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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 91
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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V

König Philipp, der düstere Mann, bekritzelte und beschmierte den ganzen Tag, oft auch die Nacht lang, ruhelos Blätter von Papier und Pergament; sie waren es, denen er die Gedanken seines harten Herzens anvertraute. Er liebte niemand auf dieser Welt und wußte, daß ihn niemand liebte; und so wollte er allein die Last seines ungeheuern Reiches tragen, ein trauriger Atlas, und er beugte sich unter dieser Bürde. Schleimblütig und schwarzgallig, wie er war, litt sein schwacher Leib unter diesem Übermaße von Arbeit. So wie ihm jedes fröhliche Gesicht ein Greuel war, so fühlte er nur Haß für unsere Lande ihrer Fröhlichkeit halber, nur Haß für unsere Kaufleute wegen ihres Wohllebens und ihres Reichtums, nur Haß für unsern Adel wegen seiner offenen Sprache, seines Freimuts, seines aufbrausenden Blutes und seiner wackern Leutseligkeit. Er wußte, man hatte es ihm gesagt, daß sich schon lange, bevor der Kardinal Cusa um 1380 die Mißbräuche der Kirche aufgezeigt und die Notwendigkeit von Reformen gepredigt hatte, der Aufruhr gegen den Papst und die römische Kirche in unsern Landen unter verschiedenen Formen der Irrlehre geäußert und alle Köpfe erfüllt hatte, wie der Dampf kochenden Wassers einen verschlossenen Kessel.

Als halsstarriger Maulesel glaubte er, sein Wille müsse wie der Gottes auf der ganzen Welt gelten; er wollte, daß sich unsere Lande, längst des Gehorsams entwöhnt, unter das alte Joch krümmten und auf ein Besserwerden verzichteten. Er wollte, daß Seine Heilige Mutter, die katholische, apostolische und römische Kirche, die einzige sei, die allgemeine und ausnahmslose, ohne Änderung und ohne Wechsel, ohne einen andern Grund für diesen Willen, als weil er so wollte, wie es bei einer unvernünftigen Frau zutrifft; und er wälzte sich des Nachts auf seinem Bette wie auf einem Dornenlager, unaufhörlich gequält durch seine Gedanken.

»Ja, heiliger Philipp, ja, Herr Gott, müßte ich auch aus den Niederlanden ein einziges Grab machen und alle Bewohner hineinwerfen, zurückkehren werden sie zu dir, mein gebenedeiter Namenspatron, und zu dir, Jungfrau Maria, und zu euch, ihr andern Heiligen des Paradieses.« Und er versuchte ins Werk zu setzen, was er sagte, und war auf diese Weise römischer als der Papst und katholischer als die Konzile.

Und Uilenspiegel und Lamme und das ganze Volk Flanderns und der Niederlande glaubten in ihrer Angst, von weitem in den dunkeln Räumen des Escorials diese gekrönte Spinne zu sehn, wie sie mit ihren langen Beinen und den geöffneten Klauen ihr Netz webe, um sie zu umstricken und ihr bestes Blut zu saugen.

Obwohl die päpstliche Inquisition zu der Zeit von Karls Regierung durch den Scheiterhaufen, durch die Grube und durch den Strick hunderttausend Christen getötet hatte, und obwohl das Gut der armen Verdammten in die Kisten des Kaisers und des Königs geströmt war wie der Regen ins Rinnsal, so erachtete das Philipp für zu wenig; er drängte den Landen neue Bischöfe auf und bestand darauf, die spanische Inquisition einzuführen.

Und die Herolde der Städte verlasen allerorten beim Schalle der Trompeten und Trommeln die Plakate, die für alle Ketzer, Männer, Frauen und Mädchen, den Tod verfügten, durchs Feuer für die Verstockten, durch den Strick für die Bußfertigen; Frauen und Mädchen sollten lebendig begraben werden, und der Henker hatte auf ihren Leibern zu tanzen.

Und der Funke der Auflehnung lief durch das ganze Land.

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