Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Ulenspiegel

Charles de Coster: Ulenspiegel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCharles de Coster
titleUlenspiegel
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
illustratorRafaello Busoni
year1956
firstpub1867
translatorGeorg C. Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070810
projectid2a9d70ec
Schließen

Navigation:

Vorwort der Eule

Meine Herren Künstler, meine hochgeschätzten Herren Verleger und Sie, verehrtester Dichter! Ich habe Ihnen anläßlich Ihrer ersten Ausgabe dieses Buches einige Bemerkungen zu machen.

Wie? In diesem großen Buch, das in seinem Umfang einem Elefanten gleicht und das berühmt zu werden ihr, achtzehn Männer, euch zur Aufgabe gemacht habt, habt ihr auch nicht das kleinste Plätzchen für den Vogel der Minerva gefunden, für die weise, die kluge Eule? In Deutschland und in ebendiesem Flandern, das ihr so sehr liebt, reise ich ohn' Unterlaß auf Ulenspiegels Schulter, weshalb er auch so genannt wird, denn sein Name besagt: Eule und Spiegel, Weisheit und Possenspielerei, »Uyl en Spiegel«. Die Leute von Damme, dem Ort, an dem er, wie man sagt, geboren worden ist, sprechen seinen Namen »Ulenspiegel« aus, indem sie aus Bequemlichkeit U für Uy lesen. Aber das ist nur deren Sache.

Ihr habt euch eine andere Auffassung zurechtgelegt: Ulen für »Ulieden Spiegel« – Euer Spiegel – ihr Bauern und Edelleute, Herren und Herrinnen, der Spiegel der Gemeinheiten, Lächerlichkeiten und Verbrechen einer historischen Epoche. Das ist sinnig, aber unvernünftig. Man soll die Tradition nicht verletzen.

Vielleicht habt ihr den Einfall bizarr gefunden, die Weisheit durch einen Vogel zu symbolisieren, der, eurer Ansicht nach, ebenso traurig wie grotesk ist, durch einen Pedanten mit Brillengläsern, einen Jahrmarktskomödianten, einen Freund der Finsternis, der lautlosen Fluges daherkommt wie der Tod, daß man ihn nicht höre?

Dennoch gleicht ihr mir, ihr falschen Ehrenmänner, die ihr mich verlacht. Gedenket eurer Nächte, da das Blut unter mörderischen Schlägen rieselt und der Tod auf Filzschuhen daherschleicht, daß man ihn auch nicht kommen höre! Hat in der gesamten Geschichte eures Lebens sich ein einziges Morgenrot erhoben, dessen fahler Schein nicht Leichen von Männern, Frauen und Kindern beleuchtet hätte, die das Pflaster eurer Straßen bedeckten? Von was lebt eure Politik, seit ihr über die Erde herrscht? Vom Henken und Schlachten.

Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte nur, um mich und meine Kinder zu ernähren, nicht, um nur zu töten. Wenn ihr mir etwa vorwerft, daß ich ein Nest voll kleiner Vögel verschlinge, könnte ich euch dann nicht aus dem Gemetzel einen Vorwurf machen, das ihr unter allem anrichtet, was da atmet?

Ihr habt Bücher geschrieben, worin ihr mit dem Ausdruck der Rührung von der Anmut der Vögel, von ihrem Liebesleben, ihrer Schönheit, von der Kunstfertigkeit ihres Nestbaus und der Sorgfalt der Mutterliebe sprecht, aber gleich darauf sagt ihr, mit welcher Soße sie am besten zu servieren sind und zu welcher Jahreszeit sie das fetteste Frikassee abgeben.

Ich schreibe keine Bücher, ich, die Eule, Gott beschütze mich davor, denn ich müßte schreiben, daß, wenn ihr den Vogel nicht essen könnt, ihr wenigstens sein Nest esset, aus Furcht, es könnte euch ein Bissen entgehen.

Nun zu dir, leichtfertiger Dichter, du hättest allen Grund gehabt, mir in deinem Werk wieder zu Ansehen zu verhelfen, da zumindest zwanzig seiner Kapitel von mir stammen, die übrigen lasse ich dir alle. Es ist schon etwas wert, unumschränkter Herrscher über alle Gemeinheiten zu sein, die gedruckt werden.

Dichter, der du so laut schreist, du schlägst zu Unrecht und ohne Besinnen auf jene ein, die du die Henker deines Vaterlandes nennst, auf Karl V. und Philipp II., die du an den Schandpfahl der Geschichte stellst. Du bist keine Eule, bist nicht klug. Weißt du denn, ob auf dieser Welt nicht noch ein Karl V. oder Philipp II. existiert? Fürchtest du nicht, daß aufmerksame Zensoren in dem Bauch deines Elefanten nach Anspielungen auf hochedle Zeitgenossen fahnden könnten? Was lassest du sie nicht in ihren Gräbern schlafen, diesen Kaiser und diesen König? Warum hast du solche Majestäten gelästert? Wer Schläge sucht, wird unter ihnen fallen.

Es gibt Leute, die dich nicht entschuldigen werden, und ich entschuldige dich gewiß nicht, denn du störst meine bürgerliche Verdauung. Was soll's mit dieser immerwährenden Gegenüberstellung eines verhaßten Königs, der schon in seiner Kindheit grausam war – deswegen ist er ja ein Mensch –, und des flämischen Volkes, das du als heldenmütig, frohsinnig, ehrenhaft und arbeitsam ausgeben willst? Wer sagt dir, daß dieses Volk gut und daß dieser König schlecht war? Ich könnte dich klüglich vom Gegenteil überzeugen.

Deine Hauptpersonen sind, keine einzige ausgenommen, Dummköpfe oder Narren: dein Possenspieler Ulenspiegel führt die Waffen zur Befreiung des Gewissens, sein Vater Claes stirbt freudig den Flammentod, um seine religiösen Überzeugungen zu behaupten, seine Mutter Soetkin opfert sich und stirbt an den Folgen der Tortur, die sie über sich ergehen läßt, um ihrem Sohn das Vatererbe zu bewahren, dein Lamme Goedzak wandelt so gerade seinen Lebensweg, als dürfte man auf dieser Welt nur gut und anständig sein, deine kleine Nele, die in der Tat sehr gut ist, liebt nur einen Mann in ihrem Leben ... Wo gibt's das noch? Brächtest du mich nicht zum Lachen, ich würde dich bedauern.

Jedoch muß ich zugeben, daß sich neben diesen grotesken Figuren auch welche finden, die ich gerne zu meinen Freunden zählen wollte: deine spanischen Haudegen, deine Mönche, die das Volk ins Feuer werfen, deine Gilline, die Spionin der Inquisition, dein geiziger Fischhändler, Denunziant und Werwolf in einer Person, dein Edelmann, der nachts den Teufel macht, um ein paar einfältige Mädchen zu verführen, und allen voran dieser weise Philipp II., der, wenn er Geld braucht, die Heiligenbilder in den Kirchen zertrümmern läßt, um eine Volkserhebung zu bestrafen, deren kluger Anstifter er selbst war! Es ist nicht übel, die zu beerben, die man getötet hat.

Aber ich glaube, ich rede da ins Leere. Du weißt vielleicht nicht, was eine Eule ist, ich will dich darüber belehren:

Eine Eule, das ist ein Geschöpf, das insgeheim Beschuldigungen über die Leute verbreitet, die ihm lästig sind, und das, wenn man es für seine Worte zur Rechenschaft zieht, vorsichtig ausruft: »Ich behaupte nichts. Man hat mir gesagt ...« Es weiß sehr wohl, daß Man unauffindbar ist.

Eine Eule ist ein Geschöpf, das sich in den Schoß einer ehrenhaften Familie einnistet, sich als Freier ausgibt, ein junges Mädchen bloßstellt, Geld borgt, hie und da seine Schulden bezahlt und sich davonmacht, wenn nichts mehr zu holen ist.

Eine Eule ist der Politiker, der sich der Freiheit, der Treue, der Liebe und der Humanität als einer Maske bedient und im gegebenen Moment ohne viel Federlesens einen Menschen oder eine ganze Nation mit größter Ruhe erwürgt.

Eine Eule ist ein Kaufmann, der seine Weine und Lebensmittel verfälscht, der Verdauungsstörungen statt nahrhafter Genüsse und Schrecken statt Frohsinn unter die Leute bringt.

Eine Eule ist, wer geschickt stiehlt, ohne daß man ihn am Kragen fassen kann, wer der Lüge gegen die Wahrheit das Wort redet, Witwen ruiniert, Waisen beraubt und im Fett triumphiert wie andere im Blut.

Eine »Eulin« ist die, welche ihre Reize verhandelt, die Herzen der edelsten jungen Männer verdirbt, indem sie vorgibt, sie zu bilden, und sie dann ohne einen Sou in dem Dreck steckenläßt, in den sie sie hineingezogen hat. Wenn sie hin und wieder traurig ist, sich erinnert, daß sie ein Weib ist und Mutter sein könnte, so verleugne ich sie. Wenn sie, dieses Daseins müde, sich ins Wasser stürzt, dann ist sie eine Närrin und unwert zu leben.

Schau um dich, Dichter aus der Provinz, und zähle, wenn du kannst, die Eulen in dieser Welt, überlege, ob es klug ist, die Macht und die List, diese Königinnen unter den Eulinnen, anzugreifen, wie du tust. Geh in dich, sag dein »Mea culpa« her und erflehe dir auf den Knien Verzeihung.

Trotz allem interessierst du mich durch deine zutrauliche Unbesonnenheit, deshalb sage ich dir, trotz meiner bekannten Gewohnheiten, voraus, daß ich es unverzüglich meinen Vettern von der Literatur hinterbringen werde, welch rauhen und ungebärdigen Tones deine Schreibweise ist, sie haben treffliche Federn, Schnäbel und Augen, sind kluge und genaue Menschen, die sich darauf verstehen, in liebenswürdigster Form und nach allen Regeln der Kunst, mit viel Gaze und Dessous, jungen Leuten Liebesgeschichten zu erzählen, die nicht gerade nur von Cythere kommen, und gestalten, ohne daß man's gewahr wird, in einer Stunde die tückischste Agnès.

Oh, verwegener Dichter, der du Rabelais und die alten Meister so sehr liebst! Diese Leute haben dir gegenüber den Vorteil, daß sie die französische Sprache verschwinden machen werden, weil sie ihr so glänzenden Schliff geben.

 Kapitel 2 >> 






Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.