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Ulenspiegel

Charles de Coster: Ulenspiegel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles de Coster
titleUlenspiegel
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
illustratorRafaello Busoni
year1956
firstpub1867
translatorGeorg C. Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070810
projectid2a9d70ec
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XXXI

Es war am Tage der Auferstehung, als Ulenspiegel mit einigen Taugenichtsen seines Alters die Kirche Unserer Lieben Frau verließ. Lamme Goedzak hatte sich unter sie verirrt wie ein Schaf unter ein Rudel von Wölfen.

Lamme bezahlte allen einen ausgiebigen Trunk, denn seine Mutter gab ihm an jedem Sonn- und Feiertag drei Patards. Er fand sich mit seinen Kameraden im Gasthaus »Zum Rooden Schildt«, bei Jan van Liebeke, ein, der ihnen Dobbeleknollaert von Courtrai auftrug.

Vom Trinken erhitzt, schwatzten sie übers Beten, und Ulenspiegel erklärte, daß die Totenmesse keinem als dem Priester zugute käme. Es war aber ein Judas in der Bande, und der denunzierte Ulenspiegel als Ketzer.

Trotz Soetkins Tränen und Claesens inständigen Bitten wurde Ulenspiegel gefaßt und gefangengesetzt. Einen Monat und drei Tage blieb er in einem vergitterten Kerker, ohne einen Menschen zu Gesicht zu bekommen, und der Kerkermeister fraß ihm drei Viertel seines Essens weg.

Währenddessen holte man Erkundigungen über seinen guten oder schlechten Ruf ein. Man konnte nichts andres ausfindig machen, als daß er ein arger Spottvogel war, der seine Nächsten ohne Unterlaß zum besten hielt, der aber niemals Gott oder die Heilige Jungfrau oder die Heiligen gelästert hatte. Deshalb fiel das Urteil mild aus, denn er hätte in anderem Falle mit einem glühenden Eisen im Gesicht gebrandmarkt und bis aufs Blut gepeitscht werden können.

Mit Rücksicht auf seine Jugend verurteilten ihn die Richter nur dazu, im Hemd, entblößten Hauptes, barfüßig und eine Kerze in der Hand haltend inmitten der ersten Prozession, welche die Kirche verließ, einherzugehen.

Das trug sich am Himmelfahrstage zu. Als die Prozession zurückkehrte, mußte er unter dem Tor der Kirche Unserer Lieben Frau stehenbleiben und ausrufen: »Dank sei dem Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! Ihre Gebete sind süß für die Seelen im Fegefeuer und erlaben sie, denn jedes Ave ist ein Eimer Wasser, und jedes Vaterunser ein Bottich, den sie auf ihre Rücken ausgießen!«

Und das Volk hörte ihm in großer Andacht zu, freilich nicht ganz, ohne zu lachen.

Zu Pfingsten mußte er wieder der Prozession folgen, er war im Hemd, barhäuptig und bloßfüßig, und hielt eine Kerze in der Hand. Als er bei der Rückkehr unter dem Tor stand und ehrfurchtsvoll seine Kerze hielt, sagte er, nicht ohne einige spöttische Grimassen zu ziehen, mit lauter und deutlicher Stimme: »Sind die Gebete der Christen eine große Wohltat für die Seelen im Fegefeuer, so sind die des Herrn Dechanten der Kirche Unserer Lieben Frau, dieses in der Ausübung der Tugenden so vollkommenen Mannes, so lindernd für die Schmerzen, die das Fegefeuer bereitet, daß sie es sofort in Eis verwandeln. Aber den teuflischen Henkersknechten wird nichts davon zuteil.«

Wieder hörte das Volk, nicht ohne Lachen, voll Ehrfurcht zu, und der Dechant lächelte mit kirchlicher Würde.

Alsdann wurde Ulenspiegel für drei Jahre aus Flandern verbannt und mußte eine Pilgerfahrt nach Rom unternehmen, um mit der Absolution des Papstes zurückzukehren. Claes mußte für diesen Urteilsspruch drei Gulden bezahlen und gab seinem Sohn noch einen nebst dem Pilgerkleid. Ulenspiegel war tief bekümmert, als er am Tage seiner Abreise Claes umarmte und Soetkin, die schmerzenreiche Mutter, die in Tränen aufgelöst war. Sie geleiteten ihn ein großes Stück Wegs, und viele Bürger folgten ihnen mit ihren Frauen.

Als Claes in die Hütte zurückkehrte, sprach er zu seiner Frau: »Weib, es ist sehr hart, einen so jungen Knaben wegen einer närrischen Rede zu so schwerer Strafe zu verurteilen.« »Du weinst, lieber Mann!« sagte Soetkin, »du liebst ihn mehr, als du ihm zeigst, denn du brichst in bittres Schluchzen aus, das wie das Weinen eines Löwen ist.« Er gab aber keine Antwort.

Nele hatte sich in der Scheune versteckt, damit niemand sähe, daß auch sie um Ulenspiegel weinte. Sie war Soetkin, Claes, den Bürgern und Frauen von weitem gefolgt, als sie dann sah, daß ihr Freund allein weiterging, lief sie ihm nach, hängte sich an seinen Hals und sprach: »Du wirst auf deinem Wege viele schöne Frauen finden!« »Ob schöne, das weiß ich nicht«, sagte Ulenspiegel, »aber frische wie dich gewiß nicht, denn die Sonne hat sie alle geröstet.« Lange gingen sie zusammen dahin, und Ulenspiegel, der ganz in Gedanken versunken war, sagte mehrmals: »Ich werde sie ihre Totenmessen bezahlen lassen.« »Welche Messen, und wer soll bezahlen?« fragte Nele. Ulenspiegel antwortete: »Alle Dechanten, Pfarrer, Küster und alle höheren und niedrigen Matagots, die uns mit Hirngespinsten mästen. Wäre ich ein braver Handwerker gewesen, so hätten sie mich durch die Pilgerfahrt der Arbeitsfrucht dreier Jahre beraubt. So ist's aber der arme Claes, der bezahlt. Sie werden mir meine drei Jahre verhundertfacht wiedergeben, und dann werde ich ihnen auch die Totenmesse singen, und zwar für ihr Geld.«

»Laß gut sein, Thyl, sei vernünftig, sonst werden sie dich noch lebendig verbrennen«, erwiderte Nele. »Ich bin gefeit«, sagte Ulenspiegel.

Dann trennten sie sich, sie in Tränen aufgelöst, er bekümmert und zornig.

XXXII

Als er durch Brügge kam, wo gerade Mittwochsmarkt gehalten wurde, sah er eine Frau, die vom Henker und seinen Schergen geführt wurde, während eine Menge von Weibern sich um sie herumtummelte und ihr tausend zotige Schmähungen zurief. Als Ulenspiegel die roten Stofflappen sah, die den oberen Teil ihres Kleides bedeckten, und den Stein des Gerichts, der ihr mit eisernen Ketten um den Hals gehängt worden war, erkannte er, daß sie eine Frau war, die den jungen und reinen Leib ihrer Tochter um Geld verkauft hatte.

Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße, mit Jason Darue verheiratet sei und nun in dieser Kleidung von Platz zu Platz geführt würde, bis man sie auf den Großen Markt zurückbrächte, wo sie das Schafott besteigen müsse, das man schon für sie vorgerichtet habe. Ulenspiegel folgte ihr in der Menge des zeternden Volkes. Als der Zug auf den Großen Markt zurückgekehrt war, wurde sie aufs Schafott gebracht und an einen Pfahl gebunden, während der Henker ein Büschel Gras und eine Handvoll Erde vor sie hinlegte, was das Grab versinnbildlichen sollte.

Man sagte Ulenspiegel, daß sie zuvor im Gefängnis gepeitscht worden war.

Als er sich wieder auf den Weg machte, begegnete ihm Henri de Marischal, ein Erzlump, der im Sprengel von West-Ypern am Galgen gehangen hatte und an dessen Hals noch die Spuren des Strickes zu sehen waren. In der Luft schwebend, hatte er, wie er sagte, ein inbrünstiges Gebet zur Mutter Gottes von Hal gesprochen, und allein darum sei, durch ein wahres Wunder, als die Schergen und Henker fortgegangen waren, der Strick gerissen, den er schon nicht mehr gefühlt habe, so daß er zu Boden gefallen sei und keinen Schaden genommen hätte. Doch Ulenspiegel erfuhr später, daß dieser vom Strick errettete Lump ein falscher Henri de Marischal war und daß man ihn nur deshalb laufen und seine Lügen verbreiten ließ, weil er einen Geleitbrief des Dechanten von Notre-Dame de Hal bei sich trug, der wegen dieser Erzählung von Henri de Marischal die Leute haufenweise in seine Kirche strömen und alle jene reichliche Spenden bringen sah, die den Galgen von fern und nah witterten. Und diese lange Zeit hindurch hatte Unsere Liebe Frau von Hal den Beinamen »Unsere Liebe Frau der Gehenkten«.

XXXIII

Damals erhoben die Inquisitoren und Theologen zum zweitenmal vor dem Kaiser folgende Vorstellungen: die Kirche gehe zugrunde, ihre Autorität würde verachtet, sie wäre es, deren Gebeten er die vielen glänzenden Siege, die er erfochten habe, verdanke, sie, welche die Macht seines königlichen Thrones aufrechterhielte.

Ein spanischer Bischof bat ihn, sechstausend Köpfe abschlagen oder ebensoviel Körper verbrennen zu lassen, um die böse lutherische Ketzerei aus den Niederlanden auszurotten. Seine heilige Majestät urteilte, daß das nicht genüge.

Wohin der arme Ulenspiegel auch kam, überall wurde er von Schrecken erfaßt, denn er bekam nichts andres zu sehen als auf Pfähle gespießte Köpfe und junge Mädchen, die man in einen Sack gesteckt und lebend in einen Fluß geworfen hatte, Männer, die nackt auf dem Rade lagen und mit eisernen Stangen unbarmherzig geschlagen wurden, Frauen, die man in eine Grube warf und mit Erde überschüttete und auf deren Brüsten der Henker tanzte, um sie zu zermalmen. Aber die Beichtiger der Frauen und Männer, die sich vor dem Tod hatten bekehren lassen, verdienten an jeder geretteten Seele zwölf Kreuzer.

In Löwen sah er, wie die Henker dreißig Lutheraner auf einmal verbrannten, indem sie den Scheiterhaufen mit Kanonenpulver in Brand setzten. In Limburg sah er eine ganze Familie, Männer und Frauen, Töchter und Schwiegersöhne, Psalmen singend zur Marter schreiten. Der Älteste schrie, als er brannte. Und Ulenspiegel durchwanderte, von Angst und Seelenschmerz erfüllt, das arme Land.

XXXIV

Als er in freies Land kam, schüttelte er sich wie ein Vogel, wie ein freigelassener Hund, und sein Herz stärkte sich von neuem beim Anblick der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne. Als er drei Tage lang marschiert war, kam er in die reiche Gemeinde Uccle im Kreis von Brüssel. Als er an dem Gasthaus »Zur Trompete« vorbeikam, wurde er von dem himmlischen Duft eines Frikassees angelockt. Er fragte einen kleinen Bettler, der sich mit erhobener Nase an dem Geruch der Soßen ergötzte, zu wessen Ehre sich dieser Weihrauch festlicher Bewirtung in den Himmel erhebe. Die Antwort besagte, daß die »Brüder vom guten Weingesicht«Ich bediene mich dieser nicht eigenen Übersetzung, um denen, die de Costers »Vlämische Märchen« gelesen haben, die Freude der Wiederbegegnung mit den »Freres de Ia Bonne Trogne« zu machen. (Anmerkung des Übersetzers.) sich nach der Vesper hier versammeln sollten, um die seinerzeitige Befreiung der Gemeinde durch die Mädchen und Frauen zu feiern. Als Ulenspiegel in der Ferne eine Stange sah, auf der ein künstlicher Papagei befestigt war und um die sich mit Bogen bewaffnete Frauen scharten, fragte er, ob denn die Frauen jetzt Bogenschützen werden sollten. Der Junge, der den Duft der Soßen einsog, antwortete, daß zur Zeit des »guten Herzogs« dieselben Bogen in den Händen der Frauen von Uccle gewesen wären, die mehr als hundert Räuber vom Leben zum Tode befördert hätten.

Ulenspiegel wollte mehr wissen, aber der Bettler sagte, daß er solchen Hunger und Durst habe, daß er nicht mehr sprechen könne, es wäre denn, daß Ulenspiegel ihm einen Patard gebe, damit er essen und trinken könne. Aus Mitleid gab ihm Ulenspiegel das Verlangte. Als der Bettler den Patard hatte, trat er mit einer Miene in den Gasthof »Zur Trompete« wie ein Fuchs in den Hühnerstall und kam im Triumph zurück, eine halbe Schlackwurst und eine große Schnitte Brot in der Hand.

Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein liebliches Tönen von Tamburinen und Geigen und erblickte einen großen Trupp tanzender Frauen, unter denen eine schöne Gesellin war, die eine Kette von Gold um den Hals trug. Der Bettler, der, nachdem er gegessen hatte, vor Behaglichkeit lachte, sagte zu Ulenspiegel, daß das junge, schöne Weib die Königin der Bogenschützinnen sei, Mietje heiße und die Frau des ehrenwerten Herrn Renonckel, des Schöffen der Gemeinde, sei. Dann erbat er sich von Ulenspiegel sechs Heller für einen Trunk, und Ulenspiegel gab sie ihm. Nachdem der Bettler also gegessen und getrunken hatte, setzte er sich in der Sonne auf seine vier Buchstaben und putzte sich die Zähne mit den Fingernägeln. Als die Bogenschützinnen Ulenspiegels in seinem Pilgerrock gewahr wurden, umkreisten sie ihn und tanzten um ihn herum. »Guten Tag, schöner Pilger«, sagten sie dabei, »kommst du von weit her, junger Wallfahrer?« Und Ulenspiegel erwiderte: »Ich komme aus Flandern, dem Lande, das überreich an liebesfreudigen Mädchen ist.« Und traurig gedachte er Neles. »Was war deine Sünde ?« fragten sie ihn, während sie zu tanzen fortfuhren. »Sie ist so groß, daß ich nicht wage, sie zu bekennen«, sagte er, »aber es sind noch andere Dinge an mir, die nicht klein sind.« Darob lachten sie und fragten ihn, warum er so wandern müsse mit Pilgerstab, Ranzen und Lazarusklapper.Eine aus Muschelschalen hergestellte Klapper, das Kennzeichen der Bettelmönche und Bußpilger. (Anmerkung des Übersetzers.) Er antwortete, indem er ein bißchen log, daß er so tun müsse, weil er gesagt habe, daß die Totenmessen den Priestern Vorteile brächten. »Sie tragen ihnen klingende Münzen ein, aber sie gereichen auch den Seelen im Fegefeuer zum Heil«, antworteten sie. »Ich war nicht darin«, sagte Ulenspiegel. »Willst du mit uns essen, Pilger?« fragte die lieblichste der Bogenschützinnen. »Ich will mit euch essen«, sagte er, »will dich selbst aufessen, dich und alle andern, der Reihe nach, denn ihr seid königliche Bissen, köstlicher zu kauen als Ammern, Drosseln und Schnepfen.« »Dann muß Gott dich nähren«, sagten sie, »denn dies Wildbret ist unbezahlbar.« »Wie ihr alle, meine Schätzchen«, antwortete Ulenspiegel. »Stimmt so«, sagten sie, »aber wir sind nicht zu verkaufen.« »Und zu verschenken?« fragte er. »Ja, Schläge für die allzu Frechen«, sagten sie; »und wenn's not tut, mahlen wir dich wie einen Haufen Körner.« »Dann werd' ich mich zurückziehen«, sagte er. »Komm essen!« Er folgte ihnen in den Hof des Gasthauses und war froh, heitere Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er die Brüder vom guten Weingesicht mit großer Feierlichkeit in den Hof einziehen, sie kamen mit Fahnen, Trompeten, Flöten und Schellentrommeln und führten den lustigen Namen ihrer Brüderschaft mit Würde. Als sie über Ulenspiegel erstaunten, sagten ihnen die Frauen, daß er ein armer Pilger sei, dessen sie sich unterwegs angenommen hätten, und daß sie ihn an ihrer Festlichkeit teilnehmen lassen wollten, da sie ihn, gleich ihren Gatten und Angelobten, als wackeren Trinker befunden hätten. Die Männer fanden ihre Rede gut, und einer sprach: »Pilgernder Pilger, willst du quer durch Soßen und Frikassees pilgern?« »Ich werde Siebenmeilenstiefel anziehen«, antwortete Ulenspiegel. Als er mit den andern den Festsaal betrat, ward er plötzlich zwölf Blinder ansichtig, die auf dem Weg von Paris daherkamen. Als sie an ihm vorbeigingen, klagten sie über Hunger und Durst, und Ulenspiegel sagte ihnen, daß sie an diesem Abend wie Könige speisen würden, und zwar zum Angedenken an die Totenmessen auf Kosten des Dechanten von Uccle. Er trat auf sie zu und sagte: »Hier sind neun Gulden – kommt essen. Spürt ihr den Duft vom Frikassee?« »Ach«, sagten sie, »schon eine halbe Meile, aber ohne Hoffnung.« »Ihr werdet essen«, sagte er, »denn ihr habt ja neun Gulden.« Aber er gab ihnen in Wahrheit gar nichts, und sie sagten: »Gesegnet seist du!« Von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich rund um einen kleinen Tisch, während sich die Brüder vom guten Weingesicht mit ihren Gattinnen und Mädchen an einer großen Tafel niederließen. Im Vertrauen auf die neun Gulden sagten die Blinden ganz stolz: »Wirt, bring uns vom Besten zu essen und zu trinken!«

Der Wirt, der von neun Gulden reden gehört hatte, meinte nicht anders, als daß sie dieselben in ihren Geldkatzen hätten, und fragte sie, was sie wollten. Da sprachen alle durcheinander und riefen: »Erbsen mit Speck, ein Rindsragout, Kalbfleisch, Lamm, Huhn. – Die Würste sind für die Hunde gemacht? – Wer hat denn im Vorbeigehen die Blutwürste gewittert, ohne sie am Kragen zu fassen ? – Ich würde sie sehen, ach! wenn meine armen Augen wenigstens soviel sähen wie eine Talgkerze. – Wo sind die koekebakken mit Butter von Anderlecht ? Sie singen in der Pfanne, die saftigen, knusprigen, die die Kannen immer durstig machen. – Wer wird mir Eier mit Schinken oder Schinken mit Eiern, diese zärtlichen Brüder, des Schlundes Freunde, unter die Nase halten ? Wo seid ihr, himmlische Brühen, darinnen Nieren, Hahnenkämme, Kalbsvären, Ochsenschwänze und Lammfüße sind, gewürzt mit Zwiebeln, Pfeffer, Gewürznelken und Muskatnüssen und geschmort in einer Soße von drei Kannen weißen Weins ? – Wer wird euch mir zuführen, göttliche Würstchen, die ihr so gut seid, daß ihr kein Wörtlein sagt, wenn man euch verschlingt? Ihr kommt geradeswegs aus Luyleckerland, dem großen Land der braven Nichtstuer und der Lecker nimmer versiegender Soßen. Wo aber seid ihr, dürre Blätter der letzten Herbste ? – Ich will eine Hammelkeule mit Bohnen. – Ich des Schweines Helmzier, nämlich seine Ohren. – Ich einen Rosenkranz von Fettammern, die Paternoster sollen Schnepfen sein und ein feister Kapaun das Kredo.«

Der Wirt antwortete mit Ruhe: »Ihr werdet eine Omelette von sechzig Eiern bekommen und, zur Führung eurer Löffel, fünfzig Schwarzwürste als Wegweiser in dieses Speisengebirge hineingesteckt, und zum Schluß Dobbel-Petermann, der den Fluß vorstellen soll.« Den armen Blinden lief das Wasser im Mund zusammen, und sie sagten: »Bring uns das Gebirge, die Pfähle und den Fluß.«

Die Brüder vom guten Weingesicht und ihre Frauen, die schon mit Ulenspiegel an der Tafel saßen, sagten, daß dieser Tag für die Blinden der Tag der unsichtbaren Schlemmerei sei und daß den armen Leuten solcherart die Hälfte des Genusses entginge. Als die Omelette, mit Petersilie und Kapuzinerkraut gleichsam bewachsen, vom Wirt und vier Köchen getragen, zu Tische kam, wollten sich die Blinden drauflosstürzen und schnalzten schon mit den Zungen, aber der Wirt leerte jedem, freilich nicht ohne Mühe, seinen Teil unversehrt auf den Teller. Die Bogenschützinnen waren gerührt, als sie die Blinden so schlingen sahen und vor Behagen stöhnen hörten, denn sie hatten gewaltigen Heißhunger und schluckten die Würste wie Austern. Wie Wasserfälle von hohen Bergen stürzen, so strömte der Dobbel-Petermann in ihre Kehlen. Als sie ihre Teller gesäubert hatten, verlangten sie weiter nach koekebakken, Ammern und neuem Frikassee. Der Wirt brachte ihnen aber nur eine große Schüssel voll Knochen von Rindern, Kälbern und Lämmern, die in einer guten Soße schwammen und die er nicht unter sie verteilte.

Als sie ihre Brotschnitten in die Soße tauchten und dabei bis an die Ellbogen hineinfuhren und nichts anders herausholten als Knochen von Kalb und Hammel, ja selbst einige Ochsenkieferknochen, da meinte jeder, daß sein Nachbar alles Fleisch genommen habe, und zornentbrannt schlugen sie sich die Knochen gegenseitig ins Gesicht. Als die Brüder vom guten Weingesicht darob zur Genüge gelacht hatten, taten sie aus Mitleid einen Teil ihrer Gerichte in die Schüssel der armen Blinden, so daß, wer von ihnen nun nach einer knöchernen Waffe tappte, die Hand auf eine Drossel legte, auf ein Huhn und ein oder zwei Lerchen, gleichzeitig bogen ihnen die Weibsleute die Köpfe hintenüber und gössen ihnen Brüsseler Wein ein, daß es nur so eine Art hatte.

Wenn die Blinden dann um sich griffen, um zu erfahren, woher diese himmlischen Bäche denn kämen, so faßten sie nichts als einen Rock und wollten ihn festhalten. Aber im Nu entzogen sich die Frauen ihnen.

Nun war ihnen recht wohl, sie lachten, tranken, aßen und sangen. Einige, die die lieblichen Frauen witterten, rannten, von der Liebe behext, wie närrisch durch den Saal, aber die bösen Mädchen führten sie irre, verbargen sich hinter einem Weingesicht und riefen: »Küsse mich!« Die Blinden gehorchten und küßten statt einer Frau das bärtige Gesicht eines Mannes, der es an Grobheiten nicht fehlen ließ.

Die Brüder vom guten Weingesicht sangen im Chor, und die lustigen Weiber lachten zärtlich, als sie ihren Frohsinn sahen.

Als aber die Stunden der Völlerei um waren, sagte der Baes: »Ihr habt reichlich gegessen und getrunken, dafür müßt ihr nun sieben Gulden bezahlen.« Jeder von ihnen schwor, daß er nicht die Börse habe, und schob seinem Nachbar die Verantwortung zu. Das führte zu einem Kampf unter ihnen, in dem sie mit den Füßen, Fäusten und Köpfen gegeneinander losschlugen, aber sie schlugen aufs Geratewohl und konnten sich nicht treffen, denn als die Brüder vom guten Weingesicht dies Spielchen sahen, trennten sie die Streitenden. So gingen die Hiebe ins Leere, von einem abgesehen, der unglücklicherweise auf das Gesicht des Baes niedersauste, der, höchst erzürnt, alle einer Durchsuchung unterzog, aber nichts anderes fand als ein altes Skapulier,Ein Stück geweihten Tuches, das als Amulett getragen wurde. (Anmerkung des Übersetzers.) sieben Heller, ihre Rosenkränze und drei Hosenknöpfe. Er wollte sie in den Schweinekoben werfen und dort so lange bei Wasser und Brot warten lassen, bis man für sie bezahlt haben würde, was sie schuldeten. Da sagte Ulenspiegel: »Willst du, daß ich für sie gutstehe?« »Ja«, sagte der Baes, »wenn jemand für dich gutsteht.«

Die guten Weingesichter schickten sich an, es zu tun, doch Ulenspiegel wehrte ihnen und sagte: »Der Dechant wird Bürgschaft leisten, ich gehe, ihn aufzusuchen.« Als er sich zum Dechanten begab, gedachte er der Totenmessen und berichtete ihm, wie der Baes von der »Trompete« vom Teufel besessen sei und immer von Schweinen, Blinden, Braten und Frikassees rede und in lästerlichen Ausdrücken erzähle, daß die Schweine die Blinden äßen und die Blinden die Schweine. Während dieses Zustandes habe der Baes die ganze Wohnung zerschlagen, und er, Ulenspiegel, bitte ihn, in die »Trompete« zu kommen und den armen Mann von diesem bösen Dämon zu befreien.

Der Dechant versprach ihm, zu kommen, sagte aber, daß er ihm nicht sogleich folgen könne, da er im Augenblick die Rechnungen des Domkapitels aufstellte, bei denen er auf seinen Profit bedacht war. Als Ulenspiegel sah, daß er ungeduldig wurde, sagte er, daß er mit der Frau des Wirtes wiederkommen werde, damit der Dechant mit ihr spreche. »Kommt alle beide«, sagte er. Da kehrte Ulenspiegel zum Wirt zurück und sagte: »Ich komme vom Dechanten – er setzt sich für die Blinden zur Bürgschaft ein. Während Ihr sie bewacht, soll die Frau mit mir zu ihm kommen, er wird ihr wiederholen, was ich Euch sagte.« »Geh hin, Frau!« sagte der Baes. Die Baisine kam mit Ulenspiegel zum Dechanten, der sich in den Berechnungen um seinen Profit nicht unterbrach. Als sie mit Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr ungeduldig, daß sie sich wieder zurückziehen möge, und sagte: »Beruhige dich, in ein oder zwei Tagen werde ich deinem Mann zu Hilfe kommen.«

Als Ulenspiegel zur »Trompete« zurückkehrte, sprach er zu sich: »Er wird sieben Gulden zahlen, und das soll meine erste Totenmesse sein!« Dann machte er sich auf den Weg und die Blinden desgleichen.

XXXV

Nächsten Tags fand sich Ulenspiegel auf einer Landstraße inmitten einer großen Menge von Menschen und erfuhr bald, daß es der Tag der Wallfahrt nach Alsemberg sei. Da sah er arme alte Frauen, die barfüßig rückwärts einhergingen, um die Sünden irgendwelcher großer Damen zu tilgen, wofür sie einen Gulden erhielten. Am Straßenrand feierte mehr als ein Pilger beim Klang von Rebecs, Geigen und Dudelsäcken Bratenschmäuse und Bruinbiergelage. Und der Dampf des Ragouts stieg als köstlicher Weihrauch des nahrhaften Gottesdienstes zum Himmel auf.

Aber es gab auch andere Pilger, solche von niederer Gesinnung, arme und solche, die vor Not mit den Zähnen klapperten, die, von der Kirche bezahlt, für sechs Groschen rückwärts gingen. Ein kleiner, ganz kahlköpfiger Mann mit blinkenden Augen und ungebärdigem Gehaben hüpfte hinter den andern her und leierte, wie ein Krebs nach hinten gehend, sein Vaterunser herunter. Ulenspiegel, der wissen wollte, warum er so den Krebs nachahme, näherte sich ihm solcherart, daß er vor ihm ging, und schlug lachend die gleiche Gangart ein. Die Rebecspieler, Pfeifer, Geiger und Dudelsackbläser machten, im Verein mit den Seufzern der Pilger, die Musik zu diesem Tanz. »Jan van den Duivel«, sagte Ulenspiegel, »läufst du solcherart, damit du um so sicherer stürzest?« Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, sein Paternoster zu murmeln. »Vielleicht«, sagte Ulenspiegel, »willst du in Erfahrung bringen, wieviel Bäume an dieser Straße stehen. Aber zählst du nicht auch die Blätter?« Der Mann, der eben ein Kredo hersagte, machte Ulenspiegel ein Zeichen, daß er schweigen solle. »Vielleicht«, begann Ulenspiegel von neuem, immer vor ihm her hüpfend und ihm nachahmend, »ist es die Folge plötzlicher Narrheit, daß du so der ganzen Welt wider den Strich läufst! Aber wer aus einem Narren eine kluge Antwort herausbekommen will, ist selbst nicht klug. Ist's nicht wahr, mein Herr Kahlkopf?« Der Mann gab noch immer keine Antwort, und Ulenspiegel ließ nicht davon ab, zu hüpfen, aber er machte mit seinen Sohlen dermaßen Lärm, daß der Boden wie eine Holzkiste widerhallte.

»Vielleicht seid Ihr stumm?« fragte Ulenspiegel. Da sagte der Mann: »Ave Maria, gratia plena et benedictus fructus ventris tui, Jesu.« »Seid Ihr vielleicht taub?« fragte Ulenspiegel weiter, »wir werden sehen – man sagt, daß die Tauben weder Freundlichkeiten noch Beleidigungen hören. Wir wollen also sehen, ob dein Trommelfell aus Haut ist oder aus Erz. Denkst du, Laterne ohne Kerze, Karikatur eines Fußgängers, daß du einem Menschen ähnlich bist? Wenn die Menschen aus Hadern gemacht wären, dann vielleicht. Wo anders als auf dem Galgenrain sieht man solch eine gelbliche Säuferfratze, so einen kahlen Schädel? Hast du nicht schon einmal gehangen?«

Ulenspiegel tänzelte weiter, und der Mann geriet in Zorn, er lief wütend rückwärts und murmelte seine Vaterunser mit geheimem Groll. »Vielleicht verstehst du das Hochflämische nicht, ich will also in der Sprache des flachen Landes mit dir reden: wenn du kein Fresser bist, bist du ein Säufer, wenn du kein Säufer, sondern ein Wassertrinker bist, so hat einer deiner Körperteile eine böse Verstopfung, bist du nicht hartleibig, so bist du ein Hosenscheißer, bist du kein geiler Hengst, so bist du ein Kapaun, wenn es eine Mäßigkeit gibt, so ist nicht sie es, welche die Tonne deines Bauches füllt, und wenn es unter den tausend Millionen Menschen, welche die Erde bevölkern, nur einen Hahnrei gibt, so bist du es.«

Auf das hin stürzte Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag unter die Nase versetzt, daß er mehr als hundert Lichter sah. Dann warf er sich trotz der Last seines Wanstes hurtig über ihn und schlug ihn überallhin, und die Hiebe regneten wie Hagelschloßen auf Ulenspiegels mageren Körper, und sein Stock fiel zu Boden. »Lerne aus dieser Lektion«, sagte der Mann, »daß man ehrenwerte Leute, die auf ihrer Pilgerfahrt begriffen sind, nicht anzuflegeln hat. Denn, merke gut, ich gehe, altem Brauch gemäß, so nach Alsemberg, um die heilige Maria zu bitten, daß sie ein Kind verkümmern lasse, das meine Frau empfangen hat, als ich auf Reisen war. Um eines so großen Segens teilhaftig zu werden, muß man, ohne zu sprechen, vom zwanzigsten Schritt seiner Wohnung an bis zur untersten Kirchenstufe rückwärts tanzen und marschieren. Ach! Jetzt muß ich noch einmal anfangen!«

Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte: »Ich werd' dir helfen, du Tunichtgut, der du Unsere Liebe Frau mißbrauchen willst, um die Kinder im Leib ihrer Mütter zu töten!« Und er schlug den bösen Hahnrei so grausam, daß er ihn nachher wie tot auf der Straße liegenließ. Währenddessen stiegen die Seufzer der Pilger und die Klänge der Pfeifen, Geigen, Rebecs und Dudelsäcke fortwährend zum Himmel auf und, gleich ihnen, der Duft der Braten, wie reiner Weihrauch.

XXXVI

Claes, Soetkin und Nele plauderten zusammen in einer Ecke am Feuer und unterhielten sich über den pilgernden Pilger. »Mädchen«, sagte Soetkin, »könntest du ihn nicht durch die Macht deiner jugendlichen Reize für immer in unserer Nähe festhalten?« »Ach, das kann ich nicht«, sagte Nele. »Das macht«, sprach Claes, »daß er einen entgegengesetzten Trieb hat, der ihn zwingt zu laufen, ohne sich jemals auszuruhen, es sei denn, um seine Kehle zu versorgen.«

»Der häßliche Bösewicht!« seufzte Nele. »Bösewicht«, sagte Soetkin, »das geb' ich zu, aber häßlich – nein! Wenn mein Sohn Ulenspiegel auch nicht das Gesicht eines Griechen oder Römers hat, so kann er's eben nicht besser haben, denn von Flandern sind seine munteren Füße, von dem Freimut von Brügge sein zärtliches braunes Auge, seine Nase und sein Mund aber sind von zwei Füchsen gemacht, die wohlgestaltet sind und erfahren in der Wissenschaft von Listen.« »Wer hat ihm aber die Arme des Nichtstuers gemacht«, fragte Claes, »und die Beine, die allzu eilfertig sind, wenn's gilt, zu einem Vergnügen zu laufen?«

»Sein allzu junges Herz«, antwortete Soetkin.

XXXVII

Katheline kurierte zu dieser Zeit einen Ochsen, drei Schafe und ein Schwein, die Speelman gehörten, aber eine Kuh, die Jan Beloen gehörte, vermochte sie nicht zu heilen. Deshalb klagte er sie der Hexerei an. Er bekundete, daß sie das Tier bezaubert habe, was schon daraus hervorgehe, daß sie, während sie ihm die Mittelchen gegeben habe, es geliebkost und zu ihm gesprochen habe, ohne Zweifel in einer teuflischen Sprache, denn eine ehrsame Christin dürfe ja nicht zu einem Tiere sprechen.

Besagter Jan Beloen fügte noch hinzu, daß er Speelmans Nachbar sei, dessen Ochsen und Schafe und dessen Schwein sie kuriert habe, und wenn sie seine Kuh getötet habe, so sei das ohne Zweifel auf Speelmans Anstiftung geschehen, der auf sein, Beloens, Land eifersüchtig sei, da es besser bestellt und reicher tragend sei als das seine, nämlich Speelmans. Auf die Zeugenaussagen Jan Beloens und des Pieter Meulemeester hin, eines Mannes von rechtschaffener Lebensführung und guten Sitten, die bekundeten, daß Katheline in Damme als Hexe gelte und ohne Zweifel die Kuh getötet habe, wurde Katheline in den Kerker geworfen und verurteilt, so lange gefoltert zu werden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten eingestünde.

Sie wurde von einem Schöffen verhört, der immer zornig war, denn er trank den ganzen Tag Branntwein. Vor ihm und den Leuten der »Vierschar« wurde Katheline auf die erste Folterbank gebracht. Der Henker zog sie nackend aus, schor ihr am ganzen Körper die Haare ab und sah überall nach, ob sie nicht irgendein zauberisches Amulett verberge. Nachdem er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken auf die Folterbank.

Da sprach sie: »Ich schäme mich, vor diesen Männern so nackt zu sein, heilige Maria, mache, daß ich sterbe!«

Der Henker legte ihr feuchte Leinwand auf Brust, Bauch und Beine, dann hob er die Bank hoch und schüttete ihr eine so große Menge heißen Wassers in den Magen, daß sie ganz aufgebläht wurde. Dann ließ er die Bank zurückfallen.

Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen gestehen wolle. Sie verneinte durch eine Wendung des Kopfes, und der Henker goß weiter heißes Wasser in sie, aber Katheline erbrach alles. Sodann wurde sie auf Geheiß des Chirurgen losgebunden. Sie sprach kein Wort, schlug sich aber die Brust, um zu bedeuten, daß sie von dem heißen Wasser verbrüht sei. Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Folter erholt hatte, sagte er zu ihr: »Bekenne, daß du eine Hexe bist und einen Zauber über die Kuh geworfen hast.« »Ich bekenne nicht!« sagte sie. »Ich liebe alle Tiere mit der Kraft meines schwachen Herzens und würde eher mir selbst ein Übel tun als ihnen, die sich nicht verteidigen können. Ich habe alle Mittel, die es gibt, angewendet, um die Kuh gesund zu machen.«

Aber der Schöffe sagte: »Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot.« »Mein Herr Schöffe«, antwortete Katheline, »ich stehe hier vor Euch, in Eurer Macht, und wage dennoch, Euch zu sagen, daß ein Tier trotz Beistand des Arztes an einer Krankheit sterben kann wie ein Mensch. Und ich schwöre beim Herrn Christus, der für unsere Sünden am Kreuze verstarb, daß ich dieser Kuh nichts Schlimmes tun, sondern sie durch einfache Heilmittel gesund machen wollte.«

Da ward der Schöffe zornig und sprach: »Man bringe diesen Teufelsaffen auf eine andre Folterbank, dann wird er nicht mehr leugnen!« Und er trank ein großes Glas Branntwein.

Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von Eichenholz, der auf einem Brettergerüst stand. Besagter Deckel, dem man die Form eines Daches gegeben hatte, war an seinem First scharf wie eine Degenklinge. Im Kamin brannte ein mächtiges Feuer, denn man war tief im November.

Katheline, die auf dem Deckel saß, der mit einem spitzigen Holzbolzen versehen war, wurden Schuhe aus neuem Leder angezogen, die ihr viel zu eng waren, und so wurde sie vor das Feuer geschoben. Als sie das schneidende Holz des Deckels und das Eindringen des spitzen Holzes in ihr Fleisch fühlte, und als das Feuer das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenschrumpfen ließ, da schrie sie: »Ich leide tausend Qualen! Wer gibt mir doch schwarzes Gift!«

»Nähert sie dem Feuer noch mehr!« sagte der Schöffe. Dann fragte er Katheline: »Wie viele Male bist du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft ließest du das Korn an der Ähre, die Frucht auf dem Baum, das Kind im Mutterleib verdorren? Wie viele Male machtest du zwei Brüder zu geschworenen Feinden und zwei Schwestern zu haßerfüllten Nebenbuhlerinnen?« Katheline wollte sprechen, aber sie vermochte es nicht und gestikulierte mit den Armen, um zu bedeuten, daß sie es nicht könne.

Da sagte der Schöffe: »Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie ihr ganzes Hexenfett am Feuer schmelzen fühlt. Schiebt sie noch näher daran!« Katheline schrie, aber der Schöffe sagte: »Bitte Satan, daß er dich erlabe.« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie die Schuhe ausziehen, die in der Gluthitze des Feuers rauchten. »Bitte Satan, daß er dich von den Schuhen befreie«, sagte der Schöffe. Da schlug's die zehnte Stunde, und das war die Stunde der Mahlzeit des Wüterichs, er ging mit dem Henker und dem Gerichtsschreiber davon und ließ Katheline allein vor dem Feuer in der Folterkammer.

Um elf kamen sie zurück und fanden Katheline starr und regungslos dasitzend vor. Der Gerichtsschreiber sagte: »Ich denke, sie ist tot.« Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Deckel zu nehmen und ihr die Schuhe von den Füßen zu ziehen. Da er das nicht konnte, schnitt er die Schuhe ab, und man sah Kathelines Füße rot und blutig. Der Schöffe, der noch an seine Mahlzeit dachte, sah sie an, ohne ein Wort laut werden zu lassen, aber bald erwachten ihre Sinne wieder, sie stürzte zur Erde und konnte sich trotz aller Anstrengungen nicht wieder erheben, dann sagte sie zum Schöffen: »Du wolltest mich einst zur Frau haben, jetzt kannst du mich nicht mehr bekommen. Vier mal drei, das ist die heilige Zahl, und der Dreizehnte ist der Angetraute.«

Als dann der Schöffe reden wollte, sagte sie: »Bleib still, er hat ein feineres Gehör als der Erzengel im Himmel, der die Herzschläge der Gerechten zählt. – Warum kommst du so spät ? Vier mal drei ist die heilige Zahl – er tötet alle, die nach mir verlangen.«

Der Schöffe sagte: »Sie empfängt den Teufel in ihrem Bett.« »Sie ist durch den Schmerz der Folter toll geworden«, sagte der Gerichtsschreiber. Katheline wurde ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage später versammelte sich die Schöffenkammer in der Vierschare, und Katheline wurde nach der Beratung zur Feuerstrafe verurteilt. Sie wurde vom Henker und seinen Gehilfen auf den Großen Markt von Damme gebracht, wo ein Scheiterhaufen errichtet war, den sie besteigen mußte. Der Profos, der Herold und die Richter hatten sich auf dem Platz eingefunden. Die Trompeten des Stadtherolds erklangen dreimal, dann wandte er sich zum Volk und sprach:

»Der Magistrat von Damme, erfüllt von Mitleid für die Frau Katheline, wollte nicht, daß sie die Strafe in der höchsten Strenge des Gesetzes der Stadt erleide; aber zum Zeugnis dessen, daß sie eine Hexe ist, werden ihr die Haare verbrannt werden, und sie wird als Buße zwanzig Carolusgulden in Gold zahlen und für drei Jahre aus dem Bereich von Damme verbannt sein, bei Strafe des Verlustes eines Gliedes.«

Und das Volk zollte dieser harten Gnade Beifall. Der Henker band Katheline an den Pfahl, setzte ihr eine Perücke von Werg auf den kahl geschorenen Kopf und steckte sie in Brand. Und die Perücke brannte lange, und Katheline schrie und weinte. Dann wurde sie losgebunden und, weil ihre Füße verbrannt waren, auf einem Karren aus dem Gebiet von Damme gebracht.

XXXVIII

Ulenspiegel war zu dieser Zeit in 's Hertogenbosch in Brabant, wo ihn die Stadtherren zu ihrem Narren ernennen wollten, aber er verzichtete auf diese Würde mit den Worten: »Ein pilgernder Pilger kann seine Possen nicht ständig an einem Ort treiben, sondern nur in den Herbergen und auf den Straßen.«

Eben damals kam Philipp, der König von England war, um seine künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hainaut, Holland und Zeeland zu besuchen. Er stand damals im neunundzwanzigsten Lebensjahr, in seinen gräulichen Augen schimmerte trübe Melancholie, wilde Falschheit und grausame Entschlossenheit. Sein Antlitz war kalt, sein Kopf, von fahlen Haaren bedeckt, schwerfällig; sein magerer Körper war, ebenso wie die rauhen Beine, steif und ungelenk. Seine Sprache war langsam und gedehnt, als hätte er Wolle im Mund gehabt.

Zwischen Turnieren, Spielen und Festlichkeiten besuchte er das fröhliche Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine anderen Besitztümer. Überall schwor er, die Privilegien zu schützen, als er aber in Brüssel beim Evangelium schwor, die Goldene Bulle von Brabant zu achten, krümmte sich seine Hand so stark, daß er sie von dem heiligen Buch wegziehen mußte.

Er begab sich nach Antwerpen, wo man zu seinem Empfang dreiundzwanzig Triumphbogen errichtete. Die Stadt hatte für diese Bogen, für die Kostüme von achtzehnhundertneunundsiebzig Kaufleuten, die alle mit karmesinrotem Sammet bekleidet waren, für die reichen Livreen von vierhundertsechzehn Lakaien und für die seidenen Prunkgewänder von viertausend ganz gleich gekleideten Bürgern zweihundertsiebenundachtzigtausend Gulden bezahlt. Von den Rednern aller Städte der Niederlande wurden zahlreiche Feste gegeben. Da sah man mit ihren Narren und Närrinnen den »Prinzen von Amorien« aus Tournai, der auf einer Sau ritt, die Astarte hieß, den König der Dummen aus Lille, der ein Pferd am Schwanz hielt und hinter ihm her ging, den Prinzen der Unterhaltung aus Valenciennes, der sich damit belustigte, die Fürze seines Esels zu zählen, den Abt des Genusses aus Arras, der aus einer Flasche in der Form eines Breviariums Brüsseler Wein trank – fürwahr, eine fröhliche Lektüre –, den Abt der Wohlversorgten aus Ath, der mit nichts anderem versorgt war als mit einem löchrigen Umhang und Schlapp-Pantoffeln, doch hatte er eine Leberwurst, mit der er gar trefflich für seinen Wanst sorgte, den Propst der Unbedachten, einen jungen Burschen, der auf einer verängstigten Ziege saß und, durch die Menge trottend, wegen des Tieres manch einen Rippenstoß erhielt, den Abt der Silbernen Schüssel aus Quesnoy, der, auf seinem Pferde sitzend, sich gebärdete, als säße er in einer Schüssel, und sprach: »Es gibt kein so großes Tier, daß es das Feuer nicht schmoren könnte.« Und sie spielten allerlei fromme Possen, doch der König blieb traurig und ernst.

Am selben Abend taten sich der Markgraf von Antwerpen, die Bürgermeister, Kapitäne und Dechanten zusammen, um ein Spiel ausfindig zu machen, das den König Philipp zum Lachen bringen könnte. Der Markgraf sagte: »Habet ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jacobsen, dem Narren der Stadt 's Hertogenbosch, sprechen gehört, der wegen seiner Possen wohlberufen ist?« Sie bejahten. »Wohlan«, sagte der Markgraf, »lassen wir ihn herkommen, und er soll uns seine Sprünge machen, da unser Narr ja Blei in den Pantinen hat.« »Lassen wir ihn kommen«, sagten sie.

Als der Bote von Antwerpen nach 's Hertogenbosch kam, sagte man ihm, daß der Narr Pierkin durch die Gewalt seines Gelächters zerplatzt sei, daß aber ein andrer, durchreisender Narr in der Stadt sei, mit Namen Ulenspiegel. Der Bote fand ihn in einer Kneipe, wo er eben ein Frikassee von Muscheln aß und einem kleinen Mädchen aus den Muschelschalen einen Rock anfertigte.

Ulenspiegel war entzückt, als er erfuhr, daß der Gemeindekurier von Antwerpen seinetwegen auf einem schönen Pferd von Veurne-Ambacht, und ein zweites am Zügel führend, dahergekommen war. Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er ein neues Stücklein wisse, um König Philipp zum Lachen zu bringen. »Ich habe eine ganze Schatzkammer voll davon unter meinen Haaren«, antwortete Ulenspiegel. Sie machten sich auf den Weg, und die beiden Pferde liefen mit verbundenen Zügeln und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen. Ulenspiegel erschien vor dem Markgrafen, den zwei Bürgermeistern und den Stadtherren. »Was gedenkst du also zu machen?« fragte der Markgraf. »In der Luft zu fliegen«, antwortete Ulenspiegel. »Wie wirst du das bewerkstelligen?« fragte der Markgraf. »Wißt Ihr«, fragte Ulenspiegel wider, »was wertloser ist als eine zerplatzte Blase?« »Ich weiß es nicht«, sagte der Markgraf. »Das ist ein verratenes Geheimnis«, sagte Ulenspiegel.

Indessen bestiegen die Festherolde ihre schönen, mit karmesinrotem Sammet aufgezäumten Pferde und ritten durch alle großen Straßen, über alle Plätze und Kreuzungen der Stadt, bliesen die Hörner und schlugen die Trommeln. Dabei kündigten sie den signorkes und signorkinnes an, daß Ulenspiegel, der Narr von Damme, über dem Kai in der Luft fliegen werde und daß der König Philipp mit seiner hohen, erhabenen und hochedlen Gefolgschaft auf einer Estrade anwesend sein werde.

Der Estrade gegenüber stand ein Haus italienischer Bauart, längs dessen Dach eine Regentraufe lief, vor der sich ein Bodenfenster öffnete. Ulenspiegel ritt an diesem Tage auf seinem Esel durch die Stadt, an seiner Seite lief ein Diener. Ulenspiegel hatte das schöne Kleid von karmesinroter Seide angelegt, das ihm die Stadtherren geschenkt hatten. Seine Kopfbedeckung war eine ebenfalls karmesinrote Kapuze, an der man zwei Eselsohren sah, deren jedes an seiner Spitze eine Schelle trug. Auch trug er ein Halsband von kupfernen Medaillen, in die das Wappen von Antwerpen reliefartig eingetrieben war. An den Ärmeln des Kleides hing jederseits am Ellbogen eine goldene Schelle. Er hatte hohe goldene Schuhe an und an der Spitze jedes Schuhes wieder eine Schelle. Sein Esel hatte eine Schabracke von karmesinroter Seide und trug an jedem Schenkel das Wappen von Antwerpen, in feinem Gold gestickt. Der Diener hielt in einer Hand einen Eselskopf, in der anderen einen Ast, an dessen Ende eine Glocke klingelte, wie weidende Kühe sie haben.

Ulenspiegel ließ seinen Diener und seinen Esel auf der Straße zurück und kroch in die Regentraufe. Dort ließ er seine Schellen klingeln und streckte die Arme weit aus, als wollte er fliegen. Dann verbeugte er sich vor König Philipp und sagte: »Ich meinte, daß es in Antwerpen außer mir keinen Narren gäbe, aber ich sehe, daß die Stadt voll davon ist. Wenn ihr mir gesagt hättet, daß ihr fliegen werdet – ich hätte es nicht geglaubt; aber wenn ein Narr daherkommt und euch sagt, er werde es tun, so glaubt ihr ihm. Wie wollt ihr, daß ich fliege, wenn ich doch keine Flügel habe?«

Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sprachen: »Dieser Narr sagt immerhin die Wahrheit.« Aber König Philipp blieb steif wie ein König von Stein. Und die Stadtherren sagten sehr verstimmt zueinander: »Es war überflüssig, für ein so mürrisches Gesicht so festliche Vorbereitungen zu treffen«, und sie gaben Ulenspiegel drei Gulden, der sich davonmachte, nachdem sie ihn gezwungen hatten, ihnen das Kleid von karmesinroter Seide zurückzugeben.

»Was sind drei Gulden in der Tasche eines jungen Burschen denn andres als eine Schneeflocke vor dem Feuer oder eine volle Flasche, die vor euch steht, ihr breitkehligen Trinker? Drei Gulden! Die Blätter fallen von den Bäumen und erneuern sich wieder, aber die Gulden verlassen die Tasche und kehren nie wieder dahin zurück, die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die Gulden desgleichen, obwohl sie zwei Estrelins und neun Unzen wiegen.«Alte Gewichtsmaße, ungefähr 13 Gramm insgesamt. (Anmerkung des Übersetzers.)

So sprechend, sah Ulenspiegel seine drei Gulden genau an. »Welch stolze Miene«, murmelte er, »macht hier auf dem Avers der gepanzerte und behelmte Kaiser Karl, in einer Hand ein Schwert haltend, in der andern den Globus dieser armen Welt! Durch Gottes Gnade ist er römischer Kaiser, König von Spanien und so weiter, und er ist unseren Landen auch sehr gnädig, der gepanzerte Kaiser. Und hier, auf dem Revers, ein Wappen, darauf man die Waffen der Herzöge, Grafen usw. seiner unterschiedlichen Besitztümer nebst diesem schönen Spruch geprägt sieht: ›Da mihi virtutem contra hostes tuos!‹ (Gib mir Kraft gegen deine Feinde.) Er war stark, in der Tat, gegen die Reformierten, die ein Vermögen besaßen, das er einziehen lassen konnte und das er erbte. – Ach! Wenn ich Kaiser Karl wäre, ich ließe für die ganze Welt Gulden machen, und jedermann wäre reich, und niemand müßte arbeiten!«

Aber Ulenspiegel hatte das schöne Geld gut ansehen, es schwand beim Klappern der Krüge und Klingen der Flaschen rasch dahin.

XXXIX

Während Ulenspiegel, in karmesinrote Seide gekleidet, in der Regentraufe gestanden hatte, hatte er Nele nicht erblickt, die in der Menge gewesen war und ihm lachend zugesehen hatte.

Sie hielt sich zu dieser Zeit in Bergerhout bei Antwerpen auf und dachte, als sie hörte, ein Narr solle vor dem König Philipp fliegen, daß der niemand andrer sein könne als ihr Freund Ulenspiegel. Als er nun träumerisch auf der Straße dahinzog, hörte er nicht das Geräusch eiliger Schritte hinter sich, wohl aber fühlte er zwei Hände, die sich flach über seine Augen legten.

Nele ahnend, sagte er: »Bist du es?« »Ja«, sagte sie, »ich laufe hinter dir her, seit du die Stadt verlassen hast. Komm mit mir.« »Aber«, sagte er, »wo ist Katheline?« »Weißt du nicht«, sagte sie, »daß sie ungerechterweise als Hexe gefoltert und dann für drei Jahre aus Damme verbannt worden ist, nachdem man ihr die Füße und die Haare am Kopf verbrannt hat? Ich sage dir das, damit du nicht Furcht vor ihr haben mögest, denn die großen Leiden haben sie irrsinnig gemacht. Oft betrachtet sie stundenlang ihre Füße und sagt: ›Hanske, mein süßer Teufel, schau, was man mit deinem Lieb gemacht hat. Und seine armen Füße gleichen zwei Wunden.‹ Dann weint sie und sagt: ›Die anderen Frauen haben einen Gatten oder einen Geliebten, ich lebe wie eine Witwe auf dieser Welt.‹

Dann sage ich ihr, daß ihr Hanske einen Haß gegen sie haben werde, wenn sie vor andern von ihm spräche als vor mir. Und sie folgt mir wie ein Kind, außer, wenn sie eine Kuh oder einen Ochsen sieht, denn dieser Tiere wegen ist sie gefoltert worden, dann entflieht sie in raschem Lauf, und nichts vermag sie aufzuhalten, weder Balken noch Bäche noch Gräben, bis sie erschöpft in einem Straßenwinkel niederstürzt oder gegen eine Sperrmauer taumelt, wo ich sie aufheben und ihr die Füße verbinden muß, die dann wieder bluten.

Ich glaube, daß man ihr mit der Perücke das Gehirn im Kopf verbrannt hat.« Und beide waren betrübt, als sie Kathelines gedachten.

Sie näherten sich ihr und sahen sie auf einer Bank an der Mauer des Hauses in der Sonne sitzen. Ulenspiegel sagte zu ihr: »Erkennst du mich?« Sie sagte: »Vier mal drei, das ist die heilige Zahl, und der Dreizehnte ist Thereb. Wer bist du, Kind dieser bösen Welt?« »Ich bin«, antwortete er, »Ulenspiegel, der Sohn von Claes und Soetkin.« Sie hob den Kopf und erkannte ihn. Dann winkte sie mit dem Finger und näherte sich seinem Ohr.

»Wenn du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, er solle wiederkommen, Ulenspiegel.« Dann zeigte sie auf ihr verbranntes Haar und sagte: »Ich habe Schmerzen, man hat mir den Geist genommen, aber wenn er kommt, wird er mir den Kopf wieder füllen, der jetzt ganz leer ist. Hörst du? Sie klingt wie eine Glocke, das ist meine Seele, die ans Tor pocht, um zu entfliehen, denn sie brennt. Wenn Hanske kommt und mir den Kopf nicht füllen will, werd' ich ihm sagen, daß er mit einem Messer ein Loch hineinmachen soll, das ist die Seele, die da immer hämmert, um frei zu werden, und mich grausam martert – ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr und harre immer seiner, aber er muß mir den Kopf wieder füllen, jawohl.«

Und kraftlos stöhnte sie.

Und wenn die Bauern von den Feldern zurückkamen, während sie die Kirchenglocke rief, sagten sie, wenn sie an Katheline vorbeikamen: »Da ist die Irre« und bekreuzigten sich.

Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine Wallfahrt fortsetzen.

XL

Kurz darauf trat unser Pilger in den Dienst eines gewissen Josse, der den Beinamen Kwaebakker, Bäcker Griesgram, führte, weil er ein mürrisches Gesicht zeigte. Der Kwaebakker gab ihm als Kost für die Woche drei altbackene Brote und als Wohnung eine Kammer unterm Dach, in die es auf beste Art hineinregnete und -stürmte. Da Ulenspiegel sich so schlecht behandelt sah, spielte er ihm manchen Streich, unter anderen auch den: Wenn man zeitig am Morgen bäckt, muß das Mehl in der Nacht vorher gebeutelt werden. In einer Mondscheinnacht erbat sich Ulenspiegel eine Kerze, um sehen zu können, erhielt aber von seinem Meister folgende Antwort: »Beutle das Mehl im Mondlicht!«

Ulenspiegel gehorchte und beutelte das Mehl dort auf die Erde, wo sie vom Mond beschienen wurde. Als der Kwaebakker am Morgen kam, um nach Ulenspiegels Arbeit zu sehen, fand er ihn noch immer beutelnd und sagte zu ihm: »Kostet denn das Mehl nichts mehr, daß man es heute auf die Erde beutelt?« »Ich habe das Mehl im Mondlicht gebeutelt, wie Ihr mir befohlen habt«, antwortete Ulenspiegel. Da sagte der Bäcker: »Kapitalesel! In ein Sieb hättest du es beuteln müssen.« »Ich habe geglaubt, daß der Mond ein Sieb neuer Erfindung sei«, erwiderte Ulenspiegel, »aber der Verlust wird nicht groß sein, ich will das Mehl zusammenscharren.« »Es ist schon zu spät«, sagte der Kwaebakker, »um den Teig zuzubereiten und zu backen.«

Ulenspiegel fuhr fort: »Herr, der Teig des Nachbarn liegt fertig in der Mühle – soll ich mich seiner bemächtigen?« »Geh zum Galgen«, sagte der Kwaebakker, »und hole, was du dort findest.« »Ich gehe hin, Herr«, antwortete Ulenspiegel. Er lief aufs Galgenfeld und fand dort die vertrocknete Hand eines Diebes, die brachte er dem Kwaebakker und sagte: »Hier ist eine Ruhmeshand, die alle jene unsichtbar macht, die sie tragen. Willst du fürder deinen schlechten Charakter verbergen?« »Ich werde dich bei der Gemeinde anzeigen«, sagte da der Kwaebakker, »und du wirst sehen, daß du dich gegen das Recht des Brotherrn vergangen hast.«

Als sie beide vor dem Bürgermeister standen und der Kwaebakker eben den Rosenkranz der Missetaten Ulenspiegels ableiern wollte, sah er, daß dieser die Augen groß aufgerissen hatte. Darob geriet er dermaßen in Zorn, daß er seine Aussage unterbrach und zu ihm sagte: »Was ist denn los?« Ulenspiegel antwortete: »Du hast mir gesagt, daß du mich solcherart verklagen würdest, daß ich es sehen sollte. Ich suche zu sehen, und darum schau ich.« »Geh mir aus den Augen!« rief der Bäcker. »Wenn ich in deinen Augen wäre, könnte ich, wenn du sie geschlossen hast, nicht anders herausgehen als durch deine Nasenlöcher.«

Der Bürgermeister wollte sie nicht mehr weiter anhören, da er sah, daß an diesem Tag Hans Wursts Jahrmarkt war. Ulenspiegel und der Kwaebakker gingen zusammen fort, und der Kwaebakker erhob seinen Stock gegen ihn, Ulenspiegel wich ihm aus und sagte: »Meister, da man das Mehl mit Schlägen beutelt, so nimm die Kleie für dich, das ist deine Zornmütigkeit, ich bewahr' mir die Blume, das ist meine Fröhlichkeit.« Dann zeigte er ihm sein hinteres Antlitz und fügte hinzu: »Und das hier ist das Backofenrohr, wenn du backen willst.«

XLI

Der pilgernde Ulenspiegel wäre gerne an den langen Straßen zum Dieb geworden, aber er fand, daß die Steine zum Forttragen zu schwer seien.

Er wanderte aufs Geratewohl über die Straße, die nach Audenaerde führt, wo er eine Garnison flämischer Reiter vorfand, deren Aufgabe es war, die Stadt gegen die französischen Banden zu verteidigen, die gleich Heuschrecken das Land verwüsteten. Der Anführer der Reiter war ein gewisser Kornjuin, ein Friese von Geburt. Auch diese Leute ritten ins flache Land und plünderten das Volk, das solcherart wie gewöhnlich von zwei Seiten geschröpft wurde. Sie hießen alles gut: Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und Schweine. Als sie eines Tages mit Beute beladen heimkehrten, bemerkte Kornjuin, von seinen Leutnants begleitet, Ulenspiegel, der am Fuß eines Baumes schlief und von Frikassees träumte.

»Wovon lebst du?« fragte Kornjuin. »Ich sterbe Hungers«, antwortete Ulenspiegel. »Was ist dein Beruf?« »Meiner Sünden wegen pilgern, die andern arbeiten sehen, auf dem Seil tanzen, schöne Gesichter porträtieren, Messerschäfte schnitzen, Rommelpott spielen und Trompete blasen.« Wenn Ulenspiegel so kühn von der Trompete sprach, so geschah das deshalb, weil er erfahren hatte, daß die Stelle des Schloßwächters von Audenaerde durch den Tod eines alten Mannes frei geworden war, der dies Amt versehen hatte. Kornjuin sagte: »Du wirst Stadttrompeter.« Ulenspiegel folgte ihm und wurde auf dem höchsten Turm des Walles in eine kleine Behausung gebracht, in die die vier Winde trefflich hineinblasen konnten, den Südwind ausgenommen, der dort flügellahm war. Er wurde beauftragt, in die Trompete zu blasen, wenn er die Feinde kommen sähe, damit er aber immer freien Kopf und klare Augen hatte, gab man ihm nicht zuviel zu essen und zu trinken.

Der Kapitän und seine Soldaten wohnten im Turm und feierten dort den ganzen Tag ihre Feste auf Kosten des Flachlandes. Mehr als ein Kapaun wurde getötet und verzehrt, der nichts anderes verbrochen hatte, als daß er fett war. Ulenspiegel, der immer vergessen wurde und sich mit seiner mageren Suppe bescheiden mußte, war der Duft der Soßen nicht erfreulich.

Die Franzosen kamen und stahlen viel Vieh, aber Ulenspiegel blies die Trompete nicht. Kornjuin stieg zu ihm hinauf und fragte: »Warum hast du nicht geblasen?« Und Ulenspiegel sagte: »Ich weiß Euch keinen Dank für Eure Schmauserei.«

Am nächsten Tage ordnete der Kapitän ein großes Fest für sich und seine Soldaten an, aber Ulenspiegel wurde wieder vergessen. Als sie eben zu fressen begannen, blies Ulenspiegel in die Trompete. Kornjuin und seine Soldaten glaubten, daß die Franzosen kämen, ließen die Weine und Braten im Stich, bestiegen ihre Pferde und verließen hastig die Stadt, aber sie fanden nichts im Felde als einen in der Sonne käuenden Ochsen, den sie wegführten. Indessen hatte Ulenspiegel sich an Wein und Braten gütlich getan. Als der Kapitän zurückkam und ihn lachend mit schwankenden Beinen sich an der Tür des Festsaales aufrecht halten sah, sagte er: »Das heißt Verrätergeschäfte treiben, wenn du Alarm bläst, wo kein Feind zu sehen ist, und nicht bläst, wenn du ihn siehst.« »Herr Kapitän«, antwortete Ulenspiegel, »ich bin in meinem Turm von den vier Winden so aufgebläht worden, daß ich wie eine Blase auf und davon geflogen wäre, wenn ich nicht die Trompete geblasen hätte, um mich zu entlasten. Lasset mich jetzt henken oder ein andermal, wann Ihr für Eure Trommeln einer Eselshaut bedürft.« Kornjuin ging fort, ohne ein Wort zu sagen. Dieweil traf in Audenaerde die Kunde ein, daß der gnädige Kaiser Karl mit großem Gefolge in die Stadt einziehen werde. Aus diesem Anlaß gaben die Schöffen Ulenspiegel ein paar Brillengläser, damit er Seine heilige Majestät besser kommen sehe. Ulenspiegel sollte drei Trompetenstöße tun, wenn er den Kaiser in Luppeghem einziehen sähe, welches eine Viertelmeile von der Borg-poort entfernt ist. Solchermaßen könnten die Leute in der Stadt zu rechter Zeit die Glocken läuten, die Böller laden, die Braten in den Ofen schieben und die Fässer anschlagen.

Eines Tages – der Wind wehte von Brabant her, und der Himmel war klar – sah Ulenspiegel auf der Straße von Luppeghem einen großen Trupp von Reitern, die auf stolzen Pferden saßen, und auf deren Hüten die Federn im Winde wehten. Einige trugen Banner. Der an der Spitze ritt, trug eine Mütze von goldenem Tuch mit großen Federn. Er war in braunen Sammet gekleidet, der mit gewirkter Seide gesäumt war.

Ulenspiegel nahm seine Brille und sah, daß es Kaiser Karl der Fünfte war, der da kam, um den Leuten von Audenaerde zu erlauben, daß sie ihn mit ihren köstlichsten Weinen und besten Braten bewirteten. Der ganze Trupp bewegte sich langsam vorwärts und sog die Luft ein, die Appetit macht, aber Ulenspiegel überlegte, daß sie fette Kost gewohnt seien und wohl einen Tag fasten könnten, ohne deshalb zu sterben. So sah er sie also kommen und blies nicht in die Trompete.

Sie näherten sich lachend und plaudernd, während Seine heilige Majestät ihren Bauch besah, um festzustellen, ob sie genug Platz für das Festmahl von Audenaerde darin habe. Er schien überrascht und unzufrieden, weil keine Glocke läutete, sein Kommen anzuzeigen.

In diesem Augenblick kam ein Bauer in vollem Laufe in die Stadt und meldete, daß er auf der Straße eine französische Bande reiten gesehen habe, die auf die Stadt zukäme, um alles aufzufressen und zu plündern. Daraufhin schloß der Torwart das Tor und schickte einen Gemeindediener zu den anderen Torwarten der Stadt. Die Reiter aber saßen ahnungslos bei ihrer festlichen Tafel.

Seine Majestät kam immer näher und war erzürnt, die Glocken nicht läuten, die Kanonen nicht donnern und die Arkebusen nicht knattern zu hören. Vergeblich spitzte er die Ohren, sie hörten nichts als das Glockenspiel, das jede halbe Stunde läutete. Er kam ans Tor und fand es geschlossen, da klopfte er mit der Faust, daß man es öffne. Und die Edelleute des Gefolges, erzürnt wie Seine Majestät, murmelten zornige Worte.

Der Torwächter, der auf die Höhe des Walles geklettert war, rief ihnen zu, daß er sie mit der Kartätsche begießen werde, um ihre Ungeduld zu stillen, wenn sie nicht aufhören wollten, solchen Lärm zu machen. Aber Seine Majestät schrie wutentbrannt: »Blindes Schwein, erkennst du deinen Kaiser nicht?« Und der Torwart erwiderte, daß nicht immer die zum wenigsten Schweine seien, die am meisten Gold an den Kleidern trügen, und daß er wohl wisse, wie die Franzosen von Natur aus gute Possenreißer seien, und daß der Kaiser Karl, der gegenwärtig in Italien Krieg führe, sich nicht vor den Toren von Audenaerde befinden könne.

Unten schrie Karl mit seinen Edelleuten weiter, und sie sagten: »Wenn du nicht öffnest, lassen wir dich auf einer Lanzenspitze braten, und zuvor mußt du noch deine Schlüssel fressen.« Auf den Lärm, den sie machten, kam ein alter Soldat aus dem Arsenal heraus, steckte die Nase über die Mauer und sagte: »Torwart, du täuschest dich, das ist unser Kaiser; ich erkenne ihn wohl, obgleich er gealtert ist, seit er Maria van der Gheynst von hier auf das Schloß Lallaing entführt hat.« Der Wächter erstarrte und fiel vor Angst wie tot zu Boden, der Soldat nahm die Schlüssel und ging, das Tor zu öffnen.

Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange habe warten lassen. Der Soldat berichtete, und Seine Majestät befahl, das Tor wieder zu schließen, und ließ die Reiter Kornjuins holen, die er vor sich her traben, ihre Trommeln schlagen und auf ihren Pfeifen spielen ließ. Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um nach Kräften zu läuten. So traf Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse auf dem Großen Markt ein.

Die Bürgermeister und Schöffen hielten eben Versammlung, da kam der Schöffe Guigelaer lärmend in den Ratssaal und rief: »Keyser Karel is alhier!« Ob der Neuigkeit, die sie da erfuhren, gewaltig erschrocken, verließen die Bürgermeister, Schöffen und Ratsherren das Stadthaus und eilten allesamt, den Kaiser zu begrüßen, während ihre Diener durch die ganze Stadt liefen, um zu veranlassen, daß die Böller geladen, die Hühner ans Feuer gebracht und die Fässer angeschlagen würden. Männer, Frauen und Kinder kamen von allen Seiten gelaufen und riefen: »Keyser Karel is op't groot marckt!«

Bald war eine große Menschenmenge am Platz versammelt. Der Kaiser fragte die beiden Bürgermeister in hellem Zorn, ob sie nicht verdienten, gehenkt zu werden, weil sie es so an Respekt vor ihrem Herrscher hatten fehlen lassen. Die Bürgermeister antworteten, daß sie das in der Tat verdienten, daß aber Ulenspiegel, der Trompeter vom Turm, das noch viel mehr verdiene, man habe ihn, als laut geworden war, daß Seine Majestät kommen wolle, auf den Turm gesetzt, mit einem Paar trefflicher Bandbrillen versehen und ihm den ausdrücklichen Befehl gegeben, dreimal in die Trompete zu stoßen, wenn er den kaiserlichen Zug kommen sehen würde. Aber er habe es nicht getan.

Der Kaiser wütete fort und verlangte, daß man Ulenspiegel kommen lasse. »Warum hast du«, sagte er, »trotz deiner guten Brillen bei meinem Kommen nicht in die Trompete geblasen?« Während er dies sprach, legte er die Hand über die Augen, weil ihn die Sonne blendete, und sah Ulenspiegel an.

Dieser legte seine Hand ebenfalls über die Augen und antwortete, daß er sich nicht mehr der Brille bedienen wolle, weil er gesehen habe, daß Seine heilige Majestät durch die Finger sähe. Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt würde, der Torwart der Stadt meinte, daß das wohlgetan wäre, und die Bürgermeister waren über dieses Urteil so erschreckt, daß sie kein Wort erwiderten, weder um zuzustimmen, noch um zu widersprechen.

Man ließ den Henker und seine Häscher rufen. Sie kamen und brachten eine Leiter und einen neuen Strick, den sie Ulenspiegel um den Hals legten, der vor den hundert Reitern Kornjuins einherging, sich ganz ruhig verhielt und seine Gebete sprach. Aber die Reiter höhnten bitter hinter ihm her.

Das Volk, das sich anschloß, sprach: »Es ist eine sehr große Grausamkeit, einen armen jungen Burschen wegen eines so geringen Vergehens in den Tod zu befördern!« Und die Weber hatten sich in großer Zahl bewaffnet eingefunden und sprachen: »Wir lassen es nicht zu, daß Ulenspiegel gehenkt wird, das widerspricht dem Gesetz von Audenaerde.« Als man aufs Galgenfeld kam, wurde Ulenspiegel auf der Leiter in die Höhe gezogen, und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die Weber umstanden den Galgen. Der Profos war hoch zu Rosse da und stützte den Stab der Gerechtigkeit auf die Schulter seines Pferdes, auf Befehl des Kaisers sollte er mit diesem Stab das Zeichen zur Hinrichtung geben. Das Volk rief einstimmig: »Gnade! Gnade für Ulenspiegel!« Ulenspiegel rief auf seiner Leiter: »Barmherzigkeit! Gnädiger Kaiser!« Der Kaiser hob die Hand und sprach: »Wenn der Tunichtgut etwas von mir verlangt, was ich ihm nicht gewähren kann, so bleibe sein Leben erhalten!« »Sprich, Ulenspiegel«, rief das Volk. Die Frauen weinten und riefen: »Er kann so etwas nicht verlangen, der kleine Mann, denn der Kaiser weiß alles.« Und wieder riefen alle: »Sprich, Ulenspiegel!«

»Heilige Majestät«, begann Ulenspiegel, »ich werde weder Geld noch Land noch mein Leben von Euch verlangen, aber wenn ich das einzige, was ich zu sagen wage, verlangen werde, möget Ihr mich weder peitschen noch rädern lassen, ehe ich ins Land der Seelen eingehe.« »Das verspreche ich dir«, sagte der Kaiser. »Majestät«, sagte Ulenspiegel, »ich verlange, daß Ihr mir, ehe ich gehenkt werde, den Mund küsset, mit dem ich nicht flämisch spreche.« Der Kaiser und das ganze Volk lachten, und er erwiderte: »Ich kann nicht tun, was du verlangst, und man wird dich nicht henken, Ulenspiegel. Aber ich verurteile die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monate lang am Hinterkopf Brillen zu tragen, damit die Audenaerder, wenn sie schon nicht von vorne sehen können, doch wenigstens von hinten sehen.«

Diese Brillen finden sich, einem kaiserlichen Dekret zufolge, noch heutigestags im Wappen der Stadt. Und Ulenspiegel drückte sich mit einem kleinen Sack voll Geld, den ihm die Frauen gegeben hatten.

XLII

Ulenspiegel kam nach Lüttich und ging auf dem Fischmarkt hinter einem dicken Jungen her, der ein Netz voll verschiedenartigstem Geflügel unterm Arm hielt und eben dabei war, ein andres mit Stockfischen, Forellen, Aalen und Hechten anzufüllen. Ulenspiegel erkannte in ihm Lamme Goedzak. »Was tust du hier, Lamme?« fragte er. »Du weißt«, antwortete er, »wie gern gesehen die Flandern in diesem lieblichen Landstrich von Lüttich sind, hier lebe ich meiner Liebe. Und du?« »Ich suche einen Herrn, um ihm für Brot zu dienen«, antwortete Ulenspiegel. »Das ist eine sehr trockene Kost«, meinte Lamme, »und es wäre besser, wenn du zwischen Schüssel und Mund einen Rosenkranz von Ammern mit einer Drossel als Kredo abbetetest.« »Bist du reich?« fragte Ulenspiegel. Lamme Goedzak erwiderte: »Ich habe meinen Vater verloren, desgleichen meine Mutter und meine Schwester, die mich so kräftig schlug, ich habe ihr Vermögen geerbt und lebe mit einer einäugigen Dienstmagd, einer Gelehrten im Zubereiten von Frikassees.« »Willst du, daß ich dir deine Fische und Hühner trage?« fragte Ulenspiegel, und Lamme sagte: »Ja.«

Und so schlenderten sie zu zweit vom Markt hinweg. Plötzlich sagte Lamme: »Weißt du, warum du ein Narr bist?« »Nein«, erwiderte Ulenspiegel. »Weil du Fisch und Huhn mit der Hand trägst, statt sie im Magen zu tragen.« »Das sagst du so, Lamme«, antwortete Ulenspiegel, »aber seit ich kein Brot mehr habe, wollen mich die Fettammern nicht mehr ansehen.« »Du wirst sie essen, Ulenspiegel«, sagte Lamme, »und wirst mir dienen, wenn meine Köchin dich mag.«

Während sie so dahingingen, zeigte Lamme dem Ulenspiegel ein schönes liebliches Mädchen, das, in Seide gekleidet, über den Markt trippelte und ihn mit ihren sanften Augen ansah. Ein alter Mann, ihr Vater, ging hinter ihr, mit zwei Netzen beladen, deren eines Fische enthielt und das andere Wildbret. »Diese will ich zu meiner Frau machen«, sagte Lamme, während er auf sie deutete. »Ja«, sagte Ulenspiegel, »ich kenne sie, sie ist eine Flämin aus Zotteghem und wohnt in der Rue Vinave-d'Isle, die Nachbarn sagen, daß ihre Mutter für sie die Straße vor dem Haus säubert und daß ihr Vater ihre Hemden plättet.« Lamme gab aber keine Antwort und sprach ganz selig: »Sie hat mich angesehen!«

Sie kamen beide zu Lammes Haus am Pont-des-Arches und klopften an die Tür, eine einäugige Dienstmagd kam, ihnen zu öffnen. Ulenspiegel sah, daß sie alt, hager, flachbrüstig und mürrisch war. »Sanginne«, sagte Lamme zu ihr, »willst du den als Helfer bei deiner Arbeit?« »Ich will ihn probeweise aufnehmen«, sagte sie. »Nimm ihn auf«, sagte er, »und laß ihn die Köstlichkeiten deiner Küche versuchen.« Die Sanginne stellte also drei Schwarzwürste, eine Kanne Kräuterbier und eine große Schnitte Brot auf den Tisch. Während Ulenspiegel aß, ergötzte sich auch Lamme an einer Wurst. »Weißt du, wo unsere Seele geborgen ist?« fragte er. »Nein, Lamme«, sagte Ulenspiegel. »In unsrem Magen«, erwiderte Lamme, »um ihn ohne Unterlaß zu erweitern und immerwährend die Kraft des Lebens in unserem Körper zu erneuern. Und welches sind die besten Kameraden? Das sind die köstlichen und feinen Speisen und der Wein von der Maas, mit dem wir sie begießen.« »Ja«, sagte Ulenspiegel, »die Würste sind eine angenehme Gesellschaft für einsame Seelen.« »Er will noch mehr, gib ihm, Sanginne«, sagte Lamme.

Diesmal bekam Ulenspiegel von Sanginne Weißwürste vorgesetzt. Während er sie hinunterschlang, geriet Lamme in tiefes Sinnen und sprach: »Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und nachher, im Fegefeuer, wird man mich fasten und mit meinem schlaffen und hohlen Wanst einhergehen lassen.« »Die Schwarzwürste scheinen mir besser zu sein«, sagte Ulenspiegel. »Du hast sechs Würste gegessen«, meinte die Sanginne, »und bekommst nichts mehr.« »Nun weißt du, daß du hier gut behandelt werden und zu essen bekommen wirst wie ich selbst.« »Diese Rede gefällt mir«, sagte Ulenspiegel und war glücklich, als er sah, daß er zu essen bekam wie Lamme. Die verzehrten Würste verliehen ihm so großen Mut, daß er an diesem Tage alle Kessel, Pfannen und Näpfe wie die Sonne glänzen machte. Er lebte gut in diesem Hause, tat sich gerne in Küche und Keller um und überließ den Dachboden den Katzen.

Eines Tages wollte die Sanginne zwei Hühner braten und sagte Ulenspiegel, er solle den Spieß drehen, während sie auf den Markt gehen und die köstlichen Kräuter zur Zubereitung holen wollte. Als die zwei Hühner gebraten waren, aß Ulenspiegel eines davon. Als die Sanginne zurückkehrte, sagte sie: »Es waren zwei Hühner da, und ich sehe nur noch eines.« »Öffne auch dein zweites Äuge, und du wirst sie beide sehen«, antwortete Ulenspiegel. Ganz erzürnt ging sie zu Lamme Goedzak, um ihm zu erzählen, was geschehen war, er kam in die Küche hinab und sprach zu Ulenspiegel: »Warum machst du dich über meine Dienstmagd lustig? Es waren zwei Hühner da.« »In der Tat, Lamme«, sagte Ulenspiegel, »als ich aber hier eintrat, sagtest du zu mir, daß ich trinken und essen würde wie du. Es waren zwei Hühner da: ich habe das eine gegessen, das andre wirst du essen, mein Genuß ist vorbei, der deine steht dir noch bevor – bist du da nicht glücklicher als ich?« »Ja«, sagte Lamme lachend, »tu aber fein das, was dir Sanginne befiehlt, und du wirst nur halb soviel zu tun haben.« »Ich werde darauf achten«, sagte Ulenspiegel.

Und wirklich, jedesmal, wenn die Sanginne ihm befahl, irgend etwas zu tun, tat er nur die Hälfte davon. Wenn sie ihm sagte, er solle zwei Eimer Wasser schöpfen, brachte er nur einen, wenn sie ihm sagte, er solle einen Krug am Faß mit Kräuterbier füllen, goß er unterwegs die Hälfte in seine Kehle und brachte nur den Rest. Endlich war die Sanginne dieses Gehabens müde und sagte zu Lamme, daß sie unverzüglich fortginge, wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe. Lamme kam zu Ulenspiegel herunter und sagte zu ihm: »Du mußt gehen, mein Sohn, obgleich du in diesem Hause ein volles Gesicht bekommen hast. Höre den Hahn krähen, es ist zwei Uhr nachmittags, und da ist das ein Vorzeichen des Regens. Ich wollte dich in der bösen Zeit, die kommen wird, nicht auf die Wanderschaft schicken, aber bedenke, mein Sohn, daß die Sanginne mit ihren Frikassees die Hüterin meines Lebens ist, ich kann, ohne den baldigen Tod zu riskieren, nicht zugeben, daß sie mich verläßt. Geh also, mein Junge, unter Gottes Schutz und nimm zum Labsal auf deiner Wanderung diese drei Gulden und diesen Rosenkranz von Zervelatwürsten.«

Verdutzt machte sich Ulenspiegel auf den Weg und gedachte trauernd Lammes und seiner Köchin.

XLIII

Der November war ins Land gezogen und auch nach Damme, aber der Winter zögerte zu kommen. Weder Schnee noch Regen noch Frost, die Sonne leuchtete vom Morgen bis zum Abend und ward nicht bleicher. Die Kinder wälzten sich im Staub der Straßen und Wege, in der Feierstunde, nach dem Abendessen, traten die Kaufleute, Gastwirte, Goldschmiede, Kärrner und Handwerker auf die Schwelle ihrer Türen, sahen nach dem immer blauen Himmel, nach den Bäumen, die ihre Blätter nicht fallen ließen, nach den Störchen, die auf den Dachfirsten verweilten, und nach den Schwalben, die noch nicht fortgezogen waren. Die Rosen hatten dreimal geblüht und trugen zum viertenmal Knospen, die Nächte waren lind, und die Nachtigallen hatten nicht aufgehört zu singen.

Die Leute von Damme sagten: »Der Winter ist tot! Laßt uns den Winter verbrennen.« Und sie fertigten einen riesenhaften Puppenmann an, gaben ihm ein Bärenmaul, einen langen Bart aus Hobelspänen und eine dichte Perücke aus Flachs. Dann kleideten sie ihn in weiße Gewänder und verbrannten ihn mit großem Pomp.

Claes war trüben Sinnes und segnete weder den ewig blauen Himmel noch die Schwalben, die nicht ziehen wollten. Denn niemand in Damme brannte Kohlen, außer in der Küche, und jeder hatte genug Vorrat, um nicht bei Claes kaufen zu müssen, der all seine Ersparnisse ausgegeben hatte, um seinen Unterhalt zu bezahlen. Wenn er dann, auf der Schwelle seiner Tür stehend, seine Nasenspitze bei irgendeinem schärferen Windstoß erfrischt fühlte, sagte er: »Ah, das ist mein Brot, was mir da zugeweht kommt!« Aber der schärfere Wind hielt nicht an, und der Himmel blieb immer blau, und die Blätter wollten nicht fallen. Und Claes weigerte sich, dem geizigen Grypstniver, dem Meister der Fischhändlergilde, seinen Wintervorrat um den halben Preis zu verkaufen.

Aber bald fehlte es in der Hütte an Brot.

XLIV

König Philipp aber litt nicht Hunger, sondern aß Kuchen bei seiner Frau, Maria der Häßlichen, aus der königlichen Familie der Tudors. Er empfand keine Liebe für sie, hoffte aber der englischen Nation einen spanischen Monarchen schenken zu können, indem er diese armselige Frau befruchtete. Aber diese Vereinigung eines Steines mit einem Feuerbrand blieb fruchtlos. Immerhin vereinigten sie sich hinreichend, um etliche Hunderte armer Reformierter ertränken und verbrennen zu lassen.

Wenn Philipp nicht außerhalb Londons war und auch nicht verkleidet ausging, um sich an einem üblen Orte auszutoben, führte die Stunde des Schlafengehens die beiden Gatten zusammen. Dann lehnte sich die Königin Maria, in Leinen von Tournay und Spitzen von Irland gekleidet, ans Ehebett, während Philipp, steif wie ein Pfahl, vor ihr stand und nach irgendeinem Anzeichen der Mutterschaft an seiner Frau suchte, aber er konnte nichts dergleichen sehen, war zornig, sagte kein Wort und besah seine Fingernägel.

Dann sprach dies unfruchtbare Mißgeschöpf zärtliche Worte und bat mit den Augen, die sie lieblich scheinen lassen wollte, den eisigen Philipp um Liebe. Tränen, Schreien, Flehen, nichts sparte sie, um eine laue Liebkosung von dem zu erhalten, der sie nicht liebte. Vergeblich faltete sie die Hände und warf sich ihm zu Füßen, vergeblich lachte und weinte sie zu gleicher Zeit wie eine Irre, um ihn zu rühren, weder Lachen noch Tränen rührten den Stein seines harten Herzens. Umsonst schlang sie ihre dürren Arme um ihn und schmiegte sich an seine flache Brust, das enge Verlies, darin die verkrüppelte Seele des Blutkönigs wohnte. Er rührte sich nicht von der Stelle, gleich einem Grenzstein.

Sie bemühte sich, die arme Häßliche, sich liebenswert zu machen, sie nannte ihn mit allen zärtlichen Namen, wie sie nach Liebe dürstende Frauen dem Geliebten ihrer Wahl verleihen, Philipp besah seine Fingernägel. Ab und zu sagte er dann: »Wirst du keine Kinder haben?« Daraufhin fiel Marias Kopf vornüber auf ihre Brust. »Ist es denn meine Schuld«, sagte sie, »daß ich unfruchtbar bin? Hab Erbarmen mit mir, ich lebe ja wie eine Witwe!« »Warum hast du keine Kinder?« fragte Philipp. Und die Königin stürzte auf den Teppich nieder, als hätte der Tod sie hingemäht. Ihre Augen waren voll Tränen, und hätte sie Blut weinen können, sie hätte es getan, die arme Mißratene.

So rächte Gott die Opfer, die Englands Boden bedeckten, an ihren Henkern.

XLV

Im Volke munkelte man, daß Kaiser Karl sich mit der Absicht trage, den Mönchen das freie Erbrecht auf das Vermögen derer zu nehmen, die in ihrem Konvent stürben, was dem Papst höchlich mißfiel.

Ulenspiegel, der an den Ufern der Maas weilte, dachte bei sich, daß der Kaiser solcherart immer seinen Vorteil fände, denn wenn die Familie des Verstorbenen auch nicht erbte – er erbte doch.

Er ließ sich am Flußufer nieder und warf seine gut geköderte Angel aus. An einem Stück alten Brotes knabbernd, bedauerte er gar sehr, keinen Wein aus der Romagne zu haben, um es besprengen zu können, besann sich aber darauf, daß einem nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen könnten. Indessen warf er Brotkrumen ins Wasser und sagte sich, daß der nicht zu essen verdiene, der sein Mahl nicht mit dem Nächsten teile.

Den Bissen witternd, tauchte ein Weißfischchen auf, stieß mit seinen Lippen daran und öffnete seinen unschuldigen Schlund, ohne Zweifel in der Meinung, daß das Brot von selbst hineinfallen werde. Während es so in die Luft guckte, wurde es plötzlich von einem tückischen Hechte verschlungen, der wie ein Pfeil drauf zugeschossen kam. Der Hecht ließ einem Karpfen dasselbe Schicksal zuteil werden, der, ohne Gefahr zu besorgen, Fliegen schnappte. So vollgefressen, hielt er sich unbeweglich im Wasser und achtete des kleinen Fischgesindels nicht, das sich übrigens mit der ganzen Kraft seiner Flossen von ihm entfernte. Während er sich so siegesgewiß ausruhte, kam ein junger Hecht mit gefräßig aufgerissenem Maul auf ihn zugeschossen. Da entspann sich ein wütender Kampf zwischen den beiden, der mit gewaltigen Bissen geführt wurde, und das Wasser rötete sich von dem Blut der zwei Streiter.

Der vollgefressene Hecht verteidigte sich nur schlecht gegen den mit dem leeren Magen; dieser zog sich zurück, nahm all seine Gewalt zusammen und schnellte sich dann wie ein Ball auf seinen Gegner, der ihn mit aufgesperrtem Rachen erwartete und nun bis weit über die Hälfte des Kopfes verschlang; als er sich aber von ihm befreien wollte, konnte er es nicht wegen der rückwärts gebogenen Zähne, und so zappelten sie beide gar kläglich.

So ineinander verbissen, sahen sie einen kräftigen Angelhaken nicht, der, an einer Seidenschnur hängend, sich vom Grund des Wassers erhob, sich in die Bauchflosse des vollgefressenen Hechtes bohrte, ihn samt seinem Gegner aus dem Wasser zog und rücksichtslos auf den Rasen warf.

Als Ulenspiegel ihnen die Köpfe abschlug, sprach er: »Meine lieben Hechte, seid ihr nicht der Papst und der Kaiser, die sich gegenseitig auffressen, und bin ich nicht das Volk, das euch am Tage des Jüngsten Gerichts mit seinem Haken mitten in eurem Raufen abfängt?«

XLVI

Indessen hatte Katheline Borgerhout nicht verlassen und fuhr fort, die Nachbarschaft zu durchstreifen, immer wiederholend; »Hanske, mein Mann, sie haben Feuer auf meinem Kopfe angelegt, mach ein Loch hinein, daß meine Seele entfliehen kann. Ach! Da klopft sie immerzu, und jedes Klopfen bereitet bittren Schmerz!« Und Nele sorgte für die arme Irre und gedachte neben ihr voll Schmerz ihres Freundes Ulenspiegel.

Und in Damme band Claes seine Reisigbündel und verkaufte seine Kohlen, manchmal, wenn er des verbannten Ulenspiegel gedachte, der noch lange nicht in die Hütte zurückkehren durfte, kam große Traurigkeit über ihn. Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und blickte hinaus, ob sie nicht ihren Sohn Ulenspiegel heimkehren sähe.

Der war damals gerade in der Gegend von Köln und meinte, daß ihm gegenwärtig die Gartenbaukunst Freude bereiten würde. Er bot einem gewissen Jan de Zuursmoel seine Gehilfendienste an, der einmal Landsknechtskapitän gewesen war und der, weil es ihm an Lösegeld gefehlt, gehenkt werden sollte, seither flößte ihm der Hanf, der in flämischer Sprache Kennip heißt, großen Schrecken ein. –

Eines Tages wollte Jan de Zuursmoel Ulenspiegel zeigen, wie er seine Arbeit zu verrichten habe, und führte ihn an das Ende seiner Gartenumzäunung, von wo aus sie, hinter dem benachbarten Zaun, ein Ar Land sahen, das ganz mit grünem Kennip bepflanzt war. Jan de Zuursmoel sagte zu Ulenspiegel: »Wann immer du diese abscheuliche Pflanze siehst, mußt du sie schändlich verunglimpfen, denn sie ist es, die an Rad und Galgen bringt.« »Ich werde sie verunglimpfen«, antwortete Ulenspiegel.

Als Jan de Zuursmoel eines Tages mit trinkfesten Freunden an der Tafel saß, sagte der Koch zu Ulenspiegel: »Geh in den Keller und hole Zennip.« Ulenspiegel verstand böswilligerweise Kennip statt Zennip und tat dem Senftopf im Keller schändlichen Unglimpf an, dann trug er ihn, nicht ohne zu lachen, zu Tische. »Warum lachst du?« fragte Jan de Zuursmoel, »denkst du, unsere Nasen sind aus Erz? Iß von diesem Zennip, denn du selbst hast ihn ja zubereitet.« »Röstkuchen in Zimmet ziehe ich vor«, antwortete Ulenspiegel. Jan de Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen. »In diesem Senftopf ist Unrat«,sprach er. »Meister«, erwiderte Ulenspiegel, »erinnert Ihr Euch nicht mehr des Tages, da ich Euch ans Ende Eures Zaunes folgte? Da sagtet Ihr mir, indem Ihr mir den Zennip zeigtet: ›Überall, wo du diese Pflanze siehst, sollst du sie schändlicherweise verunglimpfen, denn sie ist es, die an Rad und Galgen bringt.‹ Ich habe sie verunglimpft, Meister, ich habe ihr tiefe Erniedrigung zuteil werden lassen, schlagt mich nicht tot für meinen Gehorsam.«

»Ich habe Kennip gesagt, und nicht Zennip«, schrie Jan de Zuursmoel wütend. »Meister, Ihr habt Zennip gesagt und nicht Kennip«, erwiderte Ulenspiegel. So redeten sie lange Zeit hin und her, und Ulenspiegel drückte sich sehr unterwürfig aus. Jan de Zuursmoel aber schrie wie ein Adler und verwirrte die Worte Zennip, Kennip, kemp, zemp, kemp, zemp wie eine Strähne geflochtener Seide. Und die diesem Streit beiwohnten, lachten wie Teufel beim Verzehren von Dominikanerkoteletts oder Inquisitorennieren.

Ulenspiegel aber mußte von Jan de Zuursmoel fortgehen.

XLVII

Nele war um ihrer selbst willen wie auch ihrer irren Mutter wegen immer tief betrübt.

Ulenspiegel nahm bei einem Schneider Dienst, und der sagte zu ihm: »Wenn du nähst, so nähe gedrängt, damit man nichts davon sieht.« Ulenspiegel setzte sich unter ein Faß und begann da zu nähen. »Das habe ich damit nicht sagen wollen«, rief der Schneider. »Ich dränge mich in ein Faß, wie wollt Ihr, daß man da etwas sehe!« erwiderte Ulenspiegel. »Komm«, sagte der Schneider, »setz dich wieder hier auf den Tisch und mach deine Stiche ganz eng, einen am andern, und mach den Rock wie den Wolf.« – »Wolf« war aber der Name eines engen Bauernrocks.

Ulenspiegel nahm den Rock, schnitt ihn in Stücke und nähte sie in solcher Form zusammen, daß sie der Gestalt eines Wolfes glichen. Als der Schneider das sah, rief er: »Was hast du gemacht, zum Teufel noch mal?« »Einen Wolf«, antwortete Ulenspiegel. »Boshafter Narr«, erwiderte der Schneider, »ich habe dir gesagt, einen Wolf, das ist wahr, aber du weißt sehr wohl, daß ein Bauernrock so heißt.«

Einige Zeit später sagte er: »Bursche, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe du dich zu Bett begibst.« – »Werfen« heißt aber in der Schneidersprache anheften.

Ulenspiegel hängte den Rock an den Nagel und verbrachte die ganze Nacht damit, die Ärmel daranzuwerfen. Auf das Geräusch hin kam der Schneider herbei. »Nichtsnutz du«, sagte er, »welchen neuen bösartigen Streich spielst du mir da?« »Ist das ein bösartiger Streich?« fragte Ulenspiegel. »Seht doch diese Ärmel an, die ich die ganze Nacht hindurch an den Rock geworfen habe und die noch immer nicht an ihm haftenbleiben.« »Das ist selbstverständlich«, sagte der Schneider, »und deshalb werfe ich dich auf die Straße, sieh zu, ob du dort haftenbleiben wirst.«

XLVIII

Indessen ging Nele – Katheline war bei einem guten Nachbar wohl aufgehoben – ganz allein fort, weit fort, bis nach Antwerpen, die Schelde entlang und nach manch anderer Gegend und suchte immer, auf den Barken der Flüsse und auf den staubigen Landstraßen, ob sie nicht ihren Freund Ulenspiegel erblicken könnte. Der befand sich in Hamburg, wo gerade Jahrmarktstag war, überall sah er Kaufleute und unter ihnen einige alte Juden, die vom Wanderhandel lebten. Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah einige Roßäpfel auf der Erde liegen und trug sie in seine Wohnung, die eine Nische in der Festungsmauer war. Dort ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide, machte Säckchen daraus und tat die Roßäpfel hinein, dann schloß er sie mit einem Band, als ob sie mit Moschus gefüllt wären, und machte sich aus einigen Brettern ein hölzernes Traggestell, hängte es sich mit Schnüren um den Hals und ging auf den Markt, das Holzgestell vor sich her tragend, das mit den Säckchen angefüllt war. Abends entzündete er, um sie zu beleuchten, eine kleine Kerze in der Mitte.

Als man kam und ihn fragte, was er denn verkaufe, antwortete er geheimnisvoll: »Ich werd's Euch sagen, aber sprechen wir nicht zu laut!« »Was ist es also?« fragten die Kunden. »Das sind«, antwortete Ulenspiegel, »Körner, mit denen man in die Zukunft sehen kann, sie sind direkt von Arabien nach Flandern gebracht und mit großer Kunstfertigkeit von dem Meister Abdul-Medil, aus dem Geschlecht des großen Mohammed, hergestellt worden.«

Einige Kunden sagten untereinander: »Das ist ein Türke.« Andre aber sagten: »Das ist ein Pilger, der aus Flandern kommt, hört Ihr das nicht an seiner Aussprache?« Und die armen Schelme, Windfresser und Bettellumpen kamen zu Ulenspiegel und sagten zu ihm: »Gib uns von diesen prophetischen Körnern!« »Wenn Ihr Gulden habt, um sie zu kaufen«, antwortete Ulenspiegel. Und die armen Windfresser, Schelme und Bettellumpen gingen beschämt ihrer Wege und sagten: »Es gibt keine Freude auf dieser Welt, die nicht nur für die Reichen ist.«

Das Gerücht von diesen käuflichen Körnern verbreitete sich bald über den ganzen Markt, und die Bürger sagten untereinander: »Es ist da ein Flame, der hat prophetische Körner, die auf dem Grabe unseres Herrn Jesus in Jerusalem geweiht sind, aber man sagt, er wolle sie nicht verkaufen.« Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach seinen Körnern. Aber Ulenspiegel, der ein großes Geschäft machen wollte, sagte, sie wären noch nicht reif, denn er hatte seine Aufmerksamkeit auf zwei reiche Juden gerichtet, die auf dem Markt hin und her gingen. »Ich wüßte gar zu gern«, sagte einer der Bürger, »was aus meinem Schiff geworden ist, das auf dem Meere draußen schwimmt.« »Es wird bis in den Himmel kommen, wenn die Wogen hoch genug sind«, antwortete Ulenspiegel. Ein anderer sagte, indem er auf sein liebliches Töchterlein zeigte, das über und über rot wurde: »Sie wird doch, ohne Zweifel, wohlgeraten?« »Alles gerät, wie die Natur es will«, antwortete Ulenspiegel, denn er bemerkte, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel gab, der, ganz benommen von seiner Seligkeit, zu Ulenspiegel sagte: »Herr Kaufmann, überlaßt mir eins Eurer prophetischen Säckchen, damit ich darin sehen kann, ob ich in dieser Nacht allein schlafen werde.« »Es steht geschrieben«, antwortete Ulenspiegel, »daß, wer das Korn der Verführung sät, die Giftfrucht des Hahnreitums ernten wird.«

Der junge Bursche ward zornig und sprach: »Wem hast du das bestimmt?« »Die Körner sagen«, antwortete Ulenspiegel, »daß sie dir eine glückliche Ehe wünschen und eine Frau, die dich nicht mit der Kopfbedeckung des VulcanusDer Gott der Schmiedekunst, der Hörner trägt. (Anmerkung des Übersetzers.) krönt. Kennst du diese Kopfbedeckung?«

Dann fuhr er in pastoralem Ton fort: »Denn diejenige, die auf dem Heiratsmarkt noch ein Draufgeld gibt, verschenkt später ihre Ware an die anderen.« Auf das hin sagte das Mädchen, das so tun wollte, als fühlte es sich nicht getroffen: »Sieht man all das in den prophetischen Säckchen?« »Man sieht auch einen Schlüssel darin«, sagte er ihr leise ins Ohr. Der junge Bursche aber war mit dem Schlüssel fortgegangen.

Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank eines Metzgers eine Wurst stahl, die eine Elle maß, und sie unter seinen Mantel schob. Der Kaufmann hatte es nicht gesehen.

Der Dieb kam, höchlich erfreut, zu Ulenspiegel und sagte: »Was verkaufst du da, Prophet des Unglücks?« »Säckchen, in denen du sehen kannst, daß du gehenkt werden wirst, weil du die Würste allzusehr liebst«, antwortete Ulenspiegel. Als der Dieb das hörte, ergriff er schleunigst die Flucht, während der bestohlene Kaufmann rief: »Auf den Dieb! Verfolgt ihn, den Dieb!« Aber es war zu spät.

Inzwischen näherten sich die zwei reichen Juden Ulenspiegel, die ihn mit großer Aufmerksamkeit sprechen gehört hatten, und fragten: »Was verkaufst du da, Flame?« »Säckchen«, antwortete Ulenspiegel. »Was sieht man«, fragten sie weiter, »mittels dieser prophetischen Körner?« »Die künftigen Ereignisse, wenn man nämlich an ihnen saugt«, erwiderte Ulenspiegel. Die beiden Juden berieten sich, und der ältere sagte zum andern: »Auf diese Art können wir sehen, wann unser Messias kommt; das wird uns ein großer Trost sein. Kaufen wir eines von diesen Säckchen. Wie teuer verkaufst du sie?« »Für fünfzig Gulden«, antwortete Ulenspiegel, »wenn ihr mir nicht soviel bezahlen wollt, dann packt euch. Wer das Feld nicht kauft, muß den Dung lassen, wo er ist.« Als sie Ulenspiegel so entschlossen sahen, bezahlten sie ihm das verlangte Geld, nahmen eines der Säckchen und brachten es an ihren Versammlungsort, wo sich alle Juden bald in großer Menge einfanden, da sie dachten, daß einer der beiden Alten ein geheimnisvolles Ding gekauft habe, durch das er das Kommen des Messias erfahren und ihnen anzeigen könnte. Da sie wußten, was es galt, wollten sie, ohne zu bezahlen, an dem prophetischen Säckchen saugen. Aber der Älteste – mit Namen Jehu –, der es gekauft hatte, verlangte, es allein zu tun.

»Kinder Israels«, sagte er, das Säckchen in der Hand, »die Christen verlachen uns, man jagt uns zwischen den Völkern hin und her, und man schreit hinter uns wie hinter Dieben. Die Philister wollen unseren Nacken zur Erde beugen und speien uns ins Antlitz, denn Gott hat unsere Bogen entspannt und den Zügel von uns genommen. Wird es noch lange währen, o Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns nur Übles zuteil wird, wo wir des Guten harren, und daß Finsternis über uns kommt, wo wir das Licht erhoffen? Wirst du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher Messias? Wann werden sich die Christen in den Klüften und Löchern der Erde verbergen, erfüllt von dem Schrecken, den du ihnen einflößest und deine herrliche Glorie, wann du dich erhebst, sie zu züchtigen?«

Und die Juden riefen aus: »Komme, Messias! Sauge, Jehu!«

Jehu saugte, aber es preßte ihm die Kehle zusammen, und er rief mit kläglicher Stimme: »Ich sage euch in Wahrheit, das ist nichts als Kot, und der Pilger aus Flandern ist ein Spitzbube!« Da stürzten sich alle Juden auf das Säckchen, öffneten es und sahen, was es enthielt, dann rannten sie in hellem Zorn auf den Markt, um Ulenspiegel zu suchen, der aber nicht auf sie gewartet hatte.

XLIX

Ein Mann aus Damme, der Claes seine Kohlen nicht bezahlen konnte, gab ihm seinen kostbarsten Gegenstand, eine Armbrust mit zwölf scharfspitzigen Bolzen, die als Geschosse dienten. In den Feierstunden schoß Claes mit der Armbrust, und mehr als ein Hase wurde durch sie erlegt und dann in Frikassee verwandelt, weil er die Kohlköpfe zu sehr geliebt hatte. Wenn Claes dann fest einhieb, sagte Soetkin, indem sie auf die öde Landstraße hinaussah: »Thyl, mein Sohn, spürst du nicht den Duft des Bratens? – Sicher hat er jetzt Hunger!« Und ganz in Gedanken versunken, wollte sie ihm seinen Anteil an diesem Festmahl aufheben.

»Wenn er Hunger hat, so ist das seine Schuld«, sagte Claes, »wenn er wiederkommt, wird er wie wir essen.«

Claes hielt Tauben und liebte nichts so sehr, wie wenn rund um ihn Rotkehlchen, Stieglitze, Sperlinge und andre Sing- und Zwitschervögel sangen und piepten. Auch schoß er mit Vorliebe Bussarde, die königlichen Verspeiser dieses Völkchens. Einmal, als er im Hof Kohle abwog, machte Soetkin ihn auf einen großen Vogel aufmerksam, der in der Luft über dem Taubenschlag schwebte. Claes nahm seine Armbrust zur Hand und sprach: »Mag der Teufel Seine Majestät den Sperber retten!« Er legte die Armbrust an und verfolgte vom Hof aus alle Bewegungen des Vogels, um nicht fehlzuschießen. Im Dämmerlicht, das eben den Tag von der Nacht schied, konnte Claes nichts als einen schwarzen Punkt ausnehmen. Er schoß den Bolzen ab und sah einen Storch in den Hof stürzen.

Claes war tief betrübt, Soetkin entsetzt: »Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet!« rief sie aus. Als sie den Storch anfaßte, sah sie, daß er nur am Flügel verletzt war, ging, Balsam zu holen, und sagte, während sie seine Wunde verband: »Storch, mein Freund, es ist ungeschickt von dir, der du geliebt bist, im Himmel zu schweben wie der Sperber, der gehaßt wird. Auch die Pfeile des Volkes können das falsche Wild treffen. Hast du in deinem armen Flügel Schmerzen, mein Storch, den du so geduldig behandeln läßt, weil du weißt, daß unsere Hände Freundeshände sind?«

Als der Storch geheilt war, gab sie ihm zu fressen, was er wollte; den Vorzug gab er aber den Fischen, die Claes für ihn im Kanal fing. Und immer, wenn der Vogel Gottes ihn kommen sah, sperrte er seinen großen Schnabel auf. Er ging wie ein Hund hinter Claes her, hielt sich aber am liebsten in der Küche auf, wo er sich den Magen am Feuer wärmte und Soetkin mit dem Schnabel auf den Bauch klopfte, als wollte er sagen: »Hast du nichts für mich?«

Es war ein heiterer Anblick, ihn auf seinen langen Beinen durch die Hütte stolzieren zu sehen, diesen würdigen Boten des Glücks.

L

Indessen waren die bösen Tage wiedergekommen. Claes bearbeitete traurig und allein den Acker, denn für zwei war keine Arbeit. Soetkin blieb allein in der Hütte und bereitete Bohnen, ihr tägliches Mahl, auf mannigfachste Art, um den Appetit ihres Mannes rege zu erhalten. Und sie sang und lachte, damit er nicht darunter leide, sie betrübt zu sehen. Der Storch hielt sich stets in ihrer Nähe, stand auf einem Fuß und hatte den Schnabel in die Federn gedrückt.

Eines Tages hielt ein Mann, hoch zu Roß, vor der Hütte, er war ganz schwarz gekleidet, sehr hager und trug ein tieftrauriges Gesicht zur Schau. »Ist jemand zu Hause?« fragte er. »Gott segne Euch, Herr Melancholicus«, antwortete Soetkin, »bin ich denn ein Phantom, daß Ihr mich fragt, ob jemand zu Hause sei, da Ihr mich doch hier seht?«

»Wo ist dein Vater?« fragte der Reiter. »Wenn mein Vater sich Claes nennt«, antwortete Soetkin, »dann ist er dort unten, wo Ihr ihn Getreide säen seht.« Der Reiter ritt an die bezeichnete Stelle, und Soetkin war sehr traurig, denn sie mußte zum sechsten Male zum Bäcker gehen und, ohne zu bezahlen, Brot holen. Als sie mit leeren Händen wiederkam, war sie verblüfft, Claes triumphierend und selbstbewußt auf dem Pferd des schwarzgekleideten Mannes nach Hause kommen zu sehen, während dieser zu Fuß nebenher ging und die Zügel hielt. Claes hatte die Hand stolz auf einen anscheinend wohlgefüllten Ledersack gelegt, der auf seinem Schenkel lag. Als er vom Pferde gestiegen war, umarmte er den Mann, klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken und rief, während er den Sack schüttelte: »Es lebe mein Bruder Josse, der gute Eremit! Gott erhalte ihn in Frohsinn, Fett, Heiterkeit und Gesundheit! Das ist Josse vom Segen, Josse vom Überfluß, Josse von den fetten Suppen! Der Storch hat nicht gelogen!« Und er legte den Sack auf den Tisch. Da sagte Soetkin mit klagender Stimme: »Lieber Mann, wir werden heute nicht essen, denn der Bäcker hat sich geweigert, mir Brot zu geben.« »Brot«, sagte Claes, während er den Sack öffnete, so daß ein Bach von Gold über den Tisch floß. »Brot? Hier ist Brot, Butter, Fleisch, Wein, Bier! Da sind Schinken, Markknochen, Reiherpasteten, Fettammern und Poularden, wie bei den hohen Herren! Hier ist Bier in Tonnen und Wein in Fässern! Ein rechter Narr wird der Bäcker sein, der sich weigert, uns Brot zu geben, wir werden bei ihm nichts mehr kaufen!« »Aber Mann!« sagte Soetkin, ganz verblüfft. »Hört also und freut Euch«, sagte Claes, »Katheline ist, anstatt die Zeit ihrer Verbannung in der Grafschaft Antwerpen zuzubringen, von Nele begleitet, zu Fuß bis Meyborg gegangen. Dort erzählte Nele meinem Bruder Josse, daß wir, trotz unserer harten Arbeit, in Not leben. Wie dieser ehrenwerte Botschafter mir gesagt hat«– Claes zeigte bei diesen Worten auf den schwarz gekleideten Reiter –, »hat Josse sich vom heiligen römischen Glauben losgesagt und der Ketzerei Luthers zugewendet.« Der Schwarzgekleidete sprach: »Ketzer sind die, welche die große Dirne verehren, denn der Papst mißbraucht seine Macht zu Geschäften mit den Heiligtümern.« »Ach! Sprecht nicht so laut, Ihr werdet uns ins Feuer bringen!« sagte Soetkin. Claes aber fuhr fort: »Sodann hat Josse diesem ehrenwerten Botschafter gesagt, daß er sich den Truppen Friedrichs von Sachsen anschließen und ihm fünfzig bewaffnete und gut ausgerüstete Männer zuführen wolle und daß er, da er in den Krieg zöge, nicht so vielen Geldes bedürfe, um es, wenn's das Unglück wolle, irgendeinem nichtsnutzigen Landsknecht überlassen zu müssen. Deshalb – hat er gesagt – überbringe diese siebenhundert goldnen Karlsgulden samt meinen Segenswünschen meinem Bruder Claes und sag ihm, daß er gut leben und auf sein Seelenheil bedacht sein solle.«

»Ja, es ist an der Zeit«, sagte der Reiter, »denn Gott richtet die Menschen nach ihren Werken und belohnt sie nach den Verdiensten ihres Lebens.«

»Mein Herr«, sagte Claes, »es wird mir doch nicht verboten sein, mich inzwischen über das glückliche Ereignis zu freuen. Geruht hierzubleiben, dann wollen wir köstlichen Kuttelfleck essen, ein tüchtig Stück Geschmortes und einen lieblichen Schinken, den ich so rundlich und appetitreizend beim Metzger hängen sah, daß es mir die Zähne lang machte.« »Ach!« sagte der Mann, »die Unbedachten ergötzen sich, während das Auge Gottes über ihren Wegen ist.« »Willst du also mit uns essen und trinken, Bote, oder nicht?« fragte Claes. Der Mann antwortete: »Für die Gläubigen wird es erst dann an der Zeit sein, ihre Seelen durch irdische Wonnen zu erlaben, wenn das große Babylon gestürzt sein wird!«

Soetkin und Claes bekreuzigten sich, er aber wollte fortgehen, und Claes sagte zu ihm: »Da es dir also gefällt, so übel bewirtet zu sein, so überbringe meinem Bruder Josse den Friedenskuß und wache über ihn in der Schlacht.« »Ich werde es tun«, sagte der Mann, und er ging fort, während Soetkin Vorbereitungen traf, um dieses günstige Geschick zu feiern. Der Storch bekam an diesem Tage zwei Gründlinge und den Kopf eines Stockfisches zum Souper.

Die Neuigkeit, daß der arme Claes durch die Tat seines Bruders Josse ein reicher Claes geworden sei, verbreitete sich bald in Damme, und der Dechant sagte, daß Katheline ohne Zweifel einen Zauber über Josse geworfen habe, denn Claes habe wohl eine sehr große Summe Geldes von ihm erhalten, habe aber nicht daran gedacht, Unserer Lieben Frau auch nur das einfachste Gewand zu stiften.

Claes und Soetkin waren glücklich, er das Feld bearbeitend oder Kohlen verkaufend, sie, indem sie sich daheim als tüchtige Wirtschafterin erwies. Dennoch war Soetkin immer bekümmert und ließ ihre Augen unentwegt über die Straße schweifen, um nach ihrem Sohn Ulenspiegel zu suchen.

Und alle drei genossen das Glück, das ihnen von Gott kam, und harrten dessen, was ihnen von den Menschen kommen sollte.

LI

Kaiser Karl empfing an diesem Tag einen Brief aus England, in dem sein Sohn schrieb:

»Mein Herr und Vater!

Es mißfällt mir, in diesen Landen zu leben, wo sich die verfluchten Ketzer wie die Flöhe, Raupen und Heuschrecken vermehren. Es wäre gut, sie mit Feuer und Schwert vom Stamm des lebenspendenden Baumes, unserer heiligen Mutter Kirche, zu vertilgen.

Als ob ich durch sie nicht schon genug des Kummers hätte, betrachten mich die Leute noch überdies nicht als König, sondern als den Gemahl ihrer Königin, der ohne sie keine Macht besäße. Sie verhöhnen mich in bösartigen Pamphleten, deren Verfasser sowenig ausfindig zu machen sind wie die Drucker, und sagen darin, daß der Papst mich bezahle, damit ich das Königreich in Unruhe und Verderbnis bringe durch lästerliches Henken und Brennen, und wenn ich ihnen irgendeine Steuer auferlege – denn oft lassen sie mich aus Bosheit ohne Geld –, antworten sie mir in tückischen Spottversen, warum ich nicht vom Satan Geld verlangte, dessen Sachwalter ich ja wäre. Die Herren vom Parlament entschuldigen sich und krümmen die breiten Rücken, aus Furcht, ich könnte sie beißen, aber sie gewähren nichts.

Zu alledem sind die Mauern von London über und über mit Schmähbildern bedeckt, die mich als Vatermörder darstellen, eben bereit, Eure Majestät um des Erbes willen zu erschlagen. Doch wißt Ihr, mein Herr und Vater, daß ich, ungeachtet alles Ehrgeizes und alles angemessenen Stolzes, Eurer Majestät lange Tage ruhmreicher Herrschaft wünsche. Auch verbreiten meine Feinde in der Stadt einen nur allzu geschickt gemachten Kupferstich, auf dem ich zu sehen bin, wie ich mit den Pfoten von Katzen Piano spiele, die im Kasten des Instrumentes eingeschlossen und deren Schwänze durch runde Löcher durchgesteckt sind, wo sie von eisernen Klammern festgehalten werden. Ein Mann – der bin ich – versengt ihnen die Schwänze mit einem glühenden Eisen, so daß sie mit den Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend schreien. Ich bin dort so häßlich dargestellt, daß ich mich nicht ansehen kann.

Und sie stellen mich lachend dar! Ihr wißt aber doch, mein Herr und Vater, daß es mich noch bei keiner Gelegenheit nach diesem profanen Vergnügen gelüstet hat. Zweifellos habe ich versucht, mich zu zerstreuen, indem ich diese Katzen miauen machte, aber gelacht habe ich nicht.

In ihrer Rebellensprache machen sie mir ein Verbrechen daraus, indem sie dies Piano eine grausame Erfindung nennen, obgleich die Tiere doch keine Seele haben und es allen Menschen, vornehmlich aber solchen königlichen Geschlechts, wohl verstattet ist, sich bis zum Tod ihrer zu bedienen, um die Langeweile zu verscheuchen. Aber in diesem England gehen die Leute mit den Tieren so albern um, daß sie sie besser behandeln als ihre Dienstleute. Die Pferdeställe und Hundekotter sind hier Paläste, und es gibt Edelleute, die mit ihrem Pferd auf demselben Lager schlafen.

Zu allem Übel ist meine edle Frau und Königin unfruchtbar, in roher Spottlust sagen die Leute, daß das an mir läge und nicht an ihr, die eifersüchtig, gereizt und über die Maßen liebesbedürftig ist.

Mein Herr und Vater, täglich bitte ich Gott, daß er mir gnädig sei und meine Hoffnung auf einen anderen Thron stille, sei es der des Türken, jedoch harre ich dessen, für den mich die Ehre, der Sohn Eurer ruhmreichsten und siegreichsten Majestät zu sein, bestimmt hat.« Unterzeichnet: Phle.

Der Kaiser antwortete mit folgendem Brief:

»Mein Herr und Sohn!

Eure Feinde sind zahlreich, das bestreite ich nicht, aber bemüht Euch, die Zeit des Wartens auf eine strahlendere Krone ohne Zorn zu verbringen. Ich habe schon zu mehren Malen angekündigt, daß ich mich von den Niederlanden und von meinen anderen Besitztümern zurückzuziehen gedenke, denn ich weiß, daß ich, seit das Alter und das Podagra über mich gekommen sind, Heinrich von Frankreich, dem zweiten seines Namens, nicht mehr den rechten Widerstand entgegensetzen kann, denn Fortuna liebt die jungen Leute.

Bedenket auch, Herr von England, daß Frankreich, unser Feind, sich durch Eure Macht bedroht sieht. Ich habe vor Metz eine schändliche Niederlage erlitten, verlor dabei vierzigtausend Mann und mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn mir der Allmächtige nicht durch das Walten seiner Güte und seines göttlichen Willens zu meiner früheren Kraft und Macht wieder verhilft, so sehe ich mich bewogen, mein Herr und Sohn, mein Königtum aufzugeben und Euch zu überlassen.

Habt also Geduld und tut in der Zwischenzeit Eure Pflicht gegen die Ketzer, schont weder Männer noch Frauen, weder Mädchen noch Knaben, denn es kam mir, zu meinem großen Schmerz, zu Ohren, daß Madame, die Königin, ihnen zu often Malen Gnade schenken will.

Gezeichnet: Charles. Euer wohlgeneigter Vater.«

LII

Ulenspiegel waren von dem langen Marsch die Füße blutig geworden, als er im Bistum Mainz einem Gefährt von Pilgern begegnete, das ihn bis Rom führte.

Als er von dem Karren herunterstieg und die Stadt betrat, gewahrte er ein liebenswürdiges Weib, das auf der Schwelle einer Herbergstür stand und ihn lächelnd ansah. Diese Freundlichkeit schien ihm von guter Vorbedeutung, und er sagte: »Wirtsfrau, willst du einem pilgernden Pilger Obdach gewähren? Ich bin am Ziel und will warten, bis ich für meine Sünden Ablaß erhalten habe.« »Wir geben jedem Obdach, der uns bezahlt.« »Ich habe hundert Dukaten in meinem Ranzen«, antwortete Ulenspiegel, der nicht einen einzigen hatte, »und mit dir will ich den ersten ausgeben, laß uns also eine Flasche alten römischen Weins trinken!« »An diesen heiligen Stätten ist der Wein nicht teuer«, antwortete sie, »tritt ein und trink für einen Soldo.«

Sie tranken so lange Zeit und leerten gemeinsam unter munteren Gesprächen so viele Flaschen, daß die Wirtin genötigt war, ihrem Dienstmädchen zu sagen, sie solle den Gästen an ihrer Statt zu trinken geben, während sie sich mit Ulenspiegel in einen rückwärts gelegenen, marmorgetäfelten Saal zurückzog, in dem es kühl war wie im Winter. Den Kopf auf seine Schulter gestützt, fragte sie ihn, wer er sei, und Ulenspiegel antwortete: »Ich bin Sire von Geeland, Graf von Gavergeeten, Baron von Tuchtendeel und habe in meinem Geburtsort Damme fünfundzwanzig Hektar Mondlicht.« »Was für ein Land ist das?« fragte die Wirtin und trank aus Ulenspiegels Humpen. »Das ist ein Land«, sagte er, »in dem man den Samen der Illusion, der närrischen Hoffnungen und der leeren Versprechungen sät. Du aber bist nicht im Mondlicht geboren, süße Wirtsfrau mit der ambraduftenden Haut und den Augen, die wie Perlen blinken. Es ist die Sonne, die dein Haar vergoldet hat, es ist Venus, die, ohne Eifersucht, deine vollen Schultern gemacht hat, deine schwellenden Brüste, deine runden Arme und deine zarten Hände. Wollen wir diesen Abend gemeinsam speisen?«

»Schöner Pilger aus Flandern«, sagte sie, »warum kamst du hierher?« »Um mit dem Papst zu sprechen«, antwortete Ulenspiegel. »Ach!« sagte sie und rang die Hände: »mit dem Papst sprechen! Ich lebe in diesem Lande und habe es noch niemals tun können.« »Ich werd's tun!« sagte Ulenspiegel. »Aber«, sagte sie, »weißt du, wo du ihn triffst, welches seine Gewohnheiten und seine Lebensformen sind?« »Man sagte mir unterwegs«, antwortete Ulenspiegel, »daß er Julius der Dritte heißt, gierig, frohsinnig und ausschweifend ist und ein guter, schlagfertiger Schwätzer. Überdies sagte man mir, daß er eine ungewöhnliche Freundschaft zu einem kleinen Bettler gefaßt habe, einem schwarzen, dreckigen und verwahrlosten Menschen, der, einen Affen auf der Hand, um Almosen bat und den er bei seiner Thronbesteigung zum Kardinal von Monte gemacht habe, und daß er krank sei, wenn ein Tag vergehe, ohne daß er ihn nicht gesehen habe.«

»Trink«, sagte sie, »und sprich nicht so laut.«

»Auch sagt man«, fuhr Ulenspiegel fort, »daß er wie ein Söldner fluche: ›Al dispetto di Dio, potta di Dio‹, sagte er, als er eines Abends beim Souper einen kalten Pfau nicht vorfand, der hätte aufbewahrt werden sollen, und fuhr fort: ›Ich, Gottes Stellvertreter, kann wohl wegen eines Pfauen fluchen, da mein Herr sich eines Apfels wegen erzürnt hat!‹ Du siehst also, Schätzchen, daß ich den Papst kenne und weiß, wie er ist.« »Ach«, sagte sie, »sprich nicht vor anderen davon! Aber sehen wirst du ihn dennoch nicht.« »Ich werde mit ihm sprechen«, sagte Ulenspiegel. »Wenn dir das gelingt, schenk' ich dir hundert Gulden.« »Dann habe ich sie schon verdient«, sagte Ulenspiegel.

Am nächsten Tage lief er, obgleich er müde Beine hatte, durch die Stadt und erfuhr, daß der Papst an diesem Tage in der Kirche von San Giovanni di Laterano die Messe lesen werde. Ulenspiegel ging in die Kirche und setzte sich so hin, daß ihn der Papst möglichst gut sehen konnte, und jedesmal, wenn der Papst den Kelch oder die Hostie hob, wandte Ulenspiegel dem Altar den Rücken zu.

Neben dem Papst stand der Kardinal mit gebräuntem Gesicht, feist und boshaft, der auf der Schulter einen Affen trug und dem Volk mit deutlichen zuchtlosen Gesten das Sakrament darbot. Er machte den Papst auf Ulenspiegels Tun aufmerksam, der, als die Messe beendet war, vier handfeste Soldaten kommen ließ, wie man sie in diesen kriegerischen Ländern gut kennt, die sich des Pilgers bemächtigen sollten.

»Welches ist dein Glaube?« fragte ihn der Papst. »Hochheiliger Vater«, antwortete Ulenspiegel, »ich habe denselben Glauben wie meine Wirtsfrau.« Der Papst ließ die Frau kommen. »Was glaubst du?« fragte er sie. »Das, was Eure Heiligkeit glaubt«, antwortete sie. »Und ich desgleichen«, fügte Ulenspiegel hinzu. »Du bist Pilger?« fragte der Papst. »Ja«, sagte er, »und ich komme aus Flandern, den Ablaß für meine Sünden zu erbitten.«

Der Papst segnete ihn, und Ulenspiegel ging mit der Wirtin weg, die ihm hundert Gulden bezahlte. So beladen, verließ er Rom, um nach Flandern zurückzukehren. Aber er mußte sieben Dukaten für seinen Ablaß bezahlen, der auf Pergament geschrieben war.

LIII

Zu dieser Zeit kamen zwei Prämonstratenserpatres nach Damme, um Ablässe zu verkaufen. Über ihren Mönchskutten trugen sie schöne spitzenbesetzte Hemden. Bei schönem Wetter hielten sie sich an der Kirchentür auf, bei Regenwetter in der Vorhalle und gaben die Preise bekannt, für die sie zwei-, drei- oder vierhundert Jahre Ablaß gewährten, gegen Zahlung von sechs Hellern, einem Patard, einem halben Pariser Pfund, für sieben oder zwölf Karlsgulden, je nachdem, dem Preis entsprechend, gaben sie halben oder ganzen Ablaß und gaben selbst für die schlimmsten Verbrechen Pardon, sogar für den Wunsch, die Heilige Jungfrau zu vergewaltigen. Dieser Ablaß aber kostete siebzehn Gulden.

Den Kunden, die bezahlt hatten, übergaben sie kleine Stücke Pergaments, auf denen die Zahl der Jahre des Ablasses geschrieben stand, darunter war folgende Inschrift zu lesen: »Wer da nicht gesotten, gebraten oder zerhackt will werden, im Fegefeuer tausend Jahr und immerdar brennen in den Flammen, der kaufe sich die Ablässe, Gnaden und barmherzigen Verzeihungen für ein wenig Geldes, das Gott ihm wiedergeben wird.« Und die Käufer kamen zehn Meilen weit aus der Runde.

Einer der guten Brüder hielt oft Predigten vor dem Volke, er hatte ein blühendes Säufergesicht und trug sein dreimal gefaltetes Kinn und seinen Wanst gar stolz zur Schau.

»Unglückseliger!« sagte er und heftete die Augen nach der Reihe auf jeden seiner Zuhörer, »Unglückseliger! Nun bist du in der Hölle! Grausam brennt dich das Feuer, und man siedet dich in einem Kessel voll Öl, darin man Astartes oeli-koekjes zubereitet, du bist nichts andres als eine Blutwurst in Luzifers Pfanne und ein Hammelbraten in der Gilgeroths, des großen Teufels, denn man schneidet dich sogleich in Stücke. Sieh diesen großen Sünder, der die Ablässe verachtet hat, sieh diese Schüssel gehackten Fleisches: das ist er, er, sein sündiger Leib, verdammt, so zerfetzt zu werden. Und welche Soße! Schwefel, Pech und Teer! Und alle diese armen Sünder werden so gefressen, um ewig zu neuen Schmerzen wiedergeboren zu werden. Das ist der Ort, wo wahrhaftig Weinen ist und Zähneklappern. Hab Mitleid, Gott des Erbarmens!

Ja, da bist du in der Hölle, armer Verdammter, all diese Leiden erduldend. Gibt man einen Groschen für dich, so fühlst du sofort eine Erleichterung an der rechten Hand; gibt man noch einen halben dazu, siehe da, beide Hände sind vom Feuer befreit. Aber der ganze übrige Körper? Einen Gulden, und der Tau der Vergebung fällt auf dich. O köstliches Labsal! Und während zehn Tagen, hundert Tagen, tausend Jahren gibt es keinen Braten, keine oeli-koekjes und kein Hackfleisch mehr. Und wenn es auch dir nicht zugute kommt, Sünder, gibt es in den geheimen Tiefen des Feuers nicht andre arme Seelen, deine Eltern, eine geliebte Gattin, irgendein liebliches Mädchen, mit dem du zu sündigen liebtest?«

Bei diesen Worten versetzte der Mönch dem Bruder, der ihm zur Seite stand und einen Sammelteller hielt, einen Stoß mit dem Ellbogen. Der Bruder schlug auf dies Zeichen die Augen nieder und schwenkte den Teller mit salbungsvoller Gebärde, um Geld zu bekommen. Und der Prediger fuhr fort:

»Hast du nicht einen Sohn, eine Tochter, ein geliebtes Kindlein in diesem schrecklichen Feuer? Sie schreien, weinen und rufen nach dir. Kannst du diesen kläglichen Stimmen taub bleiben? Du kannst es nicht, dein eisiges Herz muß schmelzen, aber das kostet dich einen Karlsgulden. Und siehe, beim Klang dieses Karlsguldens auf dieser Metallplatte – der andere Mönch schüttelte wieder seinen Teller – spalten sich die Flammen, und die arme Seele steigt auf, bis an die Mündung eines Vulkans. Hier ist sie in frischer, freier Luft! Wo sind die Schmerzen des Brandes? Das Meer ist nahe, sie taucht darein, schwimmt auf dem Rücken, auf dem Bauch, über den Wellen und unter ihnen. Höre, wie sie jauchzt vor Freude, sieh, wie sie sich im Wasser tummelt! Die Engel erblicken sie und sind glücklich. Sie harren ihrer, sie aber hat noch nicht genug, als wollte sie zum Fisch werden. Sie weiß nicht, daß dort oben köstliche Bäder, voll von herrlichen Düften, sind, wo große Stücke Kandiszucker umherrollen, weiß und frisch wie Eis. Da erscheint ein Haifisch – sie fürchtet sich nicht vor ihm. Sie steigt auf seinen Rücken, er aber fühlt sie nicht, sie will mit ihm in die Tiefen des Meeres hinab. Dort begrüßt sie die Wasserengel, die aus Korallenschüsseln waterzoey essen und frische Austern aus perlmuttnen Tellern. Wie wird sie so herzlich empfangen, gefeiert, geherzt, und immerdar rufen ihr die Engel aus dem Himmel zu.

Endlich siehst du sie, köstlich erfrischt und glückselig, sich aufschwingen bis in den höchsten Himmel, wo Gott thront in seiner Glorie. Dort findet sie alle ihre irdischen Verwandten und Freunde, außer jenen, welche die Ablässe und unsere heilige Mutter Kirche verachtet haben und im tiefsten Grunde der Hölle brennen. Und so leiden sie weiter, immerdar, bis in die Jahrhunderte der Jahrhunderte, in flammender Ewigkeit. Die andre Seele aber, die bei Gott ist, erlabt sich in köstlichen Bädern und knabbert Kandiszucker.

Kaufet also Ablässe, meine Brüder, ihr bekommt sie für Cruzados, für Goldgulden, für englische Pfunde! Auch kleine Münzen werden nicht zurückgewiesen. Kauft, kauft! Dies ist der heilige Handelsladen, hier gibt's für Arme und Reiche etwas! Aber zum größten Unglück kann man hier keinen Kredit geben, meine Brüder, denn kaufen und nicht bezahlen ist eine Sünde in den Augen des Herrn.«

Der Bruder, der nicht predigte, schwenkte seinen Teller, und die Gulden, Cruzados, Dukaten, Patards, Soldi und Groschen fielen dicht wie Hagelkörner. Claes, der sich reich wußte, zahlte einen Gulden für zehntausend Jahre Ablaß, und die Mönche gaben ihm als Tauschobjekt ein Stück Pergament. Als sie bald nach diesem Fischzug erkannten, daß in Damme keine Kundschaft mehr war, außer den Bettlern, die keine Ablässe kaufen konnten, begaben sie sich selbander nach Heyst.

LIV

In sein Pilgergewand gekleidet und seiner Sünden auf gute Art ledig geworden, verließ Ulenspiegel Rom, marschierte immer geradeswegs weiter und kam nach Bamberg, wo es die besten Gemüse der Welt gibt. Er betrat eine Herberge, in der eine fröhliche Wirtin hauste, die zu ihm sagte: »Junger Meister, willst du für dein Geld essen?« »Ja«, sagte Ulenspiegel, »aber für welchen Betrag ißt man hier?« Die Wirtin antwortete: »Am Tisch der Edelleute ißt man für sechs Gulden, am Tisch der Bürger für vier und am Familientisch für zwei.« »Für mich ums meiste Geld und vom Besten«, antwortete Ulenspiegel und setzte sich an den Tisch der Edelleute.

Als er gut geschmaust und seine Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sagte er zur Wirtin: »Gevatterin, ich habe gut gegessen für mein Geld, gebt mir also sechs Gulden.« Die Wirtin sagte: »Machst du dich über mich lustig? Zahl deine Zeche!« »Liebreizende Hausfrau, Ihr habt nicht das Gesicht einer böswilligen Schuldnerin, ich sehe im Gegenteil so große Treue, so viel Biederkeit und Nächstenliebe darin, daß Ihr mir eher achtzehn Gulden zahlen als die sechs verweigern würdet, die Ihr mir schuldet. Die schönen Augen! Sie sind Sonnen, die mich mit ihren Strahlen durchdringen und die Liebestollheit in mir höher sprießen lassen als den Hundszahn an einem überwucherten Zaun.«

Die Wirtin erwiderte: »Ich habe mit deiner Tollheit sowenig zu tun wie mit deinem Hundszahn, zahle und geh!« »Fortgehen und dich nicht mehr sehen?« sagte Ulenspiegel, »lieber hauchte ich sogleich mein Leben aus. Baesine, süße Baesine, ich bin nicht gewohnt, für sechs Gulden zu essen, ich armer kleiner Mann, der über Berge und durch Täler wandert, ich habe mich vollgefressen und werde bald die Zunge aus dem Mund hängen lassen wie ein Hund in der Sonne. Geruhet, mich zu bezahlen, ich habe die sechs Gulden mit der harten Arbeit meiner Kiefer wohl verdient, gebt sie mir, und ich will Euch mit solch gewaltiger Glut der Erkenntlichkeit liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig Geliebte zusammengenommen nicht die gleichen Geschäfte besorgen könnten.«

»Du redest ums Geld«, sagte sie. »Willst du, daß ich dich umsonst verzehre?« fragte er. »Nein«, sagte sie, sich gegen ihn verteidigend. »Ach«, sprach er, während er nach ihr haschte, »deine Haut ist wie Milch, dein Lockenkopf wie Goldfasan am Spieß, deine Lippen wie Kirschen! Gibt's eine, die verführerischer ist als du?«

»Du kennst dich gut aus, du wilder Bösewicht«, sagte sie lachend, »du läßt dir noch einfallen, von mir sechs Gulden zu fordern! Sei glücklich, daß ich dir umsonst und ohne etwas zu verlangen zu essen gegeben habe.« »Wenn du wüßtest, wieviel Platz ich da noch habe!« sagte Ulenspiegel. »Marsch! Bevor mein Gatte kommt«, sagte die Wirtin. »Ich werde ein zartfühlender Gläubiger sein«, antwortete Ulenspiegel, »gib mir nur einen Gulden für den künftigen Durst.« »Nimm, böser Junge«, sagte sie und gab ihm einen Gulden. »Erlaubt ihr mir aber wiederzukommen?« fragte Ulenspiegel. »Willst du wohl deiner Wege gehen?« fragte sie. »Meiner Wege gehen, hieße zu dir gehen, Schätzchen«, sagte Ulenspiegel, »das Unglück will aber, daß ich mich von deinen schönen Augen trennen muß. Wenn du geruhtest, mich in deine Obhut zu nehmen, ich äße keinen Tag mehr als für einen Gulden.«

»Ist ein Stock vonnöten?« sagte sie. »Nimm den meinen«, erwiderte Ulenspiegel, und sie lachte, er aber mußte gehen.

LV

Um diese Zeit kam Lamme Goedzak wieder nach Damme, um dort zu bleiben, denn im Gebiet von Lüttich war wegen der Ketzerei kein ruhiges Leben. Seine Frau folgte ihm willig, weil die Herren von Lüttich, geborene Spötter, sich über die Gutmütigkeit ihres Mannes lustig machten.

Lamme ging häufig zu Claes, der, seit er geerbt hatte, die Schenke »Zum Blauen Turm« oft besuchte, wo er für sich und seine Trinkgenossen einen Stammtisch bestimmt hatte. Am benachbarten Tisch fand sich Josse Grypstuiver, der geizige Meister der Fischergilde, ein und trank, auf Sparsamkeit bedacht, seine halbe Kanne; er war ein knauseriger Duckmäuser, der von Bücklingen lebte und dem am Geld mehr gelegen war als an seinem Seelenheil.

Claes hatte das Stück Pergament, auf dem ihm seine zehntausend Jahre Ablaß verschrieben waren, in seine Jagdtasche gesteckt.

Eines Abends war Claes in Gesellschaft Lamme Goedzaks, Jan van Roosebekes und Matthys van Assches im »Blauen Turm«, Josse Grypstuiver war auch anwesend, und Jan Roosebeke sagte zu Claes, der tüchtig drauflostrank: »Es ist eine Sünde, so viel zu trinken!« Claes antwortete: »Man brennt nicht mehr als einen halben Tag für eine Kanne übers Maß. Und ich habe zehntausend Jahre Ablaß in meiner Jagdtasche. Wer will hundert davon haben, um seinen Magen ohne Furcht ersäufen zu können?«

Alle riefen: »Wie teuer verkaufst du sie?« »Für eine Kanne«, antwortete Claes, »aber hundertfünfzig gebe ich für eine muske conyn« – das ist eine Portion Kaninchenbraten. Etliche Trinker zahlten Claes, einer einen Schoppen, ein andrer ein Stück Schinken und so fort, und er schnitt für jeden einen kleinen Streifen vom Pergament ab. Aber es war nicht Claes, der den Preis der Ablässe aß und trank, sondern Lamme Goedzak, der so viel in sich hineinstopfte, daß er sich sichtlich blähte, während Claes, seine Geschäfte abschließend, in der Schenke auf und ab ging.

Grypstuiver wandte ihm seine verärgerte Fratze zu: »Hast du auch für zehn Tage?« fragte er. »Nein«, antwortete Claes, »das ist zu schwer abzuschneiden.« Und alles lachte, Grypstuiver aber schluckte seinen Zorn hinunter.

Dann kehrte Claes in seine Hütte zurück, und Lamme folgte ihm mit einem Gang, als wären seine Beine aus Wolle gewesen.

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