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Ulli und Elsi

Joseph Baumann: Ulli und Elsi - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJoseph Baumann
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleUlli und Elsi
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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– Sein Busen hebt sich bange,
Matt ist das Auge, bleich die Wange,
Was mag das sein?
Der Liebe Pein.

Haug.

»Das gefällt mir nicht, Mütterchen, daß der Junge so sonderbar sich verändert hat; vordem war er immer so heiter und froh, und jetzt schleicht er ja, weiß Gott, umher wie ein Verrückter. Hast du nicht bemerkt, wie er heute beim Nachtessen wieder so stumm und bleich hinterm Tische saß und keine Miene verzog, als der Meisterknecht ihn beim Kinn faßte und ihn fragte, warum er denn gar so drein schaue, als wenn er auf einem Kreuzwege gesessen hätte? Gertrud, das ist mir schwer aufs Herz gefallen; wenn so was wäre – behüt' uns Gott und die heilige Jungfrau!«

So sprach der alte Thomas eines Abends zu seiner Frau. Er meinte den Ulli, der ihm unter all seinen fünf Söhnen der liebste war.

»Wie kannst du doch so böse von dem guten Jungen denken?« erwiederte Gertrud.

»Ja Weib, 's hat schon Mancher auf diesem Weg sein zeitlich und ewig Verderben gefunden! Die Jugend in unsern Tagen ist leichtfertig und unbesonnen, und der böse Geist, der ihr ohne Unterlaß nachstellt, versucht sie, wie er eben kann und mag. Hast du die Geschichte mit dem schwarzen Hund schon wieder vergessen, der alle Nacht da hinten saß, wo die Straßen sich kreuzen und mit feurigen Augen den Vorübergehenden nachschaute, bis der ehrwürdige Vater Augustin ihn erlöste? Nicht umsonst vermuth' ich auch dergleichen Dinge von Ulli; denn gerade seit der letzten Svlvesternacht, wo er so lange ausgeblieben, sieht er so aus, wie der Kapuziner sagte, daß diejenigen aussehen, die Gott auf eine strafbare Weise versuchen. Sein Gesicht ist blaß wie der Tod, seine Augen liegen ihm tief im Kopfe; er spricht Nichts, seufzt, wo er geht und steht, und hat gar so alle Lust am Leben verloren. Das sind schlimme Zeichen, wo sie unter der Jugend sich finden! O Gott, was muß ich in meinen alten Tagen noch erleben!«

»Sei ruhig!« antwortete ihm die Hausfrau. »Ich weiß wohl, was dem Jungen fehlt, dürft' ich's nur sagen!«

»Ei, so sag's doch, wenn du's weißt. Warum mich so im Zweifel lassen? Das heißt gegen den Ehstand sündigen!« rief der Alte unwillig aus.

»Ach! schon lange hat's mir fast das Herz versprengt; aber wenn ich's sage, so – –«

»Nun!«

»Er liebt halt Georgs jüngere Tochter, die schöne Else drüben, und hat ihr heimlich die Eh' versprochen; darf dir aber Nichts davon merken lassen, weil er weiß, daß du ihrem Vater abhold bist.«

»Gott sei Dank, wenn's nichts Schlimmeres ist!« erwiederte Thomas. »Aber eine Heirath mit dem Mädchen kann ich nie zugeben. Ich mag mit dem Georg nichts zu schaffen haben, er ist ein Fuchs. War' er nicht gewesen, so hätt' ich jetzt die Stiglisalp, sammt der schönen Weide hinten am Lauterbach; das schadet mir mehr als tausend Gulden!«

»Da haben wir's, hab' ich's doch schon lange gedacht!« erwiederte Gertrud halb weinend.

»Einmal für allemal, ich will Nichts davon wissen; der Junge kann sich eine Frau nehmen, wo er will, nur keine Tochter vom Georg, mit dem bin ich wie Hund und Katz; und du weißt ja, was man Alles von ihm sagt!«

»Du lieber Gott, wohl weiß ich's, aber – –«

»Was aber?«

»Du wirst doch den Jungen nicht unter die Erde bringe wollen, mein' ich!«

»Bah, deßwegen stirbt er nicht; das wär' nur ein dummer Streich!«

»Thomas, weißt du noch, was du sagtest, als mein Vater dir nicht gleich zusagen wollte, wie du um meine Hand einst warbst? Trudel, wenn ich dich nicht bekomme, sagtest du, so geh' ich hinauf und stürze mich hinunter über die höchsten Felsen, O, ich erinnere mich noch mit Schrecken daran!«

»'S war ein einfältiger Gedanke, hätt's nie gethan. O Weib, das Leben ist dem Menschen lieber, als daß er so mir Nichts dir Nichts davon sich losmachen sollte!«

»Aber wenn es dahin käme, daß Ulli in der Verzweiflung es thäte; wer wäre Schuld daran?«

»Thut's nicht, deßhalb sei nur ohne Sorgen! Und wenn der Mai einmal kommt und wir wieder hinaufziehen auf die Alpen, dann bläst die Bergluft ihm all den Rauch wieder aus dem Kopfe.«

Und der Mai kam, die Matten blühten, auf den Alpen ward's sonnig und grün; aber in Ulli's Seele blieb's düster und trübe. Nur in sein Herz vermochte der wärmende Strahl nicht zu dringen und das gebundene Leben zu lösen. Traurig trug er die Glocken herab vom Speicher und hing sie den Kühen um; keinen heitern Blick gewann das süße Geklingel ihm ab.

Du einst so fröhlicher Junge, warum magst du jetzt nimmer johlen? es geht ja hinauf auf die Berge, in's heitere Blau, wohin kein Kummer und keine Sorge dringen! Die Heerde muht freudig, es ist ihr zu eng schon im Stall.

Der Ustig wett cho,
Der Schnee zergeit scho;
Der Himmel ist blaue.
Der Gugger hat g'schraue,
Der Maye sy cho.

Lustig use-n-usem Stall
Mit de luebe Chüene,
Uesi schöni Zyt isch cho,
Luft und Freiheit wartet scho
Dinne-n-uf de Flüehne!

So singt der Meisterknecht und zieht voran; ihm folgen in langer in langer Reihe die Kühe, die schwarzen, die falben, die rothen, die gesteckten, mit großen und kleinen Glocken am Hals, mit Blumen und Bändern gar zierlich um die Hörner gebunden. Wie tönt das Geklingel, wie schallt und wiederhallt das Johlen der Hirten und Buben!

Es war ein heiterer Maitag. Der alte Thomas lag unter dem Fenster und schaute mit Vergnügen hinaus auf den Reichthum seiner Heerden. Das Geklingel kitzelte angenehm seine Ohren. »Mütterchen, Heuer sieht's wieder einmal gut aus!« sprach er zu der Alten, die ihm über die Schulter sah.

»Gib mir bald Nachricht, Ulli, wie's droben steht, und ob der Schnee die Hecken wieder so niedergedrückt wie voriges Jahr!« rief er dem Jungen nach. Ulli nickte leise mit dem Kopf, aber sprach nicht ein einzig Wort. Und während der Zug sich entfernte, die Sennen und Buben johlten und jauchzten, der Hund freudig bellte, die Kühe ihre Glocken muhend schüttelten und Alles lustig den Alpen zuzog, schlich er allein und muthlos hinterdrein, wie ein verstoßenes Kind. Es war ihm, als wehte Todtenluft ihm entgegen und als blühte jetzt sein Kirchhof droben auf den heitern Höhen, die ihm sonst immer so freudig zugewinkt. O, wie die hoffnungslose Liebe doch alle Freuden des Lebens zerstört!

Elfi, Ulll's Geliebte, war die jüngere Tochter eines reichen Nachbars. Sie war das schönste Meidli weit und breit, frisch und gesund wie die Natur, und liebenswürdig wie ein Engel. Kein Fürst hätte sich schämen dürfen, um ihre Hand zu werben; aber keiner würde sie erhalten haben, denn sie liebte den wackern Hirten mit unverbrüchlicher Treue. Wo die Natur noch ihre Rechte behauptet, da ist die Liebe rein, und heilig der treue Schwur.

Elfi's Vater besaß mehrere Heerden und Alpen, aber er stand in der Gegend umher in dem Rufe eines nicht gar rechtlichen Mannes. Es ging die Rede, daß er seine Reichthümer eben nicht auf die ehrlichste Art erworben habe, und mancher arme Mann, der von Haus zu Haus sein täglich Brod bettelte, klagte mit heißen Thränen in den Augen seinen Wohlthätern, daß der Georg ihn um Hab und Gut und an den Bettelstab gebracht. Viele behaupteten sogar, sie hätten ihn schon bei Lebzeiten um Mitternacht als einen feurigen Drachen durch die Lüfte fahren oder als brennenden Mann an den Marken seines Landes wandeln sehen. Jedermann scheute sich, sein Haus zu betreten, und wenn Einer was mit ihm abzurechnen hatte, setzte er seine Rechnung lieber um Etwas niedriger als die Summe betrug, die er mit Recht hätte verlangen können, nur um mit ihm in keinen Streit zu gerathen. Sogar die Kinder wichen ihm aus, wenn er ihnen auf der Straße begegnete, weil sie von ihren Müttern gehört, daß der Böse ihm auf jedem Schritt nachfolge. Er kehrte sich wohl wenig an alles das, aber für die Seinigen war es traurig. Elfi, die gute Elfi, weinte oft in stiller Nacht heiße Thränen, wenn sie unter dem Fenster lag und auf ihren Ulli wartete. Und wenn er kam, streckte sie ihm die Hand hinaus, zog ihn leise hinein in ihr Kämmerlein und drückte ihn lang und innig an ihr Herz. Sie war so sanft und gut, und ihr that so weh, was man von ihrem Vater sagte.

Wohl sprach ihr Ulli immer Trost zu; aber ihr Schmerz schien dadurch nicht gemildert zu werden. »Wir werden uns doch nie ganz angehören dürfen«, seufzte sie oft. »Ich muß in meinem Leiden vergehn, wie die Alpenglöcklein im Sonnenbrand; und was du thun wirst, Ulli, das ist dem lieben Gott allein bekannt!« Und wenn sie so sprach, so ging's tausendschneidig durch des Jünglings Seele und zog ihm die Faust krampfhaft vor die Brust; er hätte sich das Herz aus dem Busen reißen und aufhören mögen zu empfinden. Wie besinnungslos stand er eine Weile da.

»Dich, Elfi, oder den Tod!« rief er dann plötzlich, küßte sie noch einmal und schied.

So hatten die Liebenden während eines Winters manchen wehmüthig süßen Abend verlebt, bis der Frühling kam, der Blüthen und Freuden wohl in ihre Thäler, aber nicht in ihre Herzen brachte.

Elfi weinte den ganzen Tag, als sie die Glocken von des alten Thomas Heerden hörte und dabei dachte, daß ihr Ulli jetzt auch mitziehe, weg von ihr, hinauf auf die hohen Alpen. Ihr war's, als hätte sie ihn den Abend vorher zum letzten Mal gesehen und als werde er nimmer wiederkehren von den Bergen; war's ja auch ihm so sonderbar zu Muthe gewesen, daß er fast sich nicht losreißen konnte von ihr und immer wiederkehrte und länger und länger verweilte, bis der Morgen über den Bergspitzen aufdämmerte.

»Da sind wir ja wieder; Gott geb' uns Glück auf die Weide!« lief der Meistersenn, als der Zug angelangt war oben auf den Alpen, wo beim Anblick der Hütten ihm das Herz im Leibe lachte.

Ungeduldig hielten die Kühe, bis die schweren Glocken ihnen abgenommen und leichtere umgehangen waren; dann zerstreuten sie sich nach allen Seiten, gleich als wollten sie sehen, ob noch Alles überall so wäre wie voriges Jahr. Scheu ob dem neuen Geklingel, flogen die Raben von den Tannen und flüchteten die schüchternen Gemsen sich höher hinauf an die Felsen.

Herüber von den Nachbaralpen jauchzten die Sennen, die früher hinaufgezogen, und bewillkommten die Neuangekommenen. Der Meistersenn nahm den großen Trichter vor den Mund und rief seinen Nachbaren Glück zu und einen heitern Sommer, und diese schwangen ihre Eimer, zum Zeichen, daß sie ihn verstanden und ihm dankten. Auch ihre Kühe streckten den Kopf in die Höhe, schüttelten die Glocken und muhten so lang, bis des alten Thomas seine ihnen antworteten.

Jetzt richtete man sich emsig ein in der Hütte, Keller und Milchkammer wurden gesäubert, und droben auf der rußigen Diele schüttelte der Küherbub das verlegene Heu auf zum Nachtlager. Mit Axt und Säge zogen Franz und Ruodi aus, um die ästigen Tannen, die Winterstürme niedergeworfen hatten, wegzuräumen von der Weide und Holz herbeizuschaffen für den Sommer.

Alles war freudig beschäftigt, nur Uli stand da, trüb und müßig, als wenn ihn Alles nichts anginge. »Ich will die Weide umgehen und sehen, wie's mit den Hecken steht, ob die Kühe nirgends durchbrechen können in die Nachbaralpen oder hinabgleiten über die jähe Wand an der Nesselfluh, sprach er und entfernte sich von dem fröhlichen Treiben der Andern.

Das Uebermaß von Schmerz sucht die Einsamkeit, wie das Uebermaß von Wonne.

Tage kamen und verschwanden, Blumen blühten und verblühten; in der Hütte füllte sich's an mit dem gesegneten Ertrag der Heerde; Alles wechselte, nur in Ulli's Seele lag immer und immer die eine dumpfe, freudenlose Nacht. Er allein, wenn Alles um ihn lachte. Alles um ihn freudig war, mochte des Lebens nimmer froh werden. Die ganze weite Welt schloß nur Eines in sich, was seinem Herzen noch Reiz für das Dasein verlieh; es lag ihm so nahe, ach, und dennoch konnte er's nicht erreichen! – Armer Junge! Alles um dich knospet und treibt Blüthen; aus den Rissen der kahlen Felswand selbst sproßt der Alpenrosen grünes Gesträuch und will mit feurigen Blümchen sich schmücken, und du stirbst einsam ab mitten unter aller Fülle des Lebens; nur dich allein vermag des Himmels heiteres Blau, die frische Luft der Alpen nicht zu beleben. O des Schmerzes, so zu lieben!

Wenn die Sonne unterging und ihre letzten Strahlen nur die höchsten Spitzen der Berge noch vergoldeten, ging Ulli öfter hinaus an die furchtbare Nesselfluh, wo's thurmtief unter ihm lag, und winkte hinab in den Silberduft, der drunten um die Hügel schwamm; aber seine Elfi sah es nicht, und wenn er ihren Namen auch tausendmal rief, antwortete ihm immer nur das einsame Echo aus fernen Klüften. Oft kniete er nieder und betete mit zerrissenem Herzen zum Himmel um Linderung seiner Leiden, oft blieb er stehen und sah starr vor sich hinab, als wenn das sein Grab wäre, was so tief unter ihm sich aufthat. Die Sennen, die ihn da sahen, wichen ihm aus; sie meinten, ein böser Geist habe sich in sein Herz genistet und wolle ihn um die ewige Seligkeit bringen.

Der alte Thomas, dem man das erzählte, war tief in der Seele ergriffen. »Der Junge verbittert mir mein Alter, und ich hatt' ihn doch immer so lieb!« rief er oft und wühlte mit der rauhen Hand in seinen weißen Locken.

»Ruf', um aller Heiligen willen, ihn doch herab und sag', du wollest die Elfi ihm lassen; du siehst ja, daß er sich abhärmt, bis er eine Leiche wird!« erwiederte alsdann Gertrud.

»Das darf nicht sein, das kann nicht sein!« versetzte der Alte. »Ich käme bei den Leuten um Ehr' und guten Namen, wenn ich des verrufenen Georgs Kind meine Schwiegertochter nennte. Doch, doch das wollt' ich noch Alles eher hingehen lassen; aber in meinen alten Tagen noch einen Gewissensskrupel auf mich laden – Gertrud, Gertrud, hat der heilige Geist dich verlassen?«

»Was meinst du?« fragte die Hausfrau zitternd.

»Mit einem Manne, dem der Böse auf jedem Schritte folgt und auf seine Seele wie der Geier auf seine Beute lauert, in Verwandtschaft treten, mit seinem Fleisch und Blut meinen Sohn verbinden – Weib, wie sollte aus dieser Verbindung Heil und Segen erwachsen?«

Gertrud war auf diese Antwort wie vernichtet. Ihr gingen die Augen jetzt auf, und ohne ein Wort mehr zu sagen, schlich sie hinaus und weinte bittere Thränen über ihres Sohnes unglückliche Liebe. Ach, er war ihr jüngster, liebster Sohn! –

Unterdessen war auch auf Elfi's Wangen alles Roth verblichen. Sie war nicht mehr die Jungfrau, die wie eine Rose blühte, sondern gleich dem Frühblümchen, das, vom nächtlichen Reife erstarrt, bei aufgehender Sonne Kelch und Blätter traurig sinken läßt. Einst war sie so heiter und froh und schritt wie eine Göttin durch das Thal, von Allen, die sie kannten, bewundert, und jetzt lebte sie so düster und still und ging so bleich und blaß daher, von Allen, die sie sahen, betrauert. Die Lämmer, die sie einst so sehr geliebt, kamen jetzt umsonst des Morgens herab an die Haselhecke und blöckten vergebens durch das Gatter; keine liebkosende Hand streckte ihnen Salz hin und gedörrte Aepfelrinde. Nur bei den Aurikeln in ihrem Garten weilte sie noch gerne und sah oft Stunden lang mit mattem Blicke in ihre lieblichen Kelche. Sie erschrack, wenn ihre herbeigekommene Schwester zärtlich beim Namen sie rief, und auf die Frage, was ihr denn auch fehle? erwiederte sie Nichts und richtete ihre Augen empor zu den Bergen, wo ihr geliebter Ulli, wie sie, trauerte.

Endlich gelang es Elfl's Mutter, die Ursache ihres stillen Grames zu erfahren. Der Vater, dem sie diese mittheilte, hatte Nichts gegen der Tochter Wahl und meinte, sie hätte nicht nöthig gehabt, um ihrer Liebe willen sich so abzuhärmen. »Ich will«, sprach er, »mit dem alten Thomas über die Sache reden; verschreibt er seinem Sohne gleich so viel als Eigenthum, daß die jungen Leute ehrlich dabei bestehen können, so geb' ich die Tochter gerne hin.«

Er ließ Ulli's Vater wegen einer dringenden Angelegenheit zu sich rufen. Lange zögerte dieser; endlich erschien er. Mit heimlichem Grauen betrat er die Schwelle des verrufenen Hauses; aber auf die Heirathsbedingungen, die Georg ihm machte, sagte er weder ja noch nein, sondern begab sich sogleich zum Pfarrer, um sich bei diesem in einer so wichtigen Sache Raths zu erholen.

»Ihr wollt Euern Sohn dem Teufel überliefern?« fuhr der geistliche Herr ihn an. »Thomas, Thomas, Ihr seid noch ungläubiger als der Apostel, dessen Namen ihr unwürdig traget!« Auf diese Anrede zitterte der Alte wie ein Espenblatt und ein Strom von Thränen floß ihm über die bleichen Wangen herab.

»Hört!« sprach nach einiger Zeit der Pfarrer etwas ruhiger, indem er des Thomas Hand ergriff, »laßt vor Allem für Euern verirrten Sohn neun heilige Messen lesen, damit ihm Gott seinen Engel wieder sende, den er ihm entzogen hat. Darauf macht mit ihm eine Wallfahrt nach dem gnadenreichen Einsiedeln, daß er das wunderthätige Bild dort berühre und Wasser trinke von dem heiligen Brunnen, welcher ihn reinige von seiner sündigen Liebe und seine Seele stärke zu einem neuen, bessern Leben.«

Der alte Thomas versprach's und ging getröstet nach Haus. Wenn die Ernte vorüber und er all' seine Garben unter Dach gebracht, wollte er die Reise mit dem Sohne antreten. So war er entschlossen, und Mutter Gertrud billigte freudig diesen Entschluß. »Es geht doch wahrhaftig Nichts über den Pfarrer, der kann aus aller Noth helfen!« lief sie aus, und ein zufriedenes Lächeln zog seit langer Zeit wieder zum ersten Mal um ihre welken Lippen.

Aber ach, sie hatte sich schrecklich getäuscht! Der arme Ulli berührte das Wunderbild umsonst und trank vergebens Wasser von allen Röhren des heiligen Brunnens. – Wallfahren heilt die Liebeskranken nicht!

Wie er wieder hinaufkam auf die Alpen, war es noch so traurig wie vordem – das Gluthverlangen nach seiner Elfi hatte kein heilig Wasser ausgelöscht. Sein Inneres wurde immer mehr und mehr zerstört und sein Geist mit jedem Tage kränker. Er dachte an Nichts mehr, als an die Geliebte, und wenn der Mond hinter den Bergen aufging, nahm er seine Zither, saß hinaus vor die Hütte und sang immer nur dieß eine Lied:

'S ist gar so öd u schurig,
Mys Herz isch trank u trurig,
     Voll Schmerz u Weh;
Ach Gott, 's cha nümme g'sunde,
'S het gar so tiefe Wunde,
     O jeh!

Bym Liebche wär i gerne,
Doch's Liebche-n-isch mer ferne,
     Darf's nümme gseh;
Sust isch jo nüt uf Erde,
Daß i'chönnt gheilet werde,
     O jeh!

I d'Heimet kehr i wieder,
Bald stygt my Engel nieder
     Us blauer Höh;
Lebt wohl, ihr grüene Weide,
Der kranke Hirt thuet scheide,
     Ade!

Eines Abends, als er auch so gesungen, legt' er die Zither nieder ins feuchte Gras und ging hinauf an die Nesselwand. Lange starrte er hinab in die nächtliche Tiefe, lange hinaus in die mondbeleuchtete Ferne, winkte mit dem Arm und rief: »Elfi! Elfi!«

»Komm herab zu mir, geschwinde, geschwinde!« antwortete eine Stimme von der Tiefe herauf. »Geschwinde, geschwinde!« schrie er in herzzerreißendem Tone und – stürzte sich hinunter über die Felswand.

Vergebens suchten ihn die Sennen die ganze Nacht; erst am folgenden Morgen fanden sie ihn zerschmettert und verblutet. Aber ach! auf seinem Leichnam lag auch Elsi's Hülle, todt und kalt. – Von unendlicher Sehnsucht getrieben, war sie hinaufgegangen beim Vollmondschein an die Nesselwand, weil sie gehört hatte, daß ihr Ulli dort bei stiller Nacht oft weile. Sie hatte seine Stimme vernommen und ihn herabgerufen zu ihr; aber der Liebende war ihr zu geschwinde gefolgt!

So wurden Ulli und Elsi das Opfer unglückseliger Begriffe. Aber wenn auch im Leben getrennt, wurden sie doch im Tode vereint: ihre Asche ruht in einem Grabe.

Da, wo man ihre Leichen gefunden, stand lange ein schwarzes Kreuz, und noch geht die Sage, daß man, so oft die Hörner des Mondes sich füllen, daselbst rufen höre: »Komm herab, geschwinde, geschwinde!« Die Hirten umher meiden den Ort, doch wollen Viele gesehen haben, daß öfter zwei schneeweiße Tauben die Nesselwand umflattern.








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