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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 61
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LX

Inzwischen durchquerte Uilenspiegel auf seinem Esel die Länder und Moore des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamen nennen diesen Herzog das Watersignoorken, weil es immer feucht ist bei ihm.

Jef gehorchte seinem Herrn wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte besser als ein ungarischer Gelenkigkeitsmeister, machte den Toten und legte sich beim geringsten Zeichen auf den Rücken.

Uilenspiegel wußte, daß ihm der Herzog, mißvergnügt und ärgerlich wegen des ihm in Darmstadt in Gegenwart des Landgrafen von Hessen angetanen Spottes, sein Land verboten hatte bei der Strafe des Stranges. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in eigener Person herankommen; da er sie als ungestüm kannte, übermannte ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel: »Jef, das ist der gnädige Herr von Lüneburg, der da kommt. Ich habe am Halse einen großen Kitzel vor dem Stricke; aber wenn es nur nicht der Henker ist, der mich kratzt! Jef, kratzen Hab ich gerne, henken nicht. Bedenke, daß wir Brüder sind, sowohl im Elend als auch in den langen Ohren; bedenk auch, was für einen guten Freund du verlierst, wenn du mich verlierst.« Uilenspiegel wischte sich die Augen, und Jef hob an zu brüllen.

Dann fuhr er fort: »Wir leben lustig mitsammen oder traurig, wie es sich trifft; entsinnst du dich, Jef?« Und der Esel brüllte, denn er hatte Hunger. »Und du wirst mich niemals vergessen können,« sagte sein Herr; »denn was für eine Freundschaft ist denn fest, wenn nicht die, die über dieselben Freuden lacht und über dieselben Leiden weint! Jef, du mußt dich auf den Rücken legen.«

Der fromme Esel gehorchte, und der Herzog sah ihn, wie er die vier Hufe in die Luft streckte. Rasch setzte sich ihm Uilenspiegel auf den Bauch. Der Herzog kam heran: »Was machst du da? Weißt du nicht, daß ich dir durch meinen letzten Anschlag bei der Strafe des Stranges verboten habe, deinen staubigen Fuß in mein Land zu setzen?«

Uilenspiegel antwortete: »Euer Gnaden, habt Erbarmen mit mir!« Dann wies er auf seinen Esel: »Ihr wißt wohl, daß nach Recht und Gesetz jeder frei ist, der in seinen vier Pfählen weilt.«

Der Herzog antwortete: »Pack dich aus meinem Lande, oder du stirbst.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »ich würde mich so rasch packen, wenn mir ein Gulden oder zweie den Weg zeigten!« »Du Taugenichts,« sagte der Herzog, »ists denn nicht genug an deinem Ungehorsam, daß du mich auch noch um Geld bittest?« »Das muß ich wohl, gnädiger Herr, da ichs Euch nicht nehmen kann.« Der Herzog gab ihm einen Gulden.

Nun sagte Uilenspiegel zu seinem Esel: »Jef, steh auf und grüße den gnädigen Herrn.« Und der Esel stand auf und begann zu brüllen. Dann zogen beide ab.

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