Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Ultra Violett - Gedichte und Prosa von Max Dauthendey

Max Dauthendey: Ultra Violett - Gedichte und Prosa von Max Dauthendey - Dornrschen
Quellenangabe
titleDornrschen
typepoem
booktitleUltra-Violett
authorMax Dauthendey
created20020507
senderclaudiahake@web.de
firstpub1893
Schließen

Navigation:

Max Dauthendey

Dornröschen

Sangdichtung

Der Dichter Einzelstimme
Des Dichters Gedanken unsichtbare Stimmen
Dunkelheit unsichtbarer Chor
Stille unsichtbarer Chor
Rosenschein unsichtbarer Chor
Dornröschens Gedanken unsichtbare Stimmen
Dornröschen Einzelstimme.

*

Abenddämmerung.

Auf grauer schroffer Felskante der Dichter, sitzt auf
der Felsspitze und träumt. Fels und Gestalt dunkel-
grau gegen den klaren teerosenhellen Abendhimmel.
Der Dichter in der knappen geschmeidigen Trikottracht
eines "fahrenden Sängers." Zu seinen Füßen brennt
kupferfeurig der Horizont über dunkeln Wäldern im
Tal. Tiefer rings um die Felsklippe schwarzblaue
Waldspitzen. Graue Abendnebel wogen über den Wip-
feln, um den Felsen.

 

Des Dichters Gedanken

Nebel durchfließen stummblau die Täler,
Schattenwellen umschwellen die Wälder,
Felsen glimmen in goldenen Stimmen.
Rot von den Wolken in heißen Choralen
Glühen die Harfen der Ätherräume,
Purpurn erblühen die Träume.

 

Der Dichter

Es schleicht durch meine Einsamkeit
Ein Sehnen abendmild.
Ich will ein Leben schaffen,
Ein warmes Menschenbild.

Es soll in Gärten wohnen,
Wo nie der Sommer reift,
In Hallen soll es thronen,
Die nie ein Laut gestreift.

Ich will ins Blut ihm senken
Mein eigen warmes Herz»
Will ihm mein Lachen schenken,
Mein Schweigen, meinen Schmerz.
Du Lichtkind meiner Träume
Wirst mir Vergessen geben,
In meinen Sehnsuchtdornen
Wirst du als Rose leben.
Dornröschen, Sehnsuchtrose,
Du sollst zur Sonne klagen,
Du sollst durch Schloß und Garten
In unbewußtem Erwarten
Mein Sehnen mit dir tragen.
Vor meiner Harfe Klänge
Sollst du nach Ruhe ringen,
Bis dich die Schattensänge
In das Vergessen zwingen.

Du trägst mein Herz in die Schatten,
Du wirst in Schlummer gesungen,
Dann ist auch meine Sehnsucht
Von heilendem Schweigen bezwungen.
Sei mir im Traume geschaffen,
Bringe mein Sehnen zur Ruh,
Und dann meine Sehnsuchtrose
Schlummre auch du ..

Das Abendrot ist langsam im Verbleichen. Die
Abendnebel steigen. Felsen und Sänger versinken in
Dunkelheit.

*

Die Dunkelheit vertieft sich bis zur schwarzen Finster-
nis und singt dumpf und hohl.

 

Dunkelheit

Schwül im Moder wuchern

Die schwarzen Rosen

Und kosen kühl

Den Atem der Stille.

Gelb bleichen die Feuer.

Rote Sonnen entweichen.

Kalt quellen im Dunkel

Die schwarzen Wellen

Der Todesruh.

Grauer und grauer klärt sich das Dunkel.

Im Dämmerlicht steht ein altes graues Turmzimmer,
verstaubt, mit Spinnweben behangen. Über Wände,
Dielen, Gebälk klettern schwarze Rosen, schwarzer Efeu,
schwarzpurpurnes Weinlaub. Fahle Gobelins, er-
loschener Prunk, verdüstert und schwerfällig.

 

Die Stille

Grau blühen Pilze aus kühlen Wänden,
Schwammadern glühen, durchwühlen den Stein,
Tagschein und Moderschatten hadern,
Im schwülen Staub um Holz und Schrein.
Der Lichtbrokat blinkt matt entfacht,
Die Silberranke sinkt und schwindet,
Rot schleicht der Rost im kühlen Eisen,
Gold bleicht im leisen Tod und blindet

 

Dunkelheit

(singt wühlend aus den Schattenwinkeln des Gemaches)

Schwarze Flammen fliegen aus Rosen.

Schwarze Flammen in schwarzen Ringen.

Schwarze Flammen schwingen die Klingen,

Schwarze Flammen aus schwarzen Rosen.

Im Erkerfenster, durch die kleinen zerbrochenen grauen
Butzenscheiben, fällt rauschend ein rosiger Lichtschein
von den Gärten draußen herein, der Rosenschein singt
lebhaft und klingend immer heller und näher.

 

Rosenschein

In gleißem Kerne die Sonnenglut.
In Blauflut die Berge zur Ferne.

Die Mittagflammen blank und grell,

lagen und schlagen schmetternd hell

In weißen Bränden.

Schwerblau klingt vom Himmel der Ätherstrahl.

Grün sprüht kristallen das Wiesental,

Goldlicht gießt schmeichelnden Honigtrank

Über Violen und Nelken.

Tauperlen splittern in Irisflut,

Funkeln auf purpurner Veilchenglut

Im Dunkeln zitternder Erlen.

In schwarzen Moosen glüht weiß ein Duell,

Rot heiß blüht der Mittag auf Rosen.

Fern aus dem Garten singen Dornröschens Gedanken.
Der Gesang langsam, hell und nur leise befangen,
nähert sich mehr und mehr wehmütig dem Turm-
gemach.

 

Dornröschens Gedanken

Zum Schlosse flog der Blütenwind
Lockt über die goldene Schwelle
Aus der Kemnate das Königskind
Hinaus in die Rosenhelle.

 

Der Rosenschein

(singt leiser draußen aus den Gärten)

Lautlos über den spiegelnden Plan
ziehen die Schwäne silberne Bahn.
Goldregen in schimmerndem Schweigen
Rinnt von den zitternden Zweigen,
Nachtigall fleht im Syringenbaum,
Auf lauen Schwingen ein Schattentraum
Weht über die blauenden Matten.

 

Dornröschens Gedanken

Zwei Augen fragen im Sonnenreiche,
Gebet Antwort, wer ist die bleiche
Welle, die fern in Brandung rauscht,
Mein Herz hat nächtens den Klagen getauscht.

 

Rosenschein

(wird bleicher und singt gedämpfter)

Stumm über dunkeln Buchensaum
Treibt der blendende Wolkenschaum.
Blanke Blätter sonnentrunken
Heben und senken zückende Funken.

 

Dornröschens Gedanken

Sonne spielt mit dem Königskind,
Will sich in Schweigen verstecken.
Schatten huschen im Ulmengang,
Schwarz rauschen die Efeuhecken.

Eine Harfe spielt aus einem düstern Winkel des
Turmgemachs eine alte Volksweise.

 

Dornröschens Gedanken

(näher am Turm)

Das Königskind horcht,

Eine Harfe singt

Tief aus dämmernden Lauben,

Der Sang klingt purpurn,

Schmilzt Sonnenrot

Blut aus brennenden Trauben.

Unsichtbar singt der Dichter zur Harfenmelodie, die
sich wiederholt.

 

Der Dichter

Blank im Wappenschoße den Sonnenstern
Jagt der Prinz in Scharlach und Silbertracht
Zum Purpurschlosse der Mitternacht.
Auf dunklem Thron eine weiße Maid,
Harrt schweigend in Krone und Perlgeschmeid
Auf den goldenen Herrn der Sonne.

Grün sinken sie Sterne am Bergesrand.
Nächte um Nächte weichen.
Stumm wartet die Maid. In müder Hand
Beginnt die Lilie zu bleichen.

 

Dornröschens Gedanken

(wehmütig, singen näher am Turmgemach)

Die Lilie harrt auf den Honigtrank,
Leer steht der Kelch ohne Strahl.
Das Königskind durstet sonnenkrank,
Blutet in Qual.

Die Dunkelheit beginnt dumpf zu singen, und ihre
schweren schleppenden Klänge schleichen dumpfer und
dumpfer.

 

Dunkelheit

Schwarz im Efeu,
Schwarz geöffnet,
Im Duft der sternentoten Nacht,
Wacht die Schwarze Rose.
Die Rose glüht schwellend weltengroß,
Erden sinken in ihren Schoß,
Trinken "Vergessen."

 

Dornröschens Gedanken

(singen draußen, dicht vor der Turmtüre)

Vergessen!

Die weiße Maid weinte und rief
Laut durch die Kammern und Hallen,
Vergessen!

Braun lohten die Kerzen, braun und tief,
Frühschatten begannen zu fallen,
Aber die Augen umklammern
Steinern das Bild,
Rot in Flammen gezückt und wild
Tief in die Nachte gegraben.

 

Dunkelheit

(murmelt)

Die Schwarze Rose glüht weltengroß.
Erden sinken in ihren Schoß,
Trinken "Vergessen."

Eine niedere alte Eisentür hat sich von selbst geöff-
net. Leiser Rosenschein blüht schwach herein. Auf der
Schwelle steht Dornröschen.

Dornröschen in schwerer steifer Brokattracht. Grau-
rosig, mattsilbern eingewebte Ranken, mit schwülem,
modergrünem Samt. Das Haar in Silberner Fili-
grankappe. Auf dem Scheitel eine kleine Silberkrone.
Aber Seide und Schmuck matt und trübe.

Sie kommt herein mit steifem langsamen Gang. Alle
Bewegung langsam, wenig und lautlos.

Nach dem Eintritt in das Turmgemach ist die Stimme
ihrer Gedanken tiefer, grauer und wird müder.

 

Dornröschens Gedanken

So kalt ist es hier.
Hier wohnt der Tod.
Ein Murmeln wallt
Tief durch Grüfte.
Von welkem Lachen,
Von bleichem Rot,
Lallen die eisigen Lüfte.

Dornröschen schreitet langsam, fast teilnahmslos, in
die Mitte des Gemaches, und starrt in beklemmenden
Träumen, halb horchend, halb betäubt von ihren wehen
Sehnsuchtgedanken, in die graue Stille.

 

Die Stille

(singt einförmig)

Grau über Mauer und Bogen
Wogen die Netze der Spinnen.
Aus dem Holze rinnen
Spähne zermalmt.
Stumpf qualmt der Staub.
Dumpf pocht der Wurm.

Dornröschen hat sich in der Mitte des Gemaches
auf die Stufen der Erkertreppe gekauert und starrt auf
die verblaßten Gobelins.

 

Die Stille

(singt vom ersten Gobelinbilde)

Trübe Wolken rollen durch sieches Blau.
Grausilbern entblättern die Weiden.

Auf fahlem Portale schläft der Pfau,
Kahl rauschen die seidenen Gärten.

Dornröschen sieht nach der anderen Seite.

 

Die Stille

(singt vom zweiten Gobelinbilde)

Die gelb und roten Blumen fortgeflogen.

Grünstaubig weht das leere Gras.

Kaltgraue Winde kommen schwer

Den bleichen Fluß entlang gezogen.

Und Schleppen graues Silber durch die Wogen.

Dornröschen lauscht reglos. Der Gesang umher
spinnt sie mehr und mehr in Betäubung. Sie vergißt
ihre Gedanken. Die Stimme ihrer Gedanken singt
flüsternder.

 

Dornröschens Gedanken

Grauherbst geht hier in Trauer
Über Gesimse und Mauer.
Aus Schattenrauch
In fahlen Strahlen
Weht Winterhauch.

 

Dunkelheit

(murmelt schwellend)

Schwarze Falter sinken und steigen.
Schwarze Kelche strömen schweigen.
Schwarze Erde raucht in Glut.
Voll schwillt das Blut
Der Schwarzen Rose.

Dornröschen bleibt reglos in horchender Haltung.

 

Dornröschens Gedanken

Weich klingt das Dunkel.
Weich flüsterte das Laub.
Weich düstert die Asche.
Weich singt der Staub.

Dornröschen lehnt müde den Kopf zurück an das
dunkle Eichengetäfel in schwarze Rosenranken. Die

Schatten schwellen düsterer aus den Winkeln an den
Wänden hoch.

 

Dunkelheit

(rauscht stärker und stärker)

Lilien — Lilien!

Graumüde wehen und wanken die Schäfte.

Graumüde glimmen die Kronenopalen.

Zum Schlummer schließen die bleichen Schalen.

Es schattet dunkler. Der Rosenschein an Fenster
und Türe schwindet. Dornröschen schließt die Augen.
Ihre Gedanken singen leiser und leiser im Einschlafen.

 

Dornröschens Gedanken

In schwarze Schwanendaunen
Schmiegt sich das Königskind.

Nur tiefe Quellen raunen,
Die Seen löschen blind.
Die Lilie sinkt von den Locken,
Die Perlen welken grau.
Schwarz gleiten Winterflocken
Auf die nächtige Au.

 

Die Stille

Kalt vom Gewölbe wankt die Nacht.
Rot in der Ampel schwankt das Licht.
Fahl zuckt die Flamme,
Loht und bricht.

Das Ampellicht ist erloschen. Undurchdringliches
Dunkel, hohle Nacht.

 

Dunkelheit

(singt in dumpf wogenden Lauten aus der leeren Nacht)

Aus schwarzen Kelchen strömen schwarze Meere,
Füllen mit schwellenden Wellen die Leere.
Tragen auf dunkle Berge das Schweigen,
Senken in lautlose Grüfte die Klagen.

Aus der Nacht blühen weiße Sterne. Am Sternen-
himmel schwarz die Mondscheibe in Finsternis. Auf
der Felsklippe sitzt der Dichter. Fels und Gestalt
schwarz in Silhouette gegen den grünsilbernen Nacht-
himmel. Wälder, Täler blauen in dumpfer Dunkel-
heit.

 

Der Dichter

(singt leise, dann kräftiger)

Sie schläft,

Schwarz fließt die Nacht.

Sie schläft,

Mit ihr mein Herz.

Aus schwarzgestreckten Wüsten

Stiert die hohle Stille.

Der Mond . .

Ein Schatten würgt die Scheibe.

Dröhnend.

Finsteres Echo preßt die Erde.

In meinem Herzen, wo die Flammen gruben,
Kreist fahl, wie einer Muschel hohle Stimme,
Die Einsamkeit.

Das also ist "Vergessen?"

Von keinem Lachen erhellt,
Von keinem Leiden bedrängt,
Blind in blutlosem Äther
Eine erloschene Welt.

Das also "Vergessen":

Rastlose Tiefen breiten rastlose Weiten,
Schwarze grundlose Meere.
Nie wird ein Laut hier geboren,

Nie ermattet die Leere.
Nachte in Nächte gefroren
Schattet das Schweigen.

Doch in der Vergessenheit Nacht
Gähnt ruhlos entfacht
Des unbewußten Vermissens
Unversiechbare Allmacht.

 

Der Dichter

(singt leise vor sich hin)

Dornröschen, Sehnsuchtrose,
Soll mein Auge nie dich grüßen,
Meine Hand dich niemals kosen,
Meine Lippe nie dich küssen?

Der verfinsterte Mond beginnt sich langsam zu hellen.

 

Des Dichters Gedanken

(dumpf)

Vermissen durchflutet

Des Herzens Räume.

Vermissen entzündet

Hungernde Träume.

Weiß aus dem Moder der alten Qualen

Tasten junge sehnende Strahlen.

Der Mond scheint klarer und klarer, weiße silberne
Nebel steigen aus Tal und Wald. Weiße silberne
Nebel verhüllen den Dichter. Der silberne Mond
wächst immer größer und heller. Aus dem weißen
Duft fingen die Gedanken des Dichters.

 

Des Dichters Gedanken

Sacht bleichen Schleier über die Wiesen,
Aus düstern Eichen blüht hell der Weiher.
Ein Flüstern, ein Schleichen,
Lauer Atem tauiger Düfte
Öffnet bleiche glimmende Grüfte,
Weich durch silbertropfende Hallen
Wallen lichte Gesänge.

Die Nebel sind zerflossen. Eine zartviolette silberne
Halle, getragen von blassen Bernsteinsäulen, dünn,
schlank, glimmt bleich auf.

Draußen mattweiße Rosengärten. Schwach rinnende
Silberbrunnen. Weiße und zartgelbe Rosen um die
Säulen und in Gewinden um die schimmernden Ge-
wölbe.

In der Mitte aus Elfenbein und silberfließender
Seide ein Thron. Der Baldachin ein großes, mattes,
meerschaumweißes Rosenblatt.

Der Dichter, in Silber und teerosenfarbenem Samt,
steht mit verschränkten Armen in der Mitte der Halle.
Blickt träumend auf den Glanz in ruhiger unbewegter
Haltung. Horcht auf den singenden Rosenschein aus
den Gärten.

 

Rosenschein

Matt flackern Blütengewinde

In milchblassen Wogen.

Matt schwimmen Elfenbeinrosen vom Silber,

Matt kommen junge Ranken geflogen,

Matt lallen duftwallende Winde.

Auf einer Rasenestrade im Hintergrunde steht Dorn-
röschen. Sanftheit im Seidenkleid von der Farbe
weicher Seerosen. Der Nacken hebt sich frei entblößt.
Das Haar über Schulter und Nacken offen. Ein
helles Rosendiadem mit lichtseidenem Bande über die
Stirn geschlungen.

Bleich, mit geschlossenen Augen, stillniederhängenden
Armen. Sie schreitet die Stufen herab zum Thron,
legt sich in die Silberkissen zurück. Hält die Hand
über die geschlossenen Augen.

 

Dornröschens Gedanken

(singen bebend aus tiefem Schlaf)

Schwarze Rose, fern saugt ein zehrendes Licht,
Schwarze Rose, dein Schatten splittert und bricht
Schwarze Rose, Strahlen Schneiden die Nacht.
Weiß quälen Töne von Sonne entfacht!

 

Der Dichter

(singt leise und nähert sich Dornröschen)

Blank, im Wappenschoße den Sonnenstern,
Kommt der Prinz in Scharlach und Silbertracht
Zum Purpurschlosse der Mitternacht . . .

Der Dichter faßt Dornröschens Hand und sinkt auf
den Thronstufen vor ihr nieder. Dornröschen bleibt
reglos mit geschlossenen Augen.

 

Dornröschens Gedanken

(singen aufgeregter)

Schwarze Rose, Sonne zerwühlt dein Schweigen,
Schwarze Rose, die tiefsten Quellen steigen.
Schwarze Rose, grell sprengen Wogen zum Licht.
Schwarze Rose, — Schwarze Rose!
Königskind fleht,
Schwarze Rose, dein Kelch zerbricht!

Dornröschen zittert im Schlummer und sinkt erschöpft
tiefer in die Kissen. Im weißen Saale fliegen Schatten
grau auf und nieder.

 

Des Dichters Gedanken

(dumpfer)

Schwer ringen Licht und Schatten,
,Des schwarzen Schlafes Ermatten
Fesselt tief mein schweigend Herz ....

 

Des Dichters Gedanken

(angstvoll und schlaffer, im Saale wird es grauer)

Der schwarzen Rose Duft
Wallt kühl von ihren Gliedern,

Umkreist mit Schattenliedern
Mein warmes Blut-

Grau rauchen Gesänge
Aus aschigen Schalen,

Das Licht erzittert,

Schwer wanken die Strahlen...

Der Dichter wankt betäubt, sein Kopf sinkt in Dorn-
röschens Schoß.

Das Echo singt im Garten die Melodie des Harfen-
liedes.

Die Schatten schwinden langsam von den Silber-
wänden. Dornröschens Gedanken beginnen leise klarer
zu singen.

 

Dornröschens Gedanken

Einsam horcht das Königskind
Auf dem bleichen Eise.
Einsam bringt der leise Wind
Eine Harfen weise.

Das Echo des Harfenliedes klingt nochmals im
Saale.

 

Dornröschens Gedanken

(wacher)

Zwei Augen fragen im Sonnenreiche,
Wo ist die Welle die rosenbleiche,
Die fern in blendender Brandung rauscht,
Mein Herz hat ihrem Jauchzen gelauscht.

 

Des Dichters Gedanken

(singen im Schlummer)

Blank im Wappenschoße den Sonnenstern
Kam der Prinz in Scharlach und Silbertracht,
Zum Purpurschlosse der Mitternacht . . .

Dornröschen öffnet die Augen, singt mit eigener
Stimme. Die Gärten, die Silberhalle, Rosen, Seide,
beginnen sich zu röten.

 

Dornröschen

Auf sprühendem Throne die Sonnenmaid
In Rosenstrahlen und Lichtgeschmeid
Empfängt den Herrn der Sonne.

Rot rauschen Sonnen aus Felsenkluft,
Erwachende Lilien grüßen,
Die Maid ruft jauchzend zur Sonnenluft,
Komm meinen Herrn zu küssen.

Dornröschen biegt sich über den Dichter und küßt
ihn lange. Die Rosen, das Silber, die Seide glühen
purpurn. In Garten und Halle springen in Rubin-
schalen rote glühende Kaskaden. Von den Ranken des
Gewölbes sinken langsam dunkelrote Rosen.

 

Der Rosenschein

(singt heiß)

Vom Rotdorn in Strahlen schäumt Purpurhauch,
Blutscharlach bäumt der Granatenstrauch,
Öldüfte quellen vom Mandelbaum,
Rosig schwellen die Lüfte.

 

Dornröschen

Die Rosen rufen warm zum Garten.
Die Rosen lodern in heißem Erwarten.
Mein Prinz hörst du den Rosenschein?

 

Der Dichter

(erwacht)

Rosen?! Dornröschen mein!

Sie halten sich umschlungen. Sie sehen sich lange
stumm in die Augen.

 

Der Rosenschein

(brausend)

Vom Rotdorn in Strahlen schäumt Purpurhauch,
Blutscharlach bäumt der Granatenstrauch,
Öldüfte quellen vom Mandelbaum,
Rosig Schwellen die Lüfte.

 

Der Dichter

(hat sich erhoben und führt Dornröschen vom Throne,
er singt innig leise)

Draußen flammen die Gärten, mein Kind,
Die Seen weben lichtseiden,
Draußen schäumt rosig der Blütenwind,
Mein Herz, — laß uns lieben und leiden.

Der Dichter und Dornröschen schreiten im roten
Rosenregen durch die Halle hinaus in die purpurnen
Gärten.

Hinter ihnen erlischt die Halle in Dunkelheit. Wäh-
rend sie draußen hinter den Rosenbüschen verschwinden,
erlischt der Garten, mit der verklingenden Musik sinkt
stummes Dunkel.

 << Totes Feuer  Die Flucht nach gypten >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.