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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 63
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LXII

Uilenspiegel kam eines Tages nach Nürnberg, und dort gab er sich aus für einen großen Arzt, für einen Überwinder der Krankheiten, für einen erlauchten Abführer, für einen berühmten Bändiger der Fieber, für einen wohlberufenen Feger der Pestilenz und für eine unbestrittene Geißel der Krätze. Dort waren im Spittel so viele Kranke, daß man nicht wußte, woher Unterkunft für sie nehmen; der Spittelmeister suchte Uilenspiegel auf, von dessen Ankunft er gehört hatte, und fragte ihn, ob es denn wahr sei, daß er alle Krankheiten heilen könne.

»Ausgenommen die letzte,« antwortete Uilenspiegel. »Aber versprecht mir zweihundert Gulden für die Heilung aller andern; und ich will keinen Heller nehmen, wenn sich nicht Euere Kranken alle miteinander für geheilt erklären und das Spittel verlassen.«

Am andern Tage ging er in das besagte Spittel, den Blick zuversichtlich und das Feiertagsgesicht in doktorliche Falten gelegt. In den Zimmern nahm er jeden Kranken einzeln beiseite und sagte zu ihm: »Schwöre mir, das, was ich dir ins Ohr sagen werde, keinem Menschen mitzuteilen. Was für eine Krankheit hast du?« Der Kranke nannte sie ihm und gelobte unverbrüchliches Stillschweigen.

»Wisse,« sagte Uilenspiegel, »daß ich einen von euch zu Asche verbrennen muß, um aus dieser Asche eine wundertätige Mixtur zu bereiten, die ich all den andern Kranken zu trinken geben will. Wer nicht gehn kann, wird verbrannt. Morgen komme ich her, werde mit dem Spittelmeister auf der Straße bleiben und euch alle rufen und schreien: Wer nicht krank ist, der schnüre sein Bündel und komme.«

Am Morgen kam Uilenspiegel und schrie, wie er gesagt hatte. Da wollten alle die Kranken, Lahmen, Verschleimten, Huster und Fiebernden auf einmal zur Tür hinaus. Alle waren sie auf der Straße, selbst die, die seit zehn Jahren nicht aus dem Bett gekommen waren. Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt seien und gehn könnten. »Ja,« antworteten sie, in der Meinung, einer solle im Hofe verbrannt werden.

Nun sagte Uilenspiegel zu dem Spittelmeister: »Gib mir mein Geld; sie sind alle draußen und erklären sich für geheilt.« Der Meister zahlte ihm die zweihundert Gulden, und Uilenspiegel zog hinweg.

Am zweiten Tage aber sah der Meister seine Kranken wiederkommen in einem elendern Zustande denn früher, mit Ausnahme eines einzigen, der, durch die frische Luft genesen, betrunken durch die Straßen zog und sang: »Heil dem großen Doktor Uilenspiegel!«

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