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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 98
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XII

Uilenspiegel und Lamme kamen an einen Ort, der hieß Minnewater, Minnewasser; aber die großen Gelehrten und die ganz gescheiten Wijsneuzen sagen, es müsse Minrewater heißen, das ist das Wasser der Mindern oder Minoriten.

Uilenspiegel und Lamme, die sich ans Wasser gesetzt hatten, sahen unter den Bäumen, die bis herab zu ihren Köpfen belaubt waren, wie unter einem niedrigen Gewölbe Männer und Frauen, Mädchen und Jünglinge Hand in Hand vorbeiwandeln, geschmückt mit Blumen; sie gingen Hüfte an Hüfte und blickten sich zärtlich in die Augen, ohne auf dieser Welt etwas andres zu sehn als einander.

Wie sie Uilenspiegel so betrachtete, dachte er an Nele. In seiner trübseligen Erinnerung sagte er: »Gehn wir trinken.« Aber Lamme hörte nicht auf Uilenspiegel, weil auch er die Liebespaare betrachtete: »So gingen auch wir einst, meine Frau und ich, in unserm Liebesglücke an denen vorbei, die, gleich uns, einsam ohne eine Frau am Grabenrande lagen.«

»Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »wir werden die Sieben auf dem Grunde einer Kanne finden.«

»Trinkerreden,« antwortete Lamme; »du weißt, daß die Sieben Riesen sind, die unter der hohen Wölbung der St. Salvatorkirche nicht aufrechtstehn könnten.«

Uilenspiegel dachte traurig an Nele und auch, daß er vielleicht in irgendeinem Wirtshause ein gutes Lager, ein gutes Nachtmahl und eine gefällige Wirtin finden könnte; er sagte nochmals: »Gehn wir trinken.« Aber Lamme hörte nicht auf ihn, sondern sagte, den Turm von Unserer Frau betrachtend: »Heilige Maria, du Schutzheilige der ehelichen Liebe, sei so gnädig und laß mich noch einmal ihre weiße Brust sehn, dieses süße Kissen.«

»Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »du wirst sie in einer Herberge sehn, wo sie es den Zechern zeigt.«

»Wagst du so schlimm von ihr zu denken?« sagte Lamme.

»Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »sie ist irgendwo Wirtin, sicherlich.«

»Durstgerede,« sagte Lamme. Uilenspiegel fuhr fort: »Vielleicht hat sie für die armen Reisenden eine Schüssel geschmortes Rindfleisch aufgehoben, dessen Würzen die Luft durchduften, nicht zu fett, zart, saftig wie Rosenblüten, und wie ein Fastnachtsfisch schwimmend zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsbröschen und andern himmlischen Leckerbissen.«

»Du Schuft!« sagte Lamme, »du willst mich zweifellos umbringen. Vergißt du denn, daß wir seit zwei Tagen von nichts sonst leben als von trockenem Brote und Dünnbier?«

»Hungergerede,« antwortete Uilenspiegel. »Du weinst vor Begierde; komm essen und trinken. Da habe ich noch einen schönen halben Gulden; der soll die Kosten unsers Schlemmens bezahlen.« Lamme lachte. Sie gingen um ihren Karren und durchfuhren so die Stadt, um die beste Herberge ausfindig zu machen. Wo sie aber die spitzigen Gesichter von unfreundlichen Wirten und wenig mitfühlenden Wirtinnen sahen, da zogen sie weiter, weil sie bedachten, daß eine sauere Miene ein schlechtes Schild einer gastfreundlichen Küche ist. Endlich kamen sie auf den Samstagsmarkt und traten in die Gastwirtschaft ›Zur blauen Laterne‹. Dort war ein Baas, der freundlich aussah.

Sie stellten ihren Karren ein und brachten ihren Esel in den Stall, wo ihm ein Metzen Hafer Gesellschaft leistete. Sie ließen sich ein Abendessen auftischen, aßen sich satt und schliefen gut, und sie standen auf, um wieder zu essen. Lamme dehnte sich vor Behaglichkeit und sagte: »Ich höre in meinem Magen eine himmlische Musik.« Als es zum Zahlen kam, kam der Baas zu Lamme und sagte: »Ich bekomme zehn Plappart.«

»Er hat sie,« sagte Lamme und wies auf Uilenspiegel; der antwortete: »Ich habe sie nicht.«

»Und der halbe Gulden?« sagte Lamme. »Ich habe keinen,« antwortete Uilenspiegel.

»Das ist ja hübsch gesprochen,« sagte der Baas; »aber ich werde euch beiden Wams und Hemd nehmen.«

Plötzlich wurde Lamme von dem Mute der Flasche gepackt, und er schrie: »Und wenn ich essen und trinken will, ich, essen und trinken, ja, trinken für siebenundzwanzig Gulden und noch mehr, so tu ichs. Denkst du vielleicht, daß in dem Wanste da kein roter Heller steckt? Gott sei Dank, bis jetzt ist er mit sonst nichts genährt worden als mit Fettammern. Niemals hast du etwas Ähnliches unter deinem fettigen Ledergürtel gehabt. Denn wie ein Schuft hast du dein Unschlitt auf dem Wamskragen und nicht wie ich drei Daumen köstlichen Speck überm Bauche.«

Der Baas war außer sich vor Wut. Von Haus aus ein Stotterer, wollte er rasch sprechen; je mehr er sich beeilte, desto mehr mußte er niesen, wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Uilenspiegel warf ihm Brotkügelchen unter die Nase. Und Lamme regte sich immer mehr auf und fuhr fort: »Ja, so viel hab ich noch, um dir deine drei magern Hühner zu bezahlen, deine vier krätzigen Küchlein und den großen Tropf von einem Pfau, der seinen dreckigen Schweif in deinem Hofe herumschleift. Und wenn deine Haut nicht so zäh wäre wie die eines alten Hahnes, wenn dir die Knochen nicht in der Brust zerbröckelten, so hätte ich auch noch genug, um dich zu essen, dich und deinen rotzigen Knecht und deine einäugige Magd samt deinem Koche, der zu kurze Arme hat, um sich den Grind zu kratzen. Seht nur, seht nur den saubern Vogel, der uns eines halben Guldens wegen unser Wams und unser Hemd nehmen möchte! Sag mir, was ist denn dein ganzer Kleidervorrat wert, du zerlumpter Frechling; ich gebe dir drei Heller dafür.«

Und der Baas, dessen Wut immer mehr wuchs, schnaubte noch heftiger.

Und Uilenspiegel warf ihm Kügelchen ins Gesicht.

Lamme war wie ein Löwe: »Was glaubst du denn, du dürres Krummaul, was ein schöner Esel mit einer zarten Schnauze, mit langen Ohren, mit einer breiten Brust und mit Gelenken wie Eisen wert ist? Achtzehn Gulden zum mindesten, nicht wahr, armseliger Wirt? Wieviel hast du denn alte Nägel in deinen Kisten, um ein so schönes Tier zu bezahlen?«

Der Baas schnaubte noch mehr, wagte sich aber nicht zu rühren.

Lamme sagte: »Was glaubst du denn, was ein schöner Karren aus Eschenholz wert ist, purpurn angestrichen und rundherum mit Leinwand von Courtrai bespannt gegen die Sonne und gegen den Regen? Vierundzwanzig Gulden zum mindesten, han? Und wieviel sind vierundzwanzig Gulden und achtzehn Gulden? Antworte, du filziger Rechenkünstler! Und weil Markttag ist und weil Bauern da sind in deinem jämmerlichen Wirtshause, werde ich mein Zeug sofort verkaufen.«

Das war bald geschehn, denn Lamme kannten alle. Und tatsächlich bekam er für den Esel und den Karren vierundvierzig Gulden und zehn Plappart. Nun ließ er das Gold dem Wirte unter der Nase klingen und sagte: »Riechst du den Duft künftiger Schmäuse?«

»Ja,« antwortete der Wirt. Und er sagte leise: »Wenn du deine Haut verkaufst, so nehme ich sie um einen Heller und mache ein Amulett gegen die Verschwendung daraus.«

In der Zwischenzeit war eine liebliche und reizende Frau oftmals aus dem dunkeln Hofe herangekommen, um Lamme durchs Fenster zu betrachten; aber sie zog sich jedesmal rasch zurück, wann er ihr hübsches Gesichtchen hätte sehn können.

Als er am Abende ohne Licht die Treppe hinaufstieg, torkelnd vom vielen Trinken, fühlte er, wie ihn eine Frau umarmte und ihn gierig auf Wangen und Mund, ja selbst auf die Nase küßte und sein Gesicht mit verliebten Tränen netzte; dann ließ sie ihn.

Schlaftrunken vom Weine, legte sich Lamme nieder und entschlief; und am nächsten Tage wanderte er mit Uilenspiegel nach Gent.

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