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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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VII

An demselben Tage beschloß Seine Heilige Majestät Kaiser Karl, prächtige Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes zu feiern. Wie Klaas beschloß auch er, fischen zu gehn, jedoch nicht in einem Kanale, sondern in den Beuteln und Taschen seiner Völker. Das sind die Stellen, wo die Fischschnüre der Fürsten Cruzados, Silbertaler, Löwengulden und all die wundersamen Fische fangen, die sich nach dem Willen des Fischers in samtene Kleider, kostbare Kleinode, erlesene Weine und leckere Bissen umwandeln. Denn die fischreichsten Bäche sind nicht die, die das meiste Wasser haben.

Als er den Rat versammelt hatte, setzte Seine Heilige Majestät fest, daß der Fang auf folgende Weise vor sich gehn solle: Der Herr Infant wird um neun oder zehn Uhr zur Taufe getragen. Die Einwohner von Valladolid werden, um ihre große Freude kundzutun, die ganze Nacht hindurch Feste und Schmause abhalten auf eigene Kosten und werden auf dem Großen Platze ihr Geld den Armen auswerfen. An fünf Straßenecken werden große Brunnen sein, aus denen bis zum Morgen Fluten schweren Weines, den die Stadt bezahlt, fließen werden. An fünf andern Straßenecken werden auf hölzernen Ständern Schlackwürste, Brägenwürste, Fischrogen, Kalbswürste, Ochsenzungen und andere Fleischgerichte ausgelegt sein, ebenfalls auf Kosten der Stadt. Die von Valladolid werden aus eigener Tasche in den Straßen, wo sich der Zug bewegen wird, Triumphbogen in großer Zahl errichten, sinnbildlich darstellend den Frieden, die Freude, den Überfluß, das Glück und alle möglichen Geschenke des Himmels, womit sie unter der Regierung Seiner Heiligen Majestät überschüttet worden sind. Endlich werden außer diesen friedlichen Bogen noch einige andere aufgestellt werden, wo man gemalt in lebendigen Farben weniger milde Schildereien sehn wird, als da sind Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Flammenspieße, Donnerbüchsen, Feldstücke, Falkonetten, weitgähnende Mörser und andres Zeuggerät, die die kriegerische Gewalt und Stärke Seiner Heiligen Majestät im Bilde dartun. Was die Lichter für die Beleuchtung der Kirche betrifft, so wird der Gilde der Wachszieher erlaubt sein, mehr als zwanzigtausend Kerzen umsonst zu erzeugen, deren nichtverbrannte Stümpfe dem Kapitel zufallen sollen. Wo es sich um andere Ausgaben handelt, wird diese der Kaiser gern machen und so seinen guten Willen, das Volk nicht zu sehr zu belasten, bezeugen.

Als die Stadt daranging, diese Befehle zu vollziehen, kam aus Rom eine traurige Zeitung. Der von Oranien, der von Alençon und Frundsberg, die Feldherrn des Kaisers, waren in die heilige Stadt eingedrungen und hatten dort Kirchen, Kapellen und Häuser verwüstet und geplündert, ohne irgend jemand zu schonen, nicht Priester, nicht Nonnen, weder Frauen noch Kinder. Der Heilige Vater war gefangen gesetzt worden. Nach einer Woche war die Plünderung noch nicht zu Ende, und die Reiter und Landsknechte schwärmten durch Rom, angefressen, betrunken und mit blanken Waffen: sie suchten nach den Kardinälen und sagten, sie würden sie ordentlich ins Leder schneiden, um es ihnen unmöglich zu machen, daß sie jemals Päpste würden; andere, die diese Drohung schon wahr gemacht hatten, schweiften trotzig in der Stadt herum, auf der Brust Rosenkränze von achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß wie die Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren rote Bäche, wo die nackt ausgeplünderten Leichen lagen. Etliche behaupteten, der Kaiser habe in seiner Geldnot im kirchlichen Blute fischen wollen und den gefangenen Papst, nachdem er erfahren hatte, was für einen Vertrag ihm seine Feldherren aufgedrungen hatten, gezwungen, ihm alle festen Plätze seiner Staaten abzutreten, 400 000 Dukaten zu bezahlen und so lange in Haft zu bleiben, bis dies ausgerichtet sei. Immerhin war der Schmerz Seiner Majestät groß; er sagte alle Veranstaltungen, Feste und Lustbarkeiten ab und befahl den Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant wurde in seinen weißen Wickeln getauft; so sind die Wickel bei königlicher Trauer.

Dies erklärten die Herren und Damen für ein düsters Vorzeichen.

Nichtsdestoweniger präsentierte die Frau Amme den Infanten den Herren und Damen des Hofes, damit sie ihm nach der Gepflogenheit ihre Wünsche und Geschenke darbrächten. Frau von der Coena hängte ihm einen schwarzen Stein um den Hals zum Schütze vor dem Gifte; der hatte die Gestalt und Größe einer Haselnuß, und die Schale war von Gold. Frau von Chauffade band ihm an einem Seidenfaden, der über den Magen herabhing, eine Lambertsnuß an, die die gute Verdauung der Speise beschleunigen sollte. Messire van den Steen aus Flandern bot ihm eine Schlackwurst aus Gent, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte Seiner Hoheit in Ehrfurcht, daß sie auf ihren Geruch allein Durst nach gentischem Klauwaart bekomme, wobei er sagte, wer das Bier einer Stadt liebe, könne die Brauer nicht hassen. Junker Jakob Christoph von Castilien bat den gnädigsten Herrn, den Infanten, an seinen kleinen Füßen einen grünen Jaspis zu tragen, der ihn gut laufen machen werde. Jan de Paepe, der Narr, der da war, sagte: »Messire, schenkt ihm lieber das Horn Josuas, bei dessen Schalle alle Städte im tüchtigen Trabe vor ihm laufen sollen, um ihre Örtlichkeit zu wechseln, samt allen Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern; denn der gnädigste Herr soll nicht lernen zu laufen, sondern die andern laufen zu machen.«

Die verweinte Witwe von Floris van Borsele, der der Herr von Veere in Seeland gewesen war, schenkte dem gnädigsten Herrn Philipp einen Stein, von dem sie sagte, er mache die Männer liebenswürdig und die Frauen trostlos. Aber der Infant wimmerte wie ein Kalb.

Zu derselben Zeit gab Klaas seinem Sohne eine Klapper aus Weidenholz mit Schellen in die Hände und sagte, indem er Uilenspiegel auf seiner Hand tanzen ließ: »Schellen, klingende Schellen, könntest du sie nur immerdar an deinem Hute tragen, du kleiner Mann; denn es sind die Narren, die allzeit die Welt beherrschen.« Und Uilenspiegel lachte.

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