Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Ulenspiegel

Charles de Coster: Ulenspiegel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles de Coster
titleUlenspiegel
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
illustratorRafaello Busoni
year1956
firstpub1867
translatorGeorg C. Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070810
projectid2a9d70ec
Schließen

Navigation:

Zweites Buch

I

Eines Morgens im September nahm Ulenspiegel seinen Stock, drei Gulden, die ihm Katheline gegeben hatte, ein Stück Schweinsleber und eine Schnitte Brot und verließ, während Nele noch schlief, Damme in Richtung nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen.

Unterwegs lief ihm ein Hund nach, beschnüffelte ihn wegen der Leber und sprang an seinen Beinen hoch. Ulenspiegel wollte ihn verjagen, sah aber, daß der Hund nicht davon ablassen wollte, ihm nachzulaufen, und hielt ihm folgende Rede: »Mein liebes Hündchen, du bist übel beraten, wenn du das Heim verläßt, in dem gutes Futter, köstliche Knorpel und Knochen voll Mark deiner harren, um auf der Straße der Abenteuer einem Landstreicher nachzulaufen, der dir vielleicht nicht einmal immer Wurzeln als Futter geben kann. Glaube mir, unvorsichtiges Hündchen, kehre zu deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel, Sturzgüsse, Nebel und ähnliche magere Suppen, die dem Vagabunden auf den Rücken niederströmen. Bleibe in der Ofenecke und wärme dich, am fröhlichen Feuer liegend; laß mich in Kot und Staub, Kälte und Hitze wandern, heute geröstet, morgen erfroren, Freitag gesättigt und Sonntag verhungert. Du tätest klug, wieder dorthin zurückzukehren, woher du kommst, du unerfahrenes Hündchen.«

Das Tier schien durchaus nicht zu verstehen, was Ulenspiegel sagte. Schweifwedelnd sprang es, was es konnte, und bellte vor Appetit. Ulenspiegel hielt das für einen Freundschaftsbeweis und dachte nicht an die Leber in seinem Ranzen. Er ging weiter, und der Hund folgte ihm.

Als sie so fast eine Meile zurückgelegt hatten, sahen sie einen Karren stehen, an den ein Esel gespannt war, der den Kopf hängen ließ. Auf einer Böschung am Wegrand saß ein dicker Mann zwischen zwei Distelsträuchern, in einer Hand hielt er einen Hammelknochen, an dem er nagte, in der andern eine Flasche, aus der er die Flüssigkeit schlürfte. Wenn er nicht aß oder trank, seufzte und weinte er.

Ulenspiegel blieb stehen, der Hund desgleichen. Er witterte das Hammelfleisch und die Leber und kletterte auf die Böschung. Dort setzte er sich neben dem Mann auf die Hinterbeine und kratzte ihn am Wams, damit er ihn auch an dem Schmaus teilnehmen lasse, aber der Mann stieß ihn mit dem Ellbogen zurück und streckte seinen Hammelknochen klagend in die Luft. Der Hund heulte ebenfalls, aber aus Begehrlichkeit. Der Esel, den es erboste, an den Karren gespannt zu sein und die Disteln nicht erreichen zu können, begann zu schreien.

»Was fehlt dir, Jan?« fragte der Mann den Esel. »Nichts, außer daß er die Disteln frühstücken will, die neben Euch blühen, wie im Kirchenchor zu Tassenderloo neben und über dem Herrn Christo. Und dieser Hund wäre nicht böse, könnte er seinen Kinnbacken den Knochen anvertrauen, den Ihr da haltet, vorläufig werde ich ihm die Leber geben, die ich hier habe.«

Der Hund fraß die Leber, und der Mann sah seinen Knochen an, benagte ihn noch einmal, um sich das Fleisch nicht entgehen zu lassen, das daran war, und gab ihn dann, so entblößt, dem Hund, der die Pfoten darauflegte und sich daranmachte, ihn auf dem Rasen zu zerbeißen.

Dann sah der Mann Ulenspiegel an, und dieser erkannte in ihm Lamme Goedzak aus Damme. »Lamme«, sagte er, »was tust du hier, trinkend, essend und flennend ? Welcher Söldner hat dich so ohne Ehrfurcht an den Ohren gebeutelt?« »Ach, meine Frau!« sagte Lamme. Er machte sich daran, seine Weinflasche zu leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Trink nicht so hastig, denn das geht nur auf die Nieren. Dem, der keine Flasche hat, stünde es besser an.« »Du sprichst gut«, sagte Lamme, »wirst du aber auch besser trinken?« Damit reichte er ihm die Flasche. Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellbogen und gab sie ihm zurück. »Nenn mich einen Spanier«, sagte er, »wenn noch genug drin ist, um einen Sperling betrunken zu machen.« Lamme sah die Flasche an und kramte, ohne sich in seinen Klagen zu unterbrechen, in seinem Ranzen herum, dann zog er eine andere Flasche und ein Stück Wurst daraus hervor, das er in Scheiben schnitt und mit melancholischer Miene kaute.

»Ißt du immerwährend, Lamme?« fragte Ulenspiegel. »Oft, mein Sohn«, antwortete Lamme, »aber das tue ich nur, um mir die traurigen Gedanken zu verjagen. – Wo bist du, Weib?« sagte er und zerdrückte eine Träne. Dann schnitt er sich zehn Scheiben von der Wurst ab. »Lamme, iß nicht so schnell und ohne Mitgefühl für den armen Pilger!« sagte Ulenspiegel. Lamme gab ihm weinend vier Scheiben, und Ulenspiegel war ganz gerührt über ihren guten Geschmack.

Und Lamme sagte, immer weinend und essend: »Meine Frau, meine gute Frau! Wie süß war sie, wie wohlgestaltet war ihr Leib! Zierlich wie ein Schmetterling und lebhaft wie der Blitz, sie sang wie eine Lerche! Freilich liebte sie es allzusehr, sich mit glänzendem Tand zu putzen. Ach, er stand ihr so gut! Aber die Blumen haben eben reiche Zier. Wenn du, mein Sohn, ihre kleinen Hände gesehen hättest, die so gern liebkosten, du würdest nicht erlaubt haben, daß sie jemals einen Kochtopf oder Kessel berührten. Das Feuer der Küche hätte ihre Haut geschwärzt, die so weiß war wie das Tageslicht. Und welche Augen! Ich schmolz schon in Zärtlichkeit, wenn ich nichts tat, als nur sie ansehen. – Tu einen Schluck Wein, ich werde nach dir trinken. – Ach! Wenn sie nur nicht tot ist! Thyl, ich nahm in unserem Haushalt alle Arbeit auf mich, um ihr auch die geringste Mühe zu ersparen. Ich fegte das Haus und bereitete das eheliche Bett, in dem sie sich abends, müde vom Vergnügen, ausstreckte. Ich wusch das Tafelgeschirr, reinigte die Wäsche und plättete sie. – Iß, Thyl, die Wurst ist aus Gent. – Oft kam sie vom Spaziergang zu spät zum Essen heim, doch meine Freude, sie zu sehen, war so groß, daß ich nicht zu murren wagte und überglücklich war, wenn sie mir nachts nicht schmollend den Rücken zukehrte. Nun habe ich alles verloren. – Trink von diesem Wein, er ist in Brüssel gezogen und auf Burgunder Art bereitet.«

»Warum ist sie denn fortgegangen?« fragte Ulenspiegel.

»Weiß ich das?« sagte Lamme, »wo sind die Zeiten, da ich zu ihr kam, in der Absicht, sie zu heiraten, und da sie mich floh, teils aus Furcht und teils aus Liebe! Wenn sie mit bloßen Armen daherkam – sie hatte schöne, runde, weiße Arme! – und sie merkte, daß ich sie ansah, dann ließ sie rasch ihre Ärmel hinuntergleiten. Zu andern Malen ließ sie sich meine Zärtlichkeiten gefallen, und ich durfte ihre schönen Augen küssen, die sie geschlossen hatte, und ihren breiten, festen Nacken, dann schauerte sie zusammen, stieß einen kleinen Schrei aus und bog den Kopf so nach rückwärts, daß sie mir an die Nase stieß. Und wenn ich ›Au!‹ schrie und sie zärtlich schlug, lachte sie, und wir trieben ein neckisches Spiel. – Thyl, ist noch etwas Wein in der Flasche geblieben?«

Ulenspiegel bejahte, Lamme trank und setzte seinen Bericht fort:

»Zu anderen Malen, wenn sie liebesfreudig gestimmt war, legte sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: ›Du bist schön.‹ Und sie küßte mich wie toll wohl an die hundert Male auf Wange und Stirn, aber niemals auf den Mund, wenn ich sie fragte, warum sie so große Zurückhaltung übe, wo sie doch unumschränkte Freiheit habe, dann lief sie zu einem Schrank, auf dem ein Humpen stand, und nahm eine Puppe, die dort, in perlenbestickte Seide gekleidet, saß, schaukelte und wiegte sie und sprach: ›Ich will nicht so etwas wie das da.‹ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um ihre Tugend zu schützen, ihr gesagt, daß die Kinder mit dem Mund gemacht werden. Ach! Ihr süßen Augenblicke zärtlicher Liebkosungen! – Thyl, sieh doch, ob du in der Tasche dieses Ranzens nicht noch ein Schinkelein findest.«

»Ein halbes«, antwortete Ulenspiegel und reichte es Lamme, der es vollends aufaß. Ulenspiegel sah ihm dabei zu und sagte: »Dieses Schinkelein erzeugt mir großes Wohlbehagen im Magen.« »Mir desgleichen«, sagte Lamme und reinigte sich die Zähne mit den Fingernägeln, »doch ich werde mein Schätzchen nicht mehr sehen, denn sie ist aus Damme geflohen, willst du sie mit mir, in meinem Karren fahrend, suchen?« »Das will ich«, erwiderte Ulenspiegel. »Ist denn nichts mehr in der Flasche?« fragte Lamme. »Nichts mehr«, erwiderte Ulenspiegel.

Und sie bestiegen den Karren, den der Rotesel mit wehmütigem Abschiedsgeschrei fortzog. Was den Hund betrifft, so war er, reichlich satt, davongegangen, ohne sich noch irgendwie geäußert zu haben.

II

Als der Karren auf dem Deich zwischen einem Weiher und einem Kanal dahinrollte, streichelte Ulenspiegel, tief in Gedanken versunken, liebkosend die Asche Claesens über seiner Brust. Er fragte sich, ob die Vision Trug oder Wahrheit gewesen und ob diese Geister ihn verspottet oder ob sie ihm in rätselhaften Worten gesagt hatten, was er wirklich finden müsse, um das Land seiner Väter glücklich zu machen.

Vergebens strengte er seinen Verstand an, um herauszufinden, was ›die Sieben‹ und ›der Gürtel‹ bedeuten sollten. Er gedachte des toten Kaisers und des lebenden Königs, der Regentin, des Papstes in Rom, des Großinquisitors und des Jesuitengenerals und fand so die sechs großen Henker des Landes, die er am liebsten sofort verbrannt hätte. Er kam aber zu dem Schluß, daß die es nicht sein konnten, da es zu leicht war, sie aufzufinden und zu verbrennen, also mußten sie an anderer Stelle sein. Und immer wiederholte er in Gedanken:

»Wenn der Nordwind den Schläfer küßt,
Untergangs Ende ist,
Liebe den Gürtel und die Sieben.«

»Ach!« sprach er bei sich, »in Tod, Blut und Tränen sieben finden, sieben brennen, sieben lieben! Mein armer Verstand erstarrt, denn wer brennt die, die er liebt?«

Der Karren hatte schon ein gut Stück Wegs zurückgelegt, da hörten sie Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:

»Habt, Wandrer, Ihr den Freund gesehn,
Den närrischen Freund, den ich verlor?
Er wandert ziellos hin, der Tor!
Habt Ihr ihn nicht gesehn?

So wie dem Lamm der Adler tut,
Zerriß er mir das Herz, so hart!
Er ist noch jung und ohne Bart,
Habt Ihr ihn nicht gesehn?

Wo bist du denn, geliebter Thyl?
Wenn Ihr ihn findet, sagt, daß Nele
Es an der Kraft, noch weit zu laufen, fehle,
Habt Ihr ihn nicht gesehn?

Weiß er, was Turteltäubchen spricht,
Vereinsamt und in Not?
Treu ist mein Herz dir bis zum Tod!
Saht Ihr ihn nicht?«

Ulenspiegel versetzte Lamme einen Schlag auf den Bauch und sagte zu ihm: »Halte deinen Atem an, Dickwanst!« »Ach!« sagte Lamme, »das kommt einen Mann von meiner Korpulenz sehr hart an.« Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn, verbarg sich hinter dem Wagenplan und ahmte die zittrige Stimme eines heiseren Trinkers nach, als er sang:

»Ich sah ihn, deinen närrischen Freund,
In einem alten morschen Karren.
Mit einem Dickwanst treu vereint
Sah ich ihn durch die Lande fahren.«

»Thyl«, sagte Lamme, »du hast heute morgen eine schlimme Zunge.« Ulenspiegel hörte nicht auf ihn, steckte den Kopf durch das Loch der Plane und sagte: »Nele, erkennst du mich?« Von Schrecken erfaßt, lachte und weinte sie zu gleicher Zeit, so daß ihre Wangen benetzt wurden, und sie sagte: »Ich seh' dich wohl, du garstiger Verräter!« »Nele«, sagte Ulenspiegel, »wenn du mich schlagen willst – ich habe hier einen Stock, er ist schwer genug, um ins Fleisch einzudringen, und knotig genug, um Spuren zu hinterlassen.« »Thyl, gehst du den Sieben nach?« fragte Nele. »Ja«, antwortete er.

Nele trug eine Jagdtasche, die so voll war, daß sie schier zu platzen schien, die reichte sie ihm und sagte: »Thyl, ich dachte, daß es ungesund sei, wenn ein Mann eine Reise unternimmt, ohne eine gute, fette Gans, einen Schinken und etliche Genter Würste mitzunehmen. Er muß das essen und dabei meiner gedenken.« Als Ulenspiegel Nele ansah und zunächst nicht daran dachte, die Jagdtasche zu nehmen, steckte Lamme den Kopf durch ein andres Loch des Plans und sagte: »Vorsorgliches Mädchen, wenn er das nicht annimmt, so geschieht das aus Gedankenlosigkeit, aber gib mir diesen Schinken, reiche mir diese Gans und lasse mir diese Würste zukommen – ich will sie ihm aufheben.« »Wer ist dieses gute Vollmondsgesicht?« fragte Nele. »Das ist ein Opfer der Ehe«, sagte Ulenspiegel, »vom Schmerz verzehrt und ausgetrocknet wie ein Apfel am Ofen, der seine Kräfte nur durch ununterbrochene Nahrungszufuhr wiederherstellen kann.« »Du sagst es, mein Sohn«, seufzte Lamme.

Die Sonne schien und brannte glühend auf Neles Kopf hernieder, und sie bedeckte ihn mit ihrer Schürze. Da Ulenspiegel mit ihr allein sein wollte, sagte er zu Lamme: »Siehst du die Frau, die dort über die Wiese geht?« »Ich sehe sie«, antwortete Lamme. »Erkennst du sie?« »Ach, sollte es die meine sein? Sie ist nicht wie eine Bürgersfrau gekleidet...!« »Du zweifelst noch, blinder Maulwurf?« sagte Ulenspiegel. »Wenn sie es aber nicht ist?« sagte Lamme. »Dann wirst du auch nichts verlieren, denn da ist linker Hand, in nördlicher Richtung, ein kaberdoesje, wo du treffliches Braunbier bekommst. Dort werden wir dich wiedertreffen. Und hier ist etwas Schinken, um deinen natürlichen Durst zu salzen.«

Lamme kletterte aus dem Karren und lief der Frau, die auf der Wiese dahinging, mit großen Schritten entgegen. Ulenspiegel sagte zu Nele: »Warum setzt du dich nicht neben mich?« Dann half er ihr, in den Wagen zu steigen und ließ sie neben sich setzen, er nahm ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern und gab ihr hundert Küsse. Dann sagte er: »Wohin wolltest du gehen, Geliebte?« Sie gab keine Antwort und schien entzückt und begeistert.

Und Ulenspiegel, beglückt wie sie, sagte zu ihr: »Also bist du hier! Die wilden Rosen in den Hecken sind nicht von so süßem Rot wie deine frische Haut. Wenn du auch nicht Königin bist, so laß mich dir doch eine Krone von Küssen aufs Haupt drücken. Die lieblichen Arme, so weich, so rosig, daß Amor sie nur zur Umarmung geschaffen hat! Ach! geliebtes Mädchen, werden diese Schultern unter meinen rauhen Manneshänden nicht welken? Der leichte Schmetterling setzt sich auf die purpurne Knospe, aber wie kann ich mich an das pulsende Weiß deines Leibes lehnen, ohne es welken zu machen, ich Klotz ?

Gott ist im Himmel, der König auf seinem Thron, die Sonne in der alles überragenden Höhe, aber ich bin Gott, König und Licht, wenn ich bei dir bin! Oh, Haare, weicher als Seidenflocken! Nele, ich schlage dich, zerreiße dich, zerstücke dich! Aber fürchte nichts, meine Freundin. – Dein lieblicher Fuß! Wie kommt's, daß er so weiß ist? Hast du ihn in Milch gebadet?«

Sie wollte sich erheben.

»Was fürchtest du?« sagte Ulenspiegel, »die Sonne, die über uns leuchtet und dich golden malt? Schlag die Augen nicht nieder. Sieh in die meinen, welch Feuer darin brennt. Lausche, Geliebte, höre, Schätzchen, das ist die Ruhestunde des Mittags, der Arbeiter ist daheim und lebt von Suppe, leben wir nicht von Liebe? Warum kann ich nicht tausend Jahre alt werden, um sie, gleich indischen Perlen, über deine Knie hinrollen zu lassen!«

»Goldene Zunge!« sagte sie.

Und Frau Sonne schimmerte über dem weißen Leinen des Karrens, eine Lerche sang über den Kleefeldern, und Nele lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter.

III

Indessen kam Lamme, große Tropfen schwitzend und wie ein Delphin schnaufend, zurück. »Ach«, sagte er, »ich bin unter einem üblen Stern geboren. Nachdem ich tüchtig gelaufen war, um die Frau einzuholen, sah ich, daß es nicht die meine war, und daß sie, wie ich an ihrem Gesicht erkannte, gut fünfundvierzig Jahre alt war, aus ihrer Kopfbedeckung ersah ich, daß sie niemals verheiratet gewesen war. Sie fragte mich ärgerlich, warum ich denn mit meinem Wanst in die Kleefelder käme. ›Ich suche meine Frau, die mich verlassen hat‹, antwortete ich sanft, ›und lief Euch entgegen, da ich Euch für sie hielt.‹

Darauf sagte das alte Mädchen, daß ich wieder dorthin zurückkehren sollte, woher ich gekommen sei, und daß meine Frau sehr wohl getan hätte, mich zu verlassen, da alle Männer Spitzbuben, Lumpenkerle, Ketzer, Treuebrecher und Giftmischer seien, die die Mädchen verführten, auch wenn sie in reifem Alter stünden, und daß sie mich im übrigen von ihrem Hund auffressen lassen würde, wenn ich nicht schnellstens meine Siebensachen packte. Das tat ich nicht ohne Bangen, denn ich bemerkte einen großen Wachhund, der knurrend zu ihren Füßen lag.

Als ich die Grenze ihres Feldes hinter mir hatte, setzte ich mich nieder und biß in dein Stück Schinken, um mich zu erholen. Ich befand mich da zwischen zwei Kleefeldern, plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter mir, wandte mich um und sah den großen Wachhund der alten Jungfer dastehen, aber nicht drohend, sondern schweifwedelnd, sanft und freßgierig. Er hatte es auf meinen Schinken abgesehen. Ich gab ihm etwas davon ab, als plötzlich seine Herrin herbeikam und rief: ›Faß den Mann, faß ihn mit dem Fangzahn, mein Sohn!‹ Ich begann zu laufen, und der große Hund heftete sich an meine Sohlen, von denen er mir ein Stück abriß, wobei auch etwas Fleisch mitging. Über den Schmerz geriet ich so in Zorn, daß ich mich nach ihm umdrehte und ihm einen so kräftigen Schlag mit dem Stock über die Vorderpfoten gab, daß wenigstens eine gebrochen wurde. Er fiel nieder und schrie in seiner Hundesprache: ›Erbarmen!‹ was ich ihm denn auch zuteil werden ließ. Inzwischen warf seine Herrin in Ermangelung von Steinen mit Erde nach mir, und ich lief davon.

Ach! ist es nicht grausam und ungerecht, daß eine Jungfer, weil sie nicht schön genug ist, um einen Gatten zu finden, sich an einem armen Unschuldigen, wie ich es bin, rächt? Sodann begab ich mich, immerhin betrübt, in die kaberdoesje, die du mir bezeichnet hattest, und hoffte dort Braunbier zur Tröstung zu finden. Aber ich wurde enttäuscht, denn als ich dort eintrat, sah ich einen Mann und eine Frau, die einander schlugen. Ich fragte, ob sie geruhen wollten, ihre Schlacht zu unterbrechen, um mir ein Fäßchen Braunbier zu geben oder wenigstens eine bis sechs Kannen, aber das zornige Weib, ein wahrer Stockfisch, antwortete mir, daß sie, wenn ich mich nicht schnellstens aus dem Staube machte, mir den Holzpantoffel in die Kehle schieben wollte, mit dem sie auf den Kopf ihres Mannes losschlug.

Also siehst du mich hier, arg schwitzend und recht müde, mein Freund, hast du nichts zu essen für mich?« »Ja«, sagte Ulenspiegel. »Endlich!« sagte Lamme.

IV

Also wieder vereint, setzten sie gemeinsam den Weg fort, der Esel ließ die Ohren hängen, und Ulenspiegel sagte: »Lamme, wir sind hier vier gute Gefährten: der Esel, das Tier des guten Herrgotts, das, wenn's das Geschick will, Disteln frißt, du, guter Dickwanst, auf der Suche nach der, die dir entfloh, sie, die süße Geliebte mit dem zärtlichen Herzen, die den fand, der ihrer nicht würdig ist, und ich, der ich mich als vierten nennen will.

Also auf, Kinder, Mut! Die Blätter gilben, der Himmel wird blasser, und bald wird Frau Sonne in die herbstlichen Nebel tauchen, der Winter, das Ebenbild des Todes, wird kommen und alle jene mit schneeigtem Linnen bedecken, die unter unseren Füßen schlafen, und ich werde wandern, dem Glück des Landes unserer Väter entgegen.

Arme Tote, Soetkin, die vor Schmerz verstarb, Claes, der im Feuer hinschied: du, Eiche der Güte, und du, Efeu der Liebe, ich, euer Sprößling, ich fühle tiefes Leid und werde euch rächen, deren geliebte Asche an meiner Brust schlägt.« Lamme sagte: »Die für die Gerechtigkeit starben, muß man nicht beweinen.« Aber Ulenspiegel verharrte in Nachdenklichkeit.

Plötzlich sagte er: »Nele, dies ist die Stunde des Abschieds für lange Zeit, und vielleicht werde ich dein süßes Gesicht niemals wiedersehen.« Nele sah ihn mit Augen an, die wie Sterne glänzten, und sprach: »Könntest du nicht diesen Karren verlassen, um mit mir in den Wald zu kommen, wo du köstliche Nahrung fändest? Denn ich kenne die Pflanzen und weiß die Vögel zu locken.«

»Mädchen«, sagte Lamme, »es ist schlecht von dir, Ulenspiegel auf dem Weg aufhalten zu wollen, der doch die Sieben suchen und mir helfen soll, meine Frau wiederzufinden!« »Noch nicht«, sagte Nele weinend und unter den Tränen ihrem Freund Ulenspiegel zärtlich zulächelnd. Als der das sah, antwortete er: »Deine Frau wirst du noch zeitig genug finden, wenn du dir neues Leid wirst einwirtschaften wollen.« »Thyl«, sagte Lamme, »willst du mich also wegen dieses Mädchens in meinem Karren allein lassen? – Du antwortest mir nicht und denkst an deinen Wald, in dem deine Sieben ebensowenig sind wie meine Frau. Laß sie uns lieber auf diesem gepflasterten Wege suchen, wo die Karren so trefflich dahinrollen.«

»Lamme«, sagte Ulenspiegel, »du hast einen vollen Ranzen im Karren, so daß du nicht Hungers sterben wirst, wenn du ohne mich von hier nach Koolkerke fährst, wo ich wieder mit dir zusammentreffen werde. Dort mußt du allein sein, denn du wirst dort die wichtigsten Anhaltspunkte dafür finden, wohin du dich wenden mußt, um deine Frau wiederzufinden. Höre und merke auf. Du fährst sogleich mit deinem Karren nach Koolkerke, das drei Meilen von hier liegt, und gehst zur ›Frischen Kirche‹, die so genannt wird, weil sie, wie wohl auch die anderen Kirchen, von den vier Winden gleichzeitig angeblasen wird. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes, der sich auf seinen rostigen Angeln nach allen Windrichtungen dreht. Ihr Kreischen ist es, das den armen Männern, die ihre Gefährtinnen verloren haben, den Weg anzeigt, dem sie folgen müssen, um sie wiederzufinden.

Aber vorher muß man jeden Stein der Mauer mit einem Stäbchen aus Haselholz siebenmal schlagen. Wenn die Angeln kreischen, während der Wind von Norden weht, so ist das die Richtung, in der du gehen mußt, aber vorsichtig, denn der Nordwind ist der Wind des Krieges, weht er von Süden, dann geh munter dahin, denn der Südwind ist der Wind der Liebe, weht er von Osten, dann lauf in schnellem Trab, denn der Ostwind bedeutet Frohsinn und Licht, wenn er aus Westen weht, geh langsam, denn der Westwind ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh also, geh nach Koolkerke und erwarte mich dort!«

»Ich geh' hin«, sagte Lamme und stieg in den Karren.

Während Lamme nach Koolkerke rollte, jagte ein starker, warmer Wind die grauen Wolken wie eine Herde von Schafen über den Himmel, die Bäume ächzten wie die Wogen des aufgepeitschten Meeres.

Nele und Ulenspiegel waren schon lange im Wald. Ulenspiegel hatte Hunger, und Nele suchte frische Wurzeln, fand aber nichts als die Küsse, die ihr Freund ihr gab, und einige Eicheln. Ulenspiegel hatte Schlingen gelegt und pfiff, um die Vögel anzulocken, die sich fingen, wollte er rösten. Eine Nachtigall setzte sich neben Nele ins Blätterwerk, sie fing sie nicht, weil sie wollte, daß sie weitersinge. Eine Grasmücke kam, und sie hatte Erbarmen mit ihr, weil sie so zierlich und stolz war, dann kam eine Lerche, aber Nele sagte zu ihr, daß sie besser täte, in den höchsten Himmel zu fliegen und eine Hymne an die Natur zu singen, als sich ungeschickterweise auf der Spitze eines mörderischen Bratspießes zu erlustigen.

Und sie sprach wahr, denn Ulenspiegel hatte inzwischen ein helles Feuer angelegt und einen Bratspieß geschnitzt, der nunmehr seiner Opfer harrte. Aber außer einigen Raben, die hoch über ihren Köpfen krächzten, kamen keine Vögel mehr herbei. Und solcherart bekam Ulenspiegel nichts zu essen.

Nun war es Zeit für Nele, zu gehen und zu Katheline zurückzukehren. Sie machte sich weinend auf den Weg, und Ulenspiegel sah sie aus der Entfernung wandern. Aber sie kam noch einmal zurück, warf sich an seinen Hals und sagte: »Nun gehe ich.« Dann tat sie ein paar Schritte, kam noch einmal zurück und sagte wiederum: »Nun gehe ich.« Und so zwanzigmal und öfter hintereinander. Schließlich entfernte sie sich, und Ulenspiegel blieb allein. Da machte er sich auf den Weg, um zu Lamme zurückzukehren. Als er zu ihm kam, fand er ihn am Fuß des Turmes sitzend vor, er hatte ein Fälschen Braunbier zwischen den Beinen und kaute tiefbetrübt an einem Stäbchen von Haselholz.

»Ulenspiegel«, sagte er, »ich glaube, daß du mich nur hierhergeschickt hast, um mit dem Mädchen allein zu sein. Ich habe, wie du mir empfohlen hast, siebenmal mit einem Stäbchen von Haselholz auf jeden Stein des Turmes geklopft, und obwohl der Wind wie ein Teufel blies, haben die Angeln nicht gekreischt.« »Weil man sie ohne Zweifel geölt haben wird«, antwortete Ulenspiegel.

Dann machten sie sich auf in der Richtung nach dem Herzogtum Brabant.

V

König Philipp, der Düstere, beschäftigte sich den ganzen Tag und oft auch während der Nacht damit, in Papieren zu kramen und Bogen von Pergament und Papier vollzukritzeln. Sie waren es, denen er die Gedanken seines harten Herzens anvertraute. Er liebte keinen Menschen in diesem Leben und wußte, daß auch ihn niemand liebte, darum wollte er, ein schmerzbeladener Atlas, sein ungeheures Königreich allein tragen, doch er krümmte sich unter dieser Last.

Teilnahmslos und trübsinnig wie er war, zehrte dieses Übermaß von Arbeit an seinem schwachen Körper. Da er jedes fröhliche Gesicht verabscheute, war er gegen unsere Länder, weil sie fröhlich waren, von Haß erfüllt, war es ebenso gegen unsere Kaufleute, weil sie Überfluß und Reichtum hatten, gegen die Angehörigen unseres Adels, weil sie freie Rede führten, zwanglos dahinlebten, von ungestümem Blut und tapferem Frohsinn waren.

Er wußte, denn man hatte es ihm gesagt, daß die Erhebung gegen den Papst und die römische Kirche schon lange eingesetzt hatte, ehe der Kardinal de Cusa um das Jahr 1380 auf die Mißbräuche der Kirche hingewiesen und die Notwendigkeit einer Reformation gepredigt hatte, und daß diese Erhebung in unserem Lande in Sekten der verschiedensten Formen zum Ausdruck gekommen war und in allen Köpfen brodelte wie kochendes Wasser in einem verschlossenen Kessel. Ein widerspenstiges Maultier, meinte er nicht anders, als daß sein Wille der Welt nicht minder bedeutungsvoll sein müsse als der Gottes, er wollte, daß unser Land, des Gehorsams entwöhnt, sich wieder unter das alte Joch beuge, ohne irgendeine Reformation durchzusetzen. Er wollte seine heilige katholische Mutter Kirche zur einzigen, unantastbaren und allgemeingültigen machen und keine Neuerungen oder Veränderungen dulden. Dieser Wille hatte keinen anderen Grund als sich selbst, so daß Philipp wie ein unverständiges Weib handelte, sich nachts in seinem Bett quälte und ob seiner Gedanken herumwälzte wie auf einem Lager von Dornen.

»Ja, heiliger Herr Philippus, ja, Herrgott, müßte ich selbst aus den Niederlanden ein einziges, allgemeines Grab machen, um alle seine Bewohner hineinzustoßen, damit sie zu Euch zurückkehren, mein gebenedeiter Patron, und auch zu Euch, Heilige Jungfrau, und Heilige des Paradieses – ich werde mein Werk vollenden!«

Und er bemühte sich, was er gesagt hatte, zu verwirklichen, und war so römischer als der Papst und katholischer als die Konzilien.

Und Ulenspiegel und Lamme und das ganze Volk Flanderns und der Niederlande glaubte, von Herzensangst erfüllt, diese gekrönte Spinne mit ihren langen Beinen und geöffneten Scherenkiefern von weitem im Schatten des Eskorials lauern und ihr Netz ausspannen zu sehen, mit dem er sie einfangen wollte, um ihr bestes Blut zu saugen.

Obgleich die päpstliche Inquisition unter der Regierung Karls hunderttausende Christen durch Verbrennen, Lebendbegraben und Henken getötet hatte; obgleich die Vermögen der armen Verurteilten in die Truhen des Kaisers und Königs geflossen waren wie der Regen in die Traufe, meinte Philipp, daß dies noch zuwenig sei, er setzte in seinen Landen neue Bischöfe ein und forderte die Einführung der spanischen Inquisition.

Und beim Klang von Trompeten und Schellentrommeln verlasen die Herolde der Städte die Dekretschriften, laut welchen alle Ketzer, Männer, Frauen und Kinder, wenn sie ihre Verirrung nicht abschworen, den Tod durch das Feuer erleiden sollten, durch den Strang aber, wenn sie abschworen. Frauen und Mädchen sollten lebendig begraben werden, und der Henker mußte über ihren Leibern tanzen.

Und durch das ganze Land lief die Flamme der Empörung.

VI

Kurz vor Ostern, am fünften April, trafen die Herren Graf Ludwig von Nassau, von Kulemberg und von Brederode, der Herkules der Trinker, mit dreihundert anderen Edelleuten am Hof in Brüssel ein und begaben sich zur Frau Regentin, der Herzogin von Parma.

In Reihen zu je vieren stiegen sie so die große Treppe des Palais hinan. In dem Saale, in dem sie Madame antrafen, überreichten sie ihr eine Bittschrift, in der sie die Regentin baten, sich dafür einzusetzen, daß König Philipp die Erlasse widerrufe, die sich auf die Religion und auf die spanische Inquisition bezogen, sie erklärten, daß diese Erlasse in unseren unzufriedenen Landen nichts anderes zur Folge haben könnten als Unruhen, Niedergang und allgemeines Elend. Diese Bittschrift wurde »Das Kompromiß« genannt.

Berlaymont, der in späteren Zeiten so tückisch und grausam gegen das Land seiner Väter handelte, stand neben Ihrer Hoheit und sagte, die Armut einiger der verbündeten Edelleute verspottend, zu ihr: »Madame, fürchten Sie nichts, das sind nur Bettler!«»Bettler« übersetzt hier das französische gueux, das nach Herkunft und Bedeutung mit dem deutschen Wort Geusen identisch ist. So verhöhnte er, daß diese Edelleute sich entweder im Dienst des Königs ruiniert hatten oder dadurch arm geworden waren, daß sie sich durch ihren Luxus den spanischen Granden hatten gleichsetzen wollen.

Um die Rede des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu vergelten, erklärten die Edlen später, daß sie es für eine Ehre hielten, Geusen genannt und als solche eingeschätzt zu werden, da sie sich diesen Namen im Dienst des Königs und zum Wohle dieses Landes erworben hatten. Sie fingen damals an, eine goldene Medaille um den Hals zu tragen, die auf einer Seite das Bildnis des Königs und auf der andern zwei über einem Bettelsack verschlungene Hände nebst folgender Inschrift zeigte: »Treu dem König bis an den Bettelsack.« Auch trugen sie an ihren Hüten und Kappen goldene Schmuckstücke in Form eines Tellers oder Bettelstabes.

In der Zwischenzeit schleppte Lamme seinen Wanst durch die ganze Stadt, um seine Frau zu suchen, aber er fand sie nicht.

VII

Ulenspiegel sagte eines Morgens: »Folge mir, wir wollen einer hochgestellten, edlen, mächtigen und gefürchteten Persönlichkeit unseren Gruß darbringen.« »Wird er mir sagen, wo meine Frau ist?« fragte Lamme. »Wenn er es weiß«, antwortete Ulenspiegel.

Und sie gingen zu Brederode, dem Herkules der Trinker, der sich eben im Hof seines Hauses befand.

»Was willst du von mir?« fragte er Ulenspiegel. »Ich will mit Euch sprechen, edler Herr«, antwortete Ulenspiegel. »Sprich«, erwiderte Brederode. »Ihr seid ein schöner, tapferer und starker Edelmann«, sagte Ulenspiegel, »Ihr habt einmal einen Franzosen in seinem Panzer erstickt wie eine Schnecke in ihrer Schale, wenn Ihr aber stark und tapfer seid, so seid Ihr doch auch klug – warum nun tragt Ihr diese Medaille, auf der ich lese: »Treu dem König bis an den Bettelsack«?«

»Ja, warum das, edler Herr?« fragte auch Lamme.

Aber Brederode antwortete nicht und sah Ulenspiegel an. Dieser setzte seine Rede fort: »Warum wollt ihr, edle Herren, dem König bis an den Bettelsack treu sein? Geschieht es wegen all des Guten, das er euch wünscht oder wegen der Freundschaft, die er für euch hegt? Warum sorgt ihr nicht dafür, statt ihm bis zum Bettelsack treu zu sein, daß dieser Henker, für alle Zeit seiner Länder beraubt, selbst für immer dem Bettelsack treu sei?« Lamme nickte zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopf.

Brederode maß Ulenspiegel mit seinem lebhaften Blick und lächelte, als er ihm in das gute Gesicht sah. »Wenn du nicht Spion des Königs Philipp bist«, sagte er, »so bist du ein guter Flame, und ich will dir für jeden dieser beiden Fälle ein Entgelt geben.« Er führte ihn, von Lamme gefolgt, in seinen Arbeitssaal. Dort zog er ihn an den Ohren, bis das Blut kam, und sagte: »Das ist für den Spion.« Ulenspiegel schrie nicht. Dann sagte Brederode zu seinem Kellermeister: »Bringe diesen Bottich voll Glühwein.« Der Kellermeister brachte den Bottich und einen großen Humpen voll Glühwein, der die Luft mit balsamischem Geruch erfüllte. »Trink«, sagte Brederode zu Ulenspiegel, »das ist für den guten Flamen!«

»Ah, eine schöne, zimtgewürzte Sprache«, sagte Ulenspiegel, »die Heiligen sprechen keine desgleichen.« Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken hatte, überließ er Lamme die andere Hälfte.

»Wer ist denn dieser Wanstträger Papzak, der belohnt wird, ohne etwas geleistet zu haben?« fragte Brederode. »Das ist mein Freund Lamme«, antwortete Ulenspiegel, »der immer, wenn er starken Wein trinkt, sich einbildet, daß er seine Frau wiederfinden wird.« »Ja«, sagte Lamme, indem er den Wein mit großer Ehrfurcht aus dem Humpen schlürfte.

»Wohin geht ihr jetzt?« fragte Brederode. »Wir gehen auf die Suche nach den Sieben, die das Land Flandern retten sollen«, antwortete Ulenspiegel. »Welche Sieben?« fragte Brederode. »Wenn ich sie gefunden haben werde, werde ich Euch sagen, wer sie sind«, erwiderte Ulenspiegel. Doch Lamme, der vom Trinken heiter geworden war, sagte: »Thyl, wenn wir uns nach dem Mond begäben, um meine Frau zu suchen?« »Bestelle die Leiter«, antwortete Ulenspiegel.

Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamme: »Er ist da, der schöne Monat Mai! Ach, der klare, blaue Himmel und die lustigen Schwalben! Die Äste röten sich vor Kraft, und die Erde atmet Liebe. Das ist der Augenblick, den Glauben zu henken und zu verbrennen. Sie sind da, die guten, kleinen Inquisitoren, welch edle Gesichter! Sie haben alle Macht, zu maßregeln, zu bestrafen, zu erniedrigen, den Händen der irdischen Richter zu überliefern und ihre Gefängnisse zu unterhalten. – Ah, der schöne Monat Mai! – Sie bemächtigen sich der Leiber, führen Prozesse, ohne die ordnungsmäßigen Formen der Gerichtsbarkeit zu wahren, sie brennen, henken, enthaupten und kreuzigen, und sie bereiten den armen Frauen und Mädchen das Grab eines vorzeitigen Todes.

Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren halten nach den Reichen Ausschau, und der König wird erben. – Geht auf die Wiesen, Mädchen, und tanzt beim Klang der Dudelsäcke und Schalmeien!«

Und die Asche Claesens schlug an Ulenspiegels Brust.

»Gehen wir«, sagte er zu Lamme, »glücklich, die das Herz am rechten Fleck und den Degen gezückt halten in den schwarzen Tagen, die kommen werden!«

VIII

Ulenspiegel kam eines Tages – es war im Monat August – in die Rue de Flandre in Brüssel an dem Haus des Jan de Sapermillemente vorbei, der so genannt wurde, weil sein Großvater, wenn er zornig war, sich dieses Fluchs bediente, um den hochheiligen Namen Gottes nicht zu lästern.

Besagter Sapermillemente war Stickmeister seines Zeichens. Aber er war durch den Trunk schwerfällig und blind geworden, so daß seine Frau, ein altes Weib mit einer boshaften Fratze, an seiner Stelle die Kleider, Wämser, Mäntel und Schuhe der Herrschaften stickte. Ihr liebliches Töchterchen half ihr bei dieser gut bezahlten Arbeit.

Als Ulenspiegel nun zur Zeit des Sonnenuntergangs vor dem erwähnten Haus vorbeikam, sah er das Mädchen am Fenster sitzen und hörte sie rufen:

»August, August,
Willst, süßer Mond, mir nicht erzählen,
Wer mich einst wird zum Weib erwählen ?
Erzählst du's, süßer Mond?«

»Ich«, sagte Ulenspiegel, »wenn du mich willst.« »Du ?« sagte sie, »komm näher, daß ich dich ansehen kann.« Er aber sagte: »Wie kommt es, daß du im August rufst, während die Mädchen von Brabant doch anfangs März rufen?« »Das kommt daher«, sagte sie, »daß die nur einen Monat haben, der ihnen einen Gatten beschert, ich aber habe deren zwölf, und am Vortag jedes einzelnen springe ich aus meinem Bett – aber nicht um Mitternacht, sondern sechs Stunden vorher –, tue drei Schritte nach rückwärts gegen das Fenster und rufe, wie du ja weißt, dann drehe ich mich um, mache drei Schritte nach rückwärts gegen mein Bett und lege mich um Mitternacht nieder, um zu schlafen und von dem Gatten zu träumen, den ich bekommen werde. Aber die zwölf Monate sind von Natur aus gar üble Spötter, und es ist mehr als ein Mann, von dem ich träume, nämlich es sind ihrer zwölf auf einmal, du wirst der dreizehnte sein, wenn du willst.«

»Dann werden die anderen eifersüchtig sein«, antwortete Ulenspiegel, »du rufst auch ›Befreiung!‹?« Das Mädchen antwortete errötend: »Ich rufe ›Befreiung!‹, und ich weiß, wonach ich verlange.« »Ich weiß es ebensogut und bringe es dir«, antwortete Ulenspiegel. »Da mußt du warten«, sagte sie und zeigte lachend ihre weißen Zähne. »Warten –«, sagte Ulenspiegel, »nein, ein Haus kann über meinem Kopf zusammenstürzen, ein Windstoß kann mich in einen Graben werfen, ein toll gewordener Köter kann mich ins Bein beißen, nein, ich warte nicht.«

»Ich bin zu jung«, sagte sie, »und rufe nur so aus Gewohnheit.« Ulenspiegel stieg ein Verdacht auf, als ihm einfiel, daß die Mädchen von Brabant anfangs März rufen, um einen Gatten zu bekommen, und nicht im Erntemonat. Sie wiederholte lachend: »Ich bin zu jung und rufe nur so aus Gewohnheit.« »Willst du warten, bis du zu alt bist?« entgegnete Ulenspiegel, »das wäre schlechte Rechenkunst! Ich sah noch niemals einen so runden Hals oder weißere Brüste, flämische Brüste, voll der guten Milch, die Männer macht.« »Voll noch nicht, vorlauter Wandersmann!« sagte sie.

»Warten«, wiederholte Ulenspiegel, »warten, bis ich keine Zähne mehr habe, um dich mit Haut und Haar aufzufressen ? Du antwortest nicht und lachst mit deinen klaren, braunen Augen und deinen kirschroten Lippen.« Das Mädchen sah ihn listig an und sagte: »Wieso liebst du mich nach so kurzer Zeit schon ? – Welchen Beruf hast du ? Bist du arm oder reich ?« »Ich bin arm und reich zugleich, wenn du mir deinen Leib schenkst, Schätzchen!« sagte er. Sie antwortete: »Das ist's nicht, was ich wissen wollte. Besuchst du die Messe? Bist du ein guter Christ? Wo wohnst du? Wagst du zu sagen, daß du ein Geuse bist, ein wahrhaftiger Geuse, der sich den königlichen Edikten und der Inquisition widersetzt?«

Die Asche Claesens schlug an Ulenspiegels Brust.

»Ich bin Geuse«, sagte er, »und will sie tot und von den Würmern aufgefressen sehen, die Unterdrücker der Niederlande. Du siehst mich bestürzt an. Dies Feuer der Liebe, das für dich brennt, es ist das Feuer der Jugend. Gott hat es entzündet, und es flammt wie das Sonnenlicht, bis es erlischt. Aber auch das Feuer der Rache, das in meinem Herzen glimmt, hat Gott entzündet, und es wird Schwert, Feuer, Strang, Brand, Zerstörung, Krieg und Untergang für die Henker sein.« »Du bist schön«, sagte sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; »aber schweige still!« »Warum weinst du?« fragte er. »Hier und andernorts mußt du dich immer umsehen, wo du bist.« »Haben diese Mauern Ohren?« fragte Ulenspiegel. »Keine andern als die meinen«, antwortete sie. »Ich will sie mit einem Kuß verschließen, die von Amor geformten.« »Närrischer Freund, höre mir zu, wenn ich spreche.« »Warum? Was hast du mir zu sagen?« »Hör mich geduldig an«, sagte sie, »da ist meine Mutter. Schweig, schweig vor allem, wenn sie da ist...«

Die alte Sapermillemente trat ein, Ulenspiegel betrachtete sie und sagte bei sich: »Fratze, durchlöchert wie ein Schaumquirl, Augen, mit hartem und falschem Blick, Mund, der lacht und sich verzerrt – ihr erregt meine Neugierde!« »Gott sei mit Euch, mein Herr, jetzt und immerdar«, sagte die Alte, »ich habe Geld bekommen, Töchterchen, schönes Silber, vom Herrn Egmont, dem ich den Narrenmantel gebracht habe, der den roten Hund so aufbringt.«

»Meint Ihr den Kardinal Granvella?« fragte Ulenspiegel.

»Ja«, sagte sie, »gegen den roten Hund. Man sagt, daß er ihre Umtriebe dem König hinterbringe, deshalb wollen sie ihn unschädlich machen. Sie sind klug, nicht wahr?« Ulenspiegel antwortete nicht. »Habt Ihr sie noch nicht auf den Straßen gesehen, mit ihren grauen Wämsern und plebejischen Überröcken, auf denen sie alle den gestickten Bettelstab tragen, und mit ihren herabhängenden Ärmeln und Mönchskapuzen? Mindestens siebenundzwanzig habe ich davon angefertigt und meine Tochter fünf. Der Anblick dieser Bettelstäbe hat den roten Hund erzürnt.« Dann sagte sie Ulenspiegel ins Ohr: »Ich weiß, daß die Herren sich entschlossen haben, an die Stelle des Bettelstabes ein Ährenbündel als Zeichen der Einigkeit zu setzen. Ja, ja, sie wollen gegen den König und die Inquisition kämpfen. Daran tun sie gut, nicht wahr, mein Herr?« Ulenspiegel antwortete nicht. »Der fremde Herr ist trübselig«, sagte die Alte, »urplötzlich bringt er den Schnabel nicht mehr auf.«

Ulenspiegel ließ kein Wort laut werden und ging. Bald darauf betrat er eine Musikantenkneipe, um das Trinken nicht zu verlernen. Die Stube war voll von Zechern, die unvorsichtigerweise über den König, die verabscheuenswürdigen Edikte, über die Inquisition und den roten Hund sprachen, den man aus dem Lande jagen müßte. Da sah er auch die Alte in zerlumpten Kleidern vor einer Kanne Branntwein sitzen und anscheinend schlafen, sie verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Dann zog sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie zwischen den Gruppen betteln und vor allem bei jenen Männern, die am unvorsichtigsten gesprochen hatten. Und ohne Geiz gaben ihr die guten Leute Gulden, Halbgulden und Patards.

Ulenspiegel hoffte von dem Mädchen zu erfahren, was ihm die alte Sapermillemente verschwiegen hatte, und ging wieder vor dem Hause auf und ab, da sah er das Mädchen, das nicht mehr rief, ihm aber augenzwinkernd zulächelte – ein süßes Versprechen. Gleich nach ihm kehrte die Alte zurück.

Ulenspiegel, wütend, sie zu sehen, lief wie ein Hirsch durch die Straßen und schrie: »Es brennt, es brennt! Feuer, Feuer!« bis er vor das Haus des Bäckers Jacob Pietersen kam. Die Glasscheiben, die nach deutscher Art gemacht waren, strahlten rot im Schein der untergehenden Sonne. Dicker Rauch stieg aus dem Kamin der Bäckerei auf, und Ulenspiegel rannte weiter durch die Straßen und rief: »Es brennt, es brennt!«

Der Wächter von Notre-Dame de la Chapelle stieß in die Trompete, und der Küster läutete die Glocke, »Wacharm« genannt, aus Leibeskräften. Und Knaben und Mädchen kamen in Scharen herbeigerannt und sangen und pfiffen. Die Glocke und die Trompete erklangen ununterbrochen, und die alte Sapermillemente packte ihre Siebensachen und ging aus dem Haus.

Darauf hatte Ulenspiegel gelauert, und als sie sich entfernt hatte, trat er ins Haus. »Du hier?« sagte das Mädchen, »brennt es denn nicht dort unten?« »Dort unten? Nein«, erwiderte Ulenspiegel. »Aber die Glocke läutet doch so kläglich?« »Sie weiß nicht, was sie tut«, sagte Ulenspiegel. »Und diese schreiende Trompete und all das rennende Volk?« »Die Zahl der Narren ist unendlich!« »Was brennt denn nun?« fragte sie.

»Deine Augen und mein flammendes Herz«, antwortete Ulenspiegel und sprang ihr an den Mund. »Du verschlingst mich ja«, sagte sie. »Ich liebe die Kirschen«, war seine Antwort. Sie sah ihn lächelnd und zugleich bekümmert an und begann plötzlich zu weinen. »Komm nicht wieder her«, sagte sie, »du bist Geuse und ein Feind des Papstes, komm nicht wieder...!« »Deine Mutter!« sagte er. »Ja«, sprach sie errötend, »weißt du, wo sie zu dieser Stunde ist ? Sie belauscht die Leute dort, wo es brennt. Und weißt du, wohin sie bald gehen wird ? Zum roten Hund, um ihm alles zu berichten, was sie weiß, und die Vorbereitungen für die Arbeit des Herzogs zu treffen, der kommen wird.

Flieh! Ulenspiegel, ich rette dich, flieh! Gib mir noch einen Kuß, aber komm nicht mehr wieder; noch einen – du bist so schön –, ich weine um dich, aber geh!«

»Gutes Mädchen«, sagte Ulenspiegel und hielt sie umschlungen.

»Ich war es nicht immer«, sagte sie, »auch ich war wie sie.« »Diese Gesänge«, sagte er, »diese stummen Winke deiner Schönheit für liebesdurstige Männer?« »Ja«, sagte sie, »meine Mutter wollte es. Dich rette ich, weil ich dich inbrünstig liebe! Und die anderen – ich werde sie in der Erinnerung an dich retten, du mein Geliebter! Wenn du fern sein wirst, wird dich das Herz zu dem reuigen Mädchen ziehen ? Küsse mich, Liebling. Sie wird dem Scheiterhaufen keine Opfer mehr zuführen für Geld. Geh – nein, bleibe noch. Wie sanft ist deine Hand! Gib mir deine Hand, ich küsse sie, das ist das Zeichen der Sklaverei, du bist mein Herr!

Höre – näher – schweig! Lumpen und Diebe, unter ihnen ein Italiener, sind heute nacht, einer nach dem anderen, hierhergekommen. Meine Mutter führte sie in diesen Saal, in dem wir sind, und befahl mir, hinauszugehen und die Tür zu schließen. Da hörte ich folgende Worte: »Steinernes Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Notre-Dame«, dann vernahm ich unterdrücktes Lachen und das Klingen von Gulden, die man auf den Tisch zählte...

Flieh, da sind sie – flieh, mein Geliebter! Behalt mich in deiner süßen Erinnerung – flieh ...!«

Ulenspiegel eilte, wie sie ihm gesagt hatte, In den ouden Haen – Zum Alten Hahn – und traf dort Lamme, der melancholisch vor sich hin dämmerte, an einer Wurst kaute und die siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte. Und ungeachtet seines Wanstes zwang er ihn, ebenso zu laufen wie er selbst.

IX

Als er so in schnellem Lauf, von Lamme gefolgt, dahineilte, fand er in der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er ging geradeswegs zu ihm und brachte es ihm. »Ich bin«, sagte er, »jener gute Flame und jener Spion des Königs, den Ihr so tüchtig bei den Ohren gebeutelt habt und dem Ihr so köstlichen Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein niedliches kleines Pamphlet, in dem man Euch unter anderen anklagt, daß Ihr Euch, wie der König, den Titel des Grafen von Holland beigelegt habet. Es kommt ganz frisch aus der Presse von Jan dem Verleumder, der dicht am Quai der Taugenichtse, in der Sackgasse der Ehrenräuber wohnt.«

Brederode antwortete lachend: »Ich werde dich zwei Stunden lang peitschen lassen, wenn du mir nicht den wahren Namen des Verfassers sagst.«

»Mein edler Herr«, sagte Ulenspiegel, »Ihr könnt mich auch zwei Jahre lang peitschen lassen, wenn Ihr wollt, aber Ihr könnt meinen Rücken nicht zwingen, Euch zu sagen, was mein Mund nicht weiß.«

Und er ging fort, nicht ohne für seine Mühe einen Gulden erhalten zu haben.

X

Seit Juni, dem Monat der Rosen, hatten in Flandern die Predigten begonnen. Die Apostel der urchristlichen Kirche predigten überall und an allen Orten, in Feldern und Gärten, auf den Hügeln, die in Zeiten der Überschwemmung den Tieren als Aufenthalt dienten, an den Flußufern und auf den Schiffen.

Auf dem Lande verschanzten sie sich wie in einem Kriegslager, indem sie ihre Karren im Kreis um sich herum aufstellten.

Auf den Flüssen und in den Häfen waren Schiffe voll bewaffneter Männer, die sie als Wache umgaben.

Auf den Feldern wurden sie von Musketieren und Arkebusiern gegen Überfälle der Feinde geschützt.

Und so wurde das Wort der Freiheit in allen Teilen des Landes unserer Väter gehört.

XI

Ulenspiegel und Lamme weilten in Brügge, sie ließen ihren Karren in einem benachbarten Hof stehen und gingen, statt in die Schenke, in die Kirche des heiligen Retters, denn sie hatten nichts mehr in ihren Säckeln, das fröhliche Klingen der Münzen war verstummt.

Der Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein zotiger, schamloser, wilder und belfernder Prediger, stand an diesem Tag auf der Kanzel der Wahrheit. Junges und schönes Weibervolk drängte sich ehrfürchtig um ihn.

Pater Cornelis sprach von der Passion. Als er zu der Stelle des heiligen Evangeliums kam, wo die Juden, auf den Herrn Jesus zeigend, Pilatus zurufen: »Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muß er sterben!«, rief Pater Cornelis aus:

»Ihr seid gekommen, gute Leute, um zu hören, wie unser Herr Jesus Christus einen schrecklichen und schändlichen Tod erlitten hat, das geschah, weil es schon immer Gesetze gegeben hat, um die Ketzer zu bestrafen. Er wurde gerecht verurteilt, weil er den Gesetzen ungehorsam war. Und heutzutage wollen sie die Edikte und Erlasse als nichtssagend betrachten. Ach, Jesus! welchen Fluch willst du über diesen Landen lasten lassen! Ehrwürdige Mutter Gottes! Wenn Kaiser Karl noch am Leben wäre und das Schauspiel dieser verbündeten Edelleute mit ansehen könnte, die es gewagt haben, der Regentin eine Bittschrift gegen die Inquisition und gegen die Edikte zu überreichen, die zu einem so guten Zweck erlassen und so reiflich durchdacht und nach so langen und weitschauenden Überlegungen abgefaßt wurden, um alle Sekten und Ketzernester zu zerstören! Und man will sie, die notwendiger sind als Brot und Käse, null und nichtig machen!

In welchen stinkenden, verunreinigten und abscheulichen Abgrund will man uns jetzt stoßen! Luther, dieser dreckige Luther, dieser toll gewordene Ochse, er triumphiert in Sachsen, in Braunschweig, in Lüneburg, in Mecklenburg. Brentius, der beschissene Brentius, der in Deutschland von den Eicheln lebte, die die Schweine nicht mehr fressen wollten, er triumphiert in Württemberg. Servet, der Mondsüchtige, herrscht in Pommern, Dänemark und Schweden und wagt es dort, die heilige, erhabene und allmächtige Trinität zu lästern. Ja.

Aber man hat mir gesagt, daß er von Calvin lebendig verbrannt worden sei, der, davon abgesehen, nichts Gutes getan hat und der einen ätzenden Geruch verbreitet, ja, mit seiner Fratze, die lang ist wie ein Schlauch, mit seinem käsigen Gesicht und seinen Zähnen, die so groß sind wie Gärtnerschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich gegenseitig auf, ja, der Ochse Luther, der toll gewordene Ochse, hat die Fürsten Deutschlands gegen den Anabaptisten Münzer bewaffnet, der ein braver Mann war, wie man sagt, und nach dem Evangelium lebte. Und durch ganz Deutschland hat man das Gebrüll dieses Ochsen gehört! Ja.

Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland und Zeeland? Adamiten laufen ganz nackt durch die Straßen, ja, gute Leute, ganz nackt und so ihr mageres Fleisch ohne Scham den Vorübergehenden zeigend. Es ist zwar nicht mehr als einer, sagt ihr, gut, ich lass' es gelten – aber einer gilt hundert und hundert gelten einen, und er ist verbrannt worden, sagt ihr, lebendig verbrannt worden, auf Veranlassung der Calvinisten und Lutheraner. Diese Wölfe fressen sich gegenseitig auf, sage ich euch!

Ja, was sieht man noch in Flandern, Geldern, Friesland, Holland und Zeeland? Freigeister, die da lehren, alle Unterwürfigkeit sei dem Wort Gottes entgegengesetzt. Sie lügen, die stinkenden Ketzer! Man muß sich der heiligen römischen Mutter-Kirche unterwerfen. Und hier, in dieser verfluchten Stadt Antwerpen, dem Sammelplatz aller ketzerischen Kanaillen der Welt, wagen sie zu predigen, daß wir die Hostie mit Hundefett büken.

Ein anderer Geuse, es ist der, der in dieser Straßenecke auf dem Nachttopf sitzt, sagt: ›Es gibt weder einen Gott noch ein ewiges Leben, noch eine Auferstehung des Fleisches, noch ewige Verdammnis.‹

›Man kann‹, sagt ein anderer dort unten mit plärrender Stimme, ›man kann taufen ohne Salz, ohne Schmalz, ohne Speichel, ohne Exorzismus und ohne Kerze.‹

›Es gibt kein Fegefeuer‹, sagt ein dritter. Es gibt kein Fegefeuer, ihr guten Leute! Ach, es wäre besser, wenn ihr euch mit euren Müttern, Schwestern und Töchtern vergangen hättet, als wenn ihr an dem Fegefeuer auch nur zweifeltet. Ja, und sie tragen die Nase hoch vor dem Inquisitor, dem heiligen Mann, ja. Sie sind nach Belem gekommen, das nahe von hier ist, viertausend Calvinisten sind nach Belem gekommen mit bewaffneten Mannen, Bannerträgern und Trommlern. Ja. Und von hier aus könnt ihr den Rauch aus ihrer Küche spüren. Sie haben sich der Kirche von Sainte-Cathelyne bemächtigt, um sie zu entehren, zu entweihen und zu entheiligen durch ihre verdammte Plapperei.

Was soll diese sündhafte und schändliche Duldsamkeit? Bei den tausend Teufeln der Hölle! Warum nehmt nicht auch ihr die Waffen zur Hand, ihr schlappschwänzigen Katholiken? Ihr habt doch, ebenso wie diese verdammten Calvinisten, Panzer, Lanzen, Hellebarden, Degen, Armbrüste, Messer, Stöcke, Pfähle und die Mörser und Feldschlangen der Stadt.

Sie sind friedfertig, sagt ihr, sie wollen in voller Freiheit und aller Ruhe dem Wort Gottes lauschen. Das ist mir alles eins. Verlasset Brügge! Verjagt sie mir, erschlagt sie mir und macht, daß sie mir aus der Kirche hüpfen, diese Calvinisten!

Ihr seid noch immer nicht ausgezogen? Pfui! Ihr seid Hühner, die aus Angst vor ihrem Misthaufen zittern. Ich sehe den Moment kommen, wo diese verdammten Calvinisten auf den Bäuchen eurer Frauen und Töchter trommeln werden, und ihr werdet sie ruhig gewähren lassen, ihr Männer von Watte und weichem Teig. Geht nicht dort hinunter, geht ja nicht dort hinunter – denn ihr würdet in der Schlacht eure Hosen benässen. Pfui, Brügger! Pfui, Katholiken! Das ist mir ein rechter Katholizismus, oh! Ihr feigen Memmen! Schande über euch, ihr Enteriche und Enten, Gänse und Truthähne, die ihr seid!

Sind das nicht gute Prediger, zu denen ihr in hellen Haufen rennet, um die Lügen anzuhören, die sie auskotzen, und zu deren Predigten die Mädchen in der Nacht laufen, ja, damit die Stadt neun Monate später voll kleiner Geusen und Geusinnen sei?

Vier waren hier, vier schändliche Nichtstuer, die auf dem Kirchfriedhof gepredigt haben. Der erste dieser Nichtstuer, der häßliche Scheißer, mager und bleich, hatte sich mit einem dreckigen Hut bedeckt, dank des man seine Ohren nicht sah. Wer von euch hat schon die Ohren eines Prädikanten gesehen? Er hatte kein Hemd an, denn seine nackten Arme hingen ohne Leinenärmel aus seinem Wams. Das habe ich genau gesehen, obwohl er sich mit einem dreckigen kleinen Mantel umhüllen wollte, auch habe ich in seinen Hosen von schwarzem Zeug, durchlöchert wie die Turmspitze von Notre-Dame, das Gebammel seiner natürlichen Glocken und seinen Klöppel gesehen.

Ein anderer Taugenichts predigte in Hosen ohne Wams und Schuhe. Niemand hat seine Ohren gesehen. Und jeden Moment mußte er in seiner Prädikasterei anhalten, so daß die Knaben und Mädchen ihm höhnisch zuriefen: ›Etsch, etsch! Er kann seine Lektion nicht auswendig.‹

Der dritte dieser schändlichen Taugenichtse hatte einen dreckigen, verkommenen kleinen Hut mit einer kleinen Feder daran auf dem Kopf. Seine Ohren konnte man nicht mehr sehen. Der vierte Tunichtgut, Hermanus mit Namen, der besser gekleidet war als die anderen, soll zweimal vom Henker an der Schulter gezeichnet worden sein.

Sie tragen alle unter ihrer Kopfbedeckung fettige Seidenkäppchen, die ihnen die Ohren bedecken. Sahet ihr schon die Ohren eines Prädikanten? Welcher dieser Taugenichtse wagte, seine Ohren zu zeigen? Ohren! Ach ja! Ihre Ohren sollten sie zeigen: man hat sie ihnen abgeschnitten. Ja, der Henker hat ihnen allen die Ohren abgeschnitten. Dennoch sind es diese schändlichen Tunichtgute, diese Beutelschneider, diese Schuhflicker, die von ihrem Dreifuß weggelaufen sind, diese predigenden Lumpenkerle, um die sich so viele Leute aus dem Volke scharen und rufen: ›Heil den Geusen!‹, als ob sie alle toll, besoffen oder närrisch wären.

Ach! Uns bleibt nichts übrig, uns andern, den armen römischen Katholiken, als die Niederlande zu verlassen, in denen man dieses Eselsgeschrei erklingen läßt: ›Heil den Geusen! Heil den Geusen!‹ Welch ein Mühlstein des Fluches ist auf dieses verzauberte und stumpfsinnige Volk herabgestürzt, o Jesus, Reiche und Arme, Edle und Gemeine, Junge und Alte, Männer und Weiber rufen allerorten: ›Heil den Geusen!‹

Und was soll's mit all diesen Herren, all diesen glattrasierten, ledernen Arschgesichtern, die uns da aus Deutschland hergekommen sind? All ihre Habe ist zum Teufel gegangen für Mädchen, in Spielhäusern, für Leckereien, Dirnen, wüste Ausschweifungen, für das greuliche Würfelspiel und für Luxus an Kleidern. Sie haben keinen rostigen Nagel mehr, um sich zu kratzen, wenn es sie juckt. Jetzt steht ihnen der Sinn nach den Gütern der Kirchen und Konvente.

Und hier, während ihres Banketts bei diesem Taugenichts von Kulemburg, dem auch der Taugenichts von Brederode beiwohnte, tranken sie aus hölzernen Näpfen, um dem Herrn von Berlaymont und der Frau Regentin ihre Verachtung zu erweisen. Ja. Und sie riefen: ›Heil den Geusen!‹ Ach! wenn ich doch, bei allem Respekt, der gute Herrgott gewesen wäre! Ich hätte ihr Gesöff, gleichviel ob Bier oder Wein, in stinkendes, ekles Abwaschwasser verwandelt, ja, in dreckiges, ekliges, stinkendes, verlaugtes Wasser, in dem sie ihre beschissenen Hemden und Lumpen gewaschen haben sollten. Ja, schreit nur, Esel, die ihr seid, schreit: ›Es leben die Geusen!‹

Ja, und ich bin Prophet. Flüche, Jammer, Fieber, Cholera, Brände, Zerfall, Verwüstung, Krebsleiden, englischer Schweiß und schwarze Pest, all das wird sich über die Niederlande verbreiten. Ja, und so wird Gott euren dreckigen Ruf: ›Heil den Geusen!‹ rächen. Und es wird kein Stein eurer Häuser auf dem andern bleiben, und kein Stück eurer verdammten Beine wird übrigbleiben, mit denen ihr dieser verfluchten Calvinisterei und Prädikasterei nachlauft. So sei es, sei es, sei es, sei es, sei es, Amen!«

»Gehen wir, mein Sohn«, sagte Ulenspiegel zu Lamme.

»So schnell wie möglich«, erwiderte Lamme. Und er suchte zwischen den jungen, schönen Weibern, die andächtig der Predigt beigewohnt hatten, aber seine Frau fand er nicht.

XII

Ulenspiegel und Lamme gelangten an einen Ort, der hieß Minnewater – Liebeswasser; aber die großen Gelehrten sagten, daß das Minrewater heißen müsse.

Ulenspiegel und Lamme, die sich auf ihre Gesäße niedergelassen hatten, sahen unter Bäumen, deren Laub bis auf ihre Köpfe hinabreichte, so daß sie wie in einem Kellergelaß saßen, blumenbekränzte Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, die mit verschlungenen Händen und Hüfte an Hüfte dahingingen, sich zärtlich in die Augen sahen und nichts auf dieser Welt erblickten als sich selbst. Als Ulenspiegel sie so betrachtete, gedachte er Neles und sagte, in melancholische Erinnerung verloren: »Laß uns trinken gehen!«

Aber Lamme hörte nicht auf Ulenspiegel, sondern betrachtete seinerseits die Liebespaare. »Als meine Frau und ich bis über die Ohren ineinander verliebt waren«, sagte er, »da gingen auch wir an denen vorbei, die, wie wir zwei jetzt, einsam und ohne Frau am Rand des Straßengrabens ausgestreckt lagen.«

»Komm trinken«, sagte Ulenspiegel, »wir werden die Sieben auf dem Boden einer Kanne finden.«

Lamme lachte, und sie gingen, ihren Karren zu holen, eilten nach der Stadt und suchten die beste Herberge. Wenn sie aber, wie das öfter geschah, mürrische Wirtsgesichter und wenig mitleidige Wirtsfrauen sahen, gingen sie vorbei, weil sie dachten, daß eine unfreundliche Fratze ein schlechtes Aushängeschild für gastfreundliche Küchen sei.

Sie kamen auf den Samstagsmarkt und betraten einen Gasthof, der de Blauwe-Lanteern – die Blaue Laterne – hieß, denn da war ein Wirt mit freundlicher Miene. Sie stellten ihren Karren unter und brachten den Esel in Gesellschaft eines Scheffels Hafer in den Pferdestall. Dann ließen sie sich ein Abendessen auftragen, schliefen gut und standen auf, um weiterzuessen. Lamme barst schier vor Behagen und sagte: »Ich lausche einer himmlischen Musik in meinem Magen.«

Als der Moment des Zahlens kam, trat der Wirt zu Lamme heran und sagte: »Ich bekomme sechs Patards.« »Er hat sie«, sagte Lamme, während er auf Ulenspiegel zeigte. Der aber antwortete: »Ich habe sie nicht.« »Und der halbe Gulden?« fragte Lamme. »Ich habe ihn nicht«, antwortete Ulenspiegel.

»Das sind ja schöne Reden«, sagte der Wirt, »ich werde euch beiden eure Wämser und Hemden ausziehen!« Plötzlich faßte sich Lamme Zechercourage und rief: »Und wenn ich essen und trinken will, ich, essen und trinken, ja, trinken für siebzehn Gulden und noch mehr, so werd' ich es tun. Denkst du, daß ich in diesem Wanst keinen Sou mehr habe ? Leibhaftiger Gott! Der ist bisher mit nichts anderem gefüttert worden als mit Fettammern. Du trugst niemals etwas dergleichen unter deinem fettigen Ledergürtel, denn du hast, wie ein Galgenvogel, deinen Talg am Wamskragen und nicht wie ich drei Zoll köstlichen Specks überm Wanst!«

Der Wirt bekam einen Wutanfall, von Geburt her stotternd, wollte er rasch reden, je mehr er sich beeilte, desto mehr mußte er prusten wie ein Hund, der aus dem Wasser steigt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen unter die Nase, und Lamme, der sich immer mehr ereiferte, fuhr fort:

»Ja, ich habe genug, um dir deine drei mageren Hennen hier zu bezahlen und deine vier räudigen Kücken samt dem großen albernen Pfau, der da in deinem Winkelhof umherspaziert mit seinem bedreckten Schwanz. Und wenn deine Haut nicht ausgedörrter wäre als die eines alten Hahnes, und wenn die Knochen in deiner Brust nicht zu Staub zusammenfielen, hätte ich auch noch genug, dich selbst zu essen, dich, deinen rotzigen Knecht, deine einäugige Magd und deinen Koch, dessen Arme zu kurz wären, um sich zu kratzen, wenn er die Krätze hätte.

Seht nur den guten Vogel an«, fuhr er fort, »der uns wegen eines halben Guldens Wams und Hemd wegnehmen möchte. Was sind denn alle deine Kleider zusammengenommen wert, sag mir das, du lumpiger Flegel! Ich werde dir drei Heller dafür geben.«

Der Zorn des Wirts steigerte sich immer mehr und mehr, und er schnaubte weiter. Und Ulenspiegel warf ihm Kügelchen ins Gesicht. Lamme gebärdete sich wie ein Löwe und sagte:

»Wieviel, glaubst du, ist ein schöner Esel mit feinem Maul, langen Ohren, breiter Brust und eisenstarken Knien wert, he? Achtzehn Gulden mindestens, ist es so, du Topfwirt? Wieviel alte Nägel hast du denn in deiner Truhe, um ein so edles Tier zu bezahlen?«

Der Wirt schnaubte weiter, wagte aber nicht, sich von der Stelle zu rühren.

Lamme fuhr fort: »Wieviel, glaubst du, ist ein schöner Karren, aus purpurrot bestrichenem Eschenholz und mit einem Dach von Leinen aus Courtrai gegen Sonne und Regen bespannt, wert? Vierundzwanzig Gulden zumindest, he? Und wieviel machen vierundzwanzig Gulden und achtzehn Gulden? Antworte, du knausriger Schlechtrechner! Und weil eben Markttag ist, und weil Bauern in deinem miserablen Gasthof wohnen, werd' ich Karren und Esel im Nu verkaufen.«

Das war bald geschehen, denn alle kannten Lamme. Und er bekam in der Tat für seinen Esel und seinen Karren vierundvierzig Gulden und zehn Patards. Dann ließ er dem Wirt das Geld unter der Nase klingeln und sagte zu ihm: »Da, riechst du den Dampf der künftigen Schmausereien?« »Ja«, antwortete der Wirt, dann sagte er mit tiefer Stimme: »Und wenn du deine Haut verkaufen wirst, so werde ich sie für einen Heller kaufen, um mir ein Amulett gegen die Verschwendung daraus zu machen.«

Indessen kam ein liebliches und zierliches Frauenzimmer mehrere Male aus dem dunklen Hof, in dem sie sich aufgehalten hatte, ans Fenster und betrachtete Lamme, zog sich aber jedesmal zurück, wenn er ihr hübsches Gesicht hätte sehen können.

Als er abends vom Wein, den er getrunken, strauchelnd, ohne Licht die Treppe hinaufstieg, fühlte er, wie eine Frau sich an ihn drängte, ihm gierig die Wangen, den Mund und die Nase küßte, sein Gesicht mit Tränen verliebter Rührung benetzte und ihn dann allein ließ.

Lamme legte sich, vom Trunk gar schläfrig, zu Bett, schlief und stand am nächsten Morgen auf, um mit Ulenspiegel nach Gent zu wandern.

XIII

Indessen vernachlässigte Lamme das Essen und dachte in süßer Träumerei an die Treppe der »Blauen Laterne«. Sein Herz zog ihn nach Brügge, aber Ulenspiegel führte ihn mit Gewalt nach Antwerpen, wo er seine schmerzliche Suche fortsetzte.

In den Schenken sagte Ulenspiegel inmitten von guten flämischen Reformierten, ja selbst unter Katholiken, die Freunde der Freiheit waren, mit Bezug auf die Edikte: »Unter dem Vorwand, uns von der Ketzerei reinigen zu wollen, bringen sie uns die Inquisition ins Land, aber in Wahrheit sind es unsere Geldtaschen, denen dieser Rhabarber gilt. Wir lieben es aber nicht, mit Arzneien behandelt zu werden, die uns nicht munden, wir werden zornig, revoltieren und nehmen die Waffen zur Hand. Der König sieht das voraus. Wenn er merkt, daß wir den Rhabarber nicht mögen, setzt er die Klistierspritzen in Bewegung, das heißt die großen und kleinen Kanonen, Feldschlangen, Mörser und großmäuligen Stutzgeschütze. Ein königliches Klistier!

Nach Anwendung dieser Medikamente wird kein reicher Flame mehr in Flandern übrigbleiben. Wie glücklich ist unser Land, daß es so einen königlichen Arzt hat!«

Aber die Bürger lachten.

Ulenspiegel sagte: »Lacht heute, aber flieht oder bewaffnet euch an dem Tag, an dem man in der Kirche von Notre-Dame etwas zerschmettern wird!«

XIV

Am fünfzehnten August, dem Tag der heiligen Maria und der Segnung der Kräuter und Wurzeln, wenn die Hennen, mit Körnern gemästet, taub sind für den Ruf des Hahnes, der Liebe heischt, wurde vor einem Tore von Antwerpen ein großes steinernes Kruzifix von einem Italiener im Auftrag des Kardinals Granvella zertrümmert, und die Prozession der Heiligen Jungfrau verließ, von grün, gelb und rot gekleideten Narren angeführt, die Kirche von Notre-Dame. Aber die Statue der Jungfrau wurde unterwegs von unbekannten Männern beschimpft, und man brachte sie schleunigst in das Kirchenchor zurück, dessen Gitter man absperrte.

Ulenspiegel und Lamme betraten die Kirche. Junge, zerlumpte und klapperdürre Burschen, die niemand kannte, unter ihnen auch etliche Männer, standen vor dem Chor und tauschten untereinander gewisse Zeichen und bedeutsame Blicke aus. Mit ihren Füßen und Zungen führten sie großen Lärm aus. Niemand hatte sie vorher in Antwerpen gesehen, niemand sah sie später wieder. Einer von ihnen, der einen braungebrannten Zwiebelkopf hatte, fragte, ob Mieke – damit meinte er die Heilige Jungfrau – Angst gehabt hätte, weil sie so urplötzlich in die Kirche zurückgekehrt sei.

»Vor dir hat sie nicht Angst gehabt, schwarzes Scheusal!« antwortete Ulenspiegel. Der junge Bursche, zu dem er das gesagt hatte, ging auf ihn zu, um ihn zu schlagen, aber Ulenspiegel schnürte ihm den Hals zu und sagte: »Wenn du mich schlägst, so laß ich dich deine Zunge auskotzen!« Dann wandte er sich einigen Antwerpener Bürgern zu, die da waren, und sagte, während er auf die zerlumpten jungen Burschen zeigte: »Signorkes und pagaders, sehet euch vor, das sind falsche Flamen, Verräter, die dafür bezahlt werden, daß sie uns dem Unglück, Elend und Untergang entgegenführen!«

Dann sagte er zu den Eindringlingen: »Heda, elendsdürre Eselsfratzen! Woher habt ihr das Geld bekommen, das heute in euern Beuteln klirrt? Habt ihr eure Haut im voraus verkauft, um Trommeln daraus machen zu lassen?« »Seht euch den Prediger an«, sagten die Eindringlinge. Dann huben sie gemeinsam zu schreien an und riefen der Marienstatue zu: »Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! Das werd' ich alles meiner Dirne geben!« Dann gingen sie fort, während einer von ihnen auf die Kanzel stieg und eine zotige Rede hielt.

Die anderen kamen wieder und riefen: »Komm herunter, Mieke, komm herunter, ehe wir dich holen. Tu ein Wunder, damit wir sehen, daß du ebensogut laufen kannst wie dich tragen lassen, Mieke, du Nichtstuerin!« Ulenspiegel rief: »Ihr Handlanger des Verderbens, hört auf mit euren wüsten Reden, jede Lästerung ist ein Verbrechen!« Aber er hatte gut rufen, sie hörten nicht auf mit ihrem Gerede, und einige von ihnen sprachen sogar davon, daß sie das Chorgitter zerbrechen wollten, um Mieke zu zwingen, herabzusteigen.

Eine alte Frau, die in die Kirche gekommen war, um Kerzen zu verkaufen, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht, aber sie wurde geschlagen und zur Erde geworfen. Und nun begann der Tumult.

Der Markgraf kam mit seinen Soldaten in die Kirche. Er sah das versammelte Volk und ermahnte die Leute, die Kirche zu verlassen, das tat er so milde, daß nur einige wenige fortgingen. Die anderen sagten: »Zuerst wollen wir die Domherren die Vesper zu Miekes Ehren singen hören.« Der Markgraf antwortete: »Es wird nicht gesungen werden.« »Dann singen wir für uns selbst«, sagten die zerlumpten Eindringlinge. Und das taten sie im Kirchenschiff und in der Vorhalle. Etliche spielten mit Kirschkernen und sagten: »Mieke, im Paradies spielst du niemals und langweilst dich dort, spiel doch mit uns!« Und ohne Unterlaß beleidigten sie die Statue, schrien, heulten und pfiffen.

Der Markgraf tat, als bekäme er's mit der Angst, und entfernte sich. Auf seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche, eine ausgenommen, geschlossen. Ohne daß das Volk sich einmischte, wurden die Eindringlinge immer kühner und heulten immer lauter, so daß das Gewölbe wie vom Donner von hundert Kanonen widerhallte. Der eine, der mit dem gebräunten Zwiebelgesicht, schien einiges Ansehen bei den übrigen zu genießen, er stieg auf die Kanzel, machte mit der Hand ein Zeichen und begann zu predigen:

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die drei machen nur einen aus, und der eine gilt soviel wie drei. Gott bewahre uns im Paradies vor dieser Rechenkunst! An diesem Tage, dem fünfzehnten August, ist Mieke in großem Triumphstaat ausgezogen, um den signorkes und pagaders von Antwerpen ihr hölzernes Gesicht zu zeigen. Aber Mieke begegnete während der Prozession dem teuflischen Satan, und Satan sagte zu ihr, indem er sich über sie lustig machte: ›Nun bist du wohl recht stolz, Mieke, ausstaffiert wie eine Königin und von vier signorkes getragen, und würdigst den armen pagader Satan, der zu Fuß wandern muß, keines Blickes mehr.‹ Und Mieke antwortete: ›Pack dich, Satan, sonst zerschmettere ich dir den Kopf noch mehr, greuliche Schlange!‹ ›Mieke‹, sagte Satan, ›das ist die Beschäftigung, mit der du seit fünfzehnhundert Jahren deine Zeit verbringst, aber der Geist des Herrn, deines Meisters, hat mich erlöst, ich bin stärker als du, und du kannst mir nicht mehr auf dem Kopf herumtrampeln. Aber ich werde dich jetzt tanzen machen.‹

Satan nahm eine große, starke Peitsche und begann Mieke zu schlagen, die nicht zu schreien wagte, aus Angst, daß man ihre Not gewahr werden könnte, und sie setzte sich in schnellen Trab und zwang die signorkes, die sie trugen, auch zu laufen, damit diese sie nicht samt ihrer goldenen Krone und ihren Geschmeiden in die Masse des armen gemeinen Volkes fallen ließen.

Jetzt bleibt Mieke erschreckt und starr in ihrer Nische und starrt auf Satan, der dort oben auf der Kolonna unter der kleinen Kuppel sitzt, seine Peitsche in der Hand hält und grinsend sagt: ›Ich werde dich das Blut und die Tränen bezahlen lassen, die in deinem Namen fließen! Mieke, wie ist es mit deiner Jungfräulichkeit bestellt? Die Stunde der Verbannung ist gekommen, man wird dich entzwei schlagen, grausame Holzstatue, für all die Statuen von Fleisch und Bein, die in deinem Namen verbrannt, gehenkt und erbarmungslos lebend begraben wurden.‹ So sprach Satan, und er sprach recht. Und du mußt aus deiner Nische herabsteigen, blutrünstige Mieke, grausame Mieke du, die du deinem Sohne Christus so gar nicht gleichst!«

Und die ganze Menge der Eindringlinge schrie und heulte: »Mieke, Mieke! Das ist die Stunde der Verbannung! Benetzt du dein Hemd vor Angst in deiner Nische?

Auf, du Brabant des guten Herzogs! Räumt sie fort, die Heiligen von Holz! Wer will ein Bad in der Schelde nehmen? Das Holz schwimmt besser als die Fische!«

Das Volk hörte sie an, ohne ein Wort zu sagen. Aber Ulenspiegel stieg auf die Kanzel, zwang den, der gesprochen hatte, die Stufen hinabzusteigen, und sagte zum Volke: »Dumme Narren, versammelte Narren, mondsüchtige Narren, seht ihr denn nicht weiter als bis zur Spitze eurer verrotzten Nase, begreift ihr nicht, daß all dies das Werk des Verrates ist? Sie wollen, daß ihr entweiht und plündert, damit sie euch als Rebellen erklären, eure Truhen leeren, euch vierteilen und lebendig verbrennen können! Und der König wird erben!

Signorkes und pagaders, schenkt den Worten dieser Handlanger des Unglücks keinen Glauben, lasset die Heilige Jungfrau in ihrer Nische, lebet zurückgezogen, arbeitet fröhlich und ernährt euch von euren Gewinsten und Verdiensten. Der schwarze Dämon der Vernichtung hat es auf euch abgesehen und will, mit Berufung auf Plünderung und Zerstörung, die feindliche Armee herbeiholen, um euch als Verräter zu denunzieren und Alba über euch herrschen zu lassen mit Gewalttätigkeit, Inquisition, Konfiskation und Tod. Und er wird erben!«

»Ach!« sagte Lamme, »plündert nicht, signorkes und pagaders, der König ist schon höchlich erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freund Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, meine Herren!«

Aber das Volk wollte nicht auf sie hören. Die Eindringlinge riefen: »Auf, werft sie hinaus! Auf, Brabant des guten Herzogs! Ins Wasser mit den hölzernen Heiligen! Sie schwimmen besser als die Fische!« Ulenspiegel stand auf der Kanzel und schrie ganz vergeblich: »Signorkes und pagaders, duldet die Plünderung nicht! Bewirket nicht den Untergang der Stadt!« Er wurde von der Kanzel heruntergezerrt, und man zerriß ihm das Gesicht, das Wams und die Hosen, obgleich er sich mit Händen und Füßen revanchierte. An allen Gliedern blutend, hörte er nicht auf zu rufen: »Duldet die Plünderung nicht!« Aber es war vergebens.

Die Eindringlinge und die Vagabunden aus der Stadt stürzten sich auf das Chorgitter, brachen es ein und riefen: »Es lebe der Geuse!« Alle machten sich daran, zu zerbrechen, zu zertrümmern und zu verwüsten. Noch vor Mitternacht war diese große Kirche, die siebzig Altäre, zahlreiche schöne Bilder und andere Kostbarkeiten enthalten hatte, geleert wie eine Nuß. Die Altäre waren umgestürzt, die Statuen zerschlagen und alle Schlösser gesprengt. Nachdem dies geschehen war, machten sich dieselben Eindringlinge auf den Weg zu den Minoriten und Franziskanern, zu dem Orden St. Peter, St. Andreas, St. Michael, St. Peter vom Faß, zum Burgorden und Fawkensorden, zu den Weißen Schwestern und Grauen Schwestern, zum Dritten Orden und zu den Predigern und zogen so in alle Kirchen und Kapellen der Stadt, um dort ebenso zu hausen wie in Notre-Dame.

Mit Kerzen und Leuchtern in der Hand liefen sie von Kirche zu Kirche, keiner von ihnen wurde bei diesem großen Zerschmettern von Stein und Holz und anderen Stoffen verwundet, und sie stritten nicht untereinander und schlugen sich nicht. Im Haag erschienen sie, um dort die Wegräumung der Statuen und Altäre zu verlangen, und weder hier noch an anderen Orten fanden sie an den Reformierten Helfer. Im Haag fragte sie der Magistrat, wo sie ihre Auftragsurkunde hätten. »Die ist hier«, sagte einer von ihnen und legte die Hand aufs Herz.

»Ihre Auftragsurkunde! hört ihr, signorkes und pagaders!« sagte Ulenspiegel, als er erfuhr, was sich zugetragen hatte, »es gibt also irgend jemand, der sie beauftragt, sich als Heiligtumschänder zu betätigen. Wenn in meine Hütte irgendein diebischer Plünderer kommt, werde ich es so machen wie der Magistrat vom Haag, ich werde meinen Hut ziehen und sagen: ›Lieblicher Dieb, reizender Taugenichts, liebenswerter Lumpenkerl, zeige mir doch deine Auftragsurkunde.‹ Er wird mir antworten, daß er sie in seinem Herzen trägt, den es nach meinem Hab und Gut gelüstet – und ich werde ihm alle Schlüssel geben.

Überlegt doch, wem diese Plünderung von Nutzen ist. Mißtrauet dem roten Hund, das Verbrechen ist begangen, man kommt, es zu sühnen. Mißtrauet dem roten Hund! Das große steinerne Kruzifix ist zerschlagen. Mißtrauet dem roten Hund!«

Der Große Rat von Mecheln hatte durch den Mund seines Präsidenten Viglius verkünden lassen, daß der Zerstörung der Statuen keinerlei Hindernis in den Weg zu legen sei.

»Ach!« sagte Ulenspiegel, »die Ernte ist reif für die spanischen Schnitter. Der Herzog! Der Herzog zieht gegen uns. Flamen, das Meer steigt, das Meer der Rache! Arme Frauen und Mädchen, fliehet das Grab! Arme Männer, fliehet den Galgen, das Feuer und das Schwert! Philipp will Karls blutiges Werk vollenden! Der Vater säte Tod und Verbannung, der Sohn schwor, lieber einen Friedhof regieren zu wollen als ein Volk von Ketzern. Fliehet, da kommt der Henker mit den Totengräbern!«

Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und Hunderte von Familien verließen die Städte, und die Wege waren von Karren versperrt, die mit den Möbeln derer beladen waren, die die Flucht ergriffen.

Ulenspiegel erschien überall, und Lamme folgte ihm, betrübt und seine geliebte Frau suchend.

Und in Damme weinte Nele neben Katheline, der Irren.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.