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Larissa Reissner: Ullstein - Kapitel 1
Quellenangabe
booktitleVorwärts und nicht vergessen, S.186 ff
editorHeiner Boehncke
typetractate
year1973
isbn3-499-16805-7
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
senderFritz.Gr@gmx.de
firstpub1925
titleUllstein
authorLarissa Reissner
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Larissa Reissner

Ullstein

(Quelle: Eine Reise durch die deutsche Republik, Neuer Deutscher Verlag, Berlin 1926)

Niemand holt sie vom Telegraphenamt: die Nachrichten kommen von selbst. Gleich wilden Schwalben schießen sie in den Raum des Redakteurs und fallen fix und fertig, schon in die menschliche Sprache übersetzt, auf schmalen Papierstreifen auf den Tisch. Zehn Apparate empfangen sie ununterbrochen. Ein dunkles Kloster mit hundert Zellen. Hundert Telephonzellen. In jeder Zelle sitzt ein Einsiedler, der den Gott der Sensationen mit wilder Stimme um Gaben anruft.

«Hier Berlin, "B. Z.". Hier Ullstein. Hallo! Bitte lauter!»

Wie Arbeitslose auf der Bank einer Anlage, schlummern die Kuriere. Wie Passagiere in Erwartung eines Zuges, der stets kommt, immer abgeht und niemals steht. Der Zug von Neuigkeiten, den Erdball umkreisend. Viele warten schon seit gestern. Die Kabeltelegramme aus Amerika sind schon da, voller kapriziöser Börsenzahlen dieser liebenswürdigen Abenteuerinnen, die so geschickt über die Grenze huschen – nur mit dem leichten Gepäck jener gefälschten Neuigkeiten beladen, die dem Herzen eines Zeitungsmannes so teuer sind.

O, das Ullstein-Haus ist groß genug, um alle diese fremden Gäste unterzubringen. 4500 Zimmer, sechs Etagen, endlose Treppen, dutzende eigener Druckereien – es sind gewiß Deutschlands beste Mühlen, die die täglichen Lügen- und Wahrheitsernten ausgezeichnet vermahlen: sechs Tageszeitungen backen das tägliche Brot für die millionenköpfige Bevölkerung von Berlin, für alle seine Bevölkerungsschichten, für alle Geschlechter und Alter, für ganz Deutschland und für jede seiner Städte im besonderen. Köln hat einen anderen Geschmack als Berlin; das Leibgericht von Dresden wird in Frankfurt keine Abnehmer finden. Hamburg braucht Knackwürste mit Porter, Dresden — Eisbein mit Kohl, der Südländer — etwas Nahrhaftes und Umfangreiches.

Im Hause Ullstein pflegt niemand zu Fuß zu gehen. Nur Nichtstuer benutzen die Treppen. Der Lift ist das einzige Beförderungsmittel. Durch alle Stockwerke fliegen seine offenen Käfige. Die Lifttür ist abgeschafft, gehört ins Museum. Die Menschen stürzen hinein und hinaus. Korrekturen, Manuskripte, Telegramme haben das Turnen lernen müssen. Schwerfällige asthmatische Leitartikel fliegen mit der Behendigkeit von Zirkusakrobaten an den Drahtseilen entlang. Seit der alte Ullstein seine erste Bude in der Kochstraße – eine kleine Druckerei -eingerichtet hat, wächst sein Unternehmen ununterbrochen an. Nachdem es eine gewisse Vollkommenheitsstufe erreicht hatte, blieb es stehen und begann seinen alten Leib aufzufressen. Wenn die Produktion eines Tages nicht den Mut hat, ihre alten Organisationsformen zu zertrümmern und in ihrem eigenen Magen zu verdauen, verfällt sie einem elastischeren und stärkeren Konkurrenten, und wird von diesem zum Frühstück verspeist.

«Berliner Morgenpost».

Diese alte Berliner Kleinbürgerzeitung ist auch auf einem Friedhof gewachsen, aber es waren nicht die Gräber ihrer eigenen überalterten Formen, sondern der ganzen von Bismarck vernichteten sozialdemokratischen Presse. Ullstein hatte es damals verstanden, auf den öden Zeitungsmarkt mit der vom Sozialistengesetz geschlagenen Bresche Hunderttausende von Exemplaren seines gemäßigten Blättchens zu werfen. Es war eine Zeitung, die auf die breitesten Massen der Klein-Bourgeoisie zugeschnitten war.

Wie oft haben seit jener Zeit die Arbeitsmethoden gewechselt! Vom Handsatz zum Maschinensatz, von der Handzeichnung zur Photographie, von der blutlosen verschwommenen Photographie zur künstlerischen Illustration. Jeder technischen Revolution folgte eine kurze Krankheit des ganzen Unternehmens, wie nach einer Impfung. Dann – ein wilder Sprung vorwärts, phänomenaler Profit: hunderttausende neuer Abonnenten, neue Bauten, Werkstätten, Angestellten, Lastwagen, Telephons. In den letzten Nachkriegsjahren hat sich schon wieder eine neue Appendizitis gebildet: die alten Maschinen für den Guß von Matrizen, englische Maschinen, die mit Gas arbeiten und die stets voller flüssigem Blei gehalten werden müssen. Statt ihrer sind jetzt deutsche eingeführt: sie fressen einfach Kohle und können zu jeder Zeit aufgefüllt werden.

Ein Betrieb kennt keine Dankbarkeit, er vergißt die früheren Verdienste sofort. Die alte Maschinenabteilung hat ihr Leben ausgehaucht. Sie ist leer und kalt, und in ihren blinden Scheiben spiegeln sich die Flammen der Feuerungen der Rivalin. Das muntere Klirren der Matrizen und Feilen klingt in die verlassenen Räume.

Einstmals brachte man nur eine Morgenzeitung heraus und fürchtete, sie mit einer Abendausgabe zu ergänzen, weil man glaubte, dadurch die Auflage zu verringern. Heute schickt Ullstein eine Menge Zeitungen auf die Straße, die alle verschieden gekleidet sind, verschiedene Mundarten sprechen, stets zu anderer Zeit herauskommen und einander nicht stören.

Des morgens – die «Vossische», sie ist für Börsen und Banken berechnet. Die Leute kauen ihre Butterbrote, trinken Bier, – die «Vossische» spricht auf sie ein. Sie steigt mit ihnen ins Auto, saust zwischen Restaurant und Börse, Büro und Bank, und wickelt flugs ihre Geschäfte ab. Es ist eine kluge, vorsichtige, ausgezeichnet unterrichtete Zeitung. Jeder Spekulant erkauft sich mit 15 Pfennigen die Hoffnung, von dieser alten Dame einen guten Tip zu bekommen.

«Die Praktische Berlinerin».

Während die Männer in der Stadt sind, klopft Ullsteins «Praktische Berlinerin» an die Wohnungstüren der Frauen; auch «Die Dame» oder Ullsteins «Blatt der Hausfrau» wissen sich Eingang zu verschaffen. Das ist eine mustergültige Technik. Damit diese Hausiererinnen von Haus zu Haus laufen, Appetite reizen, der Hausfrau die allerbilligste Kaffeekanne, ein Morgenkleid zu 3 Mark 70, ein «herrschaftliches» Schlafzimmer oder ein Mittel gegen Schwangerschaft empfehlen können, – mußte die Druckereitechnik ein wahres Wunder vollbringen, dazu mußte sich das menschliche Genie auf ein neues höheres Niveau aufschwingen. Die Maschine druckt nicht nur alle 96 Seiten des Textes und den Umschlag, sondern sie wirft die vollständig fertige Nummer auf den Tisch. Im Laufe einer Stunde verfertigt sie 3500 Exemplare. Was kann man noch über die Ullstein-Schnittmuster, die «Modewelt» usw. usw. sagen? Ehe noch das Gehirn der Frau erkannt hat, was sie eigentlich wünscht, haben Ullsteins Zuschneider ihre Träume schon längst erraten und in praktischen Schnittmustern ihr ins Haus geschickt. Die Geister der künftigen Mantos, Blusen und Dessous haben die ersehnte, ideale, wenn einstweilen auch nur papierne Gestalt angenommen.

Es gibt Pferde, die rechnen können, Hunde, die sich in Geographie auskennen. Aber daß die Maschine diese erstaunliche Intelligenz erlangen kann, hätte niemand gedacht. Die mechanische Olympia Hoffmanns verstand Romanzen zu singen und zu knixen – eine Bagatelle! Bei Ullstein sitzt ein Arbeiter vor seiner Setzmaschine, drückt auf eine Taste, die zweite, die dritte, und in wenigen Sekunden springt eine fertige Zeile aus Blei auf den Tisch. Und wenn die Buchstaben ihren Zweck erfüllt haben, werden sie demobilisiert – sie kehren in das Nichts zurück, aus dem sie hervorgegangen sind. Die Maschine besorgt das selbst.

«B. Z. am Mittag».

Mittags begibt sich die jüngste Tochter des alten Ullstein auf die Straße. Diese Zeitung ist eine Eidechse, eine Fliege, ein aufdringliches, flinkes und jedermann zugängliches Geschöpf. Man kann sie fast umsonst haben. Sie besitzt keine eigenen Meinungen, überhaupt kein individuelles Gesicht. Es ist eine kleine Pfütze, in der sich die ganze Welt spiegelt. Ihre Sprache ist sehr verständlich, kurz und primitiv, – in zwei Minuten kann man alles erfahren, was die große Presse heute denkt und sagt. Man braucht diese Nachrichten überhaupt nicht zu kauen: sie sind schon durchgekaut, mit der erforderlichen Portion Speichel versehen – restlos verdaulich. Man braucht nur zu schlucken, und man ist informiert. Der Mensch, der zum Denken keine Zeit hat und sich die Nachrichten nicht selbst zusammensuchen will, kann diesen minderwertigen Vermittler, dieses Echo der Großstädte, dieses Straßengrammophon nicht mehr vermissen.

Die Geburtsstätte der «B. Z.» ist das Abflußrohr aller Zeitungen, und sie lebt nur eine halbe Stunde. Man erwartet ihr Erscheinen mit nervöser Gier. Millionen Menschen sehen auf die Uhr und warten auf das Rendezvous mit der «B. Z.». Aber keine Zeitung wird so schnell vergessen, so verächtlich fortgeworfen, in Autobussen und Cafés liegen gelassen. Und jeden Tag ersteht die Straßenaphrodite von neuem -aus dem Abschaum der Meinungen, um sich Millionen in die Arme zu werfen.

12 Uhr 10. Die Börse notiert die ersten Kurse.

12 Uhr 12. Das letzte Telegramm in die Setzerei geschickt.

12 Uhr 15. Die Redaktion nimmt kein Material mehr an.

12 Uhr 16. Die Rotationsmaschine legt ihren funkelnden Matrizenpanzer an.

12 Uhr 17. Der diensttuende Mechaniker schaltet den Strom ein.

Die größten Rotationsmaschinen des Kontinents beginnen ihre Arbeit.

Eine Flut von Seiten und Spalten. In diesem Strom ist das Wort nur ein Bazillus. Die ersten gefallenen Nummern kommen zum Vorschein. Schon laufen sie in die Welt, – jedes Blatt findet irgendeinen Leser, jede Ladung ist für irgend jemanden bestimmt. Die Attacke ist in vollem Gange, ungeheure Bündel von Papier, gigantische Lügenkokons gebären Millionen Eintagsfliegen.

Diese Pressefabrik ist wie eine Festung. Ihre tiefen Höfe gleichen Gefängnishöfen. Granitberge isolieren sie von der Stadt. Eine Festung muß für den Fall einer Belagerung mit Wasser und Brot versorgt sein. Ullstein besitzt eine von der Stadt unabhängige Kraftquelle, die groß genug ist, seine belagerten Maschinen acht Tage lang mit Elektrizität zu versorgen. Man kann nie wissen: Streik oder Aufstand. Die gepanzerten Türen werden fest verriegelt, und drei Minuten nach dem Alarmsignal schickt das Kraftwerk tausende Streikbrecher-Pferdekräfte zu den Maschinen.

Kein einziger Angestellter kann unbemerkt heraus oder herein. Die Portiers sind auf Menschen und Sachen dressiert. Aber 12 Uhr 18 Minuten, also acht Minuten nach der Annahme der letzten dringenden Depesche, öffnen sich alle Türen und Tore. Die Zeitungsfabrik schickt ihre Produktion auf die Straße. Breite Rohre spucken Zeitungsbündel direkt auf die Lastwagen. Motorräder zittern ungeduldig, Radfahrer halten ihre offenen Säcke hin, Boten, die die Zeitungsladungen nach dem Bahnhof und in die Provinz begleiten, brechen .ihr Frühstück ab. Des Sonnabends werden 4000 Zentner verladen – zwanzig Postzüge allein für die Mittagszeitung. Rechnet man alle Verlagswerke zusammen, so macht das 75 Postwaggons. Und die ganze Menge muß in 45 Minuten verladen sein.

Die Zeitung überholt die Zeit. Die Zeitung überholt den Uhrzeiger. Der Mensch schläft die Hälfte seines Lebens. Er stiehlt sich selbst die Nachtstunden. Die Zeitung hat den Höchstrekord geschlagen und stößt nun auf ein unüberwindliches Hindernis: es sind Barrikaden aus schlafenden Menschen. Aber in den Großstädten, auf dem blanken Asphalt ist alles relativ. Mag die Morgenröte ihre Beine in einen Pyjama stekken – die Umhüllung von kräuselnden Morgenwolken ist unmodern. Europa ist wie Grönland, wie das Polarmeer. Der elektrische Tag dauert 24 Stunden.

Halb sechs Uhr morgens eilen die Zeitungsverkäufer davon und «machen» den Morgen. Die Provinzausgabe der «Vossischen Zeitung» ohne die letzten Telegramme wird nachts gedruckt und versandt; in Berlin wird sie schon abends 8 Uhr 40 Min. verkauft: ein Stück Morgen, ein Stück von der Zukunft mit den Ergebnissen der letzten Fußballkämpfe, mit den Familiennamen der Verunglückten und unter das Auto Geratenen, mit den englischen Parlamentsdebatten – alles das für 15 Pfennige!

Ullstein ist eine jener Großmächte, die jede in das menschliche Bewußtsein importierte Banalität mit Zöllen belegt. Das Ullstein-Haus ist ein Hafenplatz, ein Grenzpunkt, an dem Riesenladungen von Phrasen ausgeladen werden, von Redensarten, die wie Gummisohlen am Bewußtsem kleben, von Witzen, die flach wie ein Plattfuß sind, von stinkenden Anekdoten und neu frisierten politischen Parolen.

Die «Illustrierte».

Ein Meisterwerk dieser Art ist zweifellos die unvergleichliche «Berliner Illustrierte Zeitung» – das verbreitetste Journal des modernen Deutschland. Die Auflage? 1600000 Exemplare. Die Nachfrage wird immer größer. In einem halben Jahre werden die zwei Millionen vermutlich erreicht sein. Das Fundament des Ullstein-Hauses ist die Propaganda der Banalität. Im Grunde genommen, ist es eine Null, ein Überhaupt-Nichts, ein Minus, 32 Seiten geistiges Abführmittel. Ein Loch im Boudoir eines berühmten Filmstars, ein Spalt, durch den jeder sehen kann, wie schöne Frauen von Spitzbergen bis zum Kap der guten Hoffnung baden. Ein Romanfragment von einer Primitivität und Geschwindigkeit, daß man ihn in der Toilette lesen kann. Natürlich – Reklame. Prinzenhochzeit. Dann wieder Reklame. Zehn Seiten Reklame.

Die «Illustrierte» war niemals ein Feind Sowjetrußlands. Vielleicht war sie es, die die deutschen Arbeiter besser über die Sowjet-Union unterrichtete, als alle anderen Presse-Organe. Sie bringt alles, was neu, interessant, unerwartet ist. Rußland eine Sensation. Die «Illustrierte» bringt Rußland. Seine Straßen, Demonstrationen, Führer, Menschenmengen, Kinderhäuser, Armee.

Der praktische, nüchterne Händler ist eher geneigt, an die Dauerhaftigkeit einer solchen Regierung zu glauben, die schon besteht, als eine solche, die einstweilen nur in den Köpfen der Bewohner des Kurfürstendamms und der Tauentzienstraße herumspukt. Wenn die Bolschewisten sich noch fünf Jahre halten, dann wird Ullstein die weißen Emigranten ebenso behandeln, wie die ehemalige deutsche Regierung die russischen Studenten nach 1905 behandelt hat: jeder, der die gesetzliche Regierung – auch wenn es eine Sowjet-Regierung ist – unterminiert, ist und bleibt ein Revolutionär, ein Bombenanarchist und überhaupt ein Gauner. Aber Ullstein erscheint es einstweilen geratener, sich nach allen Seiten hin zu sichern: das im allgemeinen sowjetfreundliche Haus gewährte dem weißgardistischen «Rul» in einem entlegenen Winkel ein bescheidenes Obdach.

Aber auch die Freundschaft hat ihre Grenzen, wenn die ganze Presse ein einmütiges Geschrei gegen die Bolschewisten erhebt. Dann kann auch Ullstein nicht schweigen. Nachdem er ein ganzes Jahr lang eine kommunistenfreundliche Information gebracht hat, fährt er plötzlich seine schwersten Geschütze auf, die sein verdammendes Urteil 1 600 000mal wiederholen, lauter verkünden, als es Moses von dem alten jüdischen Berge fertiggebracht hat.

«Das neue Verbrechen der bolschewistischen Justiz!» «Drei deutsche Studenten zum Tode verurteilt!» Und es sind nicht «drei Studenten», sondern 3 mal 1 600 000 Studenten und 3 mal 1 600 000 «bolschewistische Mörder». Das ist gewiß kein Minus mehr, sondern ein sozialer Hebel von einer Kraft und Leistungsfähigkeit, wie es in Europa nur wenige gibt.

Die «Illustrierte» bringt ihre kurzen, ätzenden, klebrigen, politischen Formeln nicht in Form von Leitartikeln oder Kurven, – sie tätowiert sie auf die seidenweiche Haut einer Variete-Sängerin, stickt sie auf die Wäsche der berühmten Tänzerin, druckt sie auf die Etikette von Parfüms, die als Mittel gegen üblen Achselgeruch empfohlen werden. So wird die Parole eingeätzt, gestickt, gedruckt: «Krieg dem Bolschewismus». «Gegen die Weltrevolution!» «Krieg den Mördern des unschuldigen blonden, kurzsichtigen Kindermann mit seiner Reiseapotheke!»

Wie die Ullstein-Parole auch sein mag – für oder gegen USSR., für oder gegen die chinesische Revolution, für oder gegen den Pakt – die Geschosse dieser Parolen erreichen ihren Zweck.

«Sport».

Die Motor- und Segelboote der «B. Z.» durchfurchen Seen und Meere, die Rennpferde der «B. Z.» nehmen alle Hindernisse, der Favorit der «B. Z.» schlägt dem berühmten amerikanischen Boxer die Nase ein, das Motorrad der «B. Z.» stellt einen neuen Schnelligkeitsrekord auf. Hunde-Ausstellung, Tennis, Wettschwimmen, prämierte Zugtiere. Mit allergrößter Aufmerksamkeit verfolgt Europa alle diese Dinge. Jede Zeitung, die etwas auf sich hält, bringt täglich eine Seite Sport. Die Champions kennt man weit besser, als die bedeutendsten Politiker. Ullstein war vielleicht der erste, der diese Goldgrube entdeckt hat, der Sportfachleute heranzog zu einer Zeit, als die anderen Zeitungen ihre Rennberichte von «Brandschaden-Reportern» schreiben ließen. Nach allen Rennställen, nach allen Totalisatoren Europas schickte er seine Spezialkorrespondenten.

«Der Querschnitt».

Von Kunst versteht Ullstein nichts. Für diese Finessen, für die Redaktion des «Querschnitt», der für ein paar hundert ästhetische Abonnenten bestimmt ist, engagiert er sich einen kunstsinnigen Mann, der sich in allen Porzellanarten der Welt und sämtlichen Schnupftabakdosen des 18. Jahrhunderts ganz genau auskennt. Diese Zeitschrift ist gewissermaßen eine Lilie, der man den Duft jener Mistgrube nicht anmerkt, auf der die «B. Z.» oder die «Illustrierte» gedeihen. Diese Ästhetenzeitschrift treibt wie eine Lotosblume auf dem Meer der Ullstein-Millionen herum, – sie schwärmt für Negerplastik und amerikanische Kultur. Auch sehr nackte, sehr künstlerische, für den Kenner berechnete Gestalten finden sich da. Der alte Ullstein schimpft, wenn er alle diese Finessen sieht. Aber allen anderen übrigen Redakteuren, den Verfertigern der üblen Massenware, ist es aufs strengste untersagt, sich in die Angelegenheiten der Ästheten einzumischen. Mit denen ist zwar kein Geschäft zu machen, aber dafür locken sie Leute mit Geschmack und guter Position, es macht sich gut, wenn man im Vorzimmer eine klassische Venus stehen hat.

«Der heitere Fridolin».

Bei der Herstellung von Waren wie «Der heitere Fridolin» dagegen braucht der alte Ullstein keine Helfershelfer. Auf diesem Gebiet ist er selbst Meister und Fachmann. Keiner weiß so gut wie er, wieviel Backpulver, Margarine und Sirup in diese kleinen Groschenheftchen mit dem radfahrenden Hunde auf dem Titelblatt hineingehört, um die kindliche Phantasie in der gewünschten Weise zu banalisieren. Diese Heftchen finden einen reißenden Absatz: 350 000 Exemplare, d. h. 700 000 Exemplare im Monat. Es ist ein Gemisch von Sherlock Holmes, Zirkus, Chronik der Verbrechen und Sentimentalität. Die Helden: ein Polizeihund mit der Seele eines Lesers von Sonntagsbeilagen der «Vossischen Zeitung».

Ullstein-Romane.

Vor dem Kriege kostete ein Bändchen von 250 Seiten mit einer Hochzeit vor dem Altar oder edlem Selbstmord am Schluß 1Mark. Heute –2 Mark. Niemals wird ein «Unsterblicher» so gelesen werden, wie diese anonymen Autoren. Tolstoj, Goethe? Sie können sich mit einem Herrn Weber nicht messen, der «Ja, ja die Liebe» geschrieben hat. Der alte gute Ullstein macht es mit der Literatur wie das Kamel mit der Dattel. Nachdem sie einmal heruntergeschluckt ist, zwingt er seinen Leser so oft wie möglich wiederzukäuen. Alle Ullstein-Romane werden sofort nach Erscheinen von den größten Kino-Fabriken in Deutschland verfilmt. Der Ladenverkäuferin, der Lehrerin, einem Postbeamten muß der Glaube an das Glück erhalten werden. Der Kleinbürger muß davon überzeugt sein, daß jeder ehrliche Mensch ohne Blutvergießen, ohne Gewaltakte alles erreichen kann — eine Villa, ein Auto, einen eigenen Laden. Lesen genügt nicht. Man muß, es mit eigenen Augen gesehen haben. Und Ullstein zeigt es. Jeder kann hingehen und sich davon überzeugen, wie die ehrliche Alice sich mit Ordnungsliebe, einiger Kenntnis in der Buchhaltung und ihrem netten Frätzchen den Weg durch die Finanzwelt bahnen kann. Sie wird nämlich von Stinnes geheiratet. Aber dieser Stinnes ist jung und fast ebenso süß, wie der Verkäufer in der Konfektionsabteilung von Wertheim. Andre Leute arbeiten hundert Jahre und sterben als Milliardäre. Seht, wie sie beerdigt worden sind! Es lohnt sich, ein ganzes Leben lang gewissenhaft seine Pflicht zu erfüllen, um mit einem so glänzenden Pomp begraben zu werden. Ganz zu schweigen von Arbeitern und kleinen Angestellten, die immer das große Los ziehen und die Töchter ihrer Brotherren heiraten. Wozu Revolution? Wozu Politik? Millionen von europäischen Arbeitern leben in der Hoffnung auf Rußland. Millionen der SPD-Arbeiter klammern sich insgeheim an diesen Traum: irgendwann, zu einer bestimmten, vom Schicksal vorgezeichneten Stunde wird der russische Rotarmist die Grenze überschreiten und das tun, was der deutsche Proletarier zu tun sich nicht getraut. Die Arbeiter schicken ihre Delegierten nach Rußland. Der Kleinbourgeois, der Ullstein-Leser läuft ins Kino und sieht sich dort das gelobte Land an.

Gewiß, Ullstein steht nicht allein da. Mit ihm konkurrieren und ihn übertrumpfen vielleicht solche Zeitungsfabrikanten wie der Scherl-Verlag, der in Deutschland seiner Zeit den Typus der «parteilosen» Zeitungen geschaffen hat und der jetzt in den Händen Hugenbergs liegt, eines ehemaligen Direktors der Firma Krupp. Nachdem Hugenberg alles an sich gerissen, was dem Zeitungskönig gehörte, verwandelte er diese alten «parteilosen» Zeitungen, die das Leib- und Magenblatt eines jeden deutschen Durchschnitts-Bürgers waren, zum Sprachrohr der aktivsten und wütendsten Gegenrevolution. Ihnen folgen Mosse und viele andere Monopolisten des Zeitungs- und Buchmarktes. Es gibt viele Ullsteine . . .

Die Dienste, die diese Fabriken der bürgerlichen Ideologie zur Zeit des Krieges der Regierung erwiesen haben, sind nicht hoch genug zu veranschlagen. In alle Poren des sozialen Organismus, in alle Zellen seines Gehirns wußten sie einzudringen und ein besonderes Gift jeder dieser Zellen einzuimpfen. Viele Nägel haben Ullstein, Mosse und Hugenberg in den großen hölzernen Hindenburg eingeschlagen. Legionen von Menschen haben sich unter der Einwirkung dieser literarischen Narkotika niedermetzeln lassen. Und niemals wäre es der Regierung ohne die Zeitungstrusts gelungen, die Massen der Kleinbourgeoisie um jene Millionen zu schröpfen, die für die Kriegsanleihe drauf gegangen sind.

Polizei vor dem Verlagshaus der 'Roten Fahne'








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