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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 74
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXXIII

Am folgenden Tage, es war der letzte vor Klaasens Hinrichtung, erfuhren Nele, Uilenspiegel und Soetkin den Spruch. Sie verlangten von den Richtern die Erlaubnis, ins Gefängnis kommen zu dürfen; sie wurde ihnen bewilligt, nur Nele nicht.

Als sie eintraten, sahen sie Klaas mit einer langen Kette an die Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin, weil es feucht war. Es ist nämlich in Flandern nach Recht und Gesetz verordnet, milde zu sein mit denen, die sterben sollen, und ihnen Brot, Fleisch oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Büttel handeln nicht selten dem Gesetze zuwider, und es geschieht gar oft, daß sie den größten Teil und die besten Stücke von der Nahrung der armen Gefangenen wegessen.

Weinend umarmte Klaas Uilenspiegel und Soetkin; aber er war der erste, der die Augen trocken hatte, weil er dies als Mann und Familienoberhaupt wollte.

Soetkin weinte, und Uilenspiegel sagte: »Ich will dies schlechte Eisen zerbrechen.«

Soetkin weinte und sagte: »Ich geh zu König Philipp, er wird Gnade walten lassen.«

Klaas antwortete: »Der König erbt das Gut der Märtyrer.« Dann fuhr er fort: »Weib und liebster Sohn, traurig und schmerzvoll soll ich diese Welt verlassen. Wenn ich auch Furcht habe vor der Pein, die mein Leib wird erleiden müssen, so bin ich doch noch mehr bekümmert, wenn ich daran denke, daß ihr beide, bis ich nicht mehr bin, arm und elend sein werdet, weil euch der König euer Gut nehmen wird.«

Uilenspiegel antwortete mit leiser Stimme: »Nele und ich haben gestern alles gerettet.«

»Ich bin froh,« antwortete Klaas; »der Angeber wird sich nicht meines Nachlasses erfreuen.«

»Verrecken soll er,« sagte Soetkin, den tränenlosen Blick von Haß erfüllt.

Aber Klaas dachte an die Karlsgulden und sagte: »Du warst listig, Thijlken, mein Liebling; sie wird also keinen Hunger leiden in ihren alten Tagen, meine Witwe Soetkin.« Und Klaas umarmte sie und drückte sie fest an seine Brust, und sie weinte wieder bei dem Gedanken, wie bald sie diese süße Zuflucht verlieren werde.

Klaas sah Uilenspiegel an und sagte: »Sohn, du hast dich oft versündigt und bist über die Landstraßen gestrichen, wie es die Art der schlimmen Gesellen ist. Das darfst du nicht mehr tun, mein Kind, und nicht die kummervolle Witwe daheim allein lassen; du schuldest ihr Schutz und Zuflucht, du als Mann.«

»Vater, ich werde es tun,« sagte Uilenspiegel.

»O mein armer Mann!« sagte Soetkin, ihn umschlingend. »Was für ein großes Verbrechen haben wir denn begangen? Wir lebten friedfertig zu zweit unser ehrliches und kleines Leben und liebten uns innig; Herr Gott, du weißt es. Zeitlich standen wir auf zur Arbeit, und am Abend aßen wir mit Dank an dich das Brot des Tages. Ich will zum Könige und ihm die Augen auskratzen! Herr Gott, wir waren wirklich nicht schuldig!« Aber der Büttel trat ein und sagte, nun heiße es gehn.

Soetkin bat, noch ein bißchen bleiben zu dürfen. Klaas fühlte ihr armes Gesicht an dem seinen brennen, und die Tränen Soetkins, die in Strömen flössen, netzten seine Wangen; und ihr ganzer armer Körper erschauerte und zitterte in seinen Armen. Er bat, daß sie bei ihm bleiben dürfe. Wieder sagte der Büttel, daß es scheiden heiße, und nahm Soetkin aus den Armen Klaasens.

Klaas sagte zu Uilenspiegel: »Wache über sie.«

Uilenspiegel antwortete, er werde es tun. Und Uilenspiegel und Soetkin gingen selbander weg, der Sohn die Mutter stützend.

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