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Carl Albrecht Bernoulli: Ull - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleUll
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1931
firstpub1931
publisherGrethlein & Co
addressZürich / Leipzig
titleUll
pages352
created20140222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

1

Mutter Brigitte hatte mit allem bisher fertig zu werden vermocht. Aber daß es Arbeitslose gab, bald mehr, als anderswo ein Volk Menschen hatte, das wollte ihr nicht in den Kopf. Sie trommelte sich in Gegenwart ihres Mieters, des Doktors, mit den Fäusten gegen die Stirn. Daß es einem hin und wieder die Petersilie verhagelte, das war wohlgetan vom lieben Gott. Aber jetzt wuchs es Ihm offenbar über den Kopf. »Arbeiten können, arbeiten wollen, und keine Arbeit nirgendwo finden – nee, nee, wissen Sie, da steck ich's lieber vorher auf.«

Sie wollte überhaupt von der gegenwärtigen Zeit nichts mehr wissen. Keine Zeitung rührte sie mehr an. Sie setzte sich mit ihrem Fontane ins Vorgärtchen oder in die Sofaecke, bis es genug war und ihr die Augen zusanken. Ihr Mietsherr glaubte sie damit geborgen.

Aber auch dieses sonst unfehlbare Mittel wollte ihr nicht mehr behagen. Sie legte ›Frau Jenny Treibel‹ aus der Hand und überraschte Heinrich mit einer Kritik dieses bürgerlichen Frauencharakters. Diese Madame könne ihr nicht länger einleuchten. Doch auch nur eine von unten herauf, die's nun hoch im Kopfe hat. Weil der Herr ein Kommerzienrat war und sie so immer bei Gelde blieb. »Der glaub ich nicht, was sie sagt. So eine Heuchlerin! Sie beneidet die zufriedene Plätterin in der Mansarde. Dabei dreht sie immer die Augen nach oben. Und doch – auch die Grafen und Barone sind nicht, was sie. Spuckt aber am liebsten dem braven Arbeitsmann in die Suppe.« In diesem Tone fuhr sie zu reden fort.

Die Alte wurde ja hellsichtig! Sie durchschaute mit einem Male den Verfall der bürgerlichen Gesellschaft von einst, zu der sie damals emporsah, an die sie geglaubt hatte.

Ein schöner, stiller Sommernachmittag sank. Der Frieden der Vorstadt lag ums Haus. Sie saß am runden Gartentisch neben dem 213 blühenden Rotdorn. Die Brille auf der Nase – las aber nicht, sie strickte. »Jetzt will ich der guten Frau die Freude machen.« Es war seine Absicht längst, ihr davon anzufangen. »Nanu,« guckte sie auf und ließ die Stricknadeln stillstehen. »Welche Ehre! Können Sie ein Viertelstündchen dranwenden? Wollen Sie Platz nehmen?«

»Ja, – deshalb komme ich ja.« Er ließ sich auf dem Eisenstuhl nieder, den er sich auseinanderklappte. Sie schwieg und strickte und sah in sich hinein, mit einem friedlichen Ausdruck, als wollte ein Lächeln daraus werden.

Sie erzählte von den Blumen da – und von des Nachbars Katze. Die hatte heute früh wieder den Amseln nachgestellt – der alte Vogel stieß seinen Warnungsruf und Notschrei aus – da war sie mit dem Flaumerbesen noch rechtzeitig zur Stelle – dem Raubtier entkam der Braten. Diese Wendung benützte Heinrich, um ihr von den Schwalben auf der Löhr oben zu erzählen – wie zum Teil ihre Nester aus Ottiliens Haar gebaut waren. Sie begriff erst nicht, dann wollte sie's nicht glauben.

Jetzt löste es sich in ihr. Wie es denn damals zugegangen sei, als ihn der Geheimrat bei ihr abholte, an Karls Geburtstag. Daran reihten sich weitere Fragen. Sie tat sie scheu, verstohlen, im aufsteigenden Glück. Ihr Gesicht zeigte kaum noch eine Runzel.

Da gab er ihr zu verstehen, was bevorstand. Daß sie so etwas wie seine Großmutter werden würde, er heirate bald einmal ihre Enkelin! Auch Frau Generaldirektor würde eines Tages bei ihr vorschauen. Er wollte so nach und nach ihren alten Kopf etwas mit Freude ausstatten. Sie war schwer von Begriffen geworden. Übergroße Aufregung, und gar eine freudige, war zu verhüten.

Drinnen läutete die Klingel des Fernsprechers. Er hatte sich ihn einrichten lassen vom Geschäft aus, damit er immer erreichbar war. »Einen Augenblick. Bin gleich wieder hier.« Er hörte noch sich im Rücken fein ihre Stricknadeln gegeneinander schlagen. Als er fünf Minuten später aus der Haustür trat, fand er sie 214 vornübergesunken. Den Kopf in den aufgelegten Armen. Vom Rande des Gartentischs in der sitzenden Stellung festgehalten. Was für ein schwerer Leib! Er mußte die Nachbarinnen rufen. –

 

Drei Tage später umstand ihr Grab auf dem Friedhof vollzählig die Familie ihres Sohnes, auch Frau Elisabeth fehlte nicht. Alle in Tieftrauer, völlig modegerecht. Zwei prächtigen Herrschaftswagen waren sie entstiegen. Schöne Blumenspenden bedeckten den Sarg, die kostbarste hatte der Geheimrat niedergelegt.

Groß war die Schar derer, welche die Verstorbene gekannt hatten. Viel Weiblichkeit stand herum, mit Körben am Arm oder Kindern an der Hand. Das Quartier gab ihr die letzte Ehre! In diesem Sinn sprach auch der Pfarrer. Dabei wanderten die Taschentücher über die Gesichter, Laute des Schmerzes unterbrachen die Morgenstille. Der schwere Sarg sank. Die Familie warf ihm Erde und Blumen nach.

Heinrich begrüßte die Godweinschen aus einem gewissen Abstande heraus; er vermied es noch, schon als ihr Mitglied zu gelten. Sein Verlöbnis galt aber für ausgemacht. Er hatte bei dem plötzlichen Todesfall dem Generaldirektor soviel wie möglich abgenommen. So stand er denn jetzt wie selbstverständlich im Kreise der Familie drin, und Ottilie wich ihm nicht von der Seite.

Als die Feierlichkeit zu Ende war, zog sie ihn zum Wagen und nannte dem Chauffeur Straße und Hausnummer. Ihrem Bräutigam teilte sie flüchtig mit, was sie zu Hause bereits besprochen hatten. Die Eltern waren nicht dagegen, weil sie ihr Mädchen kannten. Also siedelte jetzt vom Kirchhof weg Ottilie in die Wohnung ihrer Großmutter über und übernahm deren Pflichten im Hause gegen den Mieter, der zufällig ihr Verlobter war! Vorurteile in diesen Dingen kannte die Jugend heute nicht mehr. Gab es eine einfachere Lösung als diese? Sie kam so in einen selbständigen Wirkungskreis hinein, und man sah ja dann, wie sie sich anstellte.

215 Heinrich mußte sich damit abfinden. Er konnte am wenigsten etwas dagegen haben. In gelassener Förmlichkeit entledigte er sich der Händedrücke, Verbeugungen und Grußworte. So saß er denn, ehe er sich's versah, neben seiner Lebensgefährtin in den hochherrschaftlichen Rücksitzen; vorn neben dem Wagenführer sah er den Koffer stehen, der Ottilie gehören mußte. Nach ein paar Kurven hielten sie schon vor dem Hause. Sie zog sich gleich in einem der oberen Zimmer um und trat alsbald in das Hauswesen ein.

»Du siehst aus wie eine junge Arbeitersfrau,« sagte er, um überhaupt etwas zu sagen. Noch fand er sich kaum zurecht. Ottilie rumorte bereits in der Küche herum und brachte einen Speisezettel in Vorschlag.

»Was machst du für ein Gesicht?« musterte sie ihn mißtrauisch, »du mußt dich nun eben aus der Nähe an mich gewöhnen. Wirst keinen Grund haben, dich zu beklagen. Gib mir wenigstens erst mal einen vernünftigen Kuß – dann kann es weitergehen.«

Nein, wirklich, vor vier Tagen noch Mutter Brigitte – und nun ohne jeden Übergang der eigene Haushalt. Etwas anderes war es doch nicht. Was den Ehestand ausmachte, da befand er sich nun mittendrin. Von einer Stunde zur anderen war er hineingerutscht.

 

Die folgenden vier Wochen brachten einen stillen, aber unaufhaltsamen Wechsel der Ausstattung und der Gesinnung in die Wohnung der alten Mutter Brigitte Godwein. Die Familie war sich einig, daß außer einiger Wäsche, die sie mit so großer Meisterschaft zu behandeln gewußt hatte, ihre persönlichen Habseligkeiten unter bedürftige Nachbarn verschenkt werden sollten. Mitten in diese Verteilung rollte plötzlich Vater Godwein vor. Er wollte doch noch auf eine halbe Stunde sich in den vier Wänden umsehen, in denen er seiner braven Mutter den sorglosen Lebensabend gesichert hatte, ehe nichts mehr von dem ehemaligen Hausrat in den Räumen stand.

Versonnen schritt er durch die wenigen Stuben, prüfte den einen 216 oder anderen Gegenstand mit einigem Nachsinnen, wurde manchmal gesprächig, weil eine Erinnerung aus früher Jugend sich neckisch meldete.

Ull hätte gern dem Sohne von der Mutter erzählt. Gerade das aber schien jener zu fürchten und beschleunigte offensichtlich den Abschied. Vor der Haustür blieb er unter den Vorstufen stehen und kehrte sich ihnen zu. Nebenbei sagte er: »Von mir aus könnt ihr übrigens heiraten, wann es euch paßt,« und wölbte schon vor dem offenstehenden Türschlag seinen Rücken zum Einsteigen.

»Hast du's gehört? Ich bin pumps erschlagen. Fein, nicht? Ich denke, wir lassen uns das nicht zweimal sagen,« rief Ottilie aus und hakte Heinrich unter. »Du brauchst nicht so verlegen beiseite zu sehen. Das geht doch nun alles seinen vorgeschriebenen Gang.«

In den darauffolgenden Tagen war das Ziel ihrer häufigen geschäftlichen Ausgänge, die sie forsch und flink mit eiligen Beinen oft stundenlang vollzog, um neue, nicht unwichtige Besorgungen vermehrt – die zu einer Eheschließung nötigen Papiere wurden in Ordnung gebracht. Wie die meisten Bräute, war auch sie in diesem Punkte auf möglichst rasche Abwicklung erpicht, damit man nachher wieder in Ruhe an wichtigere Dinge denken konnte. Und so schrieb sie denn bereits in der dritten Woche mit eigener Hand Anschriften auf die Umschläge, deren eingelegte Karten die lakonische Anzeige enthielten: »Wir werden uns morgen trauen lassen. Ottilie Godwein. Dr. Heinrich Ull.« Den Text hatte sie ausgeheckt, ebenso das Datum. Sie war stolz darauf.

Immerhin konnte sich das junge Paar, als es ohne jedes Festgewand im Straßenanzug auf dem Standesamt sich einfand, mit seinen beiden Trauzeugen sehen lassen. Man hatte an beiden Stellen keine Fehlbitte getan. Geräuschlos glitt ein prächtiger Wagen neben den Bürgersteig. Ihm entstiegen Geheimrat Gonßen und Oli Fay.

*

217 »Weißt du, Heinz. meine Meisterin hat mir heute doch wieder recht gut gefallen,« sagte die junge Frau, als sie zusammen am Eßtisch saßen und sich ein kleines Hummerabendbrot munden ließen. Die Eltern hatten es ins Haus geschickt. Auch brachte eine reichliche Post die ersten Glückwünsche zur Hochzeit. »Die gute Stube des Kleinbürgers, der uns zusammengab, war ja nicht auszuhalten. Man wohnt nicht ungestraft in einem Vorort, der noch längst nicht fertig ist. Warum hat uns nicht der Werkmeister Schultze getraut? Traut er nicht auch? Kurzum – überstanden ist's. Ja gesagt haben wir – ich mußte nur immer zur Meisterin hinübersehen, seitwärts natürlich nur. Aber so zwischendurch, du verstehst mich. Ihr Blick sprach mir zu. Das beglückte mich.«

Oli Fays Haltung hatte auch Heinrich angenehm überrascht. Ein Ausdruck von Andacht konnte auf ihren Zügen liegen.

Und schon sprang Ottilie dazu über, wie sie sich nun weiterhin einrichten wollten. Eine runde Summe lief vom Vater ein. »Weißt du, wir lassen uns ein Zimmer nach dem andern auffrischen. Einen Handwerker den Tag über. Wir nehmen uns Zeit. Es wird irgendein warmer, dunkler Farbton, auf den wir uns einigen, über die verbleichten Tapeten gestrichen.«

Heinrich hatte nichts einzuwenden, er fand das alles schön und gut. »Hoffentlich genügt dir das aber nicht,« fiel er ein. »Es gilt nicht nur, mit alten Vorhängen aufzuräumen.«

In diesem Augenblick klingelte es. Vor der Tür stand Frau Schultze, vormals Hilde Dohm. Ull sah sie täglich im Geschäft. Wußte sie, daß er heute Hochzeit hatte? Kaum, sie hätte dann gewiß nicht gestört.

Die Beweggründe ihres Kommens gingen aus ihren Äußerungen hervor, gleich nachdem man sie gebeten hatte, Platz zu nehmen. Neugier oder sonst eine platte Gesinnung trieben sie nicht her. Sie wußte nicht einmal, daß Fräulein Godwein zu Ull gezogen war. Und als man ihr die Mitteilung über die soeben erfolgte Ziviltrauung 218 nicht länger vorenthielt, erhob sie sich und reichte beiden herzlich die Hand.

Sie sah an der Seite ihres Mannes in das Elend des arbeitenden Volkes hinein. Was man davon hörte, solange man selber noch draußen stand, wog allzu leicht. Ihre klaren Gedankengänge gingen aufs Ganze. Der Fabrikarbeiter in Deutschland und wahrscheinlich überall in Europa hing an der Bildung, von der er sich ausgeschlossen wußte. »Sein Streben richtet sich darauf, das Dasein zu formen. Er will anständig gekleidet gehen, ein geordnetes Heim gründen und womöglich geistig genießen, indem er Bücher liest oder sich Kunstwerke ansieht, die ihm zugängig werden. Über kurz oder lang sieht er ein, daß es sich um eine unerschwingliche Ausgabe für ihn handelt. Der Broterwerb schwankt und wirft ihn stets ein Stück zurück. Das sind keine Einzelfälle, so steht es um Zehntausende und um Millionen.« Und nun male man sich die Arbeitslosigkeit aus, als die vom Teufel heraufbeschworenen Ferien der Wißbegierigen – höllische Strafzeit statt dankerfüllte Muße. Der Proletarier bäumt sich gegen die Brotnot auf, weil sein Geist betteln geht – ja, das ist es im Grunde: weil er im Kulturbewußtsein ein unveräußerliches menschliches Lebensrecht vor Augen hat. Es ist sinnlos von einem Bettler, zu klagen und sich zu empören. Auf den Mächtigen wirkt das lächerlich. Die Welt bessern und in ihr sich ein erträgliches Dasein einrichten – das können nur Mächtige.

Wenn sie recht hätte, gab Ull Frau Schultze zu bedenken, dann wäre doch den äußeren Verhältnissen nicht letzte Bedeutung zuzumessen, und doch geben diese den Ausschlag. Mag Vernunft sich regen, mag sogar Individualität im Arbeiterstande möglich sein, der blinde Parteihaß, der immer wieder alles in Trümmer schlägt, sieht es auf die bestehende Wirtschaftsform ab.

»Darum ist die Lage so trostlos,« erwiderte Frau Hildes Klugheit ihm nun. Er war erstaunt, wie genau sie die Lage begriff. »Zum Leben gehört eine entsprechende Form, das spürt eben der Arbeiter 219 unwillkürlich. Leidenschaft schlägt sie ihm in Stücke. Er verliert über dem Klassenkampf seine natürliche Empfindung für eine Lebensform. Er nörgelt an denen, die Besitz haben und Besitz verwalten, statt einfach zu sein, was er ist und wie er ist. Jede gefühlsmäßige Einstellung zum Leben, also auch alle Art Leidenschaft, ist ihm populär. Nur die Vernunft ist unpopulär, und zwar ist sie das in hohem Maße. Das hat mir gestern mit diesen Worten ein junger Arbeiter namens Hans Noski ins Gesicht gesagt. Sein Bescheid erschütterte mich.«

Als Ull, ebenfalls gerührt, sich nach diesem Noski erkundigte, übersah er das aufsteigende Mißvergnügen seiner jungen Gattin, die schon längere Zeit unbeachtet zuhörte.

»Dieser Noski soll doch zu Röde gehen – der wird ihm Vernunft beibringen. Röde ist der Macher für so was,« schnitt Ottilie dazwischen, und mit einem Blick, der die Sprecherin stach: »Warum Ull? Warum nicht Röde? Klagen Sie dem!«

So stand denn Hilde auf und entschuldigte sich, da sie offenbar ungelegen komme. Beim Abschiednehmen tauschte sie gegen ihre »Gnädige Frau« nur ein patziges »Frau Schultze« ein, ohne eine Erkundigung nach dem Gatten. Ull ließ es sich aber nicht nehmen, den Besuch höflich selber nach unten zu bringen.

»Bitte sehr, eifersüchtig war das nicht von mir,« empfing ihn Ottilie schmollend, als er wieder ins Zimmer trat. Er bemerkte trocken, es werde ihnen wohl noch öfters jemand unerwünscht in den Haushalt schneien. Er gedenke nun zur Tagesordnung überzugehen und machte dazu ein vergnügtes Gesicht.

»Was sagst du zu meinem Einfall? Wir zaubern noch ein Hochzeitsfest herbei. Sind wir uns schuldig! Schon für die späteren Zeiten erscheint mir das unumgänglich. Wie sollen wir einmal silberne Hochzeit feiern – wenn wir nicht erzählen können, wie schön es heute abend war.«

»Großer Himmel!« atmete sie auf und ließ sich auf den Sessel sinken. »Da müssen wir uns aber zunächst eine halbe Stunde vor 220 den Fernsprecher legen, bis wir wissen, ob sich eine geeignete Partie zusammentrommeln läßt.«

Heinrich steckte die Uhr in die Westentasche zurück. »Halb sieben. Auf halb neun Uhr kann man aufbieten. Wollen sehen, ob wir Glück haben. Darauf hätten wir eigentlich ein Anrecht am heutigen Tag. Nimm mir's nicht übel, aber Hildes Besuch freute mich sehr. Jetzt gehöre ich dir. Ja?«

Sie stürzte in seine Arme, er öffnete sie ihr breit – und flüsterte glücklich: »Verzeih mir, Liebster, alles, was war. Du kennst mich ja. Ich bin so.«

»Keine Zeit mehr verlieren,« drängte er. Sie überstürzte sich mit Plänen. Keinen Satz konnte er vollenden. Jeder Vorschlag wurde verworfen, einfach dadurch, daß sie ihn gar nicht anhörte, sondern sofort den eigenen darauf setzte. Und wenn er ihren Lippen für einen Ratschlag Schwierigkeiten bereiten wollte, so schloß sie ihm die seinen alsbald mit Küssen.

Das Ergebnis der Rundfrage übertraf die kühnste Erwartung. Keine einzige Absage. Alle waren sie frei. Aber was anziehen? Natürlich die Herren Frackjacke – die Damen Abendtoilette. Und wo? Wenn schon, denn schon, das erste Restaurant der Stadt. Gerade noch diese Anzahl Tische stünden zur Verfügung, kam der Bescheid von dort. Unerläßliche Bedingung – nur junge Welt! Altersgrenze nach oben – dreißig Jahre! »Großartig, großartig, mein lieber Mann – also so was, ich habe dir viel zugetraut – das ist nun doch die Höhe.«

Als zwei Stunden später das ›Ehepaar‹ einen vornehmen Sonderraum betrat, war alles ringsum mit Blumen geschmückt. Die Freunde hatten die Windeseile des Aufgebots noch übertroffen und sich mit radiohafter Luftwellengeschwindigkeit verständigt, so daß die hergezauberte hochzeitliche Geselligkeit einer regelrecht vorbereiteten kaum nachstand. Kein Dienstbote, kein noch nach Ladenschluß angerufenes Geschäft hatte versagt.

221 Aus dem erlesenen Kranz junger Paare trat als erster Bruder Karl Godwein mit seinen nunmehr achtzehn Jahren auf Ottilie zu, um im Auftrage der Eltern und Geschwister herzliche Glückwünsche zu entbieten. Er entledigte sich dieser Sendung mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit. Er umarmte die Schwester lächelnd, mit einer vornehmen Gebärde, ohne alles Ungestüm, und reichte dann dem Schwager die Hand, hieß ihn zu seinem Eintritt in die Familie willkommen. Dann trat er zur Seite und gab die Geschwister für die Glückwünsche der Freunde frei. Außerdem – das deutete er nebenbei an – erstreckte sich seine Vertretung auch auf die Rolle des Gastgebers. Die Eltern, sehr erfreut über den plötzlichen Entschluß, zu guter Letzt doch noch Hochzeit zu feiern, weil es eben seit altersher Brauch und gute Sitte ist, übernahmen die Kosten für das Festmahl und statteten Karl mit jeder Vollmacht für die Wahl der Speisen und Getränke aus.

Alle diese nachträglichen Überraschungen und Freudenausbrüche sammelten und steigerten sich im Anblick Ottiliens. Nie sah sie entzückender aus, sagten alle. »Du beschämst alle Blumen, an denen es wahrlich nicht fehlt,« warf ihr die älteste Jugendfreundin zu. Ein saatgrünes Kleidchen aus feinstem Seidengewebe, zu dem sie sich in der Überstürzung als der besten Lösung entschlossen hatte, stand der Hochzeiterin ausnehmend reizvoll. Feiner Schmuck zierte den Ausschnitt des Kleides, und nun blühte und leuchtete alles an ihr, der liebliche Mund und ihre spiegelklaren Augen.

Ein Vetter Heinrichs las selbstverfertigte Verse, sie waren über den Durchschnitt annehmbar geraten. Der Champagnerschaum rief kurze Reden, die die Stimmung aufs beste hoben. Gedanken bilden ja in einem solchen Falle immer nur den guten Anfang. Sie sind die Türöffner in das grenzenlose Reich der unmittelbaren Gefühle. Man lebt in der Bewegung und in der Umschau. Bald mischten sich die Fröhlichen in die Tanzgelegenheit des anstoßenden Gesellschaftsraumes, dann ließ man es sich einfallen, noch schnell in einem 222 Palastkino die Schlußbilder des ›Flötenkonzerts von Sanssouci‹ mitzunehmen. An weiteren Gelegenheiten zu erlesenen Vergnügen bot jede folgende Stunde Neues. Und im Umsehen flog ein Kraftwagen, mit den beiden gefeierten Liebesleuten, wieder vor die Vorstadtwohnung.

 

2

Die Eltern oder sonst würdiger Besuch wurden noch nicht gebeten. Einstweilen kam nur Jugend für einen Verkehr in Frage. Den Anfang machte wieder Bruder Karl. »Bei Karl beziehen wir unser Niveau. Es ist hohes Niveau, wir können uns damit überall sehen lassen,« hob Ottilie hervor.

Als Karl Godwein kam, wickelte er zwei silberne Leuchter aus Seidenpapier und stellte sie auf den Tisch. Er hatte die Umrisse dazu nach Vorbildern aus dem achtzehnten Jahrhundert eigenhändig entworfen, und jener Zeit entsprechend steckten auch schwere, honiggelbe Wachskerzen drin. Dann fiel sein Blick, den er zufällig hob, auf die ›Rosse von Mars-la-Tour‹ an der Wand, die jetzt mit grünem Rupfen überzogene Korbsessel einnahmen. Das unmögliche Plüschsofa hatte man sofort entfernt. Den alten, dunkeln Steindruck ließ man hängen. »Oh,« rief er erstaunt und rundete, wie immer in solchen Fällen, die Lippen leicht zum Kreise, »so sieht das also aus? Ich hab es ja noch nie gesehen. Macht sich eigentlich gar nicht so unmöglich, wie man sich das jetzt immer gleich vorstellt.« Er trat zurück, stellte sich am Fenster auf, blinzelte mit den Augen, obwohl es ja bei einer Steindrucktafel nichts ausmachte, wenn man schummrig sah: »Halt mal!« Mit einer Spannung in der Stimme: »Von hier aus ist sogar etwas drin in der Zeichnung, das auch im bloßen Schwarzweiß noch künstlerische Wirkung tut – das sich senkrecht bäumende vorderste Roß, von seinem oberen Ohr aus einen rechten Winkel bildend zu der waagrecht gehaltenen Trompete, welche zum Sammeln bläst. Ich meine bloß, an eurer Stelle würde ich die Tafel bis auf weiteres hängen lassen.«

223 Die beiden silbernen Leuchter zündeten sie an, als sie schlafen gingen, und drehten dann das Licht aus, nachdem sie vorher die beiden Beleuchtungsarten verglichen. Die moderne zog den kürzeren. »Die Welt bedient sich jetzt eines Lichtes, das nicht Flamme ist. Wir lassen uns von einem glühenden Platindraht abspeisen, es ist nichts Lebendiges an ihm.«

Die lauen Spätsommernächte hielten immer noch vor. Der Mond war im Zunehmen. Er schwamm über Zweigen empor, die noch dicht belaubt waren. »Die silberne Glühschlacke dort oben ist auch nichts Lebendiges, wenn du so willst,« bemerkte Ottilie, »sie verbindet sich für uns aber mit dem Leben. Wir lassen uns vom Monde bestimmen, wir Frauen wenigstens.« Sie dachte an die Mondnacht im Gonßenschen Park, als sie Heinrich heimschickte und an Röde fiel.

 

In der Folgezeit führte Heinrich seine Gattin abends aus, so oft es möglich war. Manchmal fuhren sie noch bei Anbruch des Mitternachtviertels nach einer Diele, um zu tanzen, und fanden dort meistens Freunde. Es gab oft Schönes zu sehen. Alte Kontertänze zum Beispiel, von einer englischen Gruppe überzeugend vorgeführt.

An einem Abend stellte sich auch Karl Godwein ein, wie schon öfters. Neu war hingegen, wen er mitbrachte. Er blieb grüßend stehen, neben ihm eine überaus zierliche junge Dame. »Wen hat er da bei sich?« flüsterte Ottilie neugierig. Und dann, leicht beobachtend: »Die nickt dir ja zu. Kennst du sie denn?« In der Tat grüßte ihn das feine Geschöpf mit einem leichten Neigen des Kopfes.

»Mein Gott!« stieß er endlich aus. »Margot Seise.« Man wußte, daß Fräulein Seise regelmäßig zu den Eltern ihrer Freundin, zu Ettrams, nach Hanhagen fuhr. Dort war ja seit kurzem auch Karl eingeführt, war dort mit ihr bekannt geworden und brachte sie also heute abend mit.

Karl ließ eine Flasche Mosel kommen und schenkte den 224 milchweißen, spritzigen sorgfältig ein. »Habt ihr denn schon etwas davon gehört? Mein Herz soll zum Gegenstand einer Haupt- und Staatsaktion herhalten. Großzügige Familienpolitik, wie man vor Zeiten die Prinzessinnen verschacherte, damit Reich zu Reich und Macht zu Macht kam. Hört doch an – oder hat Papa sich etwa auch schon hinter euch gesteckt? Seid ihr mitverschworen? Ich soll mit der reizenden kleinen Anna Ettram verkuppelt werden! Ihr beide da konntet euch zusammen wenigstens ungestraft in den Wäldern herumtreiben und habt euch einen Ast gelacht, wenn man euch vorschrieb, was ihr durftet und was ihr nicht durftet. Über mich soll das Eheglück verhängt werden, im hellen Tageslicht der Weltgeschichte und des Familienklatsches! Ward je in solcher Laune ein Weib gefreit?« Er wurde rot, verstummte, schaute hilflos umher, wie aus Furcht vor Horchern. Er litt. Man sah, es war ihm schrecklich peinlich.

»So, mein Sohn, nun bist du reif für diesen Tango,« befahl Ottilie, als die Kapelle begann, »und zwar tanzest du den nun mit mir. Das wird dir guttun. Dein Schmerz läuft dir nicht davon. Wir können nachher wieder davon anfangen.« Gehorsam erhob er sich und bot seiner Schwester den Arm.

Heinrich folgte nicht sogleich dem Beispiel seiner Frau. »Sagen Sie mir, was ist denn los? Er scheint zu lieben. Auf wen fällt seine Wahl? Pardon, wenn es Sie sind!«

Margot Seise lachte ein spitzes, gläsernes Lachen. »Ich weiß nicht, wie die Verschwiegenheit ein Loch bekam.«

»Kann mir schon denken, wie,« warf Heinrich ein. »Sie kennen meinen Schwiegervater nicht. In Herzensdingen ist er kein Diplomat. Sobald er ›Familie schindet‹, dann hat er gleich den Wunsch, sich als Patriarchen aufzuspielen.«

»Verstehe,« nickte Margot, »Stammvater einer künftigen Dynastie!« Der Tisch, an dem sie mit Heinrich saß, stand auf der Grenzlinie des Ovals, das den Tanzraum der Diele umschließt. Der 225 Tango erreichte seine Halbzeit. Das Orchester brach ab. Die Tänzer standen still, wo sie sich gerade befanden, und klatschten korrekt und gemessen in ihre Hände. Dabei fand sich Zeit, nach dem Tisch zu sehen.

»Was braut sich da zusammen?« Ottiliens Stirn verdunkelte sich. Sie stand als nächstes Paar, höchstens zwei Schritte davon weg. Aber schon schnappte der Einsatz ein. Das Planetenfeld der Tänzer nahm seinen langsamen Kreislauf wieder auf. Und wie das rote Licht des bösen Mars blieb das Augenpaar der sich entfernenden Ottilie an ihrem Gatten und Fräulein Margot Seise haften.

»Nun kommt meine Beichte, Herr Doktor!«

»Ei, ei – mea culpa – bin gespannt wie ein Flitzbogen,« scherzte Ull. Es war da anscheinend etwas schief gegangen.

Margot fingerte nervös an ihrem dicken Armband aus Palmenholzkugeln herum. »Hören Sie, ich weiß, zu wem ich spreche. Wir sind allzumal Sünder. Außer den beiden Beteiligten – mithin Ihnen selbst und ihm – bin ich wohl auf Erden die einzige Person, die weiß, daß Karl Godwein von Ihnen sich einen Kuß erbat und ihn bekam. Ich kann mich nun nicht rühmen, mich schon in derselben Lage befunden zu haben. Wiewohl ich mir das sehnlichst wünschen möchte. Ich leugne es nicht –«

Sie zierte sich nicht. Um nicht zu beschönigen oder sich auszureden, schwieg sie eine Zeitlang. Die Einzelheiten, die sie in der Geschwindigkeit hinlegte, ließen ihn aufatmen. Wirklich – das war nicht halb so gefährlich, wie der erste Anschein hatte befürchten lassen!

Da ging diese Tanztour zu Ende. Die Musik verklang. Das Geschwisterpaar trat auf den Tisch zu. Und in diesem Augenblick geschah etwas völlig Unerwartetes und innerlich geradezu Furchtbares! Unter den anderen zahlreichen Paaren, die von der Tanzfläche an ihre Plätze zurückkehrten, ging Mirjam Lanz am Arm von Julius Röde vorüber. Und die Aufstellung der Gestalten in ihrer 226 fünffachen Beziehung schob sich für eine Sekunde so zurecht, daß wie in einem regelrechten Kontertanz Karl Godwein der Mirjam und Röde der Ottilie gegenüberstand, während zugleich von der Seite Heinrich an dieses menschliche Viereck herantrat. Margot Seise, ihren eigenen Gedanken verfallen, blieb sitzen und gewahrte von alledem nichts.

Es fiel ja auch weiter nichts vor, als daß, von dem jähen Zusammenprall gleichermaßen betroffen, die Geschwister mit benommenem Atem sich umwandten. Ottilie, von Heinrich sachte bei der Hand gefaßt, griff ihrerseits nach dem Arm des Bruders. So führten sie sich selbdritt an den Tisch zurück. Ehe sie sich's versahen, saßen sie auch schon wieder um den Moselwein herum. Das Phantom war weg. Niemand drehte den Kopf, sich danach umzusehen.

Nur durfte natürlich das Stillschweigen nicht zum gähnenden Abgrund aufklaffen. Der beginnenden Pause mußte sofort ein Ziel gesetzt werden. Blitzschnell sah Heinrich das ein, und schon fühlte er sich völlig Herr der Lage. »Hört mal, Kinder – gut, daß ihr wieder da seid. Wir haben zu sprechen.« Die drei, zu denen er sprach, öffneten den Mund vor lauter Spannung, was nun wohl käme. Da nahm er, um mit der Wirkung seiner Worte sicher zu gehen, den Tonfall noch etwas selbstverständlicher, den Klang der Stimme noch etwas harmloser. »Du mußt entschuldigen, Ottilie, daß ich mit Fräulein Seise hier zurückblieb. Wir haben den Tango überschlagen, ein Wort gab das andere. Sie sah dich schon öfter in Hanhagen, lieber Schwager. Ihr habt euch befreundet. Ich beneide dich sogar, wenn es erlaubt ist. Du hast für deinen Verkehr in Hanhagen jemanden gefunden, dem du dich rückhaltlos anvertrauen kannst. Ich weiß ja schon, wie gut Sie zu raten verstehen, liebes gnädiges Fräulein. Na, Ottilie, du starrst mich an – hast allen Grund dazu, du weißt von nichts. Hast du eigentlich begriffen, was uns dein Bruder vorhin auseinandersetzte? Ihr gingt ja dann gleich zusammen tanzen.«

227 Ottilie war über die gefährliche Begegnung von vorhin mit Mirjam und Röde bereits vollkommen hinweg. Diese kleine Anna Ettram mußte ja ein entzückendes Wesen sein. Soeben beim Tanzen fragte sie ihn ein bißchen aufs Gewissen. Er schwieg, lächelte, seufzte, schlug die Augen auf und nieder, kurzum er blieb der Laune eines Verliebten nichts schuldig. Das hätte sie doch alles nur belustigen müssen. Sie suchte Margot und platzte heraus: »Gnädiges Fräulein, wir sehen uns zum erstenmal, und stehen uns schon ganz nahe – durch Karl. Es scheint da einigen Unfug gegeben zu haben. Mißverständnisse. Die verderben ja immer gleich alles. Mein Vater hat nicht immer eine glückliche Hand. Täusch ich mich? Sie wissen ja mehr von dem ganzen Kram. Ich war ja bisher ahnungslos. Bitte, packen Sie tüchtig aus, liebes Fräulein Seise.«

Diese Flanke der gefährdeten Front war nun also gerettet, atmete Heinrich erleichtert auf. »Brav, mein Kind! Triffst den Nagel auf den Kopf. Ich meine nicht, daß es sich um eine Bagatelle handelt. Das liegt mir fern. Aber am guten Ausgang läßt sich nicht zweifeln. Nur muß man eben wieder einmal allerseits Vernunft walten lassen. Sprich dich aus, Karl!« Er blickte seinem Schwager in die Augen.

Zum Glück täuschte Heinrich die Hoffnung nicht, Karl fühlte sich veranlaßt, zu sprechen. Von der süßen, der wirklich lieblichen Anna Ettram. Er rühre mit keinem Wort an ihrem Bilde und lasse noch weniger andere daran rühren. »Merkt euch alle miteinander und sagt es jedem, der es wissen will – ich sorge dafür, daß jener süße Name mit nichts auf der Welt verwechselt wird.« In den Erklärungen, die Karl noch folgen ließ, überwog auch diese männliche, fast herrische Bestimmtheit. Das eine und einzige, um das der Wirbel sich drehte, stand für ihn über jeder Erörterung.

Heinrich erkannte, jetzt konnte er das Feld den Damen überlassen. Und wirklich, sowohl die Schwester als auch die Freundin übernahmen nun das Zwiegespräch mit Karl. Es stellte sich bald heraus, daß sie in dieser Sache miteinander verbündet waren. Er sollte 228 möglichst rasch und möglichst günstig aus den Schwierigkeiten herauskommen. Ull war fürs erste hier entbehrlich geworden.

Schön war es, daß eine weit wichtigere Entscheidung in seine Hand gelegt war. Sein Herz tat einen Schlag mehr. Mut pochte ihm in der Brust. Er legte seine Handflächen am Tischrande auf und stellte die Ellbogen auswärts, im Begriffe sich zu erheben. »Einen Augenblick! Ich bin sogleich wieder zurück.« Spähend prüfte sein Blick die drei Gesichter. Er war auf Einrede, auf ein Verlangen nach Auskunft gefaßt, warum er sich jetzt entfernen wolle, er sei bis auf weiteres hier unabkömmlich, ohne ihn könne die Aussprache nicht vor sich gehen. Wenigstens von seiten seiner Frau war ein solcher Einspruch zu gewärtigen. Merkwürdigerweise kam es aber nicht dazu. Sie war so vertieft in das Schicksal ihres Bruders, mit einem solchen Eifer beteiligte sie sich an der Auseinandersetzung, in die sie mit Karl und Margot Seise geriet, daß sie von seiner Abmeldung weiter keine Notiz nahm. Ihn überhört konnte sie auch nicht haben, denn sie nickte ihm kurz zu. Er konnte das für Zustimmung nehmen.

»Also, dann bis nachher!« wiederholte er obenhin, stützte die Handflächen stärker an den Tischrand, zog die Dreiecke der Ellbogen ein und erhob sich.

Er hatte sich ungefähr gemerkt, in welcher Richtung Mirjam Lanz und Julius Röde im Saal verschwanden. Unter den Tanzenden fand sein erster flüchtiger Umblick die beiden nicht. Auch unter denen, die sitzengeblieben waren, ließen sich die Gesuchten nicht entdecken. Er stieg die Innentreppe empor, sie führte auf eine Galerie, die in der Höhe des ersten Stockwerks rings um den ganzen Saal den Wänden entlang lief. Die Anwesenden ließen sich hier leicht überblicken. Röde und Mirjam saßen in einer Nische zwischen zwei eingebauten Wänden. Er hielt den Kopf gesenkt, sie kehrte den Rücken. So bemerkten sie nicht, wer auf sie zutrat, bis er dicht vor ihnen stand.

229 »Guten Abend!« sagte er sachlich. »Ich komme, um das Verhältnis zwischen uns endgültig klarzustellen. Sie haben es nicht vermieden, unten im Saal dicht an meiner Frau und meinem Schwager vorbeizugehen. Der gewöhnlichste Anstand hätte Ihnen das verbieten sollen nach allem, was vorangegangen ist. Sie standen sogar still, trafen Anstalten, uns zu begrüßen und anzusprechen. Ich sage, was ich sah. Sie stellten es darauf ab, einen Skandal herauszufordern. Ich suche Sie daher persönlich auf und erkläre Ihnen ein für allemal, daß wir uns von Ihnen eine Annäherung unter allen Umständen verbitten. Ich denke, Sie verstehen mich und nehmen Vernunft an. Es wäre nicht ratsam für Sie, sich zu widersetzen.«

Während Heinrich sprach, saßen Mirjam und Röde an einem runden Tisch mit gelblich geäderter Marmorplatte. Vor ihnen standen ein halbvolles Glas und eine leergegessene Schale. Mirjam Lanz rauchte eine Zigarette.

Rödes Blick blieb gesenkt wie beim Erscheinen des Doktors. Es war gar nicht zu bemerken, was für einen Eindruck die nur halblaut vorgebrachte, aber scharf und langsam artikulierte Beschwerde bei ihm hinterließ. Ob er sie überhaupt hörte, so starr saß er da. Er war gut gekämmt, frisch rasiert und trug eine schwarze Abendjacke mit seidenen Aufschlägen und eine schwarze Halsbinde. Seine Hände, die ebenfalls völlig regungslos auf der Steinplatte lagen, waren gepflegt, zeigten gewölbte und polierte Nägel. An dem Ringfinger funkelte ein Stein.

Dafür wendete die Lanz ihr Gesicht mit absichtsvoller Gelassenheit Heinrich zu. Sie hatte die Augenbrauen rasiert und in einer besonders schwungvollen Form nachgezogen. Auf den Lippen lag nur schwach Rot. Die Schminke auf den Wangen war sorgfältig aufgetragen. Den schwarzen Haarbusch hielten Dauerwellen zusammen. Der ziemlich freie Hals trug etwas Schmuck und die eine Hand schmückte ein Ring. Es schien auch ihr gut zu gehen. Sie 230 tat noch einen Zug aus der Zigarette, nahm sie sich dann von den Lippen und stieß den Rauch durch die Nase aus. »Was Sie da sagen, Herr Ull, läßt uns völlig kalt. Es berührt uns doch gänzlich gleichgültig, was Sie an uns auszusetzen haben.« Dann drehte sie ihr Gesicht langsam nach dem Nacken hin, um sich zu überzeugen, ob man auf unliebsame Zuhörer Rücksicht zu nehmen habe. Das war aber nicht der Fall. Der Vorgang blieb völlig unbeachtet.

Heinrich besann sich. Dann sagte er genau im selben Tone wie eben: »Herr Röde, ich stelle an Sie folgende Frage. Betrachten Sie die früheren Beziehungen zu mir und Frau Doktor Ull, meiner Gattin, für vollständig abgeschnitten? Wenn ja, versprechen Sie, sich demgemäß zu verhalten. Ich verlange von Ihnen eine Antwort. Ja oder Nein?«

Die starre Kopfhaltung des Kommunisten veränderte sich nicht um eine Schwebung. Dafür glitt seine rechte Hand rasch vom Marmortisch, ergriff etwas, brachte es hoch und legte es mit einem trockenen Schlag, der auf Metall schließen ließ, auf die Steinplatte. Als er die flache Hand wegzog, lag ein Totschläger da. Er selbst ging von seiner Stummheit nicht ab. Die Antwort war gegenständlich ausgefallen.

»Das ist Unsinn, Julius!« sagte die Lanz und nahm den Schlagring an sich. Sie griff nach ihrer Handtasche, schloß sie auf und legte das gefährliche Ding hinein.

Im nächsten Augenblick spürte Heinrich, wie eine Hand ihm sacht an den Ärmel rührte. Er sah sich um. Hinter der mannshohen Teilwand hervor trat Ottilie neben ihn. Sie kam allein und unterbrach das bleierne Schweigen nicht, das auf dieser Wandecke lastete. Nun aber schlug, mitten im Sitzenbleiben, Julius Röde seinen Kopf zurück. Mit einem Ruck standen ihm Stirn und Kinn in einem schrägen Winkel aufwärts zur Achse seines Körpers. Sein Anblick zeigte, daß er sich pflegte und auf sein Äußeres hielt. Die Wildheit seines Gesichtsausdrucks kam nur stärker zur Geltung 231 dank der unleugbaren düsteren Schönheit der sich darauf ausbreitenden Dämonie. In der Härte der regelmäßigen und wohlgebildeten Züge lag eine unheimliche Selbstverständlichkeit des Bösen. Aus diesem männlichen Angesicht sprach eine Kraft, die nicht zu brechen war. Wohl vielleicht verwüstet durch ungeheure Leidenschaften, aber nicht erschöpft, nicht ausgehöhlt. Was jetzt ruhte, konnte in der nächsten Minute toben. Was schwieg, duckte sich schon zum Schrei. Dieses Gesicht war in seiner aufgerichteten Vorderfläche Ottilie zugekehrt. Kein Laut kam aus dem Munde. Regungslos lagen die Lippen, leicht geöffnet, übereinander, die Fältchen nach innen gestrichen, wie saugend, die Augen unter den gesenkten Lidern halb zugedeckt und überdies vergittert durch lange schwarze Wimpern.

Daß er sich aber um die plötzliche Anwesenheit seiner einstigen Geliebten sehr wohl kümmerte, dafür ließ das deutliche Kennzeichen nicht auf sich warten, das auch in diesem völlig passiven Verhalten den Tatmenschen verriet. Röde vollzog jetzt dieselbe Gebärde noch einmal, die vorhin mit der Wegnahme des Schlagrings durch Mirjam ihr Ende fand. Wieder glitt seine Rechte nach unten, machte sich unter der Tischplatte zu schaffen und förderte einen zweiten Schlagring zutage. Der lag fast an derselben Stelle wie der frühere, von dem Ottilie nichts wußte, weil sie noch nicht dagewesen war. Und nun war sie es, die sprach. Ihre Stimme konnte etwas überaus Starkes, Seelenstarkes im Klange haben, diese Schwingung hatte sie jetzt: »Das darf nicht sein, Herr Röde, zwischen euch und uns darf keine Drohung zurückbleiben, deshalb bin ich noch selbst heraufgekommen. Geben Sie mir diesen Totschläger! Ich muß gewiß sein können, daß nun alles beigelegt ist. Wir wollen uns nie mehr sehen und nichts mehr voneinander wissen. Geben Sie her und geben Sie schnell!« Sie hielt ihm den offenen Lederhandschuh hin. Und ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, willfahrte Röde diesem Befehl. Mit einer gewissen Sorgfalt legte er 232 den Schlagring vor die Erhöhung ihres Handballens. Sie barg ihn sofort, indem sie die Finger darüber schloß, aber ohne ein Wort des Dankes, noch eines Grußes an Röde. Und gar auch Mirjam Lanz wurde keines Blickes gewürdigt. Ottilie öffnete ihre Handtasche und ließ den Stahlring hineingleiten. »Komm!« sagte sie zu Ull und wandte sich der Treppe zu.

Während sie sich ihrem Tisch wieder näherten, gab sich Fräulein Margot Seise die größte Mühe, Karl von dem gleichen Gang nach oben zurückzuhalten. Die nötigen Worte wurden daran gewendet, und ihm versichert, daß man nun gründlich Schluß gemacht habe. Die Gegenseite werde sich das nun wohl hinter die Ohren schreiben.

Natürlich blieb die Stimmung gedrückt. Sie nahmen noch an den folgenden zwei Tänzen teil, übers Kreuz gepaart, so daß Heinrich den ersten Tanz mit Margot Seise und den andern mit seiner Frau tanzte. Sich selbst wiederholte er immer die Feststellung. mit der er sich zu beschwichtigen suchte: »Sie hat ihm ja nur den Handschuh hingehalten. Seine Finger haben ihre Haut nicht berühren können.« Und dann verständigte man sich noch, wie es eigentlich mit Karl und seiner Begleiterin stehe – die Tänzerin bewohnte ein Atelier, das ihr eine befreundete Malerin überlassen, solange sie im Süden weilte.

Eigentümlich, wie das gekommen war heute abend! Wer hätte ahnen können, was dieses wohlbekannte Vergnügungslokal ihnen an inneren Sensationen zu bieten hatte, auf die sie nicht gefaßt gewesen waren! Sie waren Stufen hinuntergestiegen – einer Tiefe zu, die sie bis heute noch nicht gekannt hatten –, so kam es ihnen vor.

Dann brachen sie zusammen mit Karl und Fräulein Seise auf und gingen eine Strecke weit den Heimweg gemeinsam.

 

3

Bei Tagesgrauen öffnete Heinrich leise den Türspalt des Schlafzimmers, wo er sie nach Mitternacht verlassen hatte. Sie schlief. 233 Sein Erscheinen weckte sie nicht. Ihre ruhigen Atemzüge schwebten durch die Stille. Sie lag da mit einem Kindergesicht. Nur die Lippen waren fest aufeinander gepreßt und boten den Anblick abweisender Verachtung, zu deren Zustandekommen doch sonst der wache Wille gehört. Zaghaft im Gemüt, überdies darauf bedacht, sie nicht zu wecken, schlich er sich auf den Zehen von ihrem Lager weg und legte mit höchster Vorsicht die Tür hinter sich ins Schloß.

In der Haustür steckte gestern bei ihrer Heimkehr ein Eilbrief, der nicht persönlich hatte zugestellt werden können. Das Geschäft teilte ihm darin mit, die geplante Reise, die erst nicht für so eilig galt, müsse er heute schon antreten. So erhob er sich denn nach dem ersten Erwachen, da er sich überzeugte, Ottilie werde sich nicht stören lassen. Er räumte einiges aus und legte anderes zusammen. Halb angezogen, sank er in den Rohrstuhl, überwältigt von Müdigkeit und Gram. Ein Krampf packte ihn, warf ihn vornüber, sein Kopf fiel ihm in die Hände. Ein schrecklicher Weinkrampf erschütterte ihm den Leib in Stößen, deren Heftigkeit sich den Gegenständen des kleinen Zimmers mitteilte, auf dem Waschtisch klirrte das Glasgeschirr.

Nie, und wenn er hundert Jahre alt würde, ließ sich dieses Angesicht vergessen, mit dem er sie soeben auf ihrem Lager drüben schlafen sah! In der ersten grauen Helligkeit des Frühlichts, farblos und doch geformt und gestaltet wie von der Überlegenheit einer Künstlerhand. Unvergeßlich vor allem die geschlossene Linie ihres Mundes, aus der ein unbeugsamer Trotz und eine tiefe Verachtung sprach!

 

Er schaltete in seine Reise auf den Sonntag einen Abstecher nach seiner Heimatstadt ein, um seinen Vater wiederzusehen. Unerkannt setzte er sich zu seinen Füßen in die Predigt, während über ihm draußen vom Turme die Glocken tönten – wenn auch nicht mehr dieselben, die einst bei seiner Taufe und Konfirmation geläutet 234 hatten. Sie waren dem Kriege zum Opfer gefallen, man hatte Kanonen aus ihnen gegossen!

Mit rüstigem Schritt, und mit blitzenden Augen die versammelte Gemeinde überfliegend, bot der Superintendent Georg Ull das Bild eines auf seine Weise machtvollen protestantischen Geistlichen, der in seiner äußeren Erscheinung seinem amtlichen Rang und Ansehen nichts schuldig blieb. »Hohle Würde!« lehnte es sich im Sohne auf.

Die Textwahl ließ ihn aufhorchen. »Jesus kannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Ein jegliches Reich, das sich in sich selbst spaltet, wird zur Wüste. Und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit sich selbst zerfällt, kann nicht bestehen. So denn ein Satan den andern austreibt, so muß er mit sich selbst uneins sein, wie kann denn sein Reich bestehen? So ich aber die Teufel durch den Geist Gottes austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.« Die Schlagkraft dieser unbeugsamen Sprüche griff ihm ans Herz. Und dann entwickelte sein Vater von der Kanzel herab in fließender, beinahe ölig glatter Rede etwa den folgenden Gedankengang. In der evangelischen Verkündigung unseres Heilandes findet eine Steigerung statt. Im Anfang seiner heiligen Wirksamkeit, vor allem in der Bergpredigt, herrscht noch die Vorstellung von einem einheitlichen Leben der Menschen in Gott durchaus vor. Dann aber traten die Widerstände auf, der Haß der Pharisäer und Schriftgelehrten. Daran zerschellte seine Hoffnung. alle Menschen ihrem himmlischen Vater zuzuführen. So wurde denn in der evangelischen Botschaft der bisherige Begriff von einem einheitlichen Leben in Gott verdrängt und ersetzt durch den Begriff vom gespaltenen Leben – dem unvermeidlichen Ergebnis des Kampfes zwischen den Kindern Gottes und der Satansbrut. Die Entscheidung ist haarscharf gestellt. Wer dem Leben, dem wahren Leben, und das kann nur ein Leben in Gott sein, zuwiderlebt, der muß vernichtet werden. Denn wer gegen das Leben ist, bringt einen Riß in etwas Einiges und Ganzes. So gelangt unser Heiland in seinem Evangelium zu 235 seiner Lehre von dem gespaltenen Reiche. Und diese Lehre stellt jeden Gläubigen vor die unerbittliche Entscheidung, auf welche Seite er zu treten gedenkt. Niemand kann zweien Herren dienen, entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird jenem anhangen und den andern verachten. Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten versagt, der wird auch im Großen versagen.

Die mächtigen Fanfarenstöße der evangelischen Botschaft füllten Heinrichs Sammlung bis zum Rande. Der Rest der Predigt konnte ihn in seiner Andacht nicht mehr erreichen. Mit ehrlicher Bewegung trat er, als der Gottesdienst zu Ende war, in der Sakristei, wo er sich durch den Küster anmelden ließ, dem Vater entgegen. Seine Begrüßungsworte, um die ein allgemeiner Geruch pastoraler Salbung wehte, enttäuschten ihn etwas. Er wollte aber dem prächtigen Manne nicht unrecht und noch weniger wehe tun. So nahm er sich zusammen. Galt es doch, ihn zu gewinnen zu einem freundlichen Verständnis für die Wendung in seines Sohnes Leben. Doch half weder das äußere Entgegenkommen des Vaters noch auch sein eigenes behutsames Vorgehen über die Enttäuschung hinweg. Nein, er durfte sich nichts einbilden. Ein Vaterhaus hatte er nie gehabt und konnte daher auch nicht daran denken, seine Frau seinem leiblichen und doch nur scheinbaren Vater zuzuführen. Er hätte ihn, bei Ottiliens unbestechlicher Wahrhaftigkeit, nur ihren redlichen Vorwürfen ausgesetzt.

Auch die Stunden im Pfarrhofe verliefen ohne die erhoffte gemütliche Stimmung. Der Superintendent kam über eine herablassende, schonungsvolle Bezeugung seiner Freude und seines Wohlwollens nicht hinaus. Während der Mittagstafel, die von der gesprächigen, überhöflichen Wirtschafterin des Witwers aufgetragen wurde, erkundigte sich der Geistliche nicht mit einem Wort nach den neuen Verhältnissen, obwohl er auf dem laufenden gehalten worden war. Er wird nicht über das bloße Standesamt hinwegkommen, dachte Heinrich, merkte jedoch bald, daß auch ohne den 236 vorliegenden Zwiespalt in der Weltanschauung der Vater vermutlich auch so nur von sich selbst gesprochen hätte. Er ging völlig in seinem Amtsgefühl auf.

Statt daß der schwarze Kaffee und die durchaus rauchbare Zigarre zu der erhofften Entspannung führte, fing nun der Vater an. Der Sohn mußte spießrutenlaufen. Erst wurde er der Überheblichkeit geziehen, weil er bei der Aufnahme in ein so großes Handelshaus nicht demütig in die Knie sank. Sein philosophischer Standpunkt war nacktes Heidentum. Und – jetzt kam's – die Heirat ohne den Segen der Kirche! Schließlich verstieg sich der Superintendent zu der Auslassung: »Nun ja – das ist leider nichts Neues mehr. Andere machen's nicht besser. Ihr kommt zu einer Frau, wie der Kater zu einer Katze.« Nun hatte Heinrich Grund, sich für seinen Vater zu schämen! Es konnte sich für ihn um nichts mehr handeln, als mit Anstand den Zwang des nächsten Zuges vorzuschützen.

Doch verschob sich schon nach den nächsten Gesprächspausen das Bild für Heinrich. Hinter der religiösen Erstarrung des Vaters trat durch den kräftigen Einschlag vaterländischer Gefühle beim Superintendenten ein lebendiges Wesen zutage. Er gestand dem Sohne offen, daß er auf die Wirkung der Kirche für das öffentliche Leben nicht mehr allzu große Stücke setze, infolge der wühlenden Umsturzarbeit des Unglaubens. Was früher das Christentum getragen habe, die rechte Lehre, werde von zunehmender Kraftlosigkeit befallen, wie Meltau bedecke der schleichende Zweifel den evangelischen Glauben mit fauligem Schimmel. Oder, wo man sich noch eine tragbare Dogmatik zu leisten vermöge, bröckele unhaltbar ein Stück ums andere vom Rande ab. Wie ein ehrwürdiges Gebäude zerfalle das Werk Luthers, und alle noch so eifrigen und wohlgemeinten Wiederherstellungen müßten Flickwerk bleiben. Das Erbe der Reformation sei nicht mehr zu retten. Wohl aber könne die Kirche noch zum ehrwürdigen Gefäße dienen für die neuen fruchtbaren Gefühle deutscher Selbstkraft. 237 Eine lebendige Welle floß auf Heinrich über während des Horchens. In seiner Begeisterung sah der Vater mit einem Male prächtig aus. – Das hämische Beiwerk wich aus dem Gesicht. Es war dem Sohne nämlich schon im Knabenalter aufgefallen und bildhaft in Erinnerung geblieben: so oft sich der Superintendent ereiferte, traten unter den Mundwinkeln Muskeln in eine anschwellende Bewegung, die bei anderem Gesinnungsinhalt nicht sichtbar wurden. Sobald er fanatisch wurde und ein unterstrichenes Bekenntnis mit Eifer vortrug, schwollen seitlich unter den Lippenenden Eicheln auf, – Beulen, die sich vorschoben, weil sie sich mit einem heimlichen Safte füllten –, so mochte man denn an Giftblasen denken. »Vater hat wieder Knollen unterm Mund,« war unter den Geschwistern ein verabredetes Kennzeichen, daß Sturm in der Luft sei. Von den fünf Schwestern, die alle älter waren und kinderreich auswärts lebten, bereits zum zwanzigfachen Großvater geworden, stand ein deutscher Sippenvorstand vor Heinrich! Alle fünf Schwiegersöhne wählten und wirkten gesinnungsstramm. »Ich möchte kein Franzose sein« – aus den blauen Augen flammte das hundertjährige Begeisterungsfeuer der Freiheitskriege – »wie's denen gehen wird am Tage der Abrechnung! Ich spüre es, dieser Tag ist nicht fern.«

Da schoben sich in die väterlichen Gesichtszüge wieder die eichelförmigen Wülste neben den Mund. Geringschätziges Schweigen beklagte die versäumte Zustimmung Heinrichs. Und dann sprach aufs neue der Haß, der blinde, der aber um so rauschender tönte.

Gott sei's geklagt – der Vater war mittelmäßig und verstockt. Das abschreckende Muster von Unempfänglichkeit! Und nun redete er ihn in eifernder Hohlheit an: »Du, die Frucht meiner Lenden!« – dieser gewaltsam biblische Ton klang geradezu verlogen.

Warum hatte er seine Mutter kaum noch gekannt? Warum war sie hinweggestorben in seinem dritten Lebensjahre? Meine selige Mutter hätte vermutlich diesen harten Haß nicht gebilligt. Sie war gütig, daran vermag ich mich noch zu erinnern. Es ging nicht 238 anders – diese Berufung auf das bessere Teil seines Blutes konnte er dem Unbelehrbaren nicht erlassen.

Das Gesicht des Superintendenten wurde für eine Minute ganz klein. Die Augen besonders. Sie sahen aus wie zugenäht. Dem Fluß seiner Rede tat das aber keinen Eintrag. Er war mit seinem Eifer noch nicht auf dem Boden des Sackes angelangt. Endlich sagte er mit wahrer Andacht, als wäre es der heiligste der Bibelsprüche, die Anfangsworte des Deutschlandliedes her, und seine Gestalt erbebte sichtbar vom leidenschaftlichen Ernst dieser Beteuerung.

Schließlich rief Heinrich gequält: »Vater, du trägst unter deinem Predigertalar einen Panzer!«

Und schon lag ihm die Vaterhand breit auf der Schulter: »Folge meinem Beispiele, Sohn – ehe es zu spät wird. Verwirf die freigeistigen Irrlehren! Ich habe im Nachbarsprengel einen Amtsbruder. Er begann als Sprecher einer freireligiösen Gemeinde – die Freimaurer ließen sich ihn etwas kosten. Mein Einfluß hat ihn herumgebracht. Ich gab nicht nach. Mit Gebet und Fürbitte zunächst – aber damit richtet man es noch nicht aus in dieser argen Welt. Fraktur hab ich geredet mit ihm – das Deutsch unserer Väter, jawohl. Zu einem spreizfüßigen Nietzscheaner bist du mir viel zu schade, sagte ich ihm, lieber Bruder in Christo. Der wahnwitzige Sohn des Pfarrers von Röcken, der hat euch die Köpfe verwirrt, der heillose Antichrist. Weißt du, was er tat, Heinrich? Er hat vor meinen Augen den Zarathustra vom Bücherbrett geholt und in den Ofen gesteckt. Er dankt mir's noch heute. Und nun hält er herrliche Kriegspredigten – die solltest du dir abhören. Übrigens – heute morgen – mein Schluß – vom Satan, den man austreiben muß aus unsern Herzen, damit der Haß auf den Erbfeind wieder seinen Einzug halten kann – was sagst du dazu?«

Nun war es freilich endgültig geschehen um jede Annäherung. Nein, das war ihm entgangen – er wurde jetzt leicht müde – war etwas stark überanstrengt. Der Text – oh, der allerdings – 239 erschüttert war er, dieses große Wort in der feierlichen Sprache Luthers aus dem Munde des leiblichen Vaters zu vernehmen. Unter der Maske des Gesprächspartners, der zuhört, ließ er nun alles Weitere teilnahmslos über sich ergehen.

Gab es einen bedauerlicheren, für das Gemeinwohl schädlicheren Geisteszustand als verstockte Mittelmäßigkeit? Aus einer empfänglichen Mittelmäßigkeit ließen sich Pyramiden bauen für die Jahrtausende. In ihr wurde das Volk massenkräftig und stoßwuchtig für die Werke der Ewigkeit.

Ödes Fliegensummen war das Geräusch der Pause. Der Superintendent klirrte mit dem Kaffeelöffel ein paarmal gegen den Rand der Untertasse. Er pfiff höhnisch durch den gespitzten Mund vor sich hin. Die Beulen über dem Kinn standen hervor wie Krebsgeschwülste, die man schneiden muß!

Nein, wie ein geschlagener Hund wollte er doch nicht davonschleichen. Er wollte es ihm unter die Augen sagen. »Bedauere, Vater, ich kann nicht mit dir gehn. Von einem Diener am Worte Gottes ist das nicht zu begreifen. Ich weiß, ich weiß – du brauchst nicht aufzufahren. Nicht den Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Ich bin nicht Pazifist und werde es nie werden. Dennoch – dein Feindeshaß ist alles andere als evangelisch. Ihr seid samt und sonders schlechte Protestanten.«

Daraufhin lenkte der Superintendent etwas ein. »Ich mußte dich enttäuschen, mein Sohn. Du willst dich von mir abwenden.« Er könne nicht beschönigen. Daß Heinrich den äußeren Heimweg nach dem väterlichen Gotteshause gefunden habe, wolle er anerkennen; um so schmerzlicher berühre es ihn, daß es bei dieser Äußerlichkeit bleibe. Diese Anspielung auf die Heimkehr des verlorenen Sohnes ging wieder stark ins Phrasenhafte. Der Vater stellte sich als staatliche Amtsperson zur Schau, als öffentlicher Hüter des Glaubens, der in dieser harten Pflicht gegen das eigene Blut nicht schwach werden darf.

240 Heinrich konnte es nicht verhindern, daß er das persönliche Geleite an den Bahnhof erhielt. Für den Superintendenten ein Anlaß mehr, sich in seinen Berufsbeziehungen zu sonnen. Nachdrücklich, geflissentlich und herablassend erwiderte er auf der sonntäglich belebten Straße und auf dem von erhöhtem Verkehr erfüllten Bahnsteig die ihm dargebrachten Begrüßungen. Getragen schallten die ›Guten Abend!‹ aus seinem Munde. Ja, er suchte danach, sie anzubringen, auch in dem einen oder anderen Falle, wo der ins Auge Gefaßte, wie es den Anschein hatte, lieber zur Seite gesehen hätte.

Eine Änderung zum Besseren trat auch nicht ein, als Heinrich die Rede noch auf die Jugendbegegnung mit Gonßen bringen konnte. Der Vater leistete sich eine neue Geschmacklosigkeit. »Siehst du, mein Sohn, es ist Gottes Wille, daß es auf der Welt noch reiche Leute gibt. Ich habe damals,« fügte er aber gleich bei, »einen Haken eingeschlagen, an dem konnte ich zu deinem Vorteil nachher den Rock aufhängen, in den du jetzt geschlüpft bist.« Das waren wieder natürliche Töne. Sie erleichterten es Heinrich, den Abschied nicht über Gebühr frostig zu nehmen. Der Superintendent richtete tönend, so daß es die Umstehenden hörten, vor dem Abteil letzte Worte an den Sohn, verließ ihn aber vor Abfahrt des Zuges.

Wie innerlich seelenfremd, wie gefühlsfalsch, wie tot war dieses Verhältnis! Alle persönlichen Vorzüge, an denen es dem Vater von Natur aus nicht gebrach, sogar das echte, blutvolle Heimatgefühl waren an der amtlichen Geltungssucht des Kirchenmannes vertrocknet!

 

4

Seine erste Geschäftsreise klang in einigen schönen Frühherbsttagen aus, die er mit Ottilie auf der Löhr verbrachte. Am letzten Tag, ehe sie nach der Stadt aufbrachen, regnete es. Artig und sommerlich, in schleierigen, frisselnden Niederschlägen, die ab und zu aussetzten, dann tat sich eine kleine Lücke im Wolkengrau auf 241 und ließ wieder Sonnenschein hindurch. Heinrich und Ottilie, in Windjacke und Lodenumhang, ergingen sich im Freien, zum Genuß der eigenartigen Erholung, die ein lauer Regentag nach einer schönen Woche bringt.

»Aufpassen, lieber Schatz! Ich nehme es schon mit der Vorsicht nicht sehr genau, du aber bist unbändig. Was soll man da machen?« Er küßte sie in einer Anwandlung von Hilflosigkeit mitten im Gehen.

»Unbändig, ja. An deiner Seite!« jubelte sie.

Seit jener unheimlichen Begegnung auf der Tanzdiele fühlten sie sich innerlich frei von der früher erlittenen Beängstigung. Sie sprachen in derselben Nacht noch davon. Das Rätsel lag in dem abermaligen Zusammenleben Rödes mit Mirjam. Aus zuverlässiger Quelle war früher einmal Kunde gekommen, das Verhältnis sei in die Brüche gegangen. Nun waren sie wieder ein Herz und eine Seele und gingen zusammen tanzen! Irgendwie mußte sich da Röde bewährt haben. In bloße geschlechtliche Hörigkeit verfiel ein so kaltes, berechnendes Gehirn wie Mirjam Lanz nicht, ohne daß sie überzeugt war, der Erwählte werde sich durchsetzen. Ihr Mann mußte zugleich der Mann sein, dem die Zukunft gehörte. Und dann konnte sie ihn ja mit ihrer überlegenen Intellektualität gefördert, ihn mit tragenden Gedanken versehen haben. Über das alles wußte man Näheres nicht, aber es sah danach aus. So legte es sich Ottilie zurecht.

Sie schmiegte sich an ihn, hängte sich ihm schwerer an den Arm, den sie jetzt mit beiden Händen umfaßte.

Das Legitime wuchs ihm bewußt ins Herz. Das andere Paar war nicht mit dem Staatsgesetz verwachsen! Dies der Unterschied zwischen ihnen und jenen! Unter den Falten ihrer Pelerine suchte er die Hand seiner Frau. Er hielt sie, – »hielt sich daran fest«. Diese unausgesprochenen Gefühle durchwogten ihn, im Spaziergang durch den fein rieselnden und lauen Sommerregen. Ottilie aber begann neben ihm zu summen. Irgendwoher die Rundung einer Melodie, die weiter nicht zu erkennen war.

242 Sie erklommen vom Hohlweg her die Erderhöhung. Jene grauenhafte Begegnung mit Röde damals in der Tiefdämmerung am Saume des Gehölzes gab er Ottilie ja nie preis. Sie glaubte ihn daher auch jetzt nur in das Andenken an seinen Todessturz versunken. »Armer, kommst du denn gar nicht davon los? Du willst dir hier einmal dein Grab graben lassen. Etwas verfrühte Pläne, scheint mir!« lachte sie zu ihm empor. Und trat von ihm weg, um seine männliche Kraft und Wohlgestalt zu mustern. Er blieb sich im Wuchs eine Kleinigkeit schuldig, die schlanke Höhe heldenhaften Überragens war ihm nicht voll zugemessen. »In der Länge ist dir Karl jetzt schon über,« verglich sie, »ich bin selbst nicht über Mittel – bleibe nur zwei Finger unter deinem Scheitel, – gerade das richtige Verhältnis!«

Von seiner Körperlänge sprach sie? Wenn man erst längelang lag und die Füße voran sein Haus verließ, das man sich eben begründet hatte – dann wurde man hierhergetragen, um sich auszustrecken zum ewigen Schlaf – es lag eine Beruhigung darin, sich das sagen zu können. So stand es stumm vor ihm. Brocken davon deutete er ihr an. Sie folgte ihm halb in seine schwermütigen Träumereien. »Ich begreif es ja – es verfolgt dich förmlich. Hier warst du schon auf der äußersten Schwelle, hast sie aber nicht überschritten, bist zurückgekehrt –« Nun erschrak sie über seinen seltsamen Gesichtsausdruck. Nein, wirklich, sein Geist verirrte sich, wenn er sich hier oben in die Vergangenheit gehen ließ. Dem mußte gesteuert werden.

»Ich weiß, wie ich diese lästige Bindung loswerde. Es ist ein Komplex. Ich muß ihn mir gründlich abreagieren,« kam er ihr zuvor. Wieder zog er sie sanft an sich. Und flüsternd: »Ich denke nicht mehr ans Grab, wenn ich erst hineingesehen habe. Ich werde es schaufeln lassen. Ein Blick mit dir hinein! Und sofort wird es zugeschüttet. Heda – ihr dort!« Er wandte sich um. Die Holzarbeiter traten fragend einige Schritte näher. »Könnt ihr mir einen Graben 243 aufwerfen – einen Meter achtzig lang, sechzig breit, siebzig tief – in zwei Stunden? Aber sofort dahinter!« Sie überlegten kurz und erklärten sich etwas mürrisch bereit.

Inzwischen packten sie in den Zimmern oben die Siebensachen. Heinrich notierte sich einiges, setzte sich dazu mit Notizbuch und ausgeschraubter Feder im Wohnraume hin, da er sich zu Hause kopfüber in die laufenden Geschäfte stürzen mußte. Ottilie kochte.

Wieder gab ihr diese sonderbare Graberei zu denken, das war doch zweifellos ein bißchen verrückt und vollkommen zwecklos. Während sie im Pfännchen rührte, trat sie schnell unter die Tür und warf ihm zu: »Heinz, ich verstehe ja das Bedürfnis, sich auch einmal ein bißchen symbolisch aufzuführen, – und daß es dafür nicht nur den Karneval und die Redoute zu geben braucht, das seh ich ebenfalls ein. Aber es muß dazu doch dämmerig sein oder schon richtig Nacht. So mitten im Tage – das widerstreitet dem Verstand – man soll so was nicht erklügeln. Ich meine, weil die da draußen hacken! Auf deinen Befehl! Viel Sinn hat das nicht, offen gestanden. Aber wie du willst.« Und sie rührte weiter den Brei im Pfännchen und spürte, wie unbehaglich ihr zumute war, – ihr gruselte, gestand sie sich offen. Das war ja doch Unsinn. Hineingeschobenes Schaufelblech, das an den dazwischenliegenden Steinchen kreischte! Schollengrund, der dumpf zum anderen, schon aufgehäuften fiel! Totengräbergeräusch! Schauerlich!

Heinrich drehte den Kopf nach oben und zugleich etwas seitwärts. Sein Blick streifte sie noch eben – ein abwesender, völlig gegenstandsloser Blick – und schrieb weiter. Beleidigt rief sie: »Wenn wir an dieses törichte Grab hintreten, so leg ich aber etwas hinein – das sag ich dir –« Sie verschwand in die Küche.

Als die Männer meldeten, sie seien fertig, kam sie mit der Handtasche hinaus. »Etwas hineinlegen – sagtest du? Was denn?« Nun fragte er auch noch! Er sah die Wölbung am äußeren Fach ihrer Tasche. Sie fingerte dort herum. Und zog den Totschläger 244 hervor, den an jenem Abend Röde ihr in die Hand gelegt hatte! »Ei! Siehe da! Sie hat sich nicht davon getrennt!« trübte es ihm leicht den Sinn. »Wirft ihn nun aber hinein! Abgetan – wohlgetan!« lichtete es sich ihm alsbald wieder.

Er musterte das Rechteck, das ihm auf den Leib geschnitten war. In das er jederzeit hineingelegt werden konnte, wenn es not tat! Die braune Streudecke des Waldbodens moderte rötlich, als sie in der Feuchtigkeit des frischen Aufbruchs freilag. Die Arbeiter waren weggetreten. »Nun?« forschte er mit einer gewissen gewollten Würde: »Wo bleibst du mit deinem Talisman gegen meinen Tod?« Da kauerte sie auf einen grünen Moosblock, – ihr Knie stützte sich darauf. Mit ausgestrecktem Arm vom vorgebeugten Leibe herab legte sie ungemein sorgfältig, als wäre es etwas Zerbrechliches, den stark von einer Gebrauchs- und Witterungsschicht überzogenen, nicht mehr glänzenden messingenen Schlagring etwas über die Mitte des Rechtecks, ungefähr da, wo das Herz der Leiche läge, richtete sich sofort wieder auf die Füße und stieß geschickt mit dem rechten Stiefelchen das Mooskissen hinunter, so daß die Mordwaffe davon zugedeckt wurde.

Diese rasche, sinnbildliche Entsprechung seiner Ahnung erschütterte ihn mit einer tiefen Freude. »So, nun ist das im Schoße der Erde versenkt, was dir vielleicht einmal hätte drohen können –« sprach sie vor sich hin. Er schaute auf, suchte ihre Augen – nun bedurfte es noch der letzten Offenheit. »Röde hat noch einen zurückbehalten, wenn du das meinst –« Er strengte sich an, daß seine Stimme ganz leichthin klang.

Ottilie tat nicht etwa verdutzt. »Der Lump! Hatte also gleich zwei bei sich. Sagte mir einmal, das gehöre dazu, alles womöglich doppelt! Nun mußt du wissen, Heinz – das ist bei ihm eigentlich gar nicht tragisch zu nehmen. Wenn's ein Revolver wäre, wollte ich nichts sagen. Aber dieser Eisenring, der sich um die Finger schmiegt, – ihm fast ein Spielzeug bloß – dient ihm als Sportwaffe – 245 er gibt ihr Ziele für seine Treffsicherheit. Denk dir, er hat einmal vor mir drei Katzen zur Strecke gebracht – wahrhaftig! Hatte sie sich gestohlen zu diesem Zweck, um mir seine Geschicklichkeit zu beweisen. Schloß sich mit ihnen und mir in eine Kammer – den Tieren ahnte etwas – huschten wie besessen von ihm weg! Umsonst. Pägg – pägg – pägg – immer die Schläfe – jede streckte sogleich alle viere von sich.«

Beim Anhören dieses Geschichtchens hatte sich Heinrich nicht der geringsten Eifersucht mehr zu erwehren. »Wir sind jetzt tapfer geworden,« sagte sie noch.

Die beiden Forstarbeiter näherten sich. Sie mußten die Vertiefung zuwerfen und nachher einebnen in die Bodenfläche. Heinrich entlöhnte sie mit dem dreifachen Stundenlohn. Sie versprachen ihm, die vier Außenpunkte des Rechtecks auszumarken, daß man es jederzeit wieder freilegen könne. Zum Erlös der granitenen Grenzsteine zahlte er ihnen den dafür üblichen Preis für vier Stück ebenfalls. Dann freute er sich noch über die herrliche Aussicht des Punktes, an der Hauswand des Turmbaus vorbei.

Den Nordhang und nicht den Hohlweg wählten sie sich auch für den Abstieg. Oft noch hielten sie an und schauten zurück. Immer noch ragte das Würfelhaus gedrungen und kantig über die Rundung des Gehölzes. Es bot den Anblick einer Burg. Und über die Namengebung konnte in ihm kein Zweifel bestehen. »Ottilienturm.« – In den Mund der Ausflügler sollte diese Bezeichnung durch Wegweiser und hohe Metallbuchstaben über der Haustür gelangen.

 

Während der Heimfahrt kam es plötzlich über die beiden jungen Leute mit dem unversöhnlichen Gegensatz der Geschlechter, – Heinrich saß rückwärts, Ottilie vorwärts, – als werde er hinterwärts gejagt, die Landschaft entzog sich ihm, alles floh rasend vor ihm zurück. – Und nur immer die Augen seiner jungen Frau, die 246 längst zu reden aufgehört hatte, an sie gerichtete Fragen unbeantwortet ließ! Absichtlich, wie ihm schien; sie erwiderte seine Anreden wohl, aber durch abweisendes Mienenspiel mit hämisch sich senkenden Mundfalten, mit höhnisch ausgestoßenen unartikulierten Verachtungsrufen, mit einem heftigen Vorstoß der kalten Schulter! Und immer aus den eisigen Augen bohrend Vorwurf, wenn nicht Schlimmeres! Das war heftiger und bedenklicher als Ermüdung und natürlicher Stimmungsumschlag, – bloße Frauenlaune erklärte ihm das nicht.

»Ottilie – du siehst mich ja an, als ob du mich haßtest.«

»Ich hasse dich auch. Du hast mich dran bekommen mit deinem romantischen Plunder. Ich bin dir auf den Leim gegangen mit all diesen Symbolen und den sentimentalen Deutungen. Mit Karl damals, der Nervenanfall bei Sonnenaufgang, das war etwas anderes, ich war dabei. Aber daß wir nun bei vollem Verstande, zwischen der Kaffeetasse und der Zigarette ernsthafte Geschäfte treiben mit diesem deinen Grab da oben und ich mit dem Totschläger und all dem andern Unfug vom Mädchenhaar im Schwalbennest – das ist Untreue gegen meine innerste Lebensauffassung. Und durch dich habe ich mich zu diesem Verrat an meiner Überzeugung verleiten lassen. Es gibt nur die Tat. Ich bin in meinem tiefsten Wesen Aktivistin – und ich hasse den, der mich davon abspenstig machen will, auch wenn ich ihn über alles liebe – jetzt weißt du's – ich verwünsche die Stunde da oben mit dem Grab – und dem Totschläger drin – ich hätte dir nicht nachgeben sollen – ich gab mich preis.«

»Es gibt auch nur die Tat,« entgegnete Heinrich traurig. Er fühlte sich trotz allem erleichtert durch ihre Antwort. »Das mußtest du nun eben noch an mir mit in Kauf nehmen. Du brauchst keinen Rückfall mehr zu befürchten. Jetzt kehren wir zusammen ins Leben zurück, da wirst du mich handeln sehn. Nur handeln! Nicht eine Minute werde ich nutzlos verträumen. Ich verspreche dir das, Ottilie!«

247 Nach einigen Atemzügen näherte sie ihre Hände sacht seinen Knien und schüttelte ihn sanft. »Du!« hauchte sie, »ich kann ja auch jenen Sommerabend nicht vergessen, weißt du, nachdem wir den Hirsch an der Tränke knien sahn – und wie nachher der Waldsaum im Abend versank – und der Wald – und immerzu der Wald, noch in der tiefen Nacht – und den Vers von Eichendorff vom Reh –«

Sie rasten im Takt der Maschinengeräusche. Draußen flohn und jagten Luft und Landschaft vorüber.

 

In den nächsten Tagen ging ihnen ein Brief seines Vaters zu. Der Superintendent – oder ›Dekan‹, wie fortan sein Amtstitel lautete – bediente sich darin eines sehr freundlichen Tones. »Ein umgekehrter Handschuh!« murmelte Heinrich unter Kopfschütteln bei der zweiten Durchsicht, die ihm seine Überraschung bestätigte. »Zwei Seiten gelten allein dir, Ottilie!« Er las ihr die Stelle. Sie war erfreut von dem Gruß. Das war alles ritterlich und weltmännisch gesagt. »O ja, er weiß schon, was sich gehört, wenn ihn der Koller nicht würgt,« freute sich Heinrich ebenfalls über die Entspannung zwischen ihm und seiner väterlichen Sippe. Er hieß diesen Zustand, den natürlichen – ›wie wenn nichts gewesen wäre‹ – willkommen. Er war nun einmal ein Ull, und niemand kann aus seiner Haut fahren. Es ist besser, man steht sich mit seinem Blute gut.

Die Absicht der väterlichen Annäherung wurde freilich zwischen den Zeilen lesbar. Es sollten ihm ein älterer Vatersbruder mit Frau und Tochter empfohlen werden. Wer ›nagte heute nicht am Hungertuche‹, wenn er nicht noch ein bißchen in Amt und Würden stand? Einer der hunderttausend Abgebauten!

»Natürlich, machen wir,« rief Ottilie frohgemut. Sie fuhren in das elende Wohnungsviertel. Die Bekanntschaft mit seinen nächsten Verwandten fiel aber wider alles Erwarten angenehm aus. Der Notstand schrie von den kahlen Wänden einer Stube und war doch wie nicht vorhanden. Der Onkel überraschte in seiner gelassenen 248 Haltung, die beiden Frauen in ihrer Bescheidenheit, in der ein Rest Bildung nachwirkte. Die drei Leute wurden der Freude über den Besuch kaum Meister. Lebten zusammen von siebenundfünfzig Mark im Monat! Sie wußten es nicht anders. Das war eben die Zeit. Sie lebten ja und lebten zufrieden!

Zu Hause erzählte er ihr von jener Kleinbürgergestalt der neunziger Jahre: Leberecht Hühnchen – der kleine Laubenbesitzer und Zweimarkrentner, der sich für den reichsten Mann hält, dem nichts über seine Armut geht, der mit nichts in der Welt tauschen will. Und der war nicht ausgestorben, er hatte sich sogar heroisiert! »Weißt du, Schatz – wir gehören schon einem unverwüstlichen Volk an! Wo ist sonst ein solches?«

 

5

In dem ihr überlassenen Atelier saß die Tänzerin Margot Seise am Kopfstück der breiten Chaiselongue. Sie war allein und umschlang mit den Armen ihre hochgezogenen Knie.

Ach, von jemandem sich fesseln lassen, an den man nicht gebunden war! Sie konnte sich nicht binden an Männer. Aber ihrer entbehren, das konnte sie erst recht nicht. Dem Werdenden Weib sein, ihm eine erlittene Enttäuschung glätten, indem sie ihm mit weicher Hand und leise trällernd die ersten Kummerfalten aus der Stirn strich, – dahin drängte es sie.

Noch eine Viertelstunde, und er kam. Zum Tee bei ihr angesagt, das war noch nicht geschehen. Bisher pflegte er auf die Besuchszeit bei ihr rasch ›vorzuschauen‹ – gemütlich sich bei ihr niederlassen, das sollte jetzt zum ersten Male sein. Sie war gerüstet – nicht nur mit guten Sachen zum Naschen und Rauchen. Auch einige neue Bücher legte sie aus, als hätte sie sie nach dem Lesen liegenlassen.

»Mi trema un poco il cor« – trällerte sie aus lauter Ungeduld, in unsichern Halbgefühlen. Sie kauerte schon lange genug im weichen 249 Winkel. Mit dem leichten Leibe wippend, nahm sie den Satz vom molligen Pfühl auf den harten Boden, wo sie mit voller Beherrschung, ohne einen Zoll wegzutreten, ruhig sich auf die äußersten Zehenspitzen erhob. Das ging also noch! Sie faßte Zutrauen.

In diesem Augenblick klopfte es. Schon? Konnte auch er es nicht erwarten? Das hätte sie etwas enttäuscht. Bewundernswert war ja an ihm gerade seine Haltung.

Margot öffnete und erkannte gleich Frau Oli Fay, hinter der eine höchst schicke, außergesellschaftlich wirkende, sorgfältig gekleidete und sich einer auffallenden Gesichtspflege bedienende jüngere Dame über die Schwelle trat. Bekannt kam ihr auch sie vor, nur kam sie nicht zurecht, wohin sie damit sollte. Sie erwiderte das knappe Kopfnicken nicht. »Die Damen wünschen?« heischte sie spitz.

Oli Fay drehte sich ihr langsam zu. »Wir scheinen zu stören, obschon noch niemand da zu sein scheint.«

Margot hatte schon genug. »Ich bin diesen Ton nicht gewohnt – und laß ihn mir auch nicht gefallen. Ja – Sie stören!«

»Wir glauben zu wissen, wen,« fuhr Oli Fay unbeirrt fort, indem sie nach einer Stuhllehne griff. »Die Stühle – übrigens hübsche Stücke – scheinen zwar nicht zu unserer Benützung dazustehn, ich erlaube mir aber, mich zu setzen.« Und zu ihrer Begleiterin: »Tun Sie desgleichen, meine Liebe!« Margot traute ihren Augen nicht. Beide setzten sich unaufgefordert.

»Gnädige Frau,« erklärte sie bestimmt, »ich sehe, ich bin das Opfer eines Überfalls geworden. Sie reden per ›wir‹. Wer ist die Dame?«

»Sehen Sie nur näher zu,« lautete die Antwort wieder höchst ausfallend, »Sie werden vielleicht selbst dahinterkommen.« Jetzt ging Fräulein Seise ein Licht auf. Der andere Eindringling war Mirjam Lanz!

Ihr drehte Margot mit einem Ruck den Rücken. Und zu Oli Fay: »Sie versetzen mich in die Lage, Schutz herbeizurufen, meine Dame.«

250 Oli lachte ungehörig: »Er soll nur eintreten, Ihr Schutz. Wir kennen ihn. Er antichambriert ja schon. Wir trafen ihn auf der Straße. Ohne von ihm bemerkt zu werden, versteht sich. Er vertiefte sich in Blumen, – wird sie Ihnen wohl gleich überreichen.«

Die neue Dreistigkeit warf Margot nicht um. Sie diente ihrer Ernüchterung. Das war ja nun alles so unglaublich toll aufgetragen, daß irgendeine Absicht in der ganzen Aufmachung lag. Hinter diese Beweggründe mußte sie vorerst kommen. Sie erlangte die Ruhe wieder: »Wenn ich nur erst wüßte, was das alles bedeutet? Was will man von mir? Es soll an mir irgendeine Erpressung begangen werden. Heraus mit der Sprache, – wohin zielt das alles?«

»Ah – sind Sie nun soweit?« Oli Fay mäßigte sich offensichtlich. Sie war jetzt da, wo sie wollte – nämlich ihr Anliegen vorzutragen. »Es wird nächsten Sonntag ein großes Fest auf Hanhagen statthaben. Sie verkehren dort. Wir wünschen von Ihnen eingeführt zu werden. Ich erscheine aber nur in der Begleitung von Genossin Lanz. Aus meiner proletarischen Gesinnung habe ich nie Hehl gemacht. Obschon ich ja in gewissem Sinne wieder drüberstehe. Sonst hätte ich nicht kürzlich die Ehre gehabt, neben Geheimrat Gonßen der andere Zeuge bei der Trauung von Doktor Ull mit Fräulein Godwein gewesen zu sein. Ich vermag meine gesellschaftlichen Bindungen nicht einfach abzustreifen – nein, das vermag ich nicht. Darauf bin ich zu stolz und auch wieder zu –«

»Zu konfus, – ja, das ist das rechte Wort,« schrie Margot, beglückt über die Gelegenheit, zum Angriff überzugehen. »Sie sollten sich schämen. Also für so naiv und ungebildet halten Sie mich. Ich sollte nicht merken, daß Sie ›Zelle‹ bilden möchten in Hanhagen – irgend kleine Sprengminen legen oder ausspionieren. Und dazu gibt sich eine Frau von Ihrem Ansehn her? Sie lassen sich um den Finger wickeln von einer Person, die für mich Luft bleibt.«

Nun litt es die beiden Betroffenen nicht länger auf ihren Sitzen. 251 Kreischend sprangen sie auf. Mit erhobenen Sonnenschirmen traten sie auf die kühne kleine Seise zu. Dieser wich wohl die Farbe aus dem Gesicht, allein um ihren Mut kam sie nicht. »Jetzt muß er doch kommen. Länger geht es nicht ohne ihn.«

Karl Godwein stand in der Tür, Blumen in der Seidenhülle zwischen den Handschuhen. Er hatte die beiden ihm wohlbekannten Damen auf der Straße bemerkt und sich über das Ziel ihres Weges seine Gedanken gemacht, als er sie im Hauseingang verschwinden sah. Er kam sich aber gar nicht so vor, als müsse er Hilfe bringen. Margot wußte sich schon zu helfen, sagte er sich.

»Aha!« rief Oli Fay Mirjam Lanz zu, die ihn anstarrte, »sagten wir's nicht?«

Aber Karl Godwein kümmerte sich nicht um die Überflüssigen. Höflich und von einer sichtlichen Freude erfüllt, ging er auf Margot zu, ergriff ihre Hand, neigte sich tief darüber und küßte sie. Dann überreichte er die Blumen. Sie bot ihm an, abzulegen. Er tat es. Dann setzten sie sich an den kleinen runden Tisch, auf den stellte sie eine Vase. Sie sprachen miteinander, wie wenn außer ihnen niemand sich im Raum aufhielte.

Mirjam Lanz trat näher: »Herr Godwein, Sie machen ja auch das wieder ganz stilvoll wie alles, was Sie tun. Es wäre aber zu Ihrem Vorteil, wenn Sie uns anhören wollten –«

»Mir wird zugemutet, ich soll unerwünschten Besuch nach Hanhagen bringen,« ereiferte sich Margot Seise. Karl hielt die Rolle des ›neugeborenen Kindes‹ gut durch, er fing herzlich an zu lachen. »Ich weiß von nichts. Was auch um mich herum für Stimmen schwirren. Bekannte Stimmen einst – sie sagen mir nicht das geringste mehr. Es kann eine Maus rascheln im Gebälk, es kann ein Auto hupen auf der Straße – das sind Geräusche, die mich nicht berühren, auch wenn sie mir lästig fallen.« Er sah Margots aufleuchtenden Stolz, wie überlegen und mühelos er die unmögliche Lage rettete. Sie lachte ihm entgegen. Und da wurde auch er aufs 252 neue vom herzlichen Lachen erwischt. Es spielte hin und her zwischen Margot und ihm.

Die Lanz, ihm im Rücken, trat noch zwei Schritte näher an ihn heran. Margot erschrak über ihr beherrschtes und entschlossenes Wesen. »Herr Godwein – Karl, Sie benehmen sich ja ausgezeichnet – es war das nicht anders von Ihnen zu erwarten. Sie verfügen über einen untrüglichen Instinkt. Aber Sie machen sich etwas vor – das muß sich rächen. Sie halten sich krampfhaft an Ihrer Individualität fest. Das darf heute niemand mehr, der Ihren Geist besitzt und Ihre Begabung. Man kann das Rad der Zeit nicht rückwärts drehen. Sie am wenigsten dürfen aus dem Schritt der Zeit herausfallen. Am wenigsten dürfen Sie das – es wird Ihnen auch gar nicht gelingen. Darum verschließen Sie Ihr Ohr meiner Mahnung nicht!« Diese Worte klangen weich, es war etwas Saugendes an ihnen, und sie klangen natürlich.

Karl Godwein hörte auf zu lachen. Er schloß die Augen und blieb mit regungslosem Gesicht sitzen. Es erzwang sich in diesen paar Sätzen wieder etwas Zutritt zu seinem Bewußtsein, was einst vor ihm als ein Weg sich auftat, damals, als er in seinem unberührten Knabentum Mirjam verfiel. Das war nicht nur physiologisch das Opfer an die erwachenden Bedürfnisse seines halbwüchsigen Körpers gewesen, ihn hatte da ein überzeugender Gedanke verführt, den betörende Lippen damals, wie heute wieder, ihm zuflüsterten – vom Rade der Zeit, das immer nur vorwärts stürzen darf, von der Pflicht der erwachenden Jugendkraft, niemals neben den vollen Lauf der stürzenden Sekunden auszutreten! An diesem Munde, der jetzt hinter ihm sprach, war er in seinem Blute zur Macht der erkannten Wahrheit erwacht. Diese Tatsache stellte ihn still – die kluge Jüdin ließ ihre damaligen Botschaften an ihn wieder aufleben. Sie faßte zu, wo sie mit Recht bei ihm eine Handhabe vermutete. Er leugnete die Berechtigung ihres Hinweises nicht, er ließ es über sich ergehen. So saß Karl denn, als über Mirjams Worten 253 ihm das Lachen verging, etwas verlegen und gottergeben, aber durchaus wohlerzogen da und rührte sich nicht. Wie ein Schulknabe, der ertappt wird und das zugibt!

Mirjam drang auch weiter nicht in ihn. Sie belästigte ihn nicht. Es genügte ihr, ihren Eindruck auf ihn nicht zu verfehlen. So ließ sie ihn denn sitzen, da es ihm gefiel, angesichts ihrer Erregung den Ölgötzen zu spielen. Ihr Ziel wurde jetzt das andere Weib da an seiner Seite, die sie anglotzte, nachdem sie eben noch so blöde gelacht hatte! »Ich brauche Sie nicht, um nach Hanhagen zu gelangen. Ich kenne die Tochter des Hauses, Frau Doktor Sulzer. Sie wird mich mitnehmen, sie geht mit der Zeit. Ich weiß, daß Sie mit ihr befreundet sind, Fräulein Seise. Ich finde es unklug von Ihnen, uns so wenig Verständnis entgegenzubringen. Über Ihre Vorurteile schreitet die Stunde heute hinweg. Werden Sie uns – ja oder nein – nächsten Sonntag nach Hanhagen bringen? Ich richte diese Frage höflich an Sie.«

Margot Seise sprach ihr nun mitten ins Gesicht: »Ich bediene mich Ihres Namens nicht. Ich lehne es auch ab, Sie gnädige Frau zu nennen. Ich habe Ihnen erklärt, daß Sie Luft für mich sind. Ihre Anrede erreicht mich nicht, mögen Sie vor mir stehen, solange Sie wollen. Ihre Anwesenheit in diesem Raume ist ungerechtfertigt. Und damit basta!«

Die Lanz gab ihren Plan noch nicht verloren, doch war ein vorläufiger Rückzug nun unvermeidlich. Sie wendete sich an ihre Meisterin mit einem Blick, ihr zu folgen. So traten denn die beiden beiseite und unterhielten sich halblaut. »Weißt du, Oli – jetzt hört aber alles auf – mich derart im Stich zu lassen. Du versagst ja völlig. Wer hat davon abgeraten, diesen Vorstoß zu wagen? Ich! Die Blamage war wahrscheinlich. Aber nein – du nahmst alles auf dich – schaltest mich feige. Und jetzt kann ich mich ja nicht mehr sehen lassen, wenn das ruchbar wird, was man uns hier bietet. Was sagst du? ›Ach nee?‹ Nimmst wohl wieder einmal 254 deine Zuflucht zu deiner berüchtigten Langeweile, da du deinen temperamentvollen Aufmarsch mißraten siehst. Das gibt's nicht, sag ich dir. Wir Kommunisten blamieren uns nicht in der bürgerlichen Gesellschaft.«

Oli Fay berührten diese Vorwürfe nicht stark. Sie starrte geistesabwesend in die Luft. »Was sollen wir noch hier,« entfiel es ihrem verächtlich verzogenen Mund, »du siehst ja, du predigst tauben Ohren«

In der anderen Ecke des Ateliers fehlte es nicht an scharfer Beobachtung. Karl Godwein murmelte knappe Worte, Margot blieb dem kritischen Augenblick nichts schuldig. Es galt, zuvorzukommen. Von Karl gefolgt, eilte sie auf die beiden Besucherinnen zu und eröffnete ihnen schlagfertig: »Meine Damen, Sie haben mir immerhin einen Besuch abgestattet. Ich bin nicht unhöflich und würdige die Tatsache, daß Sie sich zu mir bemüht haben. In einer Absicht allerdings, der ich in keiner Weise zu entsprechen in der Lage wäre. Ich will Ihnen das Recht nicht bestreiten, mir Ihre Auffassung vorgetragen zu haben. Entschuldigen Sie dafür, daß ich Ihnen in keiner Weise entsprechen kann.«

Karl freute sich still: »O du zierliche Schlange!« Gegen die Damen verneigte er sich zuvorkommend: »Darf ich behilflich sein? Darf ich Sie bis an die Tür bringen? Entschuldigen Sie, bitte, auch mein Verhalten. Guten Tag, gnädige Frau!«

Die Lanz trat hinter Olis Sessel und bekannte, Frau Fay stehe im Begriff, sich mit ihrer Schule nach Moskau berufen zu lassen. »Auch Sie denke ich in Hanhagen zu treffen, Herr Godwein,« wandte sie sich dann mit einer Kopfbewegung an Karl. Verstohlen nahm er das ihm früher nahe und vertraute Antlitz in sich auf. Es schob sich aus leeren und breiten Flächen zusammen, immer bot es aber einen vorübergehend reichbewegten Schauplatz für Mienenspiele und Ausdrucksdarbietungen jeglicher Art.

Frau Fay erhob sich jetzt. Es unterblieben weitere Versuche, sie 255 gewaltsam hinauszukomplimentieren, wie auch alle Abschiedsbegrüßungen. Die beiden Besucherinnen verließen freiwillig das Atelier. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß.

»Uff und Puh – ist es die Möglichkeit!« erleichterte sich Margot und reckte gähnend die Arme. »Nehmen Sie den Tee stark, Karl? Ja, stark, nicht wahr? Natürlich diesmal ganz dunkel!« Und so setzten sie sich nun zusammen an das reizend gedeckte Tischchen.

Oli Fays angeblicher Ruf nach Moskau wurde besprochen. So bekam Karl, wie eben eine Nachricht die andere nach sich zieht, Kenntnis von einer Neuigkeit – Margot hatte beabsichtigt, ihm ihren Tee damit zu verklären. Sie erwartete eine Anstellung in Berlin! In der Richtung ihrer beruflichen Wünsche, außerdem pekuniär vorteilhaft in diesen schmalen Zeiten und künstlerisch denkbar bestens ihr zusagend.

»Und das erfahre ich jetzt erst? Es muß Sie doch immerzu schon bewegt haben. Ich glaubte auf die Teilnahme an Ihren kleinen Geheimnissen ein Recht zu besitzen!« Sie beruhigte ihn, vor nächster Woche sei der entscheidende Schritt nicht zu erwarten. Da schrillte die Klingel.

»Die werden doch nicht wiederkommen!« Sie eilten gemeinsam. Vor der Tür stand der Depeschenträger.

Margot Seise wurde telegraphisch aufgefordert, ehestens sich vorzustellen. »Umgehendes Eintreffen erwünscht. Alle Unkosten vergütet.« Ha, da konnte sie sogar bis Sonntag zurück sein, brauchte Hanhagen nicht zu versäumen. Und kam mit Neuigkeiten – oder gar mit einem Vertrag in der Tasche, wenn alles klappte!

Nun gab es nichts als die schleunige Abreise. Karl stand ihr bei mit Fahrplan und Einpacken. In einer Stunde brachte er sie an die Bahn.

In diesen kargen Augenblicken bis zum Aufbruch bekamen die Gefühle Lufthunger! Sie behängten sich mit dem Gewicht lockender Liebeslust. Die frauliche Ausrüstung wurde Stück für Stück und 256 nicht ohne leichte Randglossen aus den Schiebladen zusammengesucht, begutachtet und im Koffer in die richtige Lage gezupft. Auch ein bißchen umziehen mußte sie sich noch, die baldige Reise mahnte zur Eile. Sie verschwand hinter dem Vorhang, schaute dazwischen nicht selten, durch die nicht völlig schließenden Hälften, mit halb durchgeschobener Haartolle zum Rechten.

Karl saß im einzigen Lehnsessel und blätterte mit der entsprechenden Unaufmerksamkeit in einem Buche. Das kam einer fortdauernden Fühlungnahme mit der entschwundenen Freundin zugute. Sie summte den neuesten Schlager, er war ihm bekannt:

»Glüht sich ein Stern satt –
Wenn man sich gern hat, –
    Willst du nicht mit mir fahren?

Bleibe und brumme!
Bin nicht die Dumme –
    Bist bald über mich im klaren.«

Aufgeregt brach sie hervor, in noch keineswegs vollendeter Toilette. »Ein kleiner Schafskopf sind Sie schon, ein fieser –« überfiel sie ihn. »Sie kümmern sich nicht um mich, Sie helfen mir ja gar nicht packen.« Er fand keine Zeit mehr. Erst vor seinen Knien machte sie halt. Sie duftete ein bißchen reichlich von den eben eingeriebenen Ölen und strich die noch feuchten Hände an seinem tadellos gebürsteten Haar trocken. »Das geschieht aus Zerstörungslust, damit ich dich dann gleich wieder kämmen kann.« Ach, eine gute halbe Stunde blieb mindestens noch übrig, um in aller Ruhe Abschied zu nehmen. Früher aufzubrechen hatte nicht Sinn. »Ich bin ja soweit reisefertig – nur noch das Kleidchen über!«

Er erhob Einsprache. Seine wehrenden Handflächen gerieten mit ihrem kaum gewölbten Busen in Berührung, so nahe bückte sie sich zu ihm herab. »Nein, weißt du, Karlchen, alles was recht ist. Jetzt gehst du gerade noch, wie an einem jungen, tapsigen Hund 257 hat man an dir seinen Spaß. Aber so in zwei, drei Jahren schon wirst du unausstehlich sein. Laß dich nur in Hanhagen einpökeln mit deiner Selbstgerechtigkeit – dort gehörst du hin!« Ein strafender Regen von Küssen benahm ihm den Atem.

Er ließ sich das Unvermeidliche nicht lange gefallen. Als er Luft bekam: »Wieso denn? Drei Jahre noch steht die süße Anny niemandem im Wege. Dann aber darf sie mir ihre Zeit nicht länger verlieren. Es wäre schade um jeden Tag,« rief er, als er wieder Luft bekam. Aufs neue wurde er von ihr mundtot gemacht.

»Sie duzen mich ungefragt, Margot –« rügte er, als er mit seinen Gegenmaßnahmen Erfolg hatte und sich nicht länger wehrlos sah. »Ich werde das alles haarklein meinem Schwager Ull erzählen. Jawohl. Vor ihm können Sie sich dann verantworten. Es ist ja geradezu großartig, was sich so ein luftiges Wesen wie Sie an höheren Freiheiten alles herausnimmt! So, ich sehe, Sie schämen sich ein bißchen. Nun stehe ich zu Diensten. Was soll ich noch?« Er erhob sich ritterlich aus dem Lehnstuhl und weidete sich vergnügt an ihrer Verblüffung.

 

6

Ferdinand Ettrams Schwiegersohn, der Privatdozent Dr. Otto Sulzer, war mit Frau, Kind und ›Bedienung‹, die in der strammen Kinderwärterin bestand, auf Hanhagen zu Gast und befand sich in rosiger Stimmung. Baldige Beförderung zum Extraordinarius mit Lehrauftrag stand in Aussicht, seine Vaterwürde weckte unentdeckte Tiefen seiner Männlichkeit, namentlich aber war über seine bisher etwas stiefmütterlich gediehene Freundschaft mit Heinrich Ull eine Blütezeit aufgegangen. Jenes kostbare Aneinander-vorbei-Fühlen damals gleich nach dem Doktor hatte zu einer überschwenglichen Auseinandersetzung in Briefen, Postkarten und beim ersten freien Tage zu einem Besuche Ottos bei Ull geführt, der kein anderes Ziel hatte, als die unverbrüchliche Lebensfreundschaft nun endgültig 258 einzurenken. Das geschah dann noch mit feierlichem Nachdruck am Tauffeste, zu welchem Ull und Ottilie im höchsten Staat erschienen.

Seitdem war im Bannkreise der Schwiegereltern, so oft Sulzers ihren Einzug hielten, Ull Trumpf. In die gewährte Gastfreiheit war einbezogen ein tägliches Drahtgespräch zwischen Heinrich und Otto, und es hatte sich schon bis über eine halbe Stunde erstreckt. Ganz abgesehen davon, daß die jungen Sulzers öfter als einen Abend in die Stadt fuhren, um mit Ull zusammen zu sein. Das Ergebnis eines solchen ergiebigen Verkehrs auf fern und nah bestand in Sulzers begeisterter Überzeugung, er wisse nun und wisse es besser als irgend jemand, was von Ull für Zeit und Land zu erwarten sei. Im Anschluß daran erkannte Sulzer seine eigene kulturpolitische Sendung darin, aus der gebildeten Gesellschaft den entsprechenden Anhängerkreis um Ull zu bilden. Daß damit im Hause die tägliche Unterhaltung und namentlich so ziemlich jedes Tischgespräch belastet war, verstand sich von selbst.

Mit der Zeit wurde es Dr. Ettram ein bißchen zuviel des Guten. Er benützte eine Gelegenheit unter vier Augen, um zu seiner Tochter offen davon anzufangen. »Verzeihung, Lotte, aber es paßt mir nicht recht, was ihr mit Ull anstellen wollt. Ihr seid auf dem besten Wege, uns den jungen Mann zu verderben. Es muß ihm ja in die Krone steigen, so wie ihr ihn systematisch vergöttert. Er wird, wenn nicht heute, so aber morgen, unter die brotlose Gilde der Weltverbesserer gehen. Ich muß das für ihn beklagen. Was für schöne Aussichten bietet ihm der Industriering. Die soll er weise ausbauen und an seinen persönlichen Vorteil denken. Wir brauchen ihn. Einer Sozialisierung der Betriebe ist auf die Dauer doch nicht auszuweichen. Wir müssen. Ich bin einer der wenigen im Aufsichtsrat, die das einsehen. Ull kennt sich aus. Er muß schauen, wie er die halsstarrigen Herren herumbringt. Statt dessen macht er in Weltanschauung. Das ist nicht der kürzeste Weg zu den Tantiemen. 259 Er hat sich verheiratet. Er muß vorwärtskommen.« Das sagte er in einem halblauten, mürrischen Tone.

»Papa,« griff seine Tochter Lotte ein, »du darfst dich nicht verstellen, wir glauben dir's doch nicht. Die großen Fragen der Zeit lassen dich nicht kalt.«

»Die Arbeitslosen, ja, das ist für mich Frage genug,« murrte er weiter. »Ull meint, er ändert was, wenn er über Gott und die Welt sich Gedanken macht. Wenn einer bei uns ist, darf er nichts anderes im Kopfe haben als unsere Geschäfte. Damit braucht man das verfügbare Gehirnschmalz bis zum letzten Gramm auf. Wer sich zersplittert, ist heutzutage verloren. Ull soll sehen, wie er zu Einnahmen kommt. Heiraten ist nicht billig, das weißt du aus eigener Erfahrung.« Und er machte ihr nun ein ziemlich patziges Gesicht hin, wie Väter eben manchmal eines aufsetzen, weil sie es ihrer Würde schuldig zu sein glauben.

»Mich wird er gerade kleinkriegen,« dachte Frau Lotte, »er hat ja doch für sein Geld von uns bekommen, was von keinem Aufsichtsrat auf der Welt erhältlich war. So, wie er nun gern Großvater ist!« Laut fuhr sie fort, indem sie sich sogar eines unterwürfigen Tonfalls befleißigte: »Papa, ich hoffe aber doch, daß du dich nicht umsonst mit Ull in die Patenehre an Henny teilst. Hast du ihn übrigens heut schon gesehen – ich glaube nicht. Dann warte mal –« Verdutzt sah ihr der mächtige Mann nach. Ja, er besaß einen kleinen, abseitigen Punkt in sich, wo er empfindlich war, und zu dessen Befestigung trug der Gang der Geschäfte nicht das geringste bei. Und wahrscheinlich war das doch der Lebenspunkt. Denn er war ein Bürger, dem es geraten ist und dessen Ehe einer richtigen romantischen Jugendliebe entsprang. Es standen auf dem Büchergestell Bändchen, in die hatte er seiner Braut Schillerverse zur Widmung hineingeschrieben. Glückliche Ehe! – Kam heutzutage diese Lebenskategorie überhaupt noch in Frage? Heute galt nur noch eins – standesgemäß auftreten, ein Haus machen, die 260 führende Automarke und den livrierten Chauffeur – sonst aber bürgerlich bleiben – nicht den Emporkömmling herauskehren, was ja soviel hieß als protzen – tüchtig auf die Seite legen und in Gottes Namen schuften, damit einmal die Witwe anständig gestellt zurückblieb und die Kinder nicht mit nichts anzufangen brauchten!

Ach, da kam ja schon Henny, der Enkel! Im lustigen Morgenkleid, – ließ seine Künste spielen mit dem unverständlichen Geplauder und den deutenden Händchen, auf den Armen seiner Großmutter und gefolgt vom halbwüchsigen Zwillingspaar, von Onkel und Tante. »Das ist jetzt die Hauptprobe auf Sonntag! Da wird mit ihm Staat gemacht. Hoffentlich versagt er nicht.« So weit war nun also aus den einstigen Wurzeln, in der Entfaltung des eigenen Daseins bei Dr.-Ing. Ettram alles gediehen! Und so tastete er denn mit ausgestrecktem Zeigefinger dem Enkel kitzelnd gegen die Halsgrube, daß das Kerlchen, den Spaß wohl begreifend, wonnig aufkreischte. Nachher strich er Anny übers Haar und ließ sich geduldig von Fritz über etwas Technisches ausfragen.

Sprühend vor Ferienlaune schwenkte dann noch Otto, der Schwiegersohn, über die Terrasse herein. Er war angeln gewesen, klopfte auf das Tönnchen an seiner Seite, man hörte das Wasser darin plantschen. »Fünf Forellen an den Haken gegangen, glaubt ihr das?« Und er ging flugs in die Küche damit, um gleich umgezogen und frisch gemacht wiederzukommen: »So, Herr Schwiegervater, nun bin ich mir völlig klargeworden, – am Bache, überm Fischen – der deutsche Staat, heute, wo alles Masse geworden ist und jeder von uns zur Masse wird, in der Masse aufgeht, – ein Zyklopenbau muß das werden, mit Wällen und unterirdischen Gängen. Ich fand das Bild bei Nietzsche im ›Willen zur Macht‹. Nun, Lotte, da hinken wohl noch Zusagen zu Sonntag nach?« als er sein Frauchen die Post annehmen und öffnen sah.

»Mirjam Lanz will nun also kommen – soll nur kommen,« berichtete Frau Lotte, nachdem sie tüchtig Bogen geknittert hatte, »je 261 bunter, desto besser. Werde schon dafür sorgen, daß die Kirche mitten im Dorf bleibt.«

Und nach einigem weiteren Hin und Her zu Vater und Mann: »Wie aber unsere Mutter sich zu Sonntag vorgesehen hat, das ist über alles Lob erhaben. Nein – nichts wird verraten! Wir werden Ehre einlegen mit dem Empfang auf Hanhagen, das sage ich euch.«

Und dann noch: »Stimmen gehen wir alle hier samt Dienstmädchen. Werde dir dann sagen, Otto, was ich einlegte. Vorher erfährst du nichts. Letztesmal hab ich noch den Kommunisten zugestimmt – ich sagte dir, warum. Keine Gefahr, daß ich das wiederhole! Es hat sich zuviel ereignet seither – sehe nun klar. Das hieße ja die Gutmütigkeit auf die Spitze treiben. Stramm bei der Stange bleiben diesmal!«

 

7

In der Frühe des Wahlsonntags stürzten sich Heinrich und Ottilie ins Getümmel der Hauptstraße – sie wogten mit. Die junge Frau war überglücklich. Seit der Rückkehr damals von der Löhr lachte ihr der Himmel. Das war das Leben, wie sie es sich geträumt hatte – pfui, was sagte sie da: geträumt hatte? Nein, mit jeder Träumerei, mit dem letzten Rest Romantik hatten sie nun aufgeräumt in der Gestaltung ihres Daseins.

Sie frühstückten im Restaurant des Stadthofes. Heute wollte Heinrich es nicht anders tun, schon weil sie sich so fein gemacht hatte. Sogar Rot aufgelegt, wenn auch diskret – immerhin auffallend. Man wird gucken! Und den runden Busenausschnitt ziemlich tief, mit seinem Pelz verbrämt – im Sommer!

»Herr Ober, zwei Mokka – mit dem neuen Likör, den ich kürzlich hier vorgesetzt bekam.«

 

Der Generaldirektor Godwein ließ halten. Schon damals beim Antrittsbesuch in Hanhagen hatte er sich vorgenommen, das nächste 262 Mal durch den ganzen Eichenhain zu spazieren. Auch die nicht eingehagte hintere Partie des Waldes wollte er besichtigen. Es führte ein schöner Weg hindurch mit freiem Blick in die Niederung.

»Weißt du, Elisabeth, das geht eigentlich noch über unsere Löhr. Ich will gerecht sein und das zugeben. Hier ist die Höhe in unmittelbarer Verbindung mit dem dichtbevölkerten Stadtgelände. Nicht unterbrochen durch die Entfernung von Hunderten von Kilometern. Und doch der freie Ausblick in die Niederung unter dem hohen Himmelsbogen. Das tätige Leben und eine gewisse Einsamkeit der Natur hat man hier in einem Blick voreinander. Wie hell es aber heute ist! Sieh nur – dort sieht man ja ganz deutlich den Turm von Kreisheim – wie er sich abzeichnet auf dem Dunst der Ferne. Und sieh – unser Gelände dort – man kann die Schlote beinahe einzeln unterscheiden.«

»Du mit deinen Augen,« bestätigte sie, drängte aber sanft, die Zeit nicht zu lang werden zu lassen. So stiegen sie wieder ein und fuhren nun in der prächtigen Einfahrt vor.

»Das hat Ettram wirklich glänzend hingelegt,« rief Godwein bewundernd aus, als er hinter Elisabeth aus dem Wagenschlag sich schälte, »vollkommen das, was heute zieht und Geltung besitzt – das Nordische, sieh nur, wie das daliegt – das Wikingergehöft mit dem Rundturm.« Und sie betrachteten die lang sich hinstreckende Niederlassung mit dem gedrungenen Rundturm in der Mitte, bevor sie eintraten.

 

Margot Seise entsprang auf dem Hauptbahnhof dem Berliner D-Zug. Sie gab das Handgepäck ab und trippelte, so rasch sie konnte – das bedeutet etwas bei einer Balletteuse! –, nach der Haltestelle der Straßenbahn, die unter Hanhagen endete.

Der Vertrag war perfekt – sie trug ihn in der Handtasche – konnte ihn vorweisen. Ihr Glück war gemacht.

Heißt das, was man so Glück nennt! Glück in der Weltstadt? 263 War dort die Atmosphäre für Glück? Noch stieß es sie ab, was sie in diesen drei Tagen erlebt hatte. Undenkbar, vielleicht in wenigen Monaten dahin abgestumpft zu sein, daß auch sie ›nur noch in Berlin‹ leben konnte. Einstweilen begriff sie, warum man vom ›Krematorium‹ oder der ›Asphaltwüste Deutschlands‹ sprach im Hinblick auf die Viermillionenstadt. Da brauchte es erst einige Gewöhnung, bis Menschen zu finden waren, anstatt – nur Schiebefiguren, Konvenienzgespenster, Geistesattrappen zu entdecken.

Aber, wie gesagt, – sie hatte Glück gehabt. Eine Empfehlung schloß ihr die jedem gemeinen Sterblichen streng verriegelte Tür eines ›Prominenten‹ auf. Der Schriftsteller öffnete selbst. Die Wohnung hatte die teuerste Lage der Stadt – Unter den Linden! Sie wußte, er war von Hause aus hortreich und verfügte über märchenhafte Einnahmen aus seinen Büchern, Bühnenstücken und Films. Er bewohnte wohl auch die ganze Etage. Aber ein Geistesarbeiter durfte sich neuerdings keinen Diener halten. Das hätte dem Ernst der Stunde ins Gesicht geschrien. »Sie müssen vorliebnehmen. Ich habe keine Aufwartung.« Er benahm sich auch erst etwas sehr von oben herab, dazu schenkte er, absichtlich ungeschickt, selbstgebrauten Kaffee ein. Da kam sie auf den Gedanken, ihn um Rat zu fragen, ob ihre Verträge, die noch im Entwurf waren, für günstig zu halten seien im Urteil der hierfür Zuständigen – sie verstehe ja nichts davon und wäre dankbar, wenn ein Erfahrener ihr behilflich sein wollte. »Aber natürlich, gern! Lassen Sie mich nur sehen –« Er goß sogar Kaffee daneben, als er die Hand nach dem Papier ausstreckte. Dann – die Schicksalspause vor der Hornbrille! Er nickte vielsagend. »Ach so? Das sind ja sogar meine Kreise. Sie haben sich gut einführen lassen. Da werden wir in Verbindung bleiben.« Und erwärmte alsbald den angeschlagenen Ton um einige Grade. Sie schauten nachher zusammen auf die Straße hinunter, dem bunten, farbigen Treiben zu.

»Sehn Sie dort meine Geliebte,« sagte der Schriftsteller, »sie 264 weiß, daß ich sie beobachte. Darum steht sie vor der Russischen Gesandtschaft. Es wird jetzt gleich der Sowjetkommissar herauskommen, der ihr den Hof macht. Ich habe die schönste Freundin in ganz Berlin – so sagt man wenigstens in den Salons. Sehn Sie nur – nun blinzelt sie unter dem Sonnenschirm weg zu uns heraus. Sehn Sie nicht?« . . . Kauernd saß Margot in der Straßenbahn, die sich wütend die Durchfahrt frei klingelte. Wie eine Oase tat sich ihr da Hanhagen auf. Ja, da sah sie doch noch einmal den teuren Karl Godwein an der Seite der ›süßen‹ Anny Ettram. Diesen Anblick echten, wahrhaft zukünftigen Lebens wollte sie als Talisman mitnehmen in die untadelige Geistigkeit und Eisigkeit ihres neuen Wirkungsfeldes – dann war sie vor dem völligen Verfalle gefeit. – Nie die beiden vergessen: Karl an der Seite Annys! – mit diesem Eindruck wollte sie scheiden. Dann blieb sie fortan vom Verluste ihres besten Teiles bewahrt!

 

Der Empfang, vom Wetter begünstigt, spielte sich auf der weiten Terrasse der Gartenfront ab. Aus den Zimmern und Sälen des Erdgeschosses traten die Gäste ins Freie, fanden ihre gütigen Wirte, Herrn und Frau Dr.-Ing. Ettram, nach allen Seiten in herzlichen Willkommensgrüßen begriffen, unermüdlich auf eine angemessene Verteilung der anwandernden Scharen in geeignete Gruppenbildungen bedacht. Dutzende von Sitzgelegenheiten rundeten sich um Tische, verteilten sich unter weit ausladenden, schattenspendenden Gartenschirmen. An der Mitte der Hauswand stand ein Büfett mit erlesenen Erfrischungen. Die Dienerschaft wies ein ausgesprochen bürgerliches Aussehen auf. Außer dem für häusliche Hilfeleistungen unentbehrlichen Kraftwagenführer zeigte sich kein männlicher Dienstbote. Zahlreiche weißbeschürzte, schwarzgekleidete Mädchen, darunter auch einige ›späte‹ im weißen Haar und von bestandener Gestalt, warteten zunächst beim Ablegen und Einführen auf. Unter ihnen zeigten sich in bunter Erweiterung des farbigen 265 Bildes auch hübsche Dorfschöne in der sonst nur noch selten auflebenden ansehnlichen Tracht der einheimischen Landesgegend. Diese wohlangebrachten, unaufdringlichen Vorbereitungen versetzten ohne Unterschied die Eintretenden in eine überraschte, gehobene Stimmung. Man freute sich der Teilnahme an einem aus dem lebendigen Geiste sich entfaltenden Bürgerfeste, das jeder gezwungenen Anleihe an einstige höfische Sitten entbehrend, seinen eigenen Geist gütiger Geselligkeit und landsmännischen Zusammengehörens gleichmäßig auf alle Anwesenden ausstrahlen möchte.

Diese freie, zuvorkommende Gesinnung ging unauffällig und doch unmittelbar wirksam der Hausfrau zur Seite, wo immer sie stand und zum Rechten sah. Eine leicht erklärliche Unruhe, ob auch alles Vorgesehene richtig geraten werde, erhöhte den Reiz ihrer Erscheinung, sie erhielt über dieser spähenden Zurückhaltung nach allen Seiten hin etwas Herbes und Unnahbares. Das stand ihr um so schöner zu Gesicht, als sie ja zum Vergleiche mit Frau Generaldirektor Godwein neben sich veranlaßte, nur waren dieser ähnliche Eigenschaften von Natur angeboren.

Niemand war glücklicher als ihre Tochter, Frau Lotte Sulzer. Sie hatte einst Ull gegenüber ihre starken Vorbehalte gegen die aristokratische Herkunft seiner jetzigen Schwiegermutter geäußert, nun aber überwältigte sie der sieghafte Anblick der schönen, reifen Frau, der ihr zum erstenmal zuteil wurde. Und ihrem Beispiele folgte die gesamte übrige weibliche Jugend. Der ›gnädigen Frau‹, die es so sehr wirklich war, wollte man vorgestellt sein, um ihre huldvolle Begrüßung in weiblicher Hoheit und Güte in Empfang zu nehmen. Die anwesenden Männer sahen sich vorderhand an den Rand der Beachtung gedrängt, – den Mittelpunkt bildeten die beiden Damen der Großindustriellen mit ihren Töchtern, bis dieses Übergewicht des ›schwachen Geschlechts‹ durch den drängenden Zuzug neuer Gäste seinen Ausgleich fand.

Ein Flüstern hob plötzlich an. Hinter den Saalfenstern sah man 266 zwei hohe männliche Gestalten, beide in Grau gekleidet, sich bewegen. Sobald sie ins Freie traten, war man sich über die Bedeutung der Angekommenen klar. In einem kieselgrauen Anzug erschien Geheimrat Gonßen, der einen hohen Offizier vor sich her komplimentierte, um ihn mit der anwesenden Gesellschaft bekannt zu machen. Es war jener General der Reichswehr, der damals beim Geschäftsfrühstück die berüchtigte Karambolage mit Generaldirektor Godwein zu bestehen hatte. Während der Offizier der Dame des Hauses in vollendeter Form seine Aufwartung machte, erblickte er auch schon seinen ehemaligen Gegner und hielt ihm die Hand hin.

»Wir sahen uns einst bei Philippi – das heutige Wiedersehen fällt angenehmer und friedlicher aus,« sagte er und nahm schon Wendung gegen Frau Elisabeth, die in einer unvergleichlichen Haltung vor ihm stand. »Das ist meine hohe Regierung,« stellte Godwein seine Gemahlin vor, »wenn ich richtig beraten bin, erneuern Exzellenz eine Bekanntschaft aus längst entschwundener Zeit.«

Der hochgewachsene schlanke Herr in Uniform beugte sich zum Kuß über die dargereichte Hand und sagte, sich aufrichtend: »Ja, bei uns zulande dürfen alte Erinnerungen noch durchgreifen. Wir brauchen nicht wie russische Emigranten als Verbannte auf fremder Erde uns des einstigen Kaiserhofes zu entsinnen. Wir dürfen der Gesinnung leben, die wir verantworten können – und das erlaubt uns auch, nicht zu verarmen an dem, was war. Freilich darf es uns nicht mehr drücken. Wir dürfen nicht daran ersticken. Denn vorüber ist es damit auf immerdar. Herr Geheimrat gestand mir soeben, der gleichen Meinung zu sein.«

Aus diesen beinahe feierlichen Einleitungsworten entspann sich in diesem mittelsten Kreise des Fests eine lebhafte Unterhaltung, aus der völlig unbeabsichtigt und stets aus völlig anderen Gedankengängen zuschießend das Eigenschaftswort ›verschieden‹ aufklang und wie ein Leitmotiv die Führung übernahm. Die Demokratie komme auf keinen grünen Zweig, der Deutsche sei zu eigenwillig. 267 Wer kann sich ›gleich‹ fühlen, wenn er sich vor allen Dingen ›verschieden‹ fühlt? Oder dann in unvermitteltem Gegenschlag, alles Verschiedene nur noch gleich behandelt wissen will? Die Rangordnung ist heute aufgehoben. Wo kommt aber die Kraft her, das Verschiedene, das da ist und Gestaltung verlangt, auf eine neue und gesunde Weise abzustufen? Der Volksentscheid, wie er heute aufs neue gefällt wird, spaltet und zerklüftet nur, er baut nicht auf. Das ›Verschiedene‹ kann bei uns nicht von der ballenden Hand in die schöpferische Linie gezwungen werden.

Neben der Hausfrau stand ein schönes Mädchen. Ein helles Seidenkleid floß an seinen hageren Gliedern nieder. Es gehörte der Gruppe eifriger Zuhörerinnen zunächst rein zufällig an, da es von der Unterhaltung nicht berührt wurde und mehr nur wie ein Naturwesen von dem, was es sah und vernahm, sich umspielen ließ. Nun aber schien es an der Wiederkehr des besagten Wortes gleichsam zu erwachen. Eine Unruhe überkam es, eine Erwartung. Es schmiegte sich an die Mutter und schaute an ihr empor: »Mutter, ›verschieden‹? Darf ich? Soll ich?«

»Gewiß, Anny, wenn du etwas sagen willst?« Frau Ettram kannte die plötzliche Art ihres Kindes, sich geistig an einem Gespräch zu beteiligen, mit einem Einfall, an dem war dann auch meistens irgend etwas dran. Was die Kleine hier meinte, darauf konnte sie freilich nicht gleich kommen.

Da trat die fünfzehnjährige Anna Ettram wohlerzogen vor, knickte leicht in die Knie und sagte frisch lustig her:

»Wir sind es hier in vielen Dingen.
Im Tode sind wir's nimmermehr.
Die sind's, die wir zu Grabe bringen,
Und eben diese sind's nicht mehr.
Dieweil wir leben,
Sind wir's eben
Von Geist und Angesicht. 268
Doch weil wir leben,
Sind wir's eben
Zur Zeit noch nicht.«

»Verschieden!« löste es sich erstaunt von mehr als einem Munde. Die Überraschung rief einmütigen Beifall. Einige klatschten. Sie mußte wiederholen und tat es, jetzt um ihre Unbefangenheit gebracht, verschüchtert, mit schwankender Stimme, so daß, um ausbrechende Tränen zu verhüten, ihre Mama hinter sie trat und ihren Arm um die schmale Schulter legte.

Der General nickte erfreut: »Allerliebst, mein Fräuleinchen! Das klingt ja wie eine Hymne auf die republikanische Staatsform. Welche andere Sprache würde ein so tiefsinniges Wortspiel zu lassen?«

Anny wurde von den jugendlichen Mitgliedern der Gesellschaft fortgezogen. Alle wollten sie den Spruch auswendig lernen. Und die Erwachsenen wunderten sich: »Es paßte ausgezeichnet in das Gespräch hinein.« Auf ein höheres Niveau war das Problem von der Gleichheit aller Sterblichen gehoben! »Von wem ist das doch schon? Woher hat sie das nur?«

Ull erläuterte: »Es ist das ein Rätsel des berühmten protestantischen Theologen Schleiermacher. Man ist heute wieder auf eine andere Weise geistreich.«

»Auf eine weniger feine,« sagte Frau Elisabeth.

Karl Godwein und Margot Seise wechselten einen Blick. Gemeinsam holten sie sich das herzige Geschöpf her. Margot küßte sie. »Komm, jetzt sollst du was Gutes zu naschen haben.« Das Büfett tat sich auf. Die Einladung erging, näher zu treten.

»Was darf ich Ihnen reichen, Fräulein Anna?« fragte Karl verbindlich.

Sie deutete auf Bananen. »Obst mit Reißverschluß, bitte!« Dieser gelungene Ausspruch machte alsbald auch die Runde bei den Gästen.

269 Der Hausherr stellte den Lautsprecher auf den äußeren Fenstersims. Im Radio knisterte eine hohle Stimme: »Was wir bekämpfen, kann bezeichnenderweise nicht von einem deutschen Ausdruck sich decken lassen, weil es keinen dafür gibt – wir bekämpfen das Juste milieu.« Die Rede wurde auf Zunicken durch den Schraubendruck zum Schweigen gebracht. Aller Augen sonnten und beruhigten sich am Anblick des Gartens. Mit dieser Aussicht stand man vor dem wachsenden Leben, nicht vor dem zerrissenen und sich zerfleischenden. »Eigenartig, dieser junge Garten mit dem schönen Blumenplan des Alpinums. Eine frische Anlage, erst von diesem Jahr, zu der aber uralte Eichen stehn!«

Fritz Ettram, der Sohn des Hauses, schlich sich an den abgestellten Radioapparat. Nun gab der Lautsprecher in einer gewaltigen Brandrede eine Anzüglichkeit von sich, die in diese ländliche Teestunde sich nicht witziger hätte bestellen lassen. Eine dröhnende Kommandostimme erzählte: »Der alte Kriegsgott der blonden Nordleute hieß Ull. Es ist an der Zeit, daß wir seiner aufs neue in Ehren gedenken.« Brausender Beifall und herzlichstes Lachen schüttete sich über Heinrich aus, der sich verbeugen und entgegengestreckte Hände herzlich schütteln mußte. Er tat dies, indem er einem gefeierten musikalischen Stabführer gleich, seinen Ruhm auf das Orchester weiterleitend, mit rundem Arme nach dem hohen Bestande der majestätischen Eichen deutete, der Heimat des vergessenen Gottes Ull.

Dann aber versuchte er aus der Stellung einer beachteten Persönlichkeit herauszukommen. Sein Herz war voll. Es war ihm weltselig und zugleich himmelsheilig zumute. Er konnte nicht sprechen, er mußte allein sein.

So durchquerte er mit seinen göttlichen Heimlichkeiten die zarte Rasenfläche dort, wo statt durchgeführter Wege nur sogenannte Elefantenfüße eingelassen waren, im Abstand einer Steinplatte von der anderen – einen mittleren Schritt weit. Hier mußte man sich ja vor einem Fehltritt hüten.

270 Was tat heute der Mund der sechzig Millionen kund? Wurde dem hohen Vaterlande die Kraft, sich über seine schwere Zeitgebundenheit zu erheben? Wurde ihm die Kraft zur Gesundheit? Deutschland war krank. Es litt an zu hohem Blutdruck, der senkte sich nicht von heute zu morgen auf das normale Maß. Bis Deutschland genesen konnte, bedurfte es einer langen Geduldsprobe.

Was mochte sein Vater in die Urne eingelegt haben? Dem stand ja noch die äußerste Rechte zu weit links. Und was für eine Brandrede schleuderte sein hohler, unbedachter Mund von der Kanzel? Gegen den Türken von einem Franzmann und alle seine verbündeten Teufel! Siegte heute die verstockte und verhockte Mittelmäßigkeit in Deutschland? Gab es schon eine Mehrheit, die über den Rand hinaussah?

Stünde er heute auf einer Kanzel – er, Ull –, von den verlagerten Minderwertigkeitsgefühlen spräche er, die vom Volke weggenommen werden müssen, gleich vergebenen Sünden!

Dieser Pfad durch die Gartenwiese tat es ihm an. Es war eigentlich kein Pfad, versah aber den Dienst eines solchen, wenn man den Fuß richtig aufsetzte. Auf diese eingelegten, grauen Flachsteinplatten Schritt für Schritt, auf diese runden und plumpen ›Elefantenfüße‹ – wahrlich, eine sehr treffende Bezeichnung. Trocken kam man so auch durch nasses Gras.

Was hatte er vorher sich für einen Unsinn durchgehen lassen? An zu hohem Blutdruck sollte Deutschland leiden? Wurde ihm nicht immerzu Blut entzogen? Ausgeblutet war Deutschland jetzt wie geschächtetes Fleisch. Die Nationalökonomie, – doch sein Fach, das er trieb – wußte davon ein Lied zu singen. Vor dem Weltkrieg wurde das deutsche Reichsvermögen auf dreihundertfünfzig Milliarden, hochgerechnet, geschätzt. Der Weltkrieg, ohne seine Folgen, kostete ihm gut die Hälfte dieses Vermögens. Der Vertrag von Versailles nahm ihm noch die Kolonien und Provinzen ab, knapp auf fünfundsiebzig Milliarden anzusetzen. In der Nachkriegszeit 271 leistete das Reich auch schon an die siebzig Milliarden Erfüllungstribute. Es hat also sein einstiges Vermögen bereits bis auf den letzten Pfennig aufgezehrt. Bis jetzt weit über das Zehnfache von den Lasten, die Frankreich aus dem verlorenen Kriege von achtzehnhundertsiebzig erwuchsen! Zehn Milliarden Arbeitsstunden jährlich! Jawohl!

Ulls besinnlicher Spaziergang lenkte die Aufmerksamkeit der Terrasse auf sich. Mindestens sechsmal war er schon auf den Elefantenfüßen hin und her gegangen. »Wann findet die Tiefseeforschung endlich ihr Ende!« vernahm er, deutlich erkennbar, Sulzers Stimme.

»Ihr könnt mir gestohlen werden.« Eine grausame Sparsamkeit wurde über das erstaunliche Volk verhängt, dem er anzugehören die Ehre hatte. Es war noch zu unruhig. Es wollte noch zu viel – wollte nach außen Eindruck machen – und immerzu, wie in alter Zeit, mußte ›etwas gehen‹. Vielleicht rang es sich nun durch zu dem ungeheuren Beispiel vor der Welt, – nicht von ihrer Habsucht, von ihrer Sehnsucht zu leben, das war die göttliche Bestimmung aller Menschen.

So! Für heute war er mit sich im reinen. Langsam sein Bewußtsein entwölkend, begab er sich zur Gesellschaft zurück.

Draußen, jenseits der Gartenmauer, wurden für den neugewählten Reichstag von Zeit zu Zeit auf der Landstraße Böller abgebrannt. Aus dem neu aufgerufenen Sender tönte das Soloquartett der Neunten Sinfonie in den Sonnenuntergangsfrieden. Der Abendschein vergoldete alle Blumen und Gewächse und ließ jedem doch noch die ihm eigene Farbe. Vier herrliche Stimmen drangen ohne jede Schlacke unbehindert ins Grün. Am großartigsten vollendete ein urtiefer Baß seinen berühmten Aufgang und Niederstieg, um dann tief unten auf der ausgehaltenen Septime in voller Kraft liegenzubleiben. Karl Godwein erklärte das entzückt den um ihn Lauschenden. – »Wo dein sanfter Flügel weilt. Alle Menschen, 272 alle Menschen werden Brüder –« Dann schaute er auf und sah Mirjam Lanz auf sich zukommen.

Sie kam – absichtlich – verspätet und bewegte sich auf ihn zu. Er verbeugte sich und führte sie zu Frau Doktor Lotte Sulzer, der er den Namen nannte. Es war der Tisch, an dem auch der General und Geheimrat Gonßen saßen. Nach einiger Zeit richtete Gonßen die Frage an diesen: »Exzellenz, was ist eigentlich aus Ihrem Adjutanten geworden, der Sie damals begleitete? Ich kann sein ausdrucksvolles Gesicht gar nicht vergessen. Es war ein Graf – aus schlesischem oder rheinischem Uradel, glaub ich.«

Der General bestätigte das. »Ja,« sagte er zögernd, »damit ist es uns sonderbar ergangen.« Er ging auf das gespannte Stillschweigen nicht ein, fuhr nicht fort, tat einen langen Zug aus seiner Zigarre, schwieg schließlich.

Da lenkte Mirjam die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, indem sie mit großer Entschlossenheit in die Unterhaltung griff: »Es handelt sich wohl um den –« und sie nannte den genauen Namen mit allen Prädikaten. »Graf Vischering ist aus der Reichswehr ausgetreten und gehört jetzt der Gesellschaft Jesu an.«

Der General richtete einen erstaunten Blick auf die ihm unbekannte Sprecherin und klemmte sich nun, um deutlich zu sehen, das Einglas ins linke Auge. »Das stimmt,« sagte er verbindlich, obschon es ihm augenscheinlich nicht behagte, daß ein Gesprächsthema fortgeführt wurde, das er vermeiden wollte.

»Es schadet nichts, diese Seite unseres öffentlichen Lebens ins Auge zu fassen, wenn wir schon darauf verfallen, uns auch mit der konfessionellen Struktur unserer Gesellschaft zu beschäftigen,« fuhr er fort, nach einer weiteren besinnlichen Pause, in der ihn niemand zu stören wagte. »Ich selbst bin Protestant bis in die Knochen, aber die Hilfe Roms ist augenblicklich unschätzbar. Es steht der Turm des Zentrums gegen das Chaos. Von den Kanzeln aller katholischen Kirchen wird Staatstreue gepredigt. Für den mächtigsten 273 Mann im Reich halte ich zur Zeit den Prälaten, der die ultramontane Politik leitet. In dieser Richtung liegt auch die erwähnte Berufsänderung des Grafen Vischering. Er war mein bester Mitarbeiter – den Herren, die ihn damals an meiner Seite sahen, haftet wohl sein markantes Benehmen trotz seiner Jugend noch im Gedächtnis.«

»Gewiß,« warf Godwein dazwischen, »er erstarrte gehorsamst zur Salzsäule, als Sie sich über mich ärgerten.«

»Die Treue zum geschworenen Eide machte den Grundzug seines Wesens aus. Er hatte das nicht anders im Blute – von den Kreuzzügen her, kann man sagen. Wissen übrigens die Herrschaften, daß man im kaiserlichen Heere einen Unterschied beobachtete vor dem Hochadel – ein Baron wurde vor der Front als ›Herr Leutnant‹ ausgerufen, ein junger Graf im selben Dienstrang dagegen als ›Herr Graf‹. Graf Vischering kam bei uns um seinen Abschied ein, er konnte sich nicht mit dem Dienst an einer Republik befreunden, solange es noch ein Papsttum gab. Ich bemerke, er hatte schon vorher alle Studien zum Eintritt in den geistlichen Stand hinter sich gebracht. Aber erst mußte er noch die Lust am aktiven Soldatenleben büßen. Nun anerkennt er nur die eine Monarchie, die es auf Erden gebe – den ältesten Thron, der noch stehe, den Heiligen Stuhl. Seine Obern verwenden ihn, wie mir zu Ohren kam, in besonderen Stellungen, die seien ihm auf den Leib geschnitten. Näheres weiß ich aber nicht von ihm. Er läßt sich nicht mehr sehen. Ich muß gestehen, ich vermisse ihn.«

Wieder wußte Frau Mirjam Lanz genau Bescheid zu geben. »Pater Vischering erhielt eine Wirksamkeit in hiesiger Stadt angewiesen. Sie ist nicht politischer Art. Sie besteht in Seelsorge.« Sie beantwortete die Fragen, die nun noch an sie gerichtet wurden, mit großer Ruhe, und blieb bei aller Vorsicht auf keine die Antwort eigentlich schuldig.

Alle Blicke lagen prüfend auf ihrem Gesicht. Aber auch wer sie 274 schon kannte, Ottilie, Heinrich, Karl, fanden es kaum wieder. Nicht huschte mehr der sprühende Witz darüber hin. Gefallsucht, Ehrgeiz, Geltungstrieb waren daraus gewichen. Über den flächigen, faltenlosen Zügen, auf der hellen Tafel ihrer Stirn, die völlig glatt lag, breitete sich Einfalt aus wie bei einer Bäuerin. Nur, daß jeder Zug, jede Gebärde beherrscht war von einem völlig klaren Bewußtsein, was jeden Augenblick zu geschehen habe. Darin blieb sie die Mirjam von dazumal. Neu über sie gekommen war aber eine Vertiefung durch Erlebtes, eine Trauer, von unausgesprochenem Leide gewoben, ein unheimlicher Ernst, der sich ohne ein Wissen, was seither mit ihr vorgegangen war, nicht erklären ließ.

Ehe die Verlegenheit um sich griff, wie man sich zu dem hier eingedrungenen Fremdkörper zu stellen habe, kam sie der zu erwartenden Andeutung zuvor, indem sie sich erhob und in bescheidener Weise, nach den Gastgebern sich verneigend, für die Freiheit um Entschuldigung bat, die sie sich nahm, als sie sich ansagte. Sie dankte, diese halbe Stunde hier haben verbringen zu dürfen. Wiederum geschah diese an sich nach den üblichen Sitten der Gesellschaft unerhörte Abschiednahme in einer Formsicherheit, die jedes Versagen fernhielt. Da es der Anstand gegen eine Dame, solange sie anwesend war, forderte, erhoben sich die Herren. Aber weder Karl noch Heinrich rührten sich von der Stelle, um sie hinauszugeleiten. Sie schloß sich einem Dienstmädchen an und suchte den Ausgang.

»Wer war die Dame?« fragte der General.

»Eine Kommunistin, sagt man mir,« erwiderte Doktor Ettram lakonisch.

»Hätte ich nicht gedacht – schien mir mehr kirchlich interessiert.« Der General verlor nichts von seiner Ruhe. »Wie kam sie aber hierher? Verkehrt sie hier?«

»Sie zeigt sich heute in Hanhagen zum ersten- und wohl auch zum letztenmal. Sie wandte sich an unsere Tochter, die sie einmal irgendwo traf – lud sich selber ein, sozusagen –«

275 »Ja, ich nehm's auf mich,« meldete sich Frau Doktor Sulzer mit etwas oberflächlichem Eifer, man sah sie ihrem Temperament entsprechend leicht erröten, »ich kann nicht sagen, daß ich es bereue. Wirkt sie denn nicht fabelhaft interessant? Ich kann auch nicht finden, daß sie die Freiheit, die sie sich nahm, mißbrauchte. Oder empfanden es Exzellenz unangenehm, daß sie sich mit ihren Kenntnissen an einem Gespräche beteiligte, das Herren unter sich führten? Unaufgefordert, ja, das tat sie. Verzeihen Sie die Einmischung, wenn sie Ihnen lästig fiel. Daran trage ich die Schuld.«

»Durchaus nicht, durchaus nicht!« begütigte der Offizier. »Klar sehe ich freilich nicht. Wie kommt eine Bolschewistin in die Lage, eingehende Auskunft über einen Jesuitenpater zu erteilen?«

»Zelle – Zelle, sagt ich's nicht?« flüsterte Margot Seise stark erregt Karl Godwein zu, neben dem sie saß. »Die Person hat es fertig gebracht. Wird nicht rausgeschmissen – kommt und geht, wie's ihr paßt und einfällt – wirkt interessant – wickelt die ganze Gardenparty um den Finger! Nein, mit der ist Lotte gründlich reingefallen – werd ihr's noch stecken!«

 

Vor Hanhagen zog sich eine alte Römerstraße hin. Eben, immer auf gleicher Höhe. Heinrich und Ottilie traten an das Gartengitter. Marschmusik ertönte von draußen. Eine Schar Wähler zog unter dem Vortritt einer Fahne militärisch geschlossen vorüber. Der Anblick verbreitete den Eindruck einer kompakten Masse.

»Beim Auftreten der Mirjam überfiel mich ein Grauen,« sagte Heinrich. Ottilie schmiegte sich schaudernd an ihn. »Mich auch.«

Bei den anderen der Gesellschaft hinterließ der Zwischenfall keinerlei Mißvergnügen. Die Spur davon verflog rasch. Da es schon ein Abend Mitte September war, wurde es kühl. Man siedelte in die schönen Räume über.

Hier nahm bald eine allgemeine Heiterkeit überhand. Die Jungen wurden geführt von Karl Godwein und Margot Seise. Doch hielt 276 beide immer wechselweise der unschuldige Übermut der holden Anny Ettram in Atem. Anny legte eine Reihe von Schallplatten mit neuen Aufnahmen auf, dazwischen wurde wieder am Flügel musiziert. Kalte Platten mit den leckersten Speisen trugen die Bedienten. In den Eisbehältern kühlte Champagner.

Bei der Besonderheit dieses Tages blieben Erörterungen unter den Herren über das politische Ergebnis nicht aus. Der General mußte Erkundigungen des Geheimrats entgegennehmen nach der Zuverlässigkeit der Reichswehr. »Man sieht in uns die große Unbekannte. Die Leitung ist über jeden Zweifel erhaben, dafür lege ich die Hand ins Feuer. Es kann sich im Ernstfalle höchstens um einzelne Regimenter handeln. Ich meinerseits hege aber auch da nicht die geringste Befürchtung.«

Dann wechselte das Gespräch nach der Industrie hinüber. Gonßen trat mit dem General zu der Gruppe, welche Godwein, Otto Sulzer und der Hausherr bildeten. »Ja, wenn ihr das wirklich fertig bringt, ihr Herren von der Physik!« sagte der Heerführer, »wenn wir der Welt die leise, völlig lärmlose Maschine schenken, dann ist Deutschland über den Berg.«

Mit einem Male verfiel Godwein auf den Einfall, die Rentabilität der Yukkafasern abermals aufs Tapet zu bringen. Ettram merkte sofort, daß ihm dabei der Schalk in den Nacken stieg und er ihn in Harnisch bringen wollte. »Jawohl,« rief Godwein herausfordernd, »die deutsche Technik, die den Lärm aus dem öffentlichen Leben vertreibt – eine bloß negative Leistung im besten Fall! –, findet ihren Gegenpol in der deutschen Schnur, gesponnen aus den Fasern eines wertvollen Unkrauts. Hätte man mich machen lassen, ich hätte eine lukrative Sache draus gedreht. Aber es war ja nicht mein Einfall, ich durfte nicht Patent nehmen.« Er schlug Ettram die flache Hand auf die Schulter: »Einem genialen Einfall, wenn man ihn hat, muß man sich ausliefern, nicht anders als wenn sich eine arme Seele dem Teufel verschreibt. Es kommt nichts dabei 277 heraus, gewissenhaft nachzurechnen, ob sich die Spekulation verzinsen wird – nix wie 'rin in die Kartoffeln, heißt es da – 'rin in die Yukkastauden!« Im Begriff sich aufzuregen, hielt Ettram an sich. Er sollte doch nur aufs Eis gelockt und gefoppt werden, das war klar. Godwein, der es nicht verschmerzen konnte, daß der kühle Geschäftssinn erneut seinem heißblütigen ›Idealismus‹ in die Parade gefahren war, wollte sich an seinem ausbrechenden Gefühl freuen! Den Gefallen tat er ihm nicht, sondern benützte das fragende Hinzutreten des Generals, um ihn noch eben in der bereits vorrückenden Dämmerung für eine Besichtigung an Ort und Stelle vors Haus zu bitten. Dort, in den Rabatten, zog er zur Erinnerung an seine wieder aufgegebenen Versuche Yukkastauden, die nahmen sich aus wie etwas verkommene, zurückgebliebene, geringe Aloes. Die weißen Fasern ließen sich überall auf den dicken Fleischblättern abstreifen. Der General bekam einige zwischen die Finger, zugleich erhielt er von Ettram Pauschalziffern über den Ertrag der probeweise über manche Meile sich erstreckenden Ödlandbebauung, worauf er bemerkte: »Da war es wohl richtig, von der eigentlichen Durchführung abzusehen. Heute verteilt sich das, gegen früher, völlig anders – auf die Unkosten entfallen bis zu drei Vierteln allein Arbeitslöhne.«

Godwein fügte sich in diese Wendung der Dinge, indem er mit weinerlicher Stimme mimte: »Dort steht die bittere Aloe – setzt man sich drauf, so tut es weh« – und hatte damit die Lacher wieder auf seiner Seite.

 

Als sich Gonßen mit dem General zurückzog, nachdem sie weit über die vorgesehene Zeit hinaus geblieben waren, rundete sich das Zusammensein zusehends familiär ab. Man bedauerte, daß Godweins nicht auch ihre jüngeren Kinder, Suse und Wolfgang, nach Hanhagen mitgebracht hatten. An der Einladung dazu hatte es nicht gefehlt. Besonders Anny beklagte Suses Abwesenheit – diese 278 sei doch, nur um weniges jünger, ihre Altersgenossin, sie kenne sie noch gar nicht, habe sie noch nie gesehen. Ihr Zwillingsbruder Fritz Ettram hatte schon von Wolfgang gehört – in der Schule – ihn auch schon beim Turnen von ferne beobachtet. Hatte einen guten Körper! Er wünschte ihn bald kennenzulernen. Ob denn Wolf nicht Golf spiele? Vater werde mit anderen Herren hinter den Eichen einen Spielrasen anlegen lassen. Er selbst habe schon einmal mit einem einzigen Treibschlag auf zweihundert Meter ins Loch getroffen. Wolf müsse unbedingt bald kommen.

Anny versetzte die Eingeweihten in einige Verlegenheit durch den naiven Verzicht, der sie in ihrer natürlichen Bewunderung für Karl Godwein überfiel. »Ach, ich weiß schon, wie es um euch beide steht,« sagte sie nonnenhaft ergeben, als sie vor ihm und Margot Seise stand, »aber ich darf dann doch zu euch essen kommen, wenn ihr verheiratet seid – gelt?« Margot bog geschickt aus – einstweilen fahre sie nach Berlin und müsse dort tanzen, und Anny werde ihr dann immer schreiben, wenn sie Karl gesehen habe, wie es ihm gehe – damit sie, Margot, immer frische Nachrichten von ihm habe. »O ja,« versprach Anny errötend, »gern!«

Die vorrückende Gemütlichkeit, in Verbindung mit den nie versiegenden Reizen der gebotenen Speisen und Getränke, führte nun die Stunde, wenn nicht gerade der ›dummen Reden‹, wie das bei Gilden- und Vereinsessen unvermeidlich der Fall zu sein pflegt, wohl aber der geistigen Entspannung und des großmütigen Vergessens herauf. Unwillkürlich reihte sich die gesamte Schar der Hausbewohner und ihrer Gäste – und von den Wänden her sogar der Dienerschaft – zu einem weiten Kreise zusammen, der sich um die beiden wichtigsten Persönlichkeiten unter den noch Anwesenden schloß. In der Mitte standen, mit einem Anflug von Ulk und Würde gemischt, die beiden Gewaltigen der Großindustrie, die Arme zur Vollziehung des Brüderbundes ineinander verschlungen, und tranken ihre flachen Glaskelche bis zur Neige leer, um dann 279 zum biedern Handschlag treu zu beteuern: »Ich heiße Alfred –« und: »Ich heiße Ferdinand.« Von letzterem, als dem Älteren, war das Angebot ausgegangen. Mit dieser Kundgebung kam anschaulich zum Ausdruck, daß er Godwein durchaus ernst nahm, was ihm früher, wie man wußte, nicht immer leichtgefallen war.

»Du mußt nun eben deinen Erfinderpegasus an den Karren der Rente spannen, mein lieber Alfred,« bemerkte er noch, doch dieser blieb ihm den Rückschuß nicht schuldig: »Nun ja, Fernando, so trüb und bleich, ich verstehe – als Duzbruder kannst du mich fortan besser an die Strippe nehmen –«

»Auch wenn sie nicht aus Yukkafasern geflochten ist.« Diesen Zwischenruf tat unvermutet Otto Sulzer. Alles sah sich um. Man hatte ihn nicht herzutreten sehen und konnte sich kaum erinnern, ihn am Nachmittag gesehen zu haben. Er zog sich aber keineswegs zurück oder löschte sich gar aus. Nur verpflichtete ihn die Zugehörigkeit zur gastgebenden Familie, ein bißchen überall und nirgends zu sein. Die stille Beaufsichtigung der Bedienung übernahm er ganz, darum konnten sich seine Lotte und die Eltern ungestört den Gästen widmen.

Jetzt trat er aus dem Nebenzimmer, nachdem er sich vorher dort mit den Kopfhörern den Radiodienst über den Ausgang der Wahlen angehört hatte. Die Wellen der Erregung kamen herangerollt. Erst in Tagen und Wochen wirkte sich die Geltung dieses Sonntags aus. Man roch sie schon, sie legte sich auf die Schleimhäute. Es begann im Halse zu kratzen.

Feierlich trat er auf das Ehepaar Ull zu. »Ich kann nicht schweigen,« sagte er bewegt, mit einem schmerzlichen Blick in die sorglose Runde. »Hier hat niemand eine Ahnung, um was es heute geht. Ich möchte reden. Aber wer wird mich hören. Ich fürchte, es ist schon zu spät geworden. Und es müßte doch sein.«

Da begriffen sie ihn. Seine Hingabe an Ull war aufgebrochen. Aus diesem Hause, von Hanhagen aus, sollte sein Name mit der 280 kommenden Führerschaft verbunden werden. Die Urgruppe seiner künftigen Gefolgschaft war hier im Saale vereinigt. Sie erschraken sehr. Nur mit Mühe hielten sie ihn davon ab, nicht doch noch ans Glas zu klopfen.

Es wäre jetzt an Frau Elisabeth gewesen, auf dem angebahnten Wege die Verschwisterung auch auf die weiblichen Mitglieder der Familie auszudehnen. Eine solche Ergänzung lag in der Luft, das Damenduzen wurde von ihr offenbar erwartet. Aber sie sah für heute davon ab, schon Karls wegen, den sie nicht einem voreiligen Geschwätz aussetzen wollte. Die Stimmung war schon ein wenig vorgeschritten, es ging ihr etwas zu laut und formlos zu. Frau Ettram und Frau Lotte schätzte sie hoch, es wurde dann besser einmal in der Stille zwischen ihnen abgemacht.

Und dann sah sie abseits in einer Fensternische Heinrich und Ottilie stehen. Der Name ›Mirjam‹ glitt ihnen, etwas unzeitgemäß in dieser abendlichen Fröhlichkeit, auf die Lippen, und beide dachten dabei, ohne es auszusprechen: Die Arme kann nicht loskommen.

 

8

»Wo bist du gewesen?« herrschte Julius Röde die Geliebte an. Sie bewohnten eine vornehme, ziemlich teure Pension, in der vor einigen Tagen auch ein Sowjetkommissar aus Moskau abgestiegen war.

Mirjam legte Hut und Mantel auf die Steppdecke des Bettes. Er wußte es doch, sie hatte es ihm gesagt, wo sie hinging – er stiftete sie ja seit Wochen dazu an, sie sollte soviel als möglich Spionage treiben. Aber zu erzählen gab es doch nichts! Was konnte sie von dort für eine Ausbeute mitbringen? Sie zuckte die Achseln, er brachte mit seinem Schimpfen kein Wort aus ihr heraus. Ihre Gelassenheit versetzte ihn in Wut. Er erriet, sie werde auch jetzt, was ihr bevorstand, schweigend über sich ergehen lassen.

Die Mitbewohner der Etage schauten sich an. »Es ist ja doch 281 immer das gleiche, wenn er mit ihr nicht zufrieden ist. Sie liebt ihn eben.« Einige horchten aus den Gesellschaftsräumen verstohlen auf. Die anderen ließ es völlig gleichgültig, wenn man durch zwei oder drei Wände hindurch unter schrecklichen Flüchen dumpfe Hiebe einer Faust auf die Haut fallen und eine Stimme hilflos wimmern hörte.

»Manchmal würgt er sie auch. Sie trägt dann anderen Tages das imitierte Perlenkollier, daß man die blauen Tupfen nicht sieht.«

 

Und der Kommissar zog mit halblauter Stimme nähere Berichte über Mirjam Lanz ein. Sein Mongolengesicht mit struppigem Kurzbart belebte sich im Zuhören.

 

9

Der Magistrat der Stadt konnte die Ehrung nicht länger hinausschieben. Der Name Gonßen war mit dem Übergang der Aktiengesellschaft in den ›Industriering‹ aus der Reihe der öffentlichen Aufschriften geraten. So faßten die Stadtväter den Beschluß, die Blumenstraße, an der das Stammhaus der Familie lag, habe fortan ›Gonßenstraße‹ zu heißen. An Beifall seitens der Bevölkerung fehlte es nicht. Außer den Huldigungen der Presse mußte Gonßen sogar einen Fackelzug entgegennehmen und vom Treppenvorbau seines Hauses aus eine Rede halten.

Seiner Bescheidenheit setzten diese Schaustellungen zu, und er nannte die blauen Schildchen, die ihn nun straßauf, straßab von den Häuserecken grüßten, eine Grablegung bei lebendigem Leibe. Wenige Tage nach diesen aufreibenden Vorkommnissen ließ er seinen Notar kommen.

»So, Herr Justizrat, diesmal machen wir das endgültige Testament.«

Als seinen Universalerben bezeichnete er, nach leichtem Räuspern, mit klarer Stimme, scharf betont, Frau Ottilie Ull, geborene 282 Godwein. »Sie ziehen die Augenbrauen zusammen, Herr Justizrat. Die Dame ist wenig über zwanzig Jahre alt. Eine Annahme an Kindes Statt kam nicht in Frage, weil ich sie ihrer Familie nicht wegnehmen darf.«

Mit den Eltern war er seit ihrer Heirat befreundet. Dem Vater dankte er die Blüte des väterlichen Geschäfts. Der Mutter brachte er schon Verehrung entgegen, als sie noch ledig war. In der Tochter ehrte er ihr Ebenbild. Er war Pate und Trauzeuge seiner künftigen Haupterbin.

»Es befremdet Sie wahrscheinlich, daß mein Testament den Ehemann nicht ausdrücklich beteiligt. Ich möchte selbstverständlich nicht gegen ein natürliches Gefühl verstoßen. Aber das ist es ja gerade, ich glaube im Gegenteil, einem natürlichen Gefühl nachgegeben zu haben.«

Durch die Mutter war ihm anvertraut worden, die junge Frau befinde sich in gesegneten Umständen. Ein Hagestolz, wie er, habe im Alter seine sentimentalen Augenblicke. Und bei einer Frau, die man als Säugling über den Taufstein hielt, komme man sich bei ihrer werdenden Mutterschaft als platonischer Großvater vor. »Hat heute, wo nichts Bestand hat, eine Ehe Bestand? Hoffen wir's in unserm Falle. Sollte indessen Ottilie ihre Ehe lösen wollen, so ist es mein Wille, daß mein Vermögen außerhalb der rechtlichen Auseinandersetzung steht. Mein Eigentum soll einmal Frauengut sein und bleiben.«

Nach Erledigung dieser grundsätzlichen Hauptsache wurde noch Geschäftliches besprochen. Ein so großes Vermögen, wie das seine, sicherte ja morgen auch nicht vor dem Bettelstabe. Außerdem kamen nur noch entfernte Blutsverwandte in Betracht, die konnte man durch entsprechende Auflagen angemessen befriedigen.

»Der enterbte Ehegatte wird nicht zu kurz kommen,« nahm nun Gonßen den Faden wieder auf, »ich werde ihn in anderer Weise schadlos halten. Ich will ihm einen Sockel bauen, damit er der 283 Welt sichtbar wird. Damit ist ihm mehr und rascher gedient, als mit einer Anwartschaft auf mein Geld.« Der Justizrat erfuhr nun Gonßens Absicht, demnächst eine Vertrauensmänner-Versammlung aus allen Lagern der öffentlichen Meinung in seinem Hause zu veranstalten. Von dieser Vergünstigung sollte Ull ohne sein Vorwissen Nutzen ziehen. Schon bestand eine kleine Gruppe junger Geister, die ihn eines Tages herausstellen wollte, damit man für später einmal seinen geeigneten Diktator in Bereitschaft hatte! An diesem Herrentee – zwischen vier und sechs Uhr – sollte sich Ull seine Sporen als künftiger Staatsmann irgendwie verdienen.

 

10

Und nun saß der Geheimrat in der Luxusboxe des Varietétheaters und schraubte sich das Opernglas auf die beste Sehschärfe.

Frau Elisabeth musterte Ottilie, die vor ihr saß. Die Tasche zurückgeklappt, das Spiegelchen herausgezogen, die Lippe betupft – den Stift gehandhabt wie eine Künstlerhand den Pinsel, um die letzte Streifung herauszubekommen. Wenn man doch unter die Menschen ging, sich öffentlich sehen ließ: Ohne eine Beigabe von Hautgout war doch heute kein Eindruck mehr zu erzielen. »Ihr Männer braucht euch gar nicht über uns aufzuhalten. Ihr macht Affen aus uns,« versetzte sie unwirsch gegen Heinrichs stumme Überlegenheit.

Ull durfte sich für den idealen Zuschauer dieser Vorstellung halten. Er war sachverständig. Mein Gott – wenn er an den Abend seines Doktorexamens im Gonßenschen Garten dachte! Wie mußte ihm die Schule da alle ihre Künste vortraben!

»Du, Tile,« raunte er zur Frau, »wieviel sind noch dabei seit damals auf der Löhr?« Ottiliens Lippenstift und mit ihm die Tasche verschwanden auf ihren Schoß. Zutraulich unterhielt sie die Box über Frau Fays Jüngerinnen, die nun gleich auftraten.

284 Da hallte das Zeichen, der Vorhang hob sich, die ersten huschenden Gruppen nahmen Aufstellung.

Ottilie rückte im verdunkelten Raum dicht neben Heinrich. Es beruhigte sie, als sie seine weiche Hand auf ihrem Knie fühlte.

Oli Fay schritt. Ihre Füße liebten die Erde, auf die sie traten. Sie waren behende, mittelgroße Tiere, die wußten, wohin sich wenden und setzen. Erst liebkosten sie die Mutter Erde, die ihnen Halt gab, dann fühlten sie sich selbständig, gebärdeten sich wild, stampften wütend auf.

Oli Fay drehte sich. Der leere Raum ringsumher harrte ihrer. Hier stand ein Menschenwesen, das sich zu seinem Mittelpunkt aufwarf. Die Zehenspitze ist dieser Punkt. Sie blieb stehen, wirbelte um sich herum, verließ die Erde im leichten Aufsprung, schwebte im Drehen – die festen Wände kreisten. Seligkeit begann.

Oli Fay sprang. Verließ den Punkt. Der leichte Leib schlug eine Richtung ein. Sehnsucht drängte aus ihm. Aber schon war auch der Kampf da gegen den Widerstand. Gesetze mußten in Erfüllung gehen. Himmelwärts trug der Sprung, ehe der Fuß wieder Boden fand, in einem neuen Punkt. Und um dessen Festigkeit dichtete sich abermals der Raum.

Oli Fay bog sich. Sie zeichnete gleichzeitig Kreise. Den einen liefen ihre Füße – den anderen höhlte ihr Leib in die Luft. Biegung der Linie auf der Fläche, Biegung der ragenden Senkrechten – im Einklang eines zu anderen! Ottiliens Atem sang an Heinrichs Ohr vorbei in wonnigem Anteil.

Und dann lief ein Kichern durch das Publikum. Auf der Kante ihres unteren Durchschnitts rollten schräge Linoleumstangen aus den Kulissen und stellten sich aufrecht, so daß nun runde Bewegungen sich mit ragenden Geraden auseinandersetzten. Wie war es möglich, daß lange Stangen auf Rädern einher liefen und oben in der Luft einen ansehnlichen Kreisschwung vollführten, um alsbald still zu stehen? Tanzte in diesen dünnen Schalen ein hagerer 285 Mädchenleib rund um sich selbst mit regelmäßiger Neigung des Oberkörpers? Und hochgestreckten Armen? Wie war ein solches Innenturnen möglich, ohne daß man daran erstickte? Immer rollten die Stangen schwingend aufs neue, und immer wieder gewannen sie den festen Punkt und blieben stehen. Man sah sich nach der alltäglichen Erfahrung der Schwerkraft und der Bewegung vor ein Wunder gestellt. Es mußte irgendein Trick, ein abgefeimtes Spiel sein, – niemand kam darauf, was das sein konnte. Wieder einmal stand die Welt auf dem Kopfe, man sah's mit eigenen Augen, sperrte Mund und Nase auf. Man konnte nichts ändern, es war so!

Dazu die eigenartigsten Geräusche. Gongtupfen, leise Paukenwirbel, aus denen Donnerschläge aufbrachen, Windströme, die wie Wellen rauschten und wie Stürme heulten. Der Musik noch am nächsten, ohne es zu sein, ein Läuten von Glocken, Trillern von Triangeln.

Ein ungeheurer Erfolg, Beifallsstürme tobten durch den Raum. Die Menschen rasten. So eine Leistung war noch nicht dagewesen, eine Uraufführung, die sich im Sturmschritt die Welt eroberte.

 

In einer lauschigen Ecke des ›Stadthofs‹ bewirtete sie alle Gonßen. Die Insassen der Luxusboxe wurden betreut und gewartet von dem berühmten Oberkellner und seinen flinken Knaben. Das Geständnis der Frau Elisabeth machte Eindruck: »Sie bleibt trotz aller Tollheiten in ihrem Drum und Dran eine geniale Person. Wer macht ihr nach, was sie heute abend bot?«

Ull bewunderte die Gedankengänge, die eine außerordentliche Tiefe ahnen ließen. Der Kreislauf, durchbrochen von den aufragenden Senkrechten! »Nur Frauengenie bringt es fertig, einen Abend lang in Spannung zu halten.« Denn, was nehme man davon mit? Doch nur die technische Spitzfindigkeit!

»Unbegreiflich, wie sie wieder Balance bekamen,« nickte der 286 Geheimrat vor sich hin. »Dieses Linoleum hatte Hand und Fuß. Ich glaube, unten in den Rädern hab ich sogar Ballettfüßchen Spitzentanz wirbeln sehn!« Das sei doch kaum zu glauben, meinten die anderen, wie sich alles auf den Zentimeter mechanisch abgewickelt habe. Eine halbe Stunde lang wurden alle Möglichkeiten erwogen.

Einzig Karl Godwein verhielt sich schweigsam. Er sog durch den Strohhalm das amerikanische Eisgetränk, das vor ihm stand, behutsam und umständlich leer. Kurz darauf ließ er sich ein zweites geben. Er wurde gedrängt, auch seine Meinung zu äußern. Mit jugendlicher Unschuld schlug er die Augen auf: »Sagt, was ihr wollt. Das war Blech. Leicht bis schwer verrückt. Ich hoffe, in zehn Jahren wird die Welt auf so etwas nicht mehr hereinfallen. Ich meine auf den angeblichen Tiefsinn in dieser Aufmachung. Entweder man denkt verständig – oder man treibt Ulk. Aber verständiger Ulk, wie das da war, den gibt's doch nicht. Ja, mein lieber Schwager, du bist eben gutmütig. Dir kann man mit allerlei kommen, ehe dir's zu bunt wird.« Diese Worte riefen Verlegenheit hervor. Ottilie betrachtete ihr Brüderchen, um dann den bloßgestellten Gemahl in Schutz zu nehmen, der übrigens selber nicht stumm blieb. Dem vorlauten Karlchen hagelte es tüchtig auf den Buckel. Er war nur noch für seinen Strohhalm zu haben und sog und sog.

»Ich ging kürzlich in Jena über den Markt, wurde erkannt und von meiner Couleur herangeholt,« sagte der Geheimrat nachher. »Der Freiluftfrühschoppen ist da ja weltberühmt – prangte letzthin ganzseitig in der Illustrierten. Präside, einen halben! Na – prost – ich kam über meinen ersten Schoppen nicht hinaus – verpatzte in meinem Schumm am Nachmittag mein Votum in der Sitzung, so schlimm war mir davon geworden. Da muß man eben die Vernunft zu Hause lassen, Karl. Denn wenn ich sage, ich finde den Komment heute blödsinnig, dann verlangt mir der Altherrenverband das Band zurück. Und ich kann doch nicht hinterher 287 bedauern, Korpsbursche gewesen zu sein. Dreibändermann sogar. Das gehörte damals zu mir. Was wollt ihr? Die Welt ist rund und muß sich drehn, heißt es in einem Kantus. Lassen wir der unverbesserlichen Oli heute abend ihren Triumph. Nicht wahr, Frau Elisabeth?« Er ließ Karl trotz seines Sträubens ein Glas Sekt eingießen.

 

11

Für Heinrich und Ottilie war das Zusammenleben so hell und durchsichtig geworden, daß bei ihnen in der Verständigung von einem Menschen zum anderen, im täglichen Gespräch, jede Reibung wegfiel. Sie verhörten sich nicht mehr und nahmen sich das Wort von den Lippen. Früher hatte er oft gescherzt, das beste mündliche Verfahren sei das Stumme im Kuß. Dieser Meinung blieb er nicht länger unbedingt treu. Wenn er sie nur reden hörte!

Ottiliens frauenhafte Klugheit folgte ihm ohne Neugier mit großer Schmiegsamkeit in seine uneingestandenen Sorgen und Ahnungen. Sie besaß hierfür die weiche Hand, die sich ungemein vorsichtig vorwärtstastete und nur das leitende Band zu ihm hin berührte. Sie ließen die Stunden an sich herankommen, wenn die täglichen Obliegenheiten zurücktraten und die Bahn freigaben für den seelischen Empfang. Besonders eignete sich dazu das Wochenende mit seinen zwei, manchmal drei Tagen eines gemeinsamen Ausflugs. Öfter rollte einer der Kraftwagen aus Gonßens Besitz bei ihnen vor, dessen sie sich nach Belieben bedienen durften. Beide besaßen längst ihre Fahrbewilligung und waren sogar auf den ›Mercedes‹, der heute dastand, schon eingefahren.

»Diesmal immer nach Westen,« schlug Heinrich vor, gleichviel wie alles hieß, wo man durchkam. Die Geographie konnte ihnen gestohlen werden. Sie wollten einmal erleben, wie alles aussah im Wechsel der Landschaft. Sogleich begriff sie den Plan, kannte sich genügend aus auf der Karte und befolgte am Steuer die 288 horizontalen Rotlinien, auch wenn sie Städte seitlich liegen ließen, die im Fremdenverkehr ihren Namen hatten.

Der frühe Oktobertag erstrahlte in herbstlichem Glanze, dazu eine sommerliche Sonnenwärme. Meistens fuhren sie durch Heide. Oft unterbrachen sie die Fahrt, gingen auf abseitigen Feldwegen in anhebenden Wald, kehrten wieder in die rötlich leuchtende Ebene zurück, mit der weithin schimmernden fleischfarbenen Spätblüte der unansehnlichen, endlos sich hindehnenden Sträucher.

Plötzlich hörte die senkrecht auf ein Ufer zulaufende Straße auf, in einem Viereck, das schon von Unkraut zugewuchert war. Der Bau einer geplanten Brücke hatte unterbleiben müssen. Der Fluß war von einiger Breite und wies einen stattlichen Wellengang auf. Sie verließen den Wagen. Dem Ufer entlang konnte man gehen. Nach wenigen Schritten öffnete sich ein in dieser Jahreszeit bereits verlassener Badeplatz. Der Tag stand in seiner Mitte, er gab einem guten Julitag nichts nach. »Ich werde baden,« sagte Ottilie und streifte sich die Kleider vom Leib. Heinrich schwamm auch gut, aber er war nicht die geborene Wasserratte wie sie. So zögerte er, überlegte – man kannte ja dieses Gewässer nicht. Jedenfalls nicht hinausschwimmen, Vorsicht war geboten. Sollte er ebenfalls mittun? Ottilie stand schon entkleidet da auf dem flachen sandigen Strand und tauchte die Füße ins Wasser.

Ihre Haut war gleichmäßig luftgebräunt, sie pflegte die letzten Wochen täglich schwimmen zu gehen. Das Wasser reichte ihr schon bis zur Hüfte. Sie warf sich auf die Brust hinein. In der Mitte des Flusses kehrte sie sich auf den Rücken und versuchte mit stampfenden Beinen und rückwärts ausholend gegen den Strom anzukämpfen. Es gelang ihr nur schwer. Wieder drehte sie sich in die Brustlage. Heinrich rief ihr zu, umzukehren. So schnell ging alles, er konnte gar nicht folgen. Er schrie jetzt. Das Geräusch der Wellen verschlang seine Stimme. Er traute seinen Augen nicht. Sie strebte mit hochschlagenden Armen, in kräftigen Stößen, deren jeder sie 289 um einen sichtbaren Schuß vorwärtstrug, dem anderen Ufer zu. Seine Bangigkeit, ob sie es erreiche, verlor an Grund. Schon entstieg sie der Flut, ihre Nacktheit glänzte drüben im gleißenden Sonnenbrand. Sie winkte mit hochgestrecktem Arm. Ein Ruf von ihr verlor sich unverstanden. Sie deutete auf etwas, was sich zu ihren Füßen abhob. Es konnte ein Nachen sein. Da entdeckte er eine Hütte im Laub des Uferholzes. Auf diese schritt sie zu. Unbehindert, obwohl barfuß, – wie es schien, wieder auf weichem Sandboden. Eine Tür öffnete sich, ein Mann trat heraus. Sie sprach mit ihm, – splitternackt, und zeigte abermals auf den Nachen. Dann trat sie zurück und eilte hinüberwinkend mit langen Sprüngen stromaufwärts. Etwa hundert Meter oberhalb tastete sie sich über die Ufersteine ans Wasser, watete diesmal ziemlich weit hinaus, schwamm dann aufs neue kräftig und erreichte den Platz, wo Ull stand, kaum zehn Minuten später, seitdem sie ihn verlassen hatte.

Waren diese zehn Minuten Wirklichkeit gewesen? Das konnte doch nur Augentäuschung sein. Er hatte geträumt . . . Das war's ja eben: er träumte nicht! Das Unglaubliche war soeben vorgefallen. Trotzdem schlechterdings etwas Derartiges sich nur als Traum denken läßt: die Frau steht plötzlich da, wie sie Gott erschaffen hat. Ihr Rumpf verliert bereits die Schlankheit der Mädchengestalt – in ihr wächst das Kind von ihm – der Sohn, den sie ihm zu schenken versprach – und schon wirft sie sich ins Wasser – wird zum Fisch, der mit den Flossen Schaum schlägt. Aber da sie ja kein Fisch ist, sondern seine schwangere Frau, die in diesem ungewohnten Zustande sich einem Blutandrang aussetzt mit dieser Anstrengung im bereits herbstkalten Wasser, befällt ihn eine wahnsinnige Angst. Wozu Angst? Schon ist sie kein Fisch mehr, schon steht sie – wie gesagt, splitternackt – vor einem wildfremden Mann, der aus einer Hütte tritt.

Und auch das schon nicht mehr – rennt stromauf, verschwindet 290 hinter Weidengebüsch. Flieht vielleicht, er sieht sie nie wieder! Kommt hervor, stürzt sich abermals ins Wasser, setzt sich wieder der Gefahr aus – und steht vor ihm, als wäre er eben erwacht und sähe zu, wie sie sich die Kleider anziehen wird, was er sie jeden Tag tun sieht. Um das zu sehn, braucht er nicht zu träumen . . .

»Ja,« bekannte er Ottilie, »ich ärgere mich, daß du mir zuvorkamst. Ich hätte hineinspringen sollen. Du hast ja bewiesen, es ging – dein Wagemut umfaßte nur das Mögliche, das Sportliche – es war keine Tollkühnheit weiter. Und ich, dein Herr und Gebieter, wie du mich nennst, in der kläglichen Rolle des gestrandeten Fisches – jammervoll!«

Was für ein ebenbürtiges Weib sie ihm war, spürte er in der Offenheit, die ihm sein Mißbehagen nicht ausredete. »Ach ja, sie haben dich schon abgenützt, im ›Ring‹. Das ist eine Stelle, für die du mir zu schade bist. Es muß anders werden. Ich habe ein Auge dafür. Verlaß dich auf mich.« Ihr Mitgefühl tröstete, er wurde wieder fröhlich. Seine Instinkte mußten besser in ihm federn, er hoffte darauf.

Als er aber im Bett nebenan am Einschlafen war, vernahm sie noch die lallenden Worte: »Ich bin eben unmöglich.« Erschrocken stützte sie sich auf und lauschte, ob sie ihn beruhigen müsse. Da nahm ihr der eingetretene Schlummer diese Sorge ab.

 

12

Der Umzug erfolgte. Heinrichs Hausstand kam in einem hochmodernen Wohngeschoß unter, mit Fahrstuhl natürlich, was Ottilie besonders schätzte.

Wände weiß, helle Scheiben, helle Tuchhüllen den Rändern entlang und in den Ecken, kaum noch dunkle Winkel, jede Höhe des Raums von seiner weit beträchtlicheren Weite und Schmalheit überwogen – auf diese Art schob sich die dreizimmerige ›Streichholzschachtel‹ zusammen.

291 In der Bücherecke verrieten einige stark abgegriffene Einbände, daß der Verfasser fleißig gelesen worden sei. Heinrich hatte die Fontanebände seiner alten Hausmeisterin Witwe Godwein übernommen und las mit seiner Frau häufig in dem Erbstück der ›Großmama‹. Er tat dem unbestechlichen und scharfblickenden Schilderer der wilhelminischen Kulturwelt nachträglich Abbitte für die ihm zugedachte vorübergehende Geringschätzung, weil dieser Mann doch aufrecht im Tor der neuen Zeit gestanden hat und vieles so kommen sah, wie es dann kam und geworden ist.

 

Es muß in der Luft liegen. Im neuen Stadtquartier schlief Heinrich schlecht. Quälende Träume beunruhigten ihn. Er irrte auf einem Mondkrater umher und war sich bewußt: das ist das Antlitz Europas nach dem nächsten Kriege!

 

Zum Einstand in die neue Wohnung luden sie liebe Leute ein. Schwager Karl Godwein warf eine Schrift auf den Tisch: »Soeben erschienen! Mirjam Lanz ist unter das Federvieh gegangen. Das war vorauszusehen! Wird Staub aufwirbeln! Übt übrigens Schlüsselpolitik – wir beide sind durchsichtig abgezeichnet, wie mit Pauspapier! Dir, Heinrich, wirft sie vor, es fehle deiner Überzeugung jede Einheit. Vier oder fünf Fetzen Bildung, wahllos zusammengerafft und notdürftig aneinandergeklebt, das gebe die Grundlage ab für den Bürger, und die solle tragbar sein? Vor dieser Verblendung bewahre nur eines: das wahre Gesicht der Welt erkennen. Es heiße Rußland, – die ›Anschauung‹ Rußland!«

Aus blätternden Fingern keimte der Gesprächsstoff. Otto Sulzer ritt sein Steckenpferd: »Unsere Gruppe bilden! Erst sie wird das wirksame Gegengift gegen die Wucherungen der roten Zelle.«

Endlich antwortete Ull: »Ihr müßt mich in Ruhe lassen. Das führt wirklich zu nichts. Ich verderbe mir von vornherein alle 292 Aussicht, jemals zu Macht zu gelangen. Wer ist denn schon ganz durch sich selber hindurchgegangen?«

Und vom Fleck weg überließen sie auf ein Stündchen die beiden Damen sich selbst und gingen, Sulzer mit, zu einer Zusammenkunft mit den ihnen lose angegliederten jungen Leuten, die wahrhaftig schon gelegentlich von einem bevorstehenden ›Ull-Bund‹ munkelten.

Wieder dasselbe öde Versammlungszimmer irgendwo, wieder nicht einfach hutlos in Hemd und Hose und Gürtel. Es war Winter und schneite gehörig, und die braunen und grauen Anzüge waren beträchtlich abgetragener und verschlissener als noch das Jahr zuvor. Wieder blaue Augenpaare, hungrig aufgetan – vor Empfänglichkeit leer und in Inbrunst blind, – heute sogar an die drei Dutzend, wie die ›Heringe‹ sitzend, kauernd, stehend in die viel zu engen Wände gepfercht.

Ull bemerkte bald einen stillen Widerstand. Es war gar nicht mehr an dem, daß man kam, um seinetwillen. »Geht nur zu den andern, ich halte euch nicht. Bei mir könnt ihr höchstens das eine lernen, an dem mir allein liegt –: der Selbsttäuschung über die eigenen Beweggründe eures Handelns zu entgehen. Der Erde treu sein, und treu sein gegen sich selbst – das muß sich decken. Ihr wißt ja, ich halte vom Menschen mehr als vom Staat – gerade damit erweise ich dem Staate den besten Gefallen.«

Aus den erhobenen Einwänden mußte er entnehmen, daß er ihnen über die Köpfe weg sprach. Bei zweien oder dreien nur ließ sich ein Abdruck seiner Spur erkennen. »Ich unterlasse nichts, um überall die persönliche Gebundenheit zu lockern, aber dafür ist alles, was ich etwa gegen Deutschland sage, auch auf Frankreich anwendbar. Ich arbeite dem Reinmenschlichen vor, diese Vorbehalte oder Abstriche wenden sich in gleichem Maße an jeden Staat.«

Auch Karl Godwein saß mit hochgezogenen Nasenwänden da. Otto Sulzer furchte seine Stirn mit einem wahren Notenplan, damit sich der vernommene Tiefsinn einfangen lasse. Dabei hatte Ull 293 selbst die Gewißheit, noch nie so sinnentsprechend das, was er sagen wollte, auf den knappsten Ausdruck gebracht zu haben. Ach, er war eben an der Grenze alles Lehrhaften angelangt.

»Ich soll es euch vormachen,« preßte er gequält heraus, »ihr wollt mich handeln sehn. Schade, daß es mich nicht noch in den Krieg erwischt hat. Ich hätte meinen Mann gestanden an jeder Stelle – ohne Furcht und Tadel. Ich glaube, das wäre mir immer noch leichter gefallen, als was ich jetzt vollbringen muß und möchte.«

Mit der vielgepriesenen heutigen Jugend, auf der alle Hoffnung und Erwartung stehen soll, war das eben so eine Sache. Sie verfiel aus Unvermögen rettungslos der Anmaßung. Ull dachte an ihr ›Quartett‹, als sie damals nach der Löhr hinaufstiegen – die Geschwister, Mirjam und er. Da hatten sie nicht nur die treibende Natur vor Augen in ihrer verhaltenen Osterinbrunst, sondern auch die Hochspannungsleitung der unsichtbaren elektrischen Kraft, die auf Kupferdrähten und Eisenpfeilern quer durch den Wald lief in den schnurgeraden Lichtungskanälen der ins Gehölz gehauenen Lücken. Heute war sich die Jugend über ihre Berufung weniger im klaren, als jemals eine Jugend in früherer Zeit. Ihr immer aufs neue feierlich heraufbeschworener ›Aufbruch‹ entkeimt weit eher dem Schlagwort und einer Tagesmode, als dem natürlichen Wildquell der Triebe und Träume, wie sie es sich einbildet und ringsum ausposaunt. Es sind vorwiegend mechanisierte und deshalb nur unter einem geringen Gemütsdruck tätige Wünsche und Gelüste, in denen die berühmte Unbedingtheit und Totalität der Jungen sich Luft schafft. Aufgetakelt am Gestänge einiger Zeitrufe schifft das summende Gewirr der Probleme in dünnen Drähten über ihre Köpfe hinweg. Mögen sie eifrig redend und munter gestikulierend hinansteigen, es mangelt ihnen meistens an der richtigen Ahnung, wie sehr sie hinter der auf ganz andere Weise geschwätzigen und getriebenen Landschaft eines Vorfrühlings mit seinem quellenden Ausbruch zurückbleiben. Die angebliche kaufmännische und 294 gemütsbefreite Sachlichkeit unserer Jugend haftet gar nicht mehr an der Erde, ist keine dem planetarischen Ur-Erleben entspringende natürliche Strömung, sondern weit eher ein künstlich erzeugter Gehirnstrom, durchaus vergleichbar einer Einrichtung hochmastiger Kraftleitungen, die bekanntlich von anderer Beschaffenheit sind, als Adern für rinnendes rotes Blut.

Nein, es hatte wirklich wenig Sinn, sich vor die Jugend hinzustellen, um ihr Vernunft zu predigen. Sie wußte im voraus alles besser. Was brauchte sie da noch zu lernen? Wer nicht seine Haut feiltrug im eigenen Beispiel, der sollte vom Ehrgeiz lassen, jemals noch Einfluß auf das heranwachsende Geschlecht zu gewinnen.

 

Frau Hilde Schultze kam ins Wochenbett. Der arbeitslose Schauspieler Willy Lachmann saß an ihrer Maschine für die Zwischenzeit. Ein ehemaliger Kriegsteilnehmer aus dem Vollen. Vier Jahre und vier Monate ununterbrochen draußen. Das Eiserne Kreuz Erster und Zweiter Klasse – er sagte nur: Eka eins und zwei – steckten seit Ostern 1915 einträchtig auf der Herzseite seines Wamses. Ull mußte immer neu anfangen, wenn er mehr wissen wollte. »Kriegserlebnisse – o ja, manches Schock.« Aber Heldentum? Lachmann zuckte die Achseln. »Weiß nicht – zuviel Dreck drüber gespritzt – wenig mehr sichtbar davon.« Es war ja dann aus dem allen hinterher eine verfehlte Sache geworden.

In Rußland der Lungenschuß. Wahnsinniger Durst quälte ihn. »Geben Sie ihm zu trinken, was er will,« sagte der Stabsarzt zum Wärter, der sich vorschriftsgemäß sträubte – »er hat höchstens noch zwei Stunden zu leben.« Die Wunde heilte zu, hinten und vorn. Erst trug sie ihm achtunddreißig Mark im Monat ein, neuestens nur noch siebenundzwanzig.

Lachmann fingerte flink und fehlerfrei alles herunter, was er diktiert bekam oder im Entwurf neben den Tasten liegen fand. Und so oft sich eine Pause auftat, konnte er drauflos erzählen. 295 Aber wie gesagt, sowenig als möglich von damals. Wenn nur bald was aus dem Engagement wurde in der ›Sommerschmiere‹ des kleinen Badeorts. Man lebte doch von dem, was man konnte. Und umsonst wollte er auch nicht ›Lachmann‹ heißen – er wünschte seinem Namen Ehre zu machen. Ah – wieder so den Striese im ›Raub der Sabinerinnen‹ oder den Klaproth in ›Pension Schöller‹ und alle die anderen unwiderstehlichen Schlager, daß sie sich fünf Meter unten auf den Stühlen vor Lachen in Tränen krümmten! Dann freute ihn das Leben wieder.

Eine prächtige deutsche Haut, ebenso treu als pfiffig. Dabei kam hier und da auch wieder das eine und andere aus dem Felde zum Vorschein. Diese Selbstverständlichkeit, mit der damals Lachmann, wenn auf dreihundert Meter die Brisanzgranate platzte, das Bein hinhielt, damit die kleinen Geschoßkörner, nicht größer als Hustenplätzchen, ihm so ein bißchen zwischen die Haut bissen, damit es wieder einmal zu einem kleinen Urlaub nach Hause reichte! . . . O nein, das war mehr als nur Heldentum aus der Froschperspektive. Dieser Mannesmut, der auf dem Bauche kroch und die Hand nach der nächsten Feldrübe ausstreckte, war hohe Überlegenheit über das Schicksal, indem man sich ihm beugte! Man lag dort einfach in einem gefährlichen Handwerk, etwa wie unter Tag in einer Zeche. Einen Ausnahmezustand; über den man sich gewundert hätte, spürte man längst nicht mehr. »Wir im Unterstand waren eigentlich noch die einzigen auf der Welt, die nicht wußten, daß Krieg war.« Solche Aussprüche liefen anspruchslos, unbeabsichtigt mit unter. Ull war stets neu verblüfft: eine Trivialität, stündlich seine Haut feiltragen – vielleicht in der nächsten Minute tot sein!

Selbst nicht die Erinnerung an jenen Karfreitag bis Ostermontag trübte Lachmann die Gemütsruhe, als Ull auf Schleichwegen ihn dahin gebracht hatte. Chemin des Dames. Trommelfeuer. Siebzig Stunden hintereinander. »Ich schaute nach der Gewölbedecke 296 – lag auf dem Rücken. Da kam es oben zum Vorschein – wie Bleistiftstriche auf einem Karton.« Er machte, daß er 'raus kam. Wer blieb, wurde vom Einsturz zerquetscht. »Traf draußen nachher den Oberst. ›Traurig,‹ sagte er, ›von vierhundertfünfzig sind nur wir dreißig noch übrig.‹« Über all diesen Vorgängen stand Lachmann jetzt drüber – standen Millionen drüber gleich ihm. Mit ihnen allen war es weiter gegangen. Wer brachte es heute fertig, sich eine ebensolche Gemütsruhe anzuschaffen? Heute fehlte denen, die nicht mit an den Fronten waren, jede Möglichkeit.

Ull ging eine tiefe Erkenntnis auf. ›Todesverachtung‹ – das war's. Eine schöne Sache – Zivilcourage. Wenn sie nicht ebenfalls zu ihrer Todesverachtung kam, so war das nur das tönende Erz und die klingende Schelle. »Ich muß mir für meinen Bürgermut, so stark ich ihn in mir wachsen spüre, noch jene letzte Kaltblütigkeit erwerben, daß es mir instinktiv gleichgültig wird, ob ich lebe oder ob ich nicht lebe.« Tatsächlich war das ja auch gleichgültig, sobald sich der Blick nach dem Zeiger der Ewigkeit richtete. Unersetzlich war niemand.

 


 

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