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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 75
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXXIV

Am nächsten Tage, es war der der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und schlossen aus Barmherzigkeit Uilenspiegel, Soetkin und Nele in Katelijnens Hause ein. Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß die drei die Schreie des Dulders aus der Ferne hören und durch die Fenster die Flammen des Scheiterhaufens sehn konnten.

Katelijne streifte durch die Stadt, den Kopf schüttelnd und immer sagend: »Macht ein Loch: die Seele will hinaus.«

Um neun Uhr wurde Klaas in seinem Hemde, die Hände auf den Rücken gebunden, aus dem Gefängnisse geführt. Nach dem Richterspruche war der Scheiterhaufen in der Frauenstraße errichtet, rings um einen Pfahl, der vor den Wehren des Stadthauses aufgepflanzt war. Der Henker und seine Helfer waren mit dem Aufschichten des Holzes noch nicht fertig.

Klaas, mitten unter seinen Häschern, wartete geduldig, bis dies Geschäft verrichtet war, während der Profoß zu Pferde, die Staffiere der Vogtei und die neun aus Brügge geholten Landsknechte nur mit großer Mühe vermochten, das murrende Volk an Ausschreitungen zu verhindern. Alle sagten, es sei eine Grausamkeit, einen armen Mann, der so gut, so barmherzig und bei der Arbeit so wacker gewesen sei, in seinen alten Tagen ungerechterweise hinzumorden. Plötzlich warfen sie sich auf die Knie, um zu beten. Die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten.

Auch Katelijne war unter der Volksmenge, in der ersten Reihe, ganz verrückt. Klaas und den Scheiterhaufen betrachtend, schüttelte sie das Haupt: »Das Feuer! Das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus.«

Als Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzigten sie sich beide. Aber Uilenspiegel tat es nicht und sagte, er wolle Gott keineswegs nach der Weise der Henker verehren. Und er durchrannte die Hütte und versuchte, die Türen einzubrechen und durch die Fenster zu springen; aber alles war wohlverwahrt.

Plötzlich barg Soetkin das Gesicht in der Schürze und schrie: »Der Rauch!«

Die drei Bekümmerten sahen tatsächlich einen großen schwarzen Rauchwirbel aufsteigen. Es war der Rauch des Scheiterhaufens, auf dem Klaas an einen Pfahl gebunden war; der Henker hatte ihn an drei Stellen entzündet im Namen der drei göttlichen Personen, Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.

Klaas blickte um sich, und als er sah, daß Soetkin und Uilenspiegel nicht unter der Volksmenge waren, war er froh; denn er dachte, sie würden ihn nicht leiden sehn. Man hörte sonst nichts als die Stimme des betenden Klaas, das Prasseln des Holzes, das Murren der Männer, das Weinen der Frauen, Katelijnens Ruf: »Nehmt das Feuer weg! Macht ein Loch: die Seele will hinaus« und die Glocken von Unserer Frau, die für die Toten läuteten.

Plötzlich wurde Soetkin so weiß wie der Schnee, erschauerte am ganzen Körper, ohne zu weinen, und zeigte auf den Himmel. Eine lange schmale Flamme schoß vom Scheiterhaufen auf und erhob sich für Augenblicke über die Dächer der niedrigen Häuser. Sie bereitete Klaas furchtbare Schmerzen; denn je nach der Laune des Windes benagte sie seine Beine, berührte und sengte seinen Bart und leckte und entzündete die Haare.

Uilenspiegel hielt Soetkin in den Armen und wollte sie vom Fenster wegreißen. Sie hörten einen schrillen Schrei; den hatte Klaas ausgestoßen, dem der Körper nur an einer Seite brannte. Aber schon schwieg er und weinte. Und seine Brust war ganz naß von seinen Tränen.

Dann hörten Soetkin und Uilenspiegel einen großen Lärm von Stimmen. Es waren die Bürger, die Frauen, die Kinder, die schrien: »Klaas ist nicht verurteilt, am langsamen Feuer zu brennen, sondern bei lodernder Flamme! Henker, entfache den Scheiterhaufen.« Der Henker tat es, aber das Holz brannte nicht rasch genug an.

»Erwürg ihn,« schrien sie. Und sie warfen Steine auf den Profoßen.

»Die Flamme! die große Flamme!« schrie Soetkin.

Und wirklich, mitten im Rauche loderte eine rote Flamme zum Himmel empor.

»Er stirbt,« sagte die Witwe. »Herr Gott, nimm seine unschuldige Seele in Gnade auf! Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz aus der Brust reiße?«

Die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten.

Wieder hörte Soetkin Klaas einen gellenden Schrei ausstoßen, aber sie sah nicht, wie sich sein Körper krümmte und runzelte ob der Hitze des Feuers, sie sah nicht, wie sich sein Gesicht verzerrte, sie sah nicht, wie sich sein Kopf nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahles schlug. Das Volk schrie und zischte noch immer, und die Frauen und Knaben warfen Steine, als sich plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar entflammte; und mitten in der Flamme und dem Rauche hörten alle Klaas, der sagte: »Soetkin! Thijl!«

Und sein Kopf fiel auf seine Brust wie ein Kopf von Blei.

Und ein schriller Jammerschrei kam aus der Hütte Katelijnens. Dann war nichts mehr zu hören als die arme Verrückte, die den Kopf schüttelte und sagte: »Die Seele will hinaus.«

Klaas war verschieden. Der verbrannte Scheiterhaufen fiel am Fuße des Pfahles zusammen. Und der arme Leib blieb ganz schwarz am Halse hangen.

Und die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten.

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