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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 70
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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LXIX

Rasch hatte sich in den Nachbarflecken die Zeitung verbreitet, daß ein Mann der Ketzerei halber gefangen gesetzt worden sei und daß der Inquisitor Titelman, der Dechant von Ronsse, mit dem Beinamen ›Der Inquisitor sonder Gnade‹, die Fragestellung leiten werde. Damals lebte Uilenspiegel in Koolkerke in der innigsten Gunst einer hübschen Pächterin, einer süßen Witwe, die ihm nichts, was an ihr war, versagte. Er war glücklich, gehätschelt und gekost bis zu dem Tage, wo ein tückischer Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeinde, am Morgen auf ihn vor dem Wirtshaus wartete, um ihn, wenn er herauskomme, mit Eichenholz zu striegeln. Aber Uilenspiegel warf ihn, um seinen Zorn abzukühlen, in eine Pfütze; mit der größten Mühe arbeitete sich der Schöffe heraus, grün wie eine Kröte und durchnäßt wie ein Schwamm.

Wegen dieser Heldentat mußte Uilenspiegel Koolkerke verlassen; in der Furcht vor der Rache des Schöffen nahm er seine Beine in die Hände und eilte Damme zu.

Als die Abendkühle einfiel, beschleunigte Uilenspiegel seinen Lauf: er wäre schon gern daheim gewesen; in seinem Geiste sah er, wie Nele nähte, wie Soetkin das Nachtessen bereitete, wie Klaas Wieden band, wie Schnuffius an einem Knochen nagte und wie der Storch der Hausfrau auf den Leib klopfte, um ein paar Brocken zu bekommen. Ein wandernder Krämer fragte ihn im Vorbeigehn: »Wohin läufst du?«

»Nach Damme, nach Hause,« antwortete Uilenspiegel.

Der Krämer sagte: »Die Stadt ist nicht mehr sicher; man nimmt die Reformierten fest.« Und er ging weiter.

Bei der Herberge ›Zum roten Schilde‹ trat Uilenspiegel ein, um ein Glas Bier zu trinken. Der Baas sagte zu ihm: »Bist du nicht der Sohn Klaasens?«

»Ich bins,« antwortete Uilenspiegel.

»Spute dich,« sagte der Baas; »deinem Vater hat die schlimme Stunde geschlagen.« Uilenspiegel fragte ihn, was er damit sagen wolle.

Der Baas antwortete, das werde er noch allzu früh erfahren. Und Uilenspiegel setzte seinen Lauf fort.

Als er beim Eingange von Damme war, sprangen ihm die Hunde, die auf den Schwellen lagen, an die Beine, kläfften und bellten. Auf den Lärm kamen die Weiber herbei und redeten, alle auf einmal, auf ihn ein: »Woher kommst du? Hast du Nachrichten von deinem Vater? Wo ist deine Mutter? Ist sie auch im Gefängnis? Ach, wenn man ihn nur nicht verbrennt!« Uilenspiegel lief noch schneller.

Er begegnete Nele, und die sagte zu ihm: »Thijl, geh nicht nach Hause; die von der Stadt haben einen Wächter hingestellt im Namen Seiner Majestät.«

Uilenspiegel blieb stehn. »Nele,« sagte er, »ist es wahr, daß mein Vater im Gefängnis ist?«

»Ja,« sagte Nele, »und Soetkin weint auf der Schwelle.«

Nun krampfte sich das Herz des verlorenen Sohnes vor Weh zusammen, und er sagte zu Nele: »Ich gehe sie aufsuchen.«

»Das darfst du nicht tun« sagte sie, »sondern du mußt Klaas gehorchen, der, bevor er gefangen worden ist, zu mir gesagt hat: ›Rette die Gulden; sie sind hinter dem Rückenblatte des Kamins.‹ Sie müssen zuerst gerettet werden; denn sie sind das Erbe Soetkins, der armen Frau.«

Uilenspiegel hörte gar nicht hin und lief weiter zum Gefängnis. Dort sah er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umarmte ihn unter Tränen, und sie weinten zusammen. Ihretwegen versammelte sich eine Menge Volk vor dem Gefängnis; die Schergen kamen und sagten zu Uilenspiegel und Soetkin, sie müßten schleunigst weg von dort.

Die Mutter und der Sohn gingen in die Hütte Nelens, die neben ihrem Hause war. Vor diesem sahen sie einen von den Landsknechten, die man aus Brügge hatte kommen lassen, aus Furcht, daß während des Gerichtes und der Urteilsvollstreckung Unruhen ausbrechen könnten; denn Klaas war bei denen von Damme gar wohl beliebt. Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war damit beschäftigt, aus einer Flasche den letzten Tropfen Branntwein zu schlürfen. Als er nichts mehr darin fand, warf er sie ein paar Schritt weit weg und suchte nun sein Vergnügen darin, mit seiner Plempe das Pflaster aufzureißen.

Soetkin trat in Tränen aufgelöst bei Katelijne ein. Und Katelijne schüttelte das Haupt: »Das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus.«

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