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Carl Albrecht Bernoulli: Ull - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleUll
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1931
firstpub1931
publisherGrethlein & Co
addressZürich / Leipzig
titleUll
pages352
created20140222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

1

Es war nur zu begreiflich deshalb, daß er während eines Aufenthaltes in Berlin mit beiden Händen nach der gefährlichen Gelegenheit griff, sich in der Masse zu Markte zu tragen.

Er ruhte nicht, bis er Zulaß erhielt, und wies Belege vor als Vertreter der Presse. Die ungeheure Versammlungshalle faßte siebentausend Personen. Das große Stelldichein der harten Gegensätze wollte sich wieder einmal abwickeln. Geordneter Aufmarsch, durchgeführt mit satten, militärischen Instinkten, dreitausend von rechts, dreitausend von links. Von eigentlicher Uniform war wenig 297 zu sehen, doch ähnelte sich alles darin – im Drill, im Takt, im Blick.

Ull befand sich in einer dünnen Freizone, auf der Mitte der Riesenfläche. Erhöhte Trittbretter und Fußgestelle deuteten eine spärliche Ausstattung an. Auch Stuhlreihen standen in langen Fluchten einander zugekehrt. Wer nun eigentlich die Veranstaltung leitete, ging aus einem näheren Anzeichen nicht hervor; vorgesehen jedoch war, daß die Ordnung aufrechterhalten bleibe, der Staat meldete seine Anwesenheit mit den blanken Kopfbedeckungen seiner Blauröcke, die gemächlich Schritte taten oder dastanden.

Ull sah sich vergeblich nach Schultze um. Von dem einen Exemplar hing ja das Dasein der Gattung auch nicht ab. Ein gutes halbes Dutzend anderer Schultzes machte sich um ihn herum bemerklich, ebensolche Schultern und Armmuskeln und Bäuche. Für private Erwägungen blieb freilich kaum noch Zeit. In diesem Raume galt nur die Masse. Sie bewegte und half sich selbst.

Eine tönende Ankündigung aus einem Metallinstrument. In der Ferne eine sich überkreischende Stimme, man verstand nichts. Alsdann ein Ruck durch die beiden Saalhälften. Rechts dreitausend hochgestreckte Männerarme mit senkrechter Handscheibe –: »Heil Hitler!« Links dreitausend wütend geschüttelte Männerfäuste –: »Spartakus! Rotfront!« Die gigantische Begrüßung stellte sich kommandohaft von selbst wieder ab. Es blieb aber Unruhe zurück, anfangs wenig fühlbar. Vereinzelt sah man Redner aus der Menge ragen, hörte unverständliche Mitteilungen. An der feindlichen Frontlinie – sie lag sich hinter dem schmalen Zwischengang lauernd gegenüber – änderte das nichts.

Ull entging es nicht, wie in seiner Nähe auf beiden Seiten die Sitzgelegenheiten im Hinblick auf ihre untere Beschaffenheit einer näheren Prüfung unterzogen wurden. Lässig an der Lehne zurückgebogen, mußte der Sitz vier Beine zeigen, die sich abschrauben oder mit der nötigen Muskelgewalt abdrücken ließen. Schon hörte man es da und dort verdächtig krachen.

298 Plötzlich flog aus den Reihen der Kommunisten ein Stuhl wie ein Flugzeug hoch und fiel, von unsichtbarer Segelkraft getragen, über die neutrale Scheidezone in die Reihen der Völkischen. »Der Stuhl setzt sich wieder einmal hin, wo er will,« lachte es grimmig in Ull auf. »Er fragt nicht vorher, ob er dürfe.« Das war das Zeichen zum Ausbruch des Kampfes. Doch sah es fast eher nach einem grausen sportlichen Spiel aus, als nach einem kriegerischen Handgemenge. Auch die Politik verlangt nach Olympiaden und bietet körperliche Höchstleistungen und Meisterschaften. Um die kühle Neugier des Zuschauers war es aber geschehen. Den Anwesenden blieb nichts weiter übrig, als sich unbeteiligt zu verhalten.

Allerlei Stöße und Püffe erinnerten Ull an sich selbst, und als er sie nach besten Kräften zurückgab, sah er sich im anhebenden Tumult gegen einen Ausgang hingedrängt. Dieser sich ihm öffnenden Rettung strebten seine Ellbogen mit allem Aufgebot von Selbstbehauptung unentwegt zu. Sein Zielbewußtsein erwies sich aber als überflüssig. Lawinenhaft wurde er getragen und verlor von einem Schritt zum andern den Boden unter den Füßen.

Die Postenkette der Schutzleute sperrte dicht ab. Die anschwellende Menge staute sich. Ohrenbetäubendes Schreien und Grölen – alles wollte hinaus. Ein Gummiknüppel flößte Ull Achtung vor dieser Gattung der Schlagwerkzeuge ein. In diesem Hieb auf die Schulter saß Saft, er mußte vor Schmerz aufstöhnen. Die Strömung dieser Menschenflut trug ihn in die Mitte der Fläche zurück, da nahm er mit dem Arme, den er noch gebrauchen konnte, ein lediges Stuhlbein auf, um mit der Waffe in der Hand sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen.

Es befanden sich durch Zuzug Hunderte von Schutzleuten im Saal. Ihre kräftig durchgeführten Streifzüge prägten allmählich ein Hochbild mit ragenden Inseln und absinkenden Tälern aus. Einen Augenblick erlag Ull der Versuchung, sich dieser landschaftlichen Sehenswürdigkeit genießend zu überlassen, da man ihrer 299 nicht jeden Tag ansichtig wurde. Ein Schlag an den Hinterkopf entriß ihn dieser ästhetischen Anwandlung gründlich. Doch seine Streiche mit dem Holzbein verfehlten ihrerseits die Wirkung auch nicht. Nur vermißte er jetzt Röde – mit dem hätte er gern abgerechnet. Der war aber so unpünktlich wie Schultze, – und da mangels sonstiger Bekannten dieser Rösselsprung mit allem Hinundherraten auf die Dauer langweilig zu werden drohte, entschloß er sich aufs neue, das Schlachtfeld zu verlassen. Er sah sich um. Auf dieselbe Tür zu, von der er das erstemal zurückgeprallt war, ebnete sich jetzt ein freier Durchweg, doch diese Straße war auf eine sehr wenig alltägliche Weise gepflastert. Rücken und Köpfe deckten den Gang, und man mußte sich erst an diesen ungewohnten Fußboden gewöhnen, wollte man nicht selber zu Fall kommen. Aufs neue wurde Ull umringt. Da fegte ihn sein Knüppel mit drei Streichen frei. Die Augen geradeaus und die Füße hoch, erst auf den Rücken da, dann auf den Kopf dort – und bei jedem Tritt mit äußerstem Nachdruck aufstampfend. Wie das Schritt für Schritt zuging, wußte er nicht mehr, als er draußen war.

 

Ull trug Quetschungen davon. Er blieb einen Tag ans Zimmer des Hotels gebannt, bis er sich wieder rühren konnte. Ein Arzt mußte geholt werden. Es war das blaue Auge, mit dem er als verdientem Denkzettel für seine sträfliche Neugier davonkam!

Der Krankentag war nicht verloren, es gab wieder einmal keinen Zufall! Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm er die mitgebrachte Reiselektüre zur Hand. Die Ilias! Im Urtext! Er, der deutsche Hölderlin-Grieche, fand sich ja noch ganz anständig mit dieser angeblich toten Sprache ab!

Was für Gemütsathleten damals vor Troja! Man mußte seine Freude dran haben! Und gar er, der brühwarm von einem sehr eindrücklichen Anschauungsunterricht für das Kampfgewühl der Heldensage herkam! Ein wahrhaft homerisches Handgemenge hatte er 300 eben durchgemacht – die Wildwasser seines Volkes brausten ihm an die Ohren!

Diese Wildheit bannen und in Dämme legen – darauf kam es an. Es wäre feige, vorher haltzumachen. Den Elementen war als neutraler Zuschauer nicht beizukommen. Die Beule an seinem Hinterkopf lehrte ihn das. Einem Feinde sieht man sich von Anfang an gegenüber. Ihn erst aussuchen und künstlich zurechtmodeln, heißt sich um den Krieg drücken statt tapfer zu sein!

Mußte aber an einer solchen Einsicht eine Natur wie die seine, eine besinnliche und von Vernunft erfüllte, nicht zugrunde gehen?

Um nichts in der Welt hätte er diese zünftige Katzbalgerei drangegeben. Das war noch ein unwillkürlicher Protestantismus, wenn freilich von etwas hanebüchener Art, für den ihm der Sinn nicht völlig abging. Selber sich säuberlich heraushauen aus der groben Holzerei der anderen, die einem ja nichts anging. Sich aufsparen für das Eigene, damit man zur rechten Stelle und Stunde noch da war für die anderen, wenn sie nicht mehr aus und ein wußten.

 

»Aber du Ärmster – mit dem Gummiknüttel? Hier auf die Schulter?« jammerte Ottilie. Sie rieb ihm den schwarzblauen Streifen tüchtig mit Arnika ein.

 

2

Eines Tages, zwischen Stadtgängen, setzte er sich auf eine der Bänke in den Anlagen vor dem Schauspielhaus, um ein bißchen dem Treiben zuzusehen, das mit den elektrischen Bahnen und dem übrigen Fahr- und Fußgängerverkehr sich um die Promenadeninsel mit dem Musikpavillon drehte. Plötzlich stand Julius Röde vor ihm. Blieb stehen, grüßte. »Mit Verlaub,« sagte Röde und nahm am anderen Ende der Bank Platz. Heinrich änderte seine Stellung, in welcher er angeredet wurde, nicht. Es mußte dem ehemaligen Fabrikarbeiter gut gehen. Er trug einen schnittigen 301 Konfektionsanzug, der weiche Filz in der hellen Modefarbe mit dunklem Band saß ihm angriffslustig schräg über die Stirn nach hinten. Offenbar versah er einen gut bezahlten Agentenposten, wie das Gerücht umlief. »Herr Doktor,« – er gab sich ein Ansehn, »Sie sollten auf Ihren Vorteil bedacht sein. Der winkt Ihnen an meiner Seite. Hören Sie auf, mir feindselig zu sein. Vergessen Sie, was geschah – Sie besitzen ja nun, was Sie begehrten. Sie können den russischen Sieg nicht aufhalten. Niemand kann das.« Es klang etwas auswendig gelernt.

»Auch ich könnte es mir bequem machen und so wie Sie jetzt die Augen schließen,« hörte er ihn fortfahren, und dieser artikuliert ausgesprochene kleine Satz traf ihn unerwartet verletzend, so daß er die Lider aufriß und Röde anstarrte.

»Und der Schlagring, den ich Ihrer Frau damals auf der Tanzdiele schenkte – hat sie ihn noch – bewahrt sie ihn auf?« Es blitzte aus den Augen des Umstürzlers. Ein neuer Treffer! Heinrich schluckte trocken und rührte sich nicht. Und schon sprach Röde weiter:

»Mirjam Lanz ist meine Kurtisane geworden. Sie würde jederzeit für mich durchs Feuer gehen. Ich heirate sie nicht. Bei uns braucht es das nicht. Sie hat den andern Totschläger damals an sich genommen. Erinnern Sie sich nicht, Herr Doktor? Jetzt habe ich keinen Totschläger mehr. Habe etwas Besseres. Das da –« Er zuckte mit der Hand nach dem Innern der Weste. »Ein Stellmesser – springt auf – sehn Sie!« Aus seinen Fingern flammte, wie eine nach oben zuckende Blitzzunge, die schmale Klinge eines langen Dolches auf.

Jetzt war es um Heinrichs ruhiges Blut geschehen. Seine bis dahin noch freischwebende Hand packte mit einem Schlage die Lehne der Bank. Durch seinen Körper fuhr ein Ruck, um aufzuspringen. Sein Blick nahm einen Sprung weg von seinem Gegenüber in die Runde der Umgebung, wo die elektrischen Tramwagen läuteten und die Hupen der Automobile gellten.

302 »Sie schauen sich wohl nach dem Schutzmann um, wegen verbotenen Waffentragens? Das ist ja doch alles nicht so ängstlich,« lachte der Kommunist. Heinrich sah ihn behutsam über dem Messerheft einen Ring umdrehen und dann die Klinge wieder im rechten Winkel einschnappen.

»Ach ja, was meinen Sie,« triumphierte der Bursche keck, »so einen hat nicht jeder – echter Sowjetstahl – in Moskau geschliffen – zollfrei im diplomatischen Kuriergepäck eingeführt – ein Präsent des Kommissars an mich. Mirjam weiß nichts davon. Die hütet ihren Schlagring.« Und ehe Heinrich ihm zuvorkommen konnte, sprang er auf seine Füße, nickte höhnisch und machte sich eilig davon. Er steuerte über den Kiesweg auf den nächsten Bürgersteig zu und verschwand in der ersten Menschenansammlung.

Auf dem Wege zu seinem Dienstort spielte Heinrich sein stets bewegliches, überreiches Wissen wieder einen Streich. Das mit dem Dolche gab ihm weiter nicht zu denken, das hatte sich eben so gegeben und war eine selbstverständliche Beigabe zur ganzen unvorhergesehenen Begegnung. Aber daß Röde ihm hinwarf: »Auch ich könnte die Augen schließen« – das beschäftigte ihn schwer, noch als er die Treppe zu seiner geschäftlichen Verabredung hinan stieg. Das war doch das ursprüngliche Stichwort für das Phänomen der Mystik – ›myein‹, das hieß auf griechisch soviel wie die Augen schließen. War da bei dem kommunistischen Aktivismus nicht auch nur wieder ein Stück Mystik im Spiel, eine entartete Träumerei, ein Sichgehenlassen beim sehnsuchtsvollen Hinausblick auf die nicht endenwollende Steppe? . . .

»Was hast du, Heinz? Dir ist etwas widerfahren?« entdeckte Ottilie die Verstörung in seinem Wesen, kaum daß er zu Hause war, – umsonst suchte er sich natürlich zu geben. Sie trat dicht unter ihn, sein Blick wich aus. Nur eines konnte es sein, zuckte es in ihr auf. »Es ist etwas mit Röde? Hast du ihn angetroffen?«

»Wie kommst du darauf? Das liegt doch so abseits wie möglich.«

303 Hellsichtig bestand sie darauf. »Und doch ist es so. Du bist Röde begegnet.« Sie nahm sein Gesicht zwischen die Handflächen. Seine Lippen liefen weißlich an und zitterten. Sie wagte den Kuß nicht.

Da half er sich mit der Notlüge heraus. Ein Geständnis lag jenseits jeder seelischen Möglichkeit, bis sie sich mit seinen Ausflüchten zufrieden gab.

 

3

In einem Nachbardorfe, von der Stadt etwa in der gleichen Zeit wie Hanhagen zu erreichen, nur in der entgegengesetzten Richtung, bot die sonntägliche Predigt des dortigen Gemeindegeistlichen die auch anderswo auftauchende kulturfeindliche Verkündigung von der zürnenden und kaum noch erreichbaren Ferne Gottes. Wir müssen dahinterkommen – nicht daß wir sind, wie die Philosophen uns das mitteilen wollen, sondern im Gegenteil: daß wir noch nicht sind! Gott zürnt uns, weil er die Unheiligkeit unseres fleischlichen Daseins auf seine Ehre nimmt. Und an der sehr spürbaren Handgreiflichkeit des göttlichen Zornes – und wem gehen seit dem Krieg die Augen nicht auf? – wird uns klar, daß unsere Kultur Abfall von Gott ist. Entschlagen wir uns der verderblichen Selbsttäuschung, als ob da wir zu helfen in der Lage wären! Glauben wir an das bevorstehende Gericht, aber zugleich auch an die Treue Gottes! An seiner Erhabenheit geht die Welt zuschanden. Gott vermahnte durch uns – lasset euch versöhnen mit Gott! Der Mensch kann Mensch bleiben, er braucht nicht an der Welt vorüberzugehen wie ein buddhistischer Mönch. In einem Stücke haben wir Menschen unser Heil in der eigenen Hand – von uns allein hängt es ab, ob das Wort, das von Gott kommt, ja oder nein zu uns sagt! Da muß sogar Gott uns die Entscheidung überlassen. Unsere hochmütige Einbildung bildet die einzige Schranke seiner Allmacht. Noch schlägt er nicht zu, noch läßt uns seine Langmut Zeit, uns von ihm retten zu lassen.

304 Von dieser neuen theologischen Lehre hörte Ottilie an einem Damentee erzählen. Eine Fabrikantentochter und eine Rechtspraktikantin besuchten öfters die Gottesdienste jenes Pfarrers. Dr. theol. Ernst Hofacker entsagte seiner bescheidenen Wirksamkeit unter einer Landbevölkerung einstweilen nicht, obschon er sich mit seinen Schriften längst einen Namen geschaffen hatte und immer die ihm angetragenen akademischen Lehrstühle ausschlug. Ottilie verschaffte sich daraufhin Bücher von ihm. Das Mißtrauen, mit dem sie sie in die Hand nahm, schwand über dem Lesen dahin. »Du,« sagte sie zu Heinrich, »da scheint mir etwas dran zu sein. Bei dem werde ich meinen Kommunismus los. Der legt uns das Dreinschlagen in die eigenen Gewissensbisse hinein, scheint mir. Das will überlegt sein. Ich werde mich gründlich damit befassen.« Schon am nächsten Sonntag gingen sie zusammen die Stunde Weges zu Fuß hin und zurück. Der Eindruck entsprach ihrer Erwartung. Acht Tage später fühlte sie sich nicht wohl genug, um mitzugehen. So bestieg Heinrich sein Fahrrad, um ihr dann zu berichten. Als sie wiederhergestellt war, nahmen sie jene begeisterten Anhängerinnen des neuen Propheten eines Abends mit hinaus in eine Bibelstunde, nur weibliche Gemeindemitglieder und jene drei Gäste waren anwesend. Sie trafen es nicht günstig, wie es auch dem Geübtesten geschehen kann. Ob nun die Anwesenheit der ihm bis dahin unbekannten Frau Dr. Ull, von deren ungestümem Vorleben ihm einiges zu Ohren gekommen war, sowie einige kecke, aber ihrerseits durchaus harmlos und wohlgemeinte Zwischenfragen ihn kopfscheu machten – kurzum, der sonst seiner Sache so sichere Pfarrherr versagte bei diesem Anlaß völlig. Er brachte die Erbauung nur zu einem vorzeitigen Ende, indem er sich mit einer aus Überarbeitung plötzlich eingetretenen völligen Gedankenflucht entschuldigte.

Der Vorfall tat der Hochachtung für ihn auch bei Ottilie keinen Abbruch, sie stand nach wie vor unter seinem Banne. Hier war noch heiliger Ernst zu vernehmen, von einer Weltbetrachtung her, die 305 hoch über den flüchtigen Reizen oder Enttäuschungen des Tages aus einem unerschütterlichen Wurzelgrunde emporragte. Sie blieb dem geistlichen Kulturankläger in Bescheidenheit dankbar für den Zwang zur Ehrerbietung, die von seinem Wirken her auf sie überging. Sie bestellte auch die Zeitschrift ›Gottesmahnung‹, die er alle vierzehn Tage herausgab, und las aufmerksam in den eintreffenden Nummern.

Heinrich lag es ferne, etwa wie über einer überspannten Sonderbarkeit die Nase zu rümpfen. Er verschloß sich der Tatsache nicht, daß sein geliebtes junges Weib sich in religiöser Sammlung beruhigte und zugleich belebte. Und das in einem Abschnitt ihres mütterlichen Werdegangs, wo die Wirkungen eines solchen Verhaltens die in ihr keimende ›unsterbliche Seele‹ seines künftigen Kindes nur günstig beeinflussen konnten.

 

Es ging auf Weihnachten zu. »Übers Jahr feiern wir schon zu dreien, hoffen wir.« Dieser Gruß stieß ihn in ein Gefühl tiefster Einsamkeit hinein. Sie tut sich dem Manne dann auf, wenn sich sein Bewußtsein mit den großen Verantwortungen füllt. Die Ziele, die Pflichten, denen er mit Schaffensfreude entgegenwuchs, drängten nicht mehr wie sonst mit der vollen Kraft der Lockung und des Befehls auf ihn ein. Es fragte aus ihm heraus manchmal gebieterisch: »Sag mal, bist du eigentlich ein anständiger Kerl? Machst du dir und den andern nichts vor?« Das ging zusammen mit einer fast quälenden Ungewißheit, wohin er letzten Endes nun seinen Gehorsam zu richten hätte, und da geriet er mit seinem Nachdenken und Grübeln in eine leidende Lage vor sich selbst. »Das Leben duldet mich nur, ich werde von der Welt gerade noch ertragen.« Er ging dann oft lange Zeit auf und ab und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare.

Rätselhaft erschien ihm auch, wie seine Frau sich unablässig zu schaffen machte. Dutzendweise verschnürte sie eigenhändig Pakete, 306 um sie anderen zu schenken. Ihr schwerfälliger Zustand verhinderte sie nicht, er steigerte sie. Es gab hier und da Zustände um ihn herum, die waren in nichts von außergewöhnlicher Art, und doch lösten sich ihm die scharfen Umrisse der Dinge und zerflossen ins Unfaßliche.

Halt gab ihm in diesen kurzen, oft aber auch über Tage sich hinziehenden Zeitspannen, da ihm sein Wesen ins Wanken geriet, noch mehr als der sichtbare Anblick ihrer Gestalt der gewohnte, ihm über die Maßen teure Klang von Ottiliens Stimme. Es war dieser ungemein einprägsame Ton in der Altlage, der an die goldbraune Kantilene eines kostbaren Violoncells gemahnte, der seinem Liebesbedürfnis angemessenste Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Es floß in ihm über, wenn sie sprach.

»Irgendwie sind wir in etwas Ganzes verwoben – dürfen wir das? Sind wir das wert?« fragte er sie einmal aus dieser Sehnsucht heraus, von dem Element ihres Stimmklanges umspült zu werden. Es schwang das außervernünftige, ahnungsvolle Teil seines Wesens auf natürliche Weise mit.

Wie gesagt, unglücklich fühlte sich Ull in keiner Weise. Nur geriet ihm mit solchen Stimmungen seine Natur sozusagen ›ins Schwimmen‹. Das war nicht ratsam, weil ein solches gleitendes Gleichgewicht, mit dem sich sehr angenehm leben ließ, das Gegenteil von einem Standhalten darstellte. Und nur das macht bekanntlich den männlichen Charakter aus. Da war denn sein Glück in der Ehe nicht von ungefähr, weil er in ihr den Halt fand auch gegen seine gelegentlichen Dämmerungen.

 

4

Als Pater Graf Vischering von einem Ausgang in die Stadt heimkehrte, wurde eine Dame gemeldet, die auf ihn warte. Er ließ Mirjam eintreten.

»Ich erhielt von Ihnen Briefe – kann aber nicht klug draus 307 werden. Sie wollen den christlichen Glauben nicht annehmen, suchen aber Schutz bei ihm.«

Ob der Herr Pater schon Zeit gefunden habe, einen Blick in ihre Druckschrift zu werfen? Dort stehe schwarz auf weiß: die katholische Kirche soll mit dem Kommunismus gemeinsame Sache machen unter dem bindenden Gelübde für beide: der Protestantismus ist erledigt!

Der Mönch behaftete sie dabei, er stehe ihr nur für persönliche Anliegen zur Verfügung.

»Hochwürden! Es sind zwei bestimmte Fragen, die ich Ihnen vorlegen möchte.«

»Wie lautet die erste?« Der Pater war vom Hofe her, wo Sonne lag, beleuchtet. Sein Gesicht war von großer männlicher Schönheit. Stählerne Kraft fügte sich in diesen Zügen zusammen. Aus dem Blick, den er erwartungsvoll auf sie richtete, durchdrang sie ein Strahl, der sie weder erregte noch verwundete, nur ermutigte.

Daß sie mit einem jüngeren Führer des deutschen Kommunismus sich verbunden habe, war ihm bekannt. »Wir werden nicht heiraten. Er kann gehen, wohin er will, und lieben, welche er will – ich lasse nicht von ihm. Er lebt mit mir, ich bin ihm nützlich. Nur habe ich Grund zur Befürchtung, daß er im Zusammenhang mit seinen politischen Zielen vor dem Äußersten nicht zurückschrecken wird. Einem Umsturzmann von heute ist das Zuchthaus ein Feld der Ehre, wie dem bürgerlichen Soldaten der Kampfplatz. Ich muß stündlich damit rechnen, daß er ein Verbrechen begeht. ›Wer ein Schädling ist, muß aus dem Wege geräumt werden,‹ hat er mir schon mehr als einmal versichert. Er wird Ernst machen bei gegebener Gelegenheit.« Mirjam hielt inne. Es war ja möglich, daß dem Geistlichen, der nun erkennen konnte, um was es sich ungefähr handelte, eine solche Angelegenheit Ärgernis bot.

Der Pater unterbrach sie nicht. Unverwandt durchdrang sie sein 308 kühler Blick. So fuhr sie fort: »Wenn er eines Tages verhaftet und verurteilt wird, kann ich dann in einem Kloster meine Zuflucht finden? Solange er im Zuchthaus ist – im ›Jenseits‹, wie seine Gesinnungsgenossen das nennen, – solange will ich nicht in der Welt leben. Ich will am selben Tage wie er verschwinden, so daß niemand weiß, wo ich hingekommen bin. Allerdings nur, um mich sofort wieder zu ihm zu begeben, sobald er seine Freiheit wiedererlangt. Nur ein Kloster kann mir diese Möglichkeit, wie ich sie mir ausgedacht habe, gewähren.« Sie schwieg.

Nach einer Weile sagte der Pater: »Sie wollen in kirchlicher Obhut Jüdin und Atheistin bleiben? Aber das aufrichtig gemeinte Gelübde ablegen, daß Sie die Größe der Kirche verehren, wenn sie Ihnen Asyl gewährt? Sie werden nicht den geringsten Anspruch erheben, sei es auf sakramentalen Beistand noch auf gleiche Behandlung wie gläubige Laienschwestern, wenn auch eine gewisse standesgemäße Beachtung einbedungen werden soll? Sie würden auf eine angemessene geldliche Abfindung für erhaltene Unterkunft und Beköstigung sich einlassen? Und eben vor allem einer geduldeten, dienenden Stellung sich unterziehen, selbst auf dem Gebiet der niederen Hausarbeiten? Denn ich habe den Eindruck, um es gleich offen zu sagen, daß nur auf einer solchen Grundlage der von Ihnen gehegte Plan kirchlicherseits in Erwägung gezogen werden könnte. Entspräche das Ihrer Auffassung?«

Der Dank stieg ihr aus der Seele, sah er. Ihn befriedigte das. Es war zu erkennen, daß ihm ihre Zusage Genugtuung biete.

»Hochwürden haben mich wunderbar verstanden,« gestand sie leise.

Die Mienen des Paters, in denen bereits Güte aufgekommen war, spannten sich strenger. »Fräulein Lanz, ich will nicht von vornherein in Abrede stellen, daß für die Leitung unserer Kirche eine allerdings nur sehr entfernte Möglichkeit besteht, auf ein derartiges seltsames Ansinnen einzugehen. Möge die entsetzliche Lage, 309 mit der sie glauben rechnen zu müssen, niemals für Sie Wirklichkeit werden! Ihre zweite Frage?«

Statt einer mündlichen Antwort hielt Mirjam dem Priester den Schlagring hin.

»Was ist das?«

»Ein Totschläger, wie man das nennt.«

Der Pater stellte sie zur Rede. Was er mit diesem Instrument solle? Offenbar müsse es dem befürchteten Gebrauche durch ihren Bekannten entzogen werden. Dazu sei die Zelle eines Geistlichen nicht geeignet. Für die Enteignung gemeingefährlicher Dinge gebe es die staatliche Polizei. Ihr Verhalten komme einer Zumutung gleich. Sie möge sich erklären. Doch müsse es schnell geschehen. Seine Gesichtszüge lagen finster. Die Stimme tönte hart.

»Segnen Sie diese Waffe!« flehte Mirjam.

Der Pater erhob sich in strammer Haltung von seinem Sitz und erklärte knapp: »Ich habe Sie bis jetzt für geistig klar gehalten. Den priesterlichen Segen für eine Mordwaffe?«

»Damit das Ding gefeit ist gegen den Schaden, den es stiften soll!« Die arme Frau überstürzte sich in Erklärungen. Sie befand sich außer Fassung, wie er zugeben mußte. Er hatte es mit einer tief unglücklichen Menschenseele zu tun. Sie bekannte noch, ihr Großvater sei Rabbiner gewesen, und sie habe bis ins erwachsene Alter einer gesetzesstrengen Familie angehört. Ihr Geliebter entstamme einer gemischten Ehe, seine Mutter habe für ihn die katholische Erziehung durchgesetzt. Er sei romgläubig getauft und von einem Bischof gefirmt. Darauf baue sich ihre Bitte.

»Niemals!« entschied der Pater, »über die verhindernde Gewalt des priesterlichen Segens sind die Lehren nicht einig. Ich müßte die Obern befragen. Aber es steht gar nicht im Bereiche meiner Befugnis, etwas Derartiges weiterzuleiten. Ich muß die Unterredung sofort abbrechen. Verlassen Sie mich auf der Stelle!«

Gebrochen sank Mirjam auf ihre Knie. Der Schlagring fiel zu 310 Boden. Sie griff mit den Händen nach dem Saum der Soutane, als wollte sie deren bestaubtes Ende an ihre Lippen führen, um es zu küssen.

Graf Vischering wehrte es ihr mit der Hand und wandte sich ab. Er war drei Schritte von ihr zurückgetreten und kehrte ihr den Rücken. Da nahm sie die Waffe auf, erhob sich mühsam und wankte hinaus.

 

5

Nach einer Abendgesellschaft in der Stadt fühlte sich Ottilie müde und wünschte heimzufahren. Sie legte sich gleich zu Bett, und Heinrich war ihr im Ausziehen behilflich. Als sie dann lag und er ihr im Korbsessel am Bettrand gegenübersaß, wurde ihr wohl. Das tat gut, nur einfach sich auszustrecken l

»Oh, nun geht es aber munter zu in meinem Leibe,« lachte sie und blickte Heinrich an. Seit kurzem setzten bei ihr die Kindsbewegungen kräftig ein. Sie streifte Steppdecke und Leintuch zurück, legte den Mantel, in dem sie schlafen ging, auseinander. Vom niederen Tisch warf die Lampe, die in gleicher Erhöhung vom Erdboden stand wie das Lager, die nackte Kurve der Leibeswölbung scharf an die Wand, es war die Schattenlinie eines Hügels. Das heißt – die Lampe stand etwas tiefer. Dadurch warf sie den Umriß noch um Fingerbreite vergrößert an die Wand.

»Sieh mal, fühle selbst, – nun zieht er das Bein wieder an sich.« Kürzlich stellte der Frauenarzt bei der Untersuchung, die durchaus günstig lautete, eine derartige Innenbewegung an ihrem Embryo fest. Heinrich sollte das nun ebenfalls entdecken. Er überließ ihr seine Hand, die sie in lebhafter Freude an die Stelle legte.

Er zog sie wieder an sich: »Das sagt mir nichts. Das Befühlen will doch gelernt sein. Du darfst dich nicht erkälten. Es geht ja alles seinen guten Gang.« Er deckte sie sorgfältig zu.

Sie ließ es sich gefallen, gestand, sie sei todmüde, schloß die 311 Augen und fiel in lange, tiefe Atemzüge. Er drehte die Lampe aus. »Danke,« hauchte sie entschlummernd, als sie es knipsen hörte. Auf den Zehen tastete er sich durch das Dunkel in sein Zimmer hinüber, um sich dort an den Schreibtisch zu setzen.

Er besaß das Ohr der Mitglieder im Großen Aufsichtsrate. Noch diese Woche sollte er angehört werden mit seinem Gutachten über die nun nicht länger hinauszuschiebende Sozialisierung der Betriebe. Außerdem lagen Auszeichnungen im Werden unter der Aufschrift: »Ich als Deutscher.« Einen halben Bogen weit glitt die Goldfeder über die weiße Fläche. Dann legte er das Blatt weg und nahm ein anderes vor sich, um es zu beschreiben.

Er hob den Kopf sinnend zurück. Seine Augen starrten an die Decke empor. Ihren Leib sah er, noch eben, in weichem Licht liegen. Den Berg ihres Bauches über der ›Frucht seiner Lenden‹, wie die Pastoren so schön sagten!

Es schüttelte ihn. Zum Rasendwerden war dieser Gedanke, der ihn nicht los ließ. Aufspringen und alles ringsherum kleinhacken – viel fehlte wahrlich nicht mehr zu einem besinnungslosen Wutanfall. Wie wäre er anders über das Unerträgliche hinweggekommen? Aber sie, drüben, schlief ein, dicht nebenan, er durfte sie nicht wecken. Diese Fessel des Gemüts half ihm über die unmögliche Lage hinweg. Er griff zur Feder, legte sie aber sofort wieder hin.

Den süßen Leib, der ihm gehörte, den hatte vor ihm ein Schurke, ein Lümmel, ein völlig blindwütiger Lebenszerstörer geraubt und geschändet! Zwar war in aller Form, sogar in der schriftlichen eines Briefes, schwarz auf weiß die Rede davon gewesen, daß sie ein Kind von Röde bekommen werde. Zwar – zwar – –

Wie stümperhaft stolperte da die gesunde Vernunft mit ihrem ›Aber‹ hinterdrein! Gewiß, es war keine Rede, daß Röde ihr das Kind, das sie trug, gezeugt hatte. Was diesen Ehrenpunkt anbetraf, konnte er ruhig schlafen. Aber warum wurde er denn nicht ruhig? 312 Warum vermochte die unbedingt sichere Tatsache seiner Mannesehre nicht Herr zu werden über seine nicht länger zu bändigende Verzweiflung? Ha – war er denn etwa so überzeugt, daß er für Ottilie der Vater bleibt? Diese entsetzliche Möglichkeit ließ sich nicht aus der Welt schaffen: wer ihr das Tor gesprengt hatte, der besaß den Schatz! Ottilie stand es unbenommen, vom natürlichen Samen sich den Vater nicht aufdrängen zu lassen – sie besaß die Zauberhand der Frau, die warf den Schleier über alle Tatsachen. Ein Schauder lief Heinrich den Rücken hinauf. Röchelnd entfuhr ihm der Atem.

Darauf schlug er die Augen auf und sah im weichen Licht der Schreibtischlampe die blaue Säule seines Tintenfüllhalters vor sich liegen. Die Goldspitze hielt sich an der Silberkante des Schreibzeugs, wo sie auflag. Er griff nach der Feder mit ruhiger Hand. Unerschüttert lief die Schrift in klaren Zügen über den Bogen.

»Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann – einsam vor Gott. In der Sprache der Tage von heute füge ich bei – ich muß standhalten. Ich muß so sein, daß das Schicksal über mich seine Entscheidung fallen läßt. Ich muß würdig werden für die Waage der Ewigkeit. Ich will den Ort ins Auge fassen, wo ich hinknien soll. Allein nach dem Maße seines Mutes darf der Mann gelten.« Er legte die Feder wieder hin.

Aus dem lethargischen Dämmerzustand, in den er daraufhin versank, schreckte ihn der Schmerz einer Klage auf. Schon durch die Wand erschütterte ihn Ottiliens Schluchzen. Er wollte aufspringen, da stand sie schon in der Tür, so, wie sie ihm auch schon erschienen war – Kassandra! Aber die Trauer über diesen Anblick verklärte ihm sein Gesicht in Weichheit, gütig öffnete er die Arme nach ihr. Vom Sessel her, aus dem er sich nicht erhob: »Komm, was ist dir? Sage mir's!« Langsam glitt sie zu ihm hin, angezogen von der sich schenkenden Umarmung.

Sie sank ihm aufs Knie, ließ sich streicheln, legte ihm die Stirn 313 an die Wange, von ihm getröstet: »Hast nicht einschlafen können – hab ich dich geweckt?« Sanfte Liebkosungen seiner Hand schienen ihr den Schlummer wiederzubringen. Da schrie sie auf, es griff ihm ins Mark:

»Wozu das Kind? Es wird das ganze Leben zwischen uns stehn. Es wird uns trennen, wie kein Ehebruch uns trennen kann.«

Und nun aber sofort die Neugier, als sie Geschriebenes sah, das noch naß glänzte. »Ach, siehst du – das darf doch nicht unterbleiben. Das hält uns zusammen. Ich störe dich am Aufzeichnen.« Er staunte über den unnahbaren Zauber ihrer Lieblichkeit, als sich ihr Antlitz über das Blatt neigte mit trinkenden Lippen. Doch blieb ihr der Sinn verhalten für das, was sie am Rande des Verstandes las. »Ich kann es nicht fassen. Ich bin zu müde. Morgen dann!« Aufs neue sank sie ihm ans Herz. Wie unter einem Obdach lag sie ihm im Arme.

Ihm wuchs die Wucht seiner Vernunft. Er erstarkte mit der Eile der Sekunden. »Du mein Wesen – Liebstes du –« klang es ihr innig ans kleine Ohr, »fällt es dir so schwer, mir anzugehören?« Tiefer schob sie sich an seiner Brust. »Wir dürfen uns klar sein, was Augenblick ist und was Ewigkeit, Ottilie! Ich will sagen – die sicheren Jahre vor uns dürfen unserer Ahnung nicht zum Opfer fallen. Sieh doch nur unsern Anfang! Alles was recht ist – aber sieht es nicht nach einer tüchtigen Grundlage aus? Haben wir das alles hier für uns aufgebaut, damit es vergehe? Glaubst du denn nicht an seine Dauer? Darf ich denn nicht kämpfen für unsern Bestand?«

Schon bei seinen ersten Worten, da sie so hell und sicher klangen, begann sie aufzuhorchen. Sie strich sich mit der Hand über die Augen, hob ihren schweren Körper ohne Anstrengung, sah sich um und war nun wach. Sie glitt ihm vom Knie, reckte sich auf den Füßen und fing an, im Zimmer herumzugehen.

»Du hast recht. Das alles darf nicht umsonst dastehn. Komm – 314 hier!« Und sie küßte ihn. Aber es war ein Kuß, in dem bewußter Wille lag – und die Sachlichkeit, die nun wieder zwischen ihnen sich erhob, ließ ihm das Herz gefrieren. Noch ein kurzes Hin und Her von Rede und Antwort, da war sie schon ganz vernünftig geworden. Die Hemmung von eben war weg. Sie plauderte:

»Jaja, das ist der Anfang für volle fünfzig Jahre. Wir werden goldene Hochzeit feiern, so jung wie wir dazu gekommen sind. Du hast recht – wir dürfen meinen Flausen nicht nachgeben. Verzeih – das haben wir nun eben von diesem Zustande. Man wußte das ja, aber was will man. Das Glück will erkauft werden.« Es stieg ihm zum Halse, sie so sprechen zu hören. Doch half ihre Müdigkeit, die Größe der nächtlichen Stunde wieder zu gewinnen. Sie beugten sich vor der waltenden Stille mit dem eigenen ehrfürchtigen Schweigen. Sie schauten sich an, ihre Stirnen standen sich gegenüber im Schmelz des gedämpften Lampenlichts. Halb wach, halb träumend und dessen sich kaum bewußt.

Dann fanden sie gemeinsam den Schlaf. Aber obwohl er sie bis in den Morgen hinein viele Stunden hindurch umfing, erwachten sie nicht erquickt. Die Erinnerung an ihre Erregung in der vergangenen Mitternacht stand gespenstisch vor ihnen. »Es liegt mit an den Nerven. Wir hatten zuviel.«

Da war es wohl das Vernünftigste, eine Einladung der Eltern an die Tochter nicht länger zurückzuweisen. Und wenn es nur um der Abwechslung willen war, um nachher um so lieber wieder in die liebe ›Streichholzschachtel‹ zurückzukehren!

 

6

»Ull!« Er war so aufs tiefste in seine Versonnenheit versunken, daß er bei der Nennung seines Namens wie von einem dicht neben ihm losgehenden Bombenschlag auffuhr. Auf der Schwelle des Büros rief ihn sein Schwiegervater an, um ihm die Abmachung – er könne mit ihm zu Tisch nach Hause fahren – zu bestätigen.

315 Mein Gott, wie war er mit den Nerven herunter, und wie hatte ihm die seelische Erschütterung der letzten Nacht zugesetzt, daß ihm das laute und unvermutete Ausrufen seines Namens wie ein Schreckschuß in die Glieder fuhr! – »Gewiß, Papa, es wurde mir bestellt. Danke. Wir kommen gern.«

Die Familie Godwein ›vollzählig wie überhaupt noch nie‹ an dem Eßtisch – es stimmte, als man sich besann. Der ›Hauslehrer‹ war nie zugezogen worden, und nachher kam alles so, daß es sich nicht gab, ihn in den städtischen Haushalt zu bitten. »Gehöre ja vielleicht besser auch nicht dazu« – grübelte Heinrich, »den künftigen Zuwachs zur häuslichen Tafelrunde habe ich den Godweins ja jetzt verschafft. Der Ull hat seine Schuldigkeit getan. Also, eher zurückhalten! Karl natürlich ausgenommen! Da wird niemals ein Abgrund klaffen!« Und schon erhob sich der Hausvater und forderte den Gruß, der sich heute doppelt lohne. So faßten sie sich um den Tisch herum alle an den Händen und lösten den Druck mit einem rhythmischen Ruck der geschwungenen Arme.

»Nun gehen wir aber einmal durch das ganze Haus,« wünschte Ottilie und hing sich ihm an den Arm. Im Schlafzimmer des Vaters wurde den ›Rossen von Mars-la-Tour‹ die schuldige Hochachtung bezeugt. »Wie sich der mittlere Gaul da auf den Hinterfüßen hochbäumt, da ist schon was dran,« bekannte Heinrich. Der Schwiegervater betonte den inhaltlichen Wert des Bildes, den ›völkischen‹. Heinrich wechselte mit seiner Frau einen Blick; nun hatte er also seinen richtigen ›Anschnauzer‹ weg – er war nicht vaterländisch genug.

»Dann also lebe wohl!« rief sie, ihn heftig umschlingend, als ihr Vater ihn auch für die Rückkehr ins Büro in seinem Wagen Platz nehmen hieß. Dem Mädchen, das sie seit Neujahr hatten, war alles eingeschärft.

*

316 Im Wagen und noch im Geschäftshause besprach Godwein Heinrichs Absichten, Schultze mehr als bisher ins Vertrauen zu ziehen, und teilte in der Hauptsache diese Absichten.

»Aber willst du dich denn wirklich persönlich hervorwagen? Es erscheint mir das überflüssig. Du verschiebst das ganze Verhältnis, finde ich.«

Heinrich begründete seine Absicht. Das Staatsinteresse des Bürgertums habe wirksamen Schutz nur zu erwarten, wenn man in der Sozialdemokratie eine Partei zur Aufrechterhaltung der Ordnung wenigstens auf halbem Wege noch anerkenne. Sie wirft sich nicht systematisch zum Feinde der bürgerlichen Staatsform mehr auf.

Godwein sah ihn groß an: »Wirst du vielleicht heute nachmittag bei Gonßen auch so sprechen?«

»Ich habe es vor,« versetzte Ull ruhig.

In seinem Bürozimmer lag Dringliches nicht vor. Da beschloß er, für heute Schluß hier zu machen und in seine Wohnung zu gehen. Schon ließ er sich Hut, Schirm und Mantel geben, gab Auftrag, bei ihm anzurufen, falls innerhalb seiner Dienstzeit nach ihm verlangt werde, als ihn das Zeichen noch einmal an seinen Schreibtisch zurückrief. Sein Schwiegervater sprach ihn an. Schon der Ton in seiner Stimme sagte alles, die nachfolgenden Worte bestätigten nur. Der Angestellte wurde abgekanzelt!

Schnarrend rann es aus dem Schallbecher: »Wie kannst du dich unterstehn? Vor mir! Du bist bei uns im Betrieb, – bist in der Koppel mit drin und hast Schritt zu halten. Statt dessen spielst du den Einspänner. Je länger, desto mehr, scheint mir. Ich werde mit Ottilie ein offenes Wort sprechen. Sie bestärkt dich in deinen Sonderbarkeiten. Ganz darf sie an deiner Seite nicht vergessen, daß sie meine Tochter ist. Es ist vollkommen unsinnig, wie du's treibst. Die ganze Welt aus sich selbst herausholen zu wollen – aus dem hohlen Bauche . . . Hallo, bist du noch da?« Heinrich bestätigte, 317 er höre zu. »Na – dann merke dir – man kann sich mit einem schmalen Rücken begnügen, das verstehe ich. Aber irgendwo anlehnen muß sich jeder Mensch. Nur allein auf sich selber stehn, wie du dir einbildest – heißt nichts anderes als: ›Hochmut kommt vor dem Fall.‹ Du bist nicht weit davon.«

Ull hatte genug. Er legte den Hörer in die Gabel. Mochte der hochvermögende Vorgesetzte und Schwiegervater einige Male hallo fragen und sich überzeugen, daß er ins Leere rief!

In seiner Wohnung fand er alles, wie er sie morgens mit Ottilie verlassen hatte. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Schräg fiel der Nachmittag durchs Fenster. Das graue Licht füllte die glatten Wände und einfachen Maßverhältnisse des Raums silbern. Es hatte gute Weile, ehe er noch einmal zu Godweins ging.

Sollte er rasch anklingeln? Ottilie vorbereiten auf die Belehrung, die ihr von ihrem Vater bevorstand? Er tat es nicht. Das wäre Mißtrauen gewesen gegen sein Bestes auf der Welt. Er konnte sich auf sie verlassen. Sie diente ihrem alten Herrn dann schon. Die schwieg nicht, wie er eben vorhin. Sie erwiderte, daß es eine Art hatte!

Und dann sank ihm der Kopf vornüber auf die aufgelegten Arme. Heute früh – nach Mitternacht – hielt er sie in den Armen auf diesem Stuhl. Warum war sie nicht da? Wie fühlte sie sich? Wann gebar sie das Kind?

Er ermannte sich und betrat die reizende kleine Stube seiner Frau. Nahm ein Buch vom Tischchen, ein aufgeschlagenes – mit dem Buchzeichen. Sie las nun fast nur noch über Religiöses. Die Neigung gefiel ihm an ihr. Das Weib wird nur vollkommen, wenn es in einem festen Glauben lebt. Er legte sich auf ihre Ottomane, streckte sich aus, blätterte in dem Buch, das er sich vors Gesicht nahm. Hart und eigenartig, der dänische Denker! Ull prüfte die Merkstriche am Rand – da war das Wesentliche hervorgehoben. Er zog seinen ›Immerscharf‹ aus der Tasche und schrieb auf das 318 weiße Vorsatzblatt: »Recht so, Liebste – lies fleißig Kierkegaard!« Darunter Datum und Stunde. Sie erkannte ja seine Handschrift.

Er erhob sich aus der liegenden Stellung und schüttelte sich, als er auf den Füßen stand, die Glieder munter. Wie empfindsam war er geworden, wie verächtlich willensschwach – ein Tummelplatz der Stimmungen, ein Spielball aller Einflüsse!

Nein, davon konnte keine Rede mehr sein. Er ging nicht zu dem Herrennachmittag beim Geheimrat. Er durfte sich nicht für etwas nehmen lassen, was er nicht war. Nie hatte er weniger zum Führer getaugt als heute. Also nur ja keinen Verwechslungen Vorschub leisten!

Irgendwo in der Masse untertauchen, wo sich in ihr eine Öffnung für ihn auftat, das war jetzt das Gegebene!

 

7

Der Jesuitenpater sah nach der Zeit. Die Verabredung auf fünf Uhr galt ihm für sehr wichtig. Er begab sich in seine Zelle und bürstete sein schwarzes Priesterkleid sorgfältig von allem Staub frei.

Der Reichswehr-General fuhr vor, ihn abzuholen. Pater Vischering nahm bei ihm im offenen Wagen Platz. Auf der Straße wandte sich der eine oder andere Fußgänger um. Sah er recht? Thron und Altar ehemals, heute bewaffnete Macht und streitbare Kirche fuhren, an ihren äußeren Abzeichen öffentlich erkennbar, einträchtig einem gemeinsamen Ziele zu?

»Wir fahren zum Geheimrat,« sagte der General, »er hat eine Anzahl Herren unterderhand aufgeboten. Ich stimme ihm durchaus bei, Verständigung der führenden Ordnungsleute. Vom Reichsbanner wird der sozialistische Stadtverordnete Schultze da sein. Von der Industrie außer Gonßen selbst Godwein und Ettram. Vor allem aber möchten wir Sie mit dem protestantischen Pfarrer Dr. theol. Ernst Hofacker bekannt machen.« Der Mönch sprach seine Freude darüber aus, daß sich ihm diese Gelegenheit biete.

319 Um die beiden hohen Männergestalten in Feldgrau und Schwarz eintreten zu lassen, öffnete der Diener Anton beide Flügel der Eingangstür zum großen Salon. Sie mischten sich grüßend unter die zahlreichen Anwesenden, von allen Seiten wurde ihnen die größte Hochachtung bezeigt.

Karl Godwein, im großkarierten Anzug, der sehr gut zu seiner schlanken Erscheinung paßte, hatte einen Anprall von Fragen auszuhalten. Seine Freude an der heutigen Veranstaltung wurde auf eine harte Probe gestellt. Was Ull lebe und treibe? Man vernehme viel von ihm – meistens Günstiges. Ob er nicht auch komme? Aber natürlich. Er sollte ja der geheime Leiter der Aussprache werden. Was sollte geschehen, wenn er nicht erschien? Vielleicht kam er nicht. »Ausgeschlossen!« rief Karl heftig, so sehr bangte ihm vor dieser Möglichkeit, »ich sah ihn ja noch vor zwei Stunden, er aß zu Mittag bei uns zu Hause. Er sprach mit mir sogar den ganzen Aufbau dieses Nachmittags durch. Wer soll denn kommen, wenn nicht er?« Verzweifelt über die unerklärliche Unpünktlichkeit verschwand er schließlich, um sich durch eigenen Anruf Gewißheit zu verschaffen.

Gonßen hatte kürzlich im Saale eine Hausorgel aufstellen lassen, um einem ihm bekannten Erbauer etwas abzukaufen. Ebenso sollte ein wenig beschäftigtes Künstlerehepaar Kunstgenuß bereiten. Die Altistin sang eine Arie aus der Passion.

»Buß und Reu, – Buß und Reu
Tritt der Schlangen Kopf entzwei.«

Verspätet trat ein Gast auf die Schwelle, blieb stehen und lauschte. Sein ausdrucksvolles Antlitz, im Horchen leicht nach oben blickend, spiegelte den heiligen Ernst des andächtigen Gesanges wider. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden verteilte sich zwischen diesem Ton und diesem Anblick.

Als die künstlerische Darbietung zu Ende war, ließ sich der 320 Ankömmling bekannt machen. Es war ein jüngerer Herr, hager, asketisch im Aussehen, äußerlich ein Gegenstück zu Pater Vischering,. obwohl er an Körpergröße unter ihm blieb und einen braunen Schnurrbart trug. Jedenfalls trat er nun auf den Ordensgeistlichen zu, und die beiden Theologen gerieten bald in die angelegentlichste Unterhaltung. Es war der kulturfeindliche protestantische Pfarrer Ernst Hofacker, der die neuen außerkirchlichen Strömungen in Deutschland als Satanspest bekämpfte. Es knäuelte sich eine Gruppe um sie, die auch etwas von dieser merkwürdigen Auseinandersetzung abbekommen wollte. »Ich bin ja befangen, Sie sehen mein Kleid,« gestand der Mönch, »ich sage eins – das Reich wird heute geleitet vom täglichen Gottvertrauen seines Kanzlers. Es wäre ein Gebot der Höflichkeit, nicht mehr, wenn am Fronleichnamstage jeder Staatsbeamte, ob Protestant oder Jude, Atheist oder Freidenker, im Frack und weißer Binde hinter dem Allerheiligsten herzöge, die geweihte Kerze in der Hand.«

So weit konnte natürlich Pfarrer Ernst Hofacker nicht gehen. Er verurteile gewiß schonungslos jeden Individualismus. Nur in der Form einer Kirche könne die Menschheit ihr Heil finden. Nur eine aufrichtige Zugehörigkeit zu einer religiösen Konfession halte stand gegen die Verderbnis. Selbst zwei oder drei könnten bereits die Gegenwart Gottes beherbergen, wie im Evangelium stehe. Die bloße Einzahl dürfe es nicht sein, die sei vom Übel immer und überall. Denn eins sei immer nur Gott und niemals ein Mensch.

Der Reichswehr-General äußerte die Meinung, die er schon in Hanhagen damals aussprach: Der bürgerliche Turm der katholischen Zentrumspartei rette das Reich. Die Botschaft der protestantischen Kanzeln sei in politischer Hinsicht gespalten, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken zähle jede Schattierung evangelische Pfarrer zu ihren Vertretern. Da wird das Für vom Wider aufgehoben. Aber der Staat lebt vom Gehorsam gegen das gesetzte Wort.

321 Gonßen sah aufgeregt nach der Uhr. Seine Unruhe ließ sich nicht länger verhehlen. Da kam Karl vom Apparat zurück, er war bleich. Er hatte Drahtverbindung mit Ull erhalten. Ull kam nicht. Es hatte keinen Sinn, auf ihn zu warten.

»Vielleicht bin ich schuld, daß er nicht da ist.« Sogar eine gewisse Befriedigung malte sich auf den Gesichtszügen des Generaldirektors Godwein: »Ich habe ihm den Standpunkt klargemacht. Telephonisch. Es war an der Zeit. Man braucht ja nicht so streng zu sein, wie eben die Herren Geistlichen. Zwei oder drei bloß? Ich will etwas weitherziger sein. Ich möchte sagen, und dabei bleibe ich unbedingt – eine Ansicht, die bei einer Abstimmung nicht mindestens sechs bis acht Stimmen auf sich vereinigt, darf von einem anständigen Menschen, wenn er auf sich hält, nicht vertreten werden. Man muß zur Seite hören, was die andern sagen, ehe man eine Überzeugung bekennt – ohne das geht es einfach nicht. Und daß es meinen Schwiegersohn anbelangt, ändert natürlich nichts. Ich schätze ihn, aber ich fürchte auch für ihn.«

Karl Godwein näherte sich seinem Vater. Er trat vor ihn hin, bescheiden, ohne ihn herauszufordern, stand nun aber da. »Ich denke, es gehört in unsere vier Wände, was du mir sagen willst?« bemerkte der Generaldirektor vorbeugend. So sagte Karl nur:

»Ull hätte uns den Punkt gezeigt, wenn er hier wäre, – den Ausgangspunkt für den neuen Weg. Den konnte er nur in sich selber finden. Aber doch nicht, wenn er nach sechs oder acht andern sah? O nein, – sondern mit geschlossenen Augen auf den Grund der eigenen Seele hinunterlauschen, das muß einer wie er, und daran soll ihn niemand hindern wollen.« Er schaute seinem Vater ruhig ins Gesicht. Die Umstehenden gewahrten es – der Generaldirektor senkte den Blick.

Gonßen durchschaute den Sachverhalt. Irgendwie war Godwein zu weit gegangen. Auch ihm lag die neuerliche Einschwenkung des Generaldirektors in eine unduldsame Parteiparole nicht. Nun konnte 322 er selbst sich hinterher geschädigt vorkommen. Sein Plan heute abend ging in die Brüche. Er gab aber nicht ohne weiteres klein bei. Godwein sollte seinen Denkzettel erhalten für diese übereilte Störung. »Ich möchte Herrn Stadtverordneten Schultze ersuchen, in die Lücke dieser bedauerlichen Abwesenheit zu treten. Ich denke, er weiß uns da schon etwas zu sagen.«

Schultze wurde mit Nicken begrüßt und von hochachtungsvoller Erwartung empfangen. Man umgab ihn in einigem Abstand. Er machte eine gute Figur mit der robusten Sicherheit des bewährten Volkstribunen und der rüstigen Haltung des gesunden Vierzigers. Frau Hilde hatte ihn in seinen nach Maß gefertigten Cutaway gesteckt und ihm die selbstgebundene Krawatte geradegezupft. An gutem Aussehen gab der Sozialistenführer keinem der vielen und vornehmen Gäste im geheimrätlichen Salon etwas nach.

Aber auch die Stunde selbst trug das ihrige bei, daß Schultze sich vorteilhaft aus der Sache zog. Er stand wahrhaftig nicht zum ersten Male offiziellen Glaubensbeamten des Christentums gegenüber. Mit langen Schwarzröcken hatte er sich so gut gemessen wie mit kurzen Schwarzröcken. Das Gespräch wurde für den Augenblick von zwei solchen beherrscht. Da war es wohl das beste, eine Anknüpfung zu suchen. So erzählte er den ihm Zunächststehenden, wie sehr er es bedaure, daß Dr. Ull, wie es scheine, am Erscheinen verhindert sei. Seine volkswirtschaftlichen Kenntnisse wären sehr zustatten gekommen und hätten die erstrebte Abklärung zweifelsohne aufs beste gefördert. Er selbst möchte versuchen, ein bißchen Lückenbüßer zu sein, so gut er das eben vermöge.

»Herr Doktor Ull hat mich kürzlich gefragt, als er bei uns war, wo ich meine Bibel habe. Ich fand sie gerade noch. Der Pastorensohn ist ihm noch nicht so ganz aus den Kleidern gegangen. Er las mir eine Stelle aus einem alten Propheten vor – oder wer das sein mag. Die Schwerter müßten zu Pflügen umgeschmiedet werden und die Spieße zu Winzermessern. So hieß es da. Er 323 bezog das auf den Unsinn der Rüstungsindustrie in der heutigen Wirtschaftslage. Ist die deutsche Landwirtschaft imstande, zwei Millionen Arbeitslose sofort aufzunehmen? Die Antwort kann gar nicht anders lauten als: Jawohl, sie ist es! Doktor Ull tut ganz recht, wenn er sagt: Deutschland lebt falsch. Es lebt immer noch, als ob es sich's weiterhin leisten könnte, das alte, mächtige Kriegsreich zu sein. Der gegenwärtige deutsche Produktionsapparat hätte sich geeignet für eine gewappnete Weltmacht in der Freiheit und Fülle ihrer Mittel; bei einer Bevölkerung mit einem Drittel staatlich gestempelter Bettler ist das eine ungeheuerliche Lüge. Es gibt nur eine Rettung – die Rückkehr der überzähligen Fabrikproletarier dorthin, woher sie kommen – aufs Land, zur Scholle. Selbst wenn ihnen nur alte, ausgediente Eisenbahnwagen zur Wohnung angeboten werden können.«

Schon diese Einleitung bewies den Anwesenden, daß sie es bei Fritz Schultze nicht mit einem Neuling zu tun hatten. Meisterhaft stellte er einen handgreiflichen Beratungsgegenstand vor sie hin, anschaulich, volkstümlich und klar. Der Reichswehr-General, der Jesuitenpater und der kulturfeindliche Protestantenpfarrer traten sofort an ihn heran und gestalteten die Aussprache körperhaft.

Er mußte dann natürlich bald einmal Farbe bekennen. Daß ihm vor der geschlossenen Sitzreihe allmächtiger Arbeitgeber und bürgerlicher Staatsvertreter, inbegriffen solche der Kirche, bange werde, bezeichnete Schultze vor jedem, der es hören wolle, als unzutreffend. Er halte nach wie vor an seiner marxistischen Parteiüberzeugung fest und gerate darüber mit dem geehrten Doktor Ull oft ins Treffen. Aber gerade diesem Umgang verdanke er es, daß er nun auch anderen Auffassungen Verständnis entgegenzubringen vermöge. Er gebe sogar zu, seine politische Urteilsbildung erschöpfe sich ihm nicht länger in seiner Parteiparole. Und so gab er denn auf Wunsch der Anwesenden noch der nachfolgenden offenen Ansicht Ausdruck.

324 Mit dem immer aufs neue lärmend verkündeten Sieg im Klassenkampf war es nichts. Jedenfalls gehörten die nächsten Jahrzehnte noch dem Kapitalismus. Schultze glaubte auch eine Freigeldwirtschaft nicht mehr zu erleben. Man muß sich also ins Mögliche finden. Das Proletariat mühte sich unerlöst, es mußte die Macht anderen überlassen und bildete einen Knechtestand im Dienste von Herren! Der Handarbeiter bleibt, was er war – der zerreibende und zerriebene Mühlstein in dem ungeheuren Sozialautomaten des sich bildenden einigen Europas. Aber den Arbeiter rettet die Treue gegen sein Schicksal, sobald er es erkennt. Er schafft sich seine eigene Standesehre, seine Leistung wird ihm ehrenvoll vergütet, also honoriert wie einem Geistesarbeiter sein Werk, und nicht mehr entlöhnt wie einem Soldknecht. Er findet sich mit seiner Lage ab durch die freiwillige Darbringung von Gehorsam. Denn etwas billigen ihm auch seine Gegner zu: er darf nie wieder zum Sklaven werden. Doktor Ull vertritt die Auffassung von der empfänglichen Mittelmäßigkeit, die geduldig Block auf Block schichtet, bis die Pyramide dasteht. Ohne Arbeiterschaft hat sich noch niemals und nirgends in der Welt ein unvergängliches Denkmal erhoben.

 

Über dem allen geriet Karl Godwein in eine betrübliche Geistesverfassung. Jetzt, nachdem sich der gute Schultze so wacker hielt, wäre die Reihe an Heinrich gekommen. Wo blieb er nur? Wie klar, wie überzeugend legte er ihm noch heute nach Tisch seine Anschauungen dar. Hier hätte er eine dankbare Zuhörerschaft gefunden. So dachte es sich ja auch der Geheimrat. Nun ließ der herrliche Freund sie alle im Stich.

Doch stand es Karl nicht an, darüber die Fassung zu verlieren. Gerade in einer solchen unverständlichen Lage mußte seine bewährte Wohlerzogenheit erst recht dichthalten. So ließ er sich's nach außen wenig anmerken und nahm an den Gesprächen teil, in die er gezogen wurde.

325 Die einhellige Stimmung aller Anwesenden war einerseits durchaus ratlos, – niemand wußte einen Ausweg aus der unbeschreiblichen nationalen Verlegenheit. Andererseits war von irgendeiner panikartigen Zerfahrenheit nicht die Rede. Alle umschloß dieselbe Gesinnung – so kann es nicht weitergehen, und doch will niemand von uns den Untergang! Eine ungeheuerliche Problematik, wie sie noch nie ein Volk erfaßte, durchdrang heute Deutschland. »Wer weist uns den Weg?«

Ah, wäre Ull dagewesen! Er hätte zu reden gewußt über das undurchschaubare Rätsel dieser Tage, – über die um sich greifenden Ruinen, je mehr Schornsteine erloschen – über die unaufhaltsame Dämmerung von Geld und Geldeswert, mit denen man beim Anfang vom Ende angelangt war – über das Wunder der stillen Entwicklung mit der trotz alledem nicht umzubringenden Lebendigkeit alles Lebens, mit seinen vergnügten Gesichtern, mit Klang und Tanz. Das ließ sich von den gestrengen schwarzen Herren da drüben seine unerschöpflichen Möglichkeiten so wenig verbieten wie bisher. Buß und Reu? Wirklich? Waren das wirksame Heilmittel zur Stillung des Fiebers, zur Abwehr der drohenden Herzschwäche in der überhandnehmenden Erschöpfung? Genas die milde Hoffnungslosigkeit, die gelassen und mit einiger Verwunderung dem nahen Ende entgegensah, an der künstlich gezüchteten Selbstwegwerfung und den nicht ganz aufrichtigen Minderwertigkeitsgefühlen? Hilft uns das Geständnis weiter, daß wir allzumal Sünder sind? Trägt die innere Einkehr etwas ab, wenn sie nicht vom Gefühl der nie versagenden sittlichen Kraft begleitet und getragen wird?

Nein, von den lachenden Gesichtern mußte die Hoffnung ihren Aufschwung nehmen! Die Freude, wo sie noch vorhanden war, mußte ringsherum neue Freude erzeugen. Ins Gewand der Vernunft mußte die geängstigte Seele schlüpfen, wenn sie nicht erfrieren wollte. Die wahre Vernunft war 326 ein warmes Gewand für die arme Seele – jawohl, das war sie!

Der Pater und der Pfarrer standen allein – in einer Runde, die mitten um sie herum frei blieb. Warum trat der Dritte nicht an sie heran, der Bescheid wußte? Und wenn damit eine Unbesonnenheit geschah! Was schadete das? Immer noch besser als dieses tödliche Schweigen.

Karl Godwein faßte sich ein Herz. Er war ein unvollkommener Lückenbüßer, wußte er wohl. Aber umsonst wollte er nicht all die Zeit schon in sich aufgenommen haben. Irgendwoher mußte es ihm eingegeben sein, daß er jetzt ein Wort prägte.

»Es wird nicht anders werden können,« sagte er in liebenswürdigem Tone und keineswegs schüchtern, sogar mit einer gewissen Keckheit, »bis eines Tages der Papst Protestant wird.«

Die geistlichen Herren, der General, der Geheimrat, die Industriellen und so ziemlich alle, die dieses unbedachte, doch kluge Wort erreichte, wurden von einem unsichtbaren Stoße leicht in die Schultern zurückgeworfen und schauten auf zwei Sekunden einander mit offenem Munde an.

Der kühne junge Ketzer aber ließ sich nicht beirren, er suchte die Abwesenheit Heinrichs zu überbrücken, suchte sich Unbekannte zusammen, die nichts von ihm wußten, um ihnen von ihm zu erzählen. Er befand sich ja mit dieser Absicht nicht allein, der brave Schultze hatte vorgearbeitet.

». . . Ull?« – »Ull?« – »Wer ist Ull?« lief es durch die Reihen der lebhaft angeregten Beratungsteilnehmer. Es klang kaum mehr wie ein Eigenname. Ein Naturlaut eher. Eine Blase, die im stehenden Wasser aufquillt und dann zergeht, weil die dünne, schillernde Wölbung, aus der sie besteht, platzt.

 

8

Heinrich wartete im Flur auf Frau Hilde Schultze, geborene Dohm. Sie war inzwischen Mutter einer Tochter geworden und 327 hatte diese Unterbrechung ihrer Geschäftstätigkeit gut überstanden. Ull stand Pate wie einst zu Sulzers Erstgeborenem.

Er schaute zu, wie sie die breite Treppe herunterkam. Es lag immer noch etwas Hilfloses in ihrer Art, stets drei oder vier Tritte hüpfend rasch hintereinander zu nehmen, dann sich einen Augenblick wie zu besinnen, ob sie nicht etwas vergessen habe, das sie noch oben holen wollte, um sodann auf die gleiche Weise die nächsten paar Stufen über sich und hinter sich zu bringen.

Ihre Figur hatte durch die Mutterschaft wenig gelitten. Auch bewahrte sie den Trotz, die Haare nicht abgeschnitten zu tragen. Schwarze Strähnen lagen ihr an den Ohren. Was für zierliche Füße sie hatte – wie eingegossen in die winzigen Halbschuhe!

Er begrüßte sie, den Hut in der Hand. »Findet die Vorstoßversammlung im ›Kohlenkeller‹ statt? Geht Ihr Mann hin? Nimmt er mich mit?« Unter ›Vorstoßversammlungen‹ verstand man neuestens die Kraftproben zwischen sozialistischer und kommunistischer Arbeiterschaft. Es handelte sich um den Grenzstrich für oder gegen den Ordnungsstaat im Proletariat.

»Es wechselt ab, wie Sie wissen. Das eine Mal berufen wir die Versammlung ein, und die Kommunisten sind dann gewissermaßen unsere Gäste. Heute abend ist es umgekehrt. Es geht zu den Kommunisten. Wahrscheinlich führt Röde den Vorsitz. Das ist mir gar nicht geheuer! Sie müssen das begreifen.« Ihr sank der Kopf, sie sah verloren vor sich hin.

»Wissen Sie was?« sagte Heinrich, sie tat ihm leid, »wir wollen es nicht überstürzen –« und sah nach der Uhr. »Es sind noch mehr als zwei Stunden bis dahin, auch wenn es pünktlich anfängt. Ich setze mich hier ins Café Germania, wo wir auch schon zusammen saßen. An einen der Tische, wie sonst – er findet mich schon. Ist er bis ein Viertel nach voll nicht da, so nehme ich an, er habe sich anders besonnen und komme nicht mehr –«

Sie erklärte sich bereit, ihrem Manne diese Abmachung zu 328 bestellen. »Wenn man nur sicher sein könnte, daß ihr Vorsicht üben werdet!« Jedenfalls kam er vorher noch nach Hause. Im Gesellschaftsanzug begab er sich nicht in eine Arbeiterversammlung.

Die geheime, streng vertrauliche Herrenbesprechung bei Gonßen hatte er nun also geschwänzt! Er ließ sich vom Kellner Zeitungen bringen, durchflog die politischen Spalten des Inlandes, erschrak über die sich mehrenden Überfälle und Fememorde. Die Druckerschwärze widerte ihn an. Er schloß die Augen. Durch ihn hindurch begann von selbst die Strophe der Hymne zu klingen: »Es schützet die Einfalt ihn – und keiner Waffen braucht's und keiner Listen.« Dann kehrte er in seine Umgebung zurück, sah sich im Saale des Kaffeehauses um und sagte dabei, ohne sich dessen bewußt zu sein, hörbar vor sich hin: »Ich begebe mich in Gefahr.« Der Kellner, in der Nähe, kam gelaufen – was gefällig sei, da bestellte er sich etwas zu essen.

Als die Teller abgeräumt waren, sank er in sein Nichtbewußtsein hinab. Mit offenen Augen kam ihm jede Wahrnehmung abhanden. Ein heiliges Schauen stieg ihm empor. Der Himmelsbogen, der sich über der Erde wölbt – er hatte ihn in Hanhagen und auf der Löhr empfangen. Es war ein Schoß, in welchem Künftiges wurde. Wie jetzt in Ottiliens Leibe Leben wurde, das aus seinem Leben kam.

Er bekam einen Stoß, ohne daß ihn jemand berührte, und fuhr in die Härte und Engigkeit der Dinge zurück. Schultze stand vor ihm. Der Stadtverordnete brachte erst kein Wort hervor, um den Zustand zu schildern, den Ulls Nichterscheinen an der Gonßenstraße hervorgerufen habe. »Natürlich dürfen Sie mich nun auch nicht mit in den ›Kohlenkeller‹ begleiten.«

»Ja, dann geh ich eben für mich allein,« versetzte Ull schroff. »Ich habe es mir in den Kopf gesetzt. Möglich, daß sie mich an die Luft setzen und ich dabei ein paar tüchtige Püffe abkriege. Geschehe nichts Schlimmeres! Ich müßte mich verachten, wenn ich 329 nicht vor einer solchen Versammlung Stellung beziehen wollte. In der scheinbaren Zwitterlage, wie bisher, halte ich es nicht länger aus. Ich muß meinen Standpunkt einnehmen als einzelner vor einer Masse. Einmal muß das sein, und heute bietet sich Gelegenheit dazu. Und daß das in Ihrer Gesellschaft geschehen kann, ist ein Grund mehr! Es nützt Ihnen nichts – ich lasse mich nicht abschrecken. Finden Sie sich damit ab! Es ist bald überstanden. In zwei Stunden können wir wieder hier sitzen und bei einer Stange Pilsener uns hinterher den Schaden besehen.«

Schultze ließ sich nicht überzeugen. Die eigentlichen Bedenken stiegen ihm erst jetzt auf. »Ihr Erscheinen verstößt allzusehr gegen die Vereinbarungen des Programms für eine solche ›Vorstoßversammlung‹. Sie sind nicht Proletarier – nicht Mitglied einer der beiden Parteien, dank deren Übereinkunft überhaupt getagt wird. Wenn das ruchbar wird – und das geschieht in der ersten Minute, Sie werden sofort erkannt und überführt werden –, dann sind wir beide geliefert. Sie als Eindringling und ich als Ihr Hehler –«

»Bitte,« warf Heinrich verstimmt hin, »so geht jeder für sich. Ich brauche Sie nicht zu kennen für diesen Zweck.«

»Verzeihen Sie,« rief Schultze tief bewegt, »Sie müssen irgendwie überanstrengt sein. Wie man zuzeiten so niedergeschlagen sein kann, daß man den einzigen Ausweg nur noch im Selbstmord sieht. Nach einer gut durchgeschlafenen Nacht ist man drüber weg. Bedenken Sie, wie sehr Sie sich aufregen werden. Schonen Sie sich!«

Ull spürte die Antwort auf seiner Zunge. »Sie fürchten, ich könnte dran glauben müssen? Ja, was dann? Mich schafft kein Überlegener aus der Welt – aber der Bestie nicht in den Rachen zu laufen, weil es auf meinem Wege ist, daß sie lauert, das bring ich nicht fertig, das wäre feige von mir.« Er schwieg. Das waren keine Erwägungen, um sie vor Schultze auszusprechen.

Schultze verlegte sich aufs Flehen. »Lassen Sie wenigstens meine 330 Erfahrung gelten. Die Jahre, die ich vor Ihnen voraushabe, haben mich manches gelehrt. Sie setzen alles aufs Spiel.«

»Sie wissen, Schultze, daß ich konfirmiert bin und mir nicht gern dreinreden lasse.«

»Sehn Sie, ach, es ist ein Verhängnis! Ich wollte nichts sagen, wenn Sie nicht gerade auf Röde stießen. Das ist für mich der ausschlaggebende Grund dagegen.«

»Und für mich ist es der ausschlaggebende Grund dafür. Wäre nicht Röde im Spiel, so könnte ich Ihnen ja den Gefallen tun und nach Hause gehn.« Heinrich erhob sich, rief den Kellner, zahlte, ließ sich in den Paletot helfen.

»Unverbesserlich! Es gibt ein Unglück! Meinetwegen haben Sie sich damals mit Röde verfeindet! In welche Lage werde ich geraten?«

Aber Heinrich verschwand schon in der Drehtür.

 

9

»Stoppend voll,« sagten zwei Arbeiter unter der einen Tür des ›Kohlenkellers‹, hinter ihnen trat Heinrich ein. Er hatte sich nicht mehr nach dem Stadtverordneten umgesehen, war langsam ganz allein durch die Gassen geschritten.

Er setzte sich auf einen der wenigen noch freien Stühle im Hintergrunde, verbarg sich weiter nicht, hatte aber nicht den Eindruck, von seiner Umgebung erkannt zu werden. Ob oder ob nicht, war ihm gleichgültig. Ein Blick auf die Tribüne überzeugte ihn: was er suchte, war vorhanden. Der ›grüne Tisch‹ des Podiums war meist mit Leuten besetzt, die er nicht kannte, aber auch mit zweien, die er kannte – mit Röde, wie erwartet, in der Mitte. Aber auch noch – – mit Oli Fay!

Seine Augen durchliefen die einzelnen Reihen, bis er den Stadtverordneten ausfindig gemacht hatte. Schultze konnte reuig geworden und umgekehrt sein. Da entdeckte er den runden, 331 vollblütigen, schon etwas kahlen Schädel weit vorne, – zwischen einigen ihm ebenfalls bekannten Arbeitern und Meistern – lauter Sozialdemokraten. Das also war gut.

Daraufhin wendete er seine Aufmerksamkeit Röde zu, der die Versammlung eröffnete, in einigen Worten das Prinzip der ›Vorstoß‹-Taktik erläuterte. Es habe sich schon einige Male bewährt, und die Kommunistische Partei gedenke es beizubehalten, wenn ihr das von der Gegenseite ermöglicht werde. Auch das gut! Röde sprach ordentlich, sah ordentlich aus. Und richtig – was ja nicht fehlen konnte, Mirjam war ebenfalls zugegen, saß aber unten, nicht neben Oli.

Röde ging zur Begrüßung neuer Parteimitglieder über, die zum ersten Male seit ihrem erfolgten Eintritt einer Versammlung beiwohnten. Die Sache des Bolschewismus schreite mächtig voran. Gewiß, was seinen Bekennern keine Neuigkeit sei, in erster Linie infolge der hinreißenden Werbekraft seiner Grundsätze. Doch erfordere der Anstand und die natürliche Gerechtigkeit, auch einer andern Erfolgsquelle zu gedenken, ohne sie wären die erstaunlichen Fortschritte der letzten Tage gar nicht erklärlich. Diese zweite Ursache – Röde spitzte sein Fuchsgesicht mit Berechnung und hielt seinen Trumpf noch spannend zurück, ehe er ihn hinlegte: – »Das ist die Dummheit unserer Gegner und Feinde. Sie ist noch viel größer, als auch der kühnste von uns zu hoffen gewagt hat.« Gut, Röde – ein Treffer! Kannst was – hast was gelernt! Der Heiterkeitsausbruch benahm Heinrich fürs erste die Fähigkeit, besinnlich für sich zu bleiben. Die Massenhaftigkeit, die ihn von allen Seiten einkeilte, verfehlte ihren überwältigenden Eindruck auf ihn nicht. Er überließ auch sich dem Wellengange der ausbrechenden Begeisterung. Wie schön war es, vom hundertstimmigen Rausche einer Weltüberzeugung sich fortreißen zu lassen!

Wann hätte er Gelegenheit bekommen, mit der Masse zu fühlen, wenn er nicht hier säße? Seine beste Ahnung führte ihn hierher – 332 »Jawohl, Herr Schultze!« Vom wiegenden Wogenschlag der Masse mußte sich ein armes, abstraktes Doktorchen, wie er, geschaukelt wissen, wollte er würdig werden, mit dem Volke zu fühlen. Gut, auch das, konnte sich's besser nicht wünschen!

Es war offenbar beabsichtigt, erst einige der ›prominenten‹ Neumitglieder reden zu lassen. Einer davon, dessen Namen er nicht verstand, ein typischer Intellektueller dem Ansehen nach, mit einer wenig einprägsamen, schreienden Stimme behaftet, versagte es sich nicht, in den allergewöhnlichsten, ausgetretensten Gemeinplätzen gegen die Religion loszuziehen. Das war nun schon weniger gut. War er, Heinrich, etwa der Muckerei verdächtig? War er mit Ottilie vor einen Altar getreten? Und sollte sein Sohn einmal den göttlichen Segen mit warmem Wasser gespendet erhalten? Aber was der da vorn an Unbildung und Gemeinheit und tiefster Unwahrheit erbrach, war nicht länger zum Anhören. Wenn das möglich war – dann gehörte er eben doch nicht hierher. Nein, es war nicht gut, daß er hier saß! Der Gottesleugner schloß mit wahren Flüchen. Aber – das überraschte wieder – der Beifall, den er fand, war kärglich. Wahrhaftig, neben ihm gähnte einer. Und dort drüben hielt sich noch einer die Hand vor den Mund. Religion, einst dem Proletariat als Privatsache erklärt, diente ihm nur noch dazu, sich gräßlich zu langweilen, wenn über sie geschimpft wurde. Konnte sie toter sein als so?

Heinrich fühlte sich zweifellos ernüchtert. Sein Blick irrte den Wänden des Saales entlang und maß mit den Augen den Abstand bis zur nächsten Tür. Eine Weile konnte er ruhig zusehen – sechs bis sieben Meter, mit ein paar Schritten war er gleich draußen. Er wollte mit einem besseren Eindruck scheiden. Seine Hochachtung vor der ›Masse‹ ließ es nicht zu, daß er sich bei der ersten Empfindung von Widerwillen, auf die er doch gefaßt sein mußte, seitwärts drückte.

Tosend wurde einer von der Reichswehr begrüßt, der auch in 333 seinem Zivilanzug noch nicht wie ein Proletarier aussah, als er sich zum Wort erhob. Er sprach schlicht, doch nachdrücklich schon im Tone, – man verstand jedes Wort bis hintenhin: »Ich war Gasoffizier und wollte eigentlich auf dem rechten Flügel die scharfe Schwenkung herbeiführen helfen. Ich setzte eine gewisse geistige Beschaffenheit voraus, als ich den Anschluß suchte, wurde aber schwer enttäuscht. Es ist nicht damit getan, daß man die Reitpeitsche schwingt, man muß einige Kenntnisse besitzen von der Struktur der Gesellschaft, wenn man eine Partei zu leiten beansprucht. Das ist der Fall bei den kommunistischen Führern. Bei euch finde ich die Möglichkeit, nach bestem Können der neuen Zeit zu dienen. Es scheint mir, es werden viele meinem Beispiel folgen und sich um die rote Fahne scharen.« Ull verspürte, als er das hörte, einen leichten Schlag vor die Stirn. Und er, ein Kuli des Kapitals, der Glück hatte, hineinheiratete, sich begönnern ließ? Und schon setzte sich der Techniker des Gruppenkampfs der modernen Infanterie wieder, um einem anderen, nicht weniger aufsehenerregenden Treugelöbnis an das Proletariat Platz zu machen. »Das Wort hat Genossin Oli Fay« verkündete Röde.

Ist es nun nicht höchste Zeit für mich, zu verschwinden? – durchfuhr es Ull, als ihn zwischen vielen Köpfen ein angstvoller Blick aus Schultzes Augen traf. »Genossen, ich befinde mich nicht zum erstenmal in diesem Saale, wenn ihr ihn füllt. Ich war hier zugegen, als ein armer, unglücklicher Klassenkämpfer der älteren Schicht, Oskar Keueler, abermals von seinem Schicksal ereilt wurde. Von meiner Seite weg haben ihn die Schergen gepackt und in den Kerker geworfen. Dahinten!« Frau Fay warf die Hand vor sich hin, ihr Zeigefinger stach am horizontalen Arm ungefähr dorthin, wo Heinrich saß. »Heute nun bin ich hier, um euch meine weibliche Tanz- und Turnschule zu bringen. Wir wollen eine proletarische Spielschar bilden.« Sie hielt an sich, starrte vor sich hin, traute ihren Augen nicht.

334 »Verzeihung, ich möchte eben austreten,« gab Heinrich seinen Nachbarn zu verstehen. Er wußte, es war zu spät – er wollte auch gar nicht kneifen, aber sitzenbleiben konnte er noch weniger. Er stand auf, wo er eben gesessen hatte, und bot der Rednerin die Stirn.

»Herr Vorsitzender,« wandte sie sich an Röde mit einem Gemisch von Erstaunen und Empörung, es war nicht geheuchelt, »erlauben Sie mir zur Geschäftsordnung eine Frage – werden wir hier bespitzelt?« Sie dämpfte ihre Stimme und nannte die beiden Namen nur ihm, so daß man sie im Saale nicht verstehen konnte. »Danke der Genossin für geübte Vorsicht – sie scheint mir angebracht,« bemerkte er sachlich und äugte tüchtig ins Publikum. »Daß der Stadtverordnete Schultze sich im Saale befindet als Teilnehmer einer sogenannten Vorstoßversammlung, ist in Ordnung. Daß hingegen Doktor Heinrich Ull anwesend ist – ich kenne ihn ebenfalls und stelle fest, er ist es und steht dort hinten –, das ist nicht in der Ordnung. Er ist der Privatsekretär der Geschäftsleitung im Industriering. Wir gehen wohl alle einig, daß ein solcher Herr hier nichts zu suchen hat.« Die sich noch anschließende Aufforderung an Heinrich, den Saal sofort zu verlassen, ging im ausbrechenden, heftigen Lärm unter. Zugleich war Heinrich auf seinen Stuhl gesprungen. In seinen leichten, weißen Tennisschuhen, die er sich übergestreift hatte, um es auf dem ungezwungenen Ausgang bequem zu haben. Dort stand er seelenruhig mit verschränkten Armen und überblickte die Sturmflut, die ihn umtobte.

Dem Stadtverordneten Schultze lief es den Rücken hinauf. Ull war schlechterdings verloren, wenn es nicht den anwesenden Sozialdemokraten gelang, sich seiner zu bemächtigen und ihn sofort hinauszubefördern.

»Kommt!« rief er den Parteigenossen um sich herum zu, sie erhoben sich mit ihm und nahmen ihre Richtung sofort auf den Stuhl mit dem jungen Mann darauf. »Laßt uns, bitte, machen – wir wollen ihn sofort entfernen.« In gewissem Sinne befand sich 335 Schultze in seinem Elemente. Derartige Krawalle erfolgreich zu beschwören, war ihm schon mehr als einmal gelungen. Seine mächtige Gestalt und auch sein Ansehen bei allen Arbeitern stattete ihn wohl mit der nötigen Autorität aus, daß man ihn die Oberhand gewinnen ließ in dem nun schon betäubenden Spektakel. Niemand konnte mehr sein eigenes Wort verstehen. Die zwei oder drei Polizisten waren an die Wand gedrängt. Es war alles viel zu schnell gekommen.

»Raus – raus!« Hundertstimmig gellte es so. Noch versuchte es Schultze mit seiner Schlagfertigkeit. Er lachte krampfhaft und schrie: »Dort geht's durch, wenn Sie raus wollen – es steht ja angeschrieben.« Aber ein Erfolg bei den Lachern kam nicht mehr zustande. Da gab es nur noch eines – er erweckte den Schein, als führe er die ausbrechende Erbitterung an und setze sich an die Spitze derer, die den unverschämten kapitalistischen Spion dort auf dem Stuhle packen und unschädlich machen wollten. So wurde sein Vorgehen zunächst auch aufgefaßt – als ein ›Vorstoß‹, der nun eben zur handgreiflichen Tat werden mußte. Mit geballten Fäusten, und ein Schimpfwort nach dem anderen ausstoßend, brachen sich sein breiter Leib, sein roter Kopf Bahn. Er wurde auch durchgelassen. Man rückte zur Seite, man begriff, ein Parteiführer wie Schultze besitze ein Recht darauf, das erforderliche Exempel eigenhändig zu statuieren. Ihm gebührte der Vortritt. Noch hielt die Masse Disziplin. Den ungebetenen Gast ereilte sein Geschick von Händen, die dazu befugt waren. Das erwarteten alle und überließen das Tun der nächsten Sekunden Schultze und den Seinen.

Da trat eine Stockung ein, die an sich nicht der Rede wert gewesen wäre. Schultze stolperte über ein quergestelltes Stuhlbein, wankte, hielt an. Aber als er aufsah und weiterfahren wollte, lähmte ihn Ulls Anblick. Der war ja wahnsinnig geworden!

Ohne sich zu rühren, stand Heinrich immerzu dort oben, – eine Bildsäule! Nur in seinem Gesicht wurde es unheimlich lebendig. Ja, die Masse umtobte ihn, die Vielzuvielen grinsten zu ihm empor, 336 ihn musterten Dämonen. »Ich werde gleich in der Masse verschwinden. Noch stehe ich über ihnen und bin allein.« Das sagte er nicht, das las man deutlich genug in seinem Mienenspiel. Trotz, Mitleid, Hohn überhoben sich in seinen stummen Blicken und seiner hochragenden Gestalt vor der entfesselten Volkswut. Es war ein Bild, so unmöglich, daß es schon der nächste Augenblick verschlingen mußte!

Die Entscheidung verlief völlig unerwartet. So wie sie sich gestaltete, sah sie niemand voraus. Röde hatte kaum von Ulls Anwesenheit Mitteilung gemacht und die verheerende Wirkung dieser Anzeige beobachtet, so warf er seine Handflächen auf die Mitte der Tischplatte und zwang sich mit einem mächtigen Flankenschwung über das Podium hinweg, stemmte sich, unten glücklich auf die Füße gelangt, alsbald an den Schultern der Zunächststehenden aufs neue empor, tastete sich mit gleitenden Füßen auf Lehnen oder Sitzen von Stühlen vorwärts und gelangte so, fast so weit wie der Saal lang war, in dieser künstlichen Gratwanderung mit bemerkenswertem Geschick unmittelbar bis an Heinrich heran. Beide standen sich gleich hoch über allen einander gegenüber; Ull ragte stehend auf dem Sitzbrett seines Stuhls, und Röde wurde gestützt und saß auf Schultern.

Auch Rödes Schlagkraft war stillgelegt. Heinrich maß ihn. Mit verschränkten Armen, mit einem ganz rätselvollen Gesichtsausdruck. Wäre nicht vorhin der schmähliche Schimpf auf Gott erfolgt! Er erwachte Heinrich nun im Ohr, fernes Erinnern drang auf ihn ein. Den Hunderten, die ihm zusahen, stockte der Atem. Er stockte auch Röde, als er sich ihm auf die Weite des ausgestreckten Armes gegenüber sah. Und da bemerkte Heinrich seinerseits, wie Röde in diesem Augenblick die Augen schloß. »Ah,« dachte er, »jetzt tut er das, womit er sich damals gebrüstet hat – ehe er –« Und vor seiner Erinnerung blitzte die schmale Dolchklinge auf. Das benahm ihm die letzte Furchtsamkeit, die mit der ungewohnten Lage ihn 337 bisher noch umschwebte. Röde versank in Mystik! An diesem Hohn wurde Heinrichs Überlegenheit voll. Sie fand auf seinen Mienen einen unsäglichen Ausdruck. Sichtbar vor aller Augen lag sie da und ließ sich doch nicht deuten aus der sonderbaren und wenig beneidenswerten Lage, in der man ihn über der vielköpfigen Masse immerzu aufragen sah. – »Trägt er das Messer wohl bei sich? –« Unbegreiflich, daß der dort oben stand und seinem Feinde die Stirn bot. Es wurde ganz still. Und da sagte Heinrich, ohne die Stimme zu erheben, nur mit leicht vorgeschobenem Haupte, Röde mitten ins Gesicht, so daß alle sehen mußten, wie dieser die Augen aufschlug und zuhörte:

»Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen –«

Die Zeit stand still. Und Heinrich stand vor der ganzen Welt. Aus ihm sang es: »Ich überwinde!« und ihm ahnte der tiefere Sinn dieser Gewißheit, daß das heiße: »Ich unterliege.« Mit einem unendlichen Blick in die Runde erntete er hundert Blicke, die starr auf ihn gerichtet waren. Was er da als Bekenntnis auf die Zunge nahm, das sangen immerdar Millionen Münder und sangen es außerhalb aller Zeit. Die Schranken von zwölf Menschengeschlechtern sanken dahin. Dort, um vierhundert Jahre zurück, stand ein Märtyrer der evangelischen Freiheit, dessen Blut in seinen Adern rollte, und winkte ihm zu aus den Flammen des brennenden Scheiterhaufens . . .

»Pfaffe!« schrie Röde. Alles Blut wich ihm aus den Adern.

»Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib –
Laß fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn –«

Das vom ›Reiche‹ konnte er nicht mehr aussprechen. Schon war 338 er von seinem erhöhten Standort heruntergerissen. Schultze packte fest zu mit Griffen, die faßten. Seine Leute standen ihm bei. Sie schleiften Heinrich gegen die Tür.

Da erst merkte man in den Reihen der Kommunisten, daß sie geprellt werden sollten und die Beute ihnen, denen sie gehörte, entrissen wurde. So kam es zum furchtbaren Gegenstoß. Schultze brach unter Faustschlägen zusammen. Er mußte loslassen. Aber sechs Sozialdemokraten bildeten nun eine neue Mauer um Heinrich, der wieder auf den Füßen stand.

Diese lebendige Menschenmauer wurde von hinten durchbrochen, wo das Augenmerk geringer war. Röde streifte Heinrichs Rücken. Sein Arm zuckte hoch – die aufblinkende Klinge blitzte senkrecht nieder. Ein Schrei, aber von vielen ausgestoßen, war das Ende.

Im Verhör nachher gab Röde zu, er glaube zugleich mit dem Stoß gerufen zu haben, was ungefähr so auch die Zeugen vernommen haben wollten: »Das ist für deine Ottilie!«

Nein, nicht an der Schläfe! Er schlug nicht mit dem Metallring. Das stehende Messer, der Dolch, stak unter dem Schulterblatt. Der Mörder vermochte ihn nicht mehr herauszuziehen, als Heinrich zusammenbrach.

Die drei Polizisten im Saal zwängten sich gleichzeitig nach dem Tatort durch. Der Sachverhalt lag in seiner ersten Minute so graß vor, daß es niemandem einfiel, ihn zu vertuschen. Röde wurde von den Umstehenden beinahe gelyncht. So ein Wahnsinn, ein Stoß, von dem sich die Partei sobald nicht erholte. Niederstechen, wo ein zünftiger Hinauswurf die einzig richtige Lektion gewesen wäre. Nun war der Vorwand für die schärfsten Repressalien geschaffen. »Bist wohl besoffen? – Warst unser Präsidente – machst uns nun den ärgsten Klumpatsch hin.« Andere hielten ihm seine Feigheit vor: hinten in den Rücken! »Habt einander angestiert, Fresse vor Fresse – Sprach an dich heran, hast seinem Stuß zugehört. Hättst ihm eine geklebt. Aber nun –«

339 Röde ließ sich von den Beamten fesseln. Er leistete keinen Widerstand. Nur langsam erwachte er. Es kamen gleichgültige Aussagen über die Lippen: »Ich sah nur noch Rot. Mußte an ihn heran, vorn war alles vermauert. Stieß zu, wo offen war . . .«

Schultze kniete neben dem Ermordeten, bettete ihn und weinte. Heinrich gab kein Lebenszeichen mehr.

Der Arzt fand ihn im Blute schwimmend. Der Tod mußte im Augenblick selbst eingetreten sein. Der Herzmuskel klaffte, entzweigeschnitten! »Entsetzlich! Diese politischen Bluttaten nun fast alle Tage!« Es war doch sein Handwerk. Hier aber war er erschüttert.

 

Sieben Minuten nach neun wurde Heinrich ermordet. Um halb elf Uhr fuhr ein Wagen vor. Ihm entstiegen Ottilie und Karl Godwein, der Generaldirektor und Frau Elisabeth.

 

10

Wenn ein übermäßiger Schmerz uns erreicht, sprengt das menschliche Antlitz seine Formen. Ottilie betrat das Gemach zwischen Mutter und Bruder. Auf der Schwelle schon erblickte sie die Bahre. Sie stieß sich die Faust vor die Unterlippe. Ihre großen Augäpfel legten sich rechts und links in die Lidwinkel, um Karl und Frau Elisabeth zu fragen, ob es wahr sei – ob das dort vorn sie etwas angehe. Ihre Stirn? Im laufenden Band floß sie verzerrt hinter die linke Schläfe zurück! Ihr Mund? Gleich einer frischen Wunde klaffte er weit in die Wange hinein! Sie sprang hinzu, prallte zurück, auf zwei Schritte nahe. Einen Schlafenden durfte sie nicht wecken! Oder war es ein Leichnam? Wie auf Hebeldruck ein metallenes Rohr um vieles die Fähigkeit der menschlichen Stimme übertrifft, gellte ihr aus der Kehle der Schrei der Verzweiflung. Sie brach zusammen. Über der Wucht des Wiedersehens: daß er es war und doch nun es nimmer war!

In der folgenden Viertelstunde wechselten diese Äußerungen in 340 ihr ab. Herzzerreißende Klage, süße Liebkosungen mit Streicheln und Küssen, eindringliche Fragen und Anrufe, als lebe der Tote. Zwischendurch, wie zum Ausruhen in Erholung neuer Leidenskraft, der Wellenfluß leisen Weinens und Schluchzens. Endlich ergriff sie die nahe Mutterhand und sie erhob sich. Etwa zehn Anwesende umgaben sie, drei der Ihrigen, der Arzt und Beamte. Schultze mit Leuten, mit denen er noch im letzten Augenblick Heinrich hatte retten wollen. Sie hatten auch die Bahre besorgt.

Frau Hilde Schultze erstickte ihr Entsetzen; sie saß auf einem Stuhl im gegenüberliegenden Winkel. Ahnung hatte sie dem ›Kohlenkeller‹ zugetrieben. Sie wollte gleich nach Beendigung der Versammlung ihren Mann in Empfang nehmen, um zu erfahren, wie alles abgelaufen sei . . .

Hart klang Ottiliens Befehl jetzt. »Wir tragen ihn durch die Straßen ins Geschäft. Er wird im Treppenraum aufgebahrt. Wir wachen bei ihm.« Niemand wagte zu widerraten, obschon draußen Automobile standen.

Ein Lauffeuer verbreitete das Gerücht der Untat. Es raste. Wirbelnde Fetzen werden in einer Feuersbrunst so durch die Luft getragen. – »Mord!« – »Röde!« – »Ull!« – Gruppen rotteten sich, die Schreie aufzufangen. – Immer neu rannte der Ruf voraus. So wurde der traurige Zug, je mehr er in die hellere, belebtere Stadtmitte vorrückte, von Ansammlungen erwartet, die sich teilten, indem sie die Bürgersteige säumten. Schrecken, Neugier, innerer Anteil entblößten ihnen die Häupter. Viele schlossen sich an, bildeten Gefolge. Die Polizei fand wenig zu wehren. Alles geschah lautschwach.

 

Unter dem Volk, das folgte, befanden sich Oli Fay und Mirjam Lanz. Die Geliebte des Mörders klammerte sich in einer geradezu entsetzlichen Gemütsverwirrung an ihre Meisterin. Frau Fay mußte sich wohl oder übel Gedanken machen. Ohne ihren aufreizenden 341 Hinweis wäre Heinrich, der ja schon für die nächste Minute an seinen Aufbruch dachte, nicht in Vorgänge verstrickt worden, die mit seinem Untergang endeten. Leider wurde aber auch jetzt Oli von ihrem schon öfters falsch angebrachten Geltungstrieb übermannt. Noch einmal griff sie ein in den Sachverhalt, von dem sie besser die Finger gelassen hätte. Was gab es denn nach einem so fürchterlichen Unglück noch zu vermitteln oder zu schlichten? Dennoch folgte sie dem Totengeleite der nächsten Angehörigen bis zum Hauptgebäude der früheren Gonßen AG. Dort stieß sie die verzweifelte Mirjam Lanz gegen die Menge zurück, betrat das Treppenhaus und stieg in geringem Abstand hinter den Trägern der Bahre und der Familie einige Stufen hinan. In ihrem inneren Widerstreit sprach sie halblaut zu sich selbst, und da glitt ihr denn, völlig sinnlos und unbeabsichtigt, der Name Ottilie hörbar über die Lippen. Die Angerufene, wenige Meter entfernt, hielt an, drehte sich um, aufhorchend, mit spähend vorgeschobenem Gesicht.

Dann ereignete sich das Furchtbare, daß sie mit dem Aufschrei »Mörderin!« schnellstens über den Abstand der Stufen sich auf ihre ehemalige Lehrerin stürzte, sie anpackte und zusammen mit ihr, die hintenüberfiel, das untere Stück Treppe hinabrutschte. Der Schrecken dieses Anblicks, die Möglichkeit, in gesegnetem Zustande einen gefährlichen Stoß zu erhalten, die unmögliche Wirklichkeit eines Sturzes, wie ihn Oli Fay vor aller Augen tat, als sie vom Anprall des schweren Körpers nach hinten geworfen und von ihm bedeckt mit dem Rücken die Stufen fegte, mit dem Hinterkopf an die Steinkanten aufschlug, erfüllten die wenigen Zuschauer mit noch mehr Angst. Galt es jetzt nicht, Schwerverletzte oder gar frische Tote vom Fußboden aufzulesen, auf dem unten beide Frauenleiber einen Augenblick regungslos dalagen?

Dazu gehörte noch nicht alle Aufmerksamkeit dem jähen Schrecken. Etwas ungeheuer Lächerliches drängte sich den erregten Nervenfasern auf. Hatte doch Oli Fay ihren Rücken brettartig 342 glattgezogen und ließ ihn zugleich nachgeben – er schleifte auf natürliche Weise einen Abhang hinunter! Wie auf einem Bobsleigh, in Hockerstellung, kauernd fuhr die grimmige Rächerin mit Frau Fay zu Tal, auf deren Bauch kniend, mit den Händen in deren Brüste verkrampft. So wenigstens wirkte der grillenhafte Blitz dieses Falles auf die Mutter. Ein gar nicht zu schildernder Blick von ihr traf den Sohn an ihrer Seite.

Mit einem einzigen Satze übersprang Karl die Steintritte und tastete sich kniend an die Schwester heran.

Ottilie brauchte man nicht beizuspringen. Sie richtete sich aus eigener Kraft auf und verließ die bewußtlos daliegende ältere Frau mit einem verächtlichen Blick. Allein schritt sie abermals die Treppe empor und erreichte im Flur des ersten Stockwerks die Bahre mit den Trägern. »Hier wird er aufgestellt. Wer ihn noch sehen will, mag kommen. Viele kannten ihn, jedermann muß Gelegenheit erhalten. Darum das öffentliche Gebäude, wo alle Zutritt haben!« So befahl sie.

Dann kniete sie an der Bahre nieder und wurde seines erloschenen Blickes inne. »Ärmster!« schrie sie auf, »sollst du denn nicht schlafen dürfen?« Mit bebenden Händen tastete sie unter seiner Stirn und drückte ihm sanft die Augen zu. Darauf glitt ihr schwerer Leib ohnmächtig am Rand der Bahre hinab auf die kalten Steinfließen.

 

11

Im oberen Treppenhof der früheren Gonßen AG. aufgebahrt, verschwand Heinrichs Leiche in Kränzen und Blumengewinden.

Im Automobil, das dem Leichenwagen ins Gebirge folgte, saßen nur Ottilie und ihr Bruder Karl. Als sie an den Hof gelangten, wo Karl und sie damals die ausgebrochene Pferdekoppel hatten einfangen helfen, traten die Gutsbesitzer an den Schlag. Der Sarg wurde auf einen starken Wagen gebettet und von einem Gespann von sechs Rossen durch den Wald gefahren.

343 Als sie beim Forsthause abermals hielten, lag wiederkäuend die zahme Hirschkuh vor der Tür.

 

Das Grab stand offen. Es sprach sich herum, er habe es sich ahnungsvoll auswerfen lassen.

Aus der Stadt waren einige Abordnungen zugegen. Doch die reiche Trauergemeinde, die sich bis hoch oben in die Felsen unter den Bäumen verlor, stellte das weite Waldgebiet, dessen Bewohner auf Stunden her nach der Löhr strömten.

Der Superintendent Georg Ull, im Talar, las aus einem Neuen Testament das Textwort: »Er ist selig geworden, aber wie durch Feuer hindurch.« Die Zeit strebte wieder wie in den Tagen des Heilandes unter Blitz und Donner ihrem Untergang entgegen. Das Feuer des Weltbrandes züngelte heute wie damals. »Mein Sohn brach unter dem Mordstahl zusammen, das Lutherlied auf den Lippen.« Die Worte des Pastors hinterließen ungeheuren Eindruck. Ottilie war gebannt durch das Bibelwort, das über ihn ausgesprochen wurde und in der Ansprache mehrfach wiederkehrte. »Selig geworden, aber wie durch Feuer hindurch!«

Karl dachte dazu: »Hier, wo wir stehen und wo nun das Grab sich auftut, ist er damals dem Tode entgegengestürzt, der ihn nun verschlingt. Dazwischen ist er der Unsrige geworden. Hier entsank Hölderlin seiner Hand – bis Gottes Fehl hilft!« Und dann führte er behutsam seine Schwester an den Sarg heran, als die Decke von ihm abgehoben wurde und im schlichten Gefüge die sechs rohen, gehobelten Eichenbretter dastanden.

Ottilie ließ sich sachte nieder, legte Hände und Gesicht oben hin und weinte still. Sie hauchte – Karl vernahm es: »Ich werde dir den Sohn schenken – ich werde dir den Sohn schenken.«

Der Bruder half ihr auf, die Totengräber gingen an ihr trauriges Geschäft. Die junge Witwe, die Ihrigen, sein Vater, die Freunde, das Volk – alle hörten sie die Schollen rollen.

 

12

344 Beim Tode der Frau Brigitte Godwein hatte ihr Sohn, der Generaldirektor, damals einen Brief von dem sozialdemokratischen Oberpräsidenten erhalten, der ebenfalls der Sohn einer Waschfrau war. Dieser hohe Beamte hatte einst auf einen Augenblick Heinrich Ull kennengelernt und besichtigte auf einer Dienstreise das Zuchthaus, wo Julius Röde seine Strafe abbüßte.

Der Direktor berichtete dem Vorgesetzten, es sei jetzt eine Vorrichtung getroffen, daß man Schwerverbrechern zuhören könne, wenn sie sich unbelauscht wähnten. Der Oberpräsident war einverstanden, die Mörder Oskar Keueler, Julius Röde und einen sogenannten ›Himmelblauen‹, einen auf Lebenszeit Verurteilten, in diesem Geheimgemach zu beobachten. Es lohnte sich vielleicht, man bekam manchmal einen überraschenden Einblick in die Gefühlswelt der Strafgefangenen. Es hing das auch mit den Versuchen zusammen, die unterderhand unablässig für eine Vermenschlichung der Strafvollziehung vorgenommen wurden. Die genannten drei ›schweren Jungen‹ waren auf ihre Weise Persönlichkeiten geblieben. Die Verwaltung behielt sie daraufhin im Auge. Ihr Geisteszustand, die unverminderte Durchlässigkeit ihrer Lebenskraft innerhalb der Gefängnismauern stellten wohl eine oberste Grenze dar.

Der Schallempfänger war in den ringsum abgedichteten und verriegelten Raum so eingebaut, daß die dort untergebrachten Gefangenen nicht auf den Gedanken kamen, ihre Gespräche würden weitergeleitet und könnten noch für andere Ohren als die ihrigen bestimmt sein. Überhaupt nur mit anderen reden zu dürfen, gilt jedem Häftling für die höchste erhältliche Wohltat.

 

»Nu sind wir wieder in der Sommerfrische und können plaudern,« scherzte Keueler. »Seit du da bist, Röde, zieht hier der Fortschritt ein. Die Freiheit marschiert. Die braven Leute geben klein bei. Bald wird es überall Tag in der Nachtmütze – haha!«

345 Rödes Aufenthalt im Gefängnis währte noch nicht lang genug, um irgendwie schon die Angriffslust in ihm geknickt zu haben. Diese ungebrochenen Instinkte aber bequemten sich zur klugen Anpassung an das Unvermeidliche: »Ich war ein junger, dummer Hund, sonst steckte ich jetzt nicht mit euch hier in dieser Laterne. Ah – wie ich das damals verpatzt habe! Drei Brandbomben – die erste ins Maschinenhaus, die andere in die Kraftzentrale, die dritte ins Geschäftsbüro mit den Akten! Statt dessen, was tat ich? Ich habe den Bürger belustigt, ich habe unsern Feinden ein ergötzliches Schauspiel geboten. Ich Esel, der ich war!«

Er verstummte, fuhr aber dann fort: »Klebe tüchtig Tüten – werde mich so gut aufführen, als es mir möglich gemacht wird. Vielleicht erhalte ich mit der Zeit die Erlaubnis, eine fremde Sprache zu treiben. Das kann natürlich nur Russisch sein. Bis dann werden sich Sichel und Hammer auch bei uns durchgesetzt haben. Wie meint ihr dann, daß ich dastehe, wenn ichs Zuchthaus hinter mir habe?« Der ›Himmelblaue‹ hörte aufmerksam zu. Sein fahles Gesicht erhielt eine schwache Welle von Farbe. »Sicher wird die Revolution bald ausbrechen. Das Volk wird uns befreien. Dich, Röde, werden sie aus deiner Zelle auf den Schultern im Triumph ins Regierungsgebäude tragen. Du wirst der deutsche Lenin!«

Röde wehrte ab: »Ich habe einen kommenden Führer der Reaktion umgebracht – ich kann beweisen, daß Ull das geworden wäre. Er stellte sich mir an jenem Abend in den Weg, reizte meinen Haß bis zur Siedehitze. Das hat mir ein Schock mildernder Umstände eingetragen. Und an meiner Begnadigung wird auch gearbeitet. Mein Weib ist Jüdin – konnte aber im Kloster unterkommen. Von da aus tut sie für mich, was sie kann. Man hat sie schon zu mir gelassen, ich durfte mit ihr reden – das ist eine große Vergünstigung. Sie will nun noch eine Bittschrift verfassen an die Witwe meines Opfers – tja – das war ihre beste Freundin vor einem Jahr. Auch mir war sie eine Zeitlang sehr gewogen – tja 346 – das läßt sich nicht leugnen. Vielleicht läßt die strenge Person nach Jahr und Tag sich doch noch erweichen und befürwortet mein Gnadengesuch.«

Als nun der ›Himmelblaue‹ abermals das Wort ergriff, stellte der Zuchthausdirektor auf den Wink des Vorgesetzten den Apparat ab, so daß die Schallzufuhr aussetzte. Da sagte der Oberpräsident: »Das war Röde, nicht wahr? Sein Selbstgeständnis zeigt, daß er sich durch gute Führung auszuzeichnen trachtet, um möglichst früh seine Freiheit wieder zu erlangen. Das sind freilich angesichts der Schwere seines Verbrechens verfrühte Hoffnungen. Aber soweit die Vorschriften dazu Hand bieten, fände ich es angebracht, wenn ihm eine Behandlung zugewendet wird, die ihn ermuntert.«

»Ganz meine Meinung, Herr Oberpräsident, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen beizupflichten,« erwiderte der Leiter der Strafanstalt, »ich bin der Ansicht – im Gegensatz zum bekannten Sprichwort –, daß auch bessere Wege als nur der zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert sind. Ohne eine solche Zuversicht wäre unser Beruf ein trauriges Handwerk.«

 

13

Ulls junge Witwe brach mit ihrer Familie alle Beziehungen ab. Sogar ihre Mutter wurde nicht vorgelassen. Einzig Bruder Karl ging bei ihr nach wie vor ein und aus.

Die Wahrscheinlichkeit gab ihr recht. Wäre Ull durch das Telephongespräch des Generaldirektors nicht vor den Kopf gestoßen worden, er hätte sich seinem Vorhaben gemäß gleich den anderen zu Gonßen begeben, und da wäre es schon allein aus Zeitgründen kaum noch zum Besuch des ›Kohlenkellers‹ gekommen.

Woche um Woche ließ erkennen, wie sich nun die Zeit für Ull geöffnet hätte. Schon damals bei Gonßen huschte ein Gerücht flüchtig über die Köpfe weg, bald darauf nahm es Gestalt an. Ganz Deutschland stand unter der gleichen Botschaft des Zweifels 347 und der Erwartung. Will die Wende nun werden? Ja! Geballte Hände durften sich öffnen und sich ausstrecken nach anderen Händen, die ebenfalls im Krampf geballt gewesen waren. Auch die arme Ottilie Ull, geborene Godwein, wurde von solchen Gedanken der Zuversicht bei gesunden Sinnen erhalten.

In einer Nacht hielt sie dem Toten ihr Versprechen und schenkte seinem Sohne das Leben.

 

Ihr erster größerer Ausgang führte sie zu Hilde Schultze, die sie täglich in der Wochenstube aufgesucht hatte. Auch der Stadtverordnete fand sich zur angesagten Zeit ein. In die Mitte genommen von Fritz und Hilde, trat sie in der sonnigen Wohnung vor das überaus sprechende Bild Heinrichs, das einen Ehrenplatz an der Wand der guten Stube einnahm. »Außer Ihnen, Frau Doktor, und vielleicht noch Ihrem Herrn Bruder hat niemand soviel von diesem meuchlings zerstörten Leben gehabt wie wir,« sagte Schultze mit schwankender Stimme.

Nicht zuletzt ihr Elternglück machte sie unempfindlich gegen die Reden der Leute, war doch ihr Kind, noch unbewußt des großen Verlustes, um seinen Paten verwaist. Frau Ottilie erwiderte diese Freundschaft aufrichtig. Standesvorrechte geltend zu machen, sah sie sich nicht versucht. Wollte sie nicht selber um ihren festen Halt kommen und dem schwarzen Abgrund entgegen sinken, so mußte sie sich vorsichtig dem Geländer entlang tasten, das sich ihr in den von Ull noch geknüpften persönlichen Beziehungen darbot.

Aber auch der Anteil an Heinrichs Umgang mit Schultzes sollte weiterbestehen. Er erbaute zusammen mit seiner Frau in gründlichen Zwiegesprächen stille Luftschlösser. In ihre Anschauungen von der Zukunft des werktätigen Volkes wurde Ottilie eingeweiht. Sie hörte zu, tat Zwischenfragen, mit denen wies sie sich über Kenntnisse so sehr aus, daß Schultzes sie reden ließen . . .

»Nicht wahr?« sagte sie noch und sah hinter dieser Frage her 348 an dem Ehepaar vorbei in eine Ferne. Sie unterhielt sich ins Unsichtbare hinüber. Von drüben sollte ihr Antwort werden. Wie sie nun lauschte, selber fromm geworden, blühte eine bleiche verlangende Schönheit an ihr auf – die bebende Verklärung einer Benedeiten, die dem Engel der Verkündigung entgegenharrt.

 

14

Im zweiten Sommer ihrer vorzeitigen Witwenschaft zog Frau Ottilie Ull mit ihrem Söhnchen Heinrich Georg schon frühzeitig auf die Löhr. Ihr Bruder Karl, der stets Getreue, leistete ihr Gesellschaft. Diesen August vollendete er sein zwanzigstes Lebensjahr.

Mit ihren Angehörigen versöhnte sie sich wieder. Die ganze Familie wollte oben beisammen sein. Auch wurde bedacht, auf ein paar Tage das Ehepaar Ettram mit dem Zwillingspaar heraufzubitten. Die Beziehungen der beiden Familien hatten sich inzwischen enger geknüpft.

Fürs erste aber wollten die Geschwister die Ruhe und Einsamkeit noch mit niemandem teilen. Ein Gneisblock, in der Nähe freigelegt, erhob sich zu Häupten des Grabes als Denkstein. Goldene Buchstaben auf der geglätteten Fläche mit dem Namen und der Lebensdauer – sonst nichts. Um das Viereck herum lief ein schmiedeeisernes Gitter.

»Wir trachten zu viel, wir müssen wieder dichten,« sagte Karl, als sie ihre nachmittägliche Ruhestätte unweit des Grabes aufgeschlagen hatten.

»Allmächtiger Gott!« erschrak Ottilie in ihrem Liegestuhle. Karl sah sie zum erstenmal hier oben lachen. »Hat es dich? Bist du lyrisch geworden, Brüderchen?«

»Du hast mich ja klappern hören. Irgendwie muß ich die kleine Tragbare würdig einweihen.« Sie wünschte die Verse zu hören. 349

      Verkündigung

Finger kauernd auf Tasten
Lauern sprungbereit,
Bis die Saiten sie anfaßten,
Daß der Flügel schreit.

Die gewaltig gepackten
Hämmer stehn im Stoß.
In den Leitern, aus den Takten
Werden Töne groß.

Von den Händen gesungen,
Nimmt der Klang den Lauf.
Auf den Grund hinabgedrungen,
Bricht es wieder auf.

Ob es schluchze, ob dröhne –
Lauscht der volle Saal.
Und wie rote Lavaströme
Stürzt die Glut zu Tal.

»Noch mal!« verlangte die Zuhörerin. Sie sah den großen Klavierspieler vor sich, hörte sein Spiel. Sie saß damals zwischen Heinrich und Karl. »Das vorletzte Reimpaar unrein. Tut nichts.« Dann schwieg sie und rührte sich nicht. Er sah, sie weinte. Als sie wieder miteinander sprachen, war von den Gedichten nicht mehr die Rede.

»Du, Karl,« sagte sie, indem sie lange den Zementwürfel betrachtete, »an dir ist das Merkwürdige, daß von deinem jungen Willen dieser starke Turm hier oben errichtet wurde – ich freue mich, daß ihr ihn nach mir nennt –, und von ihm fuhr damals an meiner Seite in dich der Glanz der aufgehenden Sonne zurück und hätte dich beinahe vor Schreck getötet. Das eine ist für dich ebenso sehr Wirklichkeit gewesen wie das andere!« Sie kam auf 350 den Glauben an eine Auferstehung zu sprechen, der war für sie mit Heinrichs Grab unlösbar verbunden. Sie unterhielt darüber einen Briefwechsel mit Dr. theol. Hofacker, dem kulturfeindlichen Pastor. Zu dessen Kreis hielt sie sich nach wie vor.

Karl antwortete ihr: »Alles Unsachliche soll Wahn sein. Dem Wahne kann jederzeit Ahnung entsteigen. Echte Ahnung steht dem wahren Leben näher als alle kritische Einsicht.«

Und dann schrie der Kleine. Man sah nicht nach ihm – man vernachlässigte ihn!

Am Grabgeländer, das nicht wankte, vollzog der fünfvierteljährige Heinzjörg Ull seine tapferen Steh- und Gehversuche und ließ es an vielsagenden, wenn auch noch unverständlichen Beteuerungen seines Stolzes nicht fehlen. Karl kümmerte sich jetzt angelegentlich um den Neffen und Patensohn, während seine Mutter einige Schritte nach dem Hohlweg einschlug.

Ein verhaltener Aufschrei ließ ihn aufsehen. Sie war sich mit der Hand gegen das Herz gefahren beim Ausruf, fand sich aber gleich zurecht. Karl sah einen Mann auf sie zukommen, über dessen Anblick auch er unwillkürlich zusammenfuhr, so sehr glich der Ankömmling dem Verstorbenen, nur war es ein Greis mit weißen Haaren, der alsbald seinen Gruß rief und froh den Hut schwenkte. Großvater Ull hatte sich auf einen dieser Tage angesagt.

Der Enkel, dem der Besuch galt, stellte seine keuchenden Kraftanstrengungen ein und richtete seine hellen Augen auf den ihm unbekannten Herrn, der sich vor ihn hinstellte und ihn wehmütig anschaute. »Mann!« sagte der Kleine laut und deutlich – und bestätigte gleich hinterher nochmals: »Mann!«

Als drinnen bei der Einnahme der angebotenen Erfrischung der Superintendent die baldige Erteilung der weit über Gebühr hinausgeschobenen Taufe forderte, erhielt er von seiner Schwiegertochter einen ablehnenden Bescheid. »Ich habe mich entschlossen, ihn nicht taufen zu lassen. Er darf mir in keinerlei Gebundenheit 351 heranwachsen. Es soll ihm alles offenstehen. Sein Leib hat gutes Blut mitbekommen. Ihr seid ein mannhaftes Geschlecht, ihr Ulle. Nur darf er mir nicht ungeistig werden. Das Bewußtsein muß ihm hell bleiben. Seine Vernunft muß seinen Antrieben widerstehen. In diesen Grundsätzen hätte ihn Heinrich erzogen.«

 

Einmal kamen unerwartet im Kraftwagen Otto und Lotte Sulzer heraufgefahren. Sie hoben einen etwas großen, recht schweren und sehr schonlich von ihnen behandelten Koffer unter dem Vordersitz auf.

»Erschreckt nicht – er enthält nicht unsern Reisebedarf. Wir wollten euch bloß etwas zeigen.«

Nein, das Pulver hatte Otto, der findige Physiker, noch nicht erfunden, nämlich das lautlose nicht, das sie im ›Ring‹ suchten. Auch der Motor ratterte immer noch nach alter Unart, wie man ja soeben im Kurbelkasten gehört hatte. Das neue Patent galt dem Fernsprecher. Als sich der Physiker mit den ausgepackten Instrumenten und hervorgeholten Bestandteilen um den Anschluß bemühte, läutete es gerade vom Tale herauf an.

»Famos, nun kann es gleich die Probe bestehen. Hallo – hier Berghaus Löhr – Ottilienturm!«

Es meldeten sich zwei weibliche Stimmen, die im Verständigungsversuche abwechselten.

»Es geht dich an, Ottilie. Hier steckt der Spiegel – du kannst darin sehen, wer spricht.«

Schon der Laut der Stimmen verursachte ihr Nachdenken. Das werden sie sich wohl nicht unterstehen! Dann sah sie im Spiegelrahmen die Köpfe. Wahrhaftig!

Irgendwo in der Ferne suchten Oli Fay und Mirjam Lanz Frau Ull zu erreichen. Sie verstand sie deutlich und beobachtete dazu ihre Gesichter. Sie trugen ihr die Bitte vor, das Begnadigungsgesuch für Julius Röde, das in Umlauf gesetzt sei, wirksam zu unterstützen.

Heftig und doch beherrscht rief sie zurück: »Davon kann keine 352 Rede sein. Das stände mir gar nicht zu. Das Andenken des Ermordeten muß ich in die Hände seines Sohnes legen, wenn er mündig wird. Unser Schicksal muß uns adeln. Ich darf ihm das Recht auf Rache nicht vorenthalten. Er wird mit erhobenem Haupte durchs Leben gehen wollen.« Und sie läutete lebhaft und lange ab.

 

Am Abend der Johannisnacht kam, wie schon oft Wanderer zu diesem Ziele, eine Schar junger Leute auf die Wasserscheide der Hohen Koppe herauf. Sie besuchten das Grab, umstanden es mit entblößten Scheiteln und schmückten den Felsblock mit einem frischen Waldkranze. Dann grüßten die unbekannten Jünglinge ehrerbietig.

»Es gilt dir« sagte Ottilie zum Bruder Karl. Wahre Thronfolgerhuldigungen waren Karl Godwein schon von vaterländischen Verbänden zugegangen. Einmal belustigte ihn sogar die schwärmerische Begründung: weil Quitzowsches Blut in seinen Adern fließe, das älter sei, als das des einst kaiserlichen Herrschergeschlechts!

»Mitnichten gilt es mir – es gilt ihm,« wehrte sich Karl, deutete auf Heinzjörg und bat Ottilie, ihren Knaben den Pfadfindern und Wandervögeln, oder was für ein Bund es sonst sein mochte, entgegenzutragen.

Als das Bübchen auf dem Arme seiner Mutter den bunten Wimpel sah, der ihm zum Gruße lustig geschwenkt wurde, streckte es seine Ärmchen hoch in die Luft und jauchzte laut.

Ende

 

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