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Carl Albrecht Bernoulli: Ull - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleUll
authorCarl Albrecht Bernoulli
year1931
firstpub1931
publisherGrethlein & Co
addressZürich / Leipzig
titleUll
pages352
created20140222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

1

Privatdozent Sulzer machte ein spitzbübisches Gesicht, als er sich in seinem drehbaren Schreibtischsessel herumwarf: »Also erleb ich's doch noch! Er kommt zu uns ins Städtchen gefahren!« Heinrich entnahm der linken, über die Schulter gereichten Hand, er störe den Freund, abgesehen davon aber sei er herzlich willkommen!

»Mir sind die Setzer auf den Hacken. Der Artikel muß auf die Post. Du kommst eine halbe Stunde zu früh.« Heinrichs Einwände verfingen nicht. »Unsinn! Unser Fremdenzimmer wartet längst. Wir holen dann zusammen dein Handgepäck – muß noch anderthalb Seiten ins reine schreiben – verkrieche dich so lange in meinen Klubsessel –« Schon wendete der Schalk den Rücken und beugte sich über sein Manuskript.

Heinrich griff nach dem aufgeschlagenen Band des Konversationslexikons und verfing sich in den Spalten des Artikels ›Fabrik‹, vertiefte sich in die Tabelle der Organisation. »Ja, da oben in der Mitte sitzt Godwein, zusammen mit Gonßen. Im Viereck unten die Dohm, mit mir daneben – heißt das, wenn ich erst mal da wirklich unterkomme. Sekretariat, Personalbüro, schön, schön! Und wo 57 treibt sich hier eigentlich der wackere Schultze herum? Natürlich unten in der ausführenden Abteilung der Betriebsleitung, er herrscht in der Werkstatt.«

»Letzte Seite!« Sulzer legte mit wippender Hand den Löscher über nasse Zeilen und warf einen Schelmenblick hinter sich. »Harre aus, lieber Freund!« Wieder unterbrach nur seine gleitende Feder die Stille.

Heinrich suchte sich ein befreiendes Gefühl zu erklären. Wovon fühlte er sich erlöst in der Nähe seines Freundes? . . . Ihm im Rücken öffnete sich die Tür mit Zugluft und Klinkenschnappen. »Nein, aber so was!« Vor ihm stand die junge Hausfrau. »Ich werde als Luft behandelt! Willkommen, Herr Ull! Du bist mir eine Erklärung schuldig, Otto!«

»Aber Lotte – sonst so stolz auf unser Wohnzimmer! Bitte, zieht euch doch gleich dahin zurück! An der glücklichen Eingebung der letzten zwanzig Zeilen hängt unser Leben und unsere Seligkeit.« Auf seinem ihr entgegenflehenden Gesicht faltete die Verzweiflung hundert Furchen. Dabei saß er nach wie vor und drehte sich nur in der Schraube seines Sitzes.

Frau Lotte Sulzer war die Tochter des Dr.-Ing. Ettram. »Otto, du bist schon mehr wie komisch – dann kommen Sie eben rüber.« Und als sie einen Vorhang vors Fenster zog, das Erkerzimmer betretend: »Sie ertappten Sonntag unser Auto auf frischer Tat, als es Panne hatte. Wir sollten mitfahren, es war nicht daran zu denken. Otto ist in einem Zustande, der sich nicht beschreiben läßt. Alles wegen eines nichtsnutzigen Artikels! Immer markiert er den Sportler, als gäbe es auf der Welt nur Tennis und Faltboote. Dabei ist er der rührendste Philister. Ich kann mir wirklich keinen besseren Hausvater wünschen, für alles, was noch kommen soll. Aber nun erzählen Sie mir mal, wie es um Sie steht. Sie befinden sich ja auf dem besten Wege, die Welt in die Tasche zu stecken. So höre ich sagen, hoffentlich ist was dran.« Prüfend sah sie ihm 58 in die Augen. Eine scharf vorspringende Hakennase verschärfte ihr kluges Gesicht. Sie schlug ihr linkes Knie über das rechte und steckte sich eine Zigarette an, auch als Heinrich ausschlug zu rauchen. »Nun aber los – Sie haben doch nichts zu verbergen – wir sind neidisch auf Sie.« Und als er einwandte: »Was gibt es da zu berichten, verehrte Frau Doktor, das wird ja doch alles erst noch,« bekam er die bestimmten Anhaltspunkte vorgelegt, die von seinem neuen Dasein hierzulande bekannt waren. »Frau Godwein soll sich sehr viel auf ihre adelige Abstammung zugute tun.« Er bemühte sich, ihre Hingebung an die Familie zu veranschaulichen. »– Das Muster einer Mutter – sie geht völlig in den Kindern auf. Ich sage, wie ich's sehe.«

Frau Lotte Sulzer rümpfte leicht die Nase. »Dafür ist dann vielleicht er ein ganzer Parvenü, stelle ich mir vor. Nun, ich verstehe, es ist zur Zeit nicht an Ihnen, das fremden Leuten zuzugestehen. Aber was so mein Vater gelegentlich zum besten gibt, er bekommt diesen Godwein von Zeit zu Zeit zu genießen.«

Heinrich ließ sich gelassen mitnehmen: »Sie sind nicht umsonst die Gattin eines Physikers, Sie machen eine Röntgenaufnahme von mir.«

Kam nun wohl auch die Mutter-Waschfrau aufs Tapet?

Doch nicht! »Die älteste Tochter ist die rechte Hand von Oli Fay – zusammen mit Mirjam Lanz. Die kannte ich in der Schule ziemlich gut. Sie ließ mich auch schon grüßen und mir sagen, sie werde mich besuchen. Die Ehre wird sie mir wohl kaum erweisen. Das sind doch alles Halbgötter. Die fühlen sich über uns andere Sterbliche erhaben.« Otto habe schon gesagt: Heinrich, der hat sich ausgestrichen aus dem Buche meiner Freundschaft. »Ich gönn es ihm, daß er Sie wieder hat. – Hören Sie nur!«

Ein unartikulierter Freudenruf im Flur: »Heinz ist da!« Schon stand Otto im Rahmen der aufgestoßenen Tür. »Und das ist alles, was du anbietest – erfreust dich seiner angenehmen Gegenwart – 59 fragst nicht, ob er hungrig und durstig sei?« Frau Lotte gebot Einhalt. Sie hätten wohl Wege zu machen – dann brächten sie den guten Appetit mit heim.

 

»– Ich habe dich wahrhaftig verlorengegeben,« sagte Otto, als sie aus dem jungen Villenviertel stadtwärts schritten. »Du wirst deinem Reisegepäck eine Dissertation entnehmen. – Wem bringst du sie? Dem Nationalökonomen?« Er deutete auf die ziemlich angefüllte Aktenmappe unter Heinrichs Arm. – »Ich mache dem Mammon keine Zugeständnisse!« beteuerte Heinrich und bat den Freund, ihn bis vor die Tür des Philosophen zu begleiten.

Zum Essen fand sich eine junge Dame ein. Sie gehörte ebenfalls der Gilde der neuen Tanzkunst an. »Sie ist nur extravagant, weil sie im Grunde sonst zu vernünftig wäre,« lautete die Voranzeige der Gastgeber. Und schon huschte die kleine, überaus zierliche Person herein.

Diese Margot Seise, übrigens ursprünglich im Gesang ausgebildet: Eine rassige Wildkatze mit Samtpfoten und versteckten Krallen drin, war auf den ersten Blick Heinrichs Eindruck. Sie sang, von Sulzer begleitet, geschmackvoll am Flügel. Kostbar waren vor allem ihre Reden und Gebärden, da sie selbst fast dinglich wirkte. Nippsache Weibchen, zuckte es aufs neue in ihm auf. Sie hatte um ihre zarten Gelenke des linken Fußes und der rechten Hand Spangen aus Zedernholz gekettet. Die mattpolierten Holzkugeln fügten sich in Form kleiner Fäustchen zueinander. Ein grüner Halbedelstein deckte ihr ein oberes Fingergelenk zu, und ein Halsband aus ähnlichem Material zeichnete sich auf ihrer Brust ab.

Die junge Tänzerin hielt nicht viel von der Vergeistigung der Leibesbewegung. Der angebliche Ausdruck sei ja doch immer nur ein literarischer, gedankenhafter Anstrich. Der mit voller Meisterschaft bewegte Leib habe wohl seine Sprache – aber der Schauplatz wahrer Tanzkunst bleibe doch das klassische, das alte Ballett. 60 Spitzentanz? O ja, da war sie durch. Aber den konnte sie doch jetzt nicht vormachen hier, in Straßenschuhen!

Angeregt saß Heinrich im Nachtzug. Sich zurechtsetzend, wischte er sich völlig wach. Was Gonßen-Godwein hieß, war noch lange nicht alles. Daß seine vorläufige Brotbeschäftigung ihn jemals gänzlich einwickeln werde, das sollte sie sich nicht einbilden. Er war frei, er blieb frei – man schuf sich nur aus sich selber.

 

2

Heinrich Ull und die Dohm standen auf einem kameradschaftlichen Fuße. Er wurde jedoch mißtrauisch.

Die Prokuristin war etwas älter als er; ihn reizten an allen Menschen, solange er verhältnismäßig von ihnen noch wenig wußte, ihre ihm unbekannten Hintergründe. Solche witterte er bei ihr eine Anzahl. Ihre kecke, unerschrockene Art, mit allen im Geschäft umzugehen, auch mit ihr Übergeordneten, ließen auf innere Unabhängigkeit schließen. Sie sorgte außer für die verwitwete Mutter auch noch für die Nachkommen einer ins Unglück geratenen Schwester. In ihrer leiblichen Erscheinung gefiel sie ihm nicht übel. So ergab sich eine geheime Unruhe.

In einer Frühstückspause – die ausgewickelten Papiere knisterten, und sie ließ ihr blankes, aufsehenerregendes Gebiß an der Wurstsemmel spielen – fing er davon an: »Hören Sie mal, Dompfaff – Sie schauen mich manchmal so lieb von unten her an.«

»Könnte stimmen,« sagte sie kauend, »verliebt bin ich nicht in Sie. Aber vielleicht auf dem Wege dahin.«

»Immer geschäftlich, auch wenn's Herz spricht, das ist so die Hilde Dohm.«

»Was zusammengehört, soll sich's eingestehen, finde ich.«

»Sie wollen irgendeinen wohltätigen Verein zwischen uns beiden gründen, weiter scheint es nicht zu reichen. Wem soll denn geholfen werden, Ihnen oder mir?«

61 »Mir,« sagte sie in bestimmtem Tone und schaute ihn traurig an. Es war kein Augenaufschlag noch sonst ein weibliches Theater dabei. Er bekam den Eindruck, daß es nicht zum besten um sie stand.

»Ich brauche nicht zu fragen, wo's Ihnen fehlt. Ich weiß es. Zwei sind hinter Ihnen her. Und da guter Rat wieder einmal teuer ist, so legen Sie die Leimrute nach einem jüngeren Gimpel aus.« Er nickte mehrmals zackig nach ihr hin. »Jawohl, Hilde!«

»Das ist abscheulich von Ihnen,« wehrte sie sich, »Sie wissen, weiß Gott woher, wie es um mich steht, und behandeln mich so!«

Nun gab er sich ein Ansehen – er halte es für Kraftvergeudung, ihm schönzutun, wenn man bloß sein Vertrauen erwerben wolle. – »Ein bißchen besser hätten Sie mich kennen sollen. Eigne ich mich zum Lückenbüßer?« Sie mußte lachen. Er solle sich nur nicht gleich wieder anstellen.

Sie hatte es in der Gewohnheit, auch diesen raschen Imbiß wie eine Mahlzeit zu behandeln; so zog sie jetzt das Mundtuch aus einer schmalen Zeugtasche hervor und rieb sich nach dem Genuß ihrer beiden Butterbrote angelegentlich die Lippen sauber. Warum sie es damit diesmal besonders gründlich nahm, ergab sich erst, als sie sich hinterher rasch erhob, auf ihn zusprang und ihn mitten im Zimmer in ihre Arme einfing, um ihm auf die linke Wange einen kräftigen Kuß zu drücken. Eine flinke Gefangennahme. Wie geschehen, auch schon vorüber. Sie trat mit Erleichterung an ihr Pult zurück: »Da haben Sie nun Ihr Teil, Heinz Ull. Sie muß man ein bißchen züchtigen.«

»Ich verbitte mir das,« rief er ihr verdutzt nach. Seine Entrüstung war nicht einmal geheuchelt. Als demütigend empfand er, daß der Widerspruch nur in seinem Gehirn vor sich ging. Die stumme und weiche Gabe ihres Mundes brannte ihm lieblich im Antlitz; er hatte die warme Schutzhülle ihrer Arme eine Sekunde lang wunderlich angenehm empfunden. Am meisten verdroß ihn die kleine 62 Meisterschaft, mit der die Unziemlichkeit vorgenommen worden war, da sie Übung voraussetzen ließ – ja – durch vorangegangene ähnliche Prozeduren an anderen erworbene Übung!

»Ach ja, ich habe ihre männliche Würde mißachtet!« rief sie noch. »Ich denke, es ist nun gut, wir wollen uns wieder vertragen.« Schon setzte sie sich hin und ließ die Geschäftspapiere durch die Finger gleiten.

Ull folgte ihrem Beispiele kleinlaut. Er war in Abhängigkeit geraten. Eben weil es nur eine Bagatelle war. In etwas anderem bestand ja der Unterschied der Geschlechter nicht, als daß solche vermaledeite Hexen tüchtige Kerle, wie er einer war, so richtig dranbekamen! Immer waren sie schlau. Wie treffend sagte sie ihm auf den Kopf zu, zuerst muß die Berührung da sein, ein Zusammenhang hergestellt werden. Auf den allein sah es ein Weibsbild ab. Die Vereinsgründung zwischen ihr und ihm hatte nun also stattgefunden! Diese Gedanken gaukelten um seine Arbeit in der nächsten Stunde, ohne ihn zu stören. Er überlas Notizen.

»Wir müssen gehn.« Die Dohm packte ihren Notizblock und die Stifte zusammen. Mit einem darunter ging sie noch an die Spitzmaschine und drehte die Kurbel, prüfte auch alle anderen auf der Haut nach. Sie stachen empfindlich.

»Ach, es ist wahr – Sie führen Protokoll,« fiel es ihm ein.

 

3

Vor achtzig Jahren hatte ein kräftiger Schmied eine Esse betrieben und war dann zum Maschinenbau übergegangen. Sein Name war Wilhelm Gonßen. Die beiden Söhne Wilhelm und Fritz widmeten sich dem aufkommenden Bedarf nach elektrischen Einrichtungen. Die letzten drei Jahrzehnte brachten den Hinübergriff nach der Wasserkante und in den Geldhandel. Heute bestand unter der Eintragung ›Aktiengesellschaft Gonßen‹ eine einheitliche Gruppe großer Geschäfte – Maschinenfabriken, Kraftwerke, Reedereien. Nur der 63 ›Industriering‹ war noch größer. Das Übergewicht an Aktienbesitz besaß der Geheime Kommerzienrat Dr. jur. Kurt Gonßen. Ein Herr von wenig mehr als fünfzig Jahren.

Unzählige Male schon hatte sich der deutsche Krösus, wie sich von selbst versteht, allen möglichen Malern und Bildhauern überlassen müssen. Wer Herr seiner Kunst war, der nahm den schlanken, hochgewachsenen Mann von der Schmalseite her in Angriff. Der Stiftzeichner einer satirischen Wochenschrift fing, wie es der Witz dieses schelmischen Genies war, den elastischen, schon zum Ansehen liebenswürdigen Körper in einer einzigen Linie ein, die am Hinterkopf, im äußersten Punkte des Langschädels entsprang, von da sich über den kahlen Grat und die schöne Stirn nach dem kühnen Vorsprung der Nase schwang, dann in Hals, Brust und Bauch nur Einbuchtungen auswies, um alsbald im Kurvenansprung der gebügelten Hosenfalte der ganzen Gestalt ihre eigentümliche Betonung zu verleihen. Der lebendigen Erscheinung haftete von dieser Übertreibung eines geistreichen Spötters nur wenig an. Ein eleganter, sorgfältig gekleideter Weltmann von gutem Blut und ebensolcher Erziehung, der stets bereit und nie verlegen war, wen es auch zu empfangen galt! Er bestellte im letzten Augenblick Ull und die Dohm auf eine halbe Stunde später, weil hoher Besuch eintraf.

Am ›Aufgang nur nach Anmeldung‹ fuhr ein Reisewagen vor. Die selten gewordene Uniform blinkte auf. Zwei Offiziere stiegen aus. »Nanu, richtiger Palast, wie einst bei Fürstens!« bemerkte der General zum Adjutanten. Über den Läufer weg schütterten die Schritte im leisen Sporenklirren. Etwas von Parade und Gala lag in der Luft. Die Türen wurden mit Hochdruck aufgerissen.

Der Geheimrat empfing die Abordnung im sogenannten Burgsaale, das Feldgrau mit dem matten Goldbesatz am Kragen.

Der General, als er saß: »Wir sind uns ja durchaus bewußt, wo wir uns befinden, Herr Geheimrat! Die Kriegsmacht muß zur Zeit die Pfeifen ein bißchen einziehen – katzenbuckelt vor Industrie. 64 Gonßen AG. steht außer Vergleich. Der Deutsche singt wieder mit Begeisterung wie einst als Junge: Wer will unter die Soldaten – der muß haben ein Gewehr, das muß er mit Pulver laden – nur knallen soll's nicht mehr –. Die Reichswehr interessiert sich für Ihr Patent.« Dabei sank die Exzellenz tief in die Ledermuschel zurück, löste den Streifen von der angebotenen Zigarre und neigte sich dem Diener mit dem Feuerzeug zu. »Was ich noch sagen wollte – heutzutage wird alles erst reif geraucht, ehe man dran denkt, es auszuführen, wenigstens von uns anderen Sterblichen. Die Schlotbarone rauchen sowieso, auch ohne Zigarren, Tag und Nacht. Ich komme zur Sache.«

Er setzte sich aufrecht und saß straff da: »Unser Land hat ja doch immer noch etwas nachzulegen. Ist es nicht die Wissenschaft, so ist es die Kunst, und ist es die Kunst nicht, dann die Wirtschaft. Wir wissen wohl, wie die Wirtschaft von uns denkt.«

Der Geheimrat nickte leicht. Seine linke Hand am aufruhenden Unterarm strich über die Lehne des Klubsessels weg unbeholfen die Luft. »Wir stecken der Chemie ein ganz neues Ziel. Sie soll sozusagen unserem aufdringlichen Maschinenzeitalter Manieren beibringen. Industrie schafft Geld, aber verführt dabei bekanntlich einen Heidenspektakel. Diese Unart wäre ihr abzugewöhnen. Was meinen Sie, Herr General – Chemie, das Schamgefühl der Zivilisation – bringt uns den stillen Schuß und die stille Fahrt. Eine geräuschlose Welt – daß man den Wagen und das Flugzeug nur noch sieht, nicht mehr hört. Zu rauchen hat ja das Pulver längst verlernt. Auch klappern schon die Schreibmaschinen wie im Traume. Nun aber noch das Gewehr, das wohl schießt, aber nicht mehr knallt – der Motor, der wohl treibt, aber nicht mehr rattert. Die Industrie hat genug mit ihren eigenen Sorgen, sie braucht sich solche nicht erst beim Staate zu leihen!«

Die Sprechenden erhoben sich, weil Godwein eintrat. Der Generaldirektor hatte erst gerufen werden müssen. Man wollte sich nicht 65 nochmals setzen. Der Gast bat um den angebotenen Rundgang durch die Betriebe.

Sie betraten den Umgang einer Kuppelhalle, von der sie in den Rundbau hinuntersahen. Dort wimmelte es von Ausläufern und Paketträgern und Postboten. Die Drähte der Fernsprechstelle verkrochen sich bündelweise. Dann begann die Flucht der Säle. Sobald sie einen neuen betraten, erhoben sich zwei oder drei Bedienstete und stellten sich für Auskünfte zur Verfügung. Wandbekleidung, Möbel, Boden nicht abgenutzt, alles satt und wohlgepolstert. Der dicke schalldämpfende Gummibelag unterdrückte die Geräusche bis an die Grenze der Lautlosigkeit.

»Vorbildlich, vorbildlich,« murmelte der General.

Nachdem sie im Erdgeschoß noch die großen Säle der technischen Zentralen und Meldestellen durchwandert hatten und sich auf dem einen oder anderen Reißbrett irgendeinen kunstvollen Riß oder eine Tabelle hatten zeigen lassen, wurden sie in einen Empfangsraum geführt. Auf einem eirunden Tisch war für ein Frühstück gedeckt, es wurden auch noch einige Abteilungsleiter mit zur Tafel gezogen. Um zündrote Hummern zwischen grünen Blättern und mildfarbigen Blumen ragten hochstielige Kelche.

Durch diese Aufnahme wurden die Offiziere sehr aufgeräumt. Daran knüpfte Godwein an, als er sich erhob. Er möchte, wenn es erlaubt sei, von einem gemütlichen Mahl im Familienkreise sprechen. Handle es sich doch bei den anzustrebenden Beziehungen um ein Geschwisterverhältnis zwischen den beiden wichtigsten öffentlichen Gewalten! Familiär betrachtet liege wohl die Sache so: eine jüngere Schwester sei infolge Erbschaft oder Heirat in glänzende Verhältnisse versetzt worden, während ihr älterer Bruder schwer verschuldet sei und auch hinsichtlich seines Leumundes nicht mehr in den besten Schuhen stecke. Und da rege sich nun eben das gemeinsame Blut – die vornehme Schwester lasse den notleidenden Bruder nicht im Stiche, und wenn er auch, als der geborene Edelmann, der er sei, 66 Scheu trage, seiner hochherzigen Gönnerin mehr als gebührend zur Last zu fallen, so habe er doch ein Anrecht darauf, sich geborgen zu fühlen. Untergehen werde er nicht dank der nie versiegenden Fürsorge seiner Schwester für ihn.

Der General suchte mit einem Seitenblick seinen Begleiter und raunte ihm zu: »Der Lump von Bruder sind wohl wir vom Ministerium?« Godwein setzte sich und sah gleichmütig vor sich hin. Er hatte sich vorgenommen, den Bogen straff zu spannen. Die eingetretene Verstimmung paßte ihm, sie lag in der Linie seiner geschäftlichen Berechnung.

Der General nahm sich Zeit. Er hatte soeben eine Grobheit einzusacken bekommen. Gerade gab es zum Nachtisch Eis in glühenden Kuchenteig gebacken! Weniger leicht schluckte sich besagte Taktlosigkeit.

Er wandte sich nun an Godwein: »Mein bester Herr Generaldirektor! Ich habe verstanden, und Sie werden auch verstehen. Ich vertrete hier immerhin den Staat, das Reich, die bewaffnete Macht. Sie haben uns soeben nicht als Ihr Oberhaupt bezeichnet, wohl aber als Ihre Vasallen. Ich möchte Sie zunächst um Ihre Erklärung bitten, ob ich mich in diesem Punkte verhört habe.«

»Durchaus nicht, Exzellenz,« erwiderte Godwein auf das ruhigste, »es war mein Wille, das vor Ihnen auszusprechen.«

»Dann muß ich Ihnen mitteilen, daß ich von Amts wegen empört bin über die Auffassung selbst. Da sind wir ja glatt erledigt. Was hat das Kleid der Reichswehr noch hier zu suchen? Angelockt und mundtot gemacht werden – das sollten wir wohl?«

»Bedaure, die persönlichen Gefühle der Herren haben verletzen zu müssen,« fuhr Godwein seelenruhig fort, als der General mit einem hörbaren Knall sein gefaltetes Mundtuch neben seinem Teller auf den Tisch warf und der Adjutant pflichtschuldigst zur Salzsäule erstarrte. »Die Sache erlitt keinen Aufschub, das Mißverhältnis mußte zur Sprache kommen – keinen Tag später! Wir haben schon 67 zu lange geschwiegen. Wir sind feindliche Brüder geworden. Die Industrie hat sich's Fleiß und Schweiß genug kosten lassen, der Abhängigkeit vom Staate zu entwachsen. Wir wollen uns nicht länger als Schutzhütte und Sparkasse behandeln lassen. Die Industrie kann ihrer Entwicklung keine Schranken setzen. Der Staat mutet uns blinde Treue zu; ich wüßte aber nicht, was wir ihm schuldig wären. Wir zahlen ihm Steuern, damit erhält er sich eine ganze Strecke weit schadlos.«

»Sie kämen weit ohne den Schutz, den Sie sich von uns zu versehen haben,« warf der General in seiner knappen Art ein. »Bei einem Aufruhr zum Beispiel!« Godwein aber machte geltend, da sehe man wieder, wie ahnungslos der Staat denke, wenn er sich für unentbehrlich halte. »Wir hierzulande sind noch gutmütig.« In England, in Frankreich habe sich die Industrie schon mehr als einmal den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, ob sie sich nicht einen allzu kostspieligen Luxus leiste mit ihrer herkömmlichen Ehrfurcht vor den buntbemalten Grenzpfählen der Politik. Die großen internationalen Betriebe brauchten sich ja nur eines Tages zusammenzulegen und auf die Zölle zu pfeifen. »Was sagen Sie dazu, meine Herren? Die Großindustrie, außerhalb des Staates auf sich selbst gestellt, könnte sich, wenn es sein müßte, eine vollständige Kultur halten mit Kunst und Wissenschaft und allen Lehranstalten. Diese schönen Dinge nähren sich ja jetzt schon mehr oder weniger aus unserer Hand.«

»Unerhört!« Der General sperrte seine Augenbrauen zu wahren Brückenbogen, seine Stirnhaut runzelte sich über die ganze Glatze hinweg, als sich unvermutet der Geheimrat Gonßen vernehmen ließ: »Derlei steht ja wohl ab und an in den Zeitungen zu lesen. Tatsache wird das bei uns nie werden. Jede Realpolitik ist eine Maske nach außen. Der Staat kann sie fallen lassen. Dann steht man vor dem Bild der Heimat. Gedenken wir unseres Vaterlandes!«

Godwein verzog keine Miene, er sah mürrisch aus, als er sich 68 an dem Hoch, das nun mit erhobenen Gläsern gebracht wurde, beteiligte. Innerlich atmete er auf. Der General unterschrieb das große Lieferungsgeschäft! Es war gelungen, ihm Angst einzuflößen. Der Kaffee mit dem seltenen Feuerwasser und die ausgesuchten Glimmrüben mochten die Stimmung noch ausreifen. Dann konnte man zur Sache kommen.

Es war etwa um diese Zeit, daß Geheimrat Gonßen mit einem verstohlenen Blick auf die Uhr den Diener über die Schulter flüsternd anwies, Ull und die Dohm eine halbe Stunde später zu bestellen.

 

4

Der Student und die Sekretärin warteten im Sprechzimmer der Direktion, als der Geheimrat eintrat, noch im Nachgefühl seines Trinkspruchs: »Wenn der Staat die Maske seiner Macht fallen läßt, dann steht der Bürger vor seiner Heimat.«

»Herr Ull.« Er winkte sich den Studenten an eine Tischecke heran, so daß er ihm gegenüber saß; die Dohm mit ihrem Notizblock löschte sich irgendwo im Hintergrunde aus. »Wie geht's denn Ihrem Vater? Gut? Freut mich.« Seit Wochen hatte sich Ull auf diese Begegnung eingestellt.

»Haben Sie sich auch schon Gedanken gemacht über das Verhältnis eines Großbetriebes, wie es der unsrige ist, zum Staat?« fragte die kühle Stimme halblaut.

Die Frage saß im Mittelpunkt. »Herr Geheimrat, zu dienen! Ich möchte sagen, der Staat muß sich heute damit begnügen, eine Maske zu sein – er ist nicht mehr wie früher das wirkliche Angesicht des Landes – früher wirkliche Macht, jetzt vorgespiegelte, um nicht zu sagen eingebildete Macht.«

Der hochwandige Langschädel des Großindustriellen schnellte in die Höhe. Der Mund öffnete sich lauschend. »Maske, sagen Sie – der Staat eine Maske? Haben Sie das übrigens aus sich selbst? 69 Wohl bei einem geistreichen Dozenten aufgeschnappt? Riecht mir ein bißchen nach dem Kollegheft, offen gestanden.«

»Ich meine, Herr Geheimrat,« versetzte der Student lebhaft: »mit dem Machtstaat geht es nicht mehr, man vertraut sich dem Wirtschaftsstaat – oder wie man es nennen will.«

Gonßen lehnte zurück. Eine Hand lag am Tischrand auf. Sie war lang und schmal, von edler Formung, die bläulichen Adern traten aus der bleichen Haut hervor. Der junge Mann da war offenbar Sozialist oder neigte nach links. Die Finger an der Hand gingen langsam, fast mühsam auf und nieder, wie bei einem Anfänger auf den Klaviertasten, wenn er Tonleiter übt.

Er ließ die Pause lang werden. »Sie steuern dem sozialistischen Staate zu. Oder, was wollten Sie sagen?«

Jetzt hieß es aufpassen. »Ich betrage mich mit Absicht unpolitisch. In eine Partei werde ich wohl in meinem Leben so wenig eintreten wie in ein Kloster.«

Der Geheimrat lächelte ungläubig: »Jedenfalls haben Sie Talent zur geistreichen Unterhaltung. Ich erkundigte mich doch bei Ihnen nach dem Verhältnis des Staates zur Großindustrie. Ich höre zu. Halten Sie mir Vortrag!«

Über Ulls Gesicht schwebte Freude. Wie ein Rat dem Minister? Wohl denn! »Das Wirtschaftssystem der Sozialdemokratie hat bei uns bereits zwei Fünftel, also bald die Hälfte aller Betriebe, unter die Führung und Kontrolle der öffentlichen Hand gebracht. Uns tyrannisiert etwas Anonymes und Unversöhnliches – uns knechtet das System. Zwar ist man nun so weit, diesen Krebsschaden einzusehen –«

Trotzdem vielleicht nur ein Phrasendrescher? – überlegte Gonßen. »Zahlen, Zahlen – ich muß um Zahlen bitten! Statistik, verehrter junger Mann, drunter tun wir's heute nicht mehr.«

Ull rieb sich mit der Spitze des Zeigefingers grübelnd die Wange. »Er kratzt sich meinen Kuß von der Backe weg,« erwog die Dohm 70 schräg über ihren Block weg und lachte auf den hinteren Stockzähnen, »– umsonst! Wird ihn nicht von der Haut kriegen. Bekommen hat er ihn.«

»Herr Geheimrat, wir gewinnen das Bild am besten, wenn wir die Steuerlisten der privaten und öffentlichen Hand auf dieselben Fabrikate vergleichen. In Berlin versteuert die Privatelektrizität – immer auf hundert Millionen und aufs Jahr berechnet – einen Betriebsgewinn von 10,3 Millionen mit einer Million achthunderttausend, während die öffentliche Elektrizität für hundertsechzehn Millionen nur mit zweieinhalb Millionen besteuert wird. Trotzdem waren die Strompreise nicht billiger – im Gegenteil, der kommunale Tarif berechnet für die Liefereinheit vierundvierzig Pfennig, der private nur vierzig Pfennig.«

Der Geheimrat winkte mit der Hand ab: »So war's nicht gemeint, Herr Ull – man drückt manchmal auf einen Knopf, ohne Ahnung, was dadurch für ein Lärm verursacht wird. Ich dachte mehr, so ein paar harmlose Summen –«

»Ja, meinen Sie vielleicht die dreiundzwanzig Selbstmorde im Tag?« bot Heinrich an, »oder daß der Eß-, Trink- und Rauchbedarf die größten Dividenden abwirft.«

»Ich meine gar nichts, als daß Sie offenbar ein hochgelehrtes Haus sind. Sie machen erst auf der Universität fertig. Das soll wohl bald sein.« Spähend spannte er seinen Blick. »Noch eins möchte ich gern von Ihnen wissen – was halten Sie von Frankreich?«

Darauf war Ull nicht gefaßt. »Von Frankreich? Ich weiß nicht. Ich war nie dort – nie in Paris. Las aber viel – seine Dichter, seine Denker und über sie –, tue das noch. Bin nicht der Meinung, der Feind sei nur zum Bekämpfen da und nicht auch zum Verstehen. Angeeignet habe ich mir ein Goethewort bei Eckermann – die Franzosen seien uns darin große Muster gewesen, den Geist, der sich auf keine Weise mehr unterdrücken lasse, einzuschränken in 71 einer bloß mittelbaren Anwendung. Darum seien sie die geistreichste Nation geworden. Und dann fährt er wohl wörtlich fort: Wir Deutschen fallen mit unserer Meinung gern geradeheraus und haben es im Indirekten noch nicht sehr weit gebracht.« Ull zog die geöffneten Finger, die ihm mußten sich besinnen helfen, von der Stirn zurück.

»Ach so, Goethe?« sagte der Geheimrat und erhob sich, ohne auf ihn zuzutreten. »Guten Abend!« Er begab sich in den Burgsaal.

 

5

Mit überseeischen Jagdtrophäen war der Raum geschmückt. Ein ausgestopfter Haifisch und zwei mächtige Schiffsmodelle hingen an dicken Tauen unter der Decke. Vor dem Kamin ein riesiger orientalischer Teppich, an dessen Rand die Klubsessel. In einen von ihnen ließ sich der Herr aller dieser Herrlichkeiten nachdenklich gestimmt nieder.

Dieser junge Ull hatte ihm doch ganz gut gefallen. Tüchtige Leute, diese Geistlichen! Es hatte wohl etwas für sich, zu heiraten und Kinder zu hinterlassen. Man vertrug dann das Leben besser auf das beginnende Alter zu.

Ihm klebte der Gaumen etwas. Er griff nach der Klingelschnur und ließ sich eine Flasche kohlensaures Wasser kommen. Der Sprudel stand vor ihm in einem Eiskühler. Er nippte das Glas an und dachte vergangener Zeiten.

Den Tiger da hatte er, als Gast des indischen Fürsten, vom Rücken eines der mächtigsten Elefanten mit der Kugel ins rechte Nasenloch getroffen – den Eisbären, auf dessen weißen Zotten die Spitzen seiner Lackschuhe sich verkrochen, erlegte er während einer Grönlandfahrt vom Deck seiner Jacht aus. Und im afrikanischen Urwald, an der Tränkestelle der Dschungel, als die Leoparden kamen, dann eine Giraffe, große Vögel, Reiher und Strauße, zuletzt auch noch ein Löwenpaar – man hatte nicht die Büchse an 72 die Backe gelegt, sondern das Idyll der Raubtiere mit Blitzlicht aufgenommen. Er versank tiefer in Erinnerungen. Plötzlich stand Godwein vor ihm.

»Sie haben wieder einmal Gott versucht, wie Sie mit den Herren vom Kommiß umgesprungen sind.«

Godwein klopfte an die Mappe unter seinem Arm. »Alle fünf Unterschriften hat er mir anstandslos gegeben. So und nicht anders mußte es gedeichselt werden. – Er fragte mich noch einmal ganz betreten, ob die Industrie wirklich beabsichtige, den Staat zu verabschieden. Ich schmückte es noch ein bißchen aus, machte dann aber, daß ich zur Sache kam und enthülste die Goldfüllfeder. Kann ich wohl ein bißchen Kribbelwasser mittrinken? – Und Ull? Munteres Kerlchen, was? Gerappelte Jugend von heute! Kann einem ein Loch in den Kopf reden, wenn's drauf ankommt, nicht?«

»Fix. Nur zu fix!« bestätigte Gonßen. »Das ist ja die auf Räder gesetzte Steuertabelle.«

Es war für Godwein noch ein Glas gebracht worden; er trank einen eiskalten Schluck mit Behagen. Gonßen sah ihm dabei zu und sagte: »Da sitzen wir raffinierten Kulturmenschen glücklich wieder einmal vor dem Quellwasser und sehen die Blasen der Kohlensäure steigen und zerspritzen, wenn sie oben am Rande angelangt sind.« Godwein kannte diese klugen und doch anspruchslosen Aussprüche des Geheimrats. Wie oberflächlich, ihn für einen müden Lebemann zu nehmen, da in ihm weder die Freude am Leben noch die Spannkraft zu dieser Freude erloschen war! Er, der als höflicher und gesitteter Mensch geboren war, mußte einem durchaus rücksichtslosen und unzarten Zeitalter standhalten. Wehrlos sein vor einer Übermacht von Selbstsucht heißt noch lange nicht ängstlich an jeder Ecke nach der Ausflucht spähen und an den lebendigen Kräften zweifeln. So kannte Godwein seinen Senior und Solochef, und diesem reinen und gütigen Menschen galt seine hohe Verehrung! Aber wie lange war man in der Lage, solche Verehrung überhaupt noch einem 73 Zeitgenossen mit gutem Gewissen zu spenden? Menschenfreund sein – war dies nicht seit dem Kriege ein unerträglicher, unerlaubter, irreführender Luxus? Schade! Ach nein – etwas anderes als schade! »Pfui Teufel!« schrie Godwein jäh, und gleich darauf: »Ach Verzeihung!«, als er sah, wie Gonßen zusammenzuckte, denn er hatte sich auch noch dazu mit der flachen Hand auf den prallen Schenkel geknallt.

»Wie denn?« beruhigte sich der Geheimrat in seiner Gesellschaftssicherheit sofort, »Sie reagieren sich Komplexe ab, scheint mir. Dafür klopft nun mein Herz drei Minuten lang doppelt so schnell. Das sind Ihre Erfolge, die gähnende Menschheit mit Schreckschüssen aufzujagen.«

»Es ist mir sehr unangenehm,« entschuldigte sich Godwein. Er schämte sich wirklich, weil er vor dem beherrschtesten Menschen, den er kannte, sich derart gehen ließ, daß er diesem lästig fiel.

»Was haben Sie denn bloß gehabt? Ich wäre gespannt.«

»Mit Verlaub. Ein Glaubensbekenntnis! Meine Weltanschauung läßt sich in jene zwei reizenden Wörtchen zusammenpressen. Sie hörten recht, ich rief ›Pfui Teufel‹!«

»Das ist ernsthaft, hören Sie! Sie verachten die Welt?«

»Es läuft auf dasselbe hinaus, ob ich sie bedaure oder verachte. Sie ist verpfuscht.« Dann saßen sie eine Zeitlang einander vollkommen stumm gegenüber, keiner rührte sich. Die Flasche Sprudel war leergetrunken.

Jetzt mußte es ja kommen, rechnete Godwein. Im etwas vornübergeneigten Haupt, während er die Ellbogen auf die Knie legte, schlug Gonßen den Blick auf.

»Sie wissen, sie ist in Sicht?«

»Oli? Wirklich?«

»Ach, tun Sie doch nicht so, Godwein. Wenn sie mir einmal schreibt, schreibt sie Ihnen zehnmal. So jung bin ich auch nicht mehr, daß ich nicht weiß, wie's steht.«

74 »Bestimmt nicht! Ich versichere Sie, sie kümmert sich um mich nicht mehr.« Er stand auf und fing an, mit langen Schritten auf dem Teppich hin und her zu laufen. Es wurmte ihn. »Ich werde ja von Ihnen daraufhin angesprochen, als wäre Frau Oli Fay meine Geliebte. Davon ist mir heute weniger bekannt, denn je. Ich habe ihr mein ältestes Kind zur Ausbildung anvertraut.« Es klang gereizt. Gonßen hörte Eifersucht heraus. Er hatte ihn über seine Beziehung zu Oli Fay schon viel freier reden hören.

Der Burgsaal entbehrte absichtlich jedes Sprechanschlusses. Die Geschäfte und ihre Verkehrsmittel sollten diesem Raume fernbleiben. Nun wurde von der nahen Telephonzentrale Anruf gemeldet. Und zwar sowohl für Herrn Geheimrat wie für Herrn Generaldirektor. Die Herren wechselten einen Blick. »Sollen warten,« beschied Gonßen. »Ich habe noch drei Minuten hier zu reden. Dann kommen wir in die Zellen.« Der Diener verschwand. »Ich hatte vor, Sie um einen Gefallen zu bitten, lieber Freund. Ich möchte mich gern auf morgen abend zu Ihnen einladen. Ich fühle mich einsam.«

Godwein verstand. »Das wäre reizend. Und gut, daß Sie mir das noch sagen. Es könnte meine Frau sein. Sie meldet sich meistens um diese Zeit. Wird sich gewiß sehr freuen. Um acht Uhr werde ich sagen.« Darauf nahm Gonßen leicht seinen Arm, um sich mit ihm zusammen nach den Kabinen zu verfügen. Geheimnisvoll, gleich zwei Anrufe auf einmal.

»Herr Geheimrat im Fernverkehr, Herr Generaldirektor im Stadtanschluß, wenn ich bitten darf!« Godwein verschwand in seine Sprechzelle. Gonßen verweilte noch einen Augenblick, der Meldedienst fesselte ihn. Die Signallämpchen hüpften und tanzten, waren weg und waren zugegen. Was wanderte da an schwerwiegenden Mitteilungen in die Welt hinaus! Grünes Licht –: wurde ein Dock gebaut – ein Dampfer auf Stapel gelegt, eine Flugmaschine bestellt? Rotes Licht –: wurde ein drohender Aufstand durch 75 Gewährung höherer Löhne vermieden oder in einem anderen Werke gegen Widerspenstige die Sperre verhängt? Ein Telephonschrank wurde aufgerissen – in der farbigen Punkttafel zuckte ein närrisches Gelb in ewigen Ausrufungszeichen . . . »Herr Geheimrat werden dringend gewünscht!« Nun nahm auch ihn die Koje auf.

Zu den beiden Herren sprachen zwei Frauen. Jeder von ihnen beneidete den anderen um die Stimme, die er hörte . . . »Meine Frau ist von Ihrem Vorschlag entzückt. Läßt herzlich grüßen. Wir bitten niemanden sonst,« meldete Godwein. Und Gonßen: »Es war richtig Oli. Läßt ebenfalls grüßen. Haben sich was eingebildet. Ist voll Gnade und Barmherzigkeit. Sei maßlos schreibfaul gewesen, und zum Fernsprechen kein Geld. War jetzt irgendwo in der Nähe. Wollte aber nicht verraten, wo. Unverbesserlich – immer dieselbe Zigeunerin.« Ehe sie sich trennten, beim Blick in die Augen, beim Handschlag, dachte Gonßen an Elisabeth Godwein und Godwein an Oli Fay.

 

6

Gonßen kehrte in seinen Saal zurück. Der Diener mußte Heinrich Ull herholen. Gütigsein ist ein Vergnügen – das reinlichste und gesündeste, das dem Menschen offensteht. – Wie tief verkommen war die Welt, daß sie sich diese Auffassung entgehen ließ, als einen überwundenen Standpunkt – als etwas, das sich fortan nicht mehr gehörte! Aber noch weit mehr als ein Vergnügen war Gütigsein eine Kunst. Der schönste Zweck eines Lebens wie des seinen war, sich nach einem würdigen Empfänger umzusehen. Herr Ull werde sofort zur Stelle sein, meldete der Diener. Und bald darauf trat er ein.

»Herr Geheimrat sind so gütig, mich rufen zu lassen?« Über den Anblick des museumartigen Raums stutzte Ull. Er versank in einem Sessel, den ihm der Diener zuschob. Gonßen reichte ihm sitzend die Hand. »Wir kennen uns von vorhin.«

Wie erwartet, nach dem Vater befragt, bekannte Heinrich offen, er sei wohl in einem Pfarrhause aufgewachsen und verehre die 76 väterliche Berufsarbeit, ohne doch irgendwie von ihr persönlich erreicht worden zu sein. Das jüngste Kind, vor ihm viel ältere, längst verheiratete Schwestern. »Vater kümmerte sich eigentlich nicht um mich. Ich ging neben ihm her als ein Stück von ihm, mochte er denken. Er sah, daß ich mich rührte und meiner Haut schon als Dreikäsehoch wehrte. Anliegen, die ich vorbrachte, Ratschläge, um die ich ihn bat, hörte er eigentlich immer zerstreut an. Ich störte ihn damit. Er hielt es für Zeitversäumnis. Wozu denn? Was Brauch des Hauses war, sah ich ja.«

Der Geheimrat horchte abgewendet. Das sagte ihm nicht viel. Die Beziehung zu Pastor Ull blieb nebensächlich, in grauer Ferne, bedeutete nichts mehr. Aber der Sprößling gefiel ihm. Das war die Jugend, die kam.

Aber vielleicht die Mutter. »Wen hatte Ihr Vater zur Frau?« Ull verfärbte sich leicht. Er war früh verwaist an ihr, erinnerte sich ihrer nur dunkel. Sie stammte vom Rhein. Ein Vorfahr von ihr hielt im Kölnischen treu zur Reformation und wurde von den Römischen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. An der Richtstätte stand ein bescheidenes Denkmal, das ihm die Protestanten vor hundert Jahren setzten. »Ah?« Gonßen wurde aufmerksam, ließ sich Näheres erzählen, führte aber das Gespräch bald anders weiter.

Ein verdächtiges Faltendreieck begann ihm ums rechte Auge zu spielen. War das geheuer? Dringliche Fragen rückten auf. Ein Wille, zu erfahren, was Ull wußte, bohrte durchs Gespräch. Dieser junge Mann erzog den Sohn Elisabeths! Heinrich sicherte. War er geholt worden, um zu sagen, was er hörte oder bemerkte? Wurde ihm eine Falle gelegt? Gonßen erriet: »Ihm sind die Ehewirrungen bekannt. Scheint scharf zu sehen. Menschenkenntnis am Werke. Arbeitet mit der Dohm in einem Zimmer. Vielleicht weiß er's von der. Zieht sich vor mir geschickt aus der Sache. Scheint mir vorsichtig und anständig geartet.« Entspannt legte sich der feine Leib ins Rückenpolster. Die Unterhaltung spielte zu den Sulzers und 77 Ettrams hinüber. »Wie? Sie waren noch nicht in Hanhagen? Nützen Sie diese Beziehungen aus! Der führende Kopf im Industriering.«

Erst als die Gesinnungsweise der Nachkriegsjugend zur Sprache kam, war für Heinrich der Anlaß da, aus sich herauszugehen. »Es ringt in Deutschland eine wilde und eine vernünftige Kraft um die Oberhand,« ließ Gonßen beiläufig fallen. Diese Unterscheidung griff Heinrich auf und übernahm sie. »Schon immer war das wohl so. Heute drängt es zur Entscheidung. Ich zähle mich einstweilen zur Jugend, die es mit der Vernunft hält. Sie wird uns zur Freiheit führen. Aber vielleicht gehört die nächste Zukunft den Krachbrüdern. Wo das Joch unerträglich drückt, spürt man die Nackenmuskeln und spannt die Faust.« Gonßen nahm die Augenbrauen hoch.

Als ihm der Wagen gemeldet wurde, ließ er sich von Heinrich durch die Gänge begleiten. Wer von den Oberbeamten durfte sich dessen rühmen? Unnahbar und ausweichend – das war sonst der Herr Geheimrat! Und nun wurden der Portier und einige vom Betriebe unten am Ausgang Zeugen, daß die Hand im grauen Handschuh einer Hilfskraft hingehalten wurde! Sie hörten den hohen Herrn zu dem Jüngling sagen: »Darüber später mehr!«

 

Heinrich trat auf die Straße. Auf der Verkehrsinsel des großen Platzes flutete das Licht des schon angezündeten Kandelabers über ihn hin. Eine Zeile von Autos reihte sich auf. Aus einem winkten Hände, und im Innern wurde Licht angedreht, auch das Fenster herabgelassen. Frau Ettram sprach ihn an; Friedrich und Anna sprudelten dazwischen – ein Zwillingspaar von fünfzehn Jahren. »Sie sind's also doch – wollen Sie nicht den Abend mit uns verbringen?« Lotte Sulzer hatte von seinem Besuch nach Hause geschrieben. Heinrich wies auf seinen unwürdigen Anzug, es lange nicht mehr, nach Hause zu fahren, um sich frisch zu machen. Statt aller weiteren Verhandlungen wurde er auf den Sitz neben der 78 Dame beordert und noch Direktor Ettram abgeholt; der setzte sich neben den Führer.

Als der Wagen auf dem breiten Vorgelände sanft ausbiegend seine scharfe Fahrt zu Ende brachte, lag der Wintertag in seinem letzten Licht. Heinrich sah Umrisse, langgestreckte Baulichkeiten, ohne eigentliche Höhe, ein runder Turm ragte, zwei Wohnflügel begegneten sich im rechten Winkel. Die Außenmauer der Gebäude war ihm im voraus als schwedischer Landhausstil geschildert worden – schmale rötliche Backziegel, in bläulichen Knetrinnen liegend. Noch sah er die kahlen Äste des Eichenhaines über den Dachfirst gespenstisch in den erlöschenden Himmelsraum hinaufgreifen.

Dr.-Ing. Ettram genoß seinen Familienkreis – Heinrich empfand sofort den Vorzug, daß nichts mit besonderer gesellschaftlicher Absicht betont und hochgehalten wurde. Weder mußte hier ein Standesgefühl gepflegt noch der Mangel eines solchen vertuscht werden. Auf Hanhagen war man das, was man geworden war – man war tüchtig gewesen, der Lohn war nicht ausgeblieben. Auch traten die Gäste dieses Hauses in die Ehe einer Jugendliebe ein, die schon die silberne Hochzeit überstanden hatte. Heinrich wurde als zum Hause gehörig erklärt – es war für alle Teile bequemer, ebenso beteiligt als unbeteiligt zu sein, je nachdem er sich das eine oder andere wünschte, also stets sein freier Herr!

Als die Dame einmal bemerkte, das Haus sei für sie zu groß und zu schön, machte er den Einwand: »Und wohl auch zu abgelegen, zu umständlich – Sie wären gewiß lieber im täglichen Verkehr mit Ihren Bekannten. Bietet Ihnen Lektüre keinen Ersatz? Ich sehe hier einen prachtvollen Flügel, dort den Rhombus der Antenne mit seinen grünen Fäden. Ich sehe den offenen Wandschrank voll Schallplatten. Besteht eine Möglichkeit, gnädige Frau, daß Sie sich auf diesem herrlichen Landsitz langweilen?« Frau Ettrams Gesicht belebte sich für einen Augenblick im aufflammenden Licht ihrer schwarzen Augen, ein Lächeln um die Lippen. »Sie sind seit einer halben 79 Stunde hier, Herr Ull – ich lade Sie ein, eine Woche bei uns zu verbringen – dann dürfen Sie mitreden.« Dr. Ettram sandte einen langen, etwas erstaunten Blick zu ihm herüber und steckte eine breite, blauschwarze Zigarre in Brand. Durch die geöffneten Glasschiebetüren übersah man die ganze Zimmerflucht. Am Ende lag der Eßraum mit der bereits gedeckten Tafel. Ein schwarzgekleidetes Mädchen mit weißer Trägerschürze ging hin und her. – Hier gab es also keinen Diener! Dafür neueste Anschaffungen – dickes, eingeschliffenes Kristall, auch in Geschirr und Besteck die neuesten Modelle. An den Wänden gute Ölbilder, wie schon drüben. Im Tischgespräch zog man wieder Vergleiche, die Namen Godwein und Gonßen fielen.

»Godwein?« begann der bisher schweigsame Hausherr. »Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Eine solche Gestalt ist zu unglaubwürdig. Seine Erfolge grenzen ans Lächerliche. Er wird kaum ernst genommen von uns andern. Ein Nachzügler! Die Schieberjahre seit dem Kriege brachten ihn hoch. Ohne Theater geht es bei ihm nicht. So ist man doch heute nicht mehr! Das gehört längst und endgültig der Vergangenheit an. Soll froh sein, daß er Gonßen hat. Der verkörpert deutsche Ehrenhaftigkeit und Klugheit.«

 

Durch ein dunkles Dorf rechter Hand von der Landstraße mußte sich Heinrich nach der Endstation einer Vorortbahn hinhasten, zu einem letzten Zug, den durfte er nicht versäumen.

Ihm wurde wirr, so angeregt fühlte er sich. Es war eine Not, diese Gedankenflut hinter jedem Eindruck, so auch jetzt wieder nach dem kurzen Besuch auf Hanhagen. Diese Ettrams mit dem schönen Haus und den artigen Kindern, das gab ihm gleich neu zu schaffen. Er erlebte nichts, was er nicht zugleich verarbeiten mußte. Ein hoher Herr wie Gonßen, die fünf bis sechs Stück Godwein-Schultze, die Dohm – das alles ging ihn etwas an, er mußte damit fertig werden. Nicht das eine ohne das andere.

80 Er wollte sauber durch seine nächsten drei Jahre kommen, weiter wollte er nichts. Jetzt war er Fünfundzwanzig, und dann war er Siebenundzwanzig. Ach dieses peinliche Bewußtsein über sich selbst, das sich Gewissen oder Verantwortung nennt! War das der Pfarrerssohn in ihm? Spukte der ehrwürdige Überzeugungsmärtyrer vom Rheine nach, mit ein paar letzten Tropfen seines geopferten Blutes?

Er fand heute viel später den Schlaf als sonst.

 


 

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