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Carl Albrecht Bernoulli: Ull - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleUll
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1931
firstpub1931
publisherGrethlein & Co
addressZürich / Leipzig
titleUll
pages352
created20140222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

1

Im Prüfungszimmer des Kollegiengebäudes standen der Philosoph und der Nationalökonom plaudernd am Fenster, der Ordinarius für klassische Altertumswissenschaft trat zu ihnen. Am grünen Tisch machte sich der Dekan zu schaffen. Weitere Mitglieder der Fakultät fanden sich ein.

»Eine Verbindung von Fächern, die nicht oft vorkommt!« – »Im Grunde durchaus sinngemäß, wie mir scheint.« Der Fachmann für Staatswissenschaften sträußte vielsagend seine etwas borstigen Augenbrauen und fügte mit stechendem Lächeln bei: »Was er von Ihnen ins Leben mitbekommt, liebe Kollegen, ist wohl mehr für den Schmuckkasten, darüber sind wir uns klar. Das Handwerk mit dem goldenen Boden, das studium aureum oder doch argenteum bin einzig und allein ich.« Mit drollig geschauspielertem Standeshochmut wendete er sich dem Tische zu.

158 Ull saß da. Der Examinator verschaffte ihm unauffällig die erwünschte Gelegenheit, mit seinem Zahlengedächtnis zu prunken. Unwissenheit aus mangelnder Sachkenntnis konnte ihm nicht ein einziges Mal nachgewiesen werden. Nur stärkere oder schwächere Dichtigkeit des erworbenen Wissens stand in Frage.

Heinrich selbst spürte sich schon nach der ersten Antwort seinem Schicksal ausgeliefert. Wurde er zum Automaten, in den man etwas hineinlegt, damit etwas herauskommt? Ein aufgestellter Kasten, in dem ein Mechanismus seine Schuldigkeit tut? Oder auch nicht tut? Sein Geist wurde ihm abgewickelt. Das war er noch nicht gewöhnt.

Dann das zweite Nebenfach. Der Gräzist begann mit der liebenswürdigen Anspielung, Hölderlin, der Griechenfreund, sei ja, wie verlaute, auch der Lieblingsdichter des Kandidaten und habe ihn sogar als gütiger Genius und Schutzengel auf schwerer Todesfahrt begleitet und bewahrt. Er schob Ull ein geöffnetes Exemplar des Romans ›Hyperion‹ zu und bat ihn, einen ausgewählten Abschnitt aus dem Stegreif vom Deutschen ins Griechische zu übersetzen. Förmlich beschwingt, als elastisches Echo auf die gestellten Fragen, erklangen Ulls Antworten, als er über Homer und die olympische Götterwelt sich auswies. Hier horchte auch der Dekan, seines Zeichens Geograph und infolgedessen zu inhaltlicher Anteilnahme nicht verpflichtet, aufmerksam zu.

Jetzt war doch das Gemüt mit aufgeboten. Die Löhr stand vor ihm da – der Fleck Erde, auf den herunter er vom Himmel gefallen war, mit Hölderlin in der Hand. Er mußte seinen ganzen Willen aufbieten, um die Gedanken an der Leine zu behalten. Sie wollten alle hinausstürmen jenen Bildern zu, die von draußen her lockten und mahnten. Manchmal hörte er gar nicht mehr zu, was er beantworten sollte. Der Professor war nachsichtig und wiederholte dann die Frage.

Endlich das Hauptfach! Der graubärtige, schwerfällige Herr mit einer großen runden Brille auf der Nase galt für ein Schulhaupt 159 in der Universitätsphilosophie der Gegenwart. »Herr Ull,« begann er, »wir wollen uns ein bißchen miteinander unterhalten über Anschauung und Erkenntnis. Wer denken will, sieht sich ja doch stets auf die eigenen Füße angewiesen. Gehen wir also systematisch vor. Bitte, Herr Kandidat!«

In fließender Rede, anspruchslos und leise im stimmlichen Vortrag, führte Heinrich folgendes aus. Im Plane des menschlichen Geistes klafft ein Riß, den niemand leugnet. Wir kennen die Ursachen dieses Übelstandes genau. Unsere Erkenntnis wird erschaffen vom Verstande. Aber das Leben steht bekanntlich mit dem Verstande auf gespanntem Fuße. Der Professor wollte wissen, wie Erkenntnis entstehe. Heinrich zählte die geistigen Bestandteile und Teilvorgänge her, die dabei mitwirkten: Vorstellung, Wahrnehmung, Begriffe und Urteile.

»Und die Anschauung? Wie steht es damit?« Der alte Herr hob seinen Kopf mit einem Ruck nach oben, vom Fenster her spiegelte sich das Sonnenlicht in seinen Brillengläsern. Die anwesenden Fakultätsmitglieder, ihrer zehn an der Zahl, nahmen ohne Ausnahme eine ernste, empfängliche Haltung ein. Heinrich erging sich ausführlich über diese genannte Denkvornahme. Der Examinator empfahl Vorsicht. »Ein Haus zum Beispiel? Was wird an einem Haus erkannt? Und was wird daran angeschaut?«

Heinrich unterschied drei Möglichkeiten. Wir erblicken ein Haus und stellen logisch fest, das ist ein Haus und kein Baum. Dann aber verlangt die Erfahrung ihr Recht: Es ist nicht mehr ein Haus, sondern das Haus. Es verfügt über eigene Merkmale, die es von allen anderen Häusern abheben – der Gattung entsteigt das Individuum. Aber das ist noch nicht alles. Außer Verstand und Erfahrung spricht auch die Gemütserregung ihr Wort mit – das Vaterhaus – das Brauthaus – das Trauerhaus. »Nicht in jedem Haus wartet, aber in jedem könnte mich erwarten ein Vater, eine Braut; nicht in jedem steht, aber in jedem könnte stehen ein Sarg. Je mehr 160 an einer menschlichen Erkenntnis die Seele Anteil hat, desto mächtiger regt sich in dieser Erkenntnis ihr anschauliches Element. Sind Sehnsucht, Furcht, Leidenschaft in der Erkenntnisbeziehung der eröffnende Teil geworden, dann wird dieses Haus nicht länger angeschaut. Es schaut uns an; wir spüren ein Haus, das wir lieben oder vor dem uns graut.« Er hatte die ›Löhr‹ beschrieben.

»Sachte, sachte!« mahnte der Alte, und mit einem Seitenblick nach dem Kreise der Kollegen, die flüsternd Bemerkungen tauschten oder sonst angeregte Unruhe verrieten: »Die Jugend kann die Finger nicht vom Feuer lassen. Sie fährt auf den Zündstoff los, der in einer Erkenntnis enthalten ist. Ich will's nicht leugnen, man kann es so sehen, wie der Herr Kandidat. Aber hoffentlich gibt er sich nun damit zufrieden. Sie werden doch nicht eine vierte Beziehung entdecken wollen, in welcher dann die Anschauung der Erkenntnis völlig frei entgegenträte?«

»Völlig frei natürlich insofern nicht,« bemerkte Heinrich mit erwachtem Geiste, »als eine Anschauung, die ganz und gar nicht mehr als Erkenntnis gelten dürfte, zwar am äußersten Rande, aber eben doch noch innerhalb der menschlichen Erfahrung sich abspielt. Es ist das der höchst seltene und dann immer auch einmalige Fall der echten Mystik. Der Mystiker ist kein Erkennender mehr, er ist gänzlich in den entrückten Zustand des Schauens verfallen. Aber es braucht den Sonnenstrahl oder die Straßenlaterne, braucht den Gips oder die angestrichene Farbe der Wand und braucht namentlich die Netzhaut des menschlichen Augenpaares. Deswegen allein nun aber die schauende Eingebung des Mystikers noch in die Rubrik der Erkenntnis einschachteln zu wollen, statt dem Deutungsvermögen des Symbols die Ehre der Souveränität zuzugestehen, das scheint mir philosophische Hasenangst zu sein. Man scheut vor den ausgehängten Lappen und beschränkt sich daher auf das ausgesteckte Revier. Meines Erachtens steht Anschauung neben der Erkenntnis völlig selbständig da. Ja, mehr als das – Anschauung stellt den 161 bedeutenderen Wissenswert dar. Die zuhörenden Professoren fanden an dieser Entladung ihren Spaß, während der Philosoph mit Pathos ausrief: »Bewahre uns das hohe Schicksal vor dem Tage, da die Anschauung von der Erkenntnis abgetrennt und ihr sogar noch übergeordnet wird! An diesem Tage wäre der Untergang des Abendlandes besiegelt.«

Nicht mit Unrecht wird der Augenblick, da ein gelehrtes Kollegium zusammentritt, um über einen jungen Akademiker, dem es die Prüfung abnimmt, zu Gericht zu sitzen, noch für einen der wenigen Höhepunkte erachtet, die sich die europäische Kultur zu erhalten vermochte. An die uralte Waage des Totenrichters gemahnt dieser Vorgang, hier, wo Wert und Unwert, auf die beiden Schalen in peinlicher Genauigkeit verteilt, einem Lebenden die ihm zukommende Gerechtigkeit zumessen, die ihn erhöht oder verdammt . . . Noch mit dem späten Mittagszuge konnte Ull hutgekrönt heimreisen.

 

Er erlebte einen grünen Ärger. Der Zug fuhr ihm vor der Nase weg. An der Sperre sah er die Wagen langsam von dannen rücken. Seine Uhr ging nach. Das Dampfräuchlein höhnte dort hinten über dem entschwindenden Zug.

Absichtlich hatte er Sulzer keine Mitteilung gemacht, wann er ›einsteige‹, und auch beschlossen, sich nachher nicht zu melden. Es sollte nicht aussehen, als trage er seinen Erfolg gleich zu Markte. Und nun blieb ihm doch nichts anderes übrig, es sei denn, daß er sich irgendwo in einem der vielen ihm von einst wohlbekannten Lokale vor Anker legte, um im stillen Trunke sich selbst hochleben zu lassen. Die alte Burschenherrlichkeit war ihm aber längst unter den Trödelkram des höheren Stumpfsinns geraten, und so entschloß er sich denn, Snlzers aufzusuchen. Gegessen mochten sie jetzt haben. Ihm selbst stand der Sinn einstweilen gar nicht so sehr danach, – also wollte er sich einen schwarzen Kaffee von ihnen gefallen lassen.

Er besann sich und mußte sich schämen. Seit jener Stunde, da er 162 dem Professor die Schrift überbrachte, hatte er sich bei seinen Freunden nicht blicken noch gar ein Wort von sich hören lassen.

Als er einen Blick nach oben warf, noch ehe er den Vorgarten betrat, sah er auf der Altane vor der Küche auf zwei Seilen Wäschestücke kleinen Formats im Winde sich sonnen. Da ihm nur ihre Kleinheit ausfiel, nahm er sie für Taschen und Handtücher. Auf der Treppe schon vernahm er heftige Äußerungen, unartikuliert, dazu deutliches Reden. Doch wohl kein Hausstreit! Endlich, nachdem er einige Zeit neben der mehrfach angetupften Klingel gestanden hatte, öffnete sich die Tür, und eine weiße Pflegerin stand, blitzsauber gekleidet, vor ihm.

»Ich will sehen,« kam es ungnädig zurück, »wen soll ich melden?«

»Ull,« sagte er und verkniff sich absichtlich den Handgriff, den er seinem kurzen Namen soeben angeschraubt hatte.

»Ihr Name?« fragte die Pflegerin aufs neue, da sie mehr einen unartikulierten Naturlaut vernommen zu haben glaubte. Zugleich trat er an ihr vorüber in den etwas engen Flur der Mietetage. Unmißverständliche Töne begrüßten ihn durch eine geschlossene Tür. »Hier ist wohl vor nicht langer Zeit ein Kind zur Welt gekommen?«

»Ein Junge, Ferdinand Heinrich,« meldete die Hüterin etwas zuvorkommender und öffnete das Wohnzimmer, wo er damals mit der Dame des Hauses, jetzt also der Wöchnerin, sich reizend unterhalten hatte.

Er saß kaum auf einem der Stühle, so rannte Otto auf ihn zu, mit einem Ausdruck unsagbarer Zerstreuung auf dem Gesicht. Heinrich konnte sich kaum erheben und seinen Glückwunsch vorbringen, so war er schon umarmt und vernahm die seltsamen Worte: »Du sollst doch Pate sein, mit dem Schwiegervater. Du kannst die Geburtsanzeige doch erst heute mit der Morgenpost erhalten haben. Nein, so was von Freundschaft, tausend Dank! Ich werde dir das nie vergessen.«

Heinrich mußte sich Luft schaffen. »Und Väterchen befindet sich 163 den Umständen gemäß wohl?« Ohne diesen Kalauer, so abgeschmackt er ihn fand, hätte er diese unmögliche Minute nicht überlebt.

Er erstarrte abermals, weil Otto, dem witzigsten Menschen seiner Bekanntschaft, mit einem Male der letzte Rest Humor abhanden gekommen zu sein schien. Es wehte Todesernst aus der Antwort, die lautete: »Ich habe ja allerhand erwartet, aber darauf war ich nicht gefaßt. Leicht kann ich es nicht nehmen. Du wirst es hoffentlich auch einmal erleben und wirst mir beistimmen – man fühlt sich beinahe unwürdig. Gewissermaßen ist man schuld an allem und ist nun überall im Wege: jeder Stuhl, jeder Nachttopf ist weniger überflüssig als der Herr des Hauses.« Nun meldete sich der Humor also doch schwach wieder, und Heinrich spürte einen Wunsch, es möchte dem trefflichen Freunde dieser rührende Hauch jungen Vaterglücks nicht zerrissen werden. Da mußte er zunächst den Wahn speisen, als habe er aus Feingefühl es vermieden, gleich mit Blumen anzurücken. Sie würden ihm natürlich nun auf dem Fuße folgen. »Du verstehst, ich wollte doch erst ein bißchen im Bilde sein. Deine verehrte Gemahlin fühlt sich nicht allzusehr erschöpft? Und das Kind ist stark und gesund?«

»Acht Pfund, stelle dir so was vor! Wir konnten wirklich mit vollem Recht drucken lassen – einen prächtigen Sohn. Ich würde ihn dir gern auf meinem Vaterarme zeigen. Aber das wäre ganz rückständig heutzutage. Das Kind darf nicht getragen werden. Indem man ihm die Lust dazu nicht weckt, gewöhnt man ihm das Schreien ab. Die Wärterin will ihm die Unlustgefühle völlig vertreiben. Er wird von nächster Woche ab nur noch summen und friedsam lächeln, versichert sie. Ein Drache, sag ich dir, aber hier kann man sich ihn gefallen lassen. Übrigens – ich bin dir eine Erklärung schuldig. Meine Frau fragte mich gleich, ob sie in die Klinik müsse. Ich bin stolz, daß das Glück uns in den vier Wänden erschien, wo es ja doch immer schon war. Heute darf man sich kaum noch eine Wochenstube leisten. Zuviel Dreck, zuviel Krach, und dem 164 Mann soll die Schweinerei im Haus erspart bleiben. Das ist jetzt so der Ton, in dem geredet wird. Wie findest du das?« Glücklicherweise läutete es. Otto legte die Stirn vor einen winzigen Türspalt, und Ull kam sich aufs neue sonderbar vor.

»Das ist aber wirklich großartig – Freund, du machst Schule beim zarten Geschlecht.« Otto riß die Tür sperrangelweit auf. Ein Strauß üppiger Gladiolen kam auf zwei eleganten, sehr hellen und sehr schlanken Seidenstrümpfen über die Schwelle geschwebt. »Aber das sind ja wunderbare Farben, dieser Zinnober, dieses Weinrot, dieses Lila, – du kennst Fräulein Margot Seise vom letztenmal, wenn ich nicht irre? Das ist Herr Ull.«

Hättest du gleich an der Tür deinen akademischen Grad gesagt, so stündest du jetzt anders da, knurrte es in ihm. Das kluge, eindrückliche Gesicht, die rasch hingeschwungene Hand – ein mitwissendes Aufblitzen schalkhafter Augen halfen weiter. Anspruchslos flüsterte die Künstlerin ihre Erkundigungen und Wünsche. Auf zwei Minuten durfte sie ans Bett der Freundin treten und sie rasch küssen. Heinrich erhob sich, um sich auszuschalten. Gewinnend bat sie, nachher selbander die Treppe hinunter zu gehen. Wenn jetzt jemand hier eindringe, ohne dazu zu gehören, müsse eins das andere schleunigst entführen.

Er verbeugte sich geschmeichelt. Er wollte sie gerne am Gartenpförtchen erwarten, und griff sich den Hut vom Garderobeständer. Otto zerfloß in Rührung. »Nein, wirklich, so was von Aufmerksamkeit. – Du hast doch auch deine Zeit nicht gestohlen –«

 

Ull wußte nicht, wie lange er auf und nieder ging. In solchen Augenblicken, die ihn ja nicht oft heimsuchen konnten, weil er zu tätig und äußerlich zu abgelenkt war, bekam er ›Besuch‹, wie er das nannte, und immer denselben! Auch jetzt schwebte ihm das ›Bildchen, das göttliche‹ vor, aber ohne Nimbus – die goethische Heiterkeit umschimmerte es nicht länger. Die Erinnerung an Ottiliens 165 Verzweiflungsausbruch auf der Hohen Koppe schnürte ihm die Kehle zu. Armes Mädchen! Sie liebte ihn doch – unvergeßlich klang ihm die Beteuerung ihres eigenen Mundes nach.

Er stockte im Schlendern, schlug die Augen auf und war nun auch schon wach geworden, um zu wissen, daß er an den Hut langte und Margot Seise rechts zur Seite nahm. Sie sprang über die Stufe des Vorgartens und legte das Gittertürchen ins Schloß. »Hallo,« hatte sie gesagt, um sich bemerkbar zu machen, »ist es Ihnen recht, ein paar Schritte so rum?« Und als er zu sich kam und antwortete, fing sie von seiner Glückwunschherbeireise an, über die konnten sich oben die neugebackenen Eltern nicht fassen. »Offen gestanden, ich bin ungläubig. Das wäre übertrieben. Sie sind kein Romantiker.«

Heinrich stand still. Die Künstlerin musterte ihn. »Es geht mich ja nichts an. Nur weiß ich, des Ferdinand Heinrich halber stehen Sie nicht vor mir, das hat andere Gründe.«

»Wenn Sie's erraten, werde ich's Ihnen nicht abstreiten,« ließ er fallen, da ihm diese neue Wendung Vergnügen bereitete. Eine interessante Person war das nun – todschick und doch alles andere als fade Larve mit nichts dahinter.

»Pah,« riß sie ihre Augen auf, deren Bogen leicht mit dem Stift nachgezogen waren, »mir dämmert's in der Mansarde. Sie waren damals mit der Arbeit beim Dekan – und jetzt ist das dicke Ende nachgekommen. Der schwarze Rock verrät's – früher zog man den Frack dazu an – ich komme ja heute aus dem Glückwünschen gar nicht heraus. Also, Herr Doktor, nicht wahr?« Und sie packte freudig seine Hand.

»Danke sehr. Es stimmt. Sie sind das erste Publikum, das von dem welterschütternden Ereignis Notiz nimmt.« Er war nun sehr munter. Die Sache machte ihm Spaß. »Würden Sie übrigens, wenn's in der Nähe ist, mich in das Blumengeschäft bringen, wo Sie die herrlichen Gladiolen herhaben? Das war ja wirklich ein feenhafter Aufzug.«

166 »Schäker, Sie wollen hinterher noch dergleichen tun, als gälte der Bratenrock doch dem neugeborenen Paten. So ein Schalk!«

»Das muß ich nun doch. Mein Examen wird ihm ja nicht verheimlicht bleiben.«

»Sulzer ist kostbar. Das Vaterglück muß ihm im Gehirn droben den Assoziationsapparat stillgelegt haben, daß er nicht von selbst drauf kam.«

»Spricht das nicht sehr für ihn? Er setzt doch immer seine martialische Kaltschnäuzigkeit auf, nur um sein Gemüt hinter Glas und Rahmen zu bekommen, damit er nicht losheult. So erkläre ich mir auch seinen Eifer für den Sport. Ein gemeinsamer Freund nannte ihn einmal ein albernes Gemisch zwischen Fußball und Mystik. Hat er Ihnen das noch nie gestanden?«

Margot Seise stand still und ließ sich von diesem grausamsten aller Witze schütteln. Heinrich kam so zu einem Anblick für Götter – die ganze Lieblichkeit dieses Frauenleibes, anschaulich in Lachen umgesetzt!

»So, jetzt aber ins Blumengeschäft!«

»Und nachher vielleicht in mein altes Stammlokal.« So wurde es gehalten.

In einem Winkel der Zuckerbäckerei sprachen sie nochmals über das erfreuliche Ereignis bei Sulzers. »Wenn uns beiden das erst einmal passiert, Herr Doktor Ull! Ich meine natürlich, mit verteilten Rollen! Die Welt wird wieder so brav – irgendwie heiratet alles einmal und bekommt Kinder.«

Ein entzückender Käfer! Schade, daß das nicht seine leibliche Schwester war, das wäre ein dauerhaftes und nützliches Geleite fürs Leben.

Sie kam noch eine Straße weit mit. Noch lange lachte es in ihm nach während der Heimfahrt. Und erst auf das Ende hin umschleierte ihn der Gedanke an Ottilie aufs neue. 167

*

2

Aus einsamen Spaziergängen kannte er dieses Zwischengelände mit seinen niederen Büschen, das als baureifes Land seiner Zerstückelung harrte, ziemlich genau. Dieses vernachlässigte, von Kleinholz überwucherte Geschiebe sah einem Stück Heide gleich. Hinter dem ungenutzten Brachland tauchte in einiger Entfernung die Baumgruppe des Herrschaftsgartens auf.

Der Mond war erst später zu erwarten. Es herrschte das Zwielicht der beginnenden Nacht im Frühsommer. Ull betrat den Garten durch eine zum Durchlaß für Fußgänger erweiterte Lücke im beschädigten Zaun. Da hörte er auch schon die Mädchenstimmen. In einer Lichtung zwischen den Bäumen lag der ausgetretene kurzgemähte Rasen, auf dem sie übten. Und mittendrin ein verlassener Tennisgrund, zum Spielen mit dem Ball taugte er wegen der verfallenen Umgitterung wenig mehr. Zum Schreiten war er noch genügend eben und vom Haus her mit Drähten für Licht verbunden. Einige Glühbirnen von schwacher Kerzenstärke schwankten an Schnüren. Sie waren über eingerammte Holzpfosten gezogen. Etwa alle zwanzig Meter eine. Über dem Rechteck sammelten sie sich in etwas größerer, aber immer noch ungenügender Anzahl.

So erblickte Heinrich, als er von der Gartenecke her sich näherte, nur ganz ungenau, was vorging. Ein phantastisches Spiel der Schatten und Gestalten rief Erscheinungen hervor, deren Geburt auch schon ihren Tod bedeutete. Schwankende Dinge, mochten sie aufleuchten, wurden im Nu des Erblickens zunichte. Ein weißes Nachtgewand mit dem schnell laufenden Mädchen drin schwoll auf im rötlichen Lichtdunst und wurde von schwarzen Laubschatten verschlungen. Er sah die Gestalten im Käfig der Drahtgitter turnen und laufen.

Nun vernahm er Ottiliens Stimme: »Das nennt ihr üben? Wie in einem Hühnerhof geht's hier auf der Tenne zu! Wenn's wenigstens noch ein Taubenschlag wäre! Stumpf drauflos die Aufgabe 168 abgehaspelt – ohne Liebe, ohne Schwung von innen her. Eine, zweie, dreie – jammervoll! Ihr klappert den Takt ab. Umarmt euch doch, küßt euch doch, ruft artige Dinge zueinander! Ich sage ja – ich nicht hier, die Meisterin nicht hier – und gleich bewegt ihr euch bocksteif, wie durcheinandergeschobene Rebstecken. Wo bleibt der Ausdruck? Es muß wogen. Wellenschritt, Knieschwebe, Rhythmus – Kreuzdonnerwetter noch mal!«

Heinrich biß sich auf die Lippen. Unbemerkt wollte er sein geliebtes Mädchen schalten sehen. Der Ausdruckstanz besaß in ihr seinen Feldwebel, der sich die Mannschaft drillte! Er konnte die Vorgänge noch einigermaßen unterscheiden.

Die Mädchen formten ungeheißen einen Kreis, Ottilie trat in die Mitte. Sie bildete einige Übungen vor, schwang sich, überschlug sich, bis sie mit eins jählings zusammenfuhr und mit hangenden Armen auflauschte. Heinrich fiel ihr ein. Auf diese Zeit hatte er versprochen zu kommen. Sie stieß einen suchenden Fernruf aus, indem sie in einer hohen Tonlage die Doppelsilbe ›huhu‹ um eine Terz abwärts sang. Sie witterte ihn!

»Ja, ich bin hier. Der neugebackene Doktor,« gab er halblaut zurück, er stand dicht am Gitter. Durch seine leichte Berührung bewegte sich das Drahtgeflecht und warf seine Schatten auf die weißen Leiber und Gewänder, fing sie mit schwankenden Maschen in einem unruhigen Netz ein.

»Liebling!« fuhr Ottilie zusammen, »da bist du ja. Gut gegangen? Gratuliere! Wie war's?« Die Mädchen kicherten und brachten ihm, von einer angestiftet, die auf diesen Einfall verfiel, ein Hoch aus. Ottilie wandte sich jäh zu ihnen zurück. »Ist das alles, was ihr könnt? Wir sitzen nicht an einem bürgerlichen Geburtstagstisch. Der Doktorschmaus der Tanzschule soll ein Augenschmaus sein.« Und zu ihm gewendet: »Sieh dort unter der Buche die Bank – siehst sie nicht? Gerade hinter dir – setz dich hin! Es liegen Decken dort. Häng dir eine um, daß dich nicht friert. Kannst zusehen. Ich werde 169 zu deinen Ehren die Studien durchnehmen. Es steckt die Arbeit der letzten Monate drin. Für dich wollen wir nun spielen.« Sie drehte sich nach den Schülerinnen und klatschte in die Hände: »Hopp – dalli. Wir machen das Vorspiel. Elsa, du bedienst das Gong!«

Die eherne Schallschale wurde mit ledernem Schlägel geschlagen. Im Schritt rückte die Linie der Gestalten vor. Sie beschrieben gehend mathematische Figuren – gerade Strecken, Halbkreise und die eiförmige Schlinge. Das löste Gegenbewegungen aus. Eine Schreitende kreuzte auf der regungslosen Grundlage der Stehenden, oder es schritten alle auf die einzelne zu, die allein stand. Oder: es ging die Körperbewegung bei unverändertem Stande am Ort selbst vonstatten. Kauernde hoben sich in halbe Höhe, sanken wieder in die geduckte Stellung, schlichen, krochen, wälzten sich an der Erde, sprangen auf mit hochgeworfenen Händen in der ganzen Länge des Leibes mit dem Zucken der züngelnden Flamme. Alsdann liefen sie, wendeten sich springend einander zu, zogen sich, stießen sich, gepaart oder Zeile gegen Zeile gewendet. Angst, Mut, Verzweiflung, Verlangen sprachen aus diesen Bewegungen, ohne einen Laut, in gespensterhafter Stummheit. Nur die Schläge auf das Gong, in gleichen Abständen weicher oder härter, legten sich unter, damit etwas außer dem Schweigen die Gebärde trage.

Ull, auf der entfernten Bank in der Wahrnehmung erheblich gehindert, wußte mit Sicherheit, über ein kleines segne der volle Mond diesen heimlichen Reigen mit dem himmlischen Lichte. Schon drangen die glänzenden Bänder seiner Strahlen in den Garten ein. Doch fügte es sich so, daß das Gestirn hinter dem Hause aufstieg und erst dessen First überwunden haben mußte, um die Tanztenne zu erreichen. Dieser Überlegung folgte Ottilie. Sie wußte, wo der Schalter angebracht war, lief an den Türpfosten und drehte die künstlichen Lampen aus. Da erlöste der Mondglanz, als er über dem First erstrahlte, die Tänzerinnen. Aus der Höhe erfaßt, mit stark gekürzten Schatten, bewegte sich eine Schar von Priesterinnen 170 in gottesdienstlichen Gebärden, und der Mondgott entgalt die gespendete Verehrung. Sehnsüchtiges Flehen sandten diese fließenden Bewegungen empor. So sprach dieser Mädchenreigen im Vollmond zu Heinrich. Bis Müdigkeit und grübelndes Sinnen ihn überfielen und einschläferten.

Er kam zu sich, weil ein weicher Arm sich ihm unter sein sinkendes Haupt als Kopfkissen schob. Ottilie streichelte ihm die Wange. O ja, dieser liebe große Kopf hatte ein Anrecht darauf, zu schlummern. Mächtiges hatte er heute geleistet auf dem Felde der Wissenschaft. Sie besaß nur eine verschwommene Vorstellung von einem gelehrten Examen, gestand sich das beschämt ein und nahm daher, um mit ihren Lobsprüchen nicht in die Irre zu gehen, ihre Zuflucht lieber zu den ihr näher liegenden Liebkosungen. Die Mädchen hatten die von der Milch des Mondes getränkte Tenne verlassen und sich nach dem Hause davongemacht.

 

Wie lange sie wunschlos glücklich in tiefer Stille nebeneinander saßen, hätten sie nicht zu sagen vermocht. Plötzlich kam ein Mensch des Weges gegangen, man sah ihm an, daß er sich völlig allein glaubte. Er blickte nach allen Seiten mit wilden Gebärden, ohne die Bank mit den beiden Liebenden zu bemerken. »Röde!« hauchte Ottilie unhörbar, die Lippen an Heinrichs Ohr.

Der Jungbursche betrat die hellbeleuchtete Tenne und fing an, in offensichtlicher Wut auf und ab zu gehen. Seine Arme verloren jede Rundung, verlängerten sich zu geraden und steifen Stöcken. An ihrem Ende ballten sich die Fäuste zu Kugeln. Ein Willenskrampf versteifte auch seine Beinmuskeln zu starren Stangen. Was nur in aller Welt war auf einmal in diesen Menschen gefahren! Nach einer Weile hielt er inne, als wollte er sich beruhigen. Dann raste er abermals keuchend auf und nieder. Unter seinem gesenkten Kopfe trieb der Hals Wülste aus; ein wahrer Stiernacken türmte sich nach dem Hinterkopfe, der rückte nun an die Stelle des Scheitels, 171 der Schirm der Mütze zeigte senkrecht nach der Erde. »Mein Gott, was hat er nur?« zermürbte sich Ull das Gehirn. Wenn nur erst der Bursche richtig verduftete; es war unheimlich, ihn so zu sehen.

Wie wurde ihm zumute, als Ottilie an seiner Seite aufsprang und, ehe er sie halten konnte, ihm davonlief, schnurstracks auf Röde zu! Eine letzte Besonnenheit schloß ihm den Mund, sonst hätte er sie zurückgerufen, hätte sie gescholten. Er drängte die Knie zusammen, preßte die Ellbogen an den Leib, kniff die Zähne, verbot sich jede Regung, jedes Geräusch.

Wie wenn nichts wäre, trat Ottilie auf den Eindringling zu. Heinrich vernahm, wie sie mit einer Ruhe zu ihm sagte: »Mein Gott, wie kommst du hierher? Was ist nur mit einem Male in dich gefahren?« Sie duzt einen eingeschworenen Revolutionär – das war sein Gedanke, als er sie vertraulich bei ihm dort drüben stehen sah. Julius Röde! Wie er jetzt vor ihr stand und ihr drohte! In entsetzlicher Ähnlichkeit wie ein Zuhälter der ihm versklavten Dirne! Zwar legte Ottilie den Finger auf den Mund und beschwor ihn mit einer weitausgreifenden Handbewegung, sich ruhig zu verhalten. Eine kalte, grimmige Maske glotzte, brütend, in starrer Verglasung. Mongolen konnten so aussehen. Schlauheit, Rachedurst, Vergeltungswut! Ein Unbegreifliches, in allem anders, als man selbst war, vereinigte sich da.

Ottilie brachte den Kommunisten dazu, sich nach einiger Weile mit ihr zu entfernen. Heinrich täuschte sich nicht in der Annahme, es werde ihr gelingen, den Menschen zu beschwichtigen. Nachdem er etwa eine Viertelstunde in erzwungener Ruhe auf seiner Bank verharrt hatte, huschte ihre leichte Gestalt herbei und glitt dicht neben ihn, wo sie vorher schon gesessen hatte. Doch war es mit der Schäferstunde bei Vollmond vorbei.

Wiederum die Lippen am Ohr nötigte sie ihn, sofort aufzubrechen und die Gefahrzone zu verlassen. Der schreckliche Kerl sinne auf Mord und Totschlag, sobald ihm in seiner stumpfen Begierde 172 ein Widerstand aus der bürgerlichen Welt erwachse. Nur von einem Wesen lasse er sich noch lenken, und das sei sie. In dieser unbedingten Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit gegen sie müsse Heinrich es dem Proletarier gleichtun, sonst könne zwischen ihnen von nichts mehr die Rede sein. »Hinweg mit dir! Auf der Stelle! Ohne Abschied! Ohne Kuß!« Und als sie zur Antwort seine Arme um sich spürte, riß sie sich mit einem heftigen Stoß aus der Umklammerung.

In seiner Bestürzung, zugleich in aufkochender Wut, blieb Ull noch so viel helle Überlegung übrig, daß er sich sagte: »Sie wird einen gellenden Schrei ausstoßen, wie von einer schrillen Pfeife. Dann steht der Kerl aus dem Gebüsch da. Dann kann er mich erschlagen. Was gilt denen, wenn sie wütend sind und zu lieben wähnen, ein Mord? Und gar wenn er mich entdeckt, den er von der Löhr her grimmig haßt.« Ottilie keuchte: »Wird's bald? Ich zähle bis drei. Wenn ich dann nicht deinen Rücken sehe –« Es tönte, als wenn eine Schlange zischelt.

Er tat ihr den Willen. Sie spähte ihm nach, lauschte auf das Knacken dürren Reisigs, auf das seine Schuhe traten. Seine Gestalt trat an den Saum des Gehölzes. Er näherte sich der Helligkeit, die draußen in der Mondluft lag. Noch einen Schritt, und er war von Licht erfaßt, stand taghell da.

Aber diesen Schritt tat er nicht. Er blieb stehen, drehte sich um. Kehrte er zurück? Windschnell entfloh sie. Ihr weißes Gewand huschte durch den Kiesweg. Sie erreichte das Haus, stieß die vorgestreckten Arme gegen eine Türe. Die Türe gab nach und schluckte den flüchtigen weißen Falter.

Ottilie besichtigte die Schlafzimmer der Mädchen. »Ist unten herum alles zu?« erkundigte sie sich. Sie gab den Arbeitsplan für den kommenden Tag bekannt, führte Rede und Antwort in barschem Tone, so daß sich niemand zu weigern wagte, und zog sich dann in das Eckzimmer zu ebener Erde zurück, – ihre Schlafstube, die sie mit keiner Gefährtin teilte. Sie prüfte Fenster und Läden nach, 173 entriegelte beide und legte sie lose in die Kanten des Simses. Darauf knipste sie das elektrische Deckenlicht aus, nicht ohne vorher eine Kerze angezündet zu haben, neben ihrem Bett auf dem altmodischen Nachttisch. Damit leuchtete sie den Raum ab, dachte nach, überlegte und traf gemächlich Anstalten, sich zur Ruhe zu begeben.

Fünf Stunden später, zwischen zwei und drei Uhr, war der Vollmond vom Parke weggewandert und beglänzte nur noch die Laubkronen der höchsten Bäume. Ihn ersetzte am Hause die hundertkerzige Hoflampe, grell, mit kratzendem Licht. Sie mußte von innen angedreht worden sein.

»Kuhdumm! Wozu denn? Ich kenne mich hier doch aus!« knurrte Julius Röde, als er auf seinen Gummisohlen lautlos über den Kies an die Ecke heranschlich. Es hatte den einen Vorteil, er sah deutlich; im Finstern war man den Zufällen ausgesetzt. Er trat heran, fand den Laden angelehnt, legte ihn zurück, war erstaunt, daß die Ösen in den rostigen Angeln nicht mehr kreischten, und schaffte sich Raum, um einzusteigen. Vorher horchte er hinein. Er vernahm leise Atemzüge. Ein Tier hörte dem süßen Liede dieses Atems zu!

Doch umfing ihn die Stimmung des Verliebten; er verspürte zärtliche Gefühle. Sie erwachte nicht. Sie mußte müde sein! Ein solches tüchtiges Weib war tagsüber munter und tätig, – arbeitete bis eben noch, erteilte Unterricht, strengte sich an! Konnte ihm recht sein – so schlief sie sich schön warm. Nur ja sie nicht wecken.

Aber was geschah mit ihm? Fiel ihm gerade ein, unter einer Linde im Park zu schlafen! Er wollte es gut haben, wollte weich liegen. Spähend suchte er sich im Raume drin auszukennen. Das Bett mußte an der Wand stehen. Er sah es nicht. Aber quer im Winkel, übereck gedreht, die gepolsterte Ruhebank, um die er wußte, leer, unbenützt. Er warf sich im Stützen auf den Steinsims, schlug ein Bein über, streifte das innere Fenster, es wich leise quietschend zurück, und harrte auf einen Anruf. Nach dem Herumwerfen des Körpers in den Tüchern vernahm er aber nur dasselbe unbeirrte 174 Atemholen wie vorher. Behutsam schob er das andere Bein nach, ließ sich sacht auf die Zehenspitzen fallen.

Von der Wand her, aus der Ecke, wellten die Atemzüge regelmäßig heran. Sie erklangen sogar tief und rauh. Nun schnarchte sie gar noch zu seinem Empfang! Besser so, dann lief sie ihm nicht davon.

Er streifte die Halbschuhe von den Fersen, zog den Rock aus, beutelte ihn sich zum Kissen, bettete den Kopf darauf, legte sich lang hin und sperrte die Augen auf, soweit er konnte.

Er befand sich in einem Raume von vier auf fünf Meter, schätzte er. In den Scheiben der von ihm geöffneten Fensterflügel flimmerte die Mondscheibe. Aus dem Dunkel der Zimmerecke wogten die Atemzüge dazwischen. Er legte den Kopf zur Seite, sah auf dem Stuhl die weiße Leibwäsche schimmern. Ihr Hemd, – das Hemd der Geliebten! Wie lange schlief sie noch? »Wach auf, du! Sonst ist es vorüber. Sonst bin ich selber eingeschlafen.« Er dachte es nur. An seinem Gedanken erwachte sie. Sie schnellte auf, saß sitzend da.

Er wollte ihren Namen auf die Zunge nehmen – und stockte. Er war drauf und dran, ›Mieze‹ zu flüstern, und ertappte sich im letzten Augenblick über dem Unsinn. Er hatte Mirjam und Ottilie verwechselt, wußte nicht mehr recht, welche!

 

3

Frau Elisabeth Godwein ließ vor dem Eingang halten und durchschritt den Park bis ans Haus zu Fuß. Sie stand vor der Haustüre, faßte sich ein Herz, klingelte.

Oli Fay öffnete ihr in Person. Sie trug ihren Kimono mit weiten Beinkleidern aus weißem Taft, die Zigarette im Mund und schnalzte leicht mit der Zunge, als sie den Besuch erkannte.

»Wenn sich gnädige Frau drei Treppen hoch bemühen wollen? Fahrstuhl gibt es nicht. Bin sehr geehrt durch Ihr gütiges Erscheinen.« Frau Elisabeth erriet, daß sie es günstig treffe.

175 Die Schule hauste in den unteren Räumen. »Hier bin ich mein eigener Herr und Meister!« Sie stieß auf dem obersten Absatz die Glastüre auf. Eine abgeschlossene Wohnung mit eigener Küche. Das ehemalige Landhaus war auch sonst aufgeteilt und in den Notjahren klein vermietet gewesen.

»Ach, ich bin noch im Rückstand mit meinen beiden Zimmern, es sollte anders aussehen zur Besuchsstunde.« Sie eilte zwischen alten Möbeln hin, wischte noch eben mit dem Staubtuch nach, stieß die Gardinen zurück, daß die Ringe an den Stangen rasselten, schloß offenstehende Schiebladen und Kastentüren. Dann kauerte sie sich neben Frau Elisabeth in die Ecke eines altertümlichen Sofas, zog Knie und Arme heran. Elisabeth bangte. »Sie kriegt mich dran –« Aber schon sprang Oli Fay auf ihre Füße.

»Eine Minute! Sonst brennt mir das Brätchen an,« und stürmte in die Küche hinüber. Wieder stand sie da.

»Kommen Sie rasch auf die Diele, sehen Sie meinen frischen Einfall von heute nacht!« Sie sprang auf den Bohlen des Treppenvorraums einige Zeichnungen mit der männlichen Spannweite ihres Schritts, mit dem federnden Wiegen im Kniegelenk. Das waren die bisherigen Lösungen. Daran schloß sich in logischer Folge die neue Figur. Sie setzte sie schreitend auseinander. »Und nun bugsier ich Sie wieder auf fünf Minuten ins Stübchen. Sie bekommen dann gleich was Gutes zu essen.«

Und schon hörte sie draußen nach sich rufen, klinkte die Türe auf, die kaum eben ins Schloß gelegt worden war. Gegenüber, in der Küche, stand Oli Fay, von einer zischenden Dampfwolke umhüllt, und schwang einen Bratspieß. Den Kimono abgestreift, mit der Tracht einer ständigen Köchin vertauscht. »Gehen Sie hinein – gehen Sie hinein – ich bring's!« Gleichzeitig wurde im Rücken die eben zugeschlagene Tür aufgestoßen. Zunächst blendete eine weiße Schürze. Dazu duftete von einem Tablett eine Hochzeit von Gerüchen! »Ich hoffe, Sie teilen mit mir. Einen süßen Tropfen 176 habe ich auch.« Sie stellte auf einem runden weißgedeckten Tischchen ab und holte flink herzu, was noch fehlte – an Geschirr und an Besteck. Bestrich eine goldengeröstete Brotscheibe mit Butter, bis sie milchig erglänzte, schüttelte einen kurzen breiten Knochen, bis ihm heißes Rindermark entquoll. Dann schrie sie zwischen hinein schrill auf, weil sie sich fast die Fingerspitzen verbrannte. Und rüstete – da schon wieder gut und vorbei! – kleine Schnitten zu, – hielt den ersten Happen dem Gast vor die Zähne. »Mit Verlaub, wenn Sie eben einmal kosten wollten!« Und holte den Wein.

»So,« sagte sie, als sie endlich neben dem Besuch Platz nahm, »nun entschuldigen Sie vielmals diese Begleitumstände. Ich weiß, Sie kommen zu mir, um ernste Dinge zu bereden. Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

»Umgekehrt, Frau Oli Fay!« erwiderte Elisabeth Godwein mit einem raschen Anflug von Verachtung. »Sie verfügen über uns! Wir finden uns in Sie. Sie sind unser Schicksal!« Diese Erklärung wirkte wie eine Fanfare. Es brach ein wahrer Wasserfall von Worten nieder. Wie hätte man da noch sagen können, daß ein Wort das andere gab! Halbe Sätze, in der Mitte verklingend. Der angesponnene Gedanke wird zurückgenommen. Deswegen bleibt er aber doch eingefädelt. Fortgesetzt wird er von der Partnerin durch eine Handbewegung. Oli Fay schlenkert den Fuß des übergeschlagenen Beines von sich weg und schießt Blicke, die Trotz sind oder Glück. Frau Elisabeth stößt einen zornigen Ruf aus, ihre Augen sprühen. Oli Fay wirft sich auf die vornehme Dame, küßt sie mitten auf den Mund. Ein heißer, glühender Kuß – und sitzt nachher ihr wieder gegenüber, wie wenn sie von nichts wüßte. Tatsache ist, sie weiß auch von nichts mehr. Sie plappert auf einmal Unsinn, ist eine wahre Närrin. Aber plötzlich dann wieder die unerhörte Keckheit: »Ottilie ist so gut mein Kind wie Ihres, das lassen Sie sich nur gesagt sein. Höchstens, daß nachgerade das Kind selber noch etwas dazu wird sagen wollen.« Sie lachte trocken und spöttisch auf.

177 Da trieb es Frau Elisabeth, von dem jungen Kommunisten anzufangen. Sie möchte gerne klar sehen.

Das erneute Lachen, das Oli Fay ausstieß, war eitel Hohn. »Ein gekröpfter Gockel, der sich sträußt! Betrachtet unser Areal als seinen Hühnerhof – steigt bei meinen Hennen ein. Jawohl, in diesem Verdacht hab ich ihn und muß nun einmal der Spur nachgehen.«

Frau Elisabeth erblaßte. Ihre Hennen? Und Ottilie darunter? Die bare Unmöglichkeit, noch eine Sekunde zu verweilen! Aber da hielt etwas ihre Selbstachtung am Zaume. Die Zugehörigkeit stand über dem Stolze. Auch die Schmach war mitzuertragen, wo sie in den Ring der eigenen Art eindrang. »Die wahre Ehre erwächst aus dem Fels, auf dem die Burg steht,« so hatte einer ihrer Vorfahren gesagt. Kein verwegener Haudegen – ein stiller unverheirateter Menschenfreund und Schöngeist, von dem sie ungedruckte Aufzeichnungen verwahrte – ein friderizianischer Aufklärer und rosenkreuzerischer Freimaurer, der nicht Quitzow hieß – also blieb sie sitzen und schickte sich an, in gesetzter Rede ihre Vorbehalte anzubringen.

»Wenn Sie gestatten, geehrte Frau, hat Ihnen schon jemand in Ehrlichkeit erklärt, was Sie vermutlich wert sind?« Oli Fay blickte erwartungsvoll. Ihre Körperhaltung kündigte Abwehr an. »Ich gehe vom sinnenfälligen Eindruck aus, den Sie erwecken, jedesmal, wenn man Ihrer ansichtig wird – wie wundervoll Sie schreiten! Darin verrät sich Ihr Wesen. Ich habe mich in der Erregung wohl auch schon absprechend über Sie geäußert, weil Sie mir Gefahr gebracht haben. Aber für dämonisch, wie man Ihnen wohl nachsagt, halte ich Sie nicht. Nach langen Jahren des Ringens und Hungerns haben Sie jetzt Erfolg, großen Erfolg. Bald haben Sie kaum noch Ihresgleichen zu fürchten. Wenn es jemandem einfiele, Sie zu fragen, wozu der liebe Gott die Welt erschaffen habe, würde ich an Ihrer Stelle antworten: damit ich darin tanzen kann!« Frau Elisabeth hielt inne.

Oli Fay beugte sich hinüber und suchte ihre Hand. »So sehen 178 Sie mich? Wie tief müssen Sie sich innerlich mit mir beschäftigt haben, um diese Summe aus mir zu ziehen. Das ist sonst nicht die Art von uns Frauen. Aber Sie sind ja auch eine Ausnahme – das weiß ich längst.«

Warte du, dir will ich's stecken, daß du mir nicht zu übermütig wirst, wappnete sich Frau Elisabeth nun. Sie hatte noch einen scharfen Pfeil im Köcher. Bot sich ihr wohl noch Gelegenheit, ihn mit Anstand loszuschnellen? In der Tat, sie brauchte nicht zu warten. Eitelkeit oder doch wenigstens ein nicht unberechtigter Glaube an sich selbst ließ Frau Fay fragen, was eigentlich Ottilie von ihr halte, sie sei zweifellos ihre begabteste Schülerin. Ob sie sich nie über sie vertraulich geäußert habe? Oh, doch, das habe sie allerdings, aber nur unter Zusicherung von Straferlaß lasse sich diese Meinung wiedergeben. Oli Fay beteuerte ihre Unbefangenheit. Was denn der Racker von ihr gesagt habe?

Ottilie stellte ihre Meisterin als formlose Molluske hin. Dank einem mächtigen Willen verlieh sie jederzeit, sei es ihrer weibischen Laune, sei es einem genialen Einfall, Gliedgestalt. Ihre Grundeinstellung zum Leben blieb die Formlosigkeit. Solange sie sich nicht in den schaffenden Zustand erhob, schwamm diese Frau dahin wie ein zerfetzter Lappen auf dem Wasser. Sobald sie aber gestaltete, ballte sich in ihr irgendein Inbegriff. Zum Beispiel: sie wird ganz Fuß, dann läuft es, wenn man ihr zusieht, auch mit uns Zuschauern. Oder: sie wird ganz Mantel, dann deckt sie, wir befinden uns unter einem Obdach, solange sie vor uns einherschwebt. Ein solches Weichtier war die Meisterin im Schaffen aus sich heraus, und deshalb die große, unerreichte Künstlerin im Bewegungsausdruck des menschlichen Leibes. Aber ein unangenehmes Faultier, sobald sie untätig dalag und Zigaretten dazu rauchte. Dann ist es besser, man macht, daß man wegkommt. »Darum ist sie auch von Ihnen ausgerückt,« ließ Frau Elisabeth noch durchsickern. »Sie wurden ihr zu indiskret, Sie stellten ihr den Vater bloß vor der Schule.«

179 Oli schritt sich den Verdruß mit weichen, langen Schritten aus dem Leibe. »Was? So ein Scheusal ist Ottilie? Hätt ich ihr nicht zugetraut. Aber weg hat sie mich, das muß ihr der Neid lassen. Und eigentlich läuft es auf ein Lob hinaus. Nur von der Formlosigkeit her steht uns die Wahl offen zu mehr als bloß einer Form.«

 

4

Der Geheimrat Gonßen besprach mit seinem Diener Anton die Weinfolge. »Für den Sekt Mumm. Zum Beginn Brauneberger. So? Ist alle? Dann Josephshöfer!« Er erwartete das Ehepaar Godwein und Frau Oli Fay. Der Generaldirektor war zwischen seinen Reisen auf wenige Tage zu Hause. So war ein intimes Mahl vereinbart worden. Nur sie vier, sonst niemand. Was nicht hindern sollte, in Gala zu erscheinen.

Als Gonßen in seinem vorderen, sogenannten kleinen Salon Godwein und Gemahlin begrüßte, rauschte auch schon die Künstlerin nach. Sie trug ihr ›Sternenkleid‹ – eine Robe aus blauflüssigem Silberflimmer mit Goldpunkten bestickt. Bei aller Verschleierung blieb ihr schöner Leib noch reichlich frei. »Sind wir denn wirklich die einzigen?« In ihrem ausladenden weichfesten Schritt begrüßte sie die Anwesenden mit ausgestreckten Händen.

»Die schöne Frau ist enttäuscht über einen Abend, wo sie nicht von einer erstaunten Menge vergöttert wird,« verneigte sich der Gastgeber. »Das Vergöttern wollen wir dennoch besorgen,« wagte Godwein, indem er von seiner Frau einen absichtlichen Blick entgegennahm, der ebenso strafte wie erlaubte.

»Ich finde es aber doch schade – nur ihr!«

»Nur!« verwahrten sich die drei einstimmig. Die Sünderin schürzte ihren kleinen Mund und sah mit Grübchen in den Wangen verstohlen beiseite. »Ich komme mir so ausgezogen vor, wenn nicht hundert Leute um mich herum sind. Ich hätte mich besser etwas anständiger angetan. Lassen wir's gut sein, ich nehme vorlieb mit den 180 Anwesenden und schicke mich in die abgebrannte Lage. So – jetzt hab ich euch genug geuzt. Aber Ehepaare sind zu trennen. Kommen Sie, Alfred Godwein. Ziehen wir uns in den Schmollwinkel zurück.« Sie wurde von ihm an ein Sofa geleitet, wo er sich auf einem Seidensessel neben ihr niederließ. Gonßen und Elisabeth saßen in einem Rokokodiwan, rund wie eine Wanne. Er flüsternd vorgebeugt, sie zurückweichend im Bug der Lehne.

Beiderseits entspann sich das eifrige Gespräch und versank bald in den Flüsterton. Manchmal erhoben sich die Blicke, durchquerten den Raum, trafen sich – flüchtig ein Nicken und Lächeln – und tiefer verstrickten sich die Augen und Worte aufs neue hüben und drüben bei jedem Paar.

Weißlackierte Flügeltüren wurden aufgestoßen. Zwei Kammerdiener in blauen Livreen rahmten den Durchblick in den reizenden Speisesaal. Nur ein kleiner Raum, von warmer Wohnlichkeit durchstimmt, so daß unwillkürlich ein leichter Aufschrei des Entzückens den Geladenen entfuhr, als sie sich vor diesem Ausblick erhoben.

»Ja,« sagte Gonßen, als sie über die Schwelle traten, »so waren wir einst!«

Der Biedermeierton überwog. Einige schöne Gemälde schimmerten über der Politur der Kommoden und Glasscheibenschränke. Hinter den Vitrinen wie auf dem runden Tisch der Tafel prangte Porzellan aus den großen Manufakturen. »Und das hat er nun alles liebevoll für uns gerüstet, – selber die Bestecke gewählt und gelegt.« Es war ihnen bekannt, daß Gonßen auf der Besitzung eines englischen Edelmanns öfters zu Gast war. Der Lord, ebenfalls unverheiratet, pflegte für kleinste Kreise seiner Gäste das Tafelgedeck persönlich zu betreuen. Die Diener mußten ihm Gold und Silber reichen, er legte es eigenhändig hin. Dieser vornehmen Sitte war der Gastgeber heute nachgekommen. Mit stummem Wink wies er die Plätze an und sank mehr, als daß er sich setzte, auf seinen Sessel. Er tupfte sich die feuchten Augen mit dem Seidentüchlein der 181 Brusttasche. Seine Hände legten sich mit gekreuzten Flächen an den Tischrand: »Tränen sind auch ein Tischgebet. Laßt uns fröhlich sein!« Und indem er die Diener mit den Schüsseln und Krügen herantreten hieß: »Langt zu, langt zu, meine Freunde!« Mit den blauen Forellen im hellen Mosel schwamm die Unterhaltung ins weltpolitische Fahrwasser hinein.

Mit der Generalstochter ging es durch: »Der Teufel hat sein Spiel lange genug treiben dürfen. Wir Deutschen haben große Dummheiten begangen.« Ihr Zorn entzückte Gonßen, weil er ihr so lieblich zu Gesicht stand. Aber er war doch weit davon entfernt, ihr in allem beizustimmen. »Es scheint mir Gefühlspolitik zu sein, verehrte liebe Gnädige, was Sie da treiben,« nickte er ihr zu. Beinahe über den ganzen Hauptbestand des Diners erstreckte sich nun die politische Unterhaltung – vier Personen, vier Parteien.

Elisabeth Godwein gehörte zu den Frauen, deren kluge, regelmäßige und schon etwas scharfe Gesichtszüge sich beim Ausbruch übermäßiger seelischer Unruhe mit aufleuchtender, staunenerregender Schönheit erfüllen. Auch Oli Fay wurde davon betroffen. Sie ließ sich von einem Schwall innerer Genugtuung erfüllen, als ihr das Weib so begehrenswert erschien, über das sie eine Zeitlang obgesiegt hatte. Sie fuhr in großer Ehrlichkeit auf; sie spürte, wie Godwein hilfsbedürftig ihren Blick suchte. Nein, darunter sollte nun also heute der Strich gezogen werden. Wenn ihm das Blut klopfte, sollte er Halt und Trost nicht länger bei ihr suchen – sie wollte es so – damit sollte es vorüber sein!

So warf denn die Künstlerin ihre Hand abweisend zur Seite: »Wo haben Sie denn Ihre Augen? Was schauen Sie mich an?« Auch für Gonßen stand das Glück des Abends auf der Messerspitze dieses Augenblicks. Er erhob sich, um dem erlangten Gleichgewicht der Freundschaft Festigkeit zu schenken:

»Liebe Freunde, wie wär's nun mit Goethe? Ihr lacht – ich und Goethe, wie kommen die beiden zusammen? Nicht wahr? Bin als 182 etwas unsicherer Literaturfreund bekannt. Pferde und Bilder und Münzen und Porzellan – das wohl. Aber Bücher? Und gar Goethe? Nun, lacht nur! Es gibt die Wahlverwandtschaften. Die las ich. Nicht alles gleich aufmerksam. Weiß aber, was drinsteht. Ja, was denn? Ehepaar – untadelig. Über alles Lob erhaben. Dazu ein Freund. Dann eine Freundin. Der Ehemann neben der Freundin, jawohl. Und wie kam's? Der große Goethe wußte Bescheid, wie's kam. Chemisch – chemisch ist es gekommen. Natürliche Bindungen – Affinitäten im Reiche der Seelen. Legierung, hol's der Kuckuck! Dadurch entsteht etwas, das zugleich neu ist, auf das aber die Welt aufbauen kann, wie auf einem Grundlager – die menschliche Gruppe, die etwas weiter reicht als die blutsverwandte Familie, aber hoffentlich hält sie ebenso fest wie diese –« Er hob den flachen Kelch, der Schaum perlte. Seine Hand stieg empor. Unbeweglich blieb sie ausgestreckt. Der goldene Spiegel schwankte nicht in der durchsichtigen Schale. Er wendete sich voll an seine Nachbarin zur Rechten. Sein Blick griff zu nach dem goldbraunen Ton ihrer blickenden Augen: »Ihr Wohl, meine liebe Gnädige! Ich denke, wir wollen Frau Elisabeth Godwein hochleben lassen.« Er verneigte sich langsam und tief.

Es kam nun darauf an, ob sich alle vier Gläser freudig und ebenbürtig kreuzten. Es geschah. »Hoch Frau Elisabeth!« rief die Künstlerin und stieß als zweite mit ihr an. Dann traten die beiden zurück und ließen die Pause anschwellen, während der das Ehepaar die Gläser klingen ließ und sich schweigend zutrank.

Man saß wieder, das Stillschweigen drohte überhand zu nehmen. Niemand sprach ein Wort, das weitertrug. Da rollte Oli aus ihrem Weißbrot eine Krume zur Kugel und spickte sie mit schnellendem Fingernagel hart am Gesicht des Geheimrats vorüber. »Das haben Sie gut gemacht, Gonßen – –« lachte sie. Auch Frau Elisabeth drängte es, nun aus sich herauszugehen. Hatte Gonßen das vorbedacht? Sie glaubte ja, er hatte es. Kein Zweifel war möglich, er 183 wollte an ihnen allen eine stille Tat der Freundschaft begehen. Und da war er denn auf diese seltsame kleine Rede über Goethes Wahlverwandtschaften verfallen.

Sie neigte sich ihm huldvoll zu und sagte bescheiden: »Auch ich danke Ihnen schönstens, Herr Geheimrat. Sie wollten uns eine Freude bereiten. Es ist Ihnen vollauf geglückt. Da sieht man wieder einmal, wozu Bücher taugen, allerdings müssen es dann gleich die besten und größten sein, solche, die ihr Jahrhundert durchhalten. Zufällig einen Band Goethe zur Hand genommen, darin geblättert, ein paar Szenen wiedererkannt, aufmerksam geworden – zufällig? Waltet überhaupt jemals Zufall? Wenn erst alles so gekommen ist in der nahen Verbundenheit einiger weniger Menschen?« Flüchtig lächelte sie auf und vergewisserte sich mit einem forschenden Rundblick, man höre zu, sie dürfe weitersprechen: »Ich erinnere mich meines ersten Balles. Sie waren anwesend, Herr Geheimrat. Gardeleutnants korrekt und schneidig, tadellose Manieren, unvergleichliche Tänzer – tanzten damals noch den sechsschrittigen Walzer. Wie wir dahinschwebten? Himmlisch! Nicht wahr, wir erinnern uns?«

Gonßen ergänzte. Mittelpunkt war sie gewesen. Das Quitzowsche Blut in ihren Adern sprach sich herum. Generäle und Hofleute umgaben sie, begrüßten sie, richteten schmeichelhafte Worte an sie. »Jaja, die Quitzows, ungezähmtes Blut, Urkraft!« Ein hoher Vorgesetzter ihres Vaters sprach es an ihr vorbei.

An einer Tafel, wie es die war, an der sie saßen, leuchteten diese vergangenen Dinge mit ihrem verblichenen Zauber in gespenstischem Glanze auf. Dieses Porzellan, diese Aufsätze und Figuren zwischen Blumenduft auf kostbaren Tüchern! Auch Oli Fay bat, doch zu erzählen. So gab sie wohlerzogen, mit einer leichten Beschämung Bescheid. Gewiß, ihre Eltern hatten bei Hofe verkehrt, und sie hatte einmal eine Cour im Berliner Schloß mitgemacht, mit siebzehn Jahren, im Weißen Saal. Die Kaiserin küßte sie auf die Stirn. Ein andermal überreichte sie dem Kaiser einen Strauß, bei einer 184 Regimentsfeier. Er war aber sehr übel bei Laune, stach zum Gruß mit einem Finger nach dem Helmrand. Ja, wahrhaftig, mit einem einzigen! Sie glaubte sich schuld und wäre am liebsten in die Erde versunken. Majestät hatte sich aber eine Stunde vorher über einen sozialistischen Bürgermeister geärgert, wie sie nachher erfuhr. Zum Glück hatte es ihrem Vater für die Beförderung ins Divisionskommando nichts geschadet. Das war nun alles vorbei!

»Aber Elisabeth, das höre ich zum ersten Male, mir erzählst du nie!« meldete sich der Gatte und wendete sich dem Gastgeber zu. »Nur unter Ihrem Dache löst sich ihr die Zunge ungehemmt, sobald sie ihrer Vergangenheit gedenkt. Begreiflicherweise nur hier!« Gonßen machte sich diese Anerkennung gern zunutze, indem er mit weiterer Nachfrage nach bekannten Personen und Örtlichkeiten ihre Mitteilsamkeit rege zu halten verstand.

Warum sollte sie sich weigern? Dieses eben eingenommene Gastmahl, das jedem Hofe von Anno dazumal wohl angestanden hätte, wurde in seinen Speisen und Getränken durchdrungen von unsichtbaren Seelen verklungener Zeit, geweckt von kindlichen Gefühlen und von ihnen mütterlich durchzittert. Diese Kapaune mit Trüffeln gewürzt, Gänselebern um Artischocken gelagert! Und der Johannisberg Schloßabzug mit seinen dreißig Jahren puderte mit blumigem Wohlgeruch die Luft noch lange, nachdem er die Zunge letzte.

Das Gedächtnis der Frau Elisabeth beherbergte Gestalten von einst in reicher Reihe, eine um die andere entwandelnd und von den Zuhörern froh bestaunt. Der alte Landrat von Diest, der Oberstleutnant außer Dienst von Gontard, der Landwirtschaftsminister von Zitzewitz, der sich ›mit dem Lausekanal nicht vor den Bauch stoßen‹ ließ, – alle lebten sie auf die anschaulichste und drolligste Weise auf. Feine alte, von Stolz oder Enttäuschung gedämpfte Edeldamen sprachen ihr kluges Wort. Die seidenweiche, grau und grüne märkische Landschaft wirkte sich in künstlerischer Zeichnung ein. Die drei Zuhörer lauschten unverwandt mit Anteil. »Gobelin 185 – Gobelin – was Sie uns da erzählen, ist Gobelin. Sie sticken es mit kunstvoller Hand,« lobte Gonßen.

Oli Fay verlor unverkennbar ihre zerstreute Laune, die sie sonst immer befiel, wenn sie längere Zeit nur zuhören mußte. Sie legte auf dem aufgestützten Ellenbogen ihr Kinn in die offene Hand. Ihre Augenwimpern klemmten sich zusammen. Ihre Nasenflügel gingen in vernehmlichem Atem sichtbar auf und nieder. »Es ist schön, was sie sagt, – und sie sagt es schön!« raunte sie halblaut in braunem Singen vor sich hin, »ich bin ja eine halbe Bolschewistin und manchmal eine ganze, wie ihr wißt. Aber immerzu – ich horche.«

Nach einiger Zeit freilich entrollte ihr rundes Haupt der Schale ihrer Hand, in der es lauernd lag. Vor ihr stand in silbernem Kelche ein eisüberzogener Riesenpfirsich. Unruhig begann sie daran herumzulöffeln. Als auch Frau Elisabeth schwieg und aß, schlug die Künstlerin gebieterisch die Handfläche am Tischrand auf. »Ich werde euch heute abend etwas tanzen,« versprach sie.

»Aber vorher geben Sie uns auch aus Ihrem Leben etwas zum besten,« lautete die Aufforderung aus Frau Elisabeths Munde, »ich bin mit dem guten Beispiel vorangegangen. Das Erzählen ist nun an Ihnen, Frau Oli.« Godwein warf seiner Frau einen guten Blick zu. Er war glücklich, daß es im Leben seelische Kräfte gab, die Gewesenes, das Künftigem hätte hinderlich werden können, sanft und sicher aus der Welt schafften. Im Geschäftlichen war eine gründliche Liquidation kaum jemals etwas Erfreuliches. In Angelegenheit des Gemütes, so selten es dazu kam, war es das gar sehr, und alle trugen aufs beste dazu bei.

Gonßen erhob sich mit zögernder Anfrage an Frau Elisabeth und rundete seinen rechten Arm. Die Damen legten ihre linken Hände auf die Ärmel ihrer Begleiter und wurden in ein arabisches Rauchzimmer geführt, wo betäubender Mokkaduft die heiße Luft schwängerte. Sie ließen sich auf kleinen Hockern vor einem niederen Tische nieder. Auch Frau Godwein wies die Zigarette nicht zurück. 186 Das Goldmundstück klebte schwebend an ihrer geraden Unterlippe. Ein zierlicher Zimmerwagen fuhr die buntbeschildeten, bauchigen Flaschen mit den süßen Branntweinen herein. Das Ehepaar, hierin gleichen Geschmackes, wählte einen goldgelben Kartäuser aus der Zeit, da jene Mönche noch vom Staate geduldet wurden. Zwischen Oli Fay und Gonßen hingegen entbrannte ein Wettkampf für eine möglichst verfeinerte Mischung einiger dieser rosen- und rauchfarbenen oder gar wasserklaren Getränke. Die Tänzerin träufelte sich einige Tropfen auf die Zunge, ließ sie zergehen und legte die Vorzüge dieses ausgeklügelten Genusses dar. Man erwog verbotene und gefährliche Reizmittel und die Gründe ihrer unwiderstehlichen Verlockung, die Sinnestäuschungen und Trugbilder der Rauschgifte.

Bis sich mit einem Male eine Doppeltür auseinanderschob nach einem langen, leeren, silbergrauen Saale. An seinen Wänden standen Lorbeerbüsche in mäßigen Abständen. Anton, der alte Diener, brachte der Künstlerin die Karte mit der gedruckten Angabe der vorhandenen Schallplatten. Sie traf ihre Auswahl und ließ sie von den Freunden genehmigen. So ging der Abend zu Ende mit einigen unvergleichlichen Gestaltungen ihrer ausdeutenden, körperlich-seelischen Kunst.

 

Nach ihrer Heimkehr bat Frau Elisabeth ihren Gatten noch zu sich in ihr Zimmer. Er hatte es nicht mehr betreten seit jenem Abend, da er, vom Diener an den Apparat gerufen, sie mit dem Geheimrat unter der Lampe allein zurückließ. In denselben traulichen Schein kehrte sie nun mit ihm zurück. Beide saßen sie sich im Feierkleide gegenüber. Godwein im Stuhle, in dem er damals seinen Freund sitzen sah.

Sie sagte zu ihm: »Lieber Alfred, es darf zwischen uns nichts anderes sich begeben haben, als daß du deine volle Freiheit behältst, nachdem du sie dir genommen hast. Ob ich sie dir je raubte oder auch nur beschnitt, vermag ich nicht zu ergründen, so sehr ich in 187 mich gehe. Selbst wenn das starke Gefühl, das uns so lange trug, zwischen dir und mir hätte dahinfallen müssen, so bände uns ja doch die gemeinsame Hut unserer geliebten Kinder, – wie du weißt, gedeihen sie herrlich. Um ihretwillen darf keine Stunde zwischen uns tot sein. Ich muß – nein, ich will, ich darf – die Deine bleiben, wie ich sie immer war, magst du dich wenden, wohin es dich treibt. Meide mich also nicht! Selbst wenn ich das im Zorn von dir fordern sollte, ersparst du mir damit nichts, was sich ersparen ließe. Wir können ja voreinander schweigen, nur dürfen wir die natürliche Nähe darunter nicht leiden lassen. Jederzeit kann der Augenblick da sein, der verlangt, daß wir miteinander reden. Verstehe mich wohl – über alles reden – über Kinder, über Geschäfte, und was immer du mir anvertrauen willst. Das andere mag deinem Schweigen angehören. Mein Schweigen, was für eines mir auch auferlegt werde, soll unverbrüchlich sein. Das wollte ich dir noch sagen, lieber Alfred, ehe dieser Abend für uns zu Ende geht. Vielleicht wird er der schönste meines Lebens bleiben.«

»Elisabeth!« rief Godwein bewegt und suchte sehnsüchtig durch den matten Goldton des Lampenscheins hindurch den goldbraunen Glanz ihrer Augen.

 


 

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