Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carl Albrecht Bernoulli: Ull - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleUll
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1931
firstpub1931
publisherGrethlein & Co
addressZürich / Leipzig
titleUll
pages352
created20140222
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

1

Eine ganze Sommerwoche mußte Heinrich Ull in Hanhagen zubringen. Glückwünsche zum Enkel, die mit solchen zu seiner Doktorwürde erwidert wurden, leiteten seinen dortigen Logierbesuch ein, als er sich endlich seinem Entsetzen über Ottiliens Untreue entwunden hatte. Er wußte ja Näheres nicht. Die Zähne auf den Lippen, schritt er damals aus dem Randgebüsch des Parks – nicht einen einzigen Blick warf er zurück. Die alte Godwein, die ihm öffnete, erschrak, 188 sein Gesicht war weiß wie die Wand. Als sie nach oben eilte, um die Ursache eines dröhnenden Falles zu ergründen, fand sie ihn ohnmächtig auf der Erde.

Hanhagen tat ihm also für eine Erholung seines Gemütes gut. In der Geschäftszeit zwischen zwei Wochenenden fuhr er auf die Abende hinaus, die regenfrei waren – er erwischte gerade die Schonzeit in diesem sonst unwirschen Frühsommer und konnte sich auch nicht über Einsamkeit und Menschenferne beklagen. Das angenehme Wetter führte auch andere Freunde hinaus, so daß das große Haus stets von Gästen besetzt war.

In den ersten Stunden schon trat ihm sein Gastfreund freundschaftlich nahe; sein Garten sah in diesem Jahr den ersten Sommer. Dieser Mann, in der deutschen Öffentlichkeit stehend, als Sohn eines Hofgärtners in den Beamtenwohnungen und zwischen den Treibhäusern kaiserlicher Lustschlösser aufgewachsen, liebte etwas auf der Welt unmittelbar und ohne Vorbehalt – lebendige Pflanzen! Jetzt sah er sie wachsen und in dem Boden Wurzel fassen. Den Hanhagenschen Eichenhain, der schon von mehr als einer Künstlerhand in Galerien hing und der ihm immer schon gefiel, hatte er bei einer Gelegenheit günstig zu kaufen vermocht. Unter den herrlichen Kronen dieser vielhundertjährigen Stämme breiteten sich Rasen und Ziergarten in flächigen Ausmaßen.

Der Stolz des Besitzers war aber ein sogenanntes ›Alpinum‹, das sich in breiter Anlage unter der Freiterrasse hinzog. Seine überaus zierlichen und meistens auch sehr seltenen Bergpflanzen standen in ihrem besten Flor. Ferdinand Ettram senkte sein hartes, ausdruckskarges Gesicht nach den zarten Lieblingen seines Feierabends, befreite sie mit bedächtig hinlangender Hand von einer Schnecke oder einem vorlauten Unkraut. Er hatte es sich mehrere Eisenbahnwagen blauer, rundgeriebener Granit- und Gneisplatten kosten lassen, um den Soldanellen und Rhododendren und Saxifragen ihr Auswandererschicksal durch die Mitgift des heimatlichen Gesteins zu mildern.

189 Ull war in der rechten Verfassung, die leise Sprache dieser Blumen in sich aufzunehmen. Es wurde ihm verschwiegen zumute. Die heutige Leere der Luft entsprach nicht ganz der sonstigen Größe und Wucht, welche die Landschaft hatte, wenn ein Gewitter im Anzuge war oder ein föhniger Südwind die Eichenkronen kämmte. Auch die letzten Tagesstunden, im verhaltenen Silber einer unter zartem Gewölk still heranziehenden Dämmerung, konnten sonst dieser Hanhager Höhe unendlichen Reiz verleihen.

Der Hausherr machte seinen Gast aufmerksam: »Es ist heute nichts los in der Luft. Ihr ist die Kraft nicht mit eingeschaltet, von der sie sonst getragen wird. Es ist eine tote Sache.«

Heinrich stutzte und begriff ihn. Die Natur konnte also sachlich sein. Sie fand es ab und zu für gut, sich zu neutralisieren. Durfte sie denn nicht auch da sein, ohne beständig der Pflicht der Schaustellung zu genügen? Sie war doch nicht die Angestellte der menschlichen Ästhetik. »Sonst ist das mehr im Winter zu bemerken, wo die Landschaft manchmal schwarzweiß daliegt, wie tot, ohne jeden atmosphärischen Reiz« – bestätigte er – »der Naturgenuß beschränkt sich dann auf das Einatmen der frischen Luft beim Spazierengehen.«

»Sehn Sie, wie wenn sie's gehört hätte, daß wir nicht mit ihr zufrieden sind,« rief Dr. Ettram jetzt. Die schon tiefstehende Sonne schob einen Kreisrand unter den Saum einer schmalen Wolke – da glitt auch gleich eine schimmernde Lichthaut über die Gegend. Heinrich, ebenfalls überrascht, erwog mehr zu sich selber, halblaut: »Sollte man es für möglich halten, daß die Natur auf ihre Weise vernünftig zu sein versteht? Daß sie jetzt versagt und dann gleich wieder unverhofft spendet – anscheinend aus dem Bewußtsein heraus, es sei uns das nützlich und dienlich?«

Nicht eine Viertelstunde später verkroch sich die Sonne wieder. Erste Regentropfen mahnten, sich der Hauswand zu nähern. An ihrem Fuß zogen sich Rabatten hin, die waren mit Yukka bestanden. Das ist bekanntlich ein Unkraut, aber, zu hohen Stauden 190 gezogen, sieht es erotischen Steppenpflanzen ähnlich. Die fleischigen Blätter enthalten außerordentlich zähe und doch feine Fasern, vielleicht ließen sich aus ihnen Faden spinnen. In der schweren Nachkriegszeit geriet Ferdinand Ettram, der stets Erfinderische, zufällig auf den Einfall, Rohstoffbedarf an Bindegeweben aus diesem billigen Wucherkraut zu gewinnen, wenn man es in riesigen Flächen Ödland ansäe. Jahre hindurch zogen sich seine praktischen Versuche damit hin.

»Sie wissen doch, Godwein hat mir das abgeguckt, und ich überließ es ihm. Beschäftigt ihn das immer noch?«

Heinrich konnte nur bestätigen, daß kürzlich auf dem Direktionsbüro in seiner Gegenwart von diesem Yukkaplan zu einem hohen Regierungsvertreter, einem Oberpräsidenten, gesprochen und Proben von Matten aus Yukkabast vorgezeigt und in hohen Tönen angepriesen worden seien als eine aussichtsreiche Sache.

»Sehen Sie, das ist nun eben wieder er –,« bemerkte Ettram mit einem bezeichnenden Gesichtsausdruck. »So etwas gibt ihm nichts zu denken, obschon ich ihn mehrfach wissen ließ, die gründlichen Anpflanzungsversuche hätten das schlechte Geschäft eines solchen Industriezweiges außer Zweifel gestellt. Das rührt ihn nicht. Er ist begeistert für die Möglichkeit, mit billiger deutscher Schnur zu knüpfen. Und wirft lieber erst eine Handvoll Geld zum Fenster hinaus, ehe er sich eines Bessern belehren läßt und diese brotlosen Künste aufsteckt.«

Heinrich wurde von dieser Mitteilung stark betroffen – sie sprach für sich selbst. Godwein war in solchen Fällen Dilettant, aber in so ungewöhnlichem Maße, daß er damit Glauben an Möglichkeiten schuf und hingerissen durch Verbreitung dieses Glaubens unter Umständen eine Zeitlang für Fabrikate, wenn sie nur bestechende Gründe trugen, sich ein gewisses, vorläufiges Absatzgebiet erzwang. Er verliebte sich eben gelegentlich in Dinge, die sich nicht bezahlt machten.

»Sie werden gehört haben – die Spatzen pfeifen es von den 191 Dächern –, wir wollen Gonßen AG. zu uns herüberziehen,« fuhr Ettram fort, »dann wird Godwein seine große Zeit haben. Wir lassen ihn nur an das heran, was sicher ist. Im durchgeprüften Bezirk kann er drauflos erfinden – seine Entdeckerkraft ist unerschöpflich. Die meinige schätze ich zwar auch nicht gering, aber da lasse ich ihm den Vortritt ohne jeden Neid, er ist wirklich der geborene Erfinder.« Sie wendeten sich der Haustür zu, da das Gong im Flur zu Tisch rief. »Godwein ist eben naiv, was ich nicht bin,« fügte Dr. Ettram noch bei.

Darauf sagte Ull: »Ich bin darauf gefaßt,. mich eines Tages um die Gunst meines Gönners zu bringen. Meine Absicht ist es freilich nicht.« Er verstummte fragend und mußte an Ottilie denken und an Karl.

 

Der große Eichenhain in und hinter Ettrams Gut war wohl zu jung zum Thron versunkener Götter. Und Ull zu sehr ein Kind vernünftiger Tage. Dennoch – die riesenhaften Stämme ragten sagenhaft. Die Gliederung des Wachstums mit fast waagrechten Seitenästen aus dem gedrungenen Stamm trat aus manchem Baume als gewaltige Gestalt. Dr. Ettram betrachtete manchmal seinen Gast hinter einem zurückgeschobenen Fenstervorhang, wie er wandelte aus dem Haine in den tiefer liegenden Garten, seine braunen Haare vom Winde bewegt.

Aber auch unbeobachtet genoß Ull den Landaufenthalt in mancher gütigen Morgen- oder Abendstunde unsagbar. Auf dem Höhenpfad der Straße schreitend, oder von der Terrasse des Hauses aus, oder auf der Zinne des Turmes, dicht über dem Hang, am längsten und liebsten aus dem Fenster seines hochgelegenen Zimmers voll Luft und Sonne. Die Luft wurde am Schlusse seines Aufenthaltes von großer Klarheit.

Es war der Blick über eine weite Niederung nach Osten. Die Sonne ging gegenüber auf. Von der Hohen Koppe sprang die Sicht 192 nach Norden aus, man sah dort aber nicht bewohntes Land unmittelbar unter sich liegen. Der ausspringende Himmelsbogen war derselbe, ebenso unendlich – eine Wölbung, ein Schoß.

Kein Mensch war allein auf der Welt, sowenig wie ein einzelnes Volk allein war. Auch Deutschland war nicht allein. Und mußte es doch sein, wollte es sein – in grimmigem Stolz und Trotz. Es baute sich ab, schloß sich luftdicht nach außen zu, schrumpfte in sich zusammen, ließ die Hälfte der Fabriken leerstehen, verrosten, verfallen, verließ die Städte, besiedelte das Land, aß, was es selber pflanzte, hungerte sich durch, und wenn Millionen daran zugrunde gingen. Dafür hatte es kein Bein auf der Welt mehr nötig, genügte sich selbst, war unabhängig und frei . . .

 

2

Auf dem Weg nach der Löhr besuchten Karl und Ottilie Godwein ein größeres Gut und trafen den Verwalter mit seinen Knechten in einiger Bestürzung, wenn auch lachend über den sonderbaren Vorfall.

Eine starke Koppel Pferde hatte die Stangen mit starkem Gebiß durchgeschoben und war aus dem Pferch ausgebrochen. Durch Fernsprecher wurde erkundet, sie seien in geschlossener Herde eilig am nächsten Gute vorübergerückt. Ihnen schneller nachzustellen, als ihr gemächlicher, wenn auch unaufhaltsamer Trab vor sich ging, – etwas anderes blieb nicht übrig. Die Geschwister auf ihren Rädern schlossen sich der Verfolgung an. Die friedliche Jagd auf so große und würdevolle Ausreißer erfüllte ihre jungen Herzen mit Stolz und Schwung. Karl sprang ab, warf sich zu Boden, legte sein Ohr an den Wegdamm und fing die schwingende Welle eines ferndumpfen, klopfenden Lärmens auf. Dann rief er die Meldung nach hinten und schwang sich wieder in den Radsattel. Er flog durch die Waldstraßen allen voran, sichtete als erster irgendwo drunten im Tal den braunen Klüngel, der als dunkle Wolke durchs Grüne trieb.

Ottilie hielt sich dicht an seiner Seite. Sausend setzten sie sich den 193 Pferden an die Fersen, erreichten sie in einer Waldlichtung, umfuhren sie und sprangen ab. Ottilie verwahrte die Räder, Karl trat mit ausgestreckten Händen dem Führergaul entgegen. Der stutzte, wieherte hell, erkletterte links die Böschung. Die Herde, fünfzehn an der Zahl, stieß nach und staute sich. Der Verwalter mit seinen vier Knechten bekam tüchtig zu tun.

Während der Weiterfahrt fand Ottiliens frohes Lachen manchmal Widerhall im einsamen Walde, wo es Häher aufstöberte, die sich alsbald kreischend zu zanken begannen. Der nächste Halt war dem Forsthause zugedacht. Sie sprachen mit dem Forstbeamten. Das Würfelhaus auf der Löhr stand ja nun fix und fertig oben. Auch war schon ein Transport Möbel und Waren oben eingeliefert worden.

Ottilie erkundigte sich, ob es nicht kalt und feucht zu wohnen sein werde in einem Zementhause. Der Blondbart in seiner grünen Waidmannstracht, mit Hirschfänger und Federbusch am Hute, stimmte zu: »Aber gewiß, mein gnädiges Fräulein, im Walde ist es auf eine ganz andere Weise kühl, als zum Beispiel in einem Keller. Eine Mauer wirft ihren Schatten kälter als ein Baum.«

»Huh!« sagte Ottilie im Emporwandern zu Karl, und schüttelte sich, »mir graut vor der Nacht im Verlies. Es wird alles feucht sein. Wir werden in einem Kerker schlafen. Warum nicht im Freien übernachten?« Sie malte sich das Nachtlager aus.

Unten an der Südwange der Hohen Koppe, auf der Wasserscheide, lag am Waldausgang die neue Löhr vor ihnen. Sie waren unwillkürlich enttäuscht und gestanden es sich ein. Das Gebäude war an den Fels herangenommen, als wäre es aus ihm emporgewachsen wie ein ins Geviert behauener Block. Ja, mehr als das, der Fenster wegen, denen dann die Rolle der Schießscharten zukam, wie ein Festungsturm, wie ein Fort. Das paßte in den grünen Waldfrieden ganz und gar nicht hinein. Armierter Beton! Der Kunststein der neuen Zeit. Man mußte sich daran gewöhnen.

194 Die Vorzüge des Neubaus machten sich sofort geltend. Der Schlüssel drehte sich ganz leicht im Schloß. Die ländlichen Reinemachefrauen hatten alles blitzblank gescheuert, die Fußböden besenrein gefegt. Ausgepackt war noch nichts, aber die Kisten standen ordentlich geschichtet da. Auch zwei Betten, aufgestellt in zwei verschiedenen Zimmern.

»Laß uns losgehen, Ottilie! Pack den Rucksack! Wir wollen an die Luft!« Zwei Decken und zwei Taschenlaternen wurden mitgenommen.

Ein warmer klarer Tag sank. Die prächtige Hochsommerdämmerung umflorte die Höhen. Der Forst, der das Gebirge bedeckte, zog sich grenzenlos hin.

Karl verfiel auf den Gedanken, ein Feuer anzuzünden. Er fing an dürres Geäst abzubrechen. Ottilie hörte die Säge kreischen. Sie selbst setzte sich an die höchste Stelle, faltete die Hände vor den Knien und staunte ins Weite. Das Meer der Sterne zog am Himmel auf: das silberne Flimmern fiel ihr gleich kühlen Tropfen ins Herz.

Als die erlöschende Glut verglomm, machten sie sich an den Abstieg. Oft stolperte der Fuß über Wurzeln und Steine, doch der Reiz, ins Finstere vorzustoßen, lockte sie weiter. Etwas tiefer bogen sie wieder gegen die Löhr zu.

An der Südseite der Koppe wählten sie sich die Lagerstatt. Es ragte dort der nackte Fels, unten etwas eingebuchtet. An seinem Fuß schmiegten sie sich über einem ausspringenden Hange ins weiche Moos. Die Nacht war lau. Sie lagen warm gebettet. Im Tal hallte fernes Hundegebell. Sie wechselten einige Worte. Von hier aus müßte das neue Zementhaus unmittelbar zu sehen sein – etwas weiter unten und in ziemlicher Nähe. Das würde sich morgen weisen, beim Aufwachen. Sie hatten wohl schon ein bißchen geschlummert alle beide, als sie aufs neue sich einige Worte zuwarfen. Mitternacht mochte erreicht oder vorüber sein. Karl war 195 aber zu träge, sich an die Uhr zu leuchten. Und dann schwanden auch ihr die Sinne.

Ihr Schlaf zerschellte jäh an einem fürchterlichen Schrei. Er wurde ganz in ihrer Nähe ausgestoßen. Eine menschliche Angst gellte ihr ins Ohr. Sie riß sich hoch, mit aufgesperrten Augen. Auf drei Schritte sah sie Karl aufrecht stehen und schon zum Falle wanken, eine von unsichtbarer Windgewalt zurückgebogene Rute – hörte, wie er es war, der den Schrei ausstieß, sah auch den Schrecken, der ihn bannte.

Unweit vor ihnen versank der Forst. In der vorwaltenden Dunkelheit rundete sich als einziger bedeutender Umriß der Rand der Mulde. Und durch sie hindurch, hinter ihr, drüben, da sprühte glühendes Gold. Man sah in das Gold hinein, und das Gold floß. Und sofort, im Nu des Erwachens, wußte Ottilie auch schon Bescheid. Aus der noch unbelichteten schwarzen Masse des Baumgrüns glühte die angestrahlte Zementwand übernatürlich, gespenstisch auf.

Sie fuhr empor, stürzte hinüber, warf sich auf den leblos Dahingestreckten. Die an die Nase hingehaltene Wange verspürte keinen Hauch, die unter das Hemd auf das Herz geschobene Hand wurde nicht vom leisesten Aufschlag der Haut berührt, auf Schütteln und Rufen verharrte der leichte Körper in völliger Ohnmacht. Erst nach geraumer Weile schlug Karl die Augen auf. »Was ist mir? Wo bin ich?« hauchten die Lippen. In der Luft nahm das Licht rasch überhand. Morgenglut übergoß alle Höhen. Ihre Wälder leuchteten. Das Dunkel verging in der Tiefe. In der rotflüssigen Kreide der Wandfläche traten die Fenster blinkend hervor, und die beschatteten Ecken kanteten den Würfel in seiner kubischen Form ab.

»Ach ja, nun weiß ich, ich bin so furchtbar erschrocken, es glühte schrecklich, es ging mir durch und durch,« hauchte er und sank wieder auf ihren gerollten Mantel zurück.

Unter ihren rinnenden Tränen hervor rief sie ihn von Zeit zu Zeit 196 mit Namen. Endlich hielt er seinen Blick klar auf sie gerichtet. »Es ist mir nichts geschehen. Ich komme zu mir. Es war gefährlich. Wir sprechen noch darüber. Jetzt bin ich's noch nicht imstande.« Aufs neue fielen ihm die Augen zu. Da sie unten Stimmen hörte, rief sie die Holzhauer herbei und bat sie, Stangen zu schneiden und eine Bahre zu zimmern, damit sie den Zusammengebrochenen ins Haus hinuntertragen konnten.

 

3

Ull empfing mit der gleichen Post zwei Briefe vom Geschwisterpaar. Erst öffnete er den Karls. Er erschrak vor der zitternden Handschrift. Noch mehr über den Inhalt. Der Bruder verschaffte ihm Klarheit. Sowohl Ottilie als Mirjam Lanz waren Julius Röde verfallen. Selbst die schlimmsten Befürchtungen, welche sie beide über diese Möglichkeit austauschten, blieben hinter den Tatsachen noch beträchtlich zurück. Für Mirjam – nun ja – lag es in der ganzen ihr eigenen Richtung, daß sie sich mit dem Kommunisten eingelassen hatte.

Die wirkliche Tragödie erlitt Ottilie. Jenes fürchterliche Vorkommnis im verwilderten Gonßenschen Park in der Nacht nach Heinrichs Doktorexamen sei seiner Schwester zum Verhängnis gediehen. Alle, die ihr nahestünden, müßten auf die natürlichen Folgen gefaßt sein. Das habe er ihm mitzuteilen.

Heinrich las den Brief im Sprunge. Als er erfaßt hatte, um was es sich wirklich handele, und er sicher sein konnte, daß Einbildung ihn nicht weiter hinters Licht führe, wog er die blauen Büttenbogen im Gleichgewicht auf den Fingerspitzen seiner beiden Hände wie auf einer Briefwaage. »Nun, mein Freund, wie steht's um dich? Willst du dich lumpen lassen? Bist du am Ende doch ein kreuzbraver, sittenfester Feigling? Ziehst dich von deinem Mädchen zurück, weil es vielleicht ein Kind bekommt von einem andern? Ist die Sache damit wirklich für dich erledigt? Empfiehlst du dich 197 deinem Schicksal, oder wirst du handeln?« Es ging ein sonniger Schein über sein Gesicht. Damit erhob er sich, löste ein Blatt vom Block, hülste die Füllfeder auf und schrieb unter das Datum weiter nichts als diese wenigen Worte: »Ein Kind von der Frau, die ich liebe, gehört mir. Um diese Vaterschaft will ich kämpfen.« In zwei Sprüngen war er die Treppe hinunter, riß die Haustür auf, rannte an den Kasten der übernächsten Straßenecke, wo er schon von weitem den abholenden Postbeamten mit seiner großen Ledertasche hantieren sah. Er erwischte ihn noch, der Brief ging mit.

»Nanu, da hat es wohl wieder einmal dreizehn geschlagen;« meinte die Witwe Brigitte Godwein so gutmütig als neugierig und legte die Tür hinter ihm ins Schloß. »Hat die eine Ahnung, was es geschlagen hat!« trällerte es ihm durch den Sinn, als er an ihr vorbei in wenigen Sprüngen wieder oben war.

In seiner Stube sah er aus der Entfernung den anderen Brief auf dem Tisch liegen – Ottiliens Brief. Nein, er verbot sich jede Weissagung über den vermutlichen Inhalt. Kaltblütig wählte er sein schärfstes Papiermesser und trennte ihn mit einem einzigen Schnitt auf. Ottiliens Handschrift kannte er, sie wirkte. Sie schrieb ihm auf eisgrauem, rauhem Papier – die Geschwister hatten einfach die Rollen getauscht – beschrieb ihm den Nervenzusammenbruch, den Karl an ihrer Seite erlitt.

»Es wird Ihnen nach dem Gesagten nicht schwerfallen, das innere Ja, das in diesem Erlebnis für ihn beschlossen lag, sich vorzustellen. Unser neues Haus auf der Löhr spielte diesmal eine Rolle, ohne daß die Merkmale, die es zum Hause machen, irgendwie noch in Betracht fallen. Die hellgraue Zementfläche der Fassade, vor der wir ja am Abend vorher noch gestanden und mit unsern gesunden fünf Sinnen betrachtet hatten, sie büßte ihre gesamte massive und kompakte Substantialität ein und kam vollständig um ihren dinglichen Bestand. Das Haus blieb nicht länger greifbarer Gegenstand. Es wurde zur Leinwand erniedrigt oder erhöht, 198 wie man will – aber seine Bestimmung lag jetzt darin, ein angestrahltes Bild aufzufangen.« Und dann nur noch: »Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich Ihre ergebene Ottilie Godwein.« Sonst nichts, aber rein gar nichts, was unmittelbar von ihr zu ihm sprach.

Er verließ sein Zimmer und begab sich ins Haus hinunter.

 

Die alte Brigitte erschrak ein wenig, als sie zufällig aufsah und er vor ihr stand. Er setzte sich auf die trockene Bank und begann mit ihr in den Tag hinein zu sprechen, wie er es gewohnt war. Die Tür der Waschküche stand offen. Sie führte mit fünf Stufen in den kleinen Vorgarten, der mit einem sauberen grüngestrichenen Lattenzaun an die Straße stieß. Da fuhr ein Kraftwagen heran. Die Hupe hatte zweimal getutet. Das erstemal noch ferne, sodann dicht vor dem Hause. Zugleich hielt der Wagen. Sein niederes, hellgraues Dach ragte hinter dem Gartenhag. Die beiden im Untergrundgelaß schauten sich an. Draußen klappte der Wagenschlag zu. »Alfred! Mein Gott! Daß er mir das diesmal auch wiederum antut. Unangemeldet! Warum darf ich das denn nie vorher wissen?« Ihre Handfläche fuhr an den Stirnrand. Aber der Generaldirektor befand sich auf einer Dienstreise von mindestens zwei Wochen, wußte Ull.

Der schlanke Herr trat ins Gartenpförtchen. Um ihre Sehschärfe stand es nicht mehr zum besten. Heinrich half ihr. »Soviel ich sehe, ist es Herr Geheimrat Gonßen in eigener Person.« Das Schuhwerk des vornehmen Herrn, in seinen, hellgrauen Gamaschen, kam leise über den Kies des Vorplatzes. Mutter Brigitte wischte sich die Rechte an der wasserbespritzten, sonst blitzblanken Schürze ab und reichte sie hinauf. Es galt jetzt, den Besuch zu begrüßen. Als sie ihre Hand, von seinem Handschuh gedrückt, wieder zurücknahm, knixte und dienerte sie beständig. Ihre Bestürzung war nicht geheuchelt. Schon trat er über die eingemauerten Stufentritte 199 hinunter: ob es gestattet sei, in den Waschraum zu schauen. Die Spitzen seiner Lackschuhe setzten über die Wasserbäche hinweg, die flossen über den zum Teil noch trockengebliebenen Zementboden. Als er auf der leeren, unangestrichenen Holzbank nicht das geringste Stäubchen entdeckte, nahm er unaufgefordert Platz. »Guten Abend, Frau Godwein. Ich wollte Herrn Doktor persönlich zu seinem Examen Glück wünschen. Da sagte ich mir, vorher reichst du wieder einmal seiner freundlichen Wirtin die Hand – nicht wahr?« Mit gutem Anstand, in wohlgesetzten Worten, geriet sie auf den Ausweg, die beiden Herren zu sich hinauf zu bitten, wohin sie sich gefälligst außen herum verfügen möchten.

Beim Betreten des Wohnzimmers erregte ein festlicher Aufwand einige Verwunderung. Auf einer frischen weißen Decke ragte in der Mitte ein mächtiger Blumenstrauß. Aus der bauchigen Kaffeekanne dampfte es unter dem Deckel hervor; sauberes Geschirr blinkte in zwei Gedecken, davor prangte ein frischer Streuselkuchen. Frau Godwein streifte einfach nur das Überkleid ab, um empfangsbereit auszusehen. Das Rätsel löste sich bald: sie pflegte das Jahr hindurch in aller Stille die Geburtstage ihres Sohnes und seiner vier Kinder zu feiern. Heute wurde Karl – der Stammhalter – achtzehn Jahre alt – da trieb sie den Luxus noch stärker. Ihr Übermut wurde, wie sie bekannte, von der gerechten Strafe erreicht. Der Not konnte nicht anders gesteuert werden, als daß sie für den Herrn Geheimrat das dritte Gedeck auf den Tisch baue.

Gonßen, in seiner elastischen Menschlichkeit, fand den Kaffee gut, den Kuchen sogar vorzüglich. Er scheute sich nicht, mit einer gewissen Herzenslust zuzulangen und das Genossene zu loben. Beiläufig erfuhr Heinrich, daß er sofort nach der Löhr hinauffahren wollte. »Ein Brief von Frau Elisabeth ladet mich dringend ein, und Sie soll ich mitbringen.« Während Heinrich sich oben bereitmachte, meinte er in herzlicher Weise: »Frau Godwein, Alfred wird noch einmal so bei Ihnen Kaffee trinken, wie ich jetzt. Freuen 200 Sie sich nur!« Die alte Frau bewegte behutsam ihr greises Haupt. »Ich will geduldig warten, Herr Geheimrat, wie bisher!«

 

4

Um den Würfel auf der Löhr, im frisch angelegten Gärtchen, schwärmten Bienen um leuchtende Büsche. Es standen ihnen nach veralteter Bauernart noch drei altmodische strohgeflochtene Kugelhüte zur Verfügung. Sie krochen in die Löcher des Stockes.

Karl Godwein trat zwischen die blühenden Stauden und besah sich das Treiben aus der Nähe. Sprach sich in diesem braunen Brummen die Ängstlichkeit aus oder mehr das Behagen? »Die richtige Erkenntnis liegt darin, daß eine solche Frage schlüssig niemals zu beantworten sein wird. Beides schmilzt in eins zusammen. Ist es unter uns Menschen anders? Wir müssen die Narbe unseres ewigen Zwiespaltes stolz zur Schau tragen, wie die Haut des Helden die Narbe der Wunde nach dem erkämpften Sieg! Auf diese Weise will ich Mensch sein, nur so will ich persönlich werden!«

Er wurde von seinen jüngeren Geschwistern angerufen. Suse hatte sich schon in der Stadt jenen Haarschatz zu sichern gewußt, der in dem Büchergang oben auf einem Regal feierlich beigesetzt war. Nun hatte sie das Haar in einen kleinen Schrein geborgen und mit auf die Löhr genommen, in der Hoffnung, die Schwalben ließen sie für ihren Plan nicht im Stich. Das taten die herrlichen Vögel auch nicht, denn kaum krönte der Sims den Kranz der flachen Dachzinne, so begannen sie schon aller Glätte zum Trotz zu kleben. Auch Karl ließ sich an die Stelle führen und überzeugte sich. Die Schwalbe flog wie Flaum im Hauche, versah sich aber ohne einzuhalten in tiefgehender Rundung durchaus zweckmäßig mit dem ihr notwendigen Baumaterial. Dann kehrte er zu den Bienen zurück. Erzeugen sie wirklich Honig wie einen hochwertigen Konsumartikel? Trug sie nicht der magische Strom zu der Blume hin? Alles, was hier nützlichen Zwecken zuträglich war, begleitete nur in ungewollter 201 Wirkung den unwiderstehlichen Trieb des Reisens und Schwärmens?

Drinnen in der kühlen Wohnstube vertraute sich Ottilie der Mutter an. Die Erwartung eines Kindes war von ihr genommen, das wallende Blut hatte sich gelöst. Frau Elisabeth küßte die Tochter und schaute ihr tief in die Augen. Dann sprachen sie über den Jüngsten. Wolfgang war leider, nach den neuesten Ermittlungen der Nervenärzte, der ausgesprochene Neurotiker. Man mußte aufpassen mit ihm, um späterer Erkrankung vorzubeugen. In seinen Erregungszuständen konnte er die Zunge recken und um sich speien. Die Hitze seiner erregten Einbildungskraft schürte sich zur Weißglut. Die Wut tobte ihm aus der Kehle, er bedrohte seine Umgebung mit Faustschlägen und Fußtritten. Ein solcher Anfall, hoffentlich der letzte von solcher Stärke, hatte sich eben ereignet. Suse, die ausgeglichenen Gemütes war und jetzt schon den künftigen Beruf einer Krankenschwester für sich anmeldete, besaß große Macht über sein Gefühlsleben.

Frau Elisabeth ergab sich einer großen Zuversicht. Körperliche Ertüchtigung und liebevolle Schonung und Pflege sollten nun Wunder wirken, jetzt wo man dieses schöne Heim auf dem Berge besaß.

Strahlend rannte Wolfgang in die Stube. »Zeppelin!« schrie er begeistert. »Natürlich Zeppelin!« Er war ja auf diese Zeit angesagt! Die nächste Viertelsrunde gehörte nur dem ungemeinen Anblick des schwimmenden Luftriesen. Die silbergraue Forelle im Äther tauchte aus dem südlichen Randgewölk, überflog die Hohe Koppe in mäßiger Höhe und verschwand in nördlicher Richtung.

Wolfgang behauptete steif und fest, es sei ein Gegenstand abgeworfen worden und herabgeschwebt. Er erlebte bald eine Genugtuung, die ihm seinen Lebensmut mächtig steigerte. Am Nachmittag brachte der Jagdhüter einen mit Packpapier bespannten leichten Holzrahmen, etwa einen halben Meter im Geviert. Auf diesem Schirm war ein verschlossener Brief aufgeklebt. Er hatte ihn in einer nicht allzu hohen Buchengabel erspäht und die Mühe nicht 202 gescheut, sich ein Trinkgeld zu sichern. Im Umschlag, den zum Lohn Wolfgang öffnen durfte, stand quer auf einem Zettel. »Hoffentlich fällt euch mein Gruß richtig in den Schoß. Schönsten Glückwunsch meinem Kronprinzen! Bin glücklich im Gedanken an euch und werde den Würfel mit dem Zeiß zu erhaschen suchen. Wunderbare Fahrt! Sende euch meinen Segen aus der Luft, und vielleicht spreche ich noch heute im Großsender. Vater Zeus.«

Wolfgangs Ansehen war fortan mächtig gefestigt, namentlich auch bei den einheimischen Leuten. Der Jagdhüter wollte ihn jederzeit ins Holz mitnehmen, um ihm die Kunst, Wildfährte aufzuspüren, weidgerecht beizubringen.

Des Abends neuer Alarm, diesmal im Hohlweg. Das graue Automobil nahm die Steigung spielend. In gestreckter Fahrt hatten Gonßen und Ull in kaum zwei Stunden die hundertzehn Kilometer zurückgelegt.

Zum Abendessen auf der flachen Dachzinne war der Tisch mit Blumen und frischem Waldlaub geschmückt. Dem Achtzehnjährigen galt ja die Überraschung des Besuchs. Heinrich sprach einige Worte des Glückwunsches, nachdem Gonßen gegen Karl das Glas erhoben und den Trinkspruch an Heinrich weitergegeben hatte. Dieser wagte, was es jetzt galt. »Herr Geheimrat und meine Wenigkeit kommen bereits von einem gemütlichen Kaffeetisch, da duftete und dampfte es bereits zu Ehren unseres Geburtstagskindes.« Ohne den Namen der Großmutter auszusprechen, deutete er doch auf ihre bescheidene, liebevolle Verbundenheit mit dem Wohlergehen ihres ältesten Enkels hin und hielt dabei standhaft den warnenden Blick aus, den Frau Elisabeth auf Ull gerichtet hielt. Sie konnte ihm nichts anhaben, er verstand es, sich taktvoll in den zulässigen Grenzen zu halten. Ungetrübte Fröhlichkeit griff um sich. Gonßen war ganz überwältigt von der Aussicht des niedergehenden Sommertages und der zweckmäßigen Schönheit des Zementwürfels. »Nun macht Ihnen den Rang einer Burgherrin keine andere Frau mehr streitig,« huldigte 203 er. Frau Elisabeth erwiderte – es klang schlicht und sonnenwarm: »Ja, wir sind glücklich, und ich glaube, wir dürfen es sein. Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen, lieber Herr Doktor.«

Ein Wellenempfänger war unter dem Dach angebracht. Der Lautsprecher stand neben dem Eßtisch und tönte nun. Karl bediente. »Wollen sehen, ob Vater Wort hält,« bemerkte Wolfgang.

Erst erklang ganz in der Ferne eine Geige, die sich auf und nieder wiegte. Wie Schwalbenflug – man sah sie, die Vögel über dem Sims, steigen und fallen – dazu die leisen Arpeggios der fernen Violine.

Als die Wellenlänge den deutschen Großsender zeigte, erschallte nach knackendem Geräusch von einer kräftigen Männerstimme wenigstens der eine Satz in voller Deutlichkeit: »Einstweilen löst sich der Staat nicht etwa in Wohlgefallen auf – diese Freude bereitet er uns nicht – wohl aber in einen allgemeinen Konsumverein! Das ist zu wenig und ist auch zu viel für das, was wir von ihm zu erwarten berechtigt sind.« Dann schwand das Wort wieder dahin.

»Echt Vater!« rief Ottilie aus, »so was kann wirklich nur Vater sagen. Findet ihr nicht auch?« Aber auch seine Stimme wollten alle erkannt haben. Es bestand kein Zweifel, er war es gewesen.

 

Die Nacht sank blau. Die Sterne blühten in ihrem Gold. Auf der Hohen Koppe standen allein Heinrich und Ottilie. Sie gelobten sich einander fürs Leben. Dann sagte er: »Das will ich dir gleich erzählen, mein süßer Schatz! Ich mußte mich doch Hals über Kopf reisefertig machen, weil wir noch zeitig zu euch heraufkommen wollten. Da riß ich mir Reiselektüre vom Schaft. Eine alte Ausgabe von Eichendorffs Gedichten, die habe ich meinem Vater stibitzt. Ich las im Wagen dem Geheimrat vor – durch meinen Vater kamen wir darauf. Er genoß es sehr – kannte auch manches auswendig.« Er verstummte. Sie ließen das ungeheure Schweigen heraufläuten, das aus der Tiefe stieg. Und dann vernahm 204 Ottilie von der liebsten Stimme, die es für sie auf der Welt gab:

»Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen!
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wieder wandern.«

Sie sank an seine Brust, auf daß ihr an diesem Herzen das Bewußtsein schwinde. Nur um wieder zu sich zu kommen und nicht zu vergehen, meinte sie lieblich: »Der Wald ist reich an Rehen hier. Oft äugen sie durch die Lücken des Laubes und treten abends zur Dämmerung vor den Waldsaum.«

Von der Dachzinne glühte das starke Licht eines Leuchtturms. Unten dran gingen Lichter hin und her. »Jetzt fährt der Geheimrat nach Hause.« Sein Signalhorn hatte einen angenehmen Ton. Es tönte weich aus dem nächtlichen Höhengrunde herauf. »Hört es sich nicht an wie ein Jagdhorn vor hundert Jahren?« raunte Heinrich beglückt.

Langsam stiegen die Liebenden auf dem ihnen vertrauten Pfade nieder. Aus der Trübsal der Jugend erblüht der Welt kein Trost. Der Jubel der Jugend webt die beispiellose Eintracht der Träume und der Taten.

 

5

Ottilie löste sich erst von ihm, als abwechselnd nach ihr gerufen wurde, von dringlich sich wiederholenden Stimmen. »Du hörst doch, lieber Schatz, sie ängstigen sich um dich.« Er erschrak, dicht an seinem Ohre wieder tief heraufgeholte Seufzer zu vernehmen. »Aber liebstes Herz – beruhige dich doch – ich bin ja hier, nie werd ich von dir weichen. Es ist jetzt Zeit. Sie rufen dich. Gehe!« Da umläutete ihn ihr helles Lachen, und schon sah er sie in die Bahn der Lampenstreuung treten und enthuschen. Frau Elisabeth hielt von der Zinne Ausschau. Karl kam seiner Schwester über den Rasen entgegen.

205 Als Heinrich mit dem Geheimrat herauffuhr, hatte er in der Försterei am südlichen Fuße der Hohen Koppe sich für die nächste Zeit Unterkunft belegt.

 

Am folgenden Tag traf Alfred Godwein auf der Löhr ein. Gutgelaunt und freudig willkommen geheißen. »Diese Ferien hab ich verdient. –« Er stand mit breit grätschenden Beinen vor ihnen, sprach eins ums andere an. Ottilie prüfend, wie sie gleich spürte. Sie wandte sich schweigend ab. In ihrem Rücken klärte ihn ein Augenwink der Gattin auf. Weich rundete sich sein Arm über den abgekehrten Nacken. Da dankte ihm das emporschauende Antlitz seines Kindes. Zwei eisgraue Augenpaare versanken ineinander. »Ja, Papa, Heinrich und ich haben uns verlobt. Gelt, du bist gut zu uns.« Er tat erstaunt – mit lachendem Mund und drohend erhobenem Finger. Dann bekam sie eine Liebkosung auf die Stirn.

Suschen und Wolfgang trieben einigen Aufwand mit Fragen und Erkundigungen, und als Ottilie ihre Zuflucht zur Mutter genommen hatte, trat leise ihr Bruder Karl auf sie zu und streichelte ihr, kaum sie berührend, zärtlich die linke Wange.

Am anderen Morgen, als die übrige Familie sich zum Morgenkaffee einfand, war Ottilie ausgeflogen. Die Köchin war beauftragt, zu bestellen – Fräulein Ottilie ließe sagen, sie habe sich über alle Berge davongemacht. Aber verhungern werde sie nicht. Sie habe sich den Rucksack gehörig vollgestopft – beide Thermosflaschen, eine mit heißem Zitronensaft, die andere mit kochendem Kaffee. Was in der Speisekammer an kalter Küche vorrätig lag, habe sie auch eingepackt und alles auf den schlanken Rücken geschnallt! »Sie hatte schwer zu tragen – und schmuck sah sie aus.«

Karl setzte sich schweigend vor seine Kaffeetasse. Die beiden Jüngsten lärmten vergnügt. – »Sie ist zu Heinrich ausgerückt – der wohnt ja in der Försterei unten – was der eigentlich einfällt?« bemerkte Wolfgang mit einiger Entrüstung, »wir andern dürfen 206 auch nicht nur tun, was wir möchten. Wir müssen immer erst fragen. Sie aber macht sich einfach aus dem Staube – wohl weil sie die Älteste ist!«

Suse verwies ihm seine Kritik an Ottilie mit der verzeihenden, nachgiebigen Güte der künftigen Krankenschwester.

 

Der Generaldirektor und Frau Elisabeth stiegen im kühlen blauen Sommermorgen gegen die Koppe empor. Seine Hand lag leicht auf dem unbekleideten Unterarm der Gattin. Sie begaben sich bis zur obersten Ruhebank, ließen sich nieder und genossen die kühle, noch leicht verschleierte Nordsicht in die endlos sich dehnende Niederung hinunter. »Du bist also mit den Geschäften zufrieden. Sind die Verhandlungen ihrem Abschluß nahe?«

Er gab besten Bericht. Seine Stellung würde fortan vorteilhafter und weniger aufreibend sein als bisher. »Ich habe unsere beiden Erfindungen der patentierten Ausnützung zuzuführen – den stillen Schuß und den geräuschlosen Motor. Es hat sich wirklich gelohnt, daß ich bei Gonßen diese beiden Dinge durchgedrückt habe. Das hat uns den günstigen Anschluß ermöglicht. Der ›Ring‹ ließ nicht locker, wir konnten verlangen, was wir wollten. Sie zahlen glatt. Freut mich auch für Gonßen. Der ist wirklich geschäftsmüde.«

Alfred wurde sehr aufgeräumt. »Ich war schnell auf einen Sprung in Hanhagen. Sah übrigens auch die Kinder. Von den Zwillingen ist das Mädchen – Anna – ein wunderschönes Geschöpf, ganz Jugend von heute. Hat mich an unsern Karl gemahnt – im Weiblichen. Es will mir nicht aus dem Kopf, daß das einmal etwas werden könnte zwischen den Kindern. Man müßte es vorsichtig in die Wege leiten. Müssen einmal nach Hanhagen hinüberfahren. Zunächst nur wir beide. Bin überzeugt, wir werden dort erwartet. Ist der Mühe wert – will wetten, ganz dein Geschmack.«

»Das wollen wir doch alles erst einmal abwarten,« bemerkte sie mit ihrer Zurückhaltung in der Stimme. »Ich denke, jetzt ist die 207 Reihe an Ottilie und dem Doktor Ull. Wir haben offenbar gar nichts mehr dazu zu sagen als ja und amen.«

 

Der Forstmeister freute sich, den jungen Doktor unter seinem Dach zu haben. Er hatte den damals für tot Gehaltenen unter dem zerschellten, verbrannten Flugzeug hervorziehen helfen.

Der Hochsommer stand in seiner vollen Pracht über der Gegend. Der Laubwald und Nadelwald öffnete sein tiefblaues Fenster für alle Menschenaugen. Das Gefühl der Geborgenheit im Walde umfing die beiden Liebenden die vier Ferientage lang. Auch für die Nächte trennten sie sich nicht. Die Försterfamilie legte dem jungen Glück kein Hindernis in den Weg. Sie konnten aus- und eingehen, als gehörten sie dazu.

Ebenso selbstverständlich wuchsen sie voreinander in die natürliche Unschuld des Geschlechtslebens hinein. Bald zärtlich sanft, bald im gefährlichen Wirbel.

Auf eine der Natur nahestehende Weise begann ihnen die Wonne aufzugehen, als sie sich zum ersten Morgenspaziergang aufmachten. Ottilie pflückte Blumen. Sie stieß Freudenrufe aus wie über ein unverhofftes Wiedersehen mit guten Bekannten. Auf der feuchten Streudecke des Waldgrundes leuchteten feine Farbentupfen auf. – »Aber so sieh doch, Heinrich, den gelben Eisenhut!« Preißelbeeren röteten sacht ein Gebüsch. Und plötzlich krauste sie bedenklich die Augenbrauen und drohte mit erhobenem Finger auf ein Gewächs hinunter. »Warte du – daß du dich nicht unterstehst –!« Heinz erkannte eine Tollkirsche, er begriff die Zurechtweisung.

»Was heißt das – Der wurzelnde Wald,« fragte Ottilie, die ihm das Heft aus dem Wams zog und zu blättern begann. »Die Eiche ist jünger als der Wald – das wird es wohl heißen,« warf er hin. Sie faßte auf, stutzte, begriff und bestritt. »Das kann doch nicht sein – du. Zuerst ist die Eiche da – die Buche, die Tanne. In der Mehrzahl, versteht sich. Aus allen zusammen bildet sich der 208 Wald.« Sie freute sich dieses innerlich zwingenden Schlusses, der so einfach war – und daß es ihr geriet, ihn mühelos auf einen glatten Ausdruck zu bringen.

»Hat sich was, mit deinem Baum ohne Wald!« gab er ihr zu verstehen, »du lebst noch in deinem Zweimal-zwei-gleich-vier – das tut der Wald bekanntlich nicht. Also muß man das Einmaleins zu Hause lassen, wenn man im Walde leben und lieben will, wie das bei uns nun der Fall ist.« Dagegen konnte sie nicht aufkommen. So nahm sie denn die Schrift wieder an sich und las von der Zeile an, die er ihr mit einem Eindruck des Fingernagels ankerbte. Mit ihrer dunkeln, deutlich artikulierenden Stimme las sie ihm vor. Über Götterhaine. Eine Schilderung des Druidischen Baumglaubens. Mit einemmal, als Heinrich dem dahinziehenden Ton der Vorlesung lauschte, brach sie ab. Die Blätter flogen zu ihm hinüber. Sie hob den Kopf und hatte, selber im Waldesschatten, Licht auf der Stirn.

 

Einmal fiel in der Nähe ein Schuß. Das mußte der Waldaufseher sein. Da stand er schon und hielt Raubzeug in der einen Hand hoch.

»Ich möchte Hirsche sehen! Können Sie uns nicht zur Tränke führen? Gibt es das nicht?« Der Aufseher zog die Augen hoch. Heute konnte es sein, daß er kam!

Sie beschlossen sofort, die Stelle aufzustöbern. Im dritten Waldtal von hier aus lag der kleine See. Um sechs Uhr waren sie dort. Sie hatten Glück. Über das Schilf hinweg sahen sie den oberen Leib des Tieres ruhevoll sich dem Wasserspiegel nähern. Langsam senkte sich das gehörnte Haupt. Das reiche Geweih hob sich in scharfer Zeichnung von dem silbern verdämmernden Abendhimmel. Ottilie begann die Enden zu zählen. »Es können dreizehn gewesen sein!«

Heinrich flüsterte jagdliche Kenntnisse. »Er geht zur Suhle – kühlt sich im Schlamm.« Spähend suchte sein Blick den Boden ab. 209 »Ist da nicht warme Fährte? Drüben die frischen Abdrücke seiner Schalen? Komm zur Seite! Vielleicht zieht er hier.«

Minutenlang lagen sie regungslos. Gegen den Wind für das Tier. Sein scharfer Sinn erreichte sie nicht. Geruhsam wechselte es von der Tränke waldwärts. Ein ausgewachsenes Alttier, ein herrlicher Rothirsch. Elegant geradezu schritt die schlanke Gestalt, mit schmaler, suchender Nasenspitze. Von der Hinterhand erstreckte sich die Lende lang nach dem starken Vorderkörper. Es hing Schicksal über dem Anblick, unabänderliche Notwendigkeit . . .

Am anderen Morgen lag vor dem Forsthaus neben der Tür wiederkäuend eine große Hirschkuh. Sie hob die braunen, ausdruckslosen Augäpfel nach ihnen und ließ sich nicht stören. »Wir haben deinen Herrn Gemahl gestern gesehen,« scherzte Ottilie zu ihr hin. »Willst du was? Darf man ihr etwas geben, Frau Hegemeister?« Das Tier war vollkommen zahm und ließ sich von ihr füttern.

Es trafen Beamte ein, mit Monteurmützen auf dem Kopf. Sie hatten auf der Löhr den Fernsprecher fertiggestellt. »Ja, gewiß, Sie können gleich anrufen.« Ottilie kam das gelegen. Sie sprach eine ganze Weile am Apparat. »Nun?« forschte Heinrich, als sie wiederkam. »Alles in Ordnung! Was wollten sie machen? Ich habe meine Rückkehr auf übermorgen angesagt. Mama war es selbst. Nichts hat sie gesagt. Glaub mir, die sind ganz einverstanden. Es würde ihnen ja auch nichts nützen.«

Am dritten Tag führte sie eine lange Wanderung aus der Waldgegend ins offene Land. Irgendwo kamen sie an einem Neubau vorüber und wurden von den Handwerkern angerufen, die damals auf der Löhr gearbeitet hatten. Heinrich beschenkte sie mit Geld. Diese einfachen Arbeiter begannen lebhaft zu erzählen. Jener Abend mit der politischen Aussprache war ein Höhepunkt ihres Daseins gewesen. Ottilie setzte sich zwischen die Steinklötze.

Julius Röde tauche öfters hier oben auf – alle drei Wochen etwa. Jawohl, und brachte Schriften und Zeitungsblätter mit. Zweimal 210 begleitete ihn auch die junge Dame. – »Mirjam, nicht wahr? Oh, wir sprechen dann von der Zeit. Sonst ist hier oben wenig los.«

Heinrich verbarg seinen Unwillen nicht. »Das ist mir nicht angenehm zu hören – der Bursche benahm sich unschicklich. Er mußte entlassen werden, wie ihr wißt. Er ist überschätzt worden.«

»Das kann man nicht wissen, was aus dem noch wird. Vielleicht hört man noch von ihm.« Ottilie schaute von Heinrich weg, als sie das halblaut sagte.

Auch der ostpreußische Arbeiter machte geltend, vor Röde liege eine Zukunft – er habe es eben ›aus dem Jeiste‹. Die anderen pflichteten dieser Meinung bei.

Doch Heinrich ließ keine Unterhaltung mehr aufkommen. Auch als sie wieder im unentwegten Wanderschritt nebeneinander hergingen, blieb er wortkarg. »Ich bin allerdings verstimmt. Entschuldige. Mußte denn das sein?« Sie hatte den Namen ihres Verführers zwischen die Lippen nehmen können. Auch wenn er weiter nicht empfindlich war, das durfte er ihr nicht durchgehen lassen.

Sie verteidigte sich nicht, hörte nur halb hin, – er hatte nicht den Eindruck, daß da Spuren nachwirkten. Der Name war durch Zufall vor ihr von den anderen genannt worden. Hinge sie noch innerlich irgendwie an ihm, so hätte sich das ganz anders geäußert. Sie hätte sich versagt, darauf einzugehen, wäre rot geworden. Nichts von dem – mehr als eine beliebige Drittperson bedeutete der Kerl ihr nicht! So hütete er sich, länger zu schmollen.

Aber als dann die schöne Zeit um war und er sie den Hohlweg hinaufbrachte, um sich von ihr zu verabschieden, da brach der Gedanke an den Halunken erneut über ihn herein. Hier, hier hatte er den Unsichtbaren gesprochen, ohne ihn zu sehen – es wurde das Gespenst aufs neue lebendig – war damals in die Erde versunken, wuchs wieder daraus hervor!

»Um Gottes willen, was hast du, Liebling?« Er war ganz weiß im Gesicht.

211 »Ach nichts,« beherrschte er sich, »du mußt verstehen. Es kommt über mich. Hier, hier ist es geschehen – oder ein bißchen weiter dort drüben. Und dann hätte ich ja das alles nicht erlebt seither.« Er führte sie ein paar Schritte weit – außerhalb der Bäume. Da hatte er gelegen wie tot! So täuschte er sie darüber hinweg, daß es wieder Röde war, was ihn beunruhigte. »Der Hegemeister soll dir das alles schildern – wie ich dalag, hier!«

Es erleichterte ihn, wie sie ihm das versprach. Die Tränen kamen ihr in die Augen. Das beruhigte ihn. Sie gehörte ihm. Nur in ihm ging sie auf. Davon war er nun so gewiß überzeugt, wie von seinem eigenen Leben.

»Ich denke ja wahrlich nicht ans Sterben. Aber wenn du mich einmal überlebst – ich werde es später auch in mein Testament schreiben. Aber jetzt sag ich es dir – hier will ich begraben sein – hier, wo wir zusammen stehn. Sie dich genau um – hier, hier!« . . .

Sie traten ins Dickicht zurück, um sich in einer tiefen Liebkosung zu lösen. Dann floh sie wie gejagt, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen, bis sie vor dem Würfel unten angelangt war und sich laut rufend den Ihrigen zu erkennen gab.

Er schritt zu Tal. Aus dem Gewühl der Gefühle stieg langsam ein Wort von ihr ihm ans Ohr. Er hatte es mehrmals von ihr vernommen. Immer wieder anders. Er besann sich und verglich. Einmal, als die Hirschkuh vor dem Forsthaus ihnen zu Füßen lag. Damals noch wie zu sich selbst. »Von dir einen Sohn! Sonst nichts auf der Welt. Den Sohn von dir!« Das war das erstemal gewesen. Abgewandt und halblaut. Und dann noch ebenso zwei- oder dreimal.

Durch und durch aber ging es ihm damals – nach dem Sonnenbad, in der allertiefsten Einsamkeit. In einer Lichtung, als die Sonne am höchsten stand, senkrecht ihre Glut niedergießend. In einem goldenen Kornfeld – ihre Schlafstätte – auf seinem weitausgebreiteten Wandermantel – bevor sie wieder in ihr seidendünnes Hemdchen zurückschlüpfte. 212

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.