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Ulenspiegel

Charles de Coster: Ulenspiegel - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCharles de Coster
titleUlenspiegel
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
illustratorRafaello Busoni
year1956
firstpub1867
translatorGeorg C. Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070810
projectid2a9d70ec
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VII

In der folgenden Nacht wurde Ulenspiegel beim Morgengrauen von Lamme geweckt, der schrie: »Ulenspiegel! Ulenspiegel! Zu Hilfe! Halt sie zurück, schneide die Stricke durch, schneide die Stricke durch!« Ulenspiegel kam an Deck und fragte: »Warum schreist du? Ich sehe nichts.« »Das dort ist meine Frau«, antwortete Lamme, »in der Schaluppe, die sich um jenes Schiff dreht, das sich uns angeschlossen hat, und von dem das Singen und Geigenspiel herübertönte.«

Nele kam auf das Deck, und Lamme sagte zu ihr: »Schneide die Stricke durch, meine Freundin, siehst du nicht, daß meine Wunde geheilt ist? Ihre süße Hand hat sie verbunden, ihre, ja ihre. Siehst du sie dort in der Schaluppe stehen? Hörst du? Sie singt wieder. Komm, Geliebte, fliehe ihn nicht, deinen armen Lamme, der ohne dich so einsam war auf dieser Welt.« Nele faßte ihn an der Hand und sagte: »Er hat noch Fieber.« »Schneidet die Stricke durch«, sagte Lamme. »Gebt mir eine Schaluppe! Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin gesund!«

Ulenspiegel schnitt die Stricke durch, und Lamme sprang in seinen weißleinenen Hosen, ohne Wams, aus dem Bett und machte sich selbst daran, eine Schaluppe hinunterzulassen. Ulenspiegel, Nele und Lamme stiegen mit einem Ruderer hinein und steuerten auf das Schiff zu, das fern im Hafen vor Anker ging. »Sieh das schöne Vlieboot«, sagte Lamme, der dem Ruderer nach Kräften half.

Von dem klaren Morgenhimmel, der unter den Strahlen der aufgehenden Sonne wie ein riesenhafter Kristall erglänzte, hoben sich die eleganten Mäste und der Kiel des Vlieboots ab.

Während Lamme ruderte, sagte Ulenspiegel: »Nun erzähle uns, wie du sie gefunden hast.«

Und Lamme antwortete mit fliegendem Atem: »Ich fühlte mich schon besser und schlief. Plötzlich ein dumpfes Geräusch. Ein hölzerner Gegenstand schlägt an das Schiff. Eine Schaluppe. Matrose kommt auf den Lärm, fragt: ›Wer ist da?‹ Eine süße Stimme, die ihre, mein Freund, ihre liebliche Stimme sagt: ›Ein Freund.‹ Dann eine tiefere Stimme: ›Es lebe der Geuse! Der Kommandant der ›Johanna‹ will mit Lamme Goedzak sprechen.‹ Der Matrose wirft die Leiter aus. Ich sehe im Mondlicht die Gestalt eines Mannes auf Deck kommen: starke Lenden, runde Knie, breites Becken, ich sage mir: das ist ein falscher Mann. Und ich fühle etwas, das wie eine aufblühende Rose meine Wange berührt, es ist ihr Mund, mein Sohn, und während sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt – ach! es war, als tropfe balsamischflüssiges Feuer auf meinen Leib –, höre ich sie sagen: ›Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich liebe dich, mein Mann! Ich breche meinen Eid, den ich Gott geschworen habe, mein Mann, mein armer Mann. Ich bin schon oft hierhergekommen, aber ich wagte nicht, mich dir zu nähern. Endlich hat es mir der Matrose erlaubt, ich verband deine Wunde, und du erkanntest mich nicht, aber ich habe dich gesund gemacht. Zürne nicht, mein Mann. Ich bin dir gefolgt, aber ich habe Furcht, er ist auf diesem Schiff. Laß mich fortgehen, wenn er mich sieht, verflucht er mich, und ich werde im ewigen Feuer brennen.‹

Weinend und doch glücklich, küßte sie mich wieder und ging fort, trotz meines Widerspruchs und meiner Tränen. Ach, du hattest mich ja an Armen und Beinen festgebunden, mein Sohn, aber jetzt ...«

Bei diesen Worten machte er gewaltige Ruderschläge, und die Schaluppe schoß vorwärts wie ein Pfeil. Als sie sich dem Vlieboot schon um ein Beträchtliches genähert hatten, sagte Lamme:

»Dort steht sie, Violine spielend, auf dem Deck, meine liebliche Frau, mit ihren goldbraunen Haaren, ihren rosigen Wangen, ihren nackten, runden Armen und ihren weißen Händen. Spring über die Wellen, Schaluppe!« Als der Kapitän der »Johanna« das Boot herankommen und Lamme wie einen Teufel rudern sah, ließ er die Leiter auswerfen. Als Lamme nahe genug war, sprang er, auf die Gefahr hin, ins Meer zu fallen, von der Schaluppe auf die Leiter, so daß er die Schaluppe um mehr als drei Faden zurückstieß, er kletterte wie eine Katze auf das Deck hinauf und lief auf seine Frau zu, die ihn, außer sich vor Wonne, küßte und umarmte.

»Lamme, komm nicht, mich zu holen«, sagte sie, »ich liebe dich, aber ich habe Gott geschworen! Ach, teurer Mann!« Nele rief: »Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!« »Ich bin es«, sagte sie, »aber der Mittag meiner Schönheit ist vorbei.« Und sie schien bekümmert. »Was hast du getan?« fragte Lamme, »was ist aus dir geworden? Warum hast du mich verlassen?« »Höre«, sagte sie, »aber erzürne dich nicht, ich will es dir sagen: Da ich wußte, daß alle Mönche Männer Gottes sind, habe ich mich einem von ihnen anvertraut. Er hieß Broer Cornelius Adriaensen.«

Als Lamme das hörte, sagte er: »Was! Dieser boshafte Scheinheilige mit dem Maul voll Dreck und Kot, der von nichts andrem sprach als vom Blut der Reformierten, das vergossen werden müßte! Was! Dieser Lobhudler der Inquisition und der Edikte! Der war ein schuftiger Taugenichts!«

Calleken sagte: »Beleidige ihn nicht, den Mann Gottes.«

»Mann Gottes!« sagte Lamme, »ich kenne ihn. Er war ein Mann von Dreck und Niedertracht. O unglückliches Geschick! Meine schöne Calleken ist diesem wollüstigen Mönch in die Hände gefallen. Nähere dich mir nicht, sonst töte ich dich und mich, der ich dich so sehr geliebt habe. Geh, ich will dich nicht mehr sehen, geh, oder ich werfe dich ins Wasser. Mein Messer ...! Mein armes, betrogenes Herz, das nur dir gehörte! Was tust du hier? Warum hast du mich gepflegt? Du hättest mich sterben lassen sollen!«

Sie umarmte ihn und sagte: »Lamme, lieber Mann, weine nicht, ich bin nicht das, was du glaubst, er hat mich nicht besessen, dieser Mönch.« »Du lügst«, sagte Lamme, der weinte und zugleich mit den Zähnen knirschte. »Ach! Ich war niemals eifersüchtig, aber jetzt bin ich es. Traurige Leidenschaft, Zorn und Liebe, Sehnsucht zu töten und zu umarmen! Geh! – nein, bleibe. Ich war so gut zu ihr! Der Mörder ist stärker in mir – mein Messer! Oh, wie das brennt, verschlingt und nagt! Du lachst mich aus ...«

Sie umarmte ihn weinend, sanft und unterwürfig.

»Ja«, sagte er, »ich bin dumm in meinem Zorn. Du hast meine Ehre gut gewahrt, diese Ehre, die man, Narr, der man ist, an Weiberröcke hängt! Deshalb also hast du dein süßestes Lächeln aufgesetzt, wenn du mich batest, mit deinen Freundinnen zur Predigt gehen zu dürfen ...«

»Laß mich sprechen«, sagte die Frau, während sie ihn küßte, »und ich möge im Augenblick sterben, wenn ich dich belüge.«

»Stirb also«, sagte Lamme, »denn du wirst lügen.«

»Höre mich«, sagte sie.

»Sprich oder sprich nicht, mir ist alles gleich.«

»Bruder Adriaensen galt als guter Prediger, und ich ging in die Kirche, um ihn zu hören. Er schätzte den geistlichen Stand mit dem Eheverzicht hoch über alles andere. Seine Beredsamkeit war groß und hinreißend, vielen ehrbaren Frauen, insbesondere einer großen Zahl von Witwen und Mädchen, wurde dadurch der Verstand geblendet. Da der Eheverzicht eine so vollkommene Sache sei, empfahl er uns, daß wir ihn uns angelegen sein lassen sollten, und wir schworen, daß wir uns fortan nicht mehr hingeben wollten ...«

»Außer ihm, ohne Zweifel«, sagte Lamme weinend.

»Schweig!« sagte sie erzürnt.

»Geh«, sagte er, »du hast mir einen harten Schlag versetzt, ich werde nie wieder genesen.« »Außer, wenn ich immer bei dir wäre«, sagte sie. Sie wollte ihn umarmen und küssen, aber er stieß sie zurück. »Die Witwen schworen ihm, sich nie wieder zu verheiraten«, berichtete sie weiter. Lamme hörte ihr, in seine eifersüchtigen Gedanken vertieft, zu.

Calleken fuhr verschämt fort: »Er wollte nur schöne Frauen und Mädchen als Büßerinnen, die anderen schickte er zu ihren Pfarrern. Er gründete einen Andachtsorden und ließ uns alle schwören, daß wir keinen anderen Beichtvater nehmen würden als ihn. Ich beschwor es ihm, und meine Gefährtinnen, die besser unterrichtet waren als ich, fragten mich, ob ich mich in der heiligen Lehre und heiligen Buße unterweisen lassen wollte. Ich wollte es. In Brügge, am Kai der Steinschneider, in der Nähe des Klosters der Minoritenbrüder, steht ein Haus, das von einer gewissen Calle de Najage bewohnt wird, die den Mädchen für einen Goldkarolus monatlich Unterricht und Nahrung gab. Bruder Cornelius konnte das Haus Calle de Najages betreten, ohne daß man ihn sein Kloster verlassen sah. Es war in einem kleinen Zimmer dieses Hauses, in dem nur er allein war, wo er mir befahl, ihm all meine Neigungen und fleischlichen Begierden zu erzählen. Zuerst wagte ich es nicht, aber schließlich gab ich weinend nach und sagte ihm alles.«

»Ach!« sagte Lamme schluchzend, »so hat also dieser Schweinemönch deine süße Beichte gehört!«

»Er sagte nur immer – und das ist wahr, lieber Mann – daß es über der irdischen Scham eine himmlische Scham gäbe, durch die wir unsere weltliche Schmach Gott zum Opfer bringen, und daß wir, wenn wir alle unsere geheimen Wünsche unserem Beichtvater bekennten, würdig seien, die heilige Lehre und die heilige Buße zu empfangen. Schließlich verpflichtete er mich, mich nackt vor ihn zu stellen, damit mein Körper, der gesündigt hätte, die allzu leichte Züchtigung für meine Vergehen empfange. Und eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden, und ich wurde ohnmächtig, als ich mein Hemd fallen lassen mußte, er brachte mich mit Salz und einem Riechfläschchen wieder zu Sinnen.

›Es ist gut für dieses Mal, meine Tochter‹, sagte er, ›komme in zwei Tagen wieder und bringe eine Rute mit.‹

Das ging lange so fort, ohne daß ich mich jemals ... ich schwöre es vor Gott und allen Heiligen ... glaube mir ... sieh mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... ich liebte dich.«

»Armer, süßer Leib!« sagte Lamme. »Oh, dieser Schandfleck auf deinem Ehekleid!« »Lamme«, sagte sie, »er sprach im Namen Gottes und der heiligen Mutter-Kirche: mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte dich immer, aber ich hatte der Heiligen Jungfrau mit fürchterlichen Eiden geschworen, mich dir zu verweigern, dennoch war ich schwach, schwach um dich. Erinnerst du dich an den Gasthof in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, als du neben Ulenspiegel auf deinem Esel vorbeirittest, ich folgte dir. Ich besaß eine hübsche Summe Geldes, denn ich habe für mich nichts ausgegeben, ich sah, daß du Hunger hattest, mein Herz zog mich zu dir, und ich war von Mitleid und Liebe für dich erfüllt.«

»Wo ist er jetzt?« fragte Lamme.

Calleken antwortete:

»Nach einem Erlaß des Magistrats und infolge Nachforschungen Übelgesinnter mußte Bruder Adriaensen Brügge verlassen und sich nach Antwerpen zurückziehen. Man sagte mir auf dem Schiff, daß ihn mein Mann zum Gefangenen gemacht habe.« »Was!« sagte Lamme, »dieser Mönch, den ich mäste, ist ...« »Ist er«, antwortete Calleken, während sie ihr Gesicht verbarg.

»Eine Axt! Eine Axt!« schrie Lamme, »daß ich ihn töte! Daß ich sein lüsternes Bocksfett versteigere! Rasch! kehren wir zum Schiff zurück! Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?« Nele sagte: »Es ist eine garstige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu verwunden.« »Du siehst mich so böse an«, sagte er, »willst du mich hindern?« »Ja«, sagte sie. »Also gut«, sagte Lamme, »ich werde ihm kein Leid antun. Lasse mich ihn nur aus seinem Käfig herausholen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?«

Sie stiegen ein, und Lamme ruderte und weinte zugleich.

»Bist du traurig, lieber Mann?« fragte Calleken.

»Nein«, sagte er, »ich bin fröhlich. Du wirst mich doch nicht mehr verlassen?«

»Niemals«, erwiderte sie.

»Du bist rein und treu geblieben«, sagte er, »aber, süßes Liebchen, meine Calleken, ich habe die ganze Zeit nur gelebt, um dich wiederzufinden, und nun wird, dank dieses Mönchs, jeder Augenblick unseres Glücks vergiftet sein, vergiftet durch Eifersucht ... wann immer ich traurig oder niedergeschlagen sein werde, werde ich dich vor mir sehen, wie du deinen schönen Leib dieser infamen Geißelung aussetzt! Der Lenz unserer Liebe war mein, doch der Sommer hat ihm gehört. Der Herbst wird grau sein, und bald wird der Winter kommen, um meine treue Liebe zu begraben.«

»Du weinst?« sagte sie.

»Ja«, sagte er, »was vergangen ist, kehrt nicht wieder.«

Nun sagte Nele:

»Wenn Calleken treu war, so sollte sie dich für diese häßlichen Worte verlassen.«

»Er weiß nicht, wie sehr ich ihn liebe«, sagte Calleken.

»Sprichst du die Wahrheit?« rief Lamme, »komm Schätzchen, komm, liebe Frau! Nun gibt es keinen grauen Herbst mehr und keinen totengräberischen Winter!«

Als sie wieder auf das Schiff kamen, gab Ulenspiegel Lamme die Schlüssel des Käfigs, den er öffnete. Er wollte den Mönch am Ohr aufs Deck ziehen, aber es war unmöglich, er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber auch das konnte er nicht. »Man muß den ganzen Käfig zerschlagen«, sagte er, »der Kapaun ist fett.«

Nun kam der Mönch, seine vorstehenden, stumpfsinnigen Augen rollend und seinen Wanst mit beiden Händen haltend, heraus, eine starke Welle, die über das Schiff hinging, ließ ihn auf sein Gesäß stürzen. Und Lamme sagte zu ihm: »Sagst du noch immer ›dicker Mann‹? Du bist dicker als ich. Wer gab dir täglich sieben Mahlzeiten? Ich. Woher kommt es denn, Großmaul, daß du jetzt soviel ruhiger und sanfter den armen Geusen gegenüber bist? Wenn du noch ein Jahr in deinem Käfig bleibst, kannst du nicht mehr heraus. Wenn du dich regst, wabern deine Wangen wie der Speck eines Schweines. Du schreist ja nicht mehr? Bald wirst du auch nicht mehr schnaufen können.«

»Schweig, dicker Mann«, sagte der Mönch.

»Dicker Mann!« sagte Lamme, der nun in Zorn geriet. »Ich bin Lamme Goedzak, du bist der Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Stopfsack, hast den Speck vier Finger dick unter der Haut, und deine Augen kann man schon nicht mehr sehen. Ulenspiegel und ich könnten bequem in der Kathedrale deines Wanstes wohnen! Du nennst mich dicker Mann – willst du einen Spiegel, um dein Bauchgewölbe zu betrachten ? Ich bin es, der dich ernährt, du Monument von Fleisch und Knochen! Ich habe geschworen, daß du Fett speien und Fett schwitzen wirst, und daß du Fettspuren hinter dir lassen sollst wie eine Kerze, die in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn erfolgt, du hast jetzt fünf und ein halbes.«

Dann wandte er sich zu den Geusen und sagte: »Seht diesen Wüstling! Es ist Broer Cornelius Adriaensen Taugenichtsaensen aus Brügge, wo er eine neue Scham predigte. Sein Fett ist seine Strafe und mein Werk. Nun denn, ihr Matrosen und Soldaten: ich werde euch verlassen, ich werde dich verlassen, Ulenspiegel, und auch dich, kleine Nele, um nach Vlissingen zu gehen, wo ich Geld liegen habe, um dort mit meiner armen, wiedergefundenen Frau zu leben. Ihr habt mir einst zugeschworen, alles tun zu wollen, worum ich euch bitten werde ...«

»Das ist Geusenwort«, sagten sie.

Und Lamme fuhr fort: »Nun, seht euch diesen Wüstling an, diesen Broer Adriaensen Taugenichtsen aus Brügge, ich habe geschworen, ihn wie ein Schwein vor Fett sterben zu lassen. Bauet also einen breiteren Käfig und zwingt ihn, statt sieben Mahlzeiten im Tag zwölf zu sich zu nehmen, gebt ihm fette und stark gezuckerte Nahrung. Er gleicht schon einem Ochsen, er soll aber einem Elefanten gleichen, und ihr werdet ihn seinen Käfig ausfüllen sehen.« »Wir werden ihn mästen«, sagten sie.

»Und nun sage ich auch dir adieu«, sagte er zu dem Mönch, »dir, Taugenichts, den ich mönchisch ernährt statt gehenkt habe. Reife im Fett dem Schlagfluß entgegen.«

Dann umarmte er Calleken und sagte:

»Sieh her, grunz oder brumm soviel du willst, ich entführe sie dir, und du wirst sie nicht mehr peitschen.«

Der Mönch aber geriet in Wut und sagte zu Calleken:

»Geh doch, fleischliches Weib, geh doch in das Bett der Wollust! Ja, du gehst dahin ohne Erbarmen für den armen Märtyrer des Gotteswortes, der dir die heilige, süße, himmlische Lehre zuteil werden ließ. Sei verflucht! Kein Priester gewähre dir Verzeihung, die Erde brenne unter deinen Füßen, der Zucker deiner Faulheit verwandle sich in Salz, das Fleisch des Rindes in das eines Hundes, dein Brot sei Asche, die Sonne sei dir Eis, der Schnee ein höllisch Feuer! Deine Fruchtbarkeit sei verflucht, deine Kinder seien jedermann zum Abscheu, sie sollen Leiber wie Affen haben und Köpfe, größer als ihr Bauch, wie Schweine! Du sollst leiden, weinen, stöhnen in dieser Welt und in der andern, in der Hölle, die dich erwartet, in der Schwefel- und Pechhölle, die angezündet ist für die Weiber deines Schlages! Du hast meine väterliche Liebe verschmäht: sei verflucht dreimal bei der Heiligen Dreieinigkeit, verflucht siebenmal bei den Leuchtern der Bundeslade! Die Beichte werde dir zum Fluch, die Hostie sei dir ein tödliches Gift, und jede Fliese in der Kirche erhebe sich, um dich zu zerschmettern und dir zuzurufen: ›Diese ist eine Hure, diese ist verflucht, diese ist verdammt‹!«

Lamme hüpfte vor Freude und sagte:

»Sie war treu, er hat es gesagt, der Mönch! Heil Calleken!«

Sie aber sagte weinend und bebend:

»Befrei mich von diesem Fluch, mein Mann, befrei mich! Ich sehe die Hölle! Befrei mich!«

»Nimm den Fluch von ihr«, sagte Lamme.

»Ich nehme ihn nicht von ihr, dicker Mann«, gab der Mönch zurück.

Die Frau war bleich und entsetzt und bat den Bruder Adriaensen auf den Knien und mit gefalteten Händen, den Fluch von ihr zu nehmen.

Und Lamme sagte zu dem Mönch:

»Nimm den Fluch von mir, oder du wirst gehenkt, und wenn der Strick reißt, wirst du so oft gehenkt und wiedergehenkt, bis du tot bist.«

»Gehenkt und wiedergehenkt«, sagten die Geusen.

»Es sei denn«, sagte der Mönch zu Calleken, »geh, Hure, geh mit diesem Dicken, ich nehme den Fluch von dir, aber Gott und alle Heiligen werden dein Treiben sehn. Geh mit diesem dicken Mann, geh!«

Nun schwieg er schwitzend und schnaufend.

Plötzlich rief Lamme:

»Er schwillt an, er schwillt an! Ich sehe das sechste Kinn, beim siebenten kommt der Schlagfluß!«

Dann wandte er sich den Geusen zu und sagte:

»Und nun empfehle ich euch Gott, dich Ulenspiegel, euch alle, meine lieben Freunde, dich Nele, und mit euch die heilige Sache der Freiheit: ich kann nichts mehr für sie tun!«

Dann umarmte und küßte er alle und sagte zu Calleken: »Komm, nun hat die Stunde unserer rechten Liebe geschlagen.«

Während der Kahn über das Wasser glitt, schwenkten alle Soldaten und Matrosen bis zum letzten Schiffsjungen ihre Mützen, und sie riefen: »Leb wohl, Lamme, leb wohl, Bruder, leb wohl, Bruder und Freund!«

Und Nele sagte zu Ulenspiegel, während sie ihm mit ihrem zarten Finger eine Träne fortwischte: »Bist du traurig, Geliebter?«

»Er war gut«, sagte Ulenspiegel.

»Ach, dieser Krieg wird nie ein Ende nehmen. Sollen wir denn gezwungen sein, immer in Blut und Tränen zu leben?«

»Laß uns die Sieben suchen«, antwortete Ulenspiegel, »die Stunde der Befreiung naht!«

Wie sie versprochen hatten, mästeten die Geusen den Mönch in seinem Käfig, und als man ihn, nach Zahlung des Lösegeldes, in Freiheit setzte, wog er dreihundertsiebzehn Pfund und fünf Unzen flandrischen Gewichts. Und er starb als Prior seines Klosters.

VIII

Um diese Zeit versammelten sich die Herren der Generalstaaten in Heyst, um über Philipp, den König von Spanien, Grafen von Flandern, Holland usw., zu Gericht zu sitzen, gemäß den Freiheiten und Privilegien, die von ihm gutgeheißen waren.

Der Gerichtsbeisitzer sprach also: »Es ist jedermann offenkundig, daß ein Fürst von Gott über sein Land gesetzt ist, auf daß er als Oberhaupt und Führer seiner Untertanen sie gegen alle Schmähungen, Unterdrückungen und Gewalttätigkeiten verteidige und sie davor beschütze, ebenso, wie ein Schäfer verpflichtet ist, seine Schafe zu schützen und zu behüten. Es ist ebenfalls offenkundig, daß die Untertanen nicht dazu von Gott geschaffen sind, sich vom Fürsten ausnützen zu lassen und ihm in allem, was er befiehlt, zu gehorchen, sei es fromm oder unfromm, recht oder unrecht, und ihm als Sklaven zu dienen.

Sondern der Fürst ist nur durch seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, Fürst, damit er nach Recht und Vernunft über sie herrsche, er soll sie zusammenhalten und lieben wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirt seine Schafe, der sein Leben einsetzt, um sie zu verteidigen, tut er es nicht, so hält man ihn nicht für einen Fürsten, sondern für einen Tyrannen.

König Philipp sandte durch militärische Befehle und durch Bullen, in denen er Strafexpeditionen und Exkommunikationen befahl, vier fremdländische Armeen gegen uns aus. Was soll, nach Gesetz und Brauch des Landes, seine Strafe sein?«

»Er werde abgesetzt!« antworteten die Herren der Generalstaaten.

»Philipp hat seine Eide gebrochen, er hat die Dienste vergessen, die wir ihm leisteten, und die Siege, die zu erringen wir ihm halfen. Als er sah, daß wir reich waren, ließ er uns durch den Rat von Spanien plündern und erpressen.«

»Er werde als Undankbarer und als Dieb abgesetzt«, erwiderten die Herren von den Generalstaaten.

Der Beisitzer fuhr fort: »Philipp setzte in den mächtigsten Städten des Landes neue Bischöfe ein und beschenkte sie mit den fettesten Abteien, mit Hilfe dieser Bischöfe führte er die spanische Inquisition ein.«

»Er sei als Henker und als Verschwender des Vermögens anderer abgesetzt«, erwiderten die Herren der Generalstaaten.

»Angesichts dieser Tyrannei haben die Edelleute des Landes im Jahre 1566 eine Bittschrift verfaßt, in der sie den Souverän baten, seine strengen Edikte zu mildern, insbesondere aber diejenigen, die auf die Inquisition Bezug hatten. Er lehnte es ab.«

»In seiner starrsinnigen Grausamkeit werde er als Tiger abgesetzt«, sagten die Herren der Generalstaaten.

Der Beisitzer fuhr fort: »Philipp ist stark verdächtig, die Bilderstürmerei und die Beraubung des Kirchensäckels durch seine Leute vom spanischen Rat insgeheim angestiftet zu haben, um unter dem Vorwand, diese Verbrechen und Erhebungen bestrafen zu müssen, die fremden Heere gegen uns ziehen zu lassen.«

»Er sei als Handlanger des Todes abgesetzt«, sagten die Herren der Generalstaaten.

»In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und richtete die flämischen und fremden Kaufleute zugrunde. Er und sein spanischer Rat haben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch geheime Vollmachten das Recht, sich als Oberhaupt der Plünderer zu erklären, die Beute einzuheimsen, sich seines, König Philipps, Namen zu bedienen, mit seinem Siegel zu zeichnen und gegenzuzeichnen und sich als seinen Gouverneur und Statthalter auszugeben. Die vom König unterzeichneten Briefe, die in unseren Händen sind, beweisen diese Tatsache. Alles ist mit seiner Zustimmung und im Einvernehmen mit dem Rat von Spanien vor sich gegangen. Leset seine Briefe, in denen er das Werk von Antwerpen lobt, und darin er anerkennt, daß ihm ausgezeichnete Dienste geleistet wurden, wo er ferner Belohnung verspricht und Rhoda und die anderen Spanier dazu verhält, auf diesem ruhmreichen Weg weiterzuwandeln.«

»Er werde als Dieb, Plünderer und Mörder abgesetzt«, sagten die Herren der Generalstaaten.

»Wir wollen nichts andres als die Aufrechterhaltung unserer Privilegien, einen rechtmäßigen und gesicherten Frieden, eine gemäßigte Freiheit, insbesondere, was die Religion und die Gewissensfreiheit betrifft. Wir hatten von Philipp nichts als lügnerische Verträge, die dazu dienten, die Provinzen zu entzweien, sie der Reihe nach zu unterwerfen und sie mit Plünderungen, Konfiskationen, Hinrichtungen und Inquisitionen wie die beiden Indien zu behandeln.«

»Er werde als vorbedachter Meuchelmörder des Landes abgesetzt«, sagten die Herren der Generalstaaten.

»Durch den Herzog von Alba und seine Häscher, durch Medina-Coeli und Requesens, die Verräter des Staates und der Provinzen, ließ er das Blut des Landes vergießen; er empfahl – wie man in den von ihm unterzeichneten Briefen liest – dem Don Juan und Alessandro Farnese, dem Prinzen von Parma, rücksichtslose und blutige Strenge, er verbannte den Herrn von Oranien aus dem Reich und bezahlte drei Meuchelmörder, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann er den vierten bezahlen wird, er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, ließ Männer lebendig verbrennen, Frauen und Mädchen lebendig begraben und erbte ihre Güter, Montigny, de Berghes und andre Edle ließ er, unter Bruch seines königlichen Wortes, erwürgen. Er tötete seinen Sohn Carlos und vergiftete den Prinzen von Ascoly, den er mit Eufrasia, der von ihm Geschwängerten, vermählte, um den kommenden Bastard mit des Prinzen Gütern reich zu machen. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das uns alle als Verräter erklärte, die Leib und Gut verloren hätten, und beging so das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, die Unschuldigen mit den Schuldigen sühnen zu lassen.«

»Nach Gesetz und Recht und Privilegien werde er abgesetzt«, sagten die Herren der Generalstaaten.

Und die Siegel des Königs wurden zerbrochen.

Und die Sonne leuchtete über Erde und Meer, vergoldete die reifen Ähren, reifte die Trauben und ließ auf jeder Welle Perlen erglänzen als Schmuck für die Freiheit, die Braut der Niederlande.

Der Prinz von Oranien, der in Delft weilte, wurde von einem vierten Meuchelmörder in die Brust geschossen und starb, treu seiner Losung: »Ruhig inmitten der grausamen Wogen.«

Seine Feinde sagten, daß er, um König Philipp einen Streich zu spielen, und da er nicht hoffen konnte, über die katholischen südlichen Niederlande zu herrschen, diese dem gnädigen Herrn, Seiner Großen Hoheit von Anjou, durch einen geheimen Vertrag angeboten habe. Der aber war nicht dazu geschaffen, mit der Freiheit das Kind Belgien zu zeugen, denn sie liebt die absonderliche Liebe nicht.

Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.

Und das belgische Vaterland, von den Verrätern geknebelt, stöhnte unter dem Joch.

IX

Es war im Monat der Kornreife, die Luft war schwer, ein warmer Wind wehte. Mäher und Mäherinnen konnten ungestört unter freiem Himmel, auf freiem Boden das Getreide ernten, das sie selbst gesät hatten.

Friesland, Dreuthe, Overyssel, Geldern, Utrecht, Nordbrabant, Nord- und Südholland, Walcheren, Nord- und Südbeveland, Duiveland und Schouwen, die zusammen Zeeland bilden, die ganze Küste der Nordsee von Knokke bis Helder, die Inseln Texel, Vlieland, Ameland und Schiermonnikoog von der Schelde westlich bis zur Ost-Ems hatten sich vom spanischen Joch befreit. Moritz, der Sohn des Schweigers, führte den Krieg weiter.

Ulenspiegel und Nele, die jung, stark und schön waren – denn Flanderns Liebe und Flanderns Geist altern nicht – lebten zusammen auf dem Turm von Neere und harrten der Zeit, da der Sturm der Freiheit nach langen, grausamen Prüfungen über das belgische Vaterland hinbrausen würde.

Ulenspiegel hatte gebeten, zum Kommandanten und Wächter des Turms ernannt zu werden, er hätte die Augen eines Adlers und die Ohren eines Hasen, er könnte also wohl Ausschau halten, ob der Spanier nicht etwa wage, sich wieder in den befreiten Landen zu zeigen. Käme er aber, dann wollte er die Glocken schon Wacharm läuten lassen, das heißt in der flämischen Sprache Alarm.

Der Magistrat erfüllte seinen Wunsch, und da er so gute Dienste geleistet hatte, gab man ihm täglich einen Gulden und wöchentlich zwei Pinten Bier, Bohnen, Käse, Zwieback und drei Pfund Rindfleisch.

So lebten Ulenspiegel und Nele Seite an Seite, sahen freudig in der Ferne die freien Inseln Zeelands, Wiesen, Wälder, Schlösser, Festungen und die wehrhaften Schiffe der Geusen, die die Küsten bewachten.

Nachts stiegen sie oft auf die Spitze des Turmes hinauf, ließen sich dort auf der Plattform nieder und plauderten von rauhen Schlachten und von ihrer zärtlichen Liebe, von Vergangenem und Künftigem. Sie sahen über das Meer hin, das die Küste mit leuchtenden Wogen bespülte und feurige Phantome gegen die Inseln zu schleudern schien. Und als Nele die Irrlichter in den Poldern sah, erschrak sie, sie sagte, das seien die Seelen der armen Toten. Denn all diese Orte waren Schlachtfelder gewesen.

Die Irrlichter schwangen sich über den Poldern hin, huschten die Dämme entlang, kehrten aber dann wieder zu den Poldern zurück, als wollten sie die Leichen nicht verlassen, aus denen sie gekommen waren.

Eines Nachts sagte Nele zu Ulenspiegel:

»Siehst du, wie zahlreich die Irrlichter in Duiveland sind, und wie hoch sie fliegen? Das ist dort bei den Inseln der Vögel, die ich fast alle sehen kann. Willst du dort hingehen, Thyl? Wir wollen den Balsam mitnehmen, der den sterblichen Augen die unsichtbaren Dinge zeigt.«

Ulenspiegel antwortete:

»Wenn das dieser Balsam ist, der mich zu dem großen Sabbat gehen ließ, so habe ich nicht mehr Vertrauen dazu als zu einem Traum.«

»Man muß die Macht des Zaubers nicht leugnen«, sagte Nele. »Komm, Ulenspiegel.«

»Ich komme.«

Am nächsten Tag bat er den Magistrat um einen treuen Soldaten mit guten Augen, der ihn auf dem Turm vertreten sollte.

Dann machte er sich mit Nele auf und ging in der Richtung der Vögel fort.

Als sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grüne Inseln im Meer, auf deren Rasenhügeln große Mengen von Kiebitzen, Möwen und Seeschwalben regungslos saßen und die kleinen Inseln ganz weiß erscheinen ließen, und tausende dieser Vögel flogen über ihren Köpfen. Der Boden war mit Nestern bedeckt. Als Ulenspiegel sich bückte, um ein Ei aufzuheben, kam eine Möwe mit lautem Schrei auf ihn zugeflogen. Auf diesen Ruf kamen über hundert andere Möwen, schreiend vor Angst, und schwebten über Ulenspiegels Haupt und über den Nestern, aber sie wagten nicht, sich ihm zu nähern.

»Ulenspiegel«, sagte Nele, »diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.«

Dann begann sie zu zittern und sagte: »Ich habe Furcht! Die Sonne sinkt, der Himmel ist weiß, und die Sterne blinken auf ... das ist die Geisterstunde. Sieh diese roten Nebel, die über der Erde wogen. Thyl, mein Geliebter, was ist das für ein Mißgeschöpf der Hölle, das seinen feurigen Rachen dort in der Wolke so aufreißt? Sieh doch die tanzenden Irrlichter, dort in der Richtung nach Philippsland, wo der königliche Henker zweimal so viele arme Menschen töten ließ, um seinem grausamen Ehrgeiz zu genügen: dies ist die Nacht, in der die Seelen der armen Menschen, die in der Schlacht getötet wurden, den kalten Saum des Fegefeuers verlassen, um sich in der lauen Luft der Erde zu erwärmen. Dies ist die Stunde, in der du Christus, den Gott der guten Zauberer, um alles anflehen kannst.«

»Die Asche schlägt an meinem Herzen«, sagte Ulenspiegel, »wenn Christus mir diese Sieben zeigen könnte, deren in den Wind gestreute Asche Flandern und die ganze Welt glücklich machen soll!« »Ungläubiger!« sagte Nele, »du wirst sie durch den Balsam sehen.«

»Vielleicht«, sagte Ulenspiegel und zeigte mit dem Finger auf den Sirius, »daß von dem kalten Stern ein Geist herabstiege.« Kaum hatte er diese Bewegung gemacht, als ein Irrlicht ihn umtanzte und sich an seinem Finger festsetzte. Je mehr er versuchte, sich davon zu befreien, desto fester haftete es.

Nele, die versuchte, Ulenspiegel zu helfen, hatte sogleich auch ein Irrlicht auf der Fingerspitze.

Ulenspiegel schlug auf das seine und sagte:

»Antworte! Bist du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? Wenn du die Seele eines Geusen bist, so geh ins Paradies. Wenn du aber die Seele eines Spaniers bist, dann kehre in die Hölle zurück, aus der du kommst.«

Nele sagte zu ihm:

»Beleidige die Seelen nicht, wenn sie auch Henkerseelen waren.«

Dann sagte sie, während sie ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen ließ:

»Irrlicht, liebes Irrlicht, was bringst du Neues aus dem Lande der Seelen? Womit sind die Seelen dort unten beschäftigt? Essen und trinken sie, obgleich sie keinen Mund haben? Denn du hast keinen, liebes Irrlicht. Oder nehmen sie die menschliche Gestalt erst im gebenedeiten Paradies an?«

Ulenspiegel sagte:

»Wie kannst du soviel Zeit damit verlieren, zu diesem kümmerlichen Flämmchen zu sprechen, das keine Ohren hat, dich zu hören, und keinen Mund, dir zu antworten?«

Doch ohne auf ihn zu hören, sagte Nele:

»Irrlicht, antworte durch dein Tanzen, denn ich werde dich dreimal befragen: einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der Heiligen Jungfrau und einmal im Namen der Elementargeister, die die Boten zwischen Gott und den Menschen sind.«

Sie tat so, und das Irrlicht tanzte dreimal.

Nun sagte Nele zu Ulenspiegel:

»Lege deine Kleider ab, ich werde das gleiche tun, hier, in dieser silbernen Büchse ist der Balsam der Vision.«

»Das gilt mir alles nichts«, sagte Ulenspiegel.

Als sie sich entkleidet und mit dem Balsam gesalbt hatten, legten sie sich, nackt wie sie waren, nebeneinander ins Gras.

Die Möwen klagten, und aus den Wolken hallte dumpfer Donner und leuchteten die Blitze; hier und da zeigte der Mond seine goldene Sichel zwischen den Wolken. Die Irrlichter Ulenspiegels und Neles lösten sich von ihren Fingern und tanzten mit den anderen auf die Wiese hinaus.

Plötzlich wurden Nele und ihr Freund von der großen Hand eines Riesen gepackt und wie Kinderbälle in die Luft geschleudert, er fing sie auf, rollte sie am Boden hin, knetete sie in den Händen, warf sie in die Wasserlachen zwischen den Hügeln und zog sie, mit Tang bedeckt, wieder heraus. Dann schleuderte er sie durch den Raum und sang dabei mit einer Stimme, die alle Möwen der Inseln erschrocken aufwachen ließ:

»Mit schielenden Augen, dies ekle Geschmeiß,
Will es vorlaut erfahren
Die göttliche Weisheit, die wir auf Geheiß
In Treue bewahren.

Lies, Floh du und Laus du, das Wunder, das hangt
Im Raum, im Himmel, auf Erden,
Das heilige Wort, vor dem euch nicht bangt,
An sieben flammenden Nägeln.«

Und in der Tat, Ulenspiegel und Nele sahen auf dem Rasen, in der Luft und im Himmel sieben Tafeln von leuchtendem Erz, die durch sieben flammensprühende Nägel befestigt waren.

Und auf den Tafeln stand geschrieben:

»Im Dung, da keimen die Samen.
Sieben ist gut, aber Sieben ist schlecht.
Aus Kohlen die Diamanten kamen.
Von dummen Gelehrten gibt's kluges Studentenblut.
Sieben ist schlecht, aber Sieben ist gut.«

Der Riese schritt dahin, und alle Irrlichter folgten ihm und sangen wie Zikaden:

»Seht, er ist euer großer Meister,
Über Papst und König thront er stolz.
Den Cäsar selbst schickt er zum Teufel.
Seht ihn an, er ist von Holz.«

Plötzlich veränderten sich seine Züge, er schien magerer, trauriger und größer. In der Hand hielt er ein Zepter und in der anderen ein Schwert. Und er trug den Namen Hochmut. Er schleuderte Nele und Ulenspiegel zu Boden und sagte: »Ich bin Gott.«

Dann erschien neben ihm, auf einer Ziege reitend, ein Mädchen mit rotem Gesicht, ihr Kleid war offen, ihre Brüste nackt und ihre Augen blinkend. Sie trug den Namen Unzucht. Dann kam eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas, die den Namen Geiz trug. Es folgte ein Mönch, der gierig Würste verschlang und ohne Unterlaß seine Kiefer mahlen ließ wie die Sau, auf der er ritt, das war die Schlemmerei. Sodann erschien, ein Bein nachschleifend, bleich und schlaff, mit erloschenen Augen, die Faulheit, die der Zorn mit einem Stachel vor sich her trieb, die gepeinigte Faulheit klagte unter Tränen und fiel auf die Knie.

Nun folgte der Neid mit dem Vipernkopf und den Hechtzähnen, er biß die Faulheit, weil sie ihm zu behaglich war, den Zorn, weil er zu lebendig war, die Schlemmerei, weil sie zu satt war, die Unzucht, weil sie zu rot war, den Geiz, weil er die Eierschalen auflas, und den Hochmut, weil er ein Purpurkleid und eine Krone hatte.

Und die Irrlichter tanzten rundum und sagten stöhnend und mit den Stimmen klagender Männer, Frauen und Mädchen: »Hochmut, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quelle der Grausamkeit, ihr habt uns auf Schlachtfeldern, in Kerkern und auf Richtstätten getötet, um eure Zepter und Kronen zu behalten. Neid, du hast viel edle und nützliche Gedanken im Keim erstickt, wir sind die Seelen der verfolgten Erfinder. Geiz, du verwandeltest das Blut des armen Volkes in Gold, wir sind die Geister deiner Opfer. Unzucht, du Gefährtin und Schwester des Mordes, die du Nero, Messalina und Philipp, den König von Spanien, zeugtest, du verkauftest die Tugend und bezahltest die Verderbtheit. Wir sind die Seelen der Toten. Faulheit und Schlemmerei, ihr verpestet die Welt und müßt ausgemerzt werden, wir sind die Seelen der Toten!«

Und eine Stimme sagte:

»Im Dung, da keimen die Samen,
Sieben ist gut, aber Sieben ist schlecht.
Von dummen Lehrern kluge Schüler kamen.
Um Kohlen und Asche zu bekommen,
Was hat die wandernde Laus unternommen?«

Und die Irrlichter sagten:

»Wir sind das Feuer, die Vergeltung der geweinten Tränen, der Leiden des Volkes, die Rache an den großen Herren, die in ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machten, die Rache für die nutzlosen Kriege, für das in den Kerkern vergossene Blut, für die verbrannten Menschen, für die lebendig begrabenen Frauen und Mädchen, die Vergeltung für die Vergangenheit in Ketten und Blut. Wir sind das Feuer, wir sind die Seelen der Toten.«

Bei diesen Worten verwandelten sich die Sieben, ohne ihre ursprüngliche Gestalt zu verlieren, in Holzstatuen. Und eine Stimme sagte: »Ulenspiegel, verbrenne das Holz.« Ulenspiegel wandte sich den Irrlichtern zu und sagte: »Ihr, die ihr Feuer seid, tut eure Pflicht!«

Und die Irrlichter umringten die Sieben in Menge und verbrannten sie, daß sie zu Asche zerfielen. Und es rann ein Strom von Blut.

Da erstanden sieben andere Gestalten aus der Asche. Die erste sagte: »Ich heiße Hochmut und nenne mich jetzt edler Stolz.«

Auch die anderen huben zu reden an, und Ulenspiegel und Nele sahen aus dem Geiz die Sparsamkeit hervorgehen, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der Schlemmerei die Genußfreude, aus dem Neid das Streben und aus der Faulheit die Träumerei der Dichter und der Weisen. Aus der Unzucht auf ihrer Ziege aber erstand ein schönes Weib, das sich Liebe nannte. Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie. Und Ulenspiegel und Nele hörten tausendstimmigen Gesang:

»Wenn zu Land und auf dem Meer
Die Sieben verwandelt regieren,
Menschen, dann hebt eure Stirnen hehr,
Die Welt wird die Fesseln verlieren.«

Ulenspiegel sagte: »Die Geister spotten über uns.«

Und eine gewaltige Hand packte Nele am Arm und schleuderte sie in den Raum. Und die Geister sangen:

»Wenn der Nordwind den Schläfer küßt,
Untergangs Ende ist.
Suche den Gürtel.«

»Ach!« sagte Ulenspiegel, »Nordwind, Schläfer und Gürtel. Ihr sprecht geheimnisvoll, ihr Geister!«

Und lachend sangen sie:

»Der Nordwind, das ist Niederland,
Der Schläfer das belgische Vaterland,
Der Gürtel ist treuer Freundschaft Band.«

»Ihr seid fürwahr keine Narren, ihr Geister«, sagte Ulenspiegel. Und wieder sangen sie mit schmetterndem Lachen:

»Der Gürtel umschlingt die Niederlande
Und Belgien mit der Freundschaft Bande,
Der Gürtel ist der Bund, du Schelm.
Mit raedt
En daedt,
Met doodt
En bloodt.
Treubund des Rats
Und der Tat
Und des Tods
Und des Bluts.
So müßt's sein,
Wär' die Schelde nicht,
Wicht, wär' die Schelde nicht.«

»Ach!« sagte Ulenspiegel, »so also ist unser qualvolles Leben: die Menschen weinen, und die Vorsehung lacht.«

»Treubund des Bluts
Und des Tods,
Wäre die Schelde nicht.«

wiederholten lachend die Geister.

Und eine gewaltige Hand schleuderte Ulenspiegel in den Raum.

X

Nele fiel, rieb sich die Augen und sah nichts als die Sonne, die in goldenen Nebeln aufging, die Spitzen der Gräser, die wie Gold leuchteten, und das Morgenlicht, das die Federn der Möwen überstrahlte, die noch schliefen, aber alsbald erwachten.

Dann sah sie sich an, und als sie sich nackt fand, zog sie sich hastig an. Dann bedeckte sie Ulenspiegel, der ebenso nackt war, und schüttelte ihn, in dem Glauben, er schlafe, aber er blieb regungslos wie ein Toter. Sie verging vor Angst und sagte: »Habe ich meinen Freund mit diesem Balsam der Vision getötet? Ich will auch sterben! Ach, Thyl, erwache doch ... er ist kalt wie Marmor!«

Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und Nele, fiebernd vor Schmerz, wachte bei ihrem Freund Ulenspiegel. Am Morgen des zweiten Tages hörte Nele ein Glöckchen klingeln und sah einen Bauern kommen, der einen Spaten trug, hinter ihm marschierten, eine Kerze in der Hand, ein Bürgermeister, zwei Schöffen und der Pfarrer von Stavenisse mit seinem Küster, der einen Sonnenschirm über ihn hielt. Sie gingen, sagten sie, dem alten Jacobsen das Abendmahl zu reichen, ihm, der aus Furcht Geuse gewesen war, aber dann, als die Gefahr vorüber war, zur heiligen römischen Kirche zurückkehrte, um in ihrem Schoß zu sterben.

Nach kurzer Zeit standen sie der weinenden Nele gegenüber und sahen die Leiche Ulenspiegels, die mit seinen Kleidern bedeckt war. Nele kniete nieder. Als sie an Nele und Ulenspiegel vorbeikamen, sagte der Bürgermeister zu ihr: »Mädchen, was machst du bei diesem Toten?« Sie wagte nicht, die Augen zu erheben, und antwortete: »Ich bete für meinen Freund, der hier, wie vom Blitz erschlagen, niederstürzte, nun bin ich allein und will auch sterben.«

Der Pfarrer schnaufte vor Freude und sagte: »Ulenspiegel, der Geuse, ist tot! Gelobt sei Gott! Bauer, spute dich, ein Grab zu graben, aber nimm ihm die Kleider weg, eh' du ihn begräbst!« »Nein«, sagte Nele, »man wird sie ihm nicht wegnehmen, sonst friert er in der Erde.« »Mache das Grab«, sagte der Pfarrer zum Bauern. »Tut's denn«, sagte Nele, »es gibt in diesem kalkhaltigen Sand keine Würmer, und er wird unversehrt und schön bleiben, mein Geliebter.« Und irr vor Schmerz beugte sie sich über Ulenspiegels Körper, küßte ihn und benetzte ihn mit blutigen Tränen.

Der Bürgermeister, die Schöffen und der Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer hörte nicht auf zu jubeln:

»Der große Geuse ist tot, Gott sei gelobt!«

Als der Bauer mit dem Grab fertig war, legte er Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn mit Sand. Und alle knieten um das Grab, während der Pfarrer die Totengebete sprach.

Aber plötzlich entstand eine lebhafte Bewegung unter dem Sand, und Ulenspiegel kam niesend und sich den Sand aus den Haaren schüttelnd heraus, faßte den Pfarrer an der Gurgel und schrie: »Du Inquisitor, du begräbst mich lebend, während ich schlafe? Wo ist Nele? Hast du auch sie begraben? Wer bist du?«

Der Pfarrer schrie: »Der große Geuse ist wieder auf die Welt zurückgekommen. Herrgott! beschütze meine Seele!« Und er lief davon wie ein Hirsch, hinter dem die Hunde sind.

Nele kam auf Ulenspiegel zu. »Küsse mich, Liebchen!« sagte er.

Dann sah er wieder um sich und bemerkte, daß die beiden Bauern, wie der Pfarrer, das Hasenpanier ergriffen und, um besser laufen zu können, Spaten, Kerzen und Sonnenschirm zur Erde geworfen hatten. Der Bürgermeister und die Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und lagen stöhnend im Gras.

Ulenspiegel ging auf sie zu, schüttelte sie und sagte: »Begräbt man Ulenspiegel, den Geist der Mutter Flandern, und Nele, ihr Herz? Mutter Flandern kann auch schlafen, aber sterben? Nein. Komm, Nele!«

Und er ging fort mit ihr und sang sein sechstes Lied, aber niemand weiß, wo er sein letztes sang.

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