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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 80
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXXIX

In diesem Jahre, dem achtundfünfzigsten des Jahrhunderts, trat Katelijne bei Soetkin ein und sagte: »Diese Nacht, ich hatte mich mit Balsam bestrichen, wurde ich durch die Lüfte auf den Turm von Unserer Frau getragen. Und ich sah die Elementargeister, wie sie die Gebete der Menschen den Engeln übermittelten, welche sie wieder, in die Höhe des Himmels entfliegend, zum Throne brachten. Und der Himmel war übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt, die mir schwarz schien, und kam auf den Turm herauf an meine Seite. Ich erkannte Klaas, so wie er im Leben war, gekleidet in sein Kohlenträgergewand. ›Was machst du hier,‹ sagte er zu mir, ›auf dem Turme von Unserer Frau?‹ ›Aber du,‹ antwortete ich, ›wohin ziehst du, fliegend durch die Luft wie ein Vogel?‹ ›Ich gehe zum Gerichte,‹ sagte er; ›hörst du nicht die Posaune des Engels?‹ Ich war ganz dicht bei ihm, und ich fühlte, daß sein Geisterleib nicht fest war wie der Körper der Lebenden; sondern er war so flüchtig, daß ich, als ich ihm noch näher kam, darein eindrang wie in einen warmen Dunst. Zu meinen Füßen, im ganzen Lande zu Flandern, blinkten Lichter, und ich sagte mir: ›Die, die sich früh erheben und noch spät arbeiten, sind die Gebenedeiten Gottes.‹ Und immerdar hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels. Nun sah ich einen andern Schatten, der aufstieg, und der kam von Spanien; er war alt und gebrechlich, das Kinn war wie ein Pantoffel, und die Lippen waren mit Quittengallert bestrichen. Über den Rücken hing ihm ein Mantel aus Karmesinsamt, mit Hermelin gefüttert, und auf dem Haupte trug er eine Kaiserkrone; in der einen Hand hielt er eine Anschove, an der er knapperte, und in der andern einen Humpen voll Bier.

Ohne Zweifel ermüdet, kam er auf den Turm von Unserer Frau, um sich zu setzen. Ich sank auf die Knie und sagte: ›Gekrönte Majestät, ich bezeige Euch meine Ehrfurcht, aber ich kenne Euch nicht. Woher kommt Ihr, und was tut Ihr auf der Welt?‹ ›Ich komme‹, sagte er, ›von San Juste in Estremadura und war der Kaiser Karl der Fünfte.‹ ›Aber‹, sagte ich, ›wohin eilt Ihr derzeit in dieser kalten Nacht mitten durch die mit Hagel geladenen Wolken?‹ ›Ich gehe zum Gerichte,‹ sagte er. Als der Kaiser eben daran war, seine Anschove vollends aufzuessen und sein Bier auszutrinken, erschallte die Posaune des Engels; und er erhob sich in die Luft, murrend über die Unterbrechung seines Mahles. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Vor Mattigkeit schluchzend, bewegte sie sich durch den Raum; sie schnaufte vor Engbrüstigkeit, und oft erbrach sie sich, weil sie der Tod geschlagen hatte, als ihr Magen verdorben war. Wir stiegen ohne Unterlaß wie Pfeile, abgeschnellt von einem Bogen aus Kirschenholz. Die Sterne glitten an uns vorbei und sandten Feuergarben in den Himmel; wir sahen sie sich lösen und sinken. Die Posaune des Engels ertönte. Was für ein schmetterndes und gewaltiges Tosen! Bei jedem Stoße, der die Dünste der Luft traf, öffneten sie sich, als ob ein Orkan aus unmittelbarer Nähe dareingefahren wäre. Und so war uns der Weg gezeichnet. Als wir eine Höhe von tausend Meilen und mehr erreicht hatten, sahen wir Christus in seiner Glorie, sitzend auf einem Throne von Sternen; und zu seiner Rechten war der Engel, der die Taten der Menschen in eine eherne Tafel einträgt, und zu seiner Linken war Maria, seine Mutter, die ihn ohne Unterlaß für die Sünder anfleht.

Klaas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.

Der Engel warf ihm die Krone vom Haupte: ›Hier gibt es nur einen Kaiser, und der ist Christus.‹ Seine Heilige Majestät schien ärgerlich; immerhin war ihre Stimme demütig, als sie fragte: ›Dürfte ich nicht diese Anschove und diesen Humpen Bier behalten? Der lange Weg hat mir Hunger gemacht.‹

›Du bist so, wie du in deinem ganzen Leben warst,‹ antwortete der Engel; ›aber iß und trink immerhin.‹ Der Kaiser leerte den Humpen und knapperte an der Anschove.

Nun sprach Christus: ›Stellst du dich dem Gerichte mit einer reinen Seele?‹

›Ich hoffe es, mein süßer Herr,‹ antwortete Kaiser Karl; ›denn ich habe gebeichtet.‹

›Und du, Klaas?‹ sagte Christus. ›Du zitterst ja nicht so wie dieser Kaiser.‹

›Mein Herr Jesus,‹ antwortete Klaas, ›es gibt keine Seele, die rein wäre; drum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr das oberste Gute und die oberste Gerechtigkeit seid. Aber trotzdem ängstige ich mich wegen meiner Sünden, deren Zahl groß ist.‹

›Rede, Erdenwurm,‹ sagte der Engel zum Kaiser.

›Ich, Herr,‹ antwortete Karl mit stammelnder Zunge, ›bin von der Hand Euerer Priester gesalbt und war zum König von Kastilien, Kaiser von Deutschland und Römischen König geweiht. Mir lag immerdar am Herzen die Erhaltung der Macht, die von Euch kommt, und darum habe ich die Reformierten mit dem Stricke, mit dem Eisen, mit der Grube und dem Feuer verfolgt.‹

Aber der Engel sagte: ›Du völlerischer Lügner, du willst uns täuschen. In Deutschland hast du die Reformierten geduldet, weil du Angst vor ihnen hattest, und in den Niederlanden, wo du keine andere Besorgnis kanntest, als zu wenig von diesen reichen und honigstrotzenden Arbeitsbienen zu erben, dort ließest du sie köpfen, brennen, henken und lebendig begraben. Hunderttausend Seelen sind durch dich zugrunde gegangen, nicht weil du Christus, meinen Herrn, geliebt hättest, sondern weil du ein Tyrann, ein Despot und ein Blutsauger warst, niemand liebend als dich selbst und nach dir Fleisch, Fische, Wein und Bier; denn du warst gefräßig wie ein Hund und versoffen wie ein Schwamm.‹

›Und du, Klaas, sprich,‹ sagte Christus.

Aber der Engel erhob sich: ›Der hat nichts zu sagen. Er war gut und fleißig wie das arme Volk Flanderns, das willig arbeitet und willig lacht, den Fürsten gibt, was der Fürsten ist, und glaubt, die Fürsten würden ihm geben, was sein ist. Er hatte Geld, wurde angeklagt und wurde, weil er einen Reformierten beherbergt hatte, lebendig verbrannt.‹

›Ach,‹ sagte Maria, ›armer Märtyrer! Aber im Himmel gibt es kühle Quellen, Bronnen von Milch und Wein, die dich erquicken werden; und ich selber will dich führen, Köhler.‹

Wieder erklang die Posaune des Engels, und ich sah aus der Tiefe der Abgründe einen Mann aufsteigen, einen Mann nackt und schön und mit Eisen gekrönt. Und auf dem Stirnbande der Krone standen die Worte geschrieben: ›Traurig bis zum Tage des Gerichtes.‹

Er näherte sich dem Throne und sagte zu Christus: ›Ich bin dein Knecht, bis ich dein Herr sein werde.‹

›Satan,‹ sagte Maria, ›einst kommt ein Tag, wo es keine Knechte mehr und keine Herren gibt, wo Christus, das ist die Liebe, und Satan, das ist der Stolz, besagen werden: Kraft und Wissen.‹

›Weib, du bist gut und schön,‹ sagte Satan. Dann sagte er zu Christus, auf den Kaiser weisend: ›Was soll mit dem da geschehn?‹

Christus antwortete: ›Bringe diesen gekrönten Wurm in einen Saal, wo du alles Folterwerkzeug, das unter seiner Herrschaft in Gebrauch war, sammeln sollst. Jedesmal, wann ein unschuldiger Elender erleiden wird die Pein des Wassers, die die Menschen aufbläht wie Schläuche, die Pein der Lichter, die ihnen die Fußsohlen und die Achseln verbrennt, die Wippe, die die Glieder bricht, und das Spannen mit vier Kielen, und jedesmal, wann eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Seufzer aushaucht, dann soll er der Reihe nach all diese Tode und all diese Foltern erleiden, damit er erfahre, wie viel Schlechtes ein ungerechter Mensch tun kann, der über Millionen Menschen gebietet: er faule in den Kerkern, er sterbe auf den Schafotten, er jammere, fern von der Heimat, in der Verbannung, er werde verhöhnt, verachtet und gestäupt; er sei reich, und die Obrigkeit nage an seinem Gute, die Angeber sollen ihn verklagen, und die Vermögenseinziehung treibe ihn ins Elend. Du wirst aus ihm einen Esel machen, auf daß er sanft sei trotz der schlechten Behandlung und der kargen Kost, du wirst ihn arm machen, auf daß er Almosen heische und Beschimpfungen empfange, du wirst ihn zum Werkmanne machen, auf daß er viel arbeite und wenig esse; hat er dann an seinem menschlichen Leibe und seiner menschlichen Seele tüchtig gelitten, dann machst du ihn zu einem Hunde, auf daß er gut sei und Prügel empfange. Du machst ihn zum Sklaven in Indien, der dem Meistbietenden verkauft wird, und zum Soldaten, auf daß er sich für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wann er dann nach dreihundert Jahren alle Leiden und allen Jammer erschöpft hat, dann machst du ihn zum freien Manne; und wenn er in diesem Stande gut ist, wie Klaas war, dann bereitest du seinem Körper in einem schattigen Erdenwinkel, der nur von der Morgensonne besucht wird, bei einem schönen Baume unter kühlem Rasen seine ewige Ruhestätte. Und seine Freunde sollen an sein Grab kommen, um es mit ihren bittern Tränen zu netzen und Veilchen zu säen, die Blumen der Erinnerung.‹

›Gnade, mein Sohn,‹ sagte Maria; ›er hat nicht gewußt, was er tat: denn die Macht verhärtet das Herz.‹

›Es gibt keine Gnade,‹ sagte Christus.

›Ach,‹ sagte die Heilige Majestät, hätte ich nur ein Glas andalusischen Wein!‹

›Komm,‹ sagte Satan; ›vorbei ist die Zeit des Weines, des Fleisches und des Geflügels.‹

Und er trug in den tiefsten Grund der Hölle die Seele des armen Kaisers, der noch immer an seinem Stück Anschove knapperte. Satan ließ ihn aus Erbarmen gewähren.

Dann sah ich die Jungfrau, die führte Klaas in den höchsten Himmel, wo die Sterne in Trauben am Gewölbe hingen. Dort wuschen ihn die Engel, und er wurde jung und schön. Dann gaben sie ihm Rijstpap zu essen mit silbernen Löffeln. Und der Himmel schloß sich.«

»Er ist in der Glorie,« sagte die Witwe.

»Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel.

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