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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 97
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XI

In Brügge ließen Uilenspiegel und Lamme ihren Karren in einem Hofe in der Nähe und gingen statt ins Wirtshaus in die St. Salvatorkirche; denn in ihren Taschen gab es kein fröhliches Geldgeklingel mehr.

An diesem Tage stand der Vater Cornelis Adriaensen vom Minoritenorden, ein schmutziger, schamloser, rasender und kläffender Prädikant, auf der Kanzel der Wahrheit. Junge und schöne fromme Frauen drängten sich um ihn.

Der Vater Cornelis sprach von der Passion. Als er zu der Stelle im heiligen Evangelium kam, wo die Juden Pilatus zurufen: ›Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Denn wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetze soll er sterben,‹ rief er aus: »Ihr hört es, gute Leute; daß unser Herr Jesus Christus einen schrecklichen und schimpflichen Tod erlitten hat, das ist darum geschehn, weil man schon immer Gesetze gehabt hat, um die Ketzer zu strafen. Er ist gerecht verurteilt worden, weil er den Gesetzen nicht gehorcht hat. Und heute sollen die Edikte und Plakate für nichts gelten! Ach, Jesus, sollen denn diese Lande vermaledeit sein? Verehrungswürdige Mutter Gottes, wäre nur Kaiser Karl noch am Leben und könnte er das Ärgernis sehn, daß es diese adeligen Verbündeten gewagt haben, der Regentin eine Bittschrift gegen die Inquisition zu überreichen und gegen die Plakate, die zu einem so guten Zwecke gegeben und so reiflich durchdacht und erst nach so langen und so klugen Überlegungen vorgeschrieben worden sind, um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und obwohl sie notwendiger sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In was für einen stinkenden, verpesteten, abscheulichen Abgrund sollen wir gestürzt werden! Luther, dieser schmutzige Luther, dieser wütende Ochse, triumphiert in Sachsen, in Braunschweig, in Lüneburg, in Mecklenburg. Brenz, der bebrunzte Brenz, der in Deutschland die Eicheln gefressen hat, die den Schweinen zu schlecht waren, Brenz triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der ein Mondviertel im Kopf hat, der Antitrinitarier, herrscht in Pommern, Dänemark und Schweden und wagt es dort, die heilige, glorreiche, allmächtige Dreieinigkeit zu lästern. Ja. Aber man hat mir gesagt, er sei lebendig verbrannt worden, und zwar von Calvin, der niemals etwas Gutes getan hat als dies. Ja; von dem stinkenden Calvin, der einen sauern Dunst ausströmt. Ja; mit seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinem Käsegesichte, mit seinen Zähnen wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen einander: ja; dieser Ochse Luther, dieser wütende Ochse hat die Fürsten Deutschlands gegen den Wiedertäufer Münzer gewappnet, der gut war, wie man sagt, und nach dem Evangelium lebte. Durch ganz Deutschland hat man es gehört, das Brüllen dieses Ochsen! Ja!

Ja, und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Adamiten laufen ganz nackt durch die Straßen; ja, ihr guten Leute, ganz nackt durch die Straßen, ohne Scham, ihr dürres Fleisch also sehn zu lassen. Ihr sagt, das sei nur ein einziger gewesen; ja – meinetwegen – aber einer gilt hundert, und hundert gelten einen. Und er ist verbrannt worden, sagt ihr, und er ist lebendig verbrannt worden auf das Drängen der Calvinisten und Lutheraner. Diese Wölfe fressen einander, sag ich euch!

Ja, und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Zügellose Gesellen, die lehren, alle Unterordnung sei dem Worte Gottes zuwider. Sie lügen, die stinkenden Ketzer; man muß sich der heiligen Mutter, der römischen Kirche unterwerfen. Und dort in der vermaledeiten Stadt Antwerpen, dem Stelldichein des ganzen Ketzerungeziefers der Welt, dort haben sie gewagt zu predigen, wir bereiteten die Hostien mit Hundeschmalz. Ein anderer, der Geuse da, der auf dem Nachttopfe sitzt in dem Straßenwinkel da, sagt: ›Es gibt keinen Gott, kein ewiges Leben, keine Auferstehung des Fleisches, keine ewige Verdammnis.‹ ›Man kann,‹ sagt ein anderer, dort unten mit einer weinerlichen Stimme, ›man kann taufen ohne Salz, ohne Fett, ohne Speichel, ohne Teufelsaustreibung und ohne Kerze.‹ ›Es gibt kein Fegefeuer,‹ sagt wieder ein anderer. Es gibt kein Fegefeuer, ihr guten Leute! Ach, es wäre besser für euch, mit euern Müttern, euern Schwestern und euern Töchtern die Sünde begangen zu haben, als nur allein am Fegefeuer zu zweifeln.

Ja, und vor dem Inquisitor, dem heiligen Manne, rümpfen sie die Nase; ja. Sie sind nach Bellem gekommen, ganz in unserer Nähe, viertausend Calvinisten, mit Bewaffneten, Bannern und Trommeln. Ja; und ihr riecht von hier den Rauch ihrer Küche. Sie haben die St. Katharinenkirche genommen, um sie zu entehren, zu entweihen und zu entheiligen durch ihre verdammte Afterpredigerei.

Was soll denn diese gottlose und Ärgernis erregende Duldsamkeit? Bei den tausend Höllenteufeln, warum greift ihr nicht auch zu den Waffen, ihr verweichlichten Katholiken? Ihr habt ja, geradeso wie diese verdammten Calvinisten, Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Schwerter, Plempen, Armbrüste, Messer, Stöcke, Spieße, die Falkonetten und Feldschlangen der Stadt!

Sie sind friedlich, sagt ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe das Wort Gottes hören. Das ist mir einerlei. Zieht hinaus aus Brügge! Verjagt mir die Calvinisten, tötet sie mir, treibt sie mir aus der Kirche. Ihr seid noch da? Pfui! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Mist zittern! Ich sehe schon den Augenblick, wo diese verdammten Calvinisten auf den Bäuchen euerer Frauen und euerer Töchter trommeln werden, und ihr werdet ruhig zusehn, ihr Männer ohne Saft und Kraft! Geht nicht hin, geht nicht hin ... ihr würdet euch die Hosen naßmachen in der Schlacht. Pfui, Brügger, pfui, Katholiken! Da sieht man euern Katholizismus, ihr feigen Memmen! Schande über euch, ihr Schafe, ihr Hasen, die ihr seid!

Sind das nicht schöne Prädikanten, denen ihr haufenweise zulauft, um den Lügen zu lauschen, die sie ausspeien, diese Prädikanten, zu deren Andacht die Mädchen in der Nacht rennen, ja, auf daß nach neun Monaten die Stadt voll sei von kleinen Geusen und Geusinnen? Ihrer vier waren sie da, vier schändliche Taugenichtse, die haben auf dem Friedhofe der Kirche gepredigt. Der erste von diesen Taugenichtsen, dürr und bleich, der häßliche Scheißer, hatte einen schmutzigen Hut auf. Dank dem Hute sah man seine Ohren nicht. Wer von euch hat je die Ohren eines Prädikanten gesehn? Er war ohne Hemde, denn die nackten Arme hingen ihm ärmellos aus dem Wamse. Ich habe es wohl gesehn, obwohl er sich in einem schmutzigen Mäntelchen verbergen wollte; und ich habe auch in seinen schwarzen Hosen, die die Luft durchließen wie die Türme von Unserer Frau zu Antwerpen, das Geschleppe seiner Glocken gesehn samt ihrem Klöppel. Der zweite Taugenichts predigte im Wamse ohne Schuhe. Kein Mensch hat seine Ohren gesehn. Er mußte bald Schluß machen mit der Predigerei, und die Knaben und Mädchen höhnten ihn: ›Ju, ju, er kann seine Aufgabe nicht.‹ Der dritte von diesen schändlichen Taugenichtsen trug einen kleinen, schmutzigen, schäbigen Hut mit einem Federlein. An ihm sah man auch die Ohren nicht mehr. Der vierte Taugenichts, Hermann, besser gekleidet als die andern, muß zweimal vom Henker auf der Schulter gebrandmarkt worden sein; ja.

Alle miteinander tragen sie unter dem Hute fettige Seidenhauben, die ihre Ohren verdecken. Habt ihr je die Ohren eines Prädikanten gesehen? Wer von den Taugenichtsen hat seine Ohren zu zeigen gewagt? Die Ohren! Ach! Ja, die Ohren zu zeigen: man hat sie ihnen abgeschnitten. Ja, der Henker hat ihnen allen die Ohren weggeschnitten.

Und doch sind es diese schändlichen Taugenichtse, diese Beutelschneider, diese von der Ahle weggelaufenen Schuhflicker, diese zerlumpten Afterprediger, die das ganze Volk zu dem Rufe verleiteten: ›Heil den Geusen!‹, als ob es durchaus rasend, betrunken oder toll gewesen wäre.

Ach! Uns, uns armen Römischkatholischen bleibt nichts andres mehr übrig, als die Niederlande zu verlassen, da man denn hier den Eselsschrei duldet: ›Heil den Geusen! Heil den Geusen!‹ Was für ein Mühlstein der Vermaledeiung ist denn auf dieses behexte und dumme Volk gefallen! Ach, Jesus! Arm und reich, edel und unedel, jung und alt, Männer und Weiber, alles schreit: ›Heil den Geusen!‹

Und was sind sie denn, alle diese Herren, all diese kahlen Lederärsche, die uns aus Deutschland gekommen sind? Was sie hatten, ist draufgegangen auf Mädchen, aufs Spiel, auf Leckerei, auf Hurerei, auf Schleppsäcke von Ausschweifungen, aufs Aufstauen von Unflat, auf den Götzendienst der Würfel und auf den Triumph der größten Lätze. Sie haben nicht einmal mehr einen rostigen Nagel, um sich zu kratzen, wo es sie juckt. Nun hätten sie gern das Gut der Kirchen und Klöster.

Und bei ihrem Gelage bei diesem Taugenichts von Kuilemburg, wo auch der Taugenichts von Brederode dabei war, da haben sie aus Holznäpfen getrunken, um den Herrn von Berlaymont und die Frau Regentin zu höhnen. Ja. Und sie haben geschrien: ›Heil den Geusen!‹ Ach, wäre ich der Herr Gott gewesen, ich hätte, mit Ehren gesagt, ihren Trunk, ob Bier oder Wein, in ein schmutziges, ekliges Spülwasser verwandelt, ja, in eine schmutzige, abscheuliche, stinkende Lauge, worin sie ihre beschissenen Hemden und Bettücher gewaschen hätten.

Ja, brällt nur, ihr Esel, die ihr seid, brällt nur: ›Heil den Geusen!‹ Ja! Und ich bin ein Prophet. Alles, die Vermaledeiung, das Elend, das Fieber, die Pest, der Brand, der Verfall, die Verwüstung, die Geschwüre, der englische Schweiß und die schwarze Pestilenz, all das wird über die Niederlande hereinbrechen. Ja, und so wird Gott gerächt sein wegen eures scheußlichen Gebrälles: ›Heil den Geusen!‹ Und von euern Häusern wird kein Stein auf dem andern bleiben, und kein Stückchen Knochen wird mehr da sein von euern verdammten Beinen, die dieser Calvinerei und Afterpredigerei zulaufen. So sei es, sei es, sei es, sei es, sei es, sei es. Amen.«

»Gehn wir, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel zu Lamme.

»Sofort,« sagte Lamme. Und er suchte unter den jungen schönen Andächtigen, die der Predigt beiwohnten; aber seine Frau war nicht unter ihnen.

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