willkommen bist.‹

Nun wohl, ich bin hier, wenige Schritte von Dir, und bin so unglücklich, wie es ein menschliches Geschöpf nur sein kann. Ich habe alles verloren, was einst Deine Liebe erregte und Deine Leiden schuf. Auch Bianca ist nicht gesund, sie hustet; man hat Veränderung des Klimas geraten, und ich dachte, daß nur ihr Vater sie herzustellen vermöchte. Die Mama könnte nur mit ihr sterben. Tito, mein lieber Freund, fasse Dir ein Herz und suche aus Mitleid für dies unschuldige Kind Deinen Unwillen zu besiegen. Sie klopft an Deine Thür und bittet um das Almosen Deiner väterlichen Liebkosung. Sie allein. Ihre Mutter begehrt nichts; sie wird Dich ewig segnen und bittet Dich nur um eins, daß Du auch nicht einmal sie zu sehen suchest. Antworte postlagernd der unglücklichen

Cesira.«

Ein langes Schweigen folgte auf das Vorlesen des Briefes.

Tito saß gesenkten Hauptes da, und Sofia starrte ins Leere, ihre Bewegung gewaltsam bemeisternd. Nur um die Lippen des Blinden spielte ein bittres Lächeln, und er zuerst durchbrach diesen peinvollen Zustand.

»Lies noch einmal; ich hoffe, es wird dir nicht zu wehe, sondern vielmehr wohl thun.«

Tito versuchte es, war aber zu bewegt, und Mattia wendete sich an Sofia.

»Signorina, wollen Sie lesen?«

Sofia befragte Tito mit einem Blick, und der junge Mann reichte ihr den Brief.

Und nun las Sofia, langsam; sie las einfach, ohne Kommentar durch Betonung und Innehalten, aber auch ihre Stimme war durch ein unterdrücktes Weinen verschleiert.

Als sie das seltsame Schreiben zurückgab, entquollen ihr die vergebens zurückgehaltenen Thränen.

Tito sah alles, und indem er dem Mädchen ins Gesicht blickte, flüsterte er: »Ich danke Ihnen.«

»Mir scheint die Sache klar,« sprach der Blinde, »und euch?«

Er erhielt keine Antwort und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Also die erste Darstellerin betritt wieder die Bühne, um ihre große, thränenvolle Partie aufzuführen. Aber wir werden uns nicht fangen lassen!«

Noch immer keine Antwort. Der Blinde fuhr fort, gleichsam als spräche er zu sich selbst: »Wäre es wahr, daß sie nichts für sich begehrt, daß sie zufrieden ist, ihre Kleine unter dem Schutze eines redlichen Mannes zu sehen ...«

»Eines Vaters!« unterbrach ihn Tito voll Bitterkeit.

»Nun denn, eines Vaters – aber nicht du wirst es sein, sondern ich,« erklärte ruhig der Blinde. »Um dich gegen deine Vergangenheit, gegen dich selbst zu schützen, sage ich dir, daß dieses kleine Wesen nicht dir, daß es mir gehört.«

Tito schwieg noch immer und Sofia ebenfalls; sie blickten einander in die Augen und hörten beide die leisen Worte des Blinden an.

»Ach, wäre es so! Wir wollen es hoffen, denn alles ist bei einer Schauspielerin möglich – auch die Wahrheit. Sollte hingegen dieser Brief ein schlauer Anschlag sein, dann sei wohl auf deiner Hut, Tito.«

»Dessen kannst du gewiß sein, Papa. Aber wir wollen es über Nacht noch bedenken, morgen früh sprechen wir weiter davon. Habe ich recht, Signorina?«

Sofia nickte bejahend, aber sie fühlte sich in einer peinlichen Lage, weil sie keine Worte fand, um die ungewohnte Aufregung zu verhehlen, in welche sie der tiefdringende Blick Titos, das gedämpfte Sprechen des Blinden, der klagende Ton jenes Briefes versetzten. Sie empfand eine gewisse Beängstigung und wußte doch selbst nicht wodurch, ob durch die andern oder sich selbst, und bat endlich, man möchte sie nach Hause gehen lassen.

»Ich gehe mit Ihnen bis zur Hausthür,« sagte Tito. Und als sie unten an der Treppe waren, setzte er hinzu: »Signorina, ich begleite Sie nach Hause, erlauben Sie es mir?«

Das junge Mädchen antwortete nicht.

»Ich hätte Ihnen etwas zu sagen,« beharrte Tito.

»Mir?« fragte Sofia erregt. Und um sich ihrer Aufregung zu erwehren, rief sie leise hinaus: »Tonio!« Aber sogleich bereute sie es und fand so viel unbefangene Haltung, um hinzuzusetzen: »Tonio begleitet mich jeden Abend, aber heute komme ich früher, und er ist vielleicht noch nicht da; wir wollen sehen.«

Sie eilte die letzten Stufen hinab und zog den Riegel der Hausthür zurück, damit die kühle Nachtluft ihr das Gesicht streife.

Tito war auch an die stille Straße getreten.

»Es ist niemand da,« sagte er, »also begleite ich Sie.«

Aber es fiel dem jungen Mädchen ein, daß Tonio, wenn er noch käme, vielleicht Gott weiß wie lange warten würde.

»Wir sollten ihn erwarten, wollen Sie?«

Sie blieben eine Weile in der Thür stehen. Im Dunklen fand Titos Hand die Sofias; übrigens sagte er das nicht, was er für sie auf dem Herzen hatte. Dann ließen sich schnelle Schritte durch die Stille der Straße hören.

»Tonio!« wiederholte Sofia und löste ihre Hand aus der, welche sie festhielt. Nun, angesichts des nahen Lebewohls, beendete Tito sein Geständnis, das er dem jungen Mädchen ins Ohr flüsterte.

»Hören Sie, Sofia, was ich Ihnen zu sagen hatte, ist nur dies: daß ich dich lieb habe, so sehr lieb habe, daß ich jetzt gewiß weiß, ich habe dich immer geliebt.«

Tonio war nur noch zwei Schritte entfernt.

»Gute Nacht!« stammelte das Mädchen und ging eilig Tonio entgegen.

»Schon hier!« sagte der junge Mann, als er Sofia sich ihm eifrig nähern sah.

»Ja, mich verlangte, früh schlafen zu gehen. Signor Tito wollte mich begleiten; als ich an der Hausthür war, sah ich dich kommen.«

»Was hast du? Ist dir nicht wohl?«

»O doch.«

Sofia schritt eilig zu; ihr Gefährte, welcher kaum mit ihr Schritt halten konnte, wußte nicht, was er denken sollte.

»Sofia,« sagte er nach einer stummen Pause, »versichere mich, daß dir nichts Schlimmes begegnet ist.«

»Durchaus nichts, ich bin nur erregt; ich fürchte, daß ich heute nacht ein wenig Fieber haben werde; fühle einmal ...«

Tonio blieb auf der Straße stehen und befragte den Puls seiner Cousine; schließlich gestand er, daß er nichts davon verstehe, aber daß es ihm in der That scheine ...

Das Mädchen eilte weiter, und Tonio folgte.

Als sie an der Hausthür waren, sagte Sofia: »Höre, Tonio, warte nicht mehr abends auf mich, ich hatte nie gemeint, daß du meinetwegen Wache stehen solltest.«

»Was liegt daran?«

»Sehr viel. Und dann, wie gesagt, es ist gar nicht nötig, daß mich jemand begleitet; auch weiß ich kaum, ob ich regelmäßig zu Bondis gehen werde, und wenn ich nicht ginge, würdest du mich vergebens erwarten. Ich danke dir für das, was du für mich gethan hast und ferner thun möchtest, aber ich will es nicht mehr.«

»Du willst nicht?« stotterte Tonio bestürzt.

»Nein, ich will es in der That nicht.«

Der junge Mann blickte bald da-, bald dorthin, als suche er die spröden Worte zusammen. Endlich fand er diese und er sagte mit gepreßter Stimme: »Ich komme morgen, um zu sehen, ob du auch kein Fieber hast.«

»Es wird nichts sein, jetzt scheint mir's schon wieder ganz vorüber. Fühle nur.«

Tonio untersuchte den Puls abermals. Er war nicht sicher, daß die Nacht nicht dennoch ein leichtes Fieber bringen könne.

»Auf alle Fälle werde ich morgen kommen.«

»Komm nur. Gute Nacht!«

*

Sofia wußte, daß sie niemand zu Hause finden werde. Papa Salvi und Giuditta waren in das Konservatorium gegangen, um eine berühmte Pianistin zu hören. Es war ein rechtes Glück für sie, allein sein zu können, Zeit zu haben, um die neuen Gedanken an sich vorüberziehen zu lassen, und einen festzuhalten, welcher heilsam nicht nur für sie, sondern weit mehr noch für – ihn wäre. Sie eilte im Fluge die Treppen hinauf und mußte stehen bleiben, um den Schlüssel zur Wohnung herauszusuchen, weil ihr das Herz heftig schlug. Als sie in ihrem Stübchen war, fand sie es auch nicht nötig, Licht anzuzünden; im Dunklen, meinte sie, würden die noch so nebelhaften Gefühle leichter feste Formen annehmen.

Sie setzte sich an ihren Tisch und heftete den Blick lange auf die finstere Wand, wo das Bild der verstorbenen Mutter im vergoldeten Rahmen schimmerte. Im ungewissen Schein des runden Fensters sah sie die verlängerten Schatten der Betten.

»Nun also?« sprach sie ab und zu mit erhobener Stimme.

Und sie lauschte, ob aus der unsichtbaren Welt ein Wort zu ihr dringe. Aber die Stille wurde von keinem der Geräusche unterbrochen, womit die abgeschiedenen Seelen sich den Seelen der Leidenden kund thun.

Litt sie denn wirklich?

Ja. Sofia empfand eine qualvolle Beängstigung, welche sie sich noch nicht klar machen konnte. Doch ja, sie litt die Pein eines beunruhigten Gewissens.

Der Schattenzug der Gedanken dauerte fort.

Dort ging die unbekannte, aber so wunderschöne Schauspielerin vorüber, das kranke Kind, der freundliche Blinde mit dem herrlichen Greisenhaupt, der junge Künstler, welcher ihr noch bis vor einer Stunde ein Freund und nichts andres gewesen war. Und es zog auch Tonio vorüber, der einst im stillen Geliebte; zuerst für Giuditta schwärmend, dann gleichgültig gegen alles.

Das unruhige Gewissen wollte Sofia der Treulosigkeit anklagen, weil der, welcher ihr noch vor kurzem Freund und sonst nichts gewesen, jetzt für sie die einzige, die wahre, die große Liebe zu werden schien. Und als das Gewissen so weit versöhnt war, daß Sofia sich bereit fühlte, die Treulosigkeit auf sich zu nehmen, blieb doch in diesem einfachen, ehrlichen Herzen die Demütigung zurück, von der Höhe herabgestürzt zu sein, auf welcher ihre Empfindungen sich bisher gehalten hatten.

Da wollte sie nun einen klaren Blick in die Vergangenheit und in die eigne Seele thun; sie zündete das Licht an und las in den Seiten ihres Gedenkbuches nach.

Dies Büchlein nannte keinen Namen, aber es spielte auf einen Traum an, der aus dem Mitleid entsprungen war; er gehörte zu den schönen Dingen, welche man vergessen muß. Wo es nicht anders ging, war der Gegenstand dieses Traumes durch einen Anfangsbuchstaben bezeichnet. Wie Sofia nun allein dort in ihrem Kämmerchen saß und die Blätter überflog, welchen sie ihre nach Festigkeit ringenden Gedanken vertraut hatte, da dünkte es sie wundersamerweise, als sei, wo Tonio angedeutet war, Tito zu lesen, jetzt und immer und einzig Tito, denn er war es, der das erste Liebeswort zu ihr gesprochen hatte. Aber noch wunderbarer – auch so war sie mit ihrem Gewissen noch nicht in Frieden. Und das wollte Sofia den abgeschiedenen Seelen sagen, die gewiß in diesem Augenblick sie umringten und sich niederbeugten, um zu sehen, was sie auf das weiße Blatt geschrieben.

Sie schrieb ein Datum darauf: »Der erste Mai!« Dann dachte sie lange nach – und fügte nichts weiter hinzu.

Papa Salvi und die Schwester kamen gegen elf Uhr nach Hause. Giuditta war in bester Laune.

»Schade, daß du nicht mitgekommen bist, du hättest etwas erlebt.«

»Ist diese Pianistin in der That so vorzüglich, wie es heißt?«

»O ja, ausgezeichnet, aber es handelt sich um andres als die Pianistin; es handelt sich um den Wechselmakler, um meinen Alten, er hat sich neben mich gesetzt und wünschte dem Papa vorgestellt zu werden. Verstehe wohl, er wünschte es, und ich habe ihn vorgestellt. Der Papa, das muß ich sagen, benahm sich sehr nett, es war, als habe er seine Lektion gelernt, und doch schwöre ich dir, daß er noch von nichts wußte.«

»Und jetzt weiß er es?«

»Ja, beim Nachhausegehen habe ich zu ihm gesagt: ›Hast Du den Herrn beachtet, der sich vorstellen ließ; wie scheint er dir?‹ ›Er ist alt,‹ erwiderte der Papa, ›sieht aber noch gut aus.‹ ›Nun wohl, dieser gut konservierte Herr,‹ sagte ich, ›hat viel Geld, hat keine Frau und ist in mich verliebt.‹«

»Und was antwortete der Papa?« brachte Sofia heraus.

»Ich sollte mir das aus dem Sinn schlagen, wir hätten nie Erfolg gehabt, und solch ein Glück könne uns gar nicht zu teil werden.«

»So hat er wirklich gesprochen?«

»Ja, und da sagte ich ihm, wenn ich nur erst die Frau des Wechselmaklers sein würde – höre, wie das klingt: die Frau des Wechselmaklers! – dann sollte das jämmerliche Leben für mich, für ihn, für alle anders werden.«

»Nun, und was erwiderte er?«

»›Der Himmel erhöre dich‹ sprach er. Aber während wir heraufstiegen, versicherte er mich, daß er wirklich nie etwas brauchen, daß er ebenso wie bisher weiter leben werde, aber es solle ihn für uns andre freuen. Ein Schwall von Worten. Ich hoffe, du wirst aufrichtiger sein.«

Sofia antwortete nicht. Die Worte Giudittas und des Papas hatten ihre beunruhigte Seele getroffen. Und um wenigstens aufrichtig zu sein, demütigte sie sich noch tiefer und erwiderte: »Wenn es dir mit der Heirat gelingt, so ist das ein glänzender Treffer, und ich weiß ja, daß du meiner nicht vergessen wirst.«

»Wenigstens weißt du, daß ich ein gutes Herz habe, daß ich nicht geizig, daß ich keine Egoistin bin.«

»Das ist wahr, du bist keine Egoistin! Wohl dir, daß du dies Bewußtsein hast.«

Nach einer unruhigen Nacht schlief Sofia am Morgen noch, als Giuditta, die schon seit einer Weile aufgestanden war, viel Geräusch in der Stube machte, damit ihre Schwester erwache. Und kaum hatte sie es erreicht, so fragte sie: »Was hast du gestern abend gehabt, daß zwei sich nach dir erkundigt haben?«

»Zwei? Wer denn?«

»Tonio und der Diener Mattias ›des Ruhmreichen‹! Tonio kam auf dem Weg zur Schule mit herauf; der alte Bondi hat fragen lassen, ob du dich wohl befändest, und bittet dich, ihn noch heute vormittag zu besuchen. Papa hat beide empfangen, ich ließ mich nicht sehen.«

Sofia kleidete sich schweigend an.

In den wenigen Stunden des Schlafes hatte sich das Gewirr ihrer Gedanken beschwichtigt; lebhaft und beunruhigend war ihr nur das Bewußtsein des drohenden Geschickes geblieben, das über jenen zwei guten Seelen schwebte, beide arglos und in verschiedenem Sinne blind.

Giuditta erwartete eine Weile stumm, daß ihre Schwester etwas äußere; da es nicht geschah, drang sie in Sofia: »Ich dächte, du könntest deiner Schwester wohl antworten.«

»Verzeih, was fragtest du?«

»Ich fragte, was du gestern abend gehabt hast?«

»Nichts, gar nichts! Tonio und Signor Mattia sind ganz umsonst besorgt gewesen; ich hatte ein wenig Kopfweh und ging früher als gewöhnlich nach Hause.«

Giuditta merkte noch nichts, sagte aber: »Ach so – jetzt begreife ich; und als wir aus dem Konzert kamen, es war schon elf Uhr, da warst du noch auf! – Ich verstehe.«

»Darf man hineinkommen, Kinder?« fragte Papa Salvi und öffnete die Thür.

»Komm nur!« antwortete Sofia und brachte ihm einen Kuß entgegen. Ungefragt wiederholte sie, daß sie am Abend Kopfweh gehabt, daß die Nacht aber alles gut gemacht habe und sie jetzt ganz wohl sei.

»Du hast keine Ahnung, was der alte Mattia von dir will, daß er dich schon am Morgen rufen läßt?«

»Möglicherweise wegen eines Briefes, der gestern abend ankam und den ich lesen mußte.« Da sie sah, daß auch ihr Vater eine vertrauliche Mitteilung erwartete, beeilte sie sich, gelassen hinzuzusetzen: »Ich habe selbst nicht recht verstanden, um was es sich handelt, und dann ist es auch nicht mein Geheimnis.«

Darauf verglich sie mit einem Blick die beiden Hüte, den alten und den neuen von Papa Salvi geschenkten, und setzte den alten auf.

Als sie sich entfernt hatte, um zu dem »ruhmreichen« Künstler zu gehen, sprach Giuditta, als sei sie ihrer Schwester gewiß: »Die kleine Bescheidenheit muß schon ein gut Stück vorwärts gekommen sein.«

»Was willst du damit sagen? Ich verstehe dich nicht.«

»Du wirst bald verstehen,« und mit einem forschenden Blick auf den Künstler, welcher nicht zu den von der Kunst Unterhaltenen gehören wollte, sagte sie ruhig: »Du hast mich sogar schon verstanden.«

Papa Salvi versicherte das Gegenteil, war bereit, es zu beschwören; da er aber niemals neugierig gewesen, gab er sich zufrieden, als Giuditta nichts weiter verriet.

*

Sofia war sich wohl bewußt, daß sie einer zwingenden Pflicht gehorchte, indem sie sich jetzt zu dem Blinden begab, aber zuweilen schien es ihr doch, als sei es die Glückseligkeit, was sie dorthin rufe; und dann ging sie langsamer, denn es war eine so große Glückseligkeit, daß ihrer kindlichen Seele fast davor bangte. O, wie klopfte ihr das Herz, als sie in die Hausflur trat, wo ihr gestern das erste verheißungsvolle Wort zugeflüstert worden!

Noch hatte sie niemand gesehen, nicht einmal der Portier war an sein Fensterchen getreten. Langsam ging sie die Treppe hinauf und blieb auf der Vorflur zögernd stehen, aber eine Thür öffnete sich, und er selbst erschien – Tito.

Er sah abgespannt aus, vielleicht von der Gemütsunruhe, vielleicht nur von einer durchwachten Nacht; denn gleich bei den ersten Worten, welche seinen Händedruck begleiteten, erschien er zwar traurig, aber seiner selbst gewiß.

»Dank,« sprach er, »herzlichen Dank. Sie sind immer so gut, daß Sie mir die Kühnheit von gestern abend vergeben werden.« Und da Sofia nicht sogleich antwortete, wiederholte er dringender: »Sagen Sie ja, Sie haben mir verziehen.«

»Ich habe alles verziehen. Wo ist er?«

Sie mochte nicht sagen »der Papa«, wie sie so oft gethan.

»Im Salon.«

Das junge Mädchen wandte sich entschlossen dorthin. Tito blickte ihr nach, bis sie angeklopft hatte und eingetreten war.

»Ich wußte wohl, daß Sie sogleich kommen würden,« sprach der blinde alte Herr und blieb mitten im Zimmer stehen; er hatte ein Stöckchen in der Hand, mittels dessen er die Richtung finden und die Gegenstände erkennen konnte, wenn er durch die Gemächer gehen wollte.

Er hielt die offne Hand hin, in welche das junge Mädchen die ihre legte.

»Setzen wir uns. Sie werden sich kaum vorstellen, wie unbescheiden ein alter Blinder sein kann, der in eine schöne Seele wie die Ihrige geblickt, ja recht eigentlich geblickt hat. Aber es handelt sich darum, ein gutes Werk zu thun, und mir ist, als könne niemand andres als Sie mir dabei helfen.«

Diese Einleitung gab Sofias beunruhigtem Herzen einige Fassung, und ohne noch zu wissen, wovon die Rede sei, erwiderte sie: »Ich danke Ihnen.«

»Sie haben gestern den Brief der Komödiantin gelesen. Ich habe lange mit Tito gesprochen und ihn ohne Mühe überzeugt, daß er nicht das Opfer einer trügerischen Pflicht werden darf. Mein Sohn ist seiner Zukunft noch viel schuldig und darf sie nicht eines Gewissensskrupels wegen verschleudern; ich will, daß er seiner Zeit Gatte und Vater, will, daß er glücklich werde.«

Sofia antwortete nicht, und der Blinde fuhr langsam fort: »Aber, was mein Sohn nicht thun kann, das werde ich selbst thun; ich werde der Vater dieses schuldlosen Geschöpfes sein.«

»Sie?«

»Ich, ich selbst. Vielleicht, wenn diese Frau ihre Komödie scheitern sieht, entsagt sie dem Gedanken, ihr Kind fortzugeben; aber ist sie wirklich entschlossen, es mir zu überlassen, so nehme ich es, so wahr ich zu Ihnen spreche.«

Sofia gab ein leises Zeichen ihrer Bewunderung.

»Loben Sie mich nicht zu sehr; glauben Sie nicht einmal, daß ich besonders großmütig handle – ganz im Gegenteil vielleicht – wenn Sie meine Großmut recht betrachten, werden Sie ein wenig Selbstsucht darin finden. Ihnen kann ich alles sagen. Ich fürchte, daß diese Frau den gemachten Vorschlag bereut und den meinigen nicht annehmen will – dann Lebewohl ›meiner Zukunft‹. Denn wenn die Mutter sich für das Fortgeben ihres Kindes entscheidet, so habe auch ich eine Zukunft.«

Sofia drückte schweigend die Hand des Blinden.

Mattia fuhr fort: »Sie werden mir sagen: Was kann ich dabei thun? Ich will es Ihnen klar machen: kommen Sie zu meiner Kleinen, vertreten Sie Mutterstelle bei ihr. Wollen Sie? Antworten Sie mir nicht sogleich; überlegen Sie es.«

Aber Sofia überlegte nicht einmal; sie wußte, daß alles Nachdenken nicht ein Wort an der Antwort ändern könne, welche das Mitleid ihr schon ins Herz gegraben hatte.

»Ich bin bereit dazu,« sprach sie gelassen.

Als sie dies Versprechen gegeben hatte, wollte sie alle Folgen desselben für sich und die Ihrigen überdenken; aber der Blinde wiederholte, wie um ihr keine Zeit zum Bereuen zu lassen, dreimal: »Dank!«

»O, wie danke ich dem Himmel! Das Licht meiner Augen habe ich wiedergefunden! Nun hören Sie also, wie ich es zu machen denke. Vor allem muß Tito verreisen und sich ein wenig Bewegung im Freien machen, auf den Alpen oder am Meeresstrand, wo er es vorzieht, so daß ihn nicht die Versuchung überkommt, sie zu sehen – ich meine jenes unselige Weib, das ihm schon einmal den Kopf verdreht hat. Allerdings fühlt er sich sicher, daß sie ihm nichts mehr anhaben könne – aber man weiß nie ... Sobald Tito fort ist, schreibe ich dieser Komödiantin einen Brief, den ich mir schon ausgesonnen habe. Wollen Sie ihn hören?«

»Bitte, sagen Sie mir den Inhalt.«

»Oder vielmehr, ich diktiere und Sie schreiben. Thun Sie mir den Gefallen; der Hand meines Sohnes dürfte ich mich nicht bedienen, weil diese Frau seine Schriftzüge kennt. Wollen wir uns daran machen?«

Das junge Mädchen nahm die Hand des Blinden und führte ihn zum Schreibtisch.

»Ich darf also diktieren?«

»Haben Sie die Güte.«

»Signora!

Den Brief, welchen Sie an Tito geschrieben, hat er seinem blinden Vater übergeben, und der Vater ist es, welcher Ihnen antwortet. Ich weiß, daß mein Sohn einst die von Ihnen erwähnten Worte geschrieben; weiß auch, daß er Sie angefleht, ihm ein Recht zu gewähren, das ihn damals vollkommen glücklich gemacht hätte. Sie antworteten zuerst nicht und lehnten schließlich ab. Jetzt, wo die Wunde meines Tito völlig geheilt ist, darf ich ihm entschieden sagen: Ich will nicht, daß du eine unwahre Pflicht übernimmst; du hast Anspruch an deinen Anteil Sonnenschein im Leben, und die Zukunft lächelt dir noch; du wirst ausschließlich Vater sein für die Kinder derjenigen Frau, welche dich durch ihre Liebe beglücken wird.

Aber wenn Sie wirklich so unglücklich sind, wie Sie sagen, wenn Sie in der That alles verloren haben, wenn Sie keine andre Rettung sehen, als Ihr Kind einem Manne von Herz anzuvertrauen, so werde ich es aufnehmen.

Die Kleine wird in mir einen Erzieher finden, und wenn sie, wie ich mir gern einbilden möchte, einigermaßen gut geartet und anhänglich ist, auch einen Freund, was zuweilen besser ist als ein Vater.

Bringen Sie mir das Kind gegen Mittag; ich erwarte Sie.«

»Seien Sie so gut und lesen Sie das Geschriebene durch, Sofia.«

Sofia las es laut, damit der Blinde überlege, ob noch etwas hinzuzufügen wäre.

»Mich dünkt, das wäre alles. Was meinen Sie?«

»Wenn diese Frau die Wahrheit gesagt hat, so wird sie nicht kommen, sondern abermals schreiben.«

»Weshalb?«

»Weil in ihrem Briefe steht: ›Besonders suche nicht, mich zu sehen – ich habe alles verloren, was mir Deine Liebe gewann‹.«

Ach, hätte Mattia das Erröten gesehen, welches das Antlitz des guten Kindes überzog!

»Daran habe ich auch schon gedacht; es wäre ja möglich, daß sie entstellt ist und sich dessen schämt – es wäre möglich. Aber es kann auch ein Bühnenkniff sein. Und schriebe ich, daß mein Sohn sich entfernt, um nicht mit ihr zusammenzutreffen, so würde es mir scheinen, als nährte ich ihre Eitelkeit, anstatt sie nur zu beruhigen. Und dann ...«

»Und dann?«

»Und wenn hingegen die Primadonna eine Komödienszene aufführen will, so wird sie nicht mehr kommen, sobald sie weiß, daß sie den Inhaber der Hauptrolle nicht findet. Sie hat gewiß einen Akt, mehrere, viele Akte im Vorrat für uns; nun liegt es aber uns allen am Herzen, die Katastrophe zu beschleunigen und ein Ende zu machen.«

»Gewiß, gewiß!« sprach Sofia leise.

Aber in dem Ausdruck, mit welchem sie es sagte, fand der Blinde noch einen Rest von Unsicherheit.

»Sie sind nicht überzeugt? Sie glauben wirklich, daß die Signora Cesira häßlich wie die Nacht geworden ist?«

»Nun – ich weiß nicht.«

Ja, sie glaubte es wirklich; sie vermochte nicht zu sagen, weshalb, aber es dünkte sie doch, daß die unglückliche Frau ...

»Es mag eine Wirkung meiner Blindheit sein, aber ich beharre bei meiner ersten Anschauung von den Dingen. Es mag jedoch sein, wie Sie sagen. Sollen wir also hinzusetzen, daß Tito abwesend ist?«

Sofia antwortete nicht; sie dachte noch darüber nach, aber bevor sie etwas erwidert hatte, sagte Mattia:

»Schreiben Sie noch dies: ›Ich bin blind, mein Sohn ist in Geschäften abwesend, Sie können also ohne Bedenken kommen, es wird Sie niemand sehen.‹ Ist es so gut?«

»O gewiß!« antwortete Sofia.

»Nun sehen Sie einmal zu, wie ich noch schreiben kann,« sagte der Blinde, indem er die Hand auf das Blatt stützte. »Ich verwische doch nichts? Nein. Nun sehen Sie her.«

»Mattia Bondi!« las Sofia. »Ganz vortrefflich!«

»Es ist deutlich geschrieben? Gut zu lesen? Ein bißchen schief vielleicht?«

»Nein, nein; kaum ein ganz klein wenig.«

Und der alte Künstler freute sich kindlich, daß er seinen Namen zwar ein wenig schief, aber leserlich geschrieben hatte.

Als Sofia wieder durch das Vorzimmer kam, um nach Hause zu gehen, trat ihr Tito, der sie erwartet hatte, entgegen.

»Dank,« sprach auch er, »innigen Dank. Ich weiß, welche Antwort Sie meinem Vater gegeben haben.«

Das junge Mädchen fragte mit trübem Lächeln: »Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß es, weil ich Sie ansehe. Ich weiß es, weil ich seit lange gelernt habe, in Ihrer Seele zu lesen. Also Sie werden kommen?«

Sofia antwortete nicht sogleich, sie ließ ihren Gefühlen Zeit, sich zu sammeln, und sprach dann einfach: »Ich gehe nach Hause, um es meinem Vater zu sagen, dann komme ich.«

»Glauben Sie nicht, daß Papa Salvi Einwendungen machen wird?«

»Hoffentlich nicht.«

Das Mädchen ging die Treppe hinab und durch den Hausflur, ohne nach dem jungen Mann oben zurückzublicken.

*

Sofia war auf ihrem Posten. Man konnte sagen, es sei alles vorbereitet, um die leidende Kleine aufzunehmen; sie sollte gegen Mittag kommen, und um diese Zeit würde Tito die ernsten Formen der Berge um den Lago di Lecco, die Grigna, den Barro, den San Martino begrüßen.

Geschäftig hin und her gehend, nahm Sofia Besitz von ihrem neuen, hellen, freundlichen Heim, während der Alte im Dunkel umherwanderte und alle Augenblicke vor der Pendeluhr stehen blieb, um die Sekundenschläge zu zählen.

Sofia hatte ihn schon mehrmals in dieser Stellung gefunden, als sie ihm sagte: »Es wird sogleich zwölf Uhr schlagen, hören Sie.«

Mattia wartete nicht einmal die zwölf Schläge ab, sondern sprach schon beim Ausheben entmutigt: »Ich wußte, daß sie nicht kommen würde.«

Aber in dem Moment brachte Tomaso einen Brief.

»Setzen wir uns, um ihn zu lesen,« bat Mattia, der nichts Gutes mehr hoffte.

Und Sofia setzte sich ihm gegenüber und las:

»Großmütiger Mann! Verzeihen Sie einer Unglücklichen, daß sie sich nicht zu der angegebenen Stunde einstellt; sie wird die Kleine am Abend zu Ihnen begleiten. Wenn die zur Straße führende Gartenthür offen ist, so wird Bianca durch diese eintreten. O, könnte die arme Mutter die Hand küssen, welche ihr Kind beschützen will! Aber sie würde sterben vor Beschämung. Dank, Dank, Dank!

Cesira.«

»Nun wohl, warten wir denn abermals,« sprach Mattia, und nach einer Pause: »Und Sie, Sofia, was sagen Sie?«

So befragt, erwiderte das junge Mädchen, daß sie dies erwartet habe.

»Erwartet, was?«

»Daß diese Frau nicht am hellen Tage würde kommen wollen. Da wäre sie gesehen worden, und die Blindheit des großmütigen Mannes sicherte sie nicht vor andern Augen.«

»Es kann wohl sein,« wiederholte Mattia.

Die Musik, das Diner, die Lektüre halfen über die Stunden dieses Maitages hinweg. Lange, bevor es dämmerte, ging der Blinde, von Sofia geleitet, in den Garten. Sie wanderten eine Weile schweigend umher; wiederholt fragte Mattia, ob die Sonne noch über dem Horizont sei, und wurde ungeduldig über das Geschwätz der Sperlinge in dem alten Kastanienbaum. Endlich ward das Gezwitscher der munteren Stimmchen schwächer und verstummte, als die Amsel ihre erste schwermütig gedehnte Frage in den Abendwind hineinrief.

Nun nahm Mattia Sofias Hand, und sie gingen bis zu der Pforte, welche in das einsame Gärtchen führte. Das junge Mädchen konnte den Riegel nicht zurückziehen, und der Blinde sagte mit einem leisen Zittern der Erregung: »Ich bin noch immer stärker als Sie.«

Als die Thür geöffnet war, sah Sofia in die Straße hinaus.

»Es ist niemand da,« sprach sie.

Beide ließen sich auf eine nahe Bank nieder. Die Sonne war nun wirklich untergegangen. Die Umrisse der Häuser wurden undeutlich, und immer noch hörte man den fragenden Ton der Amsel durch die tiefe Stille.

Da trat ein kleines Mädchen in die schmale Oeffnung der angelehnten Thür, blickte umher, that einige unsichere Schritte vorwärts, als gehorche sie einem Zureden von der Straße her, dann blieb sie stehen und drehte sich um.

Der Blinde fühlte Sofias Hand in der seinigen zittern, erriet das übrige, und indem er schnell aufstand und sich der Thür zuwendete, sprach er liebevoll: »Bianca!«

Als die Kleine sich beim Namen rufen hörte, kam sie zurück, und nun rief Mattia mit lauter Stimme: »Cesira!«

Die unglückliche Mutter zeigte sich. Sie hatte den Kopf auf die Brust geneigt, und ein dichter Schleier verbarg ihr Gesicht; ihre Hände ruhten auf den Schultern der Kleinen, die unbefangen zu ihr aufsah.

»Cesira!« wiederholte Mattia.

»Ich bin hier.«

»Geben Sie mir die Hand,« fuhr der Blinde fort, »dann wird mir sein, als ob ich Sie sähe.«

Cesira zuckte bei diesen Worten zusammen, und als sie in einiger Entfernung Sofia erblickte, machte sie eine Bewegung, als wolle sie fliehen; dann aber begnügte sie sich, den schwarzen Schleier dichter vorzuziehen, und reichte die eine Hand dar, während sie mit der andern ihre Tochter festhielt, wie um diese oder sich zu verteidigen. Sofia bemerkte, daß alles dies mit theatralischen Gebärden geschah, und auch, daß die Kleine fortwährend neugierig umherblickte.

Der Blinde war tief bewegt, als er die Hand dieser Frau drückte, welche eine große Glückseligkeit hätte bereiten können, und es nicht gewollt hatte. Er sprach voller Wohlwollen zu ihr: »Sie schrieben mir von einem Unglück, sagten aber nicht, worin es besteht. Wenn Sie es mir mitteilen möchten und sich vielleicht eine Abhilfe fände ...«

Der Blinde wartete auf ein Wort, das nicht kam.

»Möchten Sie es mir nicht sagen?«

Er wartete wieder; dann ließ er die Hand der Mutter los und suchte das Gesicht des Kindes, dessen Atem er fühlte.

»Also, wir sind einig,« sprach er mit verändertem Tone, »ich nehme das Kind.«

Bei diesen Worten zog er das Köpfchen sanft zu sich heran, bis er es an seine Kniee gelehnt fühlte; die Mutter hauchte einen langen Seufzer; das kleine Mädchen betrachtete immer noch neugierig bald den Mann mit dem weißen Bart, bald die vom schwarzen Schleier verhüllte Mama.

»Ach, wie unglücklich bin ich!« murmelte Cesira.

»O ja, sehr!« bestätigte Mattia. »Es ist das Schwerste, was Sie treffen konnte – dem eignen Kinde entsagen zu wollen.«

»Entsagen nicht,« unterbrach ihn Cesira mit dramatischem Ausdruck, »meine Tochter, mein eignes Blut, gehört mir auch ferner; ich hoffe, Sie werden mir zugestehen, sie einst wiederzusehen, sie immer zu lieben, und werden dem unschuldigen Geschöpfchen sagen, es solle die Mama nicht vergessen, ihr stets gut bleiben, sie erwarten, weil sie bald, bald kommen wird.«

Diese letzten Worte wurden nur gemurmelt; schließlich, von ihrer Bewegung überwältigt, weinte die Komödiantin. Sie weinte wirklich.

Das kleine Ding, welches diese Szene sehr amüsierte, lachte.

Mattia schwieg, nicht weil er dieser theatralischen Mutterzärtlichkeit Glauben schenkte, sondern weil das Komödienspiel, wenn es das war, auch auf ihn Eindruck machte und ihm die Worte raubte.

»Seien Sie dessen eingedenk, daß Ihre Tochter in den Händen eines Mannes von Herz ist,« sprach er dann eindringlich, »und wenn ich etwas zu Ihrer Erleichterung thun kann – so wenden Sie sich sofort an mich.«

Cesira küßte die Hand des Blinden, darauf schloß sie das Kind mit wilder Verzweiflung in die Arme.

»Du wirst an deine Mama denken, nicht wahr? Sage, wirst du an sie denken? Mamachen kommt bald wieder, siehst du, bald, bald! Und ich werde diesem lieben Herrn schreiben, und auch an dich.«

»Einen Brief, der ganz vollgeschrieben ist und zugeklebt, und mit einer Postmarke darauf?« begehrte das kleine Mädchen zu wissen.

»Ja, ja, ja.«

Nach diesen Worten blickte sie schweigend umher, als wolle sie den Ort und diese Stunde sich recht einprägen. Ihr Blick fiel auf Sofia, die sich während der Zeit entfernt gehalten hatte.

»Ich lege sie auch Ihnen ans Herz.«

Und sie eilte nach dem Pförtchen, wo sie einen Augenblick verweilte, ohne sich umzuwenden.

»Ist sie fort?« fragte Mattia, der mit zitternder Hand Biancas Köpfchen streichelte.

»Lebe wohl!« rief zum letztenmal Cesira und warf dem Kinde noch einen Kuß zu.

»Sie ist fortgegangen,« sagte Sofia.

Jetzt befühlte der Blinde das Gesicht der Kleinen, um sich zu versichern, daß sie nicht weine, und sprach zu ihr: »Mein Töchterchen, die Mama hat nur gescherzt – aber sie kommt wieder – das weißt du doch?«

»Jawohl, das weiß ich.«

»Und nun mußt du nicht mehr weinen.«

Das Mädchen erhob ihr schönes lachendes Gesichtchen zu ihm. »O jetzt weine ich nicht mehr; auf dem Theater that ich's oft, wenn der schwarze Mann mein Mamachen schalt. Mamachen lag noch auf den Knieen und sagte zu mir: ›Geh und weine auch recht schön‹; es war wunderhübsch, die Leute klatschten, und ich machte eine Verbeugung.«

Der Blinde lauschte den arglosen Worten, es war ihm, als sei dies Stimmchen schon früher in ihm erklungen, gleich der alten Musik Cimarosas und Rossinis. Es war eine sanfte, biegsame Stimme, von langen Atemzügen unterbrochen. Er konnte sich aber nicht zurückrufen, wo und wann er diesen Tonfall und diesen Klang gehört. Die eine Hand um das Köpfchen des Kindes gelegt, rief der Blinde leise: »Sofia?«

»Hier bin ich.«

»Gehen wir ins Haus zurück, wollen Sie?«

»Und bleibt die Gartenthür offen?«

»Es ist wahr; thun Sie mir den Gefallen, sie zu schließen.«

Das kleine Mädchen sah den Riegel vorschieben und wollte wissen, wie nun Mamachen wiederkommen könne.

»Sie wird durch eine andre Thür gehen,« antwortete Sofia.

Auf dem kurzen Wege durch die Allee beobachtete Bianca, daß der Alte die Stämme der Akazienreihe mit dem Stock berührte.

»Warum thust du das?«

»Weil er nicht sehen kann,« antwortete Sofia und liebkoste ihr Gesichtchen.

»Weil ich blind bin,« sagte der Greis.

Bianca erhob das kluge Köpfchen zu ihrem neuen Freunde, und eine mitleidsvolle Neugier leuchtete in ihren Augen auf.

Aber seinerseits hatte auch Mattia, der die Kleine nicht von der Hand ließ, Biancas unsicheren und ein wenig hinkenden Schritt bemerkt.

Als sie im Salon waren und der alte Herr auf dem Sofa saß, sprach er: »Nun laß dich betrachten, komm hierher, zwischen meine Kniee. So.«

Nachdem er die Hände, die Arme und die schmal gebaute Brust der neuen Tochter betastet hatte, wiederholte Mattia, nun wolle er sie sich gründlich ansehen.

»Hier wollen wir anfangen,« verkündete er scherzend, und die Kleine lachte laut, als sie ihre Nase erfaßt fühlte.

Es war wie eine langdauernde Liebkosung; die leichte Hand des großen Künstlers glitt über Biancas Augen, Stirn, Ohren und Wangen und berührte nochmals, was ihm nicht deutlich geworden war. Dann drang sie geschickt in die blonde Lockenfülle und drückte schließlich den noch immer lachenden Kopf an seine Brust.

Sofia sah wehmütig zu.

»Nun ich dich recht angeschaut habe, sollst du auch wissen, wer ich bin. Ich bin der Papa.«

»Der Papa?« fragte ungläubig die Kleine.

»Ja, der Papa. Ist dir nie vom Papa erzählt worden?«

»Mamachen hat mir gesagt, es sei ein schöner Mann.«

»Und da findest du, ich sei nicht schön?«

»O doch, du bist es auch, aber du bist alt.«

»Meinst du? Und warum komme ich dir so alt vor? Sieh nur, wie viel Haar ich noch habe, ebensoviel wie du.«

»Ja, aber deins ist weiß, und dann, sieh, du bist hier nicht so glatt wie die, welche nicht alt sind.«

Mattia schien darüber nachzudenken, aber endlich ergab er sich, und Bianca, vergnügt, daß sie ihn überzeugt hatte, rief triumphierend: »Nun, da siehst du's!«

»Ja, ja, ich gebe es zu, ich bin ein alter Papa, bin nicht mehr glatt von Gesicht; aber du mußt doch den alten Papa lieb haben. Nicht wahr?«

Zerstreut antwortete das Kind: »Ei gewiß!« Sie hatte die Augen auf Sofia gerichtet, die sie voll Güte ansah.

»Du, wie heißt du?«

Das junge Mädchen küßte ihr Mund, Augen und Stirn mit einer innigen Zärtlichkeit, von der sie nicht wußte, woher sie ihr gekommen, dann antwortete sie: »Ich heiße Sofia und bin dir sehr gut.«

Bianca entgegnete gelassen, daß auch sie ihr recht gut sei.

Mattia fuhr in dem begonnenen Examen fort: »Nun sprich, sage mir etwas.«

»Was soll ich dir sagen?«

»Erzähle mir von dem Orte, wo du gewesen bist, erzähle, was du auf dem Theater gemacht hast.«

Bianca gehorchte. Sie sprach von der hübschen Mama, von der Bühne, wo sie so viele Rollen gespielt hatte, als sie noch gesund war. Das war so schön! Aber dann war ihr Bein krank geworden, und sie konnte nicht mehr spielen, weil sie ein wenig hinkte. Hatte Mattia es nicht bemerkt? Ja, gewiß, er konnte es nur nicht sehen! Doch Sofia, die hatte es wohl bemerkt: sie trug auch unter dem einen Stiefelchen einen höheren Absatz, aber etwas hinkte sie dennoch. Also, als sie gesund war, gab sie viele Rollen, und die Leute riefen »bravo!« und einmal bekam sie sogar Zuckerwerk und eine große, große Puppe geschenkt.

»Was willst du sonst noch wissen? Ich habe dir alles gesagt. Ach so, von meiner Mama.«

Und ohne Zögern sprach Bianca von der schönen Mama; sie schelte ihre Bianca nie, habe aber so viel zu thun, die Rollen auswendig zu lernen, und dann die Proben mitzumachen und dann zu spielen – seit einiger Zeit sei sie verstimmt, vielleicht, weil sie den Husten hatte.

»Bist du es denn nicht, die Husten hat?«

»Früher war ich es, aber jetzt nicht mehr.«

Mattia wollte seine Fragen nicht fortsetzen, um ihre Unschuld nicht zu mißbrauchen. Er ließ sie noch eine Weile weiterplaudern, bis sie mehrmals durch Gähnen unterbrochen wurde.

Nun fragte Sofia die Kleine: »Bist du müde?«

»Ja, ein wenig.«

»Soll ich dich zu Bett bringen?«

»Nein, ich warte auf Mama, sie hat versprochen, bald wiederzukommen.«

»Mama ist nach dem Theater gegangen, sie kommt erst spät zurück; zu Hause legte Mamachen dich gewiß immer um diese Zeit schlafen, wenn sie zur Aufführung ging.«

»Wohl! Aber erst, seit Bianca krank gewesen, früher nicht, denn da spielte auch sie.«

So schwatzte sie noch eine Zeitlang abgebrochen, bis der Schlaf sie zwischen den Knieen des Blinden völlig übermannte.

»Armer kleiner Engel!« sprach Mattia leise, als er die ruhigen Atemzüge der Kleinen hörte. »Sie, Sofia, was sagen Sie?«

»Armes Engelchen!« bestätigte das junge Mädchen.

Eine Weile schwiegen sie; dann wollte der alte Herr wissen, ob das Kind – schön sei.

»Und wie! In der That ein süßes Geschöpfchen.«

»Lockig, nicht wahr?«

Sofia bejahte es.

»Sie ist blond?«

Das junge Mädchen bejahte auch das.

»Sie hat ein Stumpfnäschen, eine freie Stirn, zwei Grübchen in den Backen, kleine Ohren – ich weiß es genau. Aber ich möchte wissen ...«

»Ob sie ihm gleicht?« unterbrach Sofia ihn mit zärtlicher Teilnahme. »Sie ist sein ganzes Abbild.«

Mattia sagte nichts, aber ihm zitterte die Hand, als er Haar und Stirn des kleinen unschuldigen Wesens streichelte. Es war die erste großväterliche Liebkosung, und Sofia sah schweigend zu, bis der Blinde sprach: »Tito sollte hier sein, und ich habe ihn fortgeschickt.«

Sofia schwieg noch immer, um ihren Gedanken nicht zu äußern, welcher besser aus dem Munde des Alten kam, nachdem er vergebens auf Antwort gewartet.

»Er hätte mir nicht gehorchen sollen; seine Stelle war zu dieser Stunde hier, und nicht am Lago di Lecco.«

»Sie erwacht,« sagte Sofia, »ich will sie lieber schlafen legen.«

Sie nahm Bianca auf den Arm und sprach ihr zu: »Wir bringen das Kindchen zu Bett.«

»Mamachen,« murmelte Bianca, »wo ist Mama?«

»Mama kommt, wenn das Theater aus ist.«

Während sie durch die Zimmer gingen, Sofia mit ihrer kleinen Last, der Blinde tastend hinterher, schlief Bianca weiter; aber sie ermunterte sich völlig, als sie in dem Stübchen waren, welches hinfort das Nestchen der beiden sein sollte. Nun sprach sie zu Sofia: »Hier ist es schön! Schläfst du neben mir? Aber du, warum gehst du nicht?«

»Du schickst mich fort,« sagte der alte Herr, »du möchtest dich nicht in meiner Gegenwart auskleiden lassen, nicht wahr? Aber ich bin blind.«

»Kannst du auch wirklich nichts sehen?« fragte das Kind.

»Gar nichts!«

Es fiel Bianca ein, daß sie ihr Gebet noch nicht gesprochen hatte, und neben dem Bett niederknieend, sprach sie laut: »Herr, der du im Himmel bist, leite mich auf guten Wegen, damit ich zu dir komme; segne die Mama, den Papa und alle unsre Freunde.«

Darauf ließ sie sich von Sofia weiter auskleiden und streckte sich in ihr Bettchen.

»Gib mir einen Kuß,« bat sie Sofia.

»Und willst du von mir einen Kuß?« fragte der Großvater.

»Auch von dir. Wenn Mamachen nach Hause kommt, so vergiß nicht, ihr zu sagen, daß ich artig gewesen bin.«

Wenige Minuten später lag das Kind in sanftem Schlummer.

Mattia sprach vor sich hin: »Ich habe unrecht gethan, ihn fortzuschicken. Hier war seine Stelle, eben hier.« Nach einer Pause sagte er zu Sofia: »Morgen thun Sie mir den Gefallen, ihm zu schreiben, daß sein Vater ihn zurückerwartet – daß seine Tochter ihn erwartet. Wollen Sie so gütig sein?«

Noch ehe Sofia antworten konnte, setzte der Blinde mit gedämpfter Stimme hinzu: »Schade um das kleine Bein! Konnten Sie sehen, worin das Uebel besteht? Glauben Sie nicht, daß es heilbar ist?«

Sofia setzte auseinander, das rechte Bein sei zwar wohlgebildet, scheine aber im Vergleich zu dem andern, etwas geschwächt zu sein, und deshalb sei der Gang des Kindes ein wenig unsicher.

Diese Erklärung befriedigte den Blinden nicht recht.

»Ach, könnte ich es nur selbst sehen!« seufzte er. »Aber wer weiß, ob nicht durch gymnastische Uebungen – morgen werde ich den Arzt kommen lassen, der meine Lähmung geheilt hat.«

So verweilten sie am Bett des kleinen Mädchens bis in die Nacht hinein. Mattia sagte zuerst: »Ich gehe schlafen, auch Sie werden der Ruhe bedürfen. Gute Nacht.«

»Ich begleite Sie,« sprach Sofia und legte ihre Hand in die des Blinden.

»Gehen Sie nicht fort, Bianca könnte erwachen. Nur möchte ich einen Kuß haben – geben Sie ihn mir.«

Sofia erhob sich auf den Fußspitzen, um den alten Herrn auf die Wange zu küssen, und befriedigt ging Mattia geradeswegs auf die Thüre zu, welche er geräuschlos öffnete.

»Gute Nacht,« sprach er noch einmal.

Das junge Mädchen wollte ihm in der Zerstreuung hinausleuchten, aber kaum war sie in den langen Flur getreten, so erblickte sie in einer Ecke sitzend – wen? Tito. Er winkte ihr, still zu sein, inzwischen fand Mattia mit Hilfe seines Stockes ohne Anstoß seinen Weg. Als der Blinde in sein Zimmer getreten war, erhob sich Tito und eilte auf Sofia zu.

»Lassen Sie mich Bianca sehen,« sprach er.

*

»Wo ist mein schönes Mamachen?« hatte Bianca beim Erwachen gefragt, und mehrere Tage hindurch mischte sich diese Frage ab und zu wieder in ihr Geplauder, aber weder angstvoll noch aus einem Gefühl der Verlassenheit.

Und jedesmal hatte Sofia eine Antwort bereit, aus Furcht, dem kleinen Schlaukopf könne Mattias und Titos zu beharrliches Schweigen auffallen. Sie erwiderte: »Mamachen kommt bald; sie hat sagen lassen, daß es ihr gut geht, daß sie sich amüsiert und zufrieden ist, und sie will wissen, ob auch du vergnügt bist.«

»Und was hast du ihr geantwortet? Daß ich gesund bin, mein Husten nicht wiedergekommen ist, und wie gern ich hier bei euch bin, mit dir als Tante, und diesem als Papa, und dem da als Großpapa – daß ich ein artiges Kind bin.«

»Das alles.«

Und die Tante, darauf der Papa und zuletzt der Großpapa, herzten das verständige Köpfchen. Wie die Kleine sagte, hatten sich alle schnell mit ihrer Rolle vertraut gemacht. Sofia gestand sich, wie glücklich sie sich in der Beschäftigung mit ihren neuen Pflichten fühlte, die den Andrang der Gedanken von ihrem Gemüt abhielten; Mattia, obgleich blind und durch sein Alter und sein Mißgeschick beeinträchtigt, that es in seiner Großvaterrolle den Jüngeren und Gesünderen zuvor. Nur aus seinem Munde kamen die wunderbaren Erdichtungen, bei denen das Kind die Augen so weit aufthat; und Aufgabe des Papas war es dann, das in der Phantasie erregte Staunen durch eine natürliche und wahrheitsgemäße Erklärung aufzuheben, welche die Urteilskraft heranbildete.

Was das Herzchen anbetraf, da hätte die Tante allein genügt. Hielt sie es nicht für ihre Aufgabe auf Erden, den Leidenden und vom Schmerz Bedrohten ihre Liebe entgegenzubringen?

Diese Frage hatte Tito eines Tages mit leiser Stimme aufgestellt, während der Großpapa die Kleine auf dem Schoß hatte und ihr den Kopf mit all den wunderbaren Dingen erfüllte, welche sie später miteinander ausführen würden, wann das Enkelchen sechzehn Jahre und der Großpapa von seiner Blindheit geheilt sein würde.

Sofia heftete die Augen auf das Gesicht des jungen Mannes. Sie sprach kein Wort. Aber in Titos Seele blieb eine Verwirrung zurück, welche er sich nicht erklären konnte; als läge in diesen ruhig heiteren aber bittenden Augen eine Aufforderung. Welche? Er sann vergebens darüber nach; aber diese Forschung führte ihn zu einem aufmerksamen Blick in sein eignes Ich.

Ihn dünkte, daß Cesiras Tochter ihm eine Pflicht auferlege, ohne ihm eine volle Gegengabe zu gewähren, und eines Abends sprach er mit Bitterkeit, während die Kleine auf des Großvaters Knieen schlief: »Für dich, Papa, für Sie, Sofia, ist es leicht, das gute Kind lieb zu haben; es ist nicht euer; ihr seid beide durch das Mitleid beeinflußt; aber mir, nein, mir ist es nichts Leichtes, das sage ich euch. Wann ich mich versucht fühle, es innig zu lieben, dann hält mich etwas zurück; und das ist – ihr würdet es nie erraten – der Gedanke, daß es möglicherweise meine Tochter ist.«

»Es ist deine,« bekräftigte Mattia; »ich sage dir, daß sie dein ist. Sagen Sie ihm, Sofia, sagen Sie ihm, ob es nicht seine Tochter ist.«

»Sie ist sein ganzes Ebenbild,« sagte errötend das junge Mädchen; »sie hat dieselbe Stirn, sie blickt ebenso umher, und wenn sie lächelt, dann thut sie es gerade so, wie Sie jetzt eben ...«

Tito suchte vergebens in diesen Worten eine verborgene Empfindung zu erraten.

Sie blickten stumm in die Zukunft, bis Mattia sprach: »Jedoch wir dürfen sie nicht zu lieb gewinnen, das rät uns die Klugheit.«

Die kluge Vorsicht riet auch, leise zu sprechen und die Haare der Kleinen so leicht zu streicheln, daß sie nicht erwache.

Sofia und Tito warfen sich einen flüchtigen Blick zu.

»Weshalb?« fragte das junge Mädchen.

»Weil ich Furcht vor der Mutter habe, weil wir nicht wissen, was diese Frau bezweckt, weil sie möglicherweise in Mailand geblieben ist, um die Entwickelung ihrer Komödie abzuwarten, weil Gefahr da ist, daß sie uns früher oder später wieder gegenübertritt, um ihre Tochter zurückzufordern. Deshalb dürfen wir sie nicht zu lieb haben.«

Dieser Gedanke war schon in allen aufgeblitzt.

Sofia blickte sinnend Tito an, der einzig und allein nach ihrer Meinung die Drohung abschwächen konnte, welche aus dem Munde des Blinden sprach. Aber der junge Mann widersprach nicht offen und sofort. Erst als er sich von dem forschenden Blick des Mädchens durchdrungen fühlte, begann er nach kurzem Schweigen zu dem Alten: »Ich habe dir nicht alles gesagt, Papa. Als du mich damals am Ufer des Lecco glaubtest und ich hingegen in eurer Nähe geblieben war, that ich das nicht allein, um die Kleine, sondern auch, um die Mutter zu sehen.«

»Cesira!« murmelte kopfschüttelnd der Greis.

»Ja. Ich wollte sie sehen, ohne gesehen zu werden, um mit Nachdruck erklären zu können, daß Cesira für mich nicht mehr da ist, daß meine Leidenschaft am Schmerz gestorben ist. Und ich hoffte, sie würde wunderschön sein, schöner noch als einst, damit ich dir sagen könnte, daß ihre Schönheit mich gleichgültig gelassen hat.«

Er sprach langsam und mit dumpfer Stimme, ohne sich einmal Sofia zuzuwenden.

»Und hast du sie gesehen?« fragte Mattia.

»Ich sah eine verschleierte Frau kommen, mit ihrer Kleinen, die etwas hinkte; sie näherten sich der Gartenpforte, die Kleine trat ein, die Mutter blieb draußen, dann ging auch sie hinein; ich hielt mich hinter einem der Bäume auf dem Wall verborgen. Nach einiger Zeit kam Cesira allein zurück. Aber ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Sagt mir, daß sie noch schön ist ...«

Sofia war die einzige, welche darauf hätte antworten können, aber sie fürchtete, ihre Stimme möchte ihren innersten Gedanken verraten. Statt ihrer antwortete der Blinde: »Auch Sofia hat ihr Gesicht nicht gesehen; ich wollte die Wahrheit durch diesen kleinen Engel erfahren und fragte, ob die Mama schön sei, ob sie nicht eine schwere Krankheit gehabt habe – und Bianca erwiderte stets, ja, die Mama sei wunderschön.«

»Auch mir hat sie das gesagt, aber eine Mutter ist in den Augen so einer kleinen Unschuld immer schön.«

Diese dem jungen Mädchen entschlüpften Worte machten es verlegen, und den übrigen Teil des Abends sprach Sofia nicht mehr.

Nur als sie die Kleine zu Bett gebracht, der Blinde sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte und Sofia sich einen Augenblick mit dem jungen Manne allein sah, sagte sie zu ihm ohne jede Befangenheit: »Hören Sie, Signor Tito, Sie erdulden eine Strafe, die Sie eigentlich nicht verdient haben: nehmen Sie sich nicht vor, Ihr Herz dem unschuldigen Kinde zu verschließen, das nach Ihrer zärtlichen Zuneigung verlangt. Glauben Sie nicht, daß Ihr Vater recht habe, wenn er spricht ...«

Unter Titos fest auf sie gerichtetem Blick versagte ihr das Wort.

»Was sagt mein Vater?«

»Wenn er spricht, die Klugheit rate, das arme Kind nicht zu lieb zu gewinnen, dann täuscht der alte Herr sich selbst. Er versuchte es, Bianca nur mit Maß zu lieben, ob es ihm gelingen wird?«

Tito, der fort und fort in Sofias Gesichtchen blickte, bemerkte, daß unter seinem Blick ihre Wangen sich höher färbten.

»Reden Sie.«

»Mich dünkt, ich würde mich vor dem Schmerz nicht fürchten, wenn ich die Kleine so lieb hätte. Ich bin ihr schon innig gut, und Sie sind es auch, und der Großpapa auch – so wollen wir sie denn mutig weiter lieben.«

Tito ergriff ihre Hand, und demütig, leise, als fürchte er, ein gewisses sprödes Empfinden zu wecken, das etwa in der Seele des guten Mädchens schlummere, sprach er: »Nun, dann helfen Sie mir, Bianca zu lieben: seien Sie meine Gefährtin, meine Gattin, mein ganzes Glück.«

Es war, als ob diese gedämpft, fast angstvoll gesprochenen Worte nur eine Fortsetzung des an jenem Abend in der Hausthür begonnenen Geständnisses seien.

Das spröde Gefühl, welches der junge Mann erraten hatte, war allerdings erwacht, aber es kam in Sofias Seele nicht zum Worte. Sie lauschte lange dieser süßen Musik, dieser gesprochenen Liebkosung.

Endlich löste sie ihre Hand sanft aus der, welche sie umschlossen hielt, und murmelte: »Dank.«

Der junge Mann drang in sie: »Ein Wort noch; sagen Sie einfach: ja.«

»Dank, Signor Tito,« wiederholte das Mädchen, zu Boden blickend. »Aber ich bin so bewegt, lassen Sie mich Nachdenken. Glauben Sie mir, ich wäre glücklich, wenn ich sogleich antworten könnte, wie Sie es wünschen: denken Sie nichts Uebles von mir, wenn ich es nicht thue. Ich bin wahrhaft stolz aus die Worte, welche Sie zu mir gesprochen haben; sie werden mir immer im Herzen klingen.«

»Also! – Also!« stammelte Tito niedergeschlagen, »Sie sind also nicht sicher, mich einst noch lieben zu können – wenn Sie erst lange darüber nachdenken müssen!«

Nun blickte Sofia zu ihm auf. In ihren Augen leuchtete eine große Zärtlichkeit und tiefes Mitleid für andre, aber nicht für sich selbst.

»Lassen Sie mich überlegen,« sagte sie nochmals, »seien Sie mir nicht böse, wenn ich mit der Antwort zögern sollte.«

Diese ernsten Worte sagten, daß die Gedankenarbeit schon begonnen hatte.

»Ich werde warten, solange Sie wollen, aber lassen Sie mich wenigstens glauben, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin.«

»Gleichgültig!« sagte Sofia, und im Ausdruck dieses Wortes lag die ganze kurze Geschichte einer Liebe, welche eine andre Liebe besiegt hatte.

Der junge Mann begehrte nichts weiter zu wissen; er ließ Sofia sich in ihr Zimmer zurückziehen, dann eilte er an das Lager des blinden Vaters, um in diesem den alten Wunsch aufs neue zu erwecken.

*

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