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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 88
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II

Während der Karren auf einem Deiche zwischen einem Weiher und einem Kanale da hinrollte, liebkoste Uilenspiegel ganz verträumt die Asche Klaasens auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht ein Traum oder Wirklichkeit gewesen sei und ob sich die Geister über ihn lustig gemacht oder ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wahrhaftig finden müsse, um das Land der Väter glücklich zu machen. Umsonst zerbrach er sich den Kopf, er konnte nicht finden, was die Sieben und das Band bedeuten sollten.

Er dachte an den toten Kaiser, an den lebenden König, an die Regentin, an den Papst in Rom, an den Großinquisitor und an den General der Jesuiten und fand so sechs große Henker des Landes, die er gern unverzüglich lebendig verbrannt hätte. Aber er sah ein, daß sie das nicht sein konnten, weil sie zu dürr waren, um zu brennen; folglich mußten sie wo anders sein.

Und er wiederholte fort und fort in seinem Geiste:

Wann der Norden
Küßt den Schläfer,
Ist die Not zu Ende.
Liebe die Sieben
Und das Band.

»Ach,« sagte er; »in Tod, Blut und Tränen sieben finden, sieben brennen, sieben lieben! Mein armer Verstand friert mir ein; wer brennt denn, was er liebt?«

Der Karren hatte schon ein schönes Stück Weg gefressen, als sie Schritte auf dem Sande hörten und eine Stimme, die sang:

Ihr, die ihr vorbeigeht, saht ihr ihn nicht,
Den närrischen Freund, der mir entkam?
Er wandert umher, ein Ziel ihm gebricht.
Saht ihr ihn nicht?

Wie der Adler wegrafft das arme Lamm,
Hat er genommen mein Herze schlicht.
Er hat noch wenig Bart im Gesicht.
Saht ihr ihn nicht?

Sagt ihm, bekommt ihr ihn zu Gesicht,
Daß Nele vom vielen Gehn ist matt.
Wo bist du, Thijl, mit den Augen licht?
Saht ihr ihn nicht?

Ob er wohl weiß, was die Taube spricht,
Wann ihr Männchen sie verlassen hat?
Treu bleibt mein Herz dir, bis es bricht.
Saht ihr ihn nicht?

Uilenspiegel schlug Lamme auf den Bauch und sagte zu ihm: »Halt den Atem an, Fettwanst.« »Ach,« antwortete Lamme, »das ist sehr hart für einen Mann von meiner Beleibtheit.«

Aber Uilenspiegel achtete nicht auf ihn; er verbarg sich hinter der Wagenblache und sang, indem er die Stimme eines Hustrichs nachahmte, der nach dem Trinken trällert:

Deinen närrischen Freund, ich sah ihn wohl
In einem alten Karren, dicht
Bei einem dickgefressenen Wicht.
Siehst du ihn nicht?

»Thijl,« sagte Lamme, »du hast eine böse Zunge heute.« Ohne auf ihn zu hören, steckte Uilenspiegel seinen Kopf durch die Leinwandöffnung und sagte: »Nele, kennst du mich?«

Heftig erschrocken, weinend und lachend zugleich, wie ihre feuchten Wangen verrieten, sagte sie zu ihm: »Ich seh dich, du falscher Schuft!«

»Nele,« sagte Uilenspiegel, »wenn du mich schlagen willst, so hab ich einen Stock da. Er ist so schwer, daß man den Hieb spürt, und so knorrig, daß Striemen bleiben.«

»Thijl,« sagte Nele, »gehst du die Sieben suchen?« »Ja,« antwortete Uilenspiegel.

Nele trug eine Tasche, die zu zerplatzen drohte, so voll war sie. »Thijl,« sagte sie, ihm sie reichend, »ich habe mir gedacht, es sei ungesund, wenn ein Mensch reist, ohne eine gute fette Gans, einen Schinken und etliche Genter Würste mitzunehmen. Du mußt das essen und dabei an mich denken.«

Als Uilenspiegel Nele still ansah, ohne daß er im mindesten Anstalten gemacht hätte, die Tasche zu nehmen, steckte Lamme seinen Kopf durch ein andres Loch der Blache und sagte: »Fürsorgliches Mädchen, wenn er es nicht nimmt, so geschieht das aus Vergeßlichkeit: aber reiche mir den Schinken, gib mir die Gans und begnadige mich mit den Würsten; ich will sie ihm verwahren.«

Nele sagte: »Wer ist denn das Zechergesicht?« »Das ist«, sagte Uilenspiegel, »ein Opfer der Ehe, das, zernagt vom Schmerz, eintrocknen würde wie ein Apfel auf dem Herde, wenn er nicht seine Kräfte durch unausgesetzte Nahrung wiederherstellte.«

»So ists, mein Sohn,« seufzte Lamme.

Die Sonnenstrahlen brannten heiß auf Nelens Kopf. Sie bedeckte ihn mit ihrer Schürze. Da Uilenspiegel mit ihr allein sein wollte, sagte er zu Lamme: »Siehst du die Frau da, die durch die Wiese schlendert?«

»Ich sehe sie,« sagte Lamme.

»Kennst du sie?«

»Ha,« sagte Lamme, »sollte sie die meinige sein? Sie ist aber nicht wie eine Bürgersfrau gekleidet.«

»Du zweifelst noch, blinder Maulwurf?« sagte Uilenspiegel.

»Wenn sie es aber nicht ist?« sagte Lamme.

»Du verlierst nichts; da zur Linken, gegen Norden, ist ein Kaberdoesken, wo du gutes Bruinbier findest. Dort treffen wir dich wieder. Und da, da ist Schinken, um deinen natürlichen Durst etwas zu salzen.« Lamme stieg vom Karren und eilte mit großen Schritten auf die Frau in der Wiese zu.

Uilenspiegel sagte zu Nele: »Warum kommst du nicht herauf zu mir?« Dann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich und nahm ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern; dann gab er ihr hundert Küsse und fragte sie: »Wohin wolltest du, Geliebte?«

Sie antwortete nichts, aber sie schien ganz verzückt. Und Uilenspiegel, verzückt wie sie, sagte zu ihr: »Da bist du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die süße Färbung deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber laß dir von mir eine Krone von Küssen aufs Haupt drücken. Die süßen, lieblichen Arme, ganz rosig, die Amor ausdrücklich zum Umarmen gemacht hat! Ach, geliebtes Mädchen, meine rauhen Männerhände, werden sie nicht diese Schultern welken machen? Der leichte Schmetterling ruht auf der purpurnen Mohnblüte; aber kann ich Ungeschlachter an deiner lebendigen Blässe ruhn, ohne sie welken zu lassen? Gott ist im Himmel, der König auf seinem Throne und die Sonne oben als Allsiegerin; bin ich denn Gott oder König oder Licht, daß ich dir so nah sein darf? O Haare, linder als Seidenflocken! Nele, ich schlag dich, ich zerfleisch dich, ich zerreiß dich! Aber hab keine Angst, Liebste. Dein kleiner Fuß! Wieso ist er so weiß? Hast du ihn in Milch gebadet?«

Sie wollte aufstehn.

»Was fürchtest du?« sagte Uilenspiegel; »doch nicht die Sonne, die über uns leuchtet und dich in goldene Farben taucht? Senk nicht die Augen. Sieh in den meinen, was für ein schönes Feuer sich in ihnen entzündet. Höre, Geliebte, horch, mein Herz: es ist die schweigende Mittagsstunde, und der Arbeiter ist daheim bei seinem Mahle; leben wir nicht von der Liebe? Warum habe ich nicht tausend Jahre, um sie auf deinen Knien gleich Perlen von Indien abrollen zu lassen?«

»Deine Zunge ist golden,« sagte sie.

Und die Sonne blinkte durch die weiße Leinwand des Karrens, und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele lehnte ihr Haupt an Uilenspiegels Schulter.

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