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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 90
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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IV

Also vereinigt, setzten sie die Reise mitsammen fort. Der Esel, mit hangenden Ohren, zog den Karren. »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »wir sind da vier gute Gesellen: der Esel, das Tier Gottes, der von ungefähr die Disteln der Wiesen weidet, du, guter Dickwanst, der du die suchst, die vor dir geflohen ist, sie, die süße Geliebte mit dem zärtlichen Herzen, die einen gefunden hat, der ihrer nicht würdig ist, nämlich mich, der ich der vierte bin.

Wohlan, Kinder, Mut! Die Blätter gilben, und der Himmel wird heller; bald wird die Sonne schlafen gehn in den herbstlichen Nebeln, der Winter wird kommen, dies Sinnbild des Todes, der mit schneeigen Leichentüchern die bedeckt, die unter unsern Füßen ruhen, und ich werde wandern um das Glück des Landes der Väter. Arme Tote: Soetkin, die vor Schmerz gestorben ist, und Klaas, der im Feuer gestorben ist; Eiche der Güte und Efeu der Liebe, ich, euer Sprößling, leide große Pein und werde dich rächen, geliebte Asche, die an meine Brust schlägt.«

Lamme sagte: »Man darf nicht die beweinen, die für die Gerechtigkeit sterben.«

Aber Uilenspiegel blieb in Gedanken versunken; plötzlich sagte er zu Nele: »Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens und des Scheidens auf gar lange Zeit; vielleicht sehe ich dein süßes Gesicht niemals wieder.«

Nele sah ihn mit ihren Augen an, die glänzten wie die Sterne: »Warum läßt du nicht den Wagen und kommst mit mir in das Wäldchen? Dort fändest du leckere Kost; denn ich kenne die Pflanzen und kann die Vögel locken.«

»Mädchen,« sagte Lamme, »es ist schlecht von dir, daß du Uilenspiegel aufhalten willst, der doch die Sieben suchen und mir helfen soll, meine Frau zu finden.«

»Noch nicht,« sagte Nele, und sie weinte und lächelte unter den Tränen ihrem Uilenspiegel innig zu.

Der antwortete, als er das sah: »Deine Frau wirst du immer noch beizeiten finden, wenn du durchaus nach einem neuen Kummer begehrst.«

»Thijl,« sagte Lamme, »willst du mich also in meinem Karren allein lassen um dieses Mädchens willen? Du antwortest nicht, sondern denkst ans Wäldchen, wo die Sieben nicht sind und nicht meine Frau. Suchen wir sie lieber auf diesem Steinwege, wo die Karren so trefflich rollen.«

»Lamme,« sagte Uilenspiegel, »du hast im Karren eine volle Tasche, wirst also bis Koolkerke, wo ich wieder zu dir stoßen will, nicht Hungers sterben. Dort mußt du allein sein, weil du dort den Kardinalpunkt erfahren wirst, dessen Richtung du einschlagen mußt, um deine Frau zu finden. Horch und höre. Du fährst unverzüglich mit deinem Karren von hier noch drei Meilen weit nach Koolkerke, zu der kühlen Kirche, die so heißt, weil sie so wie viele andere von den vier Winden auf einmal getroffen wird. Auf dem Glockenturme ist ein Wetterhahn, der sich nach allen Winden in verrosteten Angeln dreht. Ihr Knarren ist es, das den armen Männern, die ihre Liebsten verloren haben, den Weg weist, den sie verfolgen sollen, um sie wiederzufinden. Vorher muß aber jede Wand des Turmes siebenmal mit einer Haselrute geschlagen werden. Knarren die Angeln, wann der Wind von Norden bläst, dann heißt es in dieser Richtung wandern, freilich weislich, weil der Nordwind der Wind des Krieges ist. Wenn von Süden, so magst du fröhlich dorthin ziehen, denn das ist der Wind der Liebe. Wenn von Osten, dann setz dich rasch in Trab; er bedeutet Lust und Licht. Wenn von Westen, so geh langsam, denn das ist der Wind des Regens und der Tränen. Auf also, Lamme, auf nach Koolkerke und erwarte mich dort.«

»Ich gehe,« sagte Lamme. Und er fuhr in dem Karren davon.

Während Lamme Koolkerke zurollte, jagte der Wind, heftig und lau, die grauen Wolkenschwärme über den Himmel wie ein Rudel Schafe; die Bäume heulten wie die Wogen der hohlgehenden See. Uilenspiegel und Nele waren schon lange allein im Walde. Uilenspiegel hatte Hunger, und Nele suchte genießbare Wurzeln; aber sie fand nichts als die Küsse, die ihr ihr Geliebter gab, und Eicheln.

Uilenspiegel hatte Schlingen gelegt und pfiff, um die Vögel anzulocken; die, die kämen, sollten gebraten werden. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter neben Nele; die fing sie nicht und erfreute sich an ihrem Gesange. Ein Rotkehlchen kam, und auch das fand Gnade, weil es so zutraulich war. Dann kam eine Lerche, aber Nele sagte zu ihr, sie täte besser, sich hoch in den Himmel zu schwingen und der Natur ein Preislied zu singen, anstatt sich täppisch über der mörderischen Spitze eines Bratspießes zu tummeln. Und sie sagte die Wahrheit; denn in der Zwischenzeit hatte Uilenspiegel nicht nur ein helles Feuer angezündet, sondern auch einen Bratspieß geschnitzt, der nur noch auf seine Opfer wartete. Aber es kamen sonst keine Vögel mehr als einige schlechte Raben, die hoch über ihren Häuptern krächzten. Und so aß Uilenspiegel nichts.

Endlich mußte Nele scheiden, um zu Katelijne heimzukehren. Und sie ging weinend, und Uilenspiegel sah ihr lange nach.

Aber sie kam wieder und sprang ihm an den Hals. »Ich gehe,« sagte sie. Dann tat sie ein paar Schritte, kam wieder zurück und sagte von neuem: »Ich gehe.« Und so zwanzigmal hintereinander und noch öfter.

Dann ging sie aber wirklich, und Uilenspiegel blieb allein. Er machte sich auf den Weg, um Lamme aufzusuchen. Er traf ihn am Fuße des Turmes sitzend, zwischen den Beinen einen großen Krug Bruinbier; er nagte trübselig an einer Haselrute. »Uilenspiegel,« sagte er, »ich glaube, du hast mich nur hiehergeschickt, um mit dem Mädchen allein zu bleiben. Wie du mir gesagt hast, habe ich an jede Turmwand siebenmal mit der Haselrute geschlagen; aber obwohl der Wind bläst wie der Teufel, haben die Angeln nicht geschrien.«

»Wahrscheinlich hat man sie eingeölt,« sagte Uilenspiegel.

Dann zogen sie ab in der Richtung gegen das Herzogtum Brabant.

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