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Ultra-Violett

Max Dauthendey: Ultra-Violett - Kapitel 4
Quellenangabe
modified20170815
typepoem
titleUltra-Violett
authorMax Dauthendey
firstpub1893
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Auferstehung

Karfreitag.

Es drängt in den Straßen in die Kirchen. An den Eingängen quetscht sich ein Wurm Menschen hinein, ein anderer spult heraus. Drinnen Schweigen.

In flachen Teppichen spannt sich die Stille zur Höhe. Ein herrisches hochgeschwungenes Schweigen.

Veilchendunkle Laken. Der Altar verhangen. Auf dem erstickenden Blau ein kreideweißes, schlankes bleiches Kreuz.

Stumpfe blöde Ohnmacht kauert vor dem Kreuz.

Blumensträuche. Rote, weiße Azaleen. Dazwischen auf dünnen Kerzenfingern Lichtaugen. Die Sternflämmchen spreizen sich auf ihren dünnen weißen Stielen. Aber in Farbe, in Licht, über allem stockt grüne Leichenkälte.

Der Lichtschein reibt an Gesichtern. Funken prallen an Augäpfel. Männer und Frauen. Aber alle gefühllos, eingepreßt, umkrustet vom Schweigen.

Bis zur Wölbung staut grünmehlige Weihrauchluft, süßätzender Nebel.

Lange hagere Fenster, ein steifes glattes Licht, draußen hartweißer Himmel, wie eine Eisplatte.

Vor dem Altar scheuer Raum. Ein Betstuhl. Ein Priester in starrem Faltenhemd und Spitzen. Die Arme breitgestützt. Stahlblaue Stille strahlt von ihm. In strengen gläsernen Kristallen zersticht es im Kreise jeden roten Pulsschlag.

Die Lichtaugen am Altar gefrieren zu goldenen Dornen. Blumenfarben gerinnen. Bleiche Larven.

Oben über der kriechenden moorbraunen Stille, in den Gipsgirlanden der Säulen, in Falten geschwollener Engelleiber hockt höhnischer Moder. Nagt, grinst und fletscht Affenzähne.

Unten am Ende der Halle prallt der Tag an der offenen Türe zurück.

Weißblaues Hyazinthenlicht, sein Atem greift herein. Der Moder sträubt sich. Gelbe Katzen pfauchen. Eine große graue staubweiche Motte flattert auf. Über der Tonsur des Priesters. Taumelt zum Altar. Sinkt in die Lichtdornen. Die Dolche stoßen zischend zu. Der morsche Leib krampft sich. Die dünnen Flügel versengt, schlagen die Blumen. Die Blüten kreischen auf. Gellende Lohe reckt sich vom Altar. Ein Scharlachstrom überblutet das bleiche Kreuz. Die veilchenblauen Laken glutgebläht rollen vom Altar hoch, getrieben von Feuerstacheln. Schrecken verknöchert das Schweigen.

Rote glühende Stirnen heben sich aus der kauernden Menge. Augen schmelzen und erwachen.

Der Priester duckt sich, rutscht zurück. Purpurne Flammenflügel fegen die Halle.

– Auferstehung!

 


 

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