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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 73
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXXII

Am andern Tage rief der Burgstorm die Richter mit gewaltigen Schlägen in die Sitzung der Vierschaar.

Als sie sich auf die vier Bänke rund um den Baum des Gerichts gesetzt hatten, verhörten sie Klaas von neuem und fragten ihn, ob er von seinen Irrtümern zurücktreten wolle.

Klaas hob die Hand gen Himmel: »Christus, mein Herr, er sieht mich von oben. Ich habe seine Sonne betrachtet, als mein Sohn Uilenspiegel geboren worden ist. Wo ist er heute, der Landstreicher? Soetkin, mein gutes Weib, wirst du das Unglück tapfer ertragen?« Dann sah er die Linde an und verwünschte sie: »Sturm und Dörrnis! Laßt lieber die Bäume all im Lande der Väter in den Wurzeln verderben, als daß unter ihrem Schatten das freie Gewissen auf den Tod gerichtet wird! Wo bist du, mein Sohn Uilenspiegel? Ich war hart gegen dich. Ihr Herren, seid mir gnädig und richtet mich, wie es unser barmherziger Herr tun würde.«

Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.

Dann bat er sie, ob es denn keine Nachsicht gebe für ihn: »Ich arbeitete allzeit und verdiente wenig; ich war gut zu den Armen und mild zu jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen, um dem Geiste Gottes zu gehorchen, der zu mir gesprochen hat. Ich flehe um keine Gnade sonst, als daß die Strafe des Feuers umgewandelt werde in ewige Verbannung aus dem Lande Flandern, eine Strafe, die immerhin hart ist.«

Und alle, die da waren, schrien: »Gnade Ihr Herren! Barmherzigkeit!« Aber Judocus Grijpstuiver schrie nicht.

Der Vogt gab den Umstehenden ein Zeichen zu schweigen und sagte, daß die Plakate das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer Gnade zu verlangen. Wenn aber Klaas seinen Irrtum abschwören wolle, so werde er statt durchs Feuer durch den Strick gerichtet werden.

Und im Volke sagte man: »Feuer oder Strick, Tod ist es.« Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.

Und Klaas sagte: »Ich schwöre nicht ab. Macht mit meinem Leibe, was Euerer Barmherzigkeit gefällt.«

Der Dechant von Ronsse, Titelman, schrie: »Es ist unerträglich zu sehn, wie frech dieses ketzerische Ungeziefer vor dem Richter auftritt. Ihre Leiber zu verbrennen, das ist eine kurze Pein; es gilt ihre Seelen zu retten und sie auf der Folter zu zwingen, daß sie ihren Irrtümern entsagen, auf daß sie nicht dem Volke das Ärgernis erregende Schauspiel geben, wie Ketzer in Verstocktheit sterben.«

Auf diese Worte hin weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten: »Wenn einer gestanden hat, gibt es nur eine Strafe, aber keine Folter.«

Der Gerichtshof entschied, daß Klaas die Folter nicht zu erleiden brauche, weil sie nirgends in den Verordnungen vorgeschrieben sei. Noch einmal aufgefordert, abzuschwören, antwortete er: »Ich kann nicht.«

Kraft der Plakate wurde er schuldig erklärt der Simonie, nämlich des Ablaßverkaufes halber, der Ketzerei und des Verbergens von Ketzern; und als solcher wurde er verurteilt, vor den Wehren des Stadthauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod eintrete. Sein Körper solle zwei Tage lang zum warnenden Beispiel am Pfahle bleiben und hernach bei den Leichen der Gerichteten eingegraben werden.

Der Gerichtshof erkannte dem Angeber Judocus Grijpstuiver, der aber nicht namentlich genannt wurde, fünfzig Gulden von dem ersten Hundert der Verlassenschaft und den Zehnten von dem Reste zu.

Als Klaas diesen Spruch vernommen hatte, sagte er zu dem Zunftmeister der Fischhändler: »Du wirst eines elenden Todes sterben, du elender Schuft, der um ein paar Groschen willen aus einer glücklichen Gattin eine Witwe und aus einem fröhlichen Sohne eine traurige Waise macht.«

Die Richter ließen Klaas sprechen; denn außer Titelman verachteten auch sie die Angeberei des Zunftmeisters der Fischhändler.

Und dieser war bleich vor Scham und Wut.

Und Klaas wurde ins Gefängnis zurückgeführt.

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