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Ultra-Violett

Max Dauthendey: Ultra-Violett - Kapitel 15
Quellenangabe
modified20170815
typepoem
titleUltra-Violett
authorMax Dauthendey
firstpub1893
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Die Flucht nach Ägypten

Sie ziehen über eine graue Wiese durch matte Frühnebel an blassen Blütenbüschen vorbei. Eine Frau mit goldnem Schein überm Haupt auf einem Esel. Nur noch der Kopf des Esels geht über den Halmen. Ihr nach, an einem Stabe im Mantel gebeugt, eine Kapuze spitz über den Kopf, der Mann.

Rings um sie steigt blauer Blütenrauch aus der Wiese. Blasse leuchtende Düfte aus dem Graugrün und Graugelb. Ein müder dünner Spinnwebenflaum belegt jede Lichtpore, die Luft steht verdichtet, wie zartes Horn über allen Farben.

Am Horizont ein Streif, rosig wie süße Weindünste, aber noch ein Lila darin, das blutet wie aus weher Narbe.

Wie ganz dünner Schaum schwimmen die Blütensträucher über der Wiese. Ihr Duft saugt die Halme zur Höhe und beugt den Himmel nieder.

Durch die behutsame Stille ziehen der Mann und die Frau auf dem Esel. Unter ihrem Mantel, am Herzen hält sie ein schlafendes Kind. Und alles umher wacht und hütet den Schlummer des Kindes.

Die Farben treten so leise auf. Das Blau nur gedämpft wie behauchte Türkisen. In der Wiese das Rot, nur die Spuren von Rot, als ob Tränen des Glückes und der Rührung darüber schleiern.

Dies das Geleite des Friedens, das mit den Ziehenden schwebt. Es sammelt sich über dem Haupte der heiligen Frau zu einem beschützenden goldnen Lichtschild.

Oben am Himmel im Vergißmeinnichthauch ein schmaler Mond ohne Leuchten, nur wie Wolkenflaum.

Und unten auf der Wiese nur Farbenstaub wie auf Schmetterlingsflügeln,draußen am Horizont das zögernd sickernde Frühlicht.

Diese zögernden Stimmen aller Farben gehen um die Fliehenden in tröstender beruhigender Melodie. Und die Luft rings ist erfüllt von dem Dufte des schlafenden Kindes, und seinem warmen Atem und dem Duft seiner Träume.

Der leuchtende blaue Duft legt sich in die Falten

der Gewänder, dämpft das Rauschen, steigt zum Himmel und zur Ferne, zerdrückt das Mondlicht, wehrt der Tageshelle, senkt sich über die Wiese in die Halme, und es ist da nur noch ein Wimperzittern aller Farben, eine rieselnde Erregung, die sich um das schlummernde Kind drängt, ein kosender rosiger Jubel und ein bebender blaßblauer Jubel und unter Tränen eine unendliche Beglückung.

 


 

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