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Gutenberg > Charles de Coster >

Ulenspiegel

Charles de Coster: Ulenspiegel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles de Coster
titleUlenspiegel
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
illustratorRafaello Busoni
year1956
firstpub1867
translatorGeorg C. Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070810
projectid2a9d70ec
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Drittes Buch

I

Der Schweiger flieht, und Gottes Schutz ist mit ihm. Die beiden Grafen sind gefangengenommen. Alba verspricht dem Schweiger Nachsicht und Verzeihung, wenn er freiwillig vor ihm erscheint.

Als Ulenspiegel diese Neuigkeit erfuhr, sagte er zu Lamme:

»Hoho, mein Freund! Der Herzog läßt den Prinzen von Oranien, seinen Bruder Ludwig, Hoogstraeten, van den Bergh, Kulemburg, Brederode und andere Freunde des Prinzen auf Anklage des Generalprokurators Dubois in dreimal vierzehn Tagen vor Gericht laden und verspricht ihnen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Hör, Lamme: ein Amsterdamer Jude verlangte eines Tages von einem seiner Feinde, er solle sein Haus verlassen und auf die Straße herunterkommen, der Angeredete stand am Fenster seiner Wohnung, der andere unten auf der Straße.

›Komm nur herunter‹, sagte der, ›dann versetz' ich dir eins mit der Faust, daß dir der Schädel in den Brustkasten fährt und durch die Rippen guckt wie ein Dieb durch das Gitter seines Kerkers!‹ Der am Fenster antwortete: ›Ich komme nicht hinunter, und wenn du mir noch hundertmal mehr versprächest.‹

Diese Antwort könnten auch Oranien, Hoogstraeten und die anderen geben, und sie tun es auch, indem sie sich weigern, vor dem Herzog zu erscheinen. Egmont und Hoorne werden ihrem Beispiel nicht folgen. Die Pflichtvergessenheit aber rückt die Stunde Gottes näher.«

II

Zu dieser Zeit wurden die Herren von Andelot, die Kinder Battembergs und andere erlauchte und mächtige Herren auf dem Roßmarkt zu Amsterdam enthauptet, weil sie sich durch einen überraschenden Ausfall Amsterdams hatten bemächtigen wollen. Während sie, achtzehn an der Zahl, Hymnen singend zur Hinrichtung schritten, wurden auf dem ganzen langen Weg vor und hinter ihnen Trommeln geschlagen.

Die spanischen Soldaten, die sie eskortierten, trugen brennende Fackeln und versengten sie mutwillig an mehreren Stellen des Körpers. Und als sie vor Schmerz zusammenzuckten, sagten die Soldaten: »Na, ihr Lutheraner, es schmerzt euch also, so bald verbrannt zu werden?«

Der sie verraten hatte, ein gewisser Dierick Slosse, hatte sie nach dem noch katholischen Enkhuysen geführt, um sie den Häschern des Herzogs auszuliefern. Sie starben mutig, und der König erbte.

III

»Hast du sie vorbeigehen gesehen?« fragte Ulenspiegel, der als Holzfäller verkleidet war, Lamme, der die gleiche Kleidung trug. »Hast du den häßlichen Herzog gesehen mit seiner flachen Stirn, die der eines Adlers gleicht, und seinem Bart, der ihm herabhängt wie das Ende des Stricks vom Galgen? Daß Gott ihn doch damit erwürge! Hast du sie gesehen, diese Spinne mit ihren langen, behaarten Beinen, die Satan, als er erbrach, über unsere Lande ausspie? Komm, Lamme, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz werfen!«

»Ach!« sagte Lamme, »wir werden lebendig verbrannt werden!«

»Komm nach Groenendael, mein teurer Freund, komm nach Groenendael, da ist ein schönes Kloster, in das Seine Herzogliche Spinnenhoheit zu gehen pflegt, um Gott zu bitten, daß er ihn sein Werk in Frieden vollenden und daß er seinen Geist in Äsern sich weiter erlustigen lasse. Wir sind zwar in der Fastenzeit, aber es ist nicht das Blut, wessen sich Seine Herzogliche Hoheit enthalten will. Komm, Lamme, dort stehen fünfhundert bewaffnete Reiter um das Stadthaus von Ohain, und dreihundert Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps in den Wald von Soignies eingezogen. Wenn Alba in seine Gebete vertieft ist, stürzen wir uns auf ihn, haben wir ihn dann gefaßt, so sperren wir ihn in einen schönen eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen zu!«

Aber Lamme schauderte vor Herzensangst und sagte: »Das ist höchst gefährlich, mein Sohn, höchst gefährlich! Aber ich würde dir bei diesem Unternehmen Gefolgschaft leisten, wenn meine Beine nicht so schwach wären und wenn mein Wanst von dem bitteren Bier, das man in diesem Brüssel trinkt, nicht so aufgeschwemmt wäre.«

Dieses Gespräch wurde in einem Holzverschlag inmitten des Dickichts geführt. Zwischen dem Blattwerk, wie aus einem Fuchsbau hervorlugend, gewahrten sie plötzlich die gelben und roten Uniformen herzoglicher Soldaten, die zu Fuß durch den Wald marschierten. »Wir sind verraten«, sagte Ulenspiegel.

Als die Soldaten nicht mehr zu sehen waren, eilte er in großen Sätzen nach Ohain. Die Soldaten ließen ihn dort wegen seiner Holzfällerkleidung und wegen der Holzlast, die er auf dem Rücken trug, passieren, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Er fand die wartenden Reiter und verbreitete die Nachricht von dem Nahen der herzoglichen Soldaten, so daß alle die Flucht ergriffen und sich zerstreuten, bis auf den Herrn Beausart d'Armentières, der gefangengenommen wurde. Als das Fußvolk von Brüssel kam, konnte man keinen einzigen auffinden.

Beausart war ein elender Verräter aus dem Regiment des Herrn de Likes, der alle verraten hatte, und mußte für die anderen schrecklich büßen. Ulenspiegel ging auf den Viehmarkt von Brüssel, um seine grausame Hinrichtung zu sehen, und sein Herz schlug in banger Angst. Der arme Herr von Armentières wurde ans Rad gebunden und erhielt siebenunddreißig Schläge mit eisernen Stäben auf Beine, Füße und Hände, so daß er ganz in Stücke geschlagen ward, denn die Henker wollten ihn grimmig leiden sehen. Der siebenunddreißigste Schlag traf ihn auf die Brust, und er starb.

IV

An einem milden, sonnigen Junitag wurde auf dem Brüsseler Markt vor dem Stadthaus ein Schafott errichtet und mit schwarzem Tuch überdeckt, daneben pflanzte man zwei Pfähle auf, die mit eisernen Zinken versehen waren. Auf dem Schafott lagen zwei schwarze Kissen und stand ein kleiner Tisch mit einem silbernen Kreuz.

Auf diesem Schafott wurden die edlen Grafen Egmont und Hoorne hingerichtet. Und der König erbte.

Der Gesandte des Franzosen, des ersten seines Namens, sagte mit Bezug auf Egmont: »Ich bin gekommen, um den Kopf jenes Mannes abschlagen zu sehen, der Frankreich zweimal erzittern ließ.«

Die Häupter der Grafen wurden auf die eisernen Zinken gespießt.

Und Ulenspiegel sagte zu Lamme: »Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuch bedeckt. Gesegnet seien die, deren Herzen in Treue schlagen und deren Hände den Degen schwingen werden in den schwarzen Tagen, die da kommen!«

V

Zu dieser Zeit stellte der Schweiger eine Armee auf und ließ sie von drei Seiten in die Niederlande einmarschieren.

Ulenspiegel sagte in einer Versammlung der Geusen von Marenhout:

»Unter dem Einfluß der Inquisitoren hat König Philipp alle und jegliche Bewohner der Niederlande der Majestätsbeleidigung und der Ketzerei für schuldig erklärt, gleichgültig, ob sie ihr selbst anhangen oder es nur unterlassen haben, sie zu unterdrücken. In Ansehung der Abscheulichkeit dieser Verbrechen sind sie alle ohne Rücksicht auf Geschlecht und Lebensalter mit Ausnahme der namentlich angeführten Personen zu jenen Strafen verurteilt, die für solche Pflichtvergessenheit vorgesehen sind, und das ohne jede Hoffnung auf Gnade. Und der König erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Land, das begrenzt wird von der Nordsee, der Grafschaft Emden, der Küste von Amis, Westfalen, Cleve, Juliers, Lüttich, den Erzbistümern Köln und Trèves, Lothringen und Frankreich. Der Tod mäht auf einem Acker von dreihundertundvierzig Quadratmeilen in zweihundert befestigten Städten, in hundertundvierzig Dörfern, die Stadtrecht haben; er mäht auf dem Land und auf den Ebenen. Und der König erbt.

Die elftausend Henker, die Alba Soldaten nennt, sind nicht zuviel für diese Arbeit. Das Land unserer Väter ist ein Totenhaus geworden, aus dem die Künste und das Handwerk fliehen, um ihr Schaffen der Fremde zugute kommen zu lassen, die ihnen erlaubt, den Gott anzubeten, den sie im Herzen haben. Was zurückbleibt, sind Leichen und Ruinen. Und der König erbt.

Die Länder haben ihre Privilegien gegen schweres Geld erhalten, das sie den bedürftigen Fürsten zahlten, doch jetzt sind sie konfisziert, diese Privilegien. Auf die Verträge bauend, die sie mit den Herrschern geschlossen hatten, hofften die Länder, sich der Früchte ihrer Arbeit erfreuen zu können und zu Reichtum zu gelangen. Doch sie täuschten sich: der Maurer baut für die Feuersbrunst, der Handwerker schafft für den Dieb. Und der König erbt.

Blut und Tränen überall. Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, auf den Bäumen an der Landstraße, die als Galgen dienen, in den Gruben, in die man die kleinen Mädchen lebendig hineinwirft, in den Tiefen der Gefängnisse, in den Kreisen brennender Reisigbündel, in deren Mitte die armen Dulder rösten, in den Strohhütten, in denen die Opfer den Rauch- und Flammentod sterben. Und der König erbt. So hat es der Papst gewollt! In den Städten wimmelt's von Spionen, die auf ihren Anteil an dem Gut der Opfer warten. Je reicher, desto schuldiger ist man. Und der König erbt.

Aber die tapferen Männer werden sich nicht wie Lämmer abschlachten lassen. Unter den Flüchtlingen gab es Bewaffnete, die sich in den Wäldern verbargen. Die Mönche waren es, die sie verraten hatten, damit man sie töte und ihrer Güter beraube. Wie Rudel wilder Tiere stürzten sich die Flüchtlinge, ob es Tag oder Nacht war, auf die Klöster und nahmen das Geld, das dem armen Volk gestohlen war, in Form von Leuchtern, goldenen und silbernen Reliquienschränken, Ciborien, Hostientellern und kostbaren Vasen wieder. Ist es nicht so, ihr Wackeren? Dann tranken sie den Wein, den die Mönche für ihre eigenen Kehlen aufbewahrten. Die eingeschmolzenen oder verpfändeten Gefäße aber werden dem heiligen Krieg dienen. Es lebe der Geuse!

Sie beunruhigen die Soldaten des Königs, sie töten und plündern sie und verbergen sich dann wieder in ihren Schlupfwinkeln. Tag und Nacht sieht man Feuer in den Wäldern aufflammen, die nach kurzer Zeit erlöschen, um an anderer Stelle wieder aufzuleuchten, das sind die Feuer unserer Gelage. Das Wild und Geflügel der Wälder ist unser, denn wir sind große Herren. Die Bauern geben uns Brot und Speck, soviel wir wollen. Zerlumpt, wild, zu allem entschlossen, mit stolz leuchtenden Augen irren sie durch die Wälder und schwingen ihre Äxte, Hellebarden, Schwerter, Piken, Lanzen, Armbrüste und Arkebusen. Ihre Waffen sind gut, und sie wollen nicht unter königlichen Fahnen marschieren. – Es lebe der Geuse!«

Und Ulenspiegel sang:

»Slaet op den trommele van dirre dom deyne,
Slaet op den trommele van dirre dom dom.
Schlaget die Trommel van dirre dom deyne,
Schlaget die Trommel des Krieges.
Dem Herzog, dem reißet die Därme aus
Und schlagt sie ihm ins Gesicht!
Slaet op den trommele, schlaget die Trommel,
Verflucht sei der Herzog! Dem Mörder den Tod!
Den Hunden werft ihn vor! Tod dem Henker! Es lebe der Geuse!

Man häng ihn auf an seiner Zung',
Die soviel Henkerswerk befahl,
Man häng ihn auf an seinem Arm,
Der tausendmal den Tod beschwor.
Slaet op den trommele!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!

Man sperre ihn lebend ein mit den Leichen der Opfer,
Daß im giftigen Dunsthauch
Er elend verreckt bei den Toten.
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!

O Christ, sieh herab auf deine Soldaten,
Die Feuer, Strick und Schwert
Nicht scheu'n um Dein Wort.
Sie kämpfen um Freiheit des Landes ihrer Väter.
Slaet op den trommele van dirre dorn deyne!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!«

Und alle riefen: »Es lebe der Geuse!« und tranken.

Und Ulenspiegel trank aus einem goldenen Mönchshumpen, dann betrachtete er stolz die entschlossenen Gesichter der wilden Geusen und sagte:

»Wilde Männer, ihr seid Wölfe, Löwen und Tiger. Verschlingt die Hunde des Blutkönigs!«

»Es lebe der Geuse!« riefen sie und sangen:

»Slaet op den trommele van dirre dorn deyne,
Slaet op den trommele van dirre dom dom!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!«

VI

Ulenspiegel weilte in Ypern, wo er Soldaten für den Prinzen rekrutierte. Dem Beispiel der Häscher des Herzogs folgend, stellte er sich dem Propst von St. Martin als Küster vor. Dort hatte er als Gefährten einen Glöckner namens Pompilius Numa, einen gewaltigen Feigling, der des Nachts seinen Schatten für den Teufel und sein Hemd für ein Gespenst hielt. Der Propst war rund und fett wie eine Poularde, die für den Spieß reifgemästet ist.

Ulenspiegel sah bald, welches Kraut er verschlang, um sich soviel Speck wachsen zu lassen. Wie er vom Glöckner erfuhr und auch mit eigenen Augen sah, dinierte der Probst um neun Uhr und aß um vier zur Nacht. Er blieb bis halb neun Uhr im Bett, stand dann auf und machte vor dem Mittagessen einen Rundgang durch die Kirche, um zu sehen, ob die Klingelbeutel der Armen auch wohlgefüllt seien, die Hälfte ihres Inhalts steckte er in seinen Säckel. Um neun Uhr nahm er seine Hauptmahlzeit ein: einen Napf voll Milch, einen halben Hammel und eine kleine Reiherpastete, und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr lutschte er etliche Pflaumen, begoß sie mit Orleanswein und bat Gott, er möge ihn nie mit Schlemmerei versuchen. Zu Mittag knabberte er, um die Zeit zu vertreiben, einen Flügel und den Bürzel eines Huhns. Um ein Uhr gedachte er bereits des Abendessens und leerte einen großen Becher spanischen Weins. Dann legte er sich zu Bett und erquickte sich durch einen kurzen Schlaf. Wenn er erwachte, aß er ein Stück gesalzenen Salm, um seinen Appetit anzuregen, und trank einen großen Humpen Antwerpener Dobbelkuyt.

Dann stieg er in die Küche hinab und setzte sich vor den Kamin, in dem ein gutes Holzfeuer loderte. Dort sah er ein großes Stück Kalbfleisch oder ein kleines, gut gebrühtes Schweinchen sich am Spieß drehen und bräunen, das für die Mönche der Abtei bestimmt war und das er lieber gegessen hätte als eine Schnitte Brot. Aber es mangelte ihm ein wenig an Appetit. Er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder von selbst drehte, das war das Werk des Pieter van Steenkiste, eines Schmiedes, der im Schloßbezirk von Courtrai wohnte. Der Propst bezahlte ihm für einen dieser Bratspieße fünfzehn Pariser Pfund.

Dann kroch er in sein Bett zurück und schlummerte vor Müdigkeit ein, gegen zwei Uhr erwachte er, um ein wenig Schweinesülze zu verschlingen und mit Romagner Wein, zu zweihundertundvierzig Gulden das Faß, zu besprengen. Um zwei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeira-Zucker und leerte zwei Gläser Malvoise, von dem das Fäßchen siebzehn Gulden kostete. Um drei Uhr nahm er den halben Inhalt eines Mustöpfchens zu sich und trank Hydromel dazu. Nun erst recht eigentlich aufgewacht, nahm er einen seiner Füße in die Hand und lehnte sich nachdenklich zurück.

Wenn dann die Stunde des Abendessens gekommen war, erschien der Pfarrer von Saint-Jean, der ihn zu dieser nahrhaften Stunde oft zu besuchen pflegte. Bisweilen stritten sie darüber, wer von ihnen mehr Fisch, Geflügel und Braten essen würde, und derjenige, der früher voll war, mußte dem andern eine Schüssel Fleischklöße mit einer Soße von drei warmen Weinen, vier Gewürzen und sieben verschiedenen Gemüsen bezahlen. Also trinkend und essend plauderten sie über die Ketzer und waren der Meinung, daß man sie nicht gründlich genug vertilgen könne. Auch gerieten sie niemals in Streit, den Fall ausgenommen, in dem sie über die neununddreißig Arten, eine gute Biersuppe zu bereiten, stritten.

Dann sanken ihre ehrwürdigen Häupter auf die priesterlichen Bäuche herab, und sie schnarchten. Wenn einer von ihnen bisweilen aufwachte, dann sagte er zu dem andern, daß das Leben auf dieser Welt süß sei und daß die armen Leute unrecht hätten, wenn sie klagten. Dieser heilige Mann war es, dessen Küster Ulenspiegel wurde. Er bediente ihn bei der Messe vortrefflich und vergaß auch nicht, die Kelche dreimal zu füllen – zweimal für sich und einmal für den Propst. Gelegentlich half ihm der Glöckner Pompilius Numa dabei.

Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, rundlich und pausbäckig sah, fragte ihn, ob er sich diese beneidenswerte Wohlbeleibtheit im Dienst des Propstes angefressen habe. »Ja, mein Sohn«, antwortete Pompilius, »aber schließ die Tür gut zu, damit uns niemand hört.« Dann sagte er ganz leise: »Du weißt doch, daß unser Herr, der Propst, allen Weinen und Bieren, jedem Fleisch und Geflügel in zärtlicher Liebe zugetan ist. Er sperrt sein Fleisch in einen Schrank und seine Weine in eine Vorratskammer, deren Schlüssel er Tag und Nacht in seinem Beutel trägt. Und wenn er einschläft, legt er die Hand darauf.

Nachts nun, wenn er schläft, nehme ich ihm die Schlüssel vom Wanst weg und lege sie dann wieder dorthin zurück, freilich nicht ohne zu zittern, mein Sohn, denn wenn er von meinem Verbrechen erführe, ließe er mich lebendigen Leibes abbrühen.«

»Pompilius«, sagte Ulenspiegel, »du sollst nicht mehr so große Ängste auszustehen haben, wenn du die Schlüssel noch ein einziges Mal an dich nimmst, ich werde nach diesem Modell neue anfertigen, und wir lassen die alten auf dem Wanst des guten Propstes.« »Tu das, mein Sohn«, sagte Pompilius. Ulenspiegel fertigte die Schlüssel an, sobald er und Pompilius annahmen, daß der Propst eingeschlafen sei – es war gerade acht Uhr abends –, stiegen sie in den Keller hinab und nahmen an Fleisch und Flaschen, was ihnen zusagte. Ulenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, weil letzterer immer wie Laub zitterte und weil weder die Schinken noch die Hammelkeulen zerbrechen konnten, wenn sie zu Boden fielen. Öfters bemächtigten sie sich des ungekochten Geflügels, und einige Katzen der Nachbarschaft, die man dieser Tat verdächtigte, mußten deshalb den Tod erleiden.

Dann gingen die beiden in die Ketelstraat, die Straße der freien Mädchen. Da sparten sie an nichts und gaben ihren Schätzen geräuchertes Rindfleisch, Schinken sowie Würste und Geflügel und ließen sie Orleanswein, Romagner Wein und das Ingelsche Bier trinken, das man auf der anderen Seite des Meeres Ale nennt, und die köstlichen Getränke ließen sie in Strömen in die durstigen Kehlen ihrer Schönen fließen, die sie mit Liebkosungen bezahlten.

Dennoch ließ sie der Propst eines Morgens nach dem Frühstück zu sich rufen. Er saugte an dem Knochen einer Marksuppe, war zornig und trug eine schreckenerregende Miene zur Schau. Pompilius' Knie zitterten in den Hosen, und sein Wanst bebte vor Angst. Ulenspiegel bewahrte seine Ruhe und liebkoste die Kellerschlüssel in seiner Tasche. Der Probst richtete das Wort an ihn und sprach: »Jemand trinkt von meinem Wein und ißt von meinem Geflügel – bist du das, mein Sohn?« »Nein«, antwortete Ulenspiegel. »Und dieser Glöckner«, sagte der Propst, während er auf Pompilius zeigte, »hat der nicht seine Hand in diesem verbrecherischen Spiel gehabt? Er zittert ja wie ein Sterbender, weil er sicher ist, daß gestohlener Wein zu Gift wird!«

»Ach, gnädiger Herr!« sagte Ulenspiegel, »Ihr beschuldigt Euern Glöckner zu Unrecht, denn er zittert nicht, weil er Wein getrunken hat, sondern weil es ihm an hinreichender Befeuchtung fehlt, wovon er so schlaff geworden ist, daß ihm seine Seele in Bächlein aus den Hosen rinnen wird, wenn man ihr nicht Halt gebietet.« »Ja, es gibt arme Leute auf dieser Welt«, sagte der Propst, während er einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen trank. »Sag mir aber, mein Sohn, hast du, mit deinen Luchsaugen, die Diebe nicht gesehen?« »Ich werde gut achtgeben, Herr Propst«, antwortete Ulenspiegel. »Gott möge euch beiden den Frohsinn erhalten, meine Kinder«, sagte der Propst, »und lebet enthaltsam. Denn die Unmäßigkeit ist es, die uns viel Übels bereitet in diesem irdischen Tale der Tränen. Gehet in Frieden.« Und er segnete sie. Dann saugte er weiter an seinem Markknochen und tat noch einen kräftigen Schluck Wein.

Ulenspiegel und Pompilius verließen ihn, und Ulenspiegel sagte: »Dieser garstige Spitzbube hat uns keinen Tropfen von seinem Wein gegeben. Das Essen, das wir ihm weiter stehlen werden, wird gesegnet sein. Aber was hast du nun, daß du so zitterst?« »Ich habe meine Hosen durch und durch benäßt«, sagte Pompilius. »Das Wasser trocknet rasch, mein Sohn«, sagte Ulenspiegel, »aber sei guten Muts, heute abend wird es in der Ketelstraat Flaschenmusik geben. Wir werden die drei Nachtwächter, die die Stadt bewachen, so besoffen machen, daß sie schnarchen werden.«

Das Vorhaben wurde ausgeführt.

Indessen graute der Morgen des St. Martinfestes, für das die Kirche schon geschmückt war. Ulenspiegel und Pompilius gingen nachts in die Kirche, schlossen alle Türen gut zu und zündeten sämtliche Kerzen an. Dann nahmen sie eine Violine und einen Dudelsack zur Hand und spielten auf diesen Instrumenten, so gut sie konnten. Und die Kerzen leuchteten wie Sonnen. Das war aber noch nicht alles. Nachdem sie genug gespielt hatten, gingen sie zum Propst, den sie, ungeachtet der vorgerückten Stunde, wach fanden, er naschte von einer gebratenen Drossel, trank Rheinwein und blinzelte erstaunt mit den Augen, als er die Fensterscheiben der Kirche erleuchtet sah.

»Herr Probst«, sagte Ulenspiegel zu ihm, »wollt Ihr wissen, wer Euer Fleisch ißt und Euern Wein trinkt?« »Und diese Beleuchtung?« fragte der Propst, auf die Kirchenfenster zeigend, »ach, mein Gott! Erlaubst du dem heiligen Herrn Martin, nächtlicherweise so die Kerzen der armen Mönche zu verbrennen, ohne sie zu bezahlen?« »Er macht noch ganz andre Sachen«, sagte Ulenspiegel, »aber kommt und sehet selbst.«

Der Propst nahm das Kreuz und folgte den beiden in die Kirche. Da sah er in der Mitte des Hauptschiffs alle Heiligen, die aus ihren Nischen herabgestiegen waren, im Kreise um St. Martin aufgestellt, der anscheinend den Vorsitz in dieser Gesellschaft führte, er überragte alle anderen um Kopfeslänge und hielt in seiner Hand, deren Zeigefinger zum Segen ausgestreckt war, einen gebratenen Truthahn. Die andern hielten in den Händen oder zwischen den Zähnen Stücke von Hühner- oder Gänsebraten, Würsten, Schinken, rohe oder gekochte Fische, und einer hielt einen Hecht, der gut seine vierzig Pfund wog, und jeder hatte eine Flasche Wein vor sich am Boden stehen. Dieses Schauspiel brachte den Propst in Harnisch, sein Gesicht wurde rot und schwoll dermaßen an, daß Ulenspiegel und Pompilius glaubten, es müsse zerplatzen, aber der Propst beachtete sie nicht weiter, ging geradeswegs auf den heiligen Martin zu und drohte ihm, als wollte er ihn für das Vergehen aller anderen bestrafen, er riß ihm den Truthahn aus der Hand und versetzte ihm so heftige Schläge, daß er ihm den Arm, die Nase, das Kreuz und die Mitra zerbrach. Auch den andern ersparte er die Züchtigung nicht, und mehr als einer ließ unter seinen Schlägen einen Arm, die Hände, die Mitra, das Kreuz, die Sichel, das Beil, den Korb, die Säge und andere Wahrzeichen der Würde und des Märtyrertums. Dann machte der Propst sich in zorniger Eile und mit wackelndem Wanst selbst daran, alle Kerzen auszulöschen, raffte von den Schinken, Hühnern und Würsten soviel zusammen, wie er tragen konnte, und ging, von der Last gebeugt, in sein Schlafzimmer zurück, er war so bekümmert und erzürnt, daß er, Zug um Zug, drei Flaschen Wein leerte.

Als Ulenspiegel sicher war, daß er eingeschlafen sei, trug er alles, was der Propst gerettet zu haben glaubte, samt den Speisen, die in der Kirche zurückgeblieben waren, in die Ketelstraat, vorher hatte er aber die besten Stücke zum Abendessen verzehrt. Die Überreste legte er den Heiligen vor die Füße.

Als Pompilius am nächsten Tag zur Morgenmesse die Glocken läutete, kam Ulenspiegel in das Schlafgemach des Propstes und bat ihn, noch einmal in die Kirche hinunterzukommen. Dort zeigte er ihm die Überreste des Mahles der Heiligen und sagte zu ihm: »Ihr hattet gut retten, Herr Propst, sie haben doch alles allein gegessen.« »Ja«, sagte der Probst, »sie sind wie Diebe bis in mein Schlafgemach gekommen und haben geholt, was ich gerettet hatte. Oh, meine Herren Heiligen, ich werde mich beim Papst beklagen.«

»Ja«, erwiderte Ulenspiegel, »aber übermorgen findet die Prozession statt, die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen, und wenn sie da all die armen verstümmelten Heiligen sehen, fürchtet Ihr nicht, der Bilderstürmerei angeklagt zu werden?« »Ach! Heiliger Martin«, sagte der Propst, »bewahre mich vor dem Feuer, ich wußte nicht, was ich tat.« Dann wandte er sich an Ulenspiegel und sagte, während der angsterfüllte Glöckner sich an die Glocken hängte: »Es ist unmöglich, den heiligen Martin von heute bis Sonntag wieder instand zu setzen. Was soll ich tun? Was wird das Volk sagen?« »Man muß sich eines unschuldigen Auskunftsmittels bedienen, edler Herr«, sagte Ulenspiegel, »wir kleben dem Pompilius, der sehr ehrwürdig aussieht, weil er immer melancholisch ist, einen Bart ins Gesicht, vermummen ihn mit Mitra, Chorhemd und einem großen Mantel von goldgewebtem Tuch als Heiligen, wir befehlen ihm, sich auf dem Sockel still zu verhalten, und das Volk wird ihn für den hölzernen St. Martin ansehen.«

Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schwang, und sagte zu ihm: »Laß das Läuten und höre mich an: Willst du fünfzehn Dukaten verdienen? Du wirst am Sonntag, dem Tag der Prozession, den St. Martin spielen. Ulenspiegel wird dich entsprechend vermummen, wenn du aber, während du von vier Männern getragen wirst, eine einzige Bewegung machst oder ein Wort sprichst, so werde ich dich in einem großen Kessel voll Öl sieden lassen, den der Henker auf der Place des Halles ausstellen wird.« »Ehrwürdiger Herr«, sagte Pompilius, »ich will mich Euch dankbar erweisen, aber Ihr wißt doch, daß ich nur schwer mein Wasser zurückzuhalten vermag.« »Du mußt gehorchen!« erwiderte der Propst. »Ich werde gehorchen«, sagte Pompilius mit erbarmenswürdigem Ton.

VII

Am übernächsten Tag verließ die Prozession bei hellem Sonnenschein die Kirche. Ulenspiegel hatte die zwölf Heiligen, so gut er es konnte, wieder instand gesetzt, und nun schwankten sie auf ihren Sockeln unter den Bannern der Zünfte, dann kam die Statue Unserer Lieben Frau und hinter ihr die ganz in Weiß gekleideten Mädchen, die das Gefolge der Jungfrau darstellten und Kantaten sangen, dann kamen die Bogen- und Armbrustschützen und schließlich, dem Monstranzhimmel am nächsten, Pompilius, der mehr schwankte als alle anderen und sich unter der Last der Gewänder St. Martins beugte.

Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versehen, er hatte Pompilius eigenhändig in sein bischöfliches Kostüm gekleidet, hatte ihm die Handschuhe angezogen und das Kreuz gegeben und hatte ihn in der lateinischen Art, das Volk zu segnen, unterrichtet. Auch den Priestern hatte er beim Ankleiden geholfen. Dem einen reichte er die Stola, dem andern das Chorhemd und den Diakonen die Chormützen. Er lief in der Kirche umher und legte hier ein Wams, dort eine Hose in Falten. Er bewunderte und lobte die blank gescheuerten Waffen der Armbrustschützen und die angsteinflößenden Bogen des Bundes der Bogenschützen. Und jedem streute er auf die Halskrause, auf den Rücken oder auf das Handgelenk eine Prise Juckpulver. Doch der Dechant und die vier Männer, die den heiligen Martin tragen sollten, bekamen am meisten ab. Die Mädchen der Heiligen Jungfrau aber verschonte er in Anbetracht ihrer Anmut.

Die Prozession zog mit wehenden Bannern und entfalteten Fahnen in schöner Ordnung dahin. Männer und Frauen bekreuzigten sich, als sie sie an sich vorbeikommen sahen, und die Sonne schien warm.

Der Dechant war der erste, der das Pulver fühlte und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Alle, die Priester, Bogenschützen und Armbruster, kratzten sich am Hals, wagten aber noch keine Äußerung. Die vier Träger des St. Martin kratzten sich auch, aber der Glöckner, den es noch mehr juckte als die andern, weil er den Sonnenstrahlen ausgesetzt war, wagte nicht einmal, sich zu rühren, weil er fürchtete, lebendig gesotten zu werden. Er kniff die Nase zusammen und schnitt schreckliche Grimassen, seine schlotterigen Beine zitterten, denn jedesmal, wenn sich die Träger kratzten, war er nahe daran, zu Boden zu stürzen. Aber er wagte nicht, sich zu rühren, und ließ vor Angst sein Wasser, so daß die Träger sagten: »Heiliger Martin, regnet es jetzt?«

Die Priester sangen Unserer Lieben Frau eine Hymne:

»Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes
O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.«

Denn ihre Stimmen zitterten wegen des Juckens, das über sie kam, ganz außerordentlich. Dem Dechanten und den vier Trägern des St. Martin prickelte es an den Hälsen und Handgelenken, und Pompilius verhielt sich still auf seinen armen schlotternden Beinen, an denen es ihn am meisten juckte. Aber siehe da, plötzlich hielten alle an, um sich zu kratzen: die Armbruster, die Bogenschützen, die Diakone, die Priester, der Dechant und die Träger des St. Martin. Das Pulver juckte Pompilius an den Fußsohlen, aber aus Angst, zu stürzen, wagte er nicht, sich von der Stelle zu rühren. Und die Schaulustigen sagten, daß der heilige Martin wild die Augen rolle und dem armen Volk eine drohende Miene zeige. Dann ließ der Dechant die Prozession weiterziehen.

Bald aber machte die Sonne, die ihre heißen Strahlen senkrecht auf diese prozessionalen Rücken und Wänste fallen ließ, die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun konnte man die Priester, Bogenschützen, Armbruster, Diakone und den Dechanten wie eine Herde von Affen stehenbleiben und sich ohne Scham überall kratzen sehen, wo es sie eben juckte. Die Mädchen der Jungfrau sangen ihre Hymne, und es klang wie Engelsgesang, als all die hellen Stimmen zum Himmel aufstiegen. Dann stoben alle auseinander, so schnell sie nur konnten.

Der Dechant schloß, während er sich am ganzen Körper kratzte, das heilige Sakrament ein, und das fromme Volk brachte die Reliquien in die Kirche zurück, die vier Träger des St. Martin warfen Pompilius hart zur Erde, der wagte weder sich zu kratzen noch sich zu rühren, noch ein Wort zu sagen und schloß demütig die Augen. Zwei junge Burschen wollten ihn aufheben, fanden ihn aber zu schwer und stellten ihn aufrecht an eine Mauer, und da weinte Pompilius dicke Tränen.

Das Volk umringte ihn, die Weiber hatten Taschentücher von feinem, weißem Leinen geholt, wischten ihm das Gesicht ab, um seine Tränen als Reliquien aufzubewahren, und sagten: »Herr, wie ist dir heiß!« Der Glöckner sah sie mit kläglicher Miene an und verzog, gegen seinen Willen, die Nase. Und als die Tränen in Strömen aus seinen Augen flössen, sagten die Weiber: »Heiliger Martin, weinst du über die Sünden der Stadt Ypern? Bewegt sich deine edle Nase nicht? Wir sind dem Rat des Louis Vivè gefolgt, und die Armen von Ypern haben zu arbeiten und zu essen. Oh! diese dicken Tränen, das sind Perlen! Unser Heil ist gekommen.«

Die Männer sagten: »Sollen wir, heiliger Martin, die Ketelstraat zerstören? Aber zeige uns vor allem die Mittel, durch die man die armen Mädchen verhindert, abends auf die Straße zu gehen und so tausend Abenteuern entgegenzulaufen.«

Plötzlich rief das Volk: »Da ist der Küster!« Ulenspiegel kam herbei, faßte Pompilius um die Mitte, schwang ihn auf seine Schulter und brachte ihn so fort, von den ehrfürchtigen Männern und Weibern gefolgt. »Ach!« sagte der arme Glöckner Ulenspiegel leise ins Ohr, »ich werde an diesem Jucken noch sterben, mein Sohn!« »Halte dich steif«, erwiderte Ulenspiegel, »vergißt du, daß du ein Heiliger aus Holz bist?«

Er lief in schnellem Trab und setzte Pompilius vor dem Propst ab, der sich mit seinen Fingernägeln bis aufs Blut schabte. »Glöckner«, sagte der Propst, »hast du dich gekratzt wie wir?« »Nein, Herr«, antwortete Pompilius. »Hast du gesprochen oder dich bewegt?« »Nein, Herr.« »Dann wirst du fünfzehn Dukaten bekommen«, sagte der Propst, »und jetzt geh dich kratzen.«

VIII

Als das Volk am nächsten Tag durch Ulenspiegel erfuhr, was geschehen war, sagten die Männer und Frauen, daß es ein schlechter Scherz gewesen sei, sie einen weinenden Kerl, der das Wasser unter sich lasse, als Heiligen verehren zu lassen. Und viele wurden Ketzer und verließen die Stadt unter Mitnahme ihrer Vermögen, sie schlossen sich dem Heer des Prinzen an und vergrößerten es solchermaßen.

Ulenspiegel aber kehrte nach Lüttich zurück. Er saß allein im Wald und träumte. Er sah zum blauen Himmel auf und sagte: »Krieg, immer Krieg, damit der spanische Feind das arme Volk töte, unsere Güter plündere und unsere Frauen und Mädchen vergewaltige. Wir geben dabei unser schönes Geld aus und lassen unser Blut in Strömen fließen, ohne jemand damit Nutzen zu bringen, außer diesem königlichen Lümmel, der um seine Krone noch einen Kranz winden will, der seine Macht versinnbildlichen soll. Einen Kranz, den er für rühmlich hält, einen Kranz von Blut und Rauch. Ach! wenn ich dich so bekränzen könnte, wie ich möchte! Es gäbe niemand mehr, der dir Gesellschaft leisten wollte, außer den Fliegen.«

Während er an diese Dinge dachte, sah er ein ganzes Rudel Hirsche an sich vorüberziehen. Es waren alte, große Tiere darunter, die stolz ihr neunendiges Geweih trugen. Zierliche Junghirsche, die gleichsam ihre Knappen sind, trotteten neben ihnen her, offensichtlich stets bereit, ihnen mit ihren spitzen Geweihen zu Hilfe zu kommen.

Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber er dachte, daß sie zu ihrem Ruheplatz zögen. »Ach!« sagte er, »ihr alten Hirsche und jungen Spießer, ihr zieht fröhlich und stolz durch den Waldesgrund zu eurem Ruheplatz, esset die jungen Knospen und atmet die balsamischen Waldgerüche ein, so seid ihr glücklich, bis der Henker Jäger kommt. So geht's auch uns alten Hirschen und jungen Spießern!«

Und die Asche Claesens schlug über Ulenspiegels Herz.

IX

Im September, dem Monat, in dem die Mücken aufhören zu stechen, setzte der Schweiger mit vierzehntausend Flamen, Wallonen und Deutschen, mit sechs Feldschlangen und vier großen Kanonen, die für ihn sprechen sollten, bei St. Veit über den Rhein.

Unter den gelben und roten Fahnen des knorrigen Stockes von Burgund, des Stockes, der lange Zeit in unseren Landen mordete, des Stockes, unter dem die Versklavung durch Alba, den Blutherzog, begann, unter diesem Stock marschierten sechsundzwanzigtausendfünfhundert Mann und rollten siebzehn Feldschlangen und neun schwere Kanonen.

Aber der Schweiger sollte in diesem Krieg keinen Erfolg erringen, denn Alba wich immer wieder dem Kampf aus. Und sein Bruder Ludwig, der Bayard von Flandern,Ein Vergleich Ludwigs von Oranien mit Pierre du Terrail de Bayard, dem »Ritter ohne Furcht und Tadel«. (Anmerkung des Übersetzers.) verlor, nachdem er manche Stadt eingenommen und manchem Schiff auf dem Rhein Lösegeld abgefordert hatte, bei Jemmingen in Friesland an den Sohn des Herzogs sechzehn Kanonen, fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fahnen dadurch, daß die käuflichen und gleichgültigen Söldner, als sie kämpfen sollten, Geld verlangten.

Und zwischen Ruinen und Strömen von Blut und Tränen suchte Ulenspiegel vergeblich das Heil des Landes seiner Väter. Und die Henker zogen durch die Lande, die armen unschuldigen Opfer henkend, köpfend und verbrennend.

Und der König erbte.

X

Auf der Wanderung durch das wallonische Land erkannte Ulenspiegel, daß der Prinz von hier keine Hilfe zu erhoffen hatte.

Er kam in die Nähe der Stadt Bouillon und bemerkte, daß sich auf der Landstraße Bucklige jedes Alters, Geschlechts und Berufs zeigten. Alle hatten Rosenkränze, deren Kugeln sie andächtig ablaufen ließen. Und ihre Gebete klangen wie das Froschgequake in einem Sumpf an einem warmen Abend. Da gab es bucklige Mütter, die bucklige Kinder trugen, und an deren Röcke sich andre aus demselben Nest anhingen. Auf den Hügeln und in der Ebene, überall sah man Bucklige. Und den ganzen Horizont entlang sah Ulenspiegel ihre mageren Silhouetten.

Er ging auf einen der Buckligen zu und fragte ihn: »Wohin gehen all diese armen Männer, Frauen und Kinder?« Der Mann antwortete: »Wir gehen zum Grab des heiligen Remaclus, um ihn zu bitten, daß er unseren Herzenswunsch erfülle und die erniedrigende Bürde von unserem Rücken nehme.« Ulenspiegel erwiderte: »Könnte der heilige Remaclus auch meinen Herzenswunsch erfüllen und den Blutherzog, der schwerer wiegt als ein Buckel von Blei, von dem Rücken der armen Bevölkerung nehmen?«

»Die Buckel der Buße, die auf uns lasten, kann er uns nicht nehmen«, antwortete der Pilger. »Und befreit er euch von den andern?« fragte Ulenspiegel. »Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn er dann das Wunder der Heilung vollbracht hat, feiern wir in der ganzen Stadt Gelage und Schmäuse. Und jeder Pilger gibt dem glücklich Geheilten etwas Geld, oft sogar einen Goldgulden, weil er durch diese Begebenheit heilig geworden ist und für die andern wirksame Gebete verrichten kann.«

»Warum läßt sich der heilige Remaclus die Heilungen wie ein knauseriger Apotheker bezahlen?« fragte Ulenspiegel. »Gottloser Wanderer, er bestraft die Lästerer!« antwortete der Pilger und schüttelte zornig seinen Buckel. »Ach!« seufzte Ulenspiegel und fiel mit gekrümmtem Rücken am Fuß eines Baumes hin. Der Pilger sah ihn an und sprach: »Der heilige Remaclus schlägt die hart, die ihn schlagen.« Ulenspiegel krümmte den Rücken, rieb ihn mit der Hand und stöhnte: »Glorreicher Heiliger, hab' Erbarmen. Das ist die Züchtigung, ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Ach! Au! Vergebung, heiliger Remaclus. Geh, Pilger, laß mich hier allein, bereuend und weinend wie ein Vatermörder.«

Aber der Pilger war schon nach dem Großen Platz von Bouillon geeilt, wo alle Buckligen zusammentrafen. Dort sagte er, vor Angst bebend, in abgerissenen Sätzen: »Einem Pilger begegnet, gerade wie eine Pappel . . . Pilger lästert . . . Buckel auf den Rücken . . . brennender Buckel!«

Als die Pilger das hörten, stießen sie tausend Freudenschreie aus und riefen: »Heiliger Remaclus, wenn du Buckel geben kannst, kannst du sie auch nehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclus!«

In der Zwischenzeit hatte Ulenspiegel seinen Baum verlassen. Als er durch die menschenleere Vorstadt kam, sah er über der niedrigen Tür einer Schenke zwei Schweinsblasen an einem Stock hängen, die da als Zeichen der Wurst-Kirmes oder paneh-kermis baumelten, wie man in Brabant sagt. Ulenspiegel nahm eine von den beiden Blasen, hob vom Boden den Rückenstachel eines Rochens auf, ließ sich damit zur Ader, träufelte sein Blut in die Blase, blies sie auf und verschnürte sie; dann band er sie sich auf den Rücken, befestigte den Stachel darüber und kam so ausstaffiert mit gewölbtem Rücken, wackelndem Kopf und schlotternden Beinen, wie ein alter Buckliger, auf den Platz.

Der Pilger, der Zeuge seines Sturzes gewesen war, bemerkte ihn und rief: »Da ist der Lästerer!« und zeigte mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbeigelaufen, um den so Bekümmerten zu sehen. Ulenspiegel schüttelte den Kopf ganz erbärmlich und sagte: »Ach! Ich verdiene weder Gnade noch Barmherzigkeit; tötet mich wie einen tollen Hund!« Doch die Buckligen rieben sich die Hände und sagten: »Einer mehr in unserer Brüderschaft.«

Ulenspiegel murmelte zwischen den Zähnen: »Ich werde euch bezahlen lassen, ihr Bösewichte«, schien aber alles geduldig zu ertragen und sagte: »Um meinen Buckel nicht noch zu stärken, werde ich so lange weder essen noch trinken, bis es dem heiligen Remaclus gefällt, mich zu heilen, wie es ihm gefiel, mich zu schlagen.«

Auf den Lärm, den das Wunder verursachte, verließ der Dechant die Kirche und bahnte sich, die Nase hoch erhoben wie ein Schiff, den Weg durch den Strom der Buckligen. Er war ein großer, dickwanstiger und majestätischer Mann. Man zeigte ihm Ulenspiegel, und er sagte zu ihm: »Bist du es, Männlein, den die Geißel des heiligen Remaclus geschlagen hat?« »Ja, Herr Dechant«, sagte Ulenspiegel, »ich bin es in der Tat, sein unterwürfiger Anbeter, der von seinem neuen Buckel geheilt sein will, wenn es dem heiligen Remaclus gefällt.« Der Dechant witterte hinter dieser Rede einen bösen Streich und sagte: »Laß mich diesen Buckel betasten.« »Tastet, mein Herr«, sagte Ulenspiegel. Nachdem der Dechant das getan hatte, sagte er: »Er ist noch neu und feucht. Ich hoffe indes, daß der heilige Remaclus wohl geneigt sein wird, dir Barmherzigkeit angedeihen zu lassen. Folge mir.«

Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche ein, die Buckligen marschierten hinter ihm und riefen: »Das ist der Verfluchte! Das ist der Lästerer! Wieviel wiegt er, dein neuer Buckel? Willst du einen Sack daraus machen, um deine Taler hineinzustecken? Du hast dich dein Leben lang über uns lustig gemacht, weil du gradgewachsen warst – nun ist die Reihe an uns. Dank sei dem heiligen Remaclus!«

Ulenspiegel ließ kein Wort laut werden und folgte nur immer mit gesenktem Kopf dem Dechanten, der eine kleine Kapelle betrat, in der sich ein marmornes Grab befand, das mit einer ebenfalls marmornen Tafel bedeckt war. Zwischen dem Grab und der Mauer der Kapelle war nicht mehr Zwischenraum als die Länge seiner Hand. Eine Menge buckliger Pilger ging im Gänsemarsch zwischen der Mauer und der Grabtafel hindurch, an der jeder einzelne stillschweigend seinen Buckel rieb. Sie hofften, auf diese Art ihres Buckels ledig zu werden. Die ihren Buckel gerieben hatten, wollten den anderen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz machen, darob entstand eine Schlägerei, die aber wegen der Heiligkeit des Ortes geräuschlos geführt wurde, wobei die Kämpfenden, tückisch wie Bucklige sind, nur versteckt aufeinander losschlugen. Der Dechant sagte zu Ulenspiegel, er solle auf die Grabtafel steigen, damit ihn alle Pilger gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte: »Das kann ich nicht allein.« Der Dechant half ihm, stellte sich neben ihn und befahl ihm niederzuknien. Ulenspiegel gehorchte und verharrte gesenkten Hauptes in dieser Stellung.

Nachdem sich der Dechant gesammelt hatte, begann er mit wohltönender Stimme zu predigen: »Söhne und Töchter in Jesu Christo, zu meinen Füßen sehet ihr den größten Sünder, Taugenichts und Lästerer, den der heilige Remaclus jemals mit seinem Zorn geschlagen hat.«

Da schlug sich Ulenspiegel auf die Brust und sagte: »Confiteor!«

»Einst«, fuhr der Dechant fort, »war er gerade wie der Schaft einer Hellebarde und tat sich darauf was zugute. Sehet ihn jetzt an, bucklig und gekrümmt unter den Schlägen des himmlischen Fluches.«

»Confiteor«, sagte Ulenspiegel, »befrei mich von meinem Buckel.«

»Ja«, setzte der Dechant fort, »ja, großer, heiliger Remaclus, der du seit deinem rühmlichen Tode neununddreißig Wunder vollbracht hast, nimm die Last von seinen Schultern, die ihn bedrückt, auf daß wir dein Lob singen können in saeculo saeculorum. Und Friede auf Erden den Buckligen, die guten Willens sind.«

Und die Buckligen sprachen im Chor: »Ja, ja, Friede auf Erden den Buckligen, die guten Willens sind, Friede den Buckeln, Erholung den Mißgestalten, Gnade den Gedemütigten! Nimm uns unsere Buckel, heiliger Remaclus!«

Der Dechant befahl Ulenspiegel, vom Grab herabzusteigen und seinen Buckel am Rand der Tafel zu scheuern. Ulenspiegel tat das und wiederholte immer: »Mea culpa confiteor! Befrei mich von meinem Buckel!« Und mit aller Kraft scheuerte er seinen Buckel vor den Augen der Zuschauer. Plötzlich riefen sie: »Seht den Buckel, er biegt sich! Seht, er weicht, und rechts beginnt er zu verschwinden.« – »Nein, er schiebt sich in die Brust zurück.«

– »Nein, die Buckel verschwinden nicht, sondern sinken in die Gedärme hinab, woher sie kamen.« – »Nein, sie kehren in den Magen zurück, wo sie vierundzwanzig Tage lang als Nahrung dienen.« – »Das ist das Geschenk des Heiligen für die entlasteten Buckligen.« – »Wohin kommen die alten Buckel?«

Plötzlich stießen die Buckligen laute Schreie aus, denn Ulenspiegel hatte seinen Buckel zum Zerspringen gebracht, indem er sich kräftig gegen den Rand der Grabtafel gedrängt hatte. Das Blut, das in der Blase war, rann über sein Wams, und rollte in großen Tropfen über die Fliesen. Ulenspiegel reckte sich, streckte die Arme aus und rief: »Ich bin befreit!« Und alle Buckligen riefen im Chor: »Heiliger Remaclus, du bist gebenedeit! Es ist süß für ihn, doch hart für uns.« »Herr, nimm uns unsere Buckel ab!«

– »Ich werde dir ein Kalb opfern.« – »Ich sieben Schafe.« – »Ich die ganze Jagdbeute eines Jahres.« – »Ich sechs Schinken.« – »Ich schenke der Kirche meine Hütte.« – »Nimm uns unsere Buckel ab, heiliger Remaclus!«

Und sie sahen Ulenspiegel mit Neid und Achtung an. Einige wollten sein Wams betasten, aber der Dechant sagte zu ihm: »Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht kommen darf.«

»Ich werde für euch beten«, sagte Ulenspiegel. »Ja, Pilger«, sagten die Buckligen und sprachen alle zu gleicher Zeit auf ihn ein, »ja, wieder gerade gewordener Herr! Wir haben Euch verspottet, vergebt uns, wir wußten nicht, was wir taten. Christus hat am Kreuz verziehen, gewähret auch uns Verzeihung!« »Ich werde euch vergeben«, sagte Ulenspiegel wohlwollend. Sie drängten sich um ihn und sagten: »Da, nimm diesen Patard.« – »Empfange diesen Gulden.« – »Laßt uns Seiner Geradheit diesen Real überreichen.« – »Laßt Euch diesen Cruzado anbieten.« – »Laßt uns Euch diesen Karlsgulden in die Hand drücken«, und so ging's weiter. »Verbergt eure Karlsgulden ein bißchen«, sagte Ulenspiegel zu ihnen mit leiser Stimme, »damit eure Linke nicht wisse, was eure Rechte gibt.« Und er sprach so wegen des Dechanten, der das Geld mit den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es Gold oder Silber war. »Gnade werde Euch zuteil, geheiligter Herr«, sagten die Buckligen zu Ulenspiegel. Und in seiner Eigenschaft als Wundermann nahm er ihre Gaben voll Stolz entgegen. Aber die Geizigen scheuerten ihre Rücken an dem Grab, ohne etwas zu sagen.

Abends ging Ulenspiegel in eine Schenke und aß und trank nach Herzenslust. Ehe er sich zu Bett begab, fiel ihm ein, daß der Dechant möglicherweise Anspruch auf seinen Anteil an der Ausbeute machen könnte, wenn er nicht gar das Ganze verlangen würde, er zählte seinen Gewinn und fand, daß mehr Gold als Silber dabei war. Mochten es doch gut an die dreihundert Karlsgulden gewesen sein. Er bemerkte einen verdorrten Lorbeerbaum in einem Topf, faßte ihn an der Krone, zog den Stamm und die Erde heraus und steckte das Gold darunter. Alle halben Gulden, Patards und Patacons reihte er auf dem Tisch auf.

Der Dechant betrat die Schenke und kam auf Ulenspiegel zu. Als der ihn erblickte, sagte er: »Herr Dechant, was wollt Ihr von meiner Wenigkeit?« »Ich will nichts als dein Bestes, mein Sohn«, antwortete der Dechant. »Ach!« seufzte Ulenspiegel, »ist es das, was Ihr hier auf dem Tisch seht?« »Eben das«, antwortete der Dechant, streckte die Hand aus, säuberte den Tisch von allem Geld, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten Sack gleiten. Dann gab er Ulenspiegel, der tat, als ob es ihm das Herz abdrückte, einen Gulden und fragte ihn nach Werkzeugen, mit deren Hilfe er das Wunder vollbracht hatte. Ulenspiegel zeigte ihm den Rochenstachel und die Blase. Während der Dechant diese Dinge an sich nahm, klagte Ulenspiegel und bat ihn inständig, ihm doch noch etwas von dem Geld zu geben, da der Weg von Bouillon nach Damme für ihn, den armen Wanderer, lang wäre und er sonst ohne Zweifel Hungers sterben müßte. Doch der Dechant entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen.

Als Ulenspiegel allein war, schlief er ein, das Gesicht dem Lorbeerbaum zugewandt. Am frühen Morgen des nächsten Tages raffte er seine Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich in das Lager des Schweigers, er übergab ihm das Geld, erzählte ihm, was sich zugetragen hatte, und meinte, daß dies die richtige Art sei, vom Feinde Kriegsentschädigungen einzutreiben. Der Prinz gab ihm zehn Gulden.

Was den Rochenstachel betrifft, so wurde er in ein kristallenes Schränkten eingeschlossen und zwischen den Querbalken des Kreuzes am Hochaltar in Bouillon aufbewahrt. Und jedermann in der Stadt wußte, daß das, was am Kreuz hing, der Buckel des wieder geradegemachten Lästerers sei.

XI

Ehe der Schweiger, der in der Nähe von Lüttich war, die Maas überschritt, ließ er seine Truppen Scheinmärsche machen, um so den Herzog in seiner Wachsamkeit irrezuführen. Ulenspiegel, der von seiner Soldatenpflicht enthoben war, handhabte die Armbrust mit großer Geschicklichkeit und hielt Augen und Ohren offen.

Zu dieser Zeit kamen flämische und brabantische Edelleute ins Lager, die mit den Obristen und Kapitänen aus dem Gefolge des Schweigers in gutem Einverständnis lebten. Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die ohne Unterlaß miteinander im Streit lagen, die einen sagten: »Der Prinz ist ein Verräter«, und die anderen antworteten, daß die Ankläger gelogen hätten, was ihre Zunge herhalten wollte, und daß sie sie ihre lügnerische Zunge verschlingen lassen würden.

Das Mißtrauen verbreitete sich wie ein Ölfleck. Trupps von sechs, acht und zwölf Mann gerieten bisweilen in Handgemenge und bekämpften sich mit allen Waffen, ja selbst mit Arkebusen. Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm herbei und stellte sich zwischen die beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der Seite. Er machte dem Kampf ein Ende und besuchte alle Zelte des Lagers, um sich zu zeigen, damit es nicht heiße: »Der Schweiger ist tot! Der Krieg ist tot!«

In der folgenden Nacht, gegen zwölf Uhr, während dichter Nebel über dem Land lag, hörte Ulenspiegel, als er eben ein Haus verlassen wollte, in dem er einem wallonischen Mädchen flämische Liebeslieder vorgesungen hatte, dreimal wiederholtes Rabengekrächz von der Tür einer nahen Hütte her erschallen. Nach je drei Rufen antwortete das Gekrächz anderer Raben aus der Ferne ebenfalls mit drei Rufen. Ein Handwerker kam aus der Tür der Hütte, und Ulenspiegel hörte seine Schritte auf dem Weg. Zwei Männer, die spanisch sprachen, kamen auf den Handwerker zu, der in derselben Sprache fragte: »Was habt ihr geschafft?« »Gute Arbeit im Lügen für den König«, sagten sie, »dank unserer Mühe erzählen sich die mißtrauischen Kapitäne und Soldaten folgendes:

›Der Prinz leistet dem König nur aus niedrigem Ehrgeiz Widerstand, er ist nur darauf aus, gefürchtet zu werden und als Preis für den zu erringenden Frieden Städte und Herrensitze zu erhalten. Für fünfhunderttausend Gulden wird er die tapferen Edlen im Stich lassen, die für das Land kämpfen. Der Herzog hat ihm gänzliche Verzeihung und das eidliche Versprechen zugesagt, daß er ihm und allen Befehlshabern der Armee die eingezogenen Güter wiedererstatten wolle, wenn sie sich dem König wieder in Gehorsam unterstellten. Oranien soll allein den Vertrag mit ihm schließen.‹

Die Getreuen des Schweigers antworteten uns: ›Die Angebote des Herzogs sind tückische Fallen, denen er, der Edlen Egmont und Hoorne gedenkend, nicht trauen wird. Sie wissen sehr wohl, daß der Kardinal Granvella in Rom mit Bezug auf die Enthauptung der Grafen gesagt hat: Man fängt die Gründlinge, aber den Hecht läßt man schwimmen, man hat nichts gefangen, solange noch der Schweiger zu fangen bleibt.‹«

»Ist die Spaltung im Lager groß?« fragte der Handwerker. »Die Spaltung ist groß und nimmt jeden Tag zu«, sagten sie, »wo sind die Briefe?«

Dann traten sie in die Hütte ein, in der eine Laterne brannte. Durch ein kleines Dachfenster spähend, sah Ulenspiegel, wie sie zwei Sendschreiben öffneten, sich beim Lesen sichtlich freuten, Hydromel tranken und schließlich wieder fortgingen, während sie in spanischer Sprache zu dem Handwerker sagten: »Das Lager gespalten, Oranien gefangen – das wird eine gute Limonade.«

»Die dürfen nicht am Leben bleiben«, sagte Ulenspiegel zu sich. Ulenspiegel sah, wie der Handwerker ihnen eine Laterne brachte, die sie nahmen, um dann durch den dichten Nebel davonzugehen. Er nahm an, daß sie hintereinander marschierten, da der Schein der Laterne oft von einer schwarzen Gestalt unterbrochen wurde. Er lud seine Arkebuse und schoß auf die schwarze Gestalt. Gleich darauf sah er, daß die Laterne mehrmals gesenkt und gehoben wurde, und schloß daraus, daß einer von den beiden gestürzt sei und daß der andere bemüht sei, zu entdecken, welcher Art die Verwundung wäre. Er lud seine Arkebuse von neuem. Dann ging der Laternenträger rasch und schwankend in der Richtung des Lagers allein weiter, und Ulenspiegel schoß ein zweites Mal. Die Laterne schwankte, fiel erlöschend zu Boden, und es war finster.

Als er nun dem Lager zulief, sah er den Profosen und eine Menge von Soldaten herbeikommen, die von den Schüssen der Arkebuse geweckt worden waren. Er hielt sie an und sagte zu ihnen: »Ich bin der Schütze, holet das Wild.« »Lustiger Flame«, sagte der Profos, »du sprichst also nicht nur mit der Zunge!« »Die Worte der Zunge sind Wind«, erwiderte Ulenspiegel, »die Worte aus Blei, die bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.«

Er führte sie, die sich mit ihren Laternen versehen hatten, bis zu der Stelle, an der die beiden gefallen waren. In der Tat fanden sie sie ausgestreckt auf dem Boden liegend, der eine war tot, der andere röchelte und hielt die Hand auf der Brust, wo sich ein Brief vorfand, den er mit dem Aufwand der letzten Lebenskraft zerknittert hatte. An den Kleidern erkannten sie, daß die Toten Edelleute gewesen waren, beim Licht ihrer Laternen trugen sie die beiden Leichen zum Prinzen, der dadurch in einer Beratung mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von Hessen und anderen Edlen gestört wurde. Von Landsknechten, Reitern und grünen und gelben Bogenschützen gefolgt, kamen sie vor das Zelt des Schweigers und verlangten mit lautem Geschrei, daß er sie empfange.

Oranien kam aus dem Zelt, und Ulenspiegel sagte, indem er dem Profosen das Wort abschnitt, der sich hustend anschickte, Klage zu führen: »Edler Herr, ich habe statt der Raben zwei erlauchte Verräter aus Eurem Gefolge getötet.« Dann erzählte er, was er gesehen, gehört und getan hatte. Der Schweiger sagte kein Wort.

Die beiden Leichname wurden in Gegenwart Wilhelms von Oranien, des Schweigers, Friedrichs von Hollenhausen, des Markgrafen von Hessen, Dietrichs von Schoonenberg, des Grafen Albert von Nassau, des Grafen von Hoogstraeten und Antoine de Lalaings, des Gouverneurs von Mecheln, durchsucht, außerdem waren zahlreiche Soldaten und Lamme Goedzak anwesend, dessen Wanst vor Schreck zitterte. Man fand bei den toten Edelleuten versiegelte Briefe Granvellas und Noircarmes, durch die sie verhalten wurden, die Spaltung im Gefolge des Prinzen durchzuführen, um dadurch seine Kräfte zu mindern, ihn zur Nachgiebigkeit zu zwingen und dem Herzog auszuliefern, der ihn, seinen Verdiensten gemäß, enthaupten lassen wollte.

»Man muß«, besagten die Briefe, »vorsichtig zu Werke gehen und die Angehörigen der Armee durch Andeutungen glauben machen, daß der Schweiger, einzig zu seinem Vorteil, schon ein teilweises Abkommen mit dem Herzog vereinbart habe. Seine Kapitäne und Soldaten werden ihn, darüber empört, gefangennehmen.«

Jedem von den beiden war ein Gutschein über fünfhundert Dukaten, zahlbar bei den Brüdern Fugger in Antwerpen, als Entschädigung übergeben worden, ferner sollten sie weitere tausend erhalten, wenn die aus Spanien erwarteten vierhunderttausend in Zeeland angekommen sein würden.

Nachdem dieses Komplott aufgedeckt war, wandte sich der Prinz wortlos zu den Edelleuten, Offizieren und Soldaten um, unter denen eine große Menge derer waren, die ihn verdächtigt hatten, er zeigte ihnen die beiden Leichen, ohne zu sprechen, und wollte ihnen durch diese Geste ihr Mißtrauen zum Vorwurf machen. Aber alle riefen in großem Durcheinander: »Lang lebe Oranien! Oranien ist dem Lande treu!« Um ihrer Verachtung Ausdruck zu verleihen, wollten sie die Leichen den Hunden vorwerfen, aber der Schweiger sagte: »Nicht die Körper müßt ihr vor die Hunde werfen, sondern die Schwäche des Geistes, die an lauteren Absichten zweifeln läßt.« Und die Edlen und die Soldaten riefen: »Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund des Landes!« Und ihre Stimmen klangen wie Donner, der der Ungerechtigkeit droht.

Der Prinz sagte, während er auf die Leichen wies: »Begrabt sie christlich.«

»Und was soll mit meinem treuen Kadaver geschehen?« fragte Ulenspiegel. »Wenn ich schlecht gehandelt habe, gebe man mir Schläge, habe ich aber gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.« Da sagte der Schweiger: »Dieser Arkebusier bekommt in meiner Gegenwart fünfzig Streiche mit grünem Holz, weil er, ohne dazu beauftragt worden zu sein, in außerordentlicher Mißachtung der Disziplin zwei Edelleute getötet hat. Außerdem wird er dreißig Gulden erhalten, weil er gut gesehen und gehört hat.«

»Edler Herr«, sagte Ulenspiegel, »wenn man mir die dreißig Gulden zuerst gibt, so werde ich die Schläge mit grünem Holz geduldig ertragen.« »Ja, ja«, stöhnte Lamme, »gebt ihm zuvörderst die dreißig Gulden, und er wird das übrige mit Geduld ertragen.« »Und überdies«, sagte Ulenspiegel, »ist es gar nicht nötig, daß man mich mit Eichenholz wasche und mit Kirschästen spüle, da mein Gewissen rein ist.« »Ja«, stöhnte Lamme Goedzak von neuem, »Ulenspiegel braucht weder gewaschen noch gespült zu werden. Er hat ein reines Gewissen. Waschet ihn nicht, ihr edlen Herren, waschet ihn nicht!«

Nachdem Ulenspiegel die dreißig Gulden empfangen hatte, befahl der Profos dem Stockmeister, sich seiner zu bemächtigen.

»Sehet, meine Herren«, sagte Lamme, »wie erbärmlich seine Miene ist. Er liebt das Holz nicht, mein Freund Ulenspiegel.« »Ich liebe es, eine schöne, dichtbelaubte Esche zu sehen«, sagte Ulenspiegel, »die in ihrem natürlichen Grün im Licht der Sonne wächst, aber diese häßlichen Stecken, die noch von ihrem Saft bluten, der Zweige beraubt, ohne Blatt und Ästchen, ungebärdig und von rohem Benehmen sind, die hasse ich auf den Tod!«

»Bist du bereit?« fragte der Profos.

»Bereit!« wiederholte Ulenspiegel, »bereit, wozu? Geschlagen zu werden? Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister. Euer Bart ist rot und Eure Miene schreckenerregend, aber ich bin sicher, daß Ihr ein sanftes Herz habt und einem armen Mann wie mir nicht gerne das Kreuz abschlagt. Ich muß Euch sagen, ich tu's nicht gern und seh's nicht gern, denn der Rücken eines Christen ist ein heiliger Tempel, der, ebenso wie die Brust, die Lungen umschließt, mit der wir des guten Herrgotts Luft einatmen. Welch brennende Gewissensbisse würdet Ihr doch empfinden, wenn mich ein roher Stockstreich in Stücke schlüge!«

»Spute dich«, sagte der Stockmeister.

»Edler Herr«, sagte Ulenspiegel, sich an den Prinzen wendend, »es hat keine Eile, glaubt mir! Zunächst müßte man diesen Stecken trocknen lassen, denn man sagt, daß das grüne Holz beim Eindringen in lebendes Fleisch diesem ein tödliches Gift mitteilt. Wollte Eure Hoheit mich dieses häßlichen Todes sterben sehen? Edler Herr, ich halte meinen Rücken treu Eurer Hoheit zu Diensten, laßt ihn mit Gerten schlagen oder peitschen, aber wenn Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir, so es Euch gefällt, das grüne Holz.«

»Gewährt ihm Gnade«, sagten die Herren von Hoogstraeten und Dietrich von Schoonenburg zu gleicher Zeit, die andern lächelten mitleidig. Auch Lamme sagte: »Edler Herr, edler Herr, übet Gnade, das grüne Holz ist reines Gift.« Da sagte der Prinz: »Ich begnadige ihn.«

Ulenspiegel machte ein paar Luftsprünge, schlug auf Lammes Wanst, zwang ihn, mit ihm zu tanzen und sagte: »Lobpreise mit mir den Herrn, der mich vom grünen Holz errettet hat.« Und Lamme versuchte zu tanzen, vermochte es aber nicht wegen seines Wanstes. Dann zahlte Ulenspiegel ihm zu essen und zu trinken.

XII

Der Herzog wollte sich keiner Schlacht aussetzen und beunruhigte den Schweiger ohne Unterbrechung, der im flachen Land zwischen Jülich und der Maas hin und her zog und den Fluß überall, bei Houdt, Mecheln, Elsen und Meersen, absuchen ließ, und allerorten fand man Fußangeln, an denen sich Menschen und Pferde beim Überschreiten der Furten verwunden sollten.

In Stockem fanden die Sondeure nichts, und der Prinz befahl den Übergang. Reiter überquerten die Maas und stellten sich am andern Ufer in Schlachtordnung auf, um den Übergang auf der Seite des Bistums Lüttich zu schützen, dann stellten sich zehn Reihen Bogenschützen und Arkebusiere quer durch den Fluß von einem Ufer zum andern auf und brachen so die Macht des Stromes, auch Ulenspiegel war in dieser Reihe. Das Wasser reichte ihm bis zu den Schenkeln, und öfters hob ihn und sein Pferd eine tückische Welle hoch empor. Er sah die Söldner zu Fuß durch den Strom waten, ein Säckchen mit Schießpulver auf der Mütze tragend und ihre Arkebusen hoch in der Luft haltend. Dann kamen die Karren, Kreuzgeschütze, die Artilleriesoldaten, die Luntenführer, Mörser, Doppelmörser, große und kleine Falkonetten, Feldschlangen, halbe und doppelte Feldschlangen, Kurzgeschütze, Doppelgeschütze, Kanonen, halbe Kanonen und doppelte Kanonen, dann folgten die auf Wagen montierten und von zwei Pferden gezogenen Feldstücke, die in raschem Lauf aufgeführt werden konnten und völlig jenen Geschützen glichen, die man die Pistolen des Kaisers nannte, hinter ihnen kamen, die Nachhut deckend, Landsknechte und flandrische Reiter.

Ulenspiegel suchte nach irgendeinem wärmenden Getränk. Der Bogenschütze Riesenkraft, ein Deutscher, ein hagerer und grausamer Mann von riesenhafter Größe, schnarchte neben ihm, und sein Atem duftete nach Branntwein. Ulenspiegel suchte nach einer Flasche auf der Kruppe des Pferdes des Deutschen und fand sie am Wehrgehenk, an dem sie mittels einer Schnur befestigt war, die er durchschnitt, dann nahm er die Flasche und schlürfte fröhlich drauflos.

Die Kameraden des Bogenschützen sagten zu ihm: »Gib uns auch davon.« Er tat das, nun war der Branntwein ausgetrunken, und er knüpfte die Schnur wieder an die Flasche und wollte sie auf die Brust des Soldaten zurücklegen. Als er den Arm hob, um sie anzuhängen, erwachte Riesenkraft. Er faßte nach der Flasche und wollte seine Kuh nach gewohnter Weise melken. Als er merkte, daß sie keine Milch mehr gab, geriet er in großen Zorn und sagte: »Dieb, was hast du mit meinem Branntwein gemacht?« Ulenspiegel antwortete: »Ich habe ihn ausgetrunken. Unter Reitern, die halb in den Fluß getaucht sind, ist der Branntwein des einzelnen der Branntwein aller. Ein Schurke ist, wer da knausert.« »Morgen werde ich dich in Stücke schneiden«, erwiderte Riesenkraft. »Wir werden uns gegenseitig Kopf, Arme, Beine und alles andere abschneiden«, antwortete Ulenspiegel, »bist du aber nicht verstopft, weil du so eine ärgerliche Fratze schneidest?« »Das bin ich«, antwortete Riesenkraft. »Dann mußt du scheißen und nicht kämpfen«, antwortete Ulenspiegel.

Sie beschlossen, daß sie sich am nächsten Tag treffen sollten, um sich, je nach dem Belieben des einzelnen beritten und gekleidet, mit kurzen, unelastischen Stockdegen ihren Speck zu zerschneiden. Ulenspiegel bat, für seine Person den Stockdegen durch einen Stecken ersetzen zu dürfen, was ihm auch zugestanden wurde.

Inzwischen hatten die Soldaten den Fluß durchquert und sich auf Befehl der Obristen und Kapitäne in Reih und Glied aufgestellt, während die zehn Reihen Bogenschützen gleichfalls durch die Furt wateten. Und der Schweiger sagte: »Wir marschieren gegen Lüttich!«

Ulenspiegel war darob gar fröhlich und rief, zugleich mit allen flämischen Soldaten: »Lang lebe Oranien, wir marschieren gegen Lüttich!« Aber die Fremden, insbesondere die Deutschen, sagten, daß sie zu sehr gewaschen und gespült seien, um zu marschieren. Vergeblich versicherte ihnen der Prinz, daß sie einem gewissen Siege in einer ihnen freundschaftlich gesinnten Stadt entgegengingen, sie schenkten ihm aber kein Gehör, zündeten große Feuer an und wärmten sich davor samt ihren abgezäumten Pferden. Der Angriff auf die Stadt wurde auf den nächsten Tag verschoben, an dem Alba, über die kühne Flußdurchquerung höchlichst erstaunt, durch seine Spione schon erfahren hatte, daß die Soldaten des Schweigers noch nicht zum Sturm bereit waren. Daraufhin drohte er Lüttich und dem ganzen Flachland der Umgebung, daß er mit Feuer und Schwert vorgehen würde, wenn die Freunde des Prinzen sich irgendwie regten.

Gerard de Groesbeke, der bischöfliche Häscher, bewaffnete seine Soldaten gegen den Prinzen, der durch die Lässigkeit der Deutschen, die vor dem bißchen Wasser in ihren Hosen Angst gehabt hatten, zu spät kam.

XIII

Ulenspiegel und Riesenkraft hatten sich Sekundanten genommen, die erklärten, daß die beiden Soldaten bis zum Tod des einen kämpfen sollten, wenn es nämlich dem Sieger gefiele, seinen Gegner zu töten. Dieses waren die Bedingungen, die Riesenkraft aufgestellt hatte. Der Schauplatz des Kampfes war eine kleine Heide.

Früh am Morgen kleidete Riesenkraft sich in seine Bogenschützentracht. Er setzte den visierlosen Helm mit Halsdecke auf und zog ein ärmelloses Panzerhemd an. Das andere Hemd, das schon ganz zerschlissen war, steckte er in seinen Helm, um es als Verbandstoff gebrauchen zu können. Er bewaffnete sich mit seiner Armbrust aus gutem Ardennenholz, mit einem Bündel von dreißig Pfeilen, einem langen Dolch, aber nicht mit dem bei den Bogenschützen üblichen Schwert, das mit zwei Händen geführt wurde. Er kam, auf seinem Schlachtroß reitend, das mit seinem Kriegssattel und gefiedertem Zaumzeug versehen und vollkommen eingepanzert war, auf den Kampfplatz.

Ulenspiegel versah sich mit den Waffen eines Edelmannes: sein Reittier war ein Esel, dessen Sattel war aus den Röcken einer Dirne gemacht, und statt des gefiederten Zaumzeuges trug er ein Geflecht aus Korbweiden, über dem schöne Hobelspäne flatterten. Sein Panzerhemd war eine Speckschwarte, denn das Eisen kostete zuviel, wie er sagte, Stahl wäre ganz unbezahlbar, und was das Kupfer anbelange, so habe man in den letzten Tagen so viele Kanonen daraus gemacht, daß nicht mehr genug zurückgeblieben sei, um damit ein Kaninchen zur Schlacht zu bewaffnen. Statt einer anderen Kopfbedeckung setzte er sich einen schönen Salatkopf auf, den selbst die Schnecken nicht mehr gefressen hätten, der Salat war mit einer Schwanenfeder geschmückt, damit Ulenspiegel singen könnte, falls er sterben sollte. Sein starrer und leichter Degen war ein guter, langer und schwerer Stock aus Tannenholz, an dessen Ende er einen Besen aus Tannenreisern angebracht hatte, auf der linken Seite seines Sattels hing sein Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der rechten baumelte sein Kampfknüppel, der aus Holunderholz gemacht und mit einer Steckrübe gekrönt war. Sein Panzer setzte sich durchweg aus den Löchern seines Wamses zusammen.

Als er so ausstaffiert auf den Kampfplatz kam, brachen die Sekundanten Riesenkrafts in schallendes Gelächter aus, dieser selbst aber verzog keine Falte seiner mürrischen Fratze.

Nun fragten Ulenspiegels Sekundanten die Riesenkrafts, ob der Deutsche seine Bewaffnung mit Panzer und Eisen in Anbetracht des Umstandes, daß Ulenspiegel nur mit Lumpen ausgerüstet sei, nicht ablegen wollte. Damit war Riesenkraft einverstanden. Die Sekundanten Riesenkrafts fragten nun die Ulenspiegels, wie es komme, daß dieser sich mit einem Besen bewaffnet habe. »Ihr habt mir den Stock zugestanden«, sagte Ulenspiegel, »aber ihr habt mir nicht verboten, ihn durch Belaubung zu schmücken.« »Tu, was dich gut dünkt«, sagten die vier Sekundanten.

Riesenkraft sprach kein Wort und säbelte die mageren Pflanzen der Heide mit seinem Degenstock ab. Die Sekundanten verhielten ihn dazu, den Degenstock gegen einen Stecken auszutauschen. Er erwiderte: »Wenn dieser Lumpenkerl sich aus freiem Entschluß eine so ungewöhnliche Waffe gewählt hat, so tat er es in dem Glauben, mit ihr sein Leben verteidigen zu können.« Ulenspiegel wiederholte, daß er sich seines Besens bedienen wollte, und die vier Sekundanten kamen überein, daß alles so in Ordnung sei.

Nun waren beide kampfbereit, Riesenkraft auf seinem eisengepanzerten Pferd, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten Esel. Ulenspiegel ritt in die Mitte des Feldes vor, blieb dort stehen, hielt seinen Besen wie eine Lanze und sagte: »Ich finde, daß nur eines noch mehr stinkt als Pest, Aussatz und Tod! Das ist das Ungeziefer der boshaften Kerle, die in einem Lager von Soldaten, die gute Kameradschaft halten, keine andern Sorgen haben, als überall ihre mürrische Fratze und ihren zorngeifernden Mund spazierenzuführen. Wo sie sich aufhalten, erstarrt das Lachen und verstummen die Lieder. Immer müssen sie brummen oder sich schlagen und führen so statt des regelrechten Kampfes für das Vaterland den Zweikampf ein, der der Ruin der Armee und die Freude des Feindes ist. Der hier anwesende Riesenkraft hat einundzwanzig Männer wegen unschuldiger Worte getötet, ohne jemals in der Schlacht oder im Scharmützel ein glänzendes Heldenstück vollbracht oder durch seinen Mut auch nur die geringste Belohnung verdient zu haben.

Nun denn, heute will ich mir darin gefallen, diesem lästigen Hund das kahle Fell gegen den Strich zu bürsten.«

Riesenkraft antwortete: »Dieser Trunkenbold hat da schöne Dinge über den Mißbrauch des Zweikampfes zusammenphantasiert, es wird mir gefallen, ihm heute den Schädel zu spalten, um jedermann zu zeigen, daß er nichts als Heu in seinem Hirn hat.«

Die Sekundanten veranlaßten die Kämpfer, von ihren Reittieren abzusteigen. Als Ulenspiegel dieser Aufforderung nachkam, fiel ihm der Salat vom Kopf, und der Esel fraß ihn in aller Ruhe auf, aber das Grautier wurde in dieser Beschäftigung durch einen Fußtritt unterbrochen, den ihm der Sekundant versetzte, um ihn aus dem Umkreis des Kampffeldes zu verjagen. Dem Pferd begegnete das gleiche Geschick, und die beiden entfernten sich, um die nächste Umgebung gemeinsam abzuweiden. Die Sekundanten – der Ulenspiegels den Besen tragend, der Riesenkrafts den Degenstock haltend – gaben nun durch einen Pfiff das Zeichen zum Beginn des Kampfes.

Und Riesenkraft und Ulenspiegel begannen wütend aufeinander einzuschlagen, Riesenkraft hieb mit seinem Stockdegen, und Ulenspiegel parierte mit seinem Besen, Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, und Ulenspiegel wich vor ihm zurück, hüpfte quer durch die Heide, rundherum und im Zickzack, streckte Riesenkraft die Zunge heraus und machte ihm noch tausend andere Grimassen, dieser verlor den Atem und hieb mit seinem Degenstock in die Luft wie ein toll gewordener Söldner. Als Ulenspiegel ihn hinter sich herkommen hörte, drehte er sich plötzlich um und versetzte ihm mit seinem Besen einen kräftigen Schlag unter die Nase, so daß Riesenkraft mit ausgestreckten Armen und Beinen wie ein sterbender Frosch zu Boden fiel.

Ulenspiegel setzte sich auf ihn, fegte ihm das Gesicht nach allen Richtungen und sagte dabei: »Bitte um Gnade, oder ich laß dich meinen Besen fressen!« Und er striegelte ihn ohne Unterlaß hin und her, zum großen Vergnügen der Umstehenden, und er wiederholte immerwährend: »Bitte um Gnade, oder ich laß dich ihn fressen!« Aber Riesenkraft konnte nichts sagen, denn er war am schwarzen Wutkoller verstorben.

»Gott nehme deine Seele auf, armer Zornbeutel!« sagte Ulenspiegel und ging betrübt weg.

XIV

Es war damals gegen das Ende des Oktobers. Dem Prinzen fehlte es an Geld, seine Armee hungerte, und die Soldaten murrten. Er marschierte in der Richtung nach Frankreich und bot dem Herzog eine Schlacht an, der aber wollte nichts davon wissen.

Als er nun von Quesnoy-le-Comte aufbrach, um nach Cambrésis zu marschieren, begegnete er zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein Spaniern und drei Abteilungen leichter Reiter, die von Don Ruffele Henricis, dem Sohn des Herzogs, befehligt waren, er befand sich in der Mitte dieser Kampftruppe und rief in spanischer Sprache: »Tötet! Tötet! Kein Pardon! Es lebe der Papst!«

Don Henricis stand gerade der Arkebusierkompanie gegenüber, in der Ulenspiegel Zehnschaftskommandant war, und warf sich ihr entgegen. Ulenspiegel sagte zu dem Korporal der Abteilung: »Diesem Henker werde ich die Zunge abschneiden.« »Schneide«, sagte der Korporal.

Und Ulenspiegel zerriß Don Ruffele Henricis, dem Sohn des Herzogs, mit einem wohlgezielten Schuß die Zunge und den Kiefer. Auch den Sohn des Marquis Delmarès warf Ulenspiegel aus dem Sattel. Die acht Fähnlein und die drei Schwadronen wurden geschlagen.

Nach diesem Sieg suchte Ulenspiegel im ganzen Lager nach Lamme, fand ihn aber nicht. »Ach!« sagte er, »nun ist er dahingegangen, mein Freund Lamme, mein dicker Freund. In seinem kriegerischen Eifer wird er, der Last seines Wanstes nicht denkend, den spanischen Flüchtlingen haben folgen wollen. Außer Atem gekommen, wird er wie ein Sack auf die Straße gefallen sein. Und sie werden ihn aufgelesen haben, um Lösegeld für ihn zu bekommen, Lösegeld für den Speck eines Christen. Mein Freund Lamme, wo bist du denn, wo bist du, mein fetter Freund?«

Ulenspiegel suchte ihn überall, und als er ihn nicht fand, versank er in tiefe Traurigkeit.

XV

Im November, dem Monat der Schneestürme, befahl der Schweiger Ulenspiegel zu sich.

Der Prinz nagte an der Schnur seines Panzerhemdes und sagte: »Höre und begreife!«

Ulenspiegel erwiderte: »Meine Ohren sind Gefängnistore, man kommt leicht hinein, aber es ist eine verdammt schwere Sache, wieder herauszukommen.«

Der Schweiger sagte: »Du wanderst durch Namur, Flandern, Hainaut, Süd-Brabant, Antwerpen, Nord-Brabant, Geldern, Over-Yssel und Nord-Holland und tust überall kund, daß, wenn uns das Glück zu Lande in unserer heiligen christlichen Sache im Stich läßt, sich das Ringen gegen alle gewalttätige Unbill auf dem Meere fortsetzen wird. Gottes Gnade waltet über diesem Kampf, verlaufe er glücklich oder unglücklich. In Amsterdam angekommen, wirst du meinem Vertrauten Paul Buys über dein Tun und Lassen Rechenschaft geben. Hier sind drei von Alba selbst unterschriebene Pässe, die bei den Leichen von Quesnoy-le-Comte gefunden wurden. Mein Sekretär hat sie ausgefüllt. Vielleicht wirst du unterwegs irgendeinen guten Kameraden finden, auf den du dich verlassen kannst. Diejenigen, die auf den Lerchengesang mit dem Hahnenschrei antworten, sind zuverlässig. Hier sind fünfzig Gulden. Sei tapfer und treu.«

»Die Asche Claesens schlägt über meinem Herzen«, antwortete Ulenspiegel und ging.

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