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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 68
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXVII

An diesem Sonntag fand in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes statt. Klaas sagte zu seiner Frau und zu Nele, sie sollten sie ansehn gehn, und vielleicht träfen sie Uilenspiegel in der Stadt. Er, sagte er, werde das Haus hüten und warten, ob der Pilger heimkomme.

Die beiden Frauen gingen selbander; Klaas blieb in Damme und setzte sich auf die Schwelle seiner Tür. Die Stadt war schier verlassen. Er hörte nichts als den Kristallklang irgendeiner Dorfglocke, während ihm der Wind aus Brügge stoßweise die Musik des Glockenspiels herübertrug samt dem Krachen der Mörser und Böller, die man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß.

Träumend suchte Klaas Uilenspiegel auf den Wegen, aber er sah nichts als den klaren Himmel in wolkenloser Bläue, einige Hunde, die mit heraushängender Zunge in der Sonne lagen, ein paar kecke Spatzen, die sich piepend im Staube badeten, eine Katze, die sie belauerte, und das Licht, das freundlich in alle Häuser drang und die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Geschirrbrettern erblitzen ließ.

Aber mitten in dieser Lust war Klaas traurig; Umschau nach seinem Sohne haltend, versuchte er, ihn zu sehn hinter dem grauen Dunste der Wiesen, ihn zu hören in dem frohen Rauschen der Blätter und dem übermütigen Singsang der Vögel auf den Bäumen. Plötzlich sah er auf dem Wege, der nach Maldegem führt, einen Mann von hohem Wuchse; und er erkannte, daß es nicht Uilenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Rübenfeldes Halt machen und gierig von diesem Gemüse essen. »Ein Mann, der Großhunger hat,« sagte Klaas.

Nachdem er ihn für einen Augenblick aus dem Gesichte verloren hatte, sah er ihn am Ende der Reigerstraat wieder hervorkommen und erkannte in ihm den Boten von Judocus, der ihm die siebenhundert Karlsgulden gebracht hatte. Er ging ihm entgegen und sagte: »Kehr ein bei mir.«

Der Mann antwortete: »Gesegnet seien die, die mild sind mit dem irrenden Wanderer.«

Auf dem äußern Fensterbrette der Hütte war Brot ausgekrümelt, das Soetkin den Vögeln der Umgebung aufbehielt. Im Winter kamen sie hieher um ihre Nahrung. Der Mann nahm einige Krumen und aß sie. »Du hast Hunger und Durst,« sagte Klaas.

»In den acht Tagen, die vergangen sind, seitdem ich von den Räubern ausgeplündert worden bin, habe ich mich von nichts genährt als von den Rüben in den Feldern und von den Wurzeln im Walde.«

»Dann ist das die Stunde zu schmausen,« sagte Klans. Er öffnete den Speiseschrank: »Da sind Erbsen, Eier, Blutwürste, Schinken, Genter Würste und Waterzvoi. Unten im Keller schlummert Löwener Wein, gekeltert wie Burgunder, rot und klar wie Rubin; er wartet nur, daß man ihn mit den Gläsern weckt. Stecken wir also einen Reisigbund ins Feuer. Hörst du die Würste singen auf dem Roste? Das ist ein Gesang von guter Atzung.«

Während Klaas die Würste wandte und wieder wandte, fragte er den Mann: »Hast du nicht meinen Sohn Uilenspiegel gesehn?«

»Nein,« antwortete der.

»Bringst du mir eine Zeitung von meinem Bruder Judocus?« fragte Klaas, während er die gerösteten Würste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken, Käse und große Humpen auf den Tisch setzte; und der Löwener Wein blinkte rot und blaß in den Flaschen. Der Mann antwortete: »Dein Bruder Judocus ist auf dem Rade gestorben, in Sippenaken bei Aachen; und das, weil er als Ketzer gegen den Kaiser Waffen getragen hat.«

Klaas war wie toll und zitterte am ganzen Körper vor Zorn: »Die verfluchten Henker! Judocus, mein armer Bruder!«

Ohne Milde sagte der Mann: »Unsere Freuden und Schmerzen sind nicht von dieser Welt!« Und er begann zu essen. Dann sagte er: »Ich habe deinem Bruder im Gefängnis beigestanden, indem ich mich für einen Bauer von Niersweiler, seinen Verwandten, ausgab. Hieher komme ich, weil er zu mir gesagt hat: ›Wenn du nicht für den Glauben stirbst wie ich, dann geh zu meinem Bruder Klaas; ermahne ihn, in dem Frieden des Herrn zu leben, die Werke der Barmherzigkeit zu üben und seinen Sohn heimlich in dem Gesetze Christi aufzuerziehn. Das Geld, das er von mir hat, ist dem armen unwissenden Volke abgenommen; er verwende es, Thijl aufzuerziehen in der Lehre von Gott und dem Worte.‹« Nach dieser Rede gab der Bote Klaas den Friedenskuß.

Und Klaas jammerte: »Auf dem Rade gestorben! Mein armer Bruder!« Und er konnte sich nicht fassen vor seinem großen Schmerze. Trotzdem schenkte er dem Manne Wein ein, wenn er sah, daß ihn dürstete und er sein Glas hinhielt; aber er aß und trank ohne Vergnügen.

Soetkin und Nele waren sieben Tage weg; diese Zeit über wohnte der Bote von Judocus unter Klaasens Dach.

Alle Nächte hörten sie Katelijne in ihrer Hütte heulen: »Das Feuer, das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus!« Und Klaas ging zu ihr und besänftigte sie mit linden Worten; dann kam er wieder heim.

Nach den sieben Tagen schied der Mann; und er war nicht zu bewegen, von Klaas mehr anzunehmen als zwei Karlsgulden auf Wegzehrung und Obdach.

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